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23. Mai 1935
ich muß dich doch in solennerer Weise als nur am Telefon noch ausdrücklich begrüßen mitsamt Lollo. Es ist ganz ausgezeichnet, daß Ihr nun zu längerem Aufenthalt hier «abgestiegen» seid1, und wir freuen uns mehr als je, euch nun nächstens, heute in 8 Tagen, zu ausgiebigem Austausch zu sehen. Und um das gleich anzubringen: ich habe am |887 Mittwoch abend noch Bibelstunde2, aber es wäre möglich, noch nachher, d. h. um 1/2 10, hier wegzufahren und um 11 Uhr punkt in Zürich zu sein. Leider hält dieser Zug nicht in Thalwil, so daß natürlich die Frage auftaucht, ob wohl Ruedi zugemutet werden dürfte, uns in Zürich so spät noch abzuholen? Willst du so gut sein und darüber mit ihm reden? Er soll sich aber ja nicht gedrängt fühlen. Andernfalls kommen wir erst Himmelfahrt morgen.
Es hat mich noch weiter beschäftigt, was du von deiner Situation sagtest. Ich denke so: es drängt wirklich alles dem Ende zu. Denn wie willst du irgendwie eine mögliche und haltbare Stellung draußen bekommen und halten können, wenn der ganze starke eine Flügel oder besser die Mitte der Bekenntnisfront, wenn Meiser und Wurm und Marahrens dich einfach fallen lassen, ja dich richtig draußen haben wollen?3 Ist es da möglich, daß die paar Leute im Rheinland dich |888 durchsetzen? Können sie das? Steht es nicht nach dem neuesten Vorfall geradezu so, daß du sie eigentlich von dieser allzuschweren Last von dir aus erleichtern solltest? Oder hast du wirklich innere Nötigungen deutlicher Art, die dich dazu führen, trotz dieser so schwierig gewordenen und sogar deinen bisherigen Freunden nun alsgemach4 unheimlich werdenden Situation weiter zur Verfügung zu stehen? Spricht jetzt nicht alles für Abhauen? Aber natürlich sagst du dir das selber auch. Und wir werden darüber reden. Andererseits scheint es hier so zu stehen, daß Hauser und seine Leute es wie eine feste Abmachung in Händen zu haben glauben, daß du nach dem Ausgang des Prozesses dich rufen lassen werdest. Sie wären enttäuscht, wenn es anders ginge. Und ich muß vermuten, daß sie auf alle Fälle nach dem Ablauf des Prozesses den Ruf an dich gehen lassen werden, so daß du dich dann sicher entscheiden müßtest. Fritz Lieb hat gestern abend am Telefon noch etwas in dieser Richtung gestürmt5, ich habe ihm dann gesagt, er solle, was er da wisse, doch einfach direkt an dich leiten.6 Auf alle Fälle mußt du eine Rücksprache mit den Baslern in der nächsten Zeit ins Auge fassen, damit hier alles richtig abgeklärt wird. Fritz Lieb ist nicht in guten Schuhen. Er betreibt (bei Hauser) auch seinerseits seine eigene irgendwie zu erlan|889gende Berufung nach Basel. Und ich denke noch mehr als an ihn an die Möglichkeit, Helmi seinen längst ersehnten und auch verdienten Stuhl zu verschaffen: die goldene Horde7 scheint sich wirklich in Marsch zu setzen. Und Heiners schlimmste Befürchtungen auf Errichtung eines kleinen dialektischen Himmeleins auf Erden in dem Basler Stadtstaat und mit Hilfe der sozialistischen Regierungsmehrheit gehen vielleicht doch noch in Erfüllung. Karl Ludwig bricht mit Macht herein. Fritz Lieb säße gern auf Köberles Stuhl8 und Helmi auf dem Eichrodts9 — und inmitten dieser Lieblingsjünger, wobei meine Johannesgestalt auch noch mitzuerwähnen wäre, würdest du dich niederlassen! Ich würde auch aus damit zusammenhängenden Gründen sehr begrüßen, wenn du in der guten vorgesehenen Weise wirklich bei uns deinen Ort beziehen könntest. Alles weitere müßte man dann einfach sich entwickeln lassen. Aber, gelt, du hörst, was ich vorbringe, nicht als Drängerei. Ich bin sofort ganz dabei, daß es nun anders gehen müsse, sobald ich es wieder von dir her sehe. Aber zu deiner Urteilsbildung wird es dienen, wenn du auch unsere Stimmen möglichst ungefärbt hören kannst.
Noch etwas: deine Jakobusvorlesung ist in die Hände deines Sohnes Markus übergegangen. Er bat mich dringend um irgendwelche Aufzeichnungen darüber, da er eine Arbeit über den Jakobusbrief zu machen habe. Ich habe sie ihm sehr ans Herz gelegt, er soll sie auch nicht allzulang behalten, sondern dann an dich zurückgehen lassen. Und nun wirst du hoffentlich trotz aller Beschwernis das Bergli genießen und Lollo mit dir. Seid beide herzlich gegrüßt mitsamt Ruedis.