23. Mai 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich muß dich doch in solennerer Weise als nur am Telefon noch ausdrücklich begrüßen mitsamt Lollo. Es ist ganz ausgezeichnet, daß Ihr nun zu längerem Aufenthalt hier «abgestiegen» seid1, und wir freuen uns mehr als je, euch nun nächstens, heute in 8 Tagen, zu ausgiebigem Austausch zu sehen. Und um das gleich anzubringen: ich habe am |887 Mittwoch abend noch Bibelstunde2, aber es wäre möglich, noch nachher, d. h. um 1/2 10, hier wegzufahren und um 11 Uhr punkt in Zürich zu sein. Leider hält dieser Zug nicht in Thalwil, so daß natürlich die Frage auftaucht, ob wohl Ruedi zugemutet werden dürfte, uns in Zürich so spät noch abzuholen? Willst du so gut sein und darüber mit ihm reden? Er soll sich aber ja nicht gedrängt fühlen. Andernfalls kommen wir erst Himmelfahrt morgen.

Es hat mich noch weiter beschäftigt, was du von deiner Situation sagtest. Ich denke so: es drängt wirklich alles dem Ende zu. Denn wie willst du irgendwie eine mögliche und haltbare Stellung draußen bekommen und halten können, wenn der ganze starke eine Flügel oder besser die Mitte der Bekenntnisfront, wenn Meiser und Wurm und Marahrens dich einfach fallen lassen, ja dich richtig draußen haben wollen?3 Ist es da möglich, daß die paar Leute im Rheinland dich |888 durchsetzen? Können sie das? Steht es nicht nach dem neuesten Vorfall geradezu so, daß du sie eigentlich von dieser allzuschweren Last von dir aus erleichtern solltest? Oder hast du wirklich innere Nötigungen deutlicher Art, die dich dazu führen, trotz dieser so schwierig gewordenen und sogar deinen bisherigen Freunden nun alsgemach4 unheimlich werdenden Situation weiter zur Verfügung zu stehen? Spricht jetzt nicht alles für Abhauen? Aber natürlich sagst du dir das selber auch. Und wir werden darüber reden. Andererseits scheint es hier so zu stehen, daß Hauser und seine Leute es wie eine feste Abmachung in Händen zu haben glauben, daß du nach dem Ausgang des Prozesses dich rufen lassen werdest. Sie wären enttäuscht, wenn es anders ginge. Und ich muß vermuten, daß sie auf alle Fälle nach dem Ablauf des Prozesses den Ruf an dich gehen lassen werden, so daß du dich dann sicher entscheiden müßtest. Fritz Lieb hat gestern abend am Telefon noch etwas in dieser Richtung gestürmt5, ich habe ihm dann gesagt, er solle, was er da wisse, doch einfach direkt an dich leiten.6 Auf alle Fälle mußt du eine Rücksprache mit den Baslern in der nächsten Zeit ins Auge fassen, damit hier alles richtig abgeklärt wird. Fritz Lieb ist nicht in guten Schuhen. Er betreibt (bei Hauser) auch seinerseits seine eigene irgendwie zu erlan|889gende Berufung nach Basel. Und ich denke noch mehr als an ihn an die Möglichkeit, Helmi seinen längst ersehnten und auch verdienten Stuhl zu verschaffen: die goldene Horde7 scheint sich wirklich in Marsch zu setzen. Und Heiners schlimmste Befürchtungen auf Errichtung eines kleinen dialektischen Himmeleins auf Erden in dem Basler Stadtstaat und mit Hilfe der sozialistischen Regierungsmehrheit gehen vielleicht doch noch in Erfüllung. Karl Ludwig bricht mit Macht herein. Fritz Lieb säße gern auf Köberles Stuhl8 und Helmi auf dem Eichrodts9 — und inmitten dieser Lieblingsjünger, wobei meine Johannesgestalt auch noch mitzuerwähnen wäre, würdest du dich niederlassen! Ich würde auch aus damit zusammenhängenden Gründen sehr begrüßen, wenn du in der guten vorgesehenen Weise wirklich bei uns deinen Ort beziehen könntest. Alles weitere müßte man dann einfach sich entwickeln lassen. Aber, gelt, du hörst, was ich vorbringe, nicht als Drängerei. Ich bin sofort ganz dabei, daß es nun anders gehen müsse, sobald ich es wieder von dir her sehe. Aber zu deiner Urteilsbildung wird es dienen, wenn du auch unsere Stimmen möglichst ungefärbt hören kannst.

Noch etwas: deine Jakobusvorlesung ist in die Hände deines Sohnes Markus übergegangen. Er bat mich dringend um irgendwelche Aufzeichnungen darüber, da er eine Arbeit über den Jakobusbrief zu machen habe. Ich habe sie ihm sehr ans Herz gelegt, er soll sie auch nicht allzulang behalten, sondern dann an dich zurückgehen lassen. Und nun wirst du hoffentlich trotz aller Beschwernis das Bergli genießen und Lollo mit dir. Seid beide herzlich gegrüßt mitsamt Ruedis.

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Barth und Ch. von Kirschbaum waren am 22.5., von München kommend, auf dem Bergli eingetroffen.↩
2
Laut «Kirchenzettel» in den Basler Nachrichten vom 24.5.1935 (3. Beilage) hielt Thurneysen seine Bibelstunde am 29.5.1935 um 20.15 Uhr im kleinen Saal des Bischofshofes; unveröffentlichtes Manuskript (Durchschlag) der Bibelstunde über Jak. 3,1–12 in der Predigtforschungsstelle Heidelberg.↩
3
Wenige Tage zuvor war Barth von der Teilnahme an der Augsburger Bekenntnissynode ausgeschlossen worden. Die Auseinandersetzungen über seine Teilnahme waren durch den Informationsdienst des Reichsbischofs ausgelöst worden, der am 10.5.1935 unter der Überschrift «Und so etwas war ‹deutscher› Professor!» eine schweizerische Zeitungsmeldung über Barth zitiert hatte: «‹An Barth ist von vaterländisch gesinnten Schweizern die Frage gestellt worden, wie er es mit der Landesverteidigung halte; er gab die zwar schlaue aber ausweichende Antwort, er sei für eine stärkere Verteidigung der Nordgrenze gegen Deutschland.› Auf die Eidesverweigerung dieses Herrn Barth fällt von hier aus neues Licht!» (Zitat nach Prolingheuer, S. 178 📖). Innerhalb der Bekenntniskirche erhob daraufhin der gastgebende Bischof Meiser seine schon vorher geäußerte Bitte, auf Barths Anwesenheit bei der Augsburger Synode (s. oben S. 874, Anm. 3) zu verzichten, zur Bedingung: «Selbst wenn die Karl Barth … zugeschriebene Äußerung nicht den Tatsachen entsprechen sollte, wird es doch immerhin einige Zeit dauern, bis diese Angelegenheit öffentlich geklärt ist» (Brief Meisers an Präses Koch vom 16.5.1935, abgedruckt a.a.O., S. 326–328; Zitat dort S. 180 bzw. 327 [vgl. auch S. 331f.], und in: Die dritte Bekenntnissynode …, a.a.O. [S. 874, Anm. 3], S. 37–39 📖). Im Kreis der Reformierten, die die bayerischen Bitten bis dahin einmütig abgelehnt hatten, löste die Meldung Verunsicherung aus. Am 18.5. informierte Immer sich persönlich bei Barth in Bonn über den Anstoß erregenden Ausspruch und berichtete am 22.5.1935 in der Konferenz der zerstörten evangelischen Kirchen Deutschlands über die Münchner Verhandlungen zur Vorbereitung der Augsburger Synode (a.a.O., S. 33f.), Barth habe die im Januar bei einer Unterredung mit dem Kuratelpräsidenten Thalmann gefallene Äußerung scherzhaft gemeint. Über Immers Besuch notierte Ch. von Kirschbaum unter dem 18.5.1935 in ihrem Taschenkalender: «Wir wollten reiten. Statt dessen trifft Pastor Immer ein. Die Bek. Kirche bittet K., der Synode in A. fernzubleiben, da s. Wort von der ‹Nordgrenze› (‹Ich bin für Landesverteidigung u. auch für Befestigung der Nordgrenze› zu Dr. Thalmann in Basel gesagt im März [von Barth korrigiert: Januar] ds. J.!!) Entsetzen erregt. Ich bitte K. vorsichtshalber schon heute nach Mü[nchen] zu fahren. Es geschieht.» Am folgenden Tag fuhr sie Barth nach und notierte unter dem 19.5.: «Die Frage des Verhaltens der Bek. Kirche K. gegenüber beschäftigt uns fast ununterbrochen — mir ahnt, daß dahinter d. Absicht steht, ihn auszubooten, um leichter zu einem faulen Frieden zu kommen.» Am 20.5. erfuhren sie durch ein Telegramm von Koch: «Synode verschoben!» Zum folgenden Tag notierte sie: «Pfr. Putz stößt mit mir zusammen. Ich begrüße ihn: ‹Ihr Schafsköpfe!› (Er hatte auch wegen der ‹Nordgrenze› sich entsetzt, ist betroffen über unsere Vorwürfe, will vielleicht aufs Bergli kommen)». Noch am 21. reisten sie und Barth dorthin weiter. — Zu den Auseinandersetzungen um die Teilnahme Barths, der von Mitgliedern des preußischen Bruderrates um Koch noch Mitte April als Mitglied des vorbereitenden theologischen Ausschusses (s. oben S. 874, Anm. 2) vorgesehen war, vgl. Die dritte Bekenntnissynode …, S. 18.27.29-31.33f.36-38; Prolingheuer, S. 177–186; Meier II, S. 46.397, Anm. 154. 📖 ↩
4
= allmählich.↩
5
= gepoltert.↩
6
Ein entsprechendes Schreiben ist nicht erhalten.↩
7
Bezeichnung des Heerlagers des ältesten Sohnes von Tschingis Chan, Dschutsch, zur Zeit der großen mongolischen Eroberungszüge Anfang des 13. Jahrhunderts.↩
8
Fr. Lieb, seit seiner Entlassung in Bonn im Pariser «Exil», wurde 1936 Privatdozent für Systematische Theologie und 1937 a.o. Professor für Dogmatik und Theologiegeschichte mit besonderer Berücksichtigung der östlichen Kirchen in Basel. Köberle wechselte im Herbst 1939 nach Tübingen.↩
9
W. Vischer wurde 1936 Privatdozent für Altes Testament in Basel und erhielt erst 1947 eine ordentliche Professur für Biblische Theologie an der Faculté Libre de Théologie Protestante in Montpellier, die er bis 1965 ausübte. — Walther Eichrodt (1890–1978) war 1922–1961 Professor für Altes Testament und Religionsgeschichte in Basel.↩