Eben erhalte ich noch beiliegenden Brief7. Das ist auch eine Art Lackmann, nicht ganz gleich, sozusagen eine Variante.* Er hatte mir vor Wochen eine Predigt eingesandt, die er als Prüfungspredigt in Hannover vorgelegt hatte. Der Text war Joh. 3,16. Aus diesem Weihnachtstext machte er eine schreckliche Gerichtspredigt, stürmte etwas von dem unnahbaren Gott und seiner unerhörten Offenbarung, der man sich wiederum nicht nahen dürfe, es sei denn, man habe alles psychologisch faßbaren Frommseins sich entkleidet, ihm sei es auch so gegangen, er habe sich an dieses Wort kaum herangetraut usw. Die Folge war, daß die Lutheraner dort sagten: das sei zweifellos eine ausgebrütete dialektische Predigt, und das heiße (!) eine reformierte Angelegenheit. Infolgedessen könne dieser Vogel nicht in die Hannöversche Voliere gelassen werden, sondern müsse zur anderen Kirche hinüber, es sei denn, er mache bindende Versprechen, daß er sich treu an die Lehre der Väter halten wolle. Was wiederum diesen Mann in seinen eigenen Augen zum Märtyrer des reformierten Glaubens stempelte, der also nur meinen Segen zu dieser «Konversion» haben wollte. Den gab ich ihm aber nun nicht, sondern nannte seine Exegese nicht zwar reformiert, aber schlampig und ihn selber verkrampft und riet ihm, bei seiner Kirche zu bleiben. Das habe mit Luthertum oder Reformiertentum gar nichts zu tun, er solle ein rechter Pfarrer werden8, der ein wenig an die Menschen denke, statt solche krampfigen Sprüche zu machen. Nun hat ihn offenbar Pastor Immer erst recht beim Wickel gekriegt. Ich finde das sehr gut, hätte ich nur den Schnauf, auch Lackmann etwa die Parole zu geben: in die Kniee! in die Kniee! Aber das sagt ihnen sicher besser ein anderer Deutscher — es ist doch etwas um BluBo9! Ein merkwürdiges Volk! |893 Heute abend redet Emil hier in Basel.10 Ich kann nicht hingehen, aber ich befürchte jetzt schon, daß etwa unser Lackmann die Gelegenheit benützt und, um seine Scharte auszuwetzen und sich aufs neue zu bewähren, unserem Emil dein «Nein!
📖» entgegenschreit in eigener Vollmacht. Zu solchen Heillosigkeiten ist er durchaus der Mann. Ich verstehe immer besser, daß diese Deutschen nie, nie zum Frieden kommen unter sich selber.
* Er war einmal in Bonn, kennt Ihr ihn? Soll er wohl die Vorlesung erhalten?