24. Mai 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

hier der fatale Artikel1. Das Heft gehört also Dr. Conrad Gelzer, auch die Randbemerkungen stammen von ihm. Der Artikel selber ist eine Antwort auf einen Artikel Gelzers, in dem du gegen einen ersten Angriff dieses Nemo verteidigt worden bist.2 Dieser Nemo ist ein Kauz. Er heißt Dr. Boerlin-Wackernagel, ist ein freisinniger Gerichtspräsident in Basel und einer der vielen Deutschenanhänger, die es hier gibt.3 Kein Mensch weiß und begreift, wieso er darauf geraten ist, gerade mit dir anzubändeln. Ich vermute, daß einfach sein Freisinn ihn dazu getrieben habe. Er fürchtet irgendeine Dunkelmännerei von unserer Seite und meint, heiligste Güter gegen uns verteidigen zu müssen. Sicher hat er von Thalmann selber und direkt jenes Diktum gehört, als sie auf dem Gericht zusammentrafen.4 Es wird eben viel geschwatzt in Basel. Und Thalmann hat ihm gegenüber dich wohl damit verteidigt gegen den |891 Verdacht des Ragazianertums5. — Gestern hatte ich ein längeres Gespräch mit Lackmann. Der steckt in irgendeiner Krise drin und ist ein armer Kerl. Er hat für sich persönlich eine ganz vitale, säkulare Lebensform: Minderwertigkeiten, die er durch Überleistungen und Selbstüberschätzung kompensieren will. Auch der Drang, jetzt noch den Lic. zu schmeißen, rührt irgendwie davon her. Infolgedessen schafft er einfach verrückt, zappelt an allen Nerven und will’s durchdrücken — obwohl er damit richtig überfordert ist. Denn er hat ja ein großes Thema und hat erst jetzt mit dem S.S. damit begonnen, bis zum Herbst aber soll alles dastehen. Ich habe ihm gesagt, er soll doch zunächst schlicht und recht das Pfarrerexamen machen in der Bekenntniskirche und dann weitersehen. Er aber will gleich den Lic. schmeißen und damit sich von der schriftlichen Arbeit für das Pfarrerexamen loskaufen und somit doppelt gekrönt sein Studium abschließen. Aber der gibt nicht nach. Ich stelle mir die richtigen Nazzitypen ungefähr so vor in ihrer Lebensform wie Lackmann, nur daß er statt des Nazzitums nun also gefüllt ist bis zum Rande mit unserer Theologie. Und irgendwo spürt er auch, daß das nicht geht, daß er seinen verrückten Ehrgeiz abbauen sollte. Und so ist er hin- und hergerissen, hat Niemanden, der ihn mag, weil alle seine anspruchsvolle Art ablehnen, und treibt irgendeinem Zusammenzubruch nervöser Art entgegen und kann so auch nicht richtig als Pfarrer in die Arbeit treten. Ich habe ihm gesagt: schon seine verunglückte Predigt sei eine Art Absturz, dem weitere folgen werden, wenn er nicht — ja, wenn er nicht sachlich sich einstelle und gehorsam werde. Ich könnte mir z. B. denken, daß seine Lic. arbeit nicht glatt durchgeht, sondern Beanstandungen erfährt — und schon das würde für ihn katastrophal sein, weil er alles auf diese Karte gesetzt hat. Dazu lebt er natürlich leidenschaftlich im Kirchenstreit mit, bereitet sich irgendwie als «Berufskämpfer» vor — kurz, ich fürchte um diesen Mann und mit auch ein wenig um die Bekenntniskirchensache, der solche Leute sicher nicht nützen können, auch wenn sie’s noch so leidenschaftlich wollen. Vielleicht mußt du auch noch einmal bei ihm eingreifen. Für die Ev. Th. hat er eine Arbeit geschrieben, die bereits in den Druckbogen vorliegt und die sicher recht ist und auch erscheinen muß.6 Man darf ihn da |892 nicht kränken, obgleich er auch wieder persönlich besser täte, nun ein wenig zurückzutreten und zu schweigen. Hätten wir nur wie die Katholiken irgendeine Instanz, die einen solchen Jüngling in die Hand nehmen, der er gehorchen müßte. Er würde dann ein wenig aus seiner Front zurückgepfiffen und könnte zur Ruhe kommen und sich «bekehren» und würde dann ganz brauchbar.

Herzlich!
dein
Eduard

Eben erhalte ich noch beiliegenden Brief7. Das ist auch eine Art Lackmann, nicht ganz gleich, sozusagen eine Variante.* Er hatte mir vor Wochen eine Predigt eingesandt, die er als Prüfungspredigt in Hannover vorgelegt hatte. Der Text war Joh. 3,16. Aus diesem Weihnachtstext machte er eine schreckliche Gerichtspredigt, stürmte etwas von dem unnahbaren Gott und seiner unerhörten Offenbarung, der man sich wiederum nicht nahen dürfe, es sei denn, man habe alles psychologisch faßbaren Frommseins sich entkleidet, ihm sei es auch so gegangen, er habe sich an dieses Wort kaum herangetraut usw. Die Folge war, daß die Lutheraner dort sagten: das sei zweifellos eine ausgebrütete dialektische Predigt, und das heiße (!) eine reformierte Angelegenheit. Infolgedessen könne dieser Vogel nicht in die Hannöversche Voliere gelassen werden, sondern müsse zur anderen Kirche hinüber, es sei denn, er mache bindende Versprechen, daß er sich treu an die Lehre der Väter halten wolle. Was wiederum diesen Mann in seinen eigenen Augen zum Märtyrer des reformierten Glaubens stempelte, der also nur meinen Segen zu dieser «Konversion» haben wollte. Den gab ich ihm aber nun nicht, sondern nannte seine Exegese nicht zwar reformiert, aber schlampig und ihn selber verkrampft und riet ihm, bei seiner Kirche zu bleiben. Das habe mit Luthertum oder Reformiertentum gar nichts zu tun, er solle ein rechter Pfarrer werden8, der ein wenig an die Menschen denke, statt solche krampfigen Sprüche zu machen. Nun hat ihn offenbar Pastor Immer erst recht beim Wickel gekriegt. Ich finde das sehr gut, hätte ich nur den Schnauf, auch Lackmann etwa die Parole zu geben: in die Kniee! in die Kniee! Aber das sagt ihnen sicher besser ein anderer Deutscher — es ist doch etwas um BluBo9! Ein merkwürdiges Volk! |893 Heute abend redet Emil hier in Basel.10 Ich kann nicht hingehen, aber ich befürchte jetzt schon, daß etwa unser Lackmann die Gelegenheit benützt und, um seine Scharte auszuwetzen und sich aufs neue zu bewähren, unserem Emil dein «Nein! 📖» entgegenschreit in eigener Vollmacht. Zu solchen Heillosigkeiten ist er durchaus der Mann. Ich verstehe immer besser, daß diese Deutschen nie, nie zum Frieden kommen unter sich selber.

Herzlich!
dein
Eduard

* Er war einmal in Bonn, kennt Ihr ihn? Soll er wohl die Vorlesung erhalten?

Sachfußnoten

1
Nemo [G. Boerlin], Karl Barth als Staatsbürger, in: Schweizer Monatshefte für Politik und Kultur, Jg. 14 (1934/35), S. 638f. 📖↩
2
C. Gelzers Artikel Karl Barth. Eine Entgegnung, in: Schweizer Monatshefte …, Jg. 14, S. 569–573 📖, stellte eine Erwiderung auf den Artikel Nemo, Karl Barth, a.a.O., S. 529f., dar. 📖↩
3
Gerhard Boerlin (1873–1954) — wie in der Schweiz üblich, hängte Thurneysen zu seiner eindeutigen Identifizierung an Boerlins Namen den Mädchennamen seiner Frau an — war 1912–1943 Präsident des Appellationsgerichts in Basel. Über seine «deutsche Gesinnung» schrieb er rückblickend: «Ich habe nie einen Hehl aus ihr gemacht, sie aber auch nicht zur Schau getragen. Jedermann, der mit mir verkehrte, wusste darum. Ich bin ihr mein Leben lang treu geblieben, aus der Ueberzeugung, dass die Wurzeln meines Wesens in den Boden der deutschen Kultur gesenkt seien und von dort hauptsächlich genährt wurden; und dass diese deutsche Kultur in der deutsch-schweizerischen Eigenart eine besonders ausgeprägte Gestalt gewonnen hat. — Die unseligen Kriege, schon der von 1914, haben auch bei uns tief in die Beziehungen der Menschen zu einander eingegriffen. Das führte natürlich dazu, dass die Zusammenschliessung mit Gleichgesinnten enger wurde.» G. Boerlin, Kurzer Lebenslauf nach eigenen Aufzeichnungen (Anfangs April 1951), in: Zum Andenken an Gerhard Boerlin-Wackernagel / geboren am 18. April 1873, / gestorben am 22. August 1954, Privatdruck, Basel o. J., S. 3–8 📖; Zitat dort S. 6f.↩
4
Boerlin kann dem Rechtsanwalt und Notar E. Thalmann etwa anläßlich einer Gerichtsverhandlung begegnet sein. Das Diktum von der Nordgrenze (vgl. oben S. 887, Anm. 3) steht in: Nemo, Karl Barth als Staatsbürger, a.a.O., S. 639. 📖↩
5
Barth galt in manchen Kreisen noch immer als religiös-sozialer Anhänger von Ragaz. Zu dessen pazifistischer Haltung vgl. oben S. 831f., Anm. 7, 8 und 10.↩
6
Siehe oben S. 784, Anm. 2.↩
7
Konnte nicht ermittelt werden.↩
8
Original: «geben»; Änderung von der Hrsgn.↩
9
Abkürzung für «Blut und Boden»; s. oben S. 822, Anm. 21.↩
10
Konnte nicht ermittelt werden.↩