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18. Mai 1934
es ist wahrhaftig mehr als nur ein Brief fällig an dich. Aber wohl gerade darum wird der Abschuß immer wieder hinausgeschoben. Laß dir vor allem das eine sagen, daß wir keinen Tag vergehen lassen, ohne deiner vielfach und treulich zu gedenken. Wie wollte es auch anders sein, jetzt, da Fränzeli an unserem Tische sitzt und Frl. S.1, von uns allen mit Freuden begrüßt, bei uns aus- und eingeht. Wirklich, eure Tochter Fränzeli ist uns einfach vertraut und nahe, es ist eine ganz ausgezeichnete Sache, daß es bei uns ist. Still und vergnügt geht es unter uns seinen |630 Weg, nimmt Kenntnis von Basels Land und Leuten (gestern passierten wir mit ihm zusammen ein weit ausholendes Mittagessen nach Basler Geschmack bei einem älteren Frl. Preiswerk — nicht jener Gertrud! —, die es nicht lassen will, uns von Zeit zu Zeit mit allerlei besonderen Freundlichkeiten zu bedenken2), ist ganz ausnehmend fleißig bei der Arbeit, so daß Marguerite manchmal meint, es tue des Guten zu viel, läßt perlende Läufe ergehen, die wirklich nur von meinem Vorzimmer aus zu vernehmen sind und mich im übrigen keineswegs stören, läßt aber auch seine Stimme ertönen in merkwürdigen Gesängen, wie sie die höhere Gesangslehre offenbar vorschreibt, und geht mit wiegendem Schritte und unter einem eben erstandenen, breitrandigen, meines Beifalls durchaus teilhaftigen Hute über den alten Minschterplatz und läßt beim Tische manch freundliches und auch gutgelauntes, aber wirklich gar, gar nie böses Wörtlein fallen. Und ganz spät in der Nacht, wenn wir sogar bereits im Bett liegen, hört man sie unten vor dem Hause noch einen leisen, aber sicher warmen Abschied von Lili nehmen. Hoffentlich ist es mit seiner Basler Existenz im Ganzen und im Einzelnen ebenso einverstanden und zufrieden, wie wir es sind! Seine Lehrer sind ja sicher zum Teil sehr so so la la, aber den einen oder anderen scheinen die beiden Töchter3 doch wirklich zu akzeptieren. Vor allem an der Musikschule ist Fränzeli offensichtlich ganz positiv eingestellt. Und hin und wieder gesellt es sich zu den pfeifenrauchenden Töchtern von Karl Sartorius4, verbringt einen Abend bei Onkel Heiner (zum Beispiel gerade heute) und staunt über Heiners Weisheit und Milde und Bosheit, läßt sich im Hause Brenner5 nieder, und am 1. Mai machte es sogar einen richtigen Familienspazen6 mit uns Münsterhöflern7, vermehrt um die gesamte Familie des Rektors Burckhardt8, ins Elsaß mit und konnte |631 glaub auch dieser bürgerlichen Angelegenheit, wenn auch nicht ohne verzeihendes Lächeln, eine gute Seite abgewinnen, was ja überhaupt Fränzelis Charisma zu sein scheint. Und endlich hörte es am vergangenen Sonntag eine richtiggehende Refermlerpredigt9 meines Kollegen Wolfer über den — Muttertag (passenderweise zu Mc. 3,31ff.!) mit mir an, wobei allerdings das verzeihende Lächeln wirklich gänzlich erstarrte! Seine Begleiterin Lili aber ist uns nicht minder erfreulich. Eben ist sie für einen Augenblick bei mir eingetreten und hat sich über Wolf Meyer belehren lassen, dessen Antrittsvorlesung10 wir mit Schaudern entgegengenommen haben, hat auch bereits einen ersten flüchtigen Kennerblick auf mein Horoskop geworfen! Karl, solange solche guten Mädchengestalten immerhin mit auf dem Boden unserer Theologie erwachsen, wird es nicht endgültig lätz11 um uns bestellt sein!
Habt allen Dank für die mannigfachen Zeichen, die wir von euch, vor allem durch Lollos treuen Dienst, immer wieder empfangen. Es ist alles bei uns miterwogen und wird mitgetragen. Laßt diese Fäden ja nicht abreißen! Darüber schreiben ist ja nicht so einfach. Auf unserer Seite hat sich auch dies und jenes ereignet. So vor allem eines: Marguerite und ich sind zur Ordination deines Schülers de Pury12 gefahren!
632 Das war eine sehr solenne Sache. Wir wurden am Bahnhof in einem der ausgezeichneten Automobile der Familie de Pury abgeholt. Maury war zur Stelle, ein kleines Apéritif, dargereicht von einem Diener in weißen Handschuhen, wurde verabreicht, Mme de Pury13 begrüßt und sofort wieder eingestiegen und zu einer Predigt in einem Dorfe von Neuenburg draußen gefahren, die de Pury zunächst zu halten hatte. Er predigte sehr gut, in einem strengen Stile, wirkliche Auslegung mit sehr andringenden Fragen an den Hörer, sehr ausgebaute Liturgie, das alte Sündenbekenntnis und das Apostolikum fehlten nicht. Nachher Mittagessen, wieder vom Diener serviert, und dann kamen die Gäste aus Genf: De Saussure14, Dominicé15, Visser ’t Hooft mit ihren Frauen16, dazu der Mann von «Je sers»17, de Rougemont18, und es entspann sich |633 ein treffliches theologisches Gespräch, das Maury und ich Rücken an Rücken zu führen hatten. Diese Genfer sind doch irgendwie immer noch Réveillisten19, die Oxfordbewegung ist mindestens nicht ganz ferne, aber alles in allem ausgezeichnete Leute, von den Jungen schien mir de Pury am meisten Rasse zu haben. Und dann kam der Akt in der Kathedrale: zuerst eine wirklich restlos gute, selten beschwingte Sendungspredigt von Maury, darauf der Aufnahmeakt, an dem die ganze Pfarrerschaft von Neuenburg und ich mitten unter ihnen, alle im Ornat, teilnehmen mußten. Den Schluß bildete eine mit Handerhebung sämtlicher Amtsbrüder von Maury vollzogene Segnung. Und dann betrat de Pury die Kanzel und legte eine Art Glaubensbekenntnis ab, das darin gipfelte, daß er zum Schluß sagte, es sei am Platze, noch vierer Männer ausdrücklich zu gedenken, die ihm innerlich Entscheidendes bedeutet hätten: Calvin, Luther, Kierkegaard et Barth! Dies in bestem Französisch in die volle Kathedrale hinausgerufen! Nachher noch eine Réception im Hause de Pury. Alles in allem: hier ist einfach eine Kampfgruppe in Marsch! Die kommen! Dabei wissen sie das Evangelium wirklich in neuen Zungen zu verkündigen, so wie wir’s nicht könnten: beschwingter, persönlich angreifender, bekennerhafter im Sinne dieser westlichen Réveil-, ich hätte bald gesagt: Clairontheologie, die irgendwie hinter ihnen liegt, weil sie ganz streng an der Rechtfertigung hängen und ihren Hörern an gänzlicher Verweisung an den Ort des Sünders nichts ersparen, und die doch irgendetwas von durchaus erlaubtem Charme und Schwung ihnen noch mitgegeben hat, wie man sie auf deutschen Kanzeln selten oder gar nie hören wird, kurz, eigene Zungen reden hier dasselbe, was auch wir sagen möchten. Und dabei sind es wirklich Edelleute, die ebenso gut ihre Automobile zu steuern wissen und deren Frauen von einem Hauch von gutem Parfum umweht sind. Aber was schreibe ich dir da — was in Lollos ganz ausgezeichnetem Pariserbericht wahrhaftig zehnmal und hundertmal besser zu lesen steht. |634 Ihr habt ja diese Welt wahrhaftig noch ganz anders in euch aufnehmen können als wir mit unserem bißchen Neuenburg. Aber auch da kann ich nur wieder und erst recht sagen: wenn auf dem Boden immerhin unserer Theologie solche trefflichen westlichen Männer erstehen, dann kann es nicht lätz um uns bestellt sein! Es ist aber auch dringend nötig, daß solch eine westliche theologische Division aufgestellt wird. Denn hör an, mit Georg zu reden, am letzten Samstag hat die theologische Fakultät von Straßburg uns in Basel einen Besuch abgestattet mitsamt ihren Damen. Und was ich da an theologischer Verstocktheit und altliberalem Unsinn zu hören bekam, das geht auf keine Kuhhaut. Du lieber Himmel, in was für einer Welt leben die noch! Da ist sogar der alte Rade noch ein Rechtgläubiger gegenüber diesen Ménégoz20 und wie sie sonst heißen. Aber auch das habt Ihr ja in Paris an der Quelle erlebt!
Weiter ist zu melden, daß Karl Ludw. nun endlich doch eine wenigstens Verweserstelle erhalten hat, und zwar vor den Toren von Zürich in einer der Vorortgemeinden.21 Ich rechne damit, daß er weiterhin irgendwie nicht fallen gelassen werden wird. Er war kürzlich mit seiner Frau, die ihn gerade besucht hatte22, an der Pratteler Konferenz und hat dort in wirklich einsichtiger und theologisch ausgezeichneter Weise nach einem Referat von mir über «Bekenntnis»23 ins Gefecht eingegriffen. Es wäre doch eine gute Sache, wenn wir ihn in der Schweiz auch irgendwo auf einem Lehrpult niedersetzen könnten. — Von Georg habe ich dieser Tage einen ganz ausführlichen Reisebericht24 gelesen, den ich allerdings nicht von ihm selbst, sondern von Köberle zu lesen bekam: in altem Glanz wurde da ein Film erster Klasse entrollt, aber ach, was steht eigentlich dahinter? Wer kann leben von diesen an sich ja gescheiten Geschichtsbildern, Landschaftsbildern und Kuriosa — auch Georg |635 letztlich nicht, das spürt man mit geheimer Trauer seinem Erzählen an. Auch seine Muhme Rählen25 hat irgendwie ihre Frohnatur verloren und einen geheimen Knacks erhalten, der da und dort plötzlich hörbar wird. So etwa in der ausführlichen Schilderung seiner Gespräche mit seinem Freunde Theodor aus Berlin26 oder mit Paul Alth. aus Erlangen. Auch Georg weiß zu viel, als daß er nicht inmitten aller dieser Gestalten irgendwo gründlich einsam wäre. Nur zugestehen will er es nicht! Der gleiche Ton klang auch aus einem im übrigen sehr guten Briefe von Line, der an Marguerite ging. Und wie wollte es auch gehen, wenn die ehemaligen bayerischen Freunde Georgs, wie der schreckliche Wolf, solche Wege gehen. Ich habe ihm auf den Bericht aus der Jenaer Zeitung von seiner Vorlesung27 hin in einer plötzlichen Anwandlung heute den beiliegenden Brief28 geschrieben — er wird viel helfen! O weh! Unterdessen ist dein Heft 10
📖29 eingetroffen. Alles, alles gut, so gut, daß man sich nur fragen muß: warum hören die es denn nicht! Und doch auch wieder gar nicht so fragen kann, denn es ist ja allzu klar, daß und warum sie es nun einmal nicht hören können.
Was hast du wohl unserem Freund Emil geantwortet auf seine Schrift hin? Hier zirkuliert folgende gute Geschichte: Köberle sagt zu deinem Schüler Walter aus Liestal30: es sei doch eine gute Sache, daß Emil das aufgegriffen habe. Man müsse nur das Bild von Michelangelo ansehen: Adams Erschaffung31, wie da Adam, wenn auch nur von ferne und nur ein ganz kleines Stücklein und ohne Gott zu erreichen wie aus einem Traume heraus, seine Hand ausstrecke: das sei die natürliche Theologie und ihre Anknüpfung. Worauf Walter prompt sagte: aber Herr Professor — das ist ja Adam vor dem Fall! Nachher sieht’s auch bei Michelangelo anders aus! — jä so! Das hatte der gute Köberle bezeichnenderweise vergessen, den Sündenfall nämlich! Die Sache mit den Reformatoren und ihrer natürlichen Theologie solltest du vielleicht doch einmal von einem gewiegten Schüler darstellen lassen mit den nötigen Anmerkun|636gen und Abgrenzungen. Denn darüber wird es noch lange nicht stille werden. Ebenso wäre eine gute kleine Untersuchung über die Stelle Röm. 1,19, vielleicht auch durch die Geschichte der Auslegung hindurch zu verfolgen, eine gute Sache. Etwas muß ich übrigens nachtragen: der kleine Ellwein aus München32 war kürzlich schnell hier — er ist völlig kleinlaut geworden und hat seine Ungehörigkeiten vom Oktober mir gegenüber sehr gründlich zurückgenommen. Er habe damals die Dinge noch nicht gesehen, wie er sie heute auch sehen müsse.
Am kommenden Dienstag abend findet wieder eine Sitzung des Klubs um Heiner statt. Und weil wir uns nun dem Katholizismus an Hand von Adam33 zuwenden wollen, wird dein Schüler Dr. Fehr, der immer noch in Riehen ist34, aufgeboten und hat sein Erscheinen zugesagt. Heiner befürchtet freilich, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, ein Auseinanderbrechen der Front zwischen ihm und mir am Punkte Kirche vor dem Feinde! Sehen wir zu. Fränzeli und Frl. S. sollen die Partie auch mitmachen dürfen.
Marguerite und ich — wir lernen auf Tod und Leben englisch. Die Sache rückt näher und näher mit den 12 Tagen England35. Und am Pfingstmontag gedenken wir — wohl mit Fränzeli zusammen — aufs Bergli zu fahren. Denn der Chrysler ist unterdessen von seinem großen Bogen wieder heimgekehrt.36 Da werden wir Euer herzlich gedenken! Laß uns doch ja wissen, wie es mit euch weitergeht!! Sei mit Lollo (nochmals ausdrücklichen Dank für den ganz exquisiten Pariserbericht! eine seltene Lust hast du uns damit bereitet!) und Nelly (eigentlich müßte ich dir einen besonderen Brief schreiben für die Dorothee unvergeßlichen Bonnertage! Wie viel Liebes und Gutes hast du ihr erwiesen! Es kam ganz bereichert und bewegt zurück und zehrt weiter und weiter davon!) herzlich gegrüßt! Die Studenten aus der Schweiz stellen hoffentlich ihren Mann. Ganz besonders möchte ich dir den jungen |637 Stickelberger37 ans Herz legen. Ich halte ihn für eine gute Gestalt. Nicht nur darum, weil er mich am Zofingerkonzärli38 — wie ich hörte — getreuestens nachgemacht habe (eine gewisse Bosheit liegt ihm offenbar im Blute), sondern weil er mir auch sonst anliegt. Es wäre nämlich ausgezeichnet, wenn ins Haus Stickelberger eine kleine Geheimmine gelegt werden könnte, die den jungreformierten Frontismus39 in die Luft sprengte, indem dieser Jüngling für die wahre Lehre gewonnen würde. Er sagte mir beim Abschied selber, was er von Bonn erwarte, das sei, daß es ihn endlich wirklich in die Theologie hineinnähme. Er ist ein immer noch etwas zuschauerhaft da und dort Herumriechender offenbar, hat das aber irgendwie selber satt. Wenn er etwa so gut gesattelt zurückkäme wie seinerzeit der junge Walter aus Liestal, so wäre das ein Segen für uns. Was macht wohl der wackere Walti Burckhardt40? Seine Eltern segnen Bonn schon darum, weil es ihm offenbar gelungen ist, ordnungsgemäß in dein Seminar41 hineinzukommen, was den etwas an seinem Sohne zweifelnden und um ihn sorgenden Vater sichtlich gestärkt und erfreut hat.
Die Sache mit den Predigten — ich lege den Brief aus Amerika bei.42 Ich habe H. geschrieben.43 Von dir kämen nur schon gedruckte Predig|638ten in Betracht, von mir auch einige. Es sei unmöglich, nur frische Weggli44 essen zu wollen. So schlimm werde das mit der Verteuerung des Buches deswegen nicht werden. Könnte Lollo herauskriegen, wie es mit den Verlegerrechten der Predigten aus den Biblischen Zeugnissen45
steht? Und dann je ein Exemplar dieser Predigten besorgen. Dann würde ich die meinigen dazulegen. Und man könnte alles nach München46 und nach Amerika schicken. Ich nehme an, in Amerika würden sie dann gleichzeitig die übersetzen, die sie aus dieser Sendung haben wollen, und ein eigenes Buch daraus machen. Was bei Lempp damit würde, müßten wir noch beraten.
Die Mitteilungen von Lollo betr. Fränzeli47 sind eingetroffen; es wird alles so geregelt, wie es von Euch vorgeschlagen ist.