24. April 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

dein ausführlicher und kostbarer Brief ist bei uns eingetroffen und in Ruhe und mit Freudigkeit entgegengenommen worden. Bene, bene! Ich verstehe alles, alles. Es wird jetzt so gehen müssen. Und wie wollte ich deine wohlerwogene Fahrt zum Endziel abbremsen? Du hast recht, sicher recht, wenn du keine «Gümpe»1 machen willst, sondern gleich den Fechtern bei Marignano2 nur schrittweise das Feld räumst, um auf ganz ehrenvolle Weise aus diesem Feldzug zurückzukehren. Auch mir leuchtet dieses Verfahren durchaus ein. Verzeih meinen wohl etwas ungeduldigen Zuruf!

O Matthys! — mir schwebte die schöne Parallele vor, daß er, so wie ich nach der Konfirmation von meiner Mutter sofort zum Herrn Pfarrer nach Boll geführt wurde3, nun zum Onkel Karl nach Bonn gesandt |872 werde. Nun scheint er aber diese Geisteslage durchaus nicht erfaßt und seinem «Herr Pfarrer» mit der Faust nach dem Munde gehauen zu haben! Das wäre mir in Boll nicht eingefallen! Hoffentlich versäumt er trotzdem nicht ganz, die Ohren weit aufzutun und einiges an Lehre und Einsicht bei euch aufzufangen. Eigentlich sollte er wie ich seinerzeit aus Bad Boll mit einem kleinen Büchlein voller goldener Worte aus Tisch- und anderen Reden heimkehren.4 Verleite ihn doch ja nicht mehr zu weiteren Boxkünsten! Er ist zu naiv und töricht, um die gebührende Grenze von sich aus zu wahren. Und sicher ist es ihm selber gar nicht wohl bei dieser kleinen Untat. Hoffentlich hast du nicht doch irgendwie Schaden gelitten!

Ich vergaß, ihm einen Brief von Hromádka aus Prag mitzugeben, der eigentlich dich angeht.5 Du sollst für Vorlesungen gewonnen werden, und Hromádka wollte wissen, ob du noch in Bonn zu erreichen seiest. Er will dich nächstens persönlich aufsuchen auf einer Reise nach Holland.6 Ich selber bekam einen Brief von einem Herrn Stevens aus Ut|873recht, der meinen Bekenntnis- und Gemeindevortrag übersetzen will7: die Holländer sind wohl durch deine Wirksamkeit nun richtig angetrieben und verlangen nach weiterer Speise. Ich freue mich auf deine Utrechtervorlesungen — das wird sicher etwas Rasantes und zugleich Speise für ein großes Volk!

Ach, wenn’s geht, wenn’s immer geht, komm doch im Mai ein wenig aufs Bergli. Das wäre einfach ausgezeichnet! Sieh, ich habe eben jetzt also auch ein paar gute Hoteltage an einem See, und das Bergli ist ja noch viel besser als jedes «Victoria», aber so eine kürzere Zeit, wo alles abgestellt ist und man ein wenig schlampen kann, ist doch ausgezeichnet. Gönn dir das doch! Die anderen Tage kommen dann wieder von selber.

Ich lasse deinen Brief aufs Bergli gehen, damit sie dort auch auf dem Laufenden sind. Sei mit deinem ganzen Hause herzlich gegrüßt!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
= Sprünge.↩
2
Am 13./14.9.1515 unterlagen die eidgenössischen Truppen in einer blutigen Schlacht bei Marignano dem modern ausgerüsteten Heer Franz’ I. von Frankreich. Die Niederlage bedeutete für die Schweizer einen tiefgehenden Schock, wie zahlreiche künstlerische Darstellungen des Ereignisses bis ins 20. Jahrhundert hinein belegen. Wahrscheinlich stand Thurneysen hier Ferdinand Hodlers 1897–1900 geschaffenes Wandgemälde «Rückzug bei Marignano» vor Augen (Schweizerisches Landesmuseum, Zürich), denn auf dieses bezog er sich ausdrücklich in einer der obigen sehr ähnlichen Schilderung von Barths Lage in einem Brief an R. Pestalozzi (Brief vom 25.4.1935; Nachlaß Thurneysen 📖).↩
3
Zu dieser Reise E. Thurneysens mit seiner Stiefmutter im Frühjahr 1904 zu J. Chr. Blumhardt vgl. Bohren, S. 33–38 📖; s. auch Bw.Th. I, S. 108f. 📖 ↩
4
Im Nachlaß Thurneysen 📖 befindet sich ein kleines Schreibheft mit dem Titel «Bad Boll», datiert auf den 7.-10.10.1906, das (z. T. stenographische) Aufzeichnungen über eine Predigt Blumhardts vom 7.10. und Tischgespräche in Bad Boll sowie Gedanken Thurneysens enthält (28 Blätter im Format 10,7 x 17,2 cm, Signatur: Ca 001, 6). Ebenfalls erhalten ist die Fortsetzung auf losen, mittig gefalteten und zu einem Heft ineinandergelegten Blättern, datiert auf den 14.10.1906 (Signatur: Ca 001, 5). Zur Bedeutung Blumhardts für Thurneysen s. oben S. 50, Anm. 9.↩
5
Nicht erhalten.↩
6
Am 21.4.1935 schrieb Josef Lukl Hromádka (1889–1969), 1920–1939 (und 1947–1969) Professor für Systematische Theologie an der Fakultät der Böhmischen Brüder in Prag, auch direkt an Barth und bat ihn, die Tschechoslowakei zu besuchen «und mit unserem religiös-kirchlichen sowohl als auch kulturell-politischen Leben in nähere Fühlung zu treten». Er sei von seiner Fakultät zu Verhandlungen über einen oder mehrere Vorträge Barths vor Theologiestudenten und der tschechischen und deutschen kirchlichen Öffentlichkeit bevollmächtigt. Eine Einladung sei auch vom tschechischen christlichen Studentenbund — dem Hromádka vorstand — zu erwarten. Bei einem Gespräch mit Hromádka am 9.5.1935 sagte Barth einen Vortrag auf einer Pfarrkonferenz im mährischen Mysliborice im August 1935 zu; vgl. Busch, S. 277 📖; Briefe jetzt abgedruckt in: Freundschaft im Widerspruch. Der Briefwechsel zwischen Karl Barth, Josef L. Hromádka und Josef B. Souček (1935–1968), hrsg. von M. Rohkrämer, Zürich 1995, S. 31f. (Zitat dort S. 31) 📖. Zu Hromádkas Reise nach Holland und zu seinem Treffen mit Barth am 9.5.1935 in Bonn s. dort S. 31f. mit Anm. 1. — Thurneysen kannte Hromádka bereits seit 1929, als er einer Einladung, an einer Pfarrertagung der Böhmischen Brüderkirche in Brandys zu sprechen, folgte und unterwegs Prag, Salzburg und Innsbruck besuchte (Typoskript M. Thurneysen, S. 15).↩
7
E. Thurneysen, Lebendige Gemeinde und Bekenntnis (ThExh 21), München 1935. 📖 — P. H. Th. Stevens (1908–1946), Jurist und ab 1935 Pfarrer der «Nederlandse Hervormde Kerk» in Ginneken, übersetzte deutsche und englische Literatur ins Holländische. Der genannte Vortrag Thurneysens wurde jedoch von M. Slotemaker de Bruïne übersetzt: E. Thurneysen, Levende gemeente en belijdenis (Kerkopbouw-geschriften, reeks I, no.3), Assen 1935. 📖 ↩