7. Juni 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Du wirst die Besprechungen deines Vortrages in den Basler Zeitungen, wenigstens in National Ztg. und Nachrichten1, gesehen haben. Sie waren nicht übel. Wichtiger ist der persönliche Nachhall, auf den man immer wieder trifft bei solchen, die dich gehört haben. Natürlich haben alle die, die irgendwie mit der deutschen Lage innerlich mitgehen, besonders wach zugehört und waren besonders bewegt durch deine Worte. Ich weiß von solchen, die einfach aufgeatmet haben, gedankt haben ob der Klarheit und Kraft, mit der die letzten Untergründe aufgerissen wurden. Dagegen gibt es natürlich Basler, die einiges «übertrieben» fanden, doch wirklich keine — wenigstens ich habe keine getroffen —, die nicht bewegt waren — abgesehen vielleicht von dem unverbesserlichen Schwager von Fränzeli2, dem buckligen Zauberer, der von der Familie |895 dazu gedrängt wurde, diesmal doch auch mitzugehen, obwohl es ein geistlicher Vortrag war — aber wie wollte es anders sein: er ließ sich auch durch dich nicht imponieren! Die erhoffte «Bekehrung» dieses Sünders ist also auch dir nicht gelungen. Ebenso hat sich der «Vorwärts», wie du ersiehst, durch «die ideologischen Vorgänge an der Front der Bourgeoisie» nicht aus dem Konzept bringen lassen!3 Aber die Kommunisten sind ja wirklich bei uns unter allem Hund. Das Basel, das zählt, hat dich sicher gehört.

Ich bin nun mehr als je gespannt, wie die deutschen Wege und mit ihnen dein Weg weiterläuft. Ich lege dir den Wortlaut der Meldung bei, die gestern erscheinen sollte4. Glücklicherweise ist sie also unterblieben. Denn es ist doch mehr als nur Taktik, es ist wirklich sachlich wahr und geboten, daß alles noch offen bleiben muß, damit dann nächste Woche eine reine Entscheidung fallen kann. Wahrscheinlich wirst du sie letztlich selber fällen müssen, wahrscheinlich werden von der Gegenseite her, das heißt von der deutschen Lage her, immer weiter gewisse Lichter winken, so daß wirklich nicht nur die Laterne am Basler Hafeneingang |896 einzig übrig bleibt. Das wird es dir nicht leicht machen, und doch, es müßten schon wirklich neue Signale von draußen her aufblitzen, um dein diesem Hafeneingang doch irgendwie bereits sich zukehrendes Schiff wieder hinauszurufen. Leid tun müssen einem ja die da draußen, die du alleinlassen mußt, wenn du zu uns kommst. Denn es ist ja alles verworren genug. Hat es dich nicht fast gereut, daß du nicht noch einmal mitten im Gewühl drin in Augsburg gewesen bist? Es war sicher richtig so, doch die kleine Herde [vgl. Lk. 12,32] hätte deiner bedurft.

Ich bin gehetzt. Vor allem weil ich die deinen größeren Sorgen gegenüber unvergleichbar geringeren Sorgen der neuen Pfarrwahl irgendwie mitzubewegen habe in, ach, so langfädigen Sitzungen!5 Daneben liegen mir zwei Vorträglein auf, die ich nächste Woche an einer badischen Pfarrkonferenz in Nonnenweier am Rhein unten zu halten haben werde.6 Und während du die Dome ganz großer Vorträge errichtest, die dir erst noch im Schlafe eingegeben werden, schreibe ich Kalendersprüche (lacht mich nicht aus!) — «meine Braut ist katholisch!»7 — und für den wackeren Karl Sartorius ein Pfingstbeiträglein8, und habe daran erst noch zu knorzen9, bis es endlich dasteht. Wirklich, auch ich bedarf des größeren Zuges, der durch dein Kommen in unsere kleinere Welt hereinkommen wird!

So sei mit Lollo herzlich, treulich gegrüßt von uns allen!

Dein
Eduard

Herzliche Grüße an Ruedis!

Sachfußnoten

1
Über Barths Basler Vortrag vom 4.6.1935 erschienen die Besprechungen: M. S., Das Evangelium in der Gegenwart. Prof. Karl Barth als Gast der Basler Studentenschaft, in: NZ, Jg. 93 (1935), Nr. 254 vom 5.6.1935, S. 5 📖; K. O[eri], Prof. Karl Barth über «Das Evangelium in der Gegenwart». Vortrag der Studentenschaft Basel, in: BN, Jg. 91 (1935), Nr. 153 vom 6.6.1935, 3. Beilage. 📖↩
2
Wahrscheinlich Max Zellwegers kleingewachsener zweitältester Bruder Dr. Albert Zellweger (1897–1950), seit 1934 Redaktor der Zeitschrift «Der Radiohörer», dessen distanziertes Verhältnis zur Kirche u. a. darin zum Ausdruck kam, daß er eine kirchliche Bestattung für sich ablehnte. Seine Geschwister schrieben in seinem Lebenslauf: «Alle, die unsern lieben Bruder kannten, wissen, dass er ein Mensch von bedingungsloser Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit war. Die Wahrheit ging ihm über alles. Seine auf Intelligenz und auf Logik beruhende Weltanschauung war vielleicht etwas eigensinnig, aber sie war gepaart mit einem ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn» (Personalien, in: Zur Erinnerung an Albert Zellweger Geboren 12. September 1897 Gestorben 2. März 1950, Privatdruck, o. O. u. J., S. 1–4 📖; Zitat dort S. 3f.).↩
3
In einer Meldung des Basler Vorwärts über Barths angeblich bevorstehende Ernennung, in der sein Vortrag (s. Anm. 1) nur kurz erwähnt wird, heißt es: «Dieser Theologe anerkannte schon die Führung Hitlers auf politischem Gebiete, aber er wünschte eine ‹unabhängigere› Stellung der Theologie und Kirche, damit diese um so eher ihre der Bourgeoisie nützende Aufgabe (Beeinflussung der untern Volksmassen) erfüllen könne. Deshalb kam es zu Differenzen mit dem Hitlerregime, und Barth wurde nach mehreren Schikanen gemaßregelt. Von diesem Theologen … erwarten kirchliche Kreise eine Art von Renaissance des abgestorbenen kirchlichen Lebens. … Derartige Vorgänge an der ideologischen Front der Bourgeoisie müssen von der Arbeiterschaft genau beobachtet werden» (Ein neuer Basler Theologe, in: BV, Jg. 42., Nr. 150 vom 6.6.1935 📖).↩
4
Original: «wollte»; Korrektur von der Hrsgn. — Wahrscheinlich handelt es sich um eine im Karl Barth-Archiv erhaltene Vervielfältigung mit folgender Meldung: «Basel, 6. Juni ag. — Prof. Dr. Karl Barth wird, falls sein Rekurs gegen seine Entlassung als Professor der Theologie an der Universität Bonn abgewiesen würde, an die Universität Basel berufen. Barth hat sich bereit erklärt, einem solchen Ruf Folge zu leisten und die Theologische Fakultät der Universität Basel, die Kuratel, der Erziehungsrat und der Regierungsrat des Kantons Baselstadt haben die Berufung bereits beschlossen, kl. i.» Darunter ist in Karl Sartorius’ Handschrift notiert: «Depeschenagentur: Diese Meldung kommt morgen in der ganzen Schweizer Presse! Würdest Du [= Thurneysen] noch ein paar Worte dazu schreiben?»↩
5
Rudolf Handmann (1862–1940), seit 1890 Pfarrer von St. Jakob, einer Filiale der Basler Münstergemeinde, hatte am 5.5.1935 seinen Rücktritt erklärt. Für ihn wurde am 23./24.11.1935 W. Vischer gewählt. Da dieser erst im Mai 1936 sein Amt antreten konnte, führte Handmann die Gemeinde solange weiter.↩
6
Thurneysen war wohl — wie schon 1933 — Referent an der «Gernsbacher Konferenz» in Nonnenweier (Baden), die in Pfr. J. Benders Jahresbericht des dortigen Diakonissenhauses für 1935 als Konferenz «für bekenntnistreue Pfarrer» bezeichnet wird (in: Gruß vom Mutterhaus Nonnenweier, Jg. 28 [1935], Heft 2 vom 17.6.1935, S. 11 📖; briefliche Auskunft von S. Chr. Eisele, Oberin des Diakonissenhauses Nonnenweier, vom 11.9.1998). Über die Vorträge konnte nichts Näheres ermittelt werden. Siehe oben S. 413, Anm. 14.↩
7
E. Thurneysen, Meine Braut ist katholisch, in: Zwinglikalender 1936, Jg. 18, Basel o. J. [1935], S. 34–36 📖; wieder abgedruckt in: ders., Christ und Welt. Fragen und Antworten, Basel 1950 (19532), S. 112–119. 📖↩
8
E.Th[urneysen], Pfingsten, in: BN, Jg. 91, Nr. 155 vom 8./9.6.1935, 1. Beilage. 📖↩
9
= mich abzumühen.↩