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Pfingstmontag abend [10. Juni 1935]
ich bin heute den ganzen Tag daheim gesessen hinter meinen Darbietungen für Nonnenweier. Und du hast wohl mit Alphons wenigstens den Nachmittag verbracht?1 Hoffentlich hat dich Basel in der Gestalt dieses Prominenten nicht nur unfreundlich und seufzenerregend, sondern doch ein klein wenig auch anrufend und ansprechbar angeschaut, und hoffentlich hat auch Lollo aus dem Hintergrund hervor ein Stücklein Möglichkeit erschaut, einige Jahre ihres Lebens vis-à-vis solcher Zeitgenossen, wenn’s denn sein muß, zu verbringen? Was werden die nächsten Tage für Entscheidung bringen? Steht es nicht doch so, Karl, daß du, ob draußen oder hier drinnen, nun einmal der einsame Vogel auf dem Dach [vgl. Ps. 102,8]2 sein und bleiben wirst, der du in den letzten Jahren trotz ausgedehntester Wirkung immer mehr geworden bist? Ich denke manchmal, entschuldige den Zollivergleich3, wie man hier sagt, an die großen, die ganz großen Vögel, die Kondore und die Steinadler hinter den Gittern, wenn ich an dich denke. Ich weiß nicht, sogar nach dem Martinskirchenabend4 stieg mir solch ein Gefühl auf: die Kirche und die Leute drin waren sicher irgendwie zu klein für den |898 großen Flügelschlag, der da über sie hinweggegangen war. Es hatte Prophetieausmaß, was du da sagen mußtest. Aber das ist irgendwie immer bei dir ein wenig so. Und das mußt du nun wohl aushalten. Ist es nicht auch jetzt in Deutschland so, daß die Kirche und die Leute drin zu klein sind dafür? Vielleicht denkst du, nein, draußen seien noch weitere Möglichkeiten, Basel sei mit dem bißchen Schweiz dahinter — Zürich, Bern usw. — doch auch gar eng. Sicher, aber wenn ich im heutigen Abendblatt, dem Morgenblatt von morgen, lese, wie sie in Augsburg unter Assistenz von Innenkommissaren und Gestapoleuten, fast noch dankbar dafür, daß solche da waren, getagt haben5, daß sie sich unter sich jedenfalls geeinigt und Marahrens über sich neu eingesetzt haben6, |899 daß Frick auch wieder etwas freundlicher sich geäußert und baldige Pazifizierung in Aussicht gestellt habe7, ach, Karl, so ist das natürlich nicht einmal Reformation, geschweige denn die Sprengung des ganz großen Bogens, so ist das nicht so fern dem, was hierzulande irgendwie auch ständig sich ereignet. Was willst du mehr und Größeres? Muß nicht immer wieder alles auch so gehen? Ist deswegen dein Salz verlo|900ren? Du hast es hineingeworfen, und es salzt im Verborgenen sicher auf seine Weise, sei unbesorgt! Aber die reinen oder wenigstens reineren Verwirklichungen, nach denen du ausschaust, die sind nun einmal nicht einfach hinzustellen. Und darf man es denn den deutschen Menschen übelnehmen? Darf man sie über ihre Kraft antreiben? Überforderst du nicht irgendwie die Menschen? Du hast z. B. Emil Brunner sicher überfordert. Vielleicht geschieht es auch anderswo. Sie begreifen oft gar nicht, daß du so sehr zürnest [vgl. Ps. 90,11] und was sie denn verbrochen haben, daß sie es dir wieder einmal so gar nicht recht gemacht haben. Ich hatte sogar bei Asmussen den Eindruck an jenem Himmelfahrtstag, er sehe die Wege draußen nun eigentlich ohne dich weitergehen.8 Ob nicht auch er irgendwie, vielleicht unbewußt, dieses Überfordertsein durch deine Integralstellung empfindet? Ich bin natürlich überzeugt, daß du in Basel nicht einfach glücklich sein wirst — sondern eben auch da wieder aufs neue der einsame Vogel, der Vogel hinter dem Gitter, das sogar eher enger ist, als es draußen der Fall war. Darum möchte ich dich sicher nicht rufen, die Farelgebärde liegt mir ganz und gar nicht! Ich hielte sie im Blick auf Basel für absurd. Ob sie für draußen wirklich am Platze ist, das müssen die Deutschen wissen, die sie aufbringen. Ich zweifle daran. Du wirst eben noch einmal eine gehörige Dosis Salz bereiten in Basel in Form der Dogmatik
📖, und die wird noch einmal hineingeworfen werden wie seinerzeit der Römerbrief, wie die Dogmatik I. Du wirst darüber noch ein wenig älter werden, du wirst auch künftig die Verwirklichungen nur ganz spärlich zu sehen bekommen. Aber was willst du anderes? Jeremia! Oder — dann geschieht wirklich ein Wunder, und der Ruck kommt doch noch, um den es dir ginge und gehen muß. Ich möchte dich wirklich auch von Deutschland nicht zurückhalten, wenn’s denn doch sein muß. Aber es ginge schon irgend|901wie um das Wunder. Vielleicht mußt du es darum gehen lassen. Und vielleicht kommt bis Donnerstag9 das Zeichen noch, das dich ruft. Wenn’s nicht kommen sollte, dann, Karl, dann ist es doch keine Resignation, sondern Führung, der einsame Vogel auf den Dächern Basels sein zu müssen. Dann mußt du vielleicht so ein wenig in Analogie des weisen Bachofen10 hier am Minschterplatz die eisernen Tafeln [vgl. 1.Makk. 8,22.30] anfertigen und wie jener exoterisch ruhig und gelassen, eventuell mit einem Basler Hütlein11 auf dem Kopfe, sonntags den Weg hin und wieder ins Minschter antreten und werktags an den Rheinsprung12. Oder wie David Joris, mit dem du im übrigen jeden Vergleich ablehnen wirst, doch eventuell in einem alten Gemäuer auf dem Heuberg wohnen und allerlei schreiben, weswegen dich die Basler erst nach dem Tode verbrennen dürfen, während du sie dann noch eine Weile als Gespenst umgehend von ferne erschreckst.13
902 Ich besinne mich, ob ich diesen wunderlichen Brief abschicken soll. Ich weiß, es ist etwas Skurriles darin. Ich schrieb alles so hin ohne langes Überlegen. Nimm es cum grano salis. Ein Korn Wahrheit wird drin liegen. Irgendwie plädiere ich damit nicht nur für dich und für Basel im Besonderen, sondern für all das kleinere Gevögel überhaupt, unter das du dich, du magst sein, wo du bist, nun einmal doch niederlassen mußt. Nimm mir dieses Plädoyer nicht krumm, es ist nicht flaumacherisch gemeint. Auch Lollo möge mich um deswillen nicht «verachten». Die reine Gestalt der Kirche war ja nie da. Das hast du uns selber immer wieder einsehen gelehrt. Und ich werde vielleicht auch weiterhin gelegentlich der Anwalt des «kleinen Mannes» bei dir sein müssen, ohne deswegen in Verdammnis im Laboratorium14 zu fallen. Daß du merkwürdig mildiglich auch mit dem kleinen Mann reden kannst, wenn dir — aus nicht ganz durchsichtigen Gründen (denn im Grunde ist dieser Erwin Reisner kein Haar besser als Emil) — etwas an ihm wohlgefällt, das ersah ich ebenfalls heute aus dem neuen Heft der Ev. Th.15 Vielleicht mußt du — wenn denn Basel dein, euer Schicksal werden sollte — diese Milde noch ziemlich ausdehnen. Denn es werden Viele kommen von Osten und Westen, die da mit dir zu Tische zu sitzen [vgl. Lk. 13,29] Anspruch erheben und die nur auf Grund solcher Milde vor dir bestehen können.
Hartenstein war ganz weg von deinem Vortrag. Es gibt sicher auch hier Leute, die das größere Flügelschlagen verstehen und aufnehmen! Das möchte ich dir doch auch mit aller Zuversicht gesagt haben! Und so sei mit Lollo herzlich, treulich gegrüßt. Nimm den Brief so wie einen kleinen Abendhock16 à titre de document, nicht als eigentlichen Lehrtext. Ich lege dir noch einiges bei. Donnerstag abend bin ich wieder in Basel. Freitags abend wird wohl dein Telefon17 kommen?
903 Ich weiß nun bestimmt, daß die Agenturmeldung vom letzten Donnerstag18 von Hauser inspiriert war. Der will dich nun rufen, aus allerlei eigenen Prestigegründen. Das wirst du nicht verhindern können, wie ich die Dinge sehe.