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Dein Brief von vorgestern geht mir nach. Du hättest ihn ja nicht nicht schreiben dürfen. Nachtgesichte, so man welche hat, muß man einander mitteilen und müssen dann auch vom Anderen mit der gebührenden Erschrockenheit entgegengenommen werden. Ich sehe mich seither immer als Kondor auf der Spitze eines (übrigens künstlich errichteten) Gebirges, innerhalb des gemeinsamen Gitters anspruchsvoll mit den Flügeln wippend oberhalb all der Käuze, Krähen und Krammetsvögel, die doch immerhin, ohne beständig überfordert zu werden, auch da sein wollen und dürfen. Du hast gewiß zehnmal recht, wenn du meinst, daß etwas Derartiges sich bei mir ereigne, und es ist mir in diesen Tagen und Wochen moralisch gerade schlecht genug, um auch das bekümmert zu Herzen zu nehmen, daß ich für Deutsche und Schweizer ein solches Ekeltier bin, das die Einen heimlich gerne gehen, die Anderen heimlich ungern kommen sehen. Zur Ergänzung des Bildes habe ich ja wirklich nichts beizutragen als etwa das, daß ich meinerseits dort oben nichts, aber auch gar nichts zu lachen habe, schon darum nicht, weil meine ganze Auszeichnung schließlich nur darin besteht, daß ich um das Vorhandensein des gemeinsamen Gitters noch etwas besser weiß als diejenigen, die, in den Tiefen und Höhlungen des bewußten Zement- und Pappegebirges beheimatet, seiner wenigstens gelegentlich vergessen können. Unter diesem Gesichtspunkt könnte ich ja wegen des «Überforderns» schließlich auch um einige Nachsicht bitten: das anspruchsvolle Flügelwippen deute ja nur an, daß es da für die biederen Käuze allerdings ebensowenig wie für die einsameren Kondore einen Ausweg gebe, daß also auch die Käuze sich wenigstens nicht überlaut rühmen sollten. Etc. Aber was heißt da Nachsicht? Ich weiß all|904mählich gut genug, daß alles Tun und Lassen des Menschen seinen bestimmten Preis hat, der früher oder später (und bei Verzug mit Zins und Zinseszins!) bezahlt werden muß. Meine Existenzweise kostet nun offenbar dies, daß ich mich, abgesehen von einigen ebenfalls etwas wilden und gschupften1 Schülergestalten männlichen und weiblichen Geschlechts, mehr von Furcht als von Liebe umgeben sehen muß. Ich meine manchmal die Nekrologe schon zu hören oder zu lesen, deren Aufgabe es dereinst sein wird, diesen Sachverhalt nicht zu verschweigen und doch nicht geradezu auszusprechen.
Doch wie dem auch sei, du hast irgendwie recht, nur daß ich sofort in Verlegenheit gerate, wenn ich mir überlege, wo und wie ich es nun im Einzelnen anders halten müßte und könnte. Ich saß bei der Abdankung unseres Freundes Bader2 neben Rudi, vor uns eine Reihe von leeren Bänken für die erst erwarteten Züricher Honoratioren und Matadoren. Und siehe, sie kamen und in ihrer Mitte, in einer Haltung, wie sie etwa der Hohepriester am großen Versöhnungstag eingenommen haben mag, so ganz sakral und doch auch bürgerlich mächtig, unser anderer Freund Emil. Es riß ihn ganz herum, als er unvermutet mich da erblickte, aber er mußte sich dann doch unmittelbar vor mir niederlassen. In Tischhausers Ansprache aber wurden dann nacheinander Kutter ein Lorbeer-, mir ein Eichenkranz, Emil wenigstens eine Ehrenmeldung verabreicht. Nachher vor der Kirche schien er dann — seltsamer Weise mit Lukas Christ zusammen — die Funktion einer Art von Trauermarschall zu versehen. Es kam also zu keiner Unterhaltung. Ja, aber wie soll ich mich nun ein anderes Mal — und wer weiß, ob nicht bald viele andere Male — diesem Freund gegenüber verhalten, um ihn und seine vielen Gönner und Gefolgsleute nun wirklich nicht zu überfordern? Ich hatte eben den Besuch eines ehemaligen Bonner Schülers, der jetzt in Zürich studiert und der mir über das, was Emil als «Lehrer» sagt und |905 besonders auch nicht sagt, sehr betrübt Bericht erstattete. Wenn es auch nur einigermaßen zutrifft, so ist bei Emil ungefähr Alles und Jedes bis hin zu Erbsünde, Rechtfertigung, Taufe in einer Weise im Rutschen, die auch die schlimmsten Erwartungen, die ich vor einem Jahr angesichts von «Natur und Gnade
📖» hegte und aussprach, übertrifft. Und das wälzt sich nun wie eine Schlammflut über die halbe oder ganze Schweiz, getragen von einer Studentenschaft, die die Theologie bereits weithin wieder für überflüssigen Ballast erkläre, getragen von so und so vielen Pfarrhäusern und seligen Oxfordgruppen, getragen vor Allem von der, wie es scheint, unermüdlichen Agitation des Meisters selbst. Die Broschüre über den heiligen Geist ist ja nun scheints auch erschienen.3 Ich werde sie natürlich genau lesen — aber wenn sich nun dieses Bild bestätigen und wenn ich nun mit diesem Freund inskünftig in einem nahen Gegenüber mich befinden sollte: lieber Eduard, wird es dann schon Überforderung der kleinen Leute sein, wenn ich nun eben schlicht und ohne Polemik gegen Zürich, aber auch ganz deutlich in Basel meine Sache so vortrage, daß das Volk zu Entscheidungen gedrängt wird? Ich möchte ja wirklich niemanden überfordern, aber kann man die Sache in dieser Situation billiger machen als so, daß effektiv ein bißchen jedermann zum Wählen aufgefordert wird? Sei es denn in der milderen Sprache, die ich Erwin Reisner gegenüber nicht nur darum, weil er kein Hohepriester, sondern ein dichtender Laie ist, dann aber auch darum, weil er keine Thesen vorgetragen, sondern lernbegierig gefragt hat4, zur Anwendung bringen mußte! Jedem das Seine, nicht wahr, und also gelegentlich auch suaviter in modo, aber doch unter allen Umständen fortiter in re. Habt ihr es — so möchte ich als schüchterner Ankömmling immerhin auch fragen — daran in der Schweiz nicht etwas fehlen lassen, daß dieser Emil dermaßen ins Kraut schießen konnte? Und wie ist das eigentlich mit den kleinen Leuten, die durch |906 mich überfordert seien? Sollten das nicht in der Hauptsache gewisse Theologen sein, während das wirkliche Volk vielleicht für ein bißchen Entweder-Oder bereits viel offener ist, als es die Apologeten und Pädagogen zugeben wollen? Daß dem so sei, das ist — ich kann da natürlich nur hören — die Meinung des Dr. Frey5 vom Pressedienst, der heute den ganzen Nachmittag bei mir war und dessen gesunde Ansichten über Kirche, Theologie und Welt ich eigentlich mit Vergnügen kennen lernte. Daß es keine integralen Lösungen und Resultate gibt, denke ich ja wirklich auch, aber darf sich die Kirche darum entbunden fühlen, nach einem integralen Denken und Reden wenigstens sich auszustrecken um damit das Anliegen gerade auch der wirklichen kleinen Leute wahrzunehmen? Was werden sie davon haben, wenn, wie es bei einem Triumph der Emilianischen Konzeptionen sicher zu erwarten steht, die Aufklärung und der Pietismus sich aufs neue in das friedhofsstill gewordene Gelände teilen werden?
Ja, nun habe ich, was ich doch gar nicht wollte, dennoch so etwas wie eine Apologie meiner überfordernden Kondorexistenz aufs Papier gebracht. Leg’s zum Übrigen und glaub mir nur, daß ich trotzdem bemüht bin, dem von dir Gesagten weiter nachzudenken.
Und nun bricht morgen der große Tag an, der so oder so die Entscheidung bringen soll. Die Sache geht nun wirklich auf Spitz und Knopf. Noch ist von der rheinischen und preußischen Bekenntniskirchenleitung kein Wort zu mir gedrungen, obwohl sie informiert sind darüber, daß ich einen vollzogenen Ruf von Basel unter allen Umständen auch annehmen werde6, so daß mir nur noch ein morgen früh eintreffender Brief Raum geben würde, Hauser in letzter Stunde aufzuhalten zu suchen, auch dann gewiß ein schwieriger Handel! Ich weiß nicht, wo es draußen hapert. Aber du kannst dir denken, daß unter diesen |907 Umständen auch ich einem so bedrückten Ruf von dort reichlich bedrückt entgegensehe und eigentlich schon lieber wünschte, er käme gar nicht mehr. Aber was weiß man? Und so möchte ich mich doch bis in die letzte Minute — es kann wohl sein, daß es morgen zuletzt um Minuten gehen wird — auch dafür offen halten. Gib also dort von dem, was ich dir hier schreibe, kein Wort weiter, damit mich Hauser nicht etwa zuungunsten der Deutschen vor ein fait accompli stelle. Wenn der Gerichtsentscheid heraus ist, dann werde ich allerdings, damit die Qual ein Ende habe, auch für ein rasches Wort aus Basel dankbar sein. Bis dahin müssen die Deutschen fair play haben. Ob sie davon Gebrauch machen? Das, ja das werden wir nun sehen! Wenn die Geschichte fällig ist, bekommst du ein Telephon7.
Noch raucht die Pfeife, aber ich bin wirklich sehr bedrängt!
Von Herzen