An Walter Hüssy, Safenwil/Aarburg
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An Walter Hüssy, Safenwil/Aarburg
1912
Das Dorf
Der
Am 3. Februar 1912 erschien im bürgerlichen «
Barth kommentierte den Vorgang in Briefen an seinen
Offener Brief an Herrn Karl Barth, Pfarrer in Safenwil
Es ist mir gestern Ihr Vortrag vom 17. Dezember 1911, gehalten im Schöße des
Von der Fülle philosophischer und sophistischer Betrachtungen hat wohl der Großteil Ihrer Zuhörer nicht viel behalten. Was ihnen jedoch geblieben ist, ist folgender Passus, den ich hier wörtlich wiedergebe: Das Privateigentum muß fallen, nicht aber das Privateigentum überhaupt, sondern das Privateigentum an Produktionsmitteln.14 Damit wollen Sie also sagen, das Privateigentum unselbständig Erwerbender wird gesichert, dasjenige der selbständig Erwerbenden konfisziert und verteilt. Danach muß aber auch jedem unselbständig Erwerbenden zugunsten der ändern wieder der Garaus gemacht werden, sobald er sich, kraft seiner Intelligenz und seines Arbeitsgeistes, zum selbständig Erwerbenden erhebt.
Ihre weitere Bemerkung, «das Eigentum werde nach dem heutigen Strafrecht besser geschützt als der gute Ruf und die Sittlichkeit»15, |8 beweist ja zur Genüge die Richtigkeit meiner Auffassung über Ihre Auslassungen. Sie waren allerdings klug genug, dieselbe in den Mund einer Allgemeinheit des «Wollen des Sozialismus» zu legen.16 Da Sie dieselben jedoch stark apostrophiert haben, repräsentieren sie jedenfalls Ihre höchst eigenen Gedanken und frommen Wünsche.
Der Sozialismus ist, wie Sie sagen, eine Bewegung von unten nach oben17; danach verlangen Sie aber auch eine Gegenströmung von oben nach unten, vergessen es bloß zu erwähnen. – Viele der größten Arbeitgeber aller Zeiten waren in ihrer Jugend unselbständig Erwerbende18, man hätte sie also beizeiten, getreu Ihrer Theorie, herunterzerren sollen, damit sie nicht zu hoch kommen. Wie viele hunderttausende von Familien dann nicht die behagliche Existenz erhalten hätten, derer sie sich jetzt erfreuen, das zu beurteilen überlasse ich denen, die ein objektiveres Urteil haben und die ich auch unter den Leuten finde, denen Sie jetzt den Kopf zu verdrehen trachten.
Sie wollen also nicht nur den selbständig Erwerbenden vernichten, sondern auch dem unselbständig Erwerbenden, dessen Los Ihnen jetzt so am Herzen liegt, den Weg nach oben, den ihm niemand versperrt und den auch niemand versperren kann, gewaltsam limitieren. Sie wollen also jegliche Initiative im Keime unterdrücken. Wer zieht aber dann den Karren? Die Räder laufen nicht von selbst, und diejenigen, die den Karren ziehen, müssen eine gewisse Ellbogenfreiheit haben, sonst kommt der Karren nicht vom Fleck und diejenigen, die in die Räder greifen, sowie diejenigen, die darauf sitzen, erst recht nicht.
Das ist also Ihr Ideal eines Zukunftsstaates! Hr. Pfarrer, Sie sind noch sehr jung. Lassen Sie sich deshalb von einem Älteren sagen, daß selbst im 20. Jahrhundert immer noch ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht, über den uns auch die ältesten und deshalb nicht mehr zeitgemäßen Bibelsprüche, nicht hinweghelfen.19
9Was Sie wollen, ist übrigens praktisch schon erprobt worden, doch haben die Versuche jeweilen in einigen Jahren mit einem kläglichen Fiasko geendet. Ich erinnere Sie nur an
Soviel über das Allgemeine Ihres Vertrages, das sich mehr wie Zukunftsmusik anhört. Ich finde aber darin einen noch mehr aktuellen Wunsch, den, vorläufig sich mit der Teilung des Reingewinnes zufrieden zu geben.21 Gestatten Sie mir auch hierüber noch folgendes: Die zeitweiligen Gewinne sind für den Fabrikanten unbedingt notwendig, um die bei schlechtem Geschäftsgange unvermeidlichen und manchmal ganz enormen Verluste zu kompensieren. Denn wenn Sie die Gewinne in guten Zeiten verteilen wollten, so wären sie bald verflogen und, wenn Not am Mann, nicht mehr aufzutreiben, selbst wenn Sie von den Arbeitern Gegenrecht verlangten. Haben Sie auch schon darüber nachgedacht?
Dann besteht ein Fabrikat nicht bloß aus Arbeitslöhnen. Zu dessen Herstellung ist auch Material nötig, ebenso Maschinen und eine Menge anderer Sachen. Zudem ist die Industrie schon längst gezwungen, die Arbeitslöhne so in Berechnung zu ziehen, wie sie dieselben bezahlt hat. Auf den Arbeitslöhnen wird deshalb im günstigsten Falle nichts verdient.
Wenn nun überhaupt bei einem Betriebe ein Gewinn erzielt wird, so gehört das Verdienst lediglich der kaufmännischen Leitung desselben. Kauf, Verkauf und rationeller Betrieb sind die Faktoren, die da bestimmend in Betracht fallen. Was trägt aber der Arbeiter dazu bei? Mit welchem moralischen Rechte verlangen die Arbeiter, oder besser gesagt, Sie und Ihre Gesinnungsgenossen, für dieselben einen Anteil |10 an etwas, zu dem sie nicht das Mindeste beigetragen haben? Herr Pfarrer, von einem gebildeten Menschen im allgemeinen darf man verlangen, daß er sich nur über solche Materien öffentlich ausläßt, die er auch vollkommen beherrscht. Von einem Seelsorger im Speziellen aber kann man verlangen, daß er vermittelnd wirkt und nicht mit solchen, allem gesunden Menschenverstande hohnsprechenden Mitteln Zwietracht unter Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu säen sucht.
Die Mehrzahl der Zuhörer konnte Ihre Rede nicht auf den innern Wert analysieren. Sie nahmen das Gesagte deshalb für bare Münze. Das wissen Sie, damit rechnen Sie, das ist eben das Saubere an der ganzen Geschichte.22
Noch eins. Wenn Sie wieder einmal Lust haben, Ihre unbändige Wut über den Kapitalismus auszulassen, so ziehen Sie die Industrie nicht in Mitleidenschaft. Denn Kapitalismus und Industrie sind zwei ganz verschiedene Begriffe. Ich hätte Ihnen zugetraut, daß Sie das wissen.
Antwort auf den offenen Brief
des Herrn W. Hüssy in Aarburg
Mein Dezembervortrag im
11Hören Sie zuerst das Vorspiel! Sie machen mir den ebenso grundlosen wie groben Vorwurf, ich habe meinen Zuhörern berechnenderweise etwas als «bare Münze» geboten, was es gar nicht gewesen sei, und das sei «eben das Sonderbare23 an der ganzen Geschichte». Herr
Das war das Vorspiel. Nun kommt das Stück. Also: «Das Privateigentum an Produktionsmitteln muß fallen», habe ich gesagt und Sie damit außer Fassung gebracht. Sie haben daraus gemacht: «Das Eigentum der selbständig Erwerbenden wird konfisziert und verteilt.» Geehrter Herr, darf ich Ihnen ein paar gute Bücher leihen oder angeben, aus denen Sie sich über das Wesen der modernen sozialistischen Theorie unterrichten könnten? Oder muß ich diese meine Antwort zu einer Abhandlung darüber anschwellen lassen? Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß Sie mit dieser Deutung meines Satzes unwiderleglich bewiesen haben, daß Sie von dem Sinn meines jedem auch nur einigermaßen Sachkundigen ganz geläufigen Gedankens keine blasse Ahnung haben. Sie gebärden sich, wie wenn Sie auf den Passus meines Artikels hin, der Ihnen geblieben ist, zum ersten Mal über den Sozialismus nachgedacht hätten. Ich fürchte, dem ist wirklich so, so rührend naiv plaudern Sie Ihre Einwände dagegen aus. Darf ich Sie an das erinnern, was Sie mir am Schluß Ihres «offenen Briefes» über den «gebildeten Menschen» gepredigt haben? Aber ich will Ihnen, soweit es in der Kürze geht, gerne Auskunft geben. Wo in aller Welt haben Sie in meinem Vortrag die Meinung ausgesprochen gefunden, die Sie mir unterschieben, als ob es sich um das «Konfiszieren und Verteilen» des Privateigentums handle? So etwas sagt man doch höchstens kleinen Kindern, wenn man sie vor dem roten Mann will graulen machen. Und wie können Sie sich die Blöße geben, den Sozialismus mit dem Kommunismus von
Nun wollen Sie aber neben dieser «Zukunftsmusik» in meinem Vortrag auch einen «noch mehr aktuellen Wunsch» entdeckt haben, nämlich den, «vorläufig sich mit der Teilung des Reingewinnes zufrieden zu geben». Ich kann nur staunend den Kopf schütteln über den Abgrund von Verständnislosigkeit, der sich in dem Worte «vorläufig» auftut, das Sie da brauchen. Sie meinen: «vorläufig» wird nur der Reingewinn verteilt, zuletzt aber geht es unter den Klängen der Zukunftsmusik an das große Konfiszieren, worauf dann Jeder seinen Teil am gemeinsamen Vermögen in die Tasche steckt und nach Hause |15 geht, um sich damit lustig zu machen. Merken Sie denn gar nicht, daß das, was Sie so plump die «Teilung des Reingewinnes» nennen, gerade das Endziel des sozialistischen Gedankens ist und nicht etwas «Vorläufiges»? Daß es sich hier um den springenden Punkt handelt zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Der reine Ertrag der gemeinsamen Arbeit von Unternehmer und Arbeiter geht zum Privateigentum des Erstern, weil er Privatbesitzer der Produktionsmittel ist. Das ist das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. (Sie wissen recht gut, daß die gesamte Industrie kapitalistisch organisiert ist, und der Vorwurf einer Begriffsverwirrung zwischen Kapitalismus und Industrie, den Sie mir zuletzt machen, ist eine sachlich völlig belanglose Haarspalterei.) Dieses Wirtschaftssystem bekämpft der Sozialismus, und das mit Recht. Denn diese Einstellung des Reinertrages in das Privatvermögen des Unternehmers ist durchaus nicht ein Äquivalent für dessen persönlichen Beitrag zu der gemeinsamen Arbeitsleistung. Die kaufmännische Leitung, die in der Regel in seinen Händen liegt, ist zwar das letzte und darum gewiß ein äußerst wichtiges Glied des Produktionsprozesses. Aber sie ist nur ein Glied neben andern. Es ist starker Tabak, den Sie uns serviert haben mit der Behauptung, der Arbeiter habe zum Reinertrag «nicht das Mindeste» beigetragen. Das sieht denn doch jedes Kind ein, daß eine industrielle Unternehmung weder Reinertrag noch überhaupt Ertrag haben würde ohne die Mitwirkung des Arbeiters. Warum bekommt er vom Unternehmer nur Lohn statt Anteil am Ertrag? Es gibt keinen andern Grund dafür als die Tatsache, daß die Produktionsmittel Privateigentum des Unternehmers sind und daß der Arbeiter daher froh sein muß, für seine Arbeit wenigstens Lohn zu bekommen. Diese Ungleichheit und diese Abhängigkeit ist eben das Unrecht, das wir nicht wollen. – Aber nun machen Sie den altbekannten Einwand von den guten Zeiten mit hohem Reingewinn, die die Verluste der schlechten Geschäftsjahre kompensieren müßten. Ja, glauben Sie denn, daß man nach der Verstaatlichung des Produktionsbetriebes den Reingewinn restlos unter Direktoren und Arbeiter verteilen würde, daß es dann kein Anlegen von Reserven mehr gäbe, wie es doch schon jetzt in allen Staatsbetrieben üblich ist? Aber auch abgesehen davon ist dieser Einwand ein Fechterkunststück, kein Grund. Oder wollen Sie im Ernst behaupten, daß die Kapitalisierung des Reingewinns nur zur Kompensation schlech|16ter Geschäftsjahre nötig und dienlich sei? Das glaubt Ihnen in
Zum Schluß noch ein Wort über Ihre Phrase, daß zwischen Theorie und Praxis ein Unterschied bestehe. (Denn Sie werden doch selbst nicht den Mut haben, diesem Gemeinplatz als einen Gedanken zu bezeichnen?) Sie wollen damit sagen, daß man die Praxis mit der Theorie möglichst ungeschoren lassen solle. Dieser Wunsch ist in Ihrem Munde höchst begreiflich. Was Sie mit der Praxis meinen, das ist der Privatnutzen, und was ich mit der Theorie meine, das ist die Gerechtigkeit. Sie tun sehr klug daran, dem Privatnutzen die Gerechtigkeit möglichst vom Leibe zu halten und gewisse fatale Bibelsprüche als «alt und deshalb nicht mehr zeitgemäß» zu erklären. Aber wir wollen es abwarten, wessen Licht länger brennt, dasjenige Ihrer Klugheit, die die Theorie von der Praxis trennt, oder dasjenige des Sozialismus und der Bibel, die an die Stelle des Privatnutzens die Gerechtigkeit setzen.
Sie können mir noch mehr «offene Briefe» schreiben, geehrter Herr, wenn Sie Lust dazu spüren; aber verlassen Sie sich darauf, daß Sie damit den Gang der Dinge in der Welt nicht aufhalten werden und auf die Länge nicht einmal im Bezirk
Offener Brief an Herrn Karl Barth, Pfarrer in Safenwil
Vor mir liegt Ihre Antwort auf meinen Brief vom 3.crt.33 Ich vermisse darin eine gewisse Logik. Namentlich in einer Beziehung: Furcht vor dem roten Mann, und somit auch vor Ihnen, kann mich doch unmöglich veranlaßt haben, denselben an Sie zu richten. Ich verzichte, auf die Materie näher einzutreten, da Ihnen ja die Fähigkeit abzugehen scheint, ruhig und sachlich darüber nachzudenken, ob das, was Sie anstreben, auch wirklich durchführbar sei. Ich muß bloß in aller Form gegen den Vorwurf protestieren, mit Ihnen einen öffentlichen Streit, aus rein persönlichen Motiven, vom Zaune gerissen zu haben, den Sie aber auf dieses Gebiet hinüberleiten. Sie haben mit der Publikation Ihres Vortrages im «