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An Prof. D. Martin Rade, Marburg

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An Prof. D. Martin Rade, Marburg

1914

Als Karl Barth in seinem letzten Studiensemester im Sommer 1908 nach Marburg kam, wo er bei Wilhelm Herrmann (1846–1922) studieren wollte, begegnete er auch Martin Rade (1857–1940), der seit 1904 dort als Professor für Systematische Theologie und Religionsgeschichte wirkte und den er wahrscheinlich in dessen Offenen Abenden näher kennenlernte.1 Barth arbeitete nach seinem Examen vom November 1908 bis zum August 1909 als Redaktionsgehilfe in der Zeitschrift «Christliche Welt», die Rade seit 1886 herausgab.2 Nach Barths anschließender Rückkehr in die Schweiz blieb die Verbindung zu Rade erhalten: Barth und Rade wechselten Briefe, sahen sich gelegentlich in Marburg oder in der Schweiz, und Barth veröffentlichte Aufsätze in der «Christlichen Welt» und in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche», die Rade seit 1907 zusammen mit Herrmann herausgab.3 Auch als sich Barth im Winter 1913/14 vornehmlich mit Sozialismus und mit Sozialpolitik beschäftigte, blieben die CW und die ZThK seine Lektüre.4

Als sich nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 die nächste Nummer der CW verspätete, schrieb er Rade: «Die letzte Nummer der CW (2.-8. Aug.) muß im Kriegsgetümmel verloren gegangen sein. Könnten wir sie wieder bekommen? Wir möchten gerade Jetzt den geistigen Kontakt mit Marburg um keinen Preis missen!»5 Nachdem jedoch die Zeitschrift eingetroffen war, urteilte er in einem Brief an seinen Freund Eduard Thurneysen: «Etwas vom Betrüblichsten ist mir die Haltung der ‹Christl. Welt›, resp. Rades. Nun setzt er uns als letzten Trost die erbärmlichen Sophismen (wenigstens kommen |19 sie mir in diesem Augenblick so vor!) Luthers über die seligen Kriegsleute vor.»6 Am 31.8. schrieb Barth an Rade einen Brief, der durch Veröffentlichung im Oktober zum Offenen Brief wurde.

Thurneysen, sehr beunruhigt über die Haltung der Religiös-Sozialen, hielt es für einen «grauenhaften Widerspruch», «wenn man betende Hände zu dem einen Gott und die Waffen gegeneinander erhebt.»7 Am 4.9. sandte Barth Texte von Friedrich Naumann an Thurneysen zurück, die dieser ihm als Unterlagen für einen Artikel über den Jahrgang 1913 der von Naumann herausgegebenen Zeitschrift «Die Hilfe» geliehen hatte8, und teilte dem Freunde mit, er sei froh, daß er sich «diesen Sommer noch damit beschäftigt» habe: «Der geistige Zustand unserer deutschen Freunde ist mir nun viel verständlicher, wenn auch um nichts sympathischer. Ich habe ein ausführliches, sorgfältig redigiertes Manifest gegen diesen Zustand an Rade erlassen. Er hatte scheints die Naivität, zu meinen, wir müßten doch selbstverständlich deutschfreundlich (und nicht neutral) gesinnt sein. Es ist, wie Ragaz sagen würde, ‹von symptomatischer Bedeutung›, daß ein Mann wie Rade so völlig den Kopf verlieren kann in dieser Lage. Die absoluten Gedanken des Evangeliums werden einfach bis auf weiteres suspendiert, und unterdessen wird eine germanische Kampfreligion in Kraft gesetzt, christlich verbrämt durch viel Reden von ‹Opfer› etc. Beweis genug, daß die ersteren schon vorher bei diesem Christlichen-Welt-Christentum mehr Firnis als innerlicher Besitz waren. Marburg und die deutsche Kultur verliert in meinen Augen etwas, und zwar für immer, durch diesen Zusammenbruch.»9

Rade reagierte auf Barths Brief vom 31.8. nach dem Eindruck von Barths Bruder Peter gekränkt und betroffen10, äußerlich aber gefaßt, und schlug Barth am 25.9. vor, Barths Brief und seine Antwort in den «Neuen Wegen» abzudrucken.11 Barth antwortete ihm am 1.10.: |20 «Wichtig war mir vor allem, daß du in Deutschland auf dem äußersten Flügel stehst und sogar Anfechtungen durchzumachen hast.» Inzwischen seien ihm sechs weitere Stellungnahmen von deutschen Theologen bekannt geworden.12 Doch könne er «sachlich nichts zurücknehmen. Im Gegenteil: Die Kluft ist weiter geworden seitdem, ich könnte mich heute kaum mehr zu der Ruhe zwingen, mit der ich dir meinen letzten Brief schrieb. Ich würde jetzt so gerne schreiben: ich verstehe dich und du verstehst uns, aber es wäre einfach nicht wahr: wir verstehen uns nicht. Du bist anders als die Anderen, aber nur graduell anders, während zwischen euch Allen und uns ein prinzipieller Unterschied besteht. Wie gerne würde ich Deine letzten zwei Andachten anders deuten. Daß wir alle sie dir hoch anrechnen, brauche ich dir nicht zu versichern. Aber all das Andere, was du geschrieben hast und hast schreiben lassen, ist dadurch nicht weggewischt.»13 «In mir ist etwas von der Hochachtung deutschem Wesen gegenüber für immer zerbrochen, das weiß ich […], weil ich sehe, wie eure Philosophie und euer Christentum nun bis auf wenige Trümmer untergeht in dieser Kriegspsychose.» Barth stand Rades Vorschlag, den Briefwechsel in dem Organ der Schweizer Religiös-Sozialen abzudrucken, «wenig geneigt gegenüber», weil die Publikation in diesem Blatt «ganz einseitig den Charakter einer an uns Schweizer gerichteten Aufklärung oder Rechtfertigung» erhielte: «Sie würde ein Teil des großen Papierfeldzuges um die Seele der Neutralen, der gegenwärtig von Deutschland aus geführt wird.» Ihm sei, wenn er auch den Abdruck in der Schweiz «nicht geradezu ablehnen» wolle, ein Abdruck in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche» lieber.14

Rade hielt das jedoch im Jahr 1914 nicht mehr für machbar, erklärte am 5.10. Barths Befürchtungen für grundlos, kündigte ihm an, er werde jedenfalls auf Barth in den «Neuen Wegen» antworten, und stellte |21 es ihm anheim, seinen eigenen Brief zusammen mit Rades Antwort dort zu veröffentlichen; am gleichen Tage verfaßte er einen auf den 5.9. zurückdatierten Antwortbrief an Barth. Beide Briefe wurden in der Nr. 10 der «Neuen Wege» unter dem Titel «Briefwechsel von Karl Barth und Martin Rade» veröffentlicht.15 Außerdem druckte Rade Barths Brief mit anderen Briefen unter der Überschrift «Auch ein Stück Zeitgeschichte» in dem Mitteilungsblatt «An die Freunde der Christlichen Welt» ab, das jeweils vertrauliche, nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmte Mitteilungen enthielt.16

Barth richtete am 4.11. einen grundsätzlich kritischen Brief an Wilhelm Herrmann, der die Botschaften «An die Kulturwelt» und «An die evangelischen Christen im Ausland» unterzeichnet hatte17; diesen Brief bekam auch Rade zu lesen.18 Barth ging aber auf Rades Vorschlag nicht ein, den Briefwechsel in der Öffentlichkeit fortzusetzen. Er reagierte in zwei Privatbriefen an Rade, einem kürzeren vom 14.11., in dem er um die Zusendung des Mitteilungsblatts «An die Freunde» bat, und einem längeren vom 23.11.1914. Darin gestand er nach Lektüre des Mitteilungsblattes zu, daß Rade ihm im Vergleich zu anderen deutschen Theologen noch näher stehe, machte aber doch ausführlich «die ganze Tiefe des Gegensatzes» deutlich: «Das Verhal|22ten der deutschen Bildung und des deutschen Christentums ist für mich das erschütterndste Problem in diesem Kriege. An nichts ist die Katastrophe, die wir durchmachen, so deutlich geworden wie daran. Das wird mich noch lange beschäftigen, wie es möglich war, daß die Deutschen auf einmal so sein konnten […]»19

An Prof. Leonhard Ragaz schrieb Barth: «Rade möchte ich öffentlich nicht mehr antworten. Durch seinen Rekurs auf das ‹Erlebnis› hat er sich m.E. auf ein Gebiet zurückgezogen, auf das man ihm in öffentlicher Diskussion nicht gut folgen kann, bes. nicht in einer Zeit von so gesteigerter Empfindlichkeit wie die jetzige. Ich habe ihm das brieflich ausführlich begründet. Es gilt sicher den Deutschen gegenüber […] abzuwarten, bis die ruhige Einsicht und Selbstkorrektur kommt.»20 Anfang 1915 blickte Barth in einem Brief an seinen Freund Willy Spoendlin auf die letzten Monate zurück: «Dann kamen die Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland wieder, gleichzeitig mit den Nachrichten von ihren großen Erfolgen. Und dann kam die große Aufgabe, sich selber und der Gemeinde bis ins Tiefste klar zu machen, daß der liebe Gott sicher neutral ist und daß wir Schweizer Alles Andre zu thun haben, als jetzt mit zu politisieren, Partei zu nehmen, zu schimpfen, zu klagen etc. für oder gegen die kriegführenden Parteien dadraußen.21 Die Versuchung dazu war ja ziemlich groß, bes. bevor die Papierflut aus Deutschland zu uns hereinbrach. […] Mir haben die deutschen Theologen, Philosophen, Historiker etc. mit ihrer ganzen Angriffs- und Verteidigungsliteratur den Dienst geleistet, mich von derartigem Mitpolitisieren recht frei zu machen. Ich habe eine |23 arge Götterdämmerung erlebt, als ich studierte, wie Harnack, Herrmann, Rade, Eucken22 etc. sich zu der neuen Lage stellten, wie Religion, Wissenschaft, Kunst und persönliche Kultur, Alles, was wir an ihnen da draußen hochschätzten (und an den Deutschen vor Allem), restlos sich in geistige 42cm Kanonen23 gegen asiatische Barbarei, englischen Krämergeist, französische Lüge etc.24 verwandelten und bis auf diesen Tag in dieser Verwandlung beharrten. Diese ‹Mobilmachung des Geistes›25 (sie hat sich ja auch in den andern Ländern vollzogen, aber nirgends so akzentuiert und gegenüber uns Neutralen so aufdringlich wie in Deutschland) ist für mich immer mehr zum Hauptproblem der Zeit geworden. Wo ist das Christentum hingekommen? Über den Kaiser26 und seine Hofprediger27 verwundere ich mich kaum, auch nicht über die Masse, aber über die geistigen Führer des deutschen Christentums? Was für ein Zusammenbruch der geistigen Ideale nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Gesinnung, in der ruhigen Theorie! Und der Sozialismus? Die Haltung der Reichstagsfraktion28 und des ‹Vorwärts›29, der sich das Thema ‹Klassenkampf› |24 verbieten läßt und dafür mitschimpft über die infamen Engländer etc. Wie haben jetzt Naumann und seine Freunde recht behalten in der Beurteilung der Sozialdemokratie!30 Und die deutsche Wissenschaft, mit ihrer Objektivität, ihrem kritischen Sinn, ihrem freudigen Idealismus – Alles zum Teufel, Alles dem Moloch ‹Not kennt kein Gebot›31 geopfert. Ich verkenne das Große gewiß nicht, das in dem Zusammenschluß des deutschen Volkes liegt, aber ich sehe nur eine große Tragik darin, ein furchtbares Mene Tekel32 für unsre ganze Kultur, furchtbarer als alle Verluste und Zerstörungen des Krieges im äußerlichen Sinn! Also so bewährt sich das Beste und Feinste, das wir an idealistischem Geist in der Welt hatten: Kant, Schiller, Goethe, Schleiermacher etc. – Alles, Alles endigt nun mit: Gott strafe die Engländer!33 Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, daß ich in eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Deutschen hineingezogen worden bin. Ich habe einen Brief an Rade geschrieben und ihm mein Bedauern ausgesprochen, daß auch die ‹christliche Welt› in den kriegerischen Rummel sich so hineinziehen lasse zum Schaden des eigentlich Christlichen. Rade verabredete dann über meinen Kopf weg mit Ragaz, meinen Brief und seine Antwort darauf in den ‹Neuen Wegen› zu publizieren, ich sträubte mich dagegen, mußte aber leider nachgeben, und der Brief trägt mir nun, da er als Privatbrief wirklich etwas lebhaft geschrieben ist, viele Püffe und wilde Tadelnsworte von allen Gemäßigten ein, die gegen mich ganz mit Recht geltend machen, daß wir Schweizer uns im Kriegsfall wohl ganz ebenso unkontrolliert und unchristlich aufführen würden.»34

Anfang Januar 1915 kam es in Bern in kleinstem Kreise zu einer Aussprache mit Rade, aber die Differenz blieb bestehen.35

25Die beiden Briefe werden hier nach dem Abdruck in den «Neuen Wegen» wiedergegeben. Barths Originalbrief war in diesem Abdruck im Wortlaut kaum verändert, aber durch drei kleinere Auslassungen verkürzt worden, die hier in ⌜⌝ wieder ergänzt werden.

Hochverehrter Herr Professor!

Ich habe es mir lange überlegt, nun muß ich es Ihnen doch sagen, wie sehr mir die letzten drei Nummern der «Christlichen Welt» (32 bis 3436) eine Enttäuschung, ⌜religiös geredet⌝ ein «Ärgernis» sind. Es fällt mir so schwer, Ihnen das zu schreiben, und noch viel schwerer muß es Ihnen fallen, mir zuzuhören. Aber ich habe das Gefühl, es ginge innerlich etwas entzwei zwischen Marburg und mir, wenn ich jetzt schweigen würde. Und Sie hatten doch immer wie Wenige die Fähigkeit, auch ganz andere Gesinnungen und Stimmungen als Ihre eigenen und die gerade um Sie herrschenden zu begreifen. Das kann trotz Allem nicht so ganz anders geworden sein. Und ich habe den Mut, Ihnen zu schreiben, weil ich weiß, daß ich nicht der Einzige bin diesseits des Rheins, der so denkt.

Wir verstehen Sie nicht, ⌜verehrter lieber Herr Professor,⌝ wir können und wollen Sie nicht verstehen in Ihrer bisher eingenommenen Haltung dem Krieg gegenüber. Bitte werfen Sie mir jetzt nicht gleich dazwischen, daß ich als Schweizer für und über den Krieg nicht reden könne. Sie machen sich die Abwehr unserer Einwände immer wieder viel zu leicht mit dieser Feststellung (auch Sp. 774!37). Über alles Po|26litische sage ich kein Wort, ich maße mir kein Urteil darüber an, es dürfte bei der Kompliziertheit der Dinge überhaupt jetzt noch nicht möglich sein, darüber zu urteilen. Aber ich vermisse schon die letztere Einsicht, die doch für Sie so gut gilt wie für uns. Alles, was Sie in der «Christlichen Welt» jetzt sagen, geht von der stillschweigenden oder ausdrücklichen Voraussetzung aus, daß Deutschland Recht hat in diesem Kriege. Ich trete nicht ein auf diese Frage. Die Geschichte wird darüber entscheiden. Aber das verwundert mich, daß die «Christliche Welt» – eine religiöse, christliche Zeitschrift und von der geistigen Kultur der «Christlichen Welt» – diese populäre Voraussetzung einfach mitmacht (Volles Vertrauen Sp. 76738, Glaube an die gute Sache Sp. 77039, Anklage gegen England und Rußland Sp. 78240), wo es doch vom Standpunkt des Glaubens wie der Bildung aus nur Schweigen |27 geben dürfte, weil diese Dinge noch sub judice sind. Und das führt mich nun sofort zu dem Hauptanstoß, den ich, den wir jetzt an der «Christlichen Welt» nehmen. Sie haben jene Voraussetzung nötig als Grundlage dessen, was Sie (Sp. 78841) «fromme Kriegsfertigkeit» nennen. Und das ist nun noch schlimmer als jene Voraussetzung. Das ist mir das Allertraurigste in dieser traurigen Zeit, zu sehen, wie jetzt in ganz Deutschland Vaterlandsliebe, Kriegslust und christliches Glauben in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten und wie nun auch die «Christlichen Welt» prinzipiell tut, wie ganz Deutschland tut. Das ist die Enttäuschung für uns, von der ich Ihnen sagen muß: daß wir sehen müssen, wie die «Christliche Welt» in diesem entscheidenden Augenblick aufhört, christlich zu sein, sondern sich einfach dieser Welt gleichstellt.42 Das, was in diesem Augenblick das vom christlichen Standpunkt aus einzig Mögliche wäre, der unbedingte Protest gegen den Krieg überhaupt und gegen all das Menschliche, was ihn herbeigeführt hat, das wollen Sie gerade jetzt (wann hat es einen Sinn, wenn nicht jetzt?, möchte ich fragen) nicht hören, sondern Sie wollen das «Rein-Religiöse» (Sp. 78643) in den Vordergrund stellen, das nach den bisherigen Proben nichts Anderes bedeutet als das Deutsch-Religiöse. Dieser Zusammenbruch vor der «harten Realität» ist’s, der uns weh tut, wir hatten von der «Christlichen Welt» Anderes erwartet. Es versteht sich von selbst, daß Deutschland den Krieg, den es nun, mit Recht oder Unrecht, einmal hat, auch führen muß, mit Verteidigung und Angriff, mit 42cm-Geschützen44 und Neutralitätsver|28letzungen, mit Massenfüsilierung und Städtezerstörungen.45 À la guerre comme à la guerre.46 Aber warum lassen Sie bei dieser ganzen weltlichen, sündigen Notwendigkeit Gott nicht aus dem Spiele? Meinetwegen durch völliges Schweigen, wenn der «harten Realitäten»47 wegen das Protestieren nicht angeht; Schweigen mit allen religiösen Beziehungen auf das, was die Deutschen jetzt tun müssen, wäre auch ein Protest. Aber nicht Gott in der Weise in die Sache hineinziehen, als ob die Deutschen mitsamt ihren großen Kanonen sich jetzt als seine Mandatare fühlen dürften, als ob sie in diesem Augenblick mit gutem Gewissen schießen und brennen dürften. Das nicht! Und gerade das, das gute Gewissen predigen Sie jetzt, jetzt, wo das schlechte Gewissen das christlich allein Mögliche wäre gegenüber der nun einmal vorhandenen weltlichen, sündigen Notwendigkeit. Wie soll es mit den Menschen vorwärts gehen, wenn man ihnen jetzt – in diesem furchtbaren Ausbruch menschlicher Schuld – für ihr Tun noch den Trost des guten Gewissens spendet? Gibt es im gegenwärtigen Augenblick, wenn man |29 nicht das Schweigen dem Reden vorziehen will, etwas Anderes zu sagen als «Buße»? Ja! sagen Sie, es gibt etwas Anderes, und lassen die Engel im Himmel sich über die deutsche Mobilisation freuen48, lassen die deutschen Frauen ihr Kriegsgebet mit Trommelschlag beten49, lassen Fritz Philippi von einem heiligen Krieg reden50 (beides übrigens poetisch ganz wundervolle Stücke, religiös um so bedenklicher!), machen selber den Paulus zum Advokaten der Vaterlandsreligion51, feiern das Zusammenknicken der deutschen Sozialdemokraten am 4. August als etwas «Wundervolles»!! (Sp. 78752) und drucken – dies für mich das Gravierendste – die Lutherschrift über den Krieg ab, die mich, ich muß es Ihnen gestehen, in diesem Zusammenhang, angewendet auf diesen Macht- und Rassenkampf, in ihrer Mischung von Naivität und Sophisterei einfach anwidert. «Fromme Kriegsfertigkeit» – ist das das Wort, das die «Christliche Welt» in dieser großen Stunde zu sagen hat? «Gottes Wille aus dem Wirklichen erkennen» wollen Sie.53 Das möchten auch wir. Aber in der Art, wie wir es tun, offenbart sich der ganze ernste religiöse Gegensatz, der zwischen Ihnen allen und uns besteht und neben dem mir alles das, was Sie z.B. mit |30 D. Kaftan verhandeln54, bedeutungslos erscheint. Wir sagen: Hominum confusione et Dei providentia mundus regitur55, wehren uns gegen die confusio, so lange es geht, fügen uns ihr in bitterer Beschämung, wenn es nicht mehr geht, und glauben dann, daß Gottes56 providentia trotz uns zustande bringt, was er haben will. Sie gehen religiös von dem neusten Testament aus, daß der Christ heute unter ganz anderen Bedingungen lebe als zur Zeit der Apostel (Sp. 770)57, folgern daraus ohne Zaudern die Pflicht, sich als Deutsche mit Ehren zu behaupten, und gehen dann ohne weitere Umstände dazu über, «ein festes Herz» zu bekommen.58 – Ich will mir das Schlagwort von den «zwei Religionen» nicht aneignen59, aber noch nie ist mir so klar gewesen wie jetzt, wie recht Luther hatte, als er unserm Zwingli das Wort vom «andern Geist» sagte.60 Das hat nun offenbar so sein sollen, daß dieser Gegensatz einmal zu offenem und unversöhnlichem Ausdruck gekommen ist. Gerade weil Sie so unmittelbar und unter starkem Druck geschrieben haben.61 Ich habe nun nur die eine Angst, die |31 ich schon andeutete, daß Sie diesen Gegensatz wieder auf einen politischen, schweizerisch-reichsdeutschen reduzieren. Sie haben uns das nun schon oft so gemacht und beharren offenbar dabei, hier, auf der Oberfläche, den Kern des Problemes zu suchen. Ich habe aber die Hoffnung, daß gerade die Wucht der gegenwärtigen Tatsachen dazu dienen wird, auch Ihnen eine andere Orientierung wenigstens näherzulegen, als es bis daher der Fall war.

⌜Mit den herzlichsten Grüßen an die lieben Ihrigen auch von meiner Frau
Ihr ergebener⌝
Karl Barth
Lieber Freund,

Unter den vielen Briefen, die mir die «Christliche Welt» während des Krieges eingetragen hat, ist der Ihre der einzige, den ich öffentlich beantworten möchte. Einmal wegen seiner prinzipiellen, im guten Sinne des Worts dogmatischen Haltung: ich möchte Sie um Erlaubnis bitten, Ihren Brief mit meiner Antwort in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche» veröffentlichen zu dürfen; dorthin wird auch nach Ihrem Empfinden die Auseinandersetzung am besten gehören. Aber ich wage es doch, mit einem Vorläufer meiner durchgearbeiteten Antwort auch an die «Neuen Wege» heranzutreten, weil Sie (zweitens) in Ihrem Briefe des öftern versichern, daß Sie nicht nur persönlich zu mir sprächen, sondern im Sinne einer Schar von «Wir». Damit können Sie nur die entschiedenen Religiös-Sozialen der Schweiz meinen, und wenn ich zunächst denen mit meiner Antwort dienen möchte, so ist ja das Gewiesene, daß ich um die Gastfreundschaft der «Neuen Wege» bitte.63

Die innere Lage, in welcher der Krieg uns traf, war für die Religiös-Sozialen der Schweiz und für mich eine sehr verwandte. Fühlte ich schon immer mich in meiner Gesinnung Ihrem Kreise sehr nahe ste|32hend, so ging ich eben mit Semesterschluß ernstlich an den ehrenvollen Antrag heran, den ich ihm verdanke. Ich sollte ja auf unserm Internationalen Kongreß in Basel über «Christentum und Frieden» reden.64 Zusammen mit einem Engländer und einem Franzosen!65 Meine kurzen Leitsätze dafür hatte ich längst in eine erste Form gebracht, die ich hierher setzen darf – in allen drei Sprachen, zum symbolischen Ausdruck dessen, was uns bewegte, und weil ich auch für die fremdsprachige Form schon gesorgt hatte –:

1. Weltpolitik, d.i. das wechselsweise Verhalten zwischen den Staaten und Völkern, ist keine unmittelbare Auswirkung religiösen Geistes und entzieht sich daher mehr oder weniger der Einwirkung des Christentums.

2. Das Christentum (als Gesinnung und Kirche) hat seinem Wesen nach den Beruf, rückhaltlos und restlos seine Kraft für eine solche Gestaltung der Weltpolitik einzusetzen, daß zum mindesten den christlichen Völkern Friede, Vertrauen und Bündnis zum selbstverständlichen Zustand wird.

1° La Politique Universelle («Weltpolitik»), qui consiste dans les relations des États et des peuples, n’est pas un résultat direct de l’esprit réligieux; dès lors, elle échappe plus ou moins à l’influence du christianisme.

2° En raison de son essence (de sa nature), le christianisme (comme mentalité et comme église), est appelé à mettre en œuvre sa puissance, sans arrière pensée, pour une telle formation de la «Weltpolitik», de façon qu’au moins les peuples chrétiens, en arrivent à un état satisfaisant de paix, de confiance et d’union.

1st World politics, that is the relations between States and peoples, is not directly affected by the religious spirit and therefore is withdrawn more or less from the influence of christianity.

2nd Christianity (as a faith and as a church) has by its very nature, the task to exert its influence without reserve for such worldwide political conditions that, at least among Christian peoples, peace, mutual confidence and cooperation may be everywhere taken for granted.

33Aus meinem ersten Satze ist deutlich, daß ich keineswegs mit einem Aufhören der Kriege rechnete, aus dem zweiten, daß ich ein den Krieg ausschließendes Verhältnis zwischen den christlichen Völkern, unter die ich Rußland kaum rechnete, für möglich hielt und forderte. So traf mich der Ausbruch des Krieges mit Frankreich und mit England schwer. Ich habe meinem Schmerz über diesen «Bankerott der Christenheit» in Nr. 38 der «Christlichen Welt» Worte gegeben.66

Auch in Nr. 32ff. äußerte ich mich kritisch gegen den kommenden und gekommenen Krieg, viel zu kritisch für empfindliche deutsche Patrioten67 (vgl. Schian in einem viel nachgedruckten Artikel der «Preussischen Kirchenzeitung», Nr. 3368) – und kritisch genug für einige Schweizer Freunde, die Ihnen und mir nahe stehen und die mir ausdrücklich Ihr Verständnis bezeugt haben.69

Wenn nun Sie gleichwohl so bedingungslos unzufrieden mit mir sind, so werde ich Ihre Beschwerden gewiß nicht damit erledigen wollen, daß ich sage: Sie sind eben Schweizer und ich Deutscher. Diese Wendung ist in der «Christlichen Welt» gegenüber den Religiös-Sozialen jeweilen vorgekommen, aber wenn ich mich recht erinnere und soweit ich selbst dabei beteiligt bin, nur in Beziehung auf die Sozialdemokratie.70 Und da hatte jene Überlegung doch ihr starkes Recht. Sie hatten – auf Grund Ihrer schweizerischen Staats- und Gesellschaftsverfassung – eine sehr andere Sozialdemokratie als wir. Darüber hätte der Basler Kongreß sicher die lebhafteste Aussprache gebracht, und ich versprach mir davon gute Frucht für uns Deutsche. Inzwischen hat die Weltgeschichte gerade an diesem Punkt die Lage merkwürdig geändert, die Religiös-Sozialen haben im Zusammenbruch der sozialistischen Internationale71 den schwersten Stoß erlit|34ten, den Sie von der politischen Seite her erfahren konnten. Es ist das, was wir da vor uns haben, geradezu eine Parallele zu dem, was ich als «Bankerott der Christenheit» beklage. Wir Deutschen haben an unserer Sozialdemokratie national die glücklichste Enttäuschung erlebt72: das Gefühl fürs Große hat im Augenblick des Existenzkampfes unseres Volkes über alle Prinzipien, über alle Dogmatik gesiegt. Es bedeutet das bei uns in Deutschland mehr, als wenn auch die belgischen und französischen Sozialdemokraten sich für den Krieg erklärt haben, weil unsere Sozialdemokraten wissenschaftlich-marxistisch geschulter, weil sie prinzipieller gewöhnt sind als die französischen und belgischen Genossen.

Nun beginnt in der Beurteilung dieses «Zusammenknickens»73 unserer deutschen Sozialdemokratie schon die Differenz in Ihrer und meiner Beurteilung der Vorgänge. Da Sie im übrigen auf die Tatsachen nicht eingehen, brauche ich diesen auch nicht nachzugehen. Ich brauche also weder von Löwen noch von Reims, weder von der Neutralität Belgiens noch von dem österreichischen Ultimatum an Serbien, ich brauche von der großen Schuldfrage nicht zu reden. Was die Schuldfrage betrifft, so würde ich auch so lange, als der Krieg währt, mich auf keine Erörterung dieser Frage mehr einlassen: ich bin froh, daß ich vor dem Fallen des letzten Würfels gesagt habe, was ich sagen mußte74, aber seitdem sehe ich zu derlei Auseinandersetzung für mich keinen Raum. Und wenn Ihre Brüder z.B. in dem mir so wohlwollenden Semeur vaudois ganz wie selbstverständlich von l’invasion et l’occupation barbare des Allemands schreiben75, als ob Franzosen, |35 Russen und Engländer nur irgendwie kultivierter oder moralischer den Krieg führten – so halten Sie sich ja dabei nicht auf, denn Sie wissen: à la guerre comme à la guerre!76

Aber eben weil Sie in all diesen Stücken Welt Welt sein lassen, erwarten Sie von mir ein Gleiches: Ablehnung des Krieges überhaupt, dieses Krieges insbesondere. Und wenn ich – aus äußeren oder inneren Gründen – nicht offen protestieren konnte, dann ziemte mir als Christen ein ebenso deutliches Schweigen. Zum Schweigen habe ich mich nun auch bekannt (Nr. 3477). Aber freilich nicht zu diesem. Alles Schreiben, alles Reden und Schwätzen kam mir in jenem Momente so nichtig vor. Insbesondere das reflektierende Wesen, das sich in der «Christlichen Welt», das sich unter uns Theologen so breit macht. Geradezu ein Grauen faßte mich an, als ich unter den neuen Lebensbedingungen der Kriegszeit meinen Manuskriptenvorrat durchsah. Unmöglich alles.78 Vanitatum vanitas!79

Das war aber etwas ganz anderes als jener religiöse Abscheu vor dem Kriege, den Sie forderten. Ich hatte durchaus das Gefühl, daß ich, daß die «Christliche Welt» in dieser Zeit sehr viel zu sagen hätte, sagen müßte. Einiges davon habe ich inzwischen auf meine Weise gesagt, aber ich könnte davon noch viel mehr geben: das Herz ist mir voll, und nur äußere Gründe halten zurück, wenn die Feder nicht ganz anders davon übergeht.

36Aber was ich in der «Christlichen Welt» sage, auch wohl andere sagen lasse, ist Ihnen ein Ärgernis. Und hier wird nun die Sache zwischen uns beiden sehr ernst. Werden wir uns verstehen können?

Nicht, daß Sie Schweizer sind, erschwert Ihnen das Verständnis. Aber daß Sie neutral sind, daß Sie mit Ihrem Volk und Staat an diesem Kriege keinen Anteil haben.

Das vergönnt Ihnen zwar einen Vorzug. Sie können ruhig abwägen, wo wir dazu gar nicht mehr im Stande sind. Sie können gleichzeitig deutsche und französische Zeitungen lesen und sich mit relativer Sicherheit ein objektives Urteil über allerhand Vorgänge bilden. Aber Eines entgeht Ihnen: das Erlebnis. Wie schon ich das Erlebnis dieses Krieges nicht so habe wie der Soldat, der mit an die Front ging, oder auch mancher andere, der wichtigen Ereignissen näher war als ich. Eins habe ich doch voraus vor Ihnen: die Erfahrung, wie dieser Krieg über die Seele meines Volkes kam. Ich bin – infolge eines sonderbaren Zusammentreffens – damals persönlich in sehr kritischer Stimmung gewesen gegenüber dieser Volksseele: Nr. 33, Spalte 782 finden Sie Andeutungen davon.80 Um so schwerer wiegt mein Zeugnis. Unvergeßlich und heute wieder fast unbegreiflich, wie ein friedegewohntes und friedensfrohes Volk plötzlich hingerissen wird in diese unerhörte neue Wirklichkeit: Krieg. Wie erst das ferne Donnergrollen noch kaum vernommen, nicht geglaubt wird. Wie dann eine alle Nerven packende Spannung jedermann ergreift. Wie das Bewußtsein alle bewegt: wir wollen keinen Krieg, aber wenn es sein muß, wollen wir ihn auf uns nehmen. Wie einmütiges Vertrauen zu Kaiser und Kanzler die Gemüter erfüllt und inmitten der immer unerträglicheren Spannung eine große Ruhe gibt: die dort oben machen keinen Krieg, sie werden an Entgegenkommen und Friedfertigkeit das Äußerste leisten. Aber dazu schon fast die Besorgnis: doch nur das Äußerste! Es gibt eine |37 Grenze des Nachgebens – und wenn der Krieg einmal kommen soll, dann lieber heute als morgen! Und die Erleichterung dann, als eine Entscheidung da war. Das Wachstum der Entschlossenheit, als zum einen Feind der zweite kam und zum zweiten der dritte. Dieses «gute Gewissen», das in der allgemeinen Friedensbereitschaft selbstverständlich beschlossen war. Diese Zuversicht zur eigenen Widerstandsfähigkeit. Und nun der Beginn des Widerstandes selbst. Das einhellige Laufen zu den Waffen. Die ruhige, klare, von keinem moralischen Mißton getrübte Mobilisierung. Die Ordnung, die Alkoholfreiheit, die Sicherheit des Betriebes und der Leitung. (Freuen sich die Engel im Himmel81 denn nicht über alles, was gut ist in der Welt?) Und hinter dieser Erscheinung einer herrlichen Solidarität im Großen und Ganzen die tausend und abertausend Züge der Hingabe und Opferbereitschaft von all den einzelnen, bis – in ungeahntem Maße – in die Reihen der Sozialdemokratie hinein. Mit Überschwang vielleicht bei der akademischen Schicht, nüchterner, aber auch um so rührender beim schlichten Volk.

Gewiß, unser Volk hat den Krieg damals schon nicht anders empfunden, denn als ein Unglück. Aber eben als ein so großes ungeheures, daß ihm alles andere Denken und Fühlen verging über dem Einen: Gott.

Und Sie verlangen, wir sollten bei dem Erleben dieses Krieges Gott außerm Spiele lassen. Das ist unmöglich. Für eine so überwältigende Sache gibt es nur Einen möglichen Grund und Urheber: Gott.

In seiner Kriegspredigt sagt Schädelin82 – und Sie stimmen ihm zu –: «Eines wird nie gelingen, den Krieg aus dem Herzen Gottes herzuleiten.» Ob wir das fertig bringen, den Krieg aus Gottes Herzen «herzuleiten», so daß wir das ganz begreifen, das weiß ich nicht. Aber wie wir diesen Krieg erfuhren und erfahren, ist es für uns Gottlosig|38keit und Wahnsinn, zu leugnen, daß für den Krieg überhaupt und für diesen Krieg zuletzt jener die Verantwortung übernimmt: Gott!

So hat das deutsche Volk damals empfunden, und so ist ihm, denke ich, gemeinhin gepredigt worden. Nicht von dem «deutschen Gott», wie Sie es auffassen.83 Gewiß, so mag auch einmal geredet worden sein: von Dichtern, Zeitungsschreibern, von Offizieren auch und selbst vom Kaiser.84 Aber Sie dürfen sich da nicht zu sehr an Worte halten. Unsere deutsche Gottesvorstellung ist nicht so kindisch, wie Sie meinen. Wir denken alle, vom Kaiser bis zum schlichtesten Bäuerlein, daß Gott seine Hand im Spiele hat bei diesem Kriegsgeschick: nicht nur daß er es zuläßt, etliches Gute daraus erwachsen läßt, duldet – nein, so einen schwächlichen Gott können wir jetzt gar nicht vorstellen. Vielmehr: Er spricht, so geschieht’s, Er gebeut und so steht’s da.85

Und diesen Gott soll ich Lutheraner gegen unsere reformierten Freunde verteidigen? Ist denn nicht mehr Gott für Sie Actus purus?86 Und ist Prädestination für Sie so ganz ein leerer Wahn geworden?87 Ferner, wir Lutheraner sind jetzt die Schwertträger!88 Zwingli und der Calvinismus die ewig Friedfertigen?89 Davon heute kein |39 Wort weiter. Nur Luthers und seines «seligen Kriegerstandes» muß ich noch einen Augenblick gedenken. Naiv, ja, ist Luther der Politiker. Aber fromm und reich immer wieder sein Bestreben, dem schlichten Christen in seinen nötigen Berufsgeschäften den Trost eines guten Gewissens zu geben. Dazu die Ansätze zu einer ethischen Theorie des Untertanengehorsams eben in jener von Ihnen verachteten Schrift für seine Zeit so verächtlich nicht. Aber lassen wir diese Historia heute bei Seite. Ich komme in der «Zeitung für Theologie und Kirche» darauf zurück.90 Nur vorbereiten will ich Sie darauf, daß ich auch Ernst Moritz Arndts «Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann» demnächst in der «Christlichen Welt» abdrucken werde als die einzig würdige Fortsetzung zu jener Lutherschrift.91 Was werden Sie dazu sagen?

Nun, Jesus hat doch mit diesem «deutschen» Gott nichts zu schaffen?

Gemach! Wir sind durch die Religionsgeschichte nachgerade so weit gebracht, daß wir Religion, daß wir Gott auch da finden, wo Jesus Christus uns noch nicht begegnet. Mir als altem Ritschlianer ist das schwerer geworden als Euch Jüngeren; aber vor dem «Wirklichen» habe ich mich gebeugt. Deshalb bleibt mir Jesus die Offenbarung Gottes, und der Deus revelatus meine Zuflucht vorm Deus absconditus. Ich könnte den Deus absconditus nicht vertragen, wenn ich den Deus revelatus, wenn ich Jesus nicht hätte.92 Aber wenn nun in der Erschütterung eines solchen Kriegserlebnisses, das ein ganzes Volk auf die Knie wirft, Gott noch andere Züge trägt als Jesus, wenn er über uns kommt als die reine Macht, von der wir zunächst nichts spüren als unsere absolute Abhängigkeit – weshalb wollen Sie diese |40 Frömmigkeit schelten? National – das wäre sie doch nur, wenn wir wirklich in jenen naiven Paganismus oder Henotheismus uns verlören, der uns im Ernst völlig fremd ist. Alttestamentlich – nun das wäre noch keine Schande. Einmal erleben wir auch an unsern Juden jetzt eine merkwürdige religiöse Belebung, der unseren gleichzuachten. Sodann: ist nicht das Alte Testament auch Bibel? und sogar der Bibel größerer Teil? Und haben wir nicht alle Ursache, davor stillzustehen, wenn ein Volk wie das deutsche vom Geist der Psalmen und Propheten etwas verspürt? Aber nun gehöre ich doch zu denen, die daran arbeiten, daß die fromme Ergriffenheit in den Hafen des Neuen Testaments einläuft. Baumgarten, der den Religiös-Sozialen bestverdächtige, wie Sie aus seiner Monatsschrift ersehen können, auch.93 Dennoch: wer wagt da Vorschriften zu machen und nur zu kritisieren, wenn eine Volksseele erzittert, weil sie Gottes Walten spürt!

Da lassen Sie nur dann jeden in seiner Weise an diesem Erfahrnis teilnehmen! Und wenn er Traub heißt, auch in seiner Weise.94 In solcher Zeit muß mehr noch als sonst ein jeglicher seines Glaubens leben!95 Aus diesem Sinne heraus habe ich Traub einen «Kriegsprediger von Gottesgnaden» genannt.96 Ich könnte nicht sagen und schreiben, was er, aber gerade darum empfinde ich sein Auftreten und Zeugen geradezu als eine Wohltat. Es ist doch alles echt an ihm, und ob er mich in manchem erhebt, in manchem abstößt, so macht es mich reicher, wenn ich mit ihm Fühlung habe. Und Vielen in unserem Volk deutet gerade er richtig, wie sie diesen Krieg erleben und Gott in ihm.

41Die Freiheit aber, mit der ich so einem Manne wie Traub gegenüberstehe, nehme ich für mich in Anspruch. Ich habe mich mit allem Bewußtsein in Nr. 32 Sp. 746 zum ersten Mal in meinem Leben einen «Pazifisten» genannt.97 Damit habe ich mich zu denen ausdrücklich bekannt, die den Willen zum Krieg für Sünde erachten. Als Christ, und wie ich das Christentum verstehe, kann ich nicht anders. Aber dafür, daß der Krieg bloß Menschenwerk sein soll, während Gott der Herr eigentlich etwas ganz anderes möchte: eine solche Gottesvorstellung mache ich nicht mit. Übernimmt also mein Gott die Verantwortung für das Kriegsgeschick, so ist es dann auch fromm, aus dem Kriege herauszuholen an Gutem, was man nur kann. Und das tut in seiner Weise Traub meisterlich; man muß nur alles von ihm lesen und ihn als ein Ganzes nehmen, nicht an einem einzelnen Ausdruck oder Satze haften. Wenn man das tut, sind wir Männer der Feder und des Worts doch alle verloren. Traub erlebt einseitig den Krieg. Sie nicht auch?

Daß Sie nun diesen Krieg nicht so miterleben wie wir Reichsdeutschen, dafür können Sie nichts. Es ist ganz recht, daß Sie ihn auf ihre Weise erleben. Es ist ganz recht, daß Ihnen bange wird um uns, wo wir meinen, sichere Wege zu gehen. Es ist ganz recht, daß Sie dann laut Ihre Stimme erheben und uns warnen. Die Neutralen müssen eben diesen Krieg anders verarbeiten wie wir. Und mit unsern verschiedenen Erfahrungen sollen wir uns dann dienen. Wir leiden alle stellvertretend. Sie für uns, wir für Sie. Und die ratio vicaria ist und bleibt doch schließlich Kern und Stern der christlichen Ethik. So meine ich, daß wir uns auf gemeinsamem Boden immer wieder zusammenfinden werden.

Martin Rade

Sachfußnoten

1
Karl Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, hrsg. von Christoph Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 10 📖. ↩
2
Vgl. seine nachträgliche Schilderung im Offenen Brief an Dr. Johannes Rathje 1947, in: O.Br. 1945-1968, S. 118–121. 📖 ↩
3
Bibl. Karl Barth 1, Nr. 39, 49, 67, 83, 84 📖.↩
4
Brief vom 19.1.(2.?) 1914 an Rade, a.a.O. (s. Anm. 1), S. 89 📖. ↩
5
Brief vom 13.8.1914 an Rade, a.a.O. (s. Anm. 1), S. 94f. 📖 ↩
6
Brief vom 29.8.1914 in: Bw.Th. I, S. 7. 📖 ↩
7
Brief vom 3.9.1914, a.a.O., S. 8 📖. ↩
8
Besonders über Friedrich Naumanns politische Wandlung, über die Thurneysen ihm Material geschickt hatte. (Vgl. den Brief Thurneysens vom 18.6.1914, a.a.O., S. 5f. 📖)↩
9
Brief vom 4.9.1914, a.a.O., S. 9f. 📖 ↩
10
So Karl Barths Wiedergabe in seinem Brief an Thurneysen vom 25.9.1914, a.a.O., S. 11f. 📖 ↩
11
Brief vom 25.9.1914, a.a.O. (s. Anm. 1), S. 100 📖. Rade bot darin Barth das «Du» an; Peter Barth hatte sich am 7.1.1914 mit Rades Tochter Lenchen verlobt.↩
12
Nachweis der Texte von G. Traub, P. Natorp, E. von Dryander, A. von Harnack, R. Eucken und der Berliner Missionsleute a.a.O. (s. Anm. 1), S. 103 (Anm. 1 bis 6). 📖 ↩
13
Nachweis der Andachten und dreier Belege für Barths Kritik a.a.O., S. 101 und 103f. (Anm. 7 bis 10). 📖 ↩
14
Brief vom 1.10.1914 an Rade, a.a.O., S. 101f. 📖 ↩
15
Neue Wege, Jg. 8 (1914), Nr. 10, S. 429–438 📖, wieder abgedruckt ohne Titel a.a.O. (s. Anm. 1), S. 95–98.105–112. 📖 ↩
16
M. Rade, An die Freunde. Vertrauliche d.i. nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Mitteilungen, Beilage zu Nr. 49 vom 22.10.1914, Sp. 567–569. (Nachdruck der Mitteilungen, mit einer Einleitung von Christoph Schwöbel, Berlin/New York 1993, S. 286f.) 📖↩
17
Im Karl Barth-Archiv sind beide Texte als Sonderdrucke erhalten, außerdem das 1. und 2. Kriegsheft der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, hrsg. von M. Cornelius, Jg. 9 (1914), H. 1 und 2 vom 1. und 15.10.1914 📖. Barth an Thurneysen, 5.11.1914: «Ich bekam von Herrmann vor 14 Tagen drei Couverts voll deutschen evangelischen Drucksachen ‹mit herzlichem Gruß von der ganzen Fakultät» (Bw.Th. I, S. 19 📖). Texte in: W. Härle, Der Aufruf der 93 Intellektuellen vom 4. Oktober 1914 und Karl Barths Bruch mit der liberalen Theologie, in: ZThK, Jg. 72 (1975), S. 209f. 📖 – G. Besier, Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. Ein Quellen- und Arbeitsbuch, Göttingen 1984, S. 40–45 📖. ↩
18
A.a.O. (s. Anm. 1), S. 113–117 📖. Gegenüber Thurneysen urteilte Barth schon am 28.10.: «Der erzwungene Abdruck meines Briefes an Rade ärgert mich jetzt. Er fällt neben Ragaz stark ab.» (Bw.Th. I, S. 16 📖)↩
19
A.a.O. (s. Anm. 1), S. 117f. 119-122 📖. – Zur Rolle der Wissenschaft 1914 vgl. K. Schwabe, Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen Grundfragen des Ersten Weltkrieges, Göttingen/Zürich/Frankfurt 1969, S. 21–50 📖. Vgl. auch: K. Hammer, Adolf von Harnack und der Erste Weltkrieg, in: ZEE, Jg. 16 (1972), S. 85–101 📖; H. Ruddies, Karl Barth und Martin Rade. Ein theologisch-politischer Briefwechsel, in: EvTh, Jg. 44 (1984), S. 298–306 📖; A. Ch. Nagel, Martin Rade – Theologe und Politiker des sozialen Liberalismus. Eine politische Biographie, Gütersloh 1996, S. 134ff. 📖 ↩
20
Brief vom 29.11.1914.↩
21
Vgl. Barths Predigten in: K. Barth, Predigten 1914, hrsg. von U. u. J. Fähler (GA Abt. I), Zürich 1974, S. 384–651 📖, bes. S. 443–446.450–455.463–468. 485-488.501–504.530–532.549–552.567–569.582–584.616–620.628–632 u. 645-648.↩
22
Den Philosophen Rudolf Eucken, Jena, der das Manifest der 93 Intellektuellen unterzeichnet hatte (s. Härle 📖 [17]), hatte Barth auf einer Aarauer Studentenkonferenz gehört (Busch, Lebenslauf, S. 90 📖).↩
23
Eine geheim von den Kruppschen Werkstätten hergestellte Haubitze von 42 cm Kaliber, deren Schußwirkung bis zu 15 km betrug, wurde von deutscher Seite beim Kampf um Lüttich erfolgreich eingesetzt (H. Stegemann, Geschichte des Krieges, Bd. I, Stuttgart/Berlin 1918, S. 111 📖).↩
24
Begriffe aus der deutschen Kriegspropaganda gegen Rußland, England und Frankreich.↩
25
Dazu vgl. das Manifest der 93, s. Härle 📖 (s. Anm. 17) («Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.»).↩
26
Dessen Aufrufe zu Kriegsbeginn s. U. Cartasius (Hrsg.), Deutschland im Ersten Weltkrieg, dtv-Dokumente, München 1982, S. 12–14 📖; Stenographische Berichte des Reichstages, Bd. 306, S. 2 📖.↩
27
Besier (s. Anm. 17)., S. 40–45.72–76.95f. 📖↩
28
Von den sozialdemokratischen Abgeordneten stimmten in einer Probeabstimmung in der Fraktionssitzung am 3.8.1914 78 für, 14 gegen die Bewilligung der Kriegskredite; man einigte sich darauf, am 4.8. im Reichstag einstimmig mit Ja zu votieren. Gegen eine erneute Kriegskreditvorlage stimmte am 3.12.1914 ein einziger sozialdemokratischer Abgeordneter, Karl Liebknecht (Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. IV/1, Stuttgart 19739, S. 101f. 📖).↩
29
Des Presseorgans der Sozialdemokraten.↩
30
Vgl. Th. Heuß, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, Stuttgart/Tübingen 19492, S. 325f. 📖 ↩
31
Mit diesem Sprichwort verteidigte der deutsche Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg in der Reichstagssitzung vom 4.8.1914 den deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien. Damit setzte sich Barth in seiner Predigt vom 25.10.1914 auseinander (K. Barth, Predigten 1914 [s. Anm. 21], S. 532–543 📖).↩
32
Vgl. Dan. 5,25.↩
33
Ein politischer Slogan, der in Deutschland weit verbreitet wurde.↩
34
Brief vom 4.1.1915.↩
35
Busch, Lebenslauf, S. 94 📖.↩
36
Vom 6., 15. und 20.8.1914.↩
37

Rade hatte Barths Aufsatz «Die Hilfe» 1913 in CW 28 (1914), Nr. 33, Sp. 774–78 📖, in einer Vorbemerkung des Herausgebers so eingeleitet: «Obiger Artikel ist das Votum eines schweizer Religiös-Sozialen über einen Jahrgang der Naumannschen ‹Hilfe›. Der Verfasser, von unsern redaktionellen Plänen nicht unterrichtet, hatte keine weitere Aufgabe, als von seinem Standpunkte aus über diese uns so nahestehende deutsche Wochenschrift seine Meinung zu sagen.

Ich würde unter andern Umständen dem Artikel sofort einige Worte über den Unterschied der deutschen von der schweizerischen Sozialdemokratie beigefügt haben, desgleichen über die Entwickelung von Naumanns Stellung zu unsrer Sozialdemokratie. Ich verzichte darauf unter dem unmittelbaren Eindruck der Reichstagssitzung vom 4. August.»↩

38
In Nr. 32 schrieb Rade in den Glossen Nach der Mobilmachung am 2.8.1914 📖: «Eine unschätzbare Wohltat in dieser kritischen Zeit, daß wir zur Besonnenheit und Gewissenhaftigkeit unsrer Regierenden, zu Kaiser und Kanzler, volles Vertrauen haben können.»↩
39

In Nr. 33 schrieb Rade in einer Andacht Gottes Wille im Krieg 📖 über Hebr. 13,6: «Unter andern Bedingungen als zur Zeit der Apostel lebt heute der Christ. Gottes Willen aus dem Wirklichen erkennen […], das kann man jetzt meisterlich üben. Der Krieg wird Leid bringen und Freude, Leid in schweren, in furchtbaren Verlusten, Freude in Behauptung und Siegen. Denn zwar von Siegen schwärmen, wenn man zu Felde zieht, das hat geringen Wert. Aber glauben an sein Volk und die gute Sache, und in solchem Glauben sein Leben und Lebensglück einsetzen – das dürfen, das sollen wir. […] daß wir Deutschen uns […] mit Ehren behaupten werden, das verbürgt uns unsere heilige Geschichte, das verbürgt uns der Geist, der jetzt durch unsre Adern rollt. Wir haben noch eine Mission, und noch eine Zukunft auf Erden. Gott will uns dafür läutern, erziehen, stählen. Wir waren uns in vielem untreu geworden, darum faßt uns seine Hand so hart.

Was auch kommen mag: sein guter gnädiger Wille ist, daß das Herz fest werde.»↩

40
In Glossen Zum Kriege vom 5.8 📖. schrieb Rade: «Schrecklich, diese russischen Minister, die ihr Ehrenwort brechen. Und der Zar ist nicht besser – wenn er noch weiß, was er tut, oder kann, was er will.» – «Soeben kommt die Nachricht, daß auch England den Krieg erklärt hat. Von diesem Kriege wird England wenig Segen haben.» (Ähnlich über England schon Sp. 781: Wenn «unsre englischen Freunde» sähen, wie «wundervoll» sich in Deutschland die Mobilmachung vollzieht, würden sie «nicht zulassen, daß ihre Schiffe auch noch über uns herfallen.»)↩
41
Rade leitete den Abdruck von Auszügen aus Luthers Schrift Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (WA 19, 197-239) 📖 mit den Worten ein: «Wir wollen die deutsche Grundschrift frommer Kriegsfertigkeit in Auszügen zum Abdruck bringen.»↩
42
Vgl. Röm. 12,23.↩
43
In seinem Aufsatz Von der Lage unsrer Zeitung 📖 schrieb Rade: «Wir brauchen zeitgemäße Beiträge. […] Dabei ist es schwer für uns, daß das Problem von Krieg und Frieden, das uns nach wie vor auf der Seele brennt und das nun ungefähr das Zeitgemäßeste ist, was es geben kann, fürs erste von der Erörterung ausgeschlossen werden muß. Denn wir haben es augenblicklich mit zu harten Realitäten zu tun, als daß das Problem zur öffentlichen Geltung kommen könnte. Selbstverständlich wird das rein Religiöse im Vordergrund stehn.»↩
44
Siehe Anm. 23.↩
45
Am 4.8.1914 marschierten die deutschen Truppen unter Bruch des Völkerrechts in Belgien ein. Sie stießen entgegen ihren Erwartungen auf militärischen Widerstand. «Der Abwehrkampf der belgischen Armee wurde zum Widerstand der Zivilbevölkerung stilisiert, der unbedingt gebrochen werden müßte, wollte man den Zeitplan der Offensive offenhalten.» Das Pressebüro der Obersten Heeresleitung und die Presse schürten die Vorstellung von belgischen Franktireurs. Am 12.8. erging der Befehl, jeden sofort standrechtlich zu erschießen, der «in irgendeiner Weise unberechtigt an der Kriegführung» teilnähme. Zur Einschüchterung der Bevölkerung kam es in mehreren Städten zu Massenerschießungen, so in Dinant, Tamines, Andenne (211 Menschen) und Aerschot (156). Mehrere Orte wurden zerstört. In Leuwen (Löwen) wurden zwischen dem 25. und 28.8. 209 Menschen ermordet und ein Drittel der Stadt, über 1000 Häuser, verbrannt. Die deutschen Maßnahmen, besonders in Leuwen, riefen im westlichen und im neutralen Ausland Erbitterung hervor und spielten später eine Rolle bei der Beurteilung der deutschen Kriegführung im Versailler Vertrag. Vgl. L. Wieland, Belgien 1914. Die Frage des belgischen «Franktireurkrieges» und die deutsche öffentliche Meinung von 1914-1936 (= Studien zum Kontinuitätsproblem der deutschen Geschichte, Bd. 2), Frankfurt am Main/Bern/New York 1984, S. VIf. 1-53.419–439, Zitate S. 5.10. 📖 – Barth kam in Predigten vom 13.9. und 18.10. auf Löwen zu sprechen (K. Barth, Predigten 1914 [s. Anm. 21], S. 472.542 📖).↩
46
Im Französischen sprichwörtlich, vgl. P. Robert, Le nouveau petit Robert, Paris 1998, S. 1057 s. v. guerre 📖.↩
47
Siehe Anm. 43.↩
48
«Es ist wundervoll, mit welcher Ruhe, Ordnung und Sicherheit sich unsere Mobilmachung vollzieht. Daran müssen doch auch die Engel im Himmel ihre Freude haben.» (Glossen Zum Kriege, Nr. 33 Sp. 781 📖).↩
49
In dem Gebet deutscher Frauen von Emma Müllenhoff heißt es in Nr. 34, Sp. 788: 📖 «Wirbelt, ihr Trommeln, wirbelt durchs Land: Ueberall stehn sie in Gottes Hand! Rein ist ihr Wille, der Arm ist stark …» Das Gebet schließt: «Vater, auf Dich vertraun wir allein; Bundesgenosse wollst Du uns sein! Wirbelt, ihr Trommeln, wirbelt durchs Land: Überall stehn wir in Gottes Hand! »↩
50
In einem seiner vier Kriegslieder heißt es in Nr. 34, Sp. 796 📖: «Das deutsche Volk ward eins und gleich! Kennt nicht mehr Arm und nicht mehr Reich. Von Feinden rings umdroht, hat sichs wie ein einiger Mann erhoben zum heiligen Krieg auf Leben und Tod! … Das muß selbst die steinerne Gasse loben.»↩
51
Unter der Überschrift Vaterlandsliebe und Christentum legte Rade Röm. 9,3 aus: «Ich wünsche verdammt zu sein von Christus weg, ich, für meine Brüder, die mit mir eines Fleisches und Blutes sind.» (Nr. 34, Sp. 787f. 📖)↩
52
«Wundervoll, was wir jetzt erleben an Leistungen und Triumphen der Vaterlandsliebe! Mit Einem Mal wahrhaftig und wirklich Ein Volk von Brüdern: träumen wir? Kaiser, Kanzler und Konservative mit den Sozialdemokraten Hand in Hand: geschehen noch Wunder? Und nicht in flüchtigem Rausch, nein mit klarem Verstande und zu großem, harten Handeln.»↩
53
In Rades Andacht in Nr. 33, Text s. Anm. 39.↩
54
Nach einem Artikel Th. Kaftans in der Allgemeinen Ev.-Luth. Kirchenzeitung Zwei Religionen? Ein Wort zur Klärung (Jg. 47, Nr. 19 vom 8.5.1914, Sp. 437–443) 📖 erschienen in der CW: M. Rade, Zwei Religionen? Offner Brief an Herrn Generalsuperintendenten D. Theodor Kaftan in Kiel, Sp. 586–590 📖; Th. Kaftan: Zwei Religionen? Antwort auf Herrn D. Rades Offenen Brief, Sp. 729–731 📖; M. Rade: Zwei Religionen? Antwort auf Herrn Generalsuperintendenten D. Kaftan in Kiel, Sp. 750–753 📖. In Nr. 36 vom 3.9.1914 wurde der Briefwechsel mit Th. Kaftans Text abgeschlossen: Zwei Religionen? Antwort an Herrn Professor D. Rade, Sp. 828–830 📖. Kaftan hatte als Frage den Eindruck formuliert, daß es sich innerhalb des deutschen Protestantismus nicht um zwei Typen einer Religion, sondern um zwei Religionen handle, und als Beleg u. a. auf den Gegensatz zwischen «Christusgläubigen» und «Jesusverehrern» oder zwischen Supranaturalismus und Antisupranaturalismus hingewiesen.↩
55
Anspielung auf den aus dem 17. Jahrhundert stammenden Spruch «Hominum confusione et Dei providentia Helvetia regitur». In seinem Brief an Rade vom 31.12.1914 variierte Barth: «…Germania regitur» (s. Anm. 1, S. 77 📖). Zum Nachweis vgl. V.u.kl.A. 1909–1914, S. 143, Anm. 6. 📖 ↩
56
Im Druck irrtümlich: «Gott».↩
57
In der Andacht in Nr. 33, Text s. Anm. 39.↩
58
Ebd.↩
59
Das Schlagwort stammt aus dem Briefwechsel Rade – Kaftan, s. Anm. 54.↩
60
Beim Marburger Religionsgespräch 1529: s. Luthers Brief an Jakob Propst in Bremen vom 1.6.1530, WA.B 5, 340, 54 📖; vgl. auch WA 30/III, 150, 6-10 📖.↩
61
Siehe die Andacht in Nr. 33 📖 (s. Anm. 39) und die Anrede An unsere Leser in Nr. 33 der CW 📖.↩
62
Aus Rades Privatbrief an Barth vom 5.10.1914 geht hervor, daß er diesen Brief erst gleichzeitig schrieb, er ihn also auf den 5. September zurückdatiert hat ( a.a.O., s. Anm. 1, S. 104f. 📖 ).↩
63
Anmerkung der Redaktion: «(Die wir natürlich von Herzen gern gewähren. Die Red.)»↩
64
Über die Planung zu diesem Kongreß berichtete R. Liechtenhan: Der internationale Kongreß für soziales Christentum in Basel, 27.-30. September 1914, in: CW 28 (1914), Sp. 723f. 📖 ↩
65
Als Redner waren Herbert Stead und Elie Gounelle vorgesehen.↩
66
M. Rade, Der Bankerott der Christenheit, in: CW, Nr. 38 vom 17.9.1914, Sp. 849f. 📖 ↩
67
Siehe CW Nr. 32, Sp. 767; Nr. 33, Sp. 782; S. 34, Sp. 798. 📖↩
68
M. Schian, Mit reinem Gewissen! in: Preußische Kirchenzeitung. Kirchenpolitische Wochenschrift, Jg. 10, Nr. 33, 16.8.1914, Sp. 515f. 📖 ↩
69
Rade druckte gekürzte Zuschriften ab in: Auch ein Stück Zeitgeschichte 📖 (s. Anm. 16).↩
70
Text s. Anm. 37.↩
71
In allen am Kriege beteiligten Ländern erwiesen sich bei der Mehrheit der Linken die nationalen Bindungen als stärker als die vor dem Kriege vielbeschworene internationale Solidarität (Gebhardt, s. Anm. 28, S. 97ff. 📖).↩
72
Siehe Anm. 37.↩
73
Formulierung aus Barths Brief an Rade vom 31.8.↩
74
In Nr. 30 vom 23.7. hatte Rade eine Andacht Der heilige Geist und die Sünde (Sp. 697f.) 📖, in Nr. 31 am 30.7. eine Andacht Der heilige Geist und die Bibel (Sp. 721f.) 📖 abgedruckt.↩
75
Der «Semeur vaudois. Journal de l’Église nationale» (also das Organ der waadtländischen reformierten Landeskirche), 34. Jg., Nr. 39 vom 26.9.1914, brachte auf S. 3 in der Rubrik «Nouvelles» unter der Überschrift «Conséquences» 📖 Mitteilungen über die Situation u. a. in Belgien. Der Schlußabsatz lautet: «Nous souhaitons ardemment la fin de l’invasion et de occupation barbare des Allemands, pour le soulagement de tous nos frères de Belgique.» Das Wohlwollen des «Semeur» hatte sich in diesen Wochen in wiederholten Bezugnahmen auf Rade und die «Christliche Welt» ausgedrückt (z.B. Nr. 38 vom 19.9.1914, S. 2; Nr. 39 vom 26.9.1914, S. 2 📖)–freilich durchweg in einem gleichzeitig kritischen Sinn, wie in Nr. 37 vom 12.9.1914, S. 2, mit Bezug auf Rades «Mitteilungen» in: CW, Jg. 28, Nr. 34 vom 20.8.1914, Sp. 798 📖: «Et le professeur Rade, notez-le bien, est un des esprits les plus libéraux de l’Allemagne. On peut juger par là de ce qui doit être la mentalité des autres Allemands.»↩
76
Siehe Barths Brief, Anm. 46.↩
77
In Nr. 34 vom 20.8. schrieb Rade in dem Artikel Von der Lage unserer Zeitung 📖: «Das Beste wäre, man sistierte das Erscheinen der Zeitung.» (Sp. 785)↩
78
In seinem Artikel Von der Lage unserer Zeitung 📖 teilte Rade mit (Sp. 785–787): «Der Herausgeber befindet sich jetzt in der Lage eines, der mitten im Meer verdursten muß.» Von 90 vorliegenden Manuskripten könnte er keines «jetzt so recht mit Freude und Zuversicht unsern Lesern darbieten. […] Der Krieg ist nun einmal ein großer Umwerter aller Werte. […] Wir brauchen zeitgemäße Beiträge, um in Ehren durchhalten zu können.»↩
79
Titel von Gedichten von A. Gryphius und J. W. Goethe. Vgl. Pred. Sal. 1,2.↩
80
Rade beschäftigt sich in mehreren Punkten mit der Volkswut gegen Ausländer und der Jagd nach Spionen im August 1914: «Ich schreibe das nicht in der Redaktionsstube, sondern auf der Gasse. – Wer sich dem rasenden Haufen entgegenwirft, der öffentliches Recht und öffentlichen Schutz aus bloßer Leidenschaft antastet, und kommt darüber um, der stirbt auch den Tod fürs Vaterland.» Rade beendet diese Glossen «Zum Kriege»: «Wo so viel Unglück über uns kommt, da wächst die fromme Zuversicht, daß Gott noch Großes mit unserm Volke vorhat.»↩
81
Vgl. Barths Brief, Anm. 48.↩
82
«Man kann die Notwendigkeit des Krieges beweisen, begründen, entschuldigen, […] – eines wird nie gelingen, trotz aller Sophismen, den Krieg aus dem Herzen Gottes herzuleiten, des Gottes, der Gedanken des Friedens über uns hat und nicht des Leids.» (A. Schädelin, Krieg! Predigt gehalten im Münster zu Bern den 16. August 1914 [über Jer. 29,11], Bern 1914, S. 7 📖). – Barth bezeichnet die Predigt in seinem Brief an Thurneysen vom 29.8.1914 als «fein» (Bw.Th. I, S. 7 📖).↩
83
Vgl. Barths Brief vom 31.8.↩
84
Siehe Anm. 26 und 27.↩
85
Ps. 33,9.↩
86
In Anknüpfung an die aristotelisch-scholastische Definition Gottes als «actus purus» («reine Wirklichkeit», gelegentlich auch als reine Tätigkeit verstanden) war die Bezeichnung Gottes als «actus purissimus» insbesondere in der reformierten Dogmatik «stereotyp» geworden (H. Heppe/E. Bizer, Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, Neukirchen Kr. Moers 19582, S. 43, vgl. S. 54 📖).↩
87
Die reformierte Prädestinationslehre wurde gerade in ihrem Ursprung bei Zwingli «als Ausdruck der Alleinwirksamkeit Gottes», der «alles wirkt», «der theologische und religiöse Mittelpunkt» (O. Scheel, Art. «Prädestination: II. dogmengeschichtlich», RGG1 IV, Sp. 1701–1706, dort Sp. 1704 📖).↩
88
Vermutlich spielte Rade darauf an, daß Zwingli im Zweiten Kappelerkrieg kämpfend fiel und daß das 1885 eingeweihte Zwingli-Denkmal in Zürich ihn dementsprechend mit den beiden Attributen Bibel und Schwert zeigt.↩
89
Rade bringt mit der rhetorischen Frage die verbreitete Meinung zum Ausdruck, «daß die Evangelischen reformierter Richtung schneller und mit besserem Gewissen zum Schwert greifen als die Lutheraner». So – unter Verweis auf Zwingli, die Hugenotten und Oliver Cromwell – G. Naumann in dem Artikel «Krieg» in: RGG1 IV, Sp. 1770–1779, dort Sp. 1777 📖.↩
90
In der von W. Herrmann und M. Rade gemeinsam herausgegebenen «Zeitschrift [!] für Theologie und Kirche» ist kein entsprechender Aufsatz Rades erschienen.↩
91
E. M. Arndts Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann von 1813 wurde abgedruckt in der CW Sp. 953f., 964f., 1005-1008, 1028-1030, 1039-1041, 1059-1061, 1081-1083, 1108f., 1139f. 📖 ↩
92
Im Hintergrund steht Luthers Unterscheidung zwischen dem «offenbaren» und dem «verborgenen Gott» und seine Aufforderung, sich an den «Deus incarnatus» «oder (wie Paulus sagt) Jesus den Gekreuzigten» zu halten, durch den im Überfluß gegeben ist, «quid scire et non scire debeat» (De servo arbitrio [1525], WA 28, 685, 3-5; 690, 22-25 u.ö. 📖).↩
93
Anm. der Redaktion: «Daß die Haltung Baumgartens uns eine sehr erfreuliche Enttäuschung bildet, möchten wir ausdrücklich bestätigen.» – O. Baumgarten, Jesus und das Recht des Krieges, Predigt von 1908, in: Evangelische Freiheit, Aug. 1914, S. 294–302 📖.↩
94
Der frühere Pfarrer D. Gottfried Traub gab seit Anfang des Krieges in Dortmund sog. Eiserne Blätter heraus, von denen bis zur Revolution 1918 110 erschienen. Auf den schwarz-weiß-rot umrandeten Seiten vertrat Traub mit Emphase eine religiöse Verklärung des deutschen Volkes und des Krieges.↩
95
Vgl. Hab. 2,4; Röm. 1,17; Gal. 3,11; Hebr. 10,38.↩
96
Barth hatte am 1.10.1914 an Rade geschrieben: «Du nennst Traub einen ‹Kriegsprediger von Gottes Gnaden›.» (a.a.O. [s. Anm. 1], S. 101 📖) Barth bezog sich dabei auf Rade: «Traub kämpft ganz vorn an der Front des Krieges, mit Arndtschem Zorn. Verwundete zu holen war er in Lüttich, so gewann seine Leidenschaft Anschauung. Er ist ein Kriegsprediger von Gottes Gnaden.» (CW Nr. 28, Sp. 831 📖).↩
97
Rade hatte sich nicht eindeutig geäußert. In der Betrachtung Krieg über Mt. 10,34 hatte er geschrieben: Viele Kriege hätten vor Jesu Wort nicht bestanden. Aber es habe manch ein König, Staatsmann, Feldherr, Soldat das «Schwert gebraucht mit gutem Gewissen. Das ist kein Zugeständnis, das dem Pazifisten von heute abgerungen werden müßte. Sein Blick ist in die Zukunft gerichtet; für die arbeitet er und freut sich eines menschenwürdigeren Zustandes unter den Völkern, den kommende Geschlechter haben werden. Daß es heute noch Fürsten und Völker gibt, die das Schwert ziehen, wundert ihn nicht. Er fragt dann, ob die Sache recht sei.» Das eigene Gewissen müsse entscheiden: «Ein Gewissen, das sich unter das Wort Jesu stellen darf: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» (CW Nr. 32, 6.8.1914, Sp. 746 📖)↩