Als Karl Barth in seinem letzten Studiensemester im Sommer 1908 nach Marburg kam, wo er bei Wilhelm Herrmann (1846–1922) studieren wollte, begegnete er auch Martin Rade (1857–1940), der seit 1904 dort als Professor für Systematische Theologie und Religionsgeschichte wirkte und den er wahrscheinlich in dessen Offenen Abenden näher kennenlernte.1 Barth arbeitete nach seinem Examen vom November 1908 bis zum August 1909 als Redaktionsgehilfe in der Zeitschrift «Christliche Welt», die Rade seit 1886 herausgab.2 Nach Barths anschließender Rückkehr in die Schweiz blieb die Verbindung zu Rade erhalten: Barth und Rade wechselten Briefe, sahen sich gelegentlich in Marburg oder in der Schweiz, und Barth veröffentlichte Aufsätze in der «Christlichen Welt» und in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche», die Rade seit 1907 zusammen mit Herrmann herausgab.3 Auch als sich Barth im Winter 1913/14 vornehmlich mit Sozialismus und mit Sozialpolitik beschäftigte, blieben die
CW
und die
ZThK
seine Lektüre.4
Als sich nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 die nächste Nummer der CW verspätete, schrieb er Rade: «Die letzte Nummer der CW (2.-8. Aug.) muß im Kriegsgetümmel verloren gegangen sein. Könnten wir sie wieder bekommen? Wir möchten gerade Jetzt den geistigen Kontakt mit Marburg um keinen Preis missen!»5 Nachdem jedoch die Zeitschrift eingetroffen war, urteilte er in einem Brief an seinen Freund Eduard Thurneysen: «Etwas vom Betrüblichsten ist mir die Haltung der ‹Christl. Welt›, resp. Rades. Nun setzt er uns als letzten Trost die erbärmlichen Sophismen (wenigstens kommen |19 sie mir in diesem Augenblick so vor!) Luthers über die seligen Kriegsleute vor.»6 Am 31.8. schrieb Barth an Rade einen Brief, der durch Veröffentlichung im Oktober zum Offenen Brief wurde.
Thurneysen, sehr beunruhigt über die Haltung der Religiös-Sozialen, hielt es für einen «grauenhaften Widerspruch», «wenn man betende Hände zu dem einen Gott und die Waffen gegeneinander erhebt.»7 Am 4.9. sandte Barth Texte von Friedrich Naumann an Thurneysen zurück, die dieser ihm als Unterlagen für einen Artikel über den Jahrgang 1913 der von Naumann herausgegebenen Zeitschrift «Die Hilfe» geliehen hatte8, und teilte dem Freunde mit, er sei froh, daß er sich «diesen Sommer noch damit beschäftigt» habe: «Der geistige Zustand unserer deutschen Freunde ist mir nun viel verständlicher, wenn auch um nichts sympathischer. Ich habe ein ausführliches, sorgfältig redigiertes Manifest gegen diesen Zustand an Rade erlassen. Er hatte scheints die Naivität, zu meinen, wir müßten doch selbstverständlich deutschfreundlich (und nicht neutral) gesinnt sein. Es ist, wie Ragaz sagen würde, ‹von symptomatischer Bedeutung›, daß ein Mann wie Rade so völlig den Kopf verlieren kann in dieser Lage. Die absoluten Gedanken des Evangeliums werden einfach bis auf weiteres suspendiert, und unterdessen wird eine germanische Kampfreligion in Kraft gesetzt, christlich verbrämt durch viel Reden von ‹Opfer› etc. Beweis genug, daß die ersteren schon vorher bei diesem Christlichen-Welt-Christentum mehr Firnis als innerlicher Besitz waren. Marburg und die deutsche Kultur verliert in meinen Augen etwas, und zwar für immer, durch diesen Zusammenbruch.»9
Rade reagierte auf Barths Brief vom 31.8. nach dem Eindruck von Barths Bruder Peter gekränkt und betroffen10, äußerlich aber gefaßt, und schlug Barth am 25.9. vor, Barths Brief und seine Antwort in den «Neuen Wegen» abzudrucken.11 Barth antwortete ihm am 1.10.: |20 «Wichtig war mir vor allem, daß du in Deutschland auf dem äußersten Flügel stehst und sogar Anfechtungen durchzumachen hast.» Inzwischen seien ihm sechs weitere Stellungnahmen von deutschen Theologen bekannt geworden.12 Doch könne er «sachlich nichts zurücknehmen. Im Gegenteil: Die Kluft ist weiter geworden seitdem, ich könnte mich heute kaum mehr zu der Ruhe zwingen, mit der ich dir meinen letzten Brief schrieb. Ich würde jetzt so gerne schreiben: ich verstehe dich und du verstehst uns, aber es wäre einfach nicht wahr: wir verstehen uns nicht. Du bist anders als die Anderen, aber nur graduell anders, während zwischen euch Allen und uns ein prinzipieller Unterschied besteht. Wie gerne würde ich Deine letzten zwei Andachten anders deuten. Daß wir alle sie dir hoch anrechnen, brauche ich dir nicht zu versichern. Aber all das Andere, was du geschrieben hast und hast schreiben lassen, ist dadurch nicht weggewischt.»13 «In mir ist etwas von der Hochachtung deutschem Wesen gegenüber für immer zerbrochen, das weiß ich […], weil ich sehe, wie eure Philosophie und euer Christentum nun bis auf wenige Trümmer untergeht in dieser Kriegspsychose.» Barth stand Rades Vorschlag, den Briefwechsel in dem Organ der Schweizer Religiös-Sozialen abzudrucken, «wenig geneigt gegenüber», weil die Publikation in diesem Blatt «ganz einseitig den Charakter einer an uns Schweizer gerichteten Aufklärung oder Rechtfertigung» erhielte: «Sie würde ein Teil des großen Papierfeldzuges um die Seele der Neutralen, der gegenwärtig von Deutschland aus geführt wird.» Ihm sei, wenn er auch den Abdruck in der Schweiz «nicht geradezu ablehnen» wolle, ein Abdruck in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche» lieber.14
Rade hielt das jedoch im Jahr 1914 nicht mehr für machbar, erklärte am 5.10. Barths Befürchtungen für grundlos, kündigte ihm an, er werde jedenfalls auf Barth in den «Neuen Wegen» antworten, und stellte |21 es ihm anheim, seinen eigenen Brief zusammen mit Rades Antwort dort zu veröffentlichen; am gleichen Tage verfaßte er einen auf den 5.9. zurückdatierten Antwortbrief an Barth. Beide Briefe wurden in der Nr. 10 der «Neuen Wege» unter dem Titel «Briefwechsel von Karl Barth und Martin Rade» veröffentlicht.15 Außerdem druckte Rade Barths Brief mit anderen Briefen unter der Überschrift «Auch ein Stück Zeitgeschichte» in dem Mitteilungsblatt «An die Freunde der Christlichen Welt» ab, das jeweils vertrauliche, nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmte Mitteilungen enthielt.16
Barth richtete am 4.11. einen grundsätzlich kritischen Brief an Wilhelm Herrmann, der die Botschaften «An die Kulturwelt» und «An die evangelischen Christen im Ausland» unterzeichnet hatte17; diesen Brief bekam auch Rade zu lesen.18 Barth ging aber auf Rades Vorschlag nicht ein, den Briefwechsel in der Öffentlichkeit fortzusetzen. Er reagierte in zwei Privatbriefen an Rade, einem kürzeren vom 14.11., in dem er um die Zusendung des Mitteilungsblatts «An die Freunde» bat, und einem längeren vom 23.11.1914. Darin gestand er nach Lektüre des Mitteilungsblattes zu, daß Rade ihm im Vergleich zu anderen deutschen Theologen noch näher stehe, machte aber doch ausführlich «die ganze Tiefe des Gegensatzes» deutlich: «Das Verhal|22ten der deutschen Bildung und des deutschen Christentums ist für mich das erschütterndste Problem in diesem Kriege. An nichts ist die Katastrophe, die wir durchmachen, so deutlich geworden wie daran. Das wird mich noch lange beschäftigen, wie es möglich war, daß die Deutschen auf einmal so sein konnten […]»19
An Prof. Leonhard Ragaz schrieb Barth: «Rade möchte ich öffentlich nicht mehr antworten. Durch seinen Rekurs auf das ‹Erlebnis› hat er sich m.E. auf ein Gebiet zurückgezogen, auf das man ihm in öffentlicher Diskussion nicht gut folgen kann, bes. nicht in einer Zeit von so gesteigerter Empfindlichkeit wie die jetzige. Ich habe ihm das brieflich ausführlich begründet. Es gilt sicher den Deutschen gegenüber […] abzuwarten, bis die ruhige Einsicht und Selbstkorrektur kommt.»20 Anfang 1915 blickte Barth in einem Brief an seinen Freund Willy Spoendlin auf die letzten Monate zurück: «Dann kamen die Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland wieder, gleichzeitig mit den Nachrichten von ihren großen Erfolgen. Und dann kam die große Aufgabe, sich selber und der Gemeinde bis ins Tiefste klar zu machen, daß der liebe Gott sicher neutral ist und daß wir Schweizer Alles Andre zu thun haben, als jetzt mit zu politisieren, Partei zu nehmen, zu schimpfen, zu klagen etc. für oder gegen die kriegführenden Parteien dadraußen.21 Die Versuchung dazu war ja ziemlich groß, bes. bevor die Papierflut aus Deutschland zu uns hereinbrach. […] Mir haben die deutschen Theologen, Philosophen, Historiker etc. mit ihrer ganzen Angriffs- und Verteidigungsliteratur den Dienst geleistet, mich von derartigem Mitpolitisieren recht frei zu machen. Ich habe eine |23 arge Götterdämmerung erlebt, als ich studierte, wie Harnack, Herrmann, Rade, Eucken22 etc. sich zu der neuen Lage stellten, wie Religion, Wissenschaft, Kunst und persönliche Kultur, Alles, was wir an ihnen da draußen hochschätzten (und an den Deutschen vor Allem), restlos sich in geistige 42cm Kanonen23 gegen asiatische Barbarei, englischen Krämergeist, französische Lüge etc.24 verwandelten und bis auf diesen Tag in dieser Verwandlung beharrten. Diese ‹Mobilmachung des Geistes›25 (sie hat sich ja auch in den andern Ländern vollzogen, aber nirgends so akzentuiert und gegenüber uns Neutralen so aufdringlich wie in Deutschland) ist für mich immer mehr zum Hauptproblem der Zeit geworden. Wo ist das Christentum hingekommen? Über den Kaiser26 und seine Hofprediger27 verwundere ich mich kaum, auch nicht über die Masse, aber über die geistigen Führer des deutschen Christentums? Was für ein Zusammenbruch der geistigen Ideale nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Gesinnung, in der ruhigen Theorie! Und der Sozialismus? Die Haltung der Reichstagsfraktion28 und des ‹Vorwärts›29, der sich das Thema ‹Klassenkampf› |24 verbieten läßt und dafür mitschimpft über die infamen Engländer etc. Wie haben jetzt Naumann und seine Freunde recht behalten in der Beurteilung der Sozialdemokratie!30 Und die deutsche Wissenschaft, mit ihrer Objektivität, ihrem kritischen Sinn, ihrem freudigen Idealismus – Alles zum Teufel, Alles dem Moloch ‹Not kennt kein Gebot›31 geopfert. Ich verkenne das Große gewiß nicht, das in dem Zusammenschluß des deutschen Volkes liegt, aber ich sehe nur eine große Tragik darin, ein furchtbares Mene Tekel32 für unsre ganze Kultur, furchtbarer als alle Verluste und Zerstörungen des Krieges im äußerlichen Sinn! Also so bewährt sich das Beste und Feinste, das wir an idealistischem Geist in der Welt hatten: Kant, Schiller, Goethe, Schleiermacher etc. – Alles, Alles endigt nun mit: Gott strafe die Engländer!33 Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, daß ich in eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Deutschen hineingezogen worden bin. Ich habe einen Brief an Rade geschrieben und ihm mein Bedauern ausgesprochen, daß auch die ‹christliche Welt› in den kriegerischen Rummel sich so hineinziehen lasse zum Schaden des eigentlich Christlichen. Rade verabredete dann über meinen Kopf weg mit Ragaz, meinen Brief und seine Antwort darauf in den ‹Neuen Wegen› zu publizieren, ich sträubte mich dagegen, mußte aber leider nachgeben, und der Brief trägt mir nun, da er als Privatbrief wirklich etwas lebhaft geschrieben ist, viele Püffe und wilde Tadelnsworte von allen Gemäßigten ein, die gegen mich ganz mit Recht geltend machen, daß wir Schweizer uns im Kriegsfall wohl ganz ebenso unkontrolliert und unchristlich aufführen würden.»34
Anfang Januar 1915 kam es in Bern in kleinstem Kreise zu einer Aussprache mit Rade, aber die Differenz blieb bestehen.35
25Die beiden Briefe werden hier nach dem Abdruck in den «Neuen Wegen» wiedergegeben. Barths Originalbrief war in diesem Abdruck im Wortlaut kaum verändert, aber durch drei kleinere Auslassungen verkürzt worden, die hier in ⌜⌝ wieder ergänzt werden.
Safenwil, 31. August 1914 Hochverehrter Herr Professor!
Ich habe es mir lange überlegt, nun muß ich es Ihnen doch sagen, wie sehr mir die letzten drei Nummern der «Christlichen Welt» (32 bis 3436) eine Enttäuschung, ⌜religiös geredet⌝ ein «Ärgernis» sind. Es fällt mir so schwer, Ihnen das zu schreiben, und noch viel schwerer muß es Ihnen fallen, mir zuzuhören. Aber ich habe das Gefühl, es ginge innerlich etwas entzwei zwischen Marburg und mir, wenn ich jetzt schweigen würde. Und Sie hatten doch immer wie Wenige die Fähigkeit, auch ganz andere Gesinnungen und Stimmungen als Ihre eigenen und die gerade um Sie herrschenden zu begreifen. Das kann trotz Allem nicht so ganz anders geworden sein. Und ich habe den Mut, Ihnen zu schreiben, weil ich weiß, daß ich nicht der Einzige bin diesseits des Rheins, der so denkt.
Wir verstehen Sie nicht, ⌜verehrter lieber Herr Professor,⌝ wir können und wollen Sie nicht verstehen in Ihrer bisher eingenommenen Haltung dem Krieg gegenüber. Bitte werfen Sie mir jetzt nicht gleich dazwischen, daß ich als Schweizer für und über den Krieg nicht reden könne. Sie machen sich die Abwehr unserer Einwände immer wieder viel zu leicht mit dieser Feststellung (auch Sp. 774!37). Über alles Po|26litische sage ich kein Wort, ich maße mir kein Urteil darüber an, es dürfte bei der Kompliziertheit der Dinge überhaupt jetzt noch nicht möglich sein, darüber zu urteilen. Aber ich vermisse schon die letztere Einsicht, die doch für Sie so gut gilt wie für uns. Alles, was Sie in der «Christlichen Welt» jetzt sagen, geht von der stillschweigenden oder ausdrücklichen Voraussetzung aus, daß Deutschland Recht hat in diesem Kriege. Ich trete nicht ein auf diese Frage. Die Geschichte wird darüber entscheiden. Aber das verwundert mich, daß die «Christliche Welt» – eine religiöse, christliche Zeitschrift und von der geistigen
Kultur der «Christlichen Welt» – diese populäre Voraussetzung einfach mitmacht (Volles Vertrauen Sp. 76738, Glaube an die gute Sache Sp. 77039, Anklage gegen England und Rußland Sp. 78240), wo es doch vom Standpunkt des Glaubens wie der Bildung aus nur Schweigen
|27 geben dürfte, weil diese Dinge noch sub judice sind. Und das führt mich nun sofort zu dem Hauptanstoß, den ich, den wir jetzt an der «Christlichen Welt» nehmen. Sie haben jene Voraussetzung nötig als Grundlage dessen, was Sie (Sp. 78841) «fromme Kriegsfertigkeit» nennen. Und das ist nun noch schlimmer als jene Voraussetzung. Das ist mir das Allertraurigste in dieser traurigen Zeit, zu sehen, wie jetzt in ganz Deutschland Vaterlandsliebe, Kriegslust und christliches Glauben in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten und wie nun auch die «Christlichen Welt» prinzipiell tut, wie ganz Deutschland tut. Das ist die Enttäuschung für uns, von der ich Ihnen sagen muß: daß wir sehen müssen, wie die «Christliche Welt» in diesem entscheidenden Augenblick aufhört, christlich zu sein, sondern sich einfach dieser Welt gleichstellt.42 Das, was in diesem Augenblick das vom christlichen Standpunkt aus einzig Mögliche wäre, der unbedingte Protest gegen den Krieg überhaupt und gegen all das Menschliche, was ihn herbeigeführt hat, das wollen Sie gerade jetzt (wann hat es einen Sinn, wenn nicht jetzt?, möchte ich fragen) nicht hören, sondern Sie wollen das «Rein-Religiöse» (Sp. 78643) in den Vordergrund stellen, das nach den bisherigen Proben nichts Anderes bedeutet als das Deutsch-Religiöse. Dieser Zusammenbruch vor der «harten Realität» ist’s, der uns weh tut, wir hatten von der «Christlichen Welt» Anderes erwartet. Es versteht sich von selbst, daß Deutschland den Krieg, den es nun, mit Recht oder Unrecht, einmal hat, auch führen muß, mit Verteidigung und Angriff, mit 42cm-Geschützen44 und Neutralitätsver|28letzungen, mit Massenfüsilierung und Städtezerstörungen.45 À la guerre comme à la guerre.46 Aber warum lassen Sie bei dieser ganzen weltlichen, sündigen Notwendigkeit Gott nicht aus dem Spiele? Meinetwegen durch völliges Schweigen, wenn der «harten Realitäten»47 wegen das Protestieren nicht angeht; Schweigen mit allen religiösen Beziehungen auf das, was die Deutschen jetzt tun müssen, wäre auch ein Protest. Aber nicht Gott in der Weise in die Sache hineinziehen, als ob die Deutschen mitsamt ihren großen Kanonen sich jetzt als seine Mandatare fühlen dürften, als ob sie in diesem Augenblick mit gutem Gewissen schießen und brennen dürften. Das nicht! Und gerade das, das gute Gewissen predigen Sie jetzt, jetzt, wo das schlechte Gewissen das christlich allein Mögliche wäre gegenüber der nun einmal vorhandenen weltlichen, sündigen Notwendigkeit. Wie soll es mit den Menschen vorwärts gehen, wenn man ihnen jetzt – in diesem furchtbaren Ausbruch menschlicher Schuld – für ihr Tun noch den Trost des guten Gewissens spendet? Gibt es im gegenwärtigen Augenblick, wenn man |29 nicht das Schweigen dem Reden vorziehen will, etwas Anderes zu sagen als «Buße»? Ja! sagen Sie, es gibt etwas Anderes, und lassen die Engel im Himmel sich über die deutsche Mobilisation freuen48, lassen die deutschen Frauen ihr Kriegsgebet mit Trommelschlag beten49, lassen Fritz Philippi von einem heiligen Krieg reden50 (beides übrigens poetisch ganz wundervolle Stücke, religiös um so bedenklicher!), machen selber den Paulus zum Advokaten der Vaterlandsreligion51, feiern das Zusammenknicken der deutschen Sozialdemokraten am 4. August als etwas «Wundervolles»!! (Sp. 78752) und drucken – dies für mich das Gravierendste – die Lutherschrift über den Krieg ab, die mich, ich muß es Ihnen gestehen, in diesem Zusammenhang, angewendet auf diesen Macht- und Rassenkampf, in ihrer Mischung von Naivität und Sophisterei einfach anwidert. «Fromme Kriegsfertigkeit» – ist das das Wort, das die «Christliche Welt» in dieser großen Stunde zu sagen hat? «Gottes Wille aus dem Wirklichen erkennen» wollen Sie.53 Das möchten auch wir. Aber in der Art, wie wir es tun, offenbart sich der ganze ernste religiöse Gegensatz, der zwischen Ihnen allen und uns besteht und neben dem mir alles das, was Sie z.B. mit |30 D. Kaftan verhandeln54, bedeutungslos erscheint. Wir sagen: Hominum confusione et Dei providentia mundus regitur55, wehren uns gegen die confusio, so lange es geht, fügen uns ihr in bitterer Beschämung, wenn es nicht mehr geht, und glauben dann, daß Gottes56 providentia trotz uns zustande bringt, was er haben will. Sie gehen religiös von dem neusten Testament aus, daß der Christ heute unter ganz anderen Bedingungen lebe als zur Zeit der Apostel (Sp. 770)57, folgern daraus ohne Zaudern die Pflicht, sich als Deutsche mit Ehren zu behaupten, und gehen dann ohne weitere Umstände dazu über, «ein festes Herz» zu bekommen.58 – Ich will mir das Schlagwort von den «zwei Religionen» nicht aneignen59, aber noch nie ist mir so klar gewesen wie jetzt, wie recht Luther hatte, als er unserm Zwingli das Wort vom «andern Geist» sagte.60 Das hat nun offenbar so sein sollen, daß dieser Gegensatz einmal zu offenem und unversöhnlichem Ausdruck gekommen ist. Gerade weil Sie so unmittelbar und unter starkem Druck geschrieben haben.61 Ich habe nun nur die eine Angst, die |31 ich schon andeutete, daß Sie diesen Gegensatz wieder auf einen politischen, schweizerisch-reichsdeutschen reduzieren. Sie haben uns das nun schon oft so gemacht und beharren offenbar dabei, hier, auf der Oberfläche, den Kern des Problemes zu suchen. Ich habe aber die Hoffnung, daß gerade die Wucht der gegenwärtigen Tatsachen dazu dienen wird, auch Ihnen eine andere Orientierung wenigstens näherzulegen, als es bis daher der Fall war.
⌜Mit den herzlichsten Grüßen an die lieben Ihrigen auch von meiner Frau
Marburg, den 5. September [Oktober] 191462 Lieber Freund,
Unter den vielen Briefen, die mir die «Christliche Welt» während des Krieges eingetragen hat, ist der Ihre der einzige, den ich öffentlich beantworten möchte. Einmal wegen seiner prinzipiellen, im guten Sinne des Worts dogmatischen Haltung: ich möchte Sie um Erlaubnis bitten, Ihren Brief mit meiner Antwort in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche» veröffentlichen zu dürfen; dorthin wird auch nach Ihrem Empfinden die Auseinandersetzung am besten gehören. Aber ich wage es doch, mit einem Vorläufer meiner durchgearbeiteten Antwort auch an die «Neuen Wege» heranzutreten, weil Sie (zweitens) in Ihrem Briefe des öftern versichern, daß Sie nicht nur persönlich zu mir sprächen, sondern im Sinne einer Schar von «Wir». Damit können Sie nur die entschiedenen Religiös-Sozialen der Schweiz meinen, und wenn ich zunächst denen mit meiner Antwort dienen möchte, so ist ja das Gewiesene, daß ich um die Gastfreundschaft der «Neuen Wege» bitte.63
Die innere Lage, in welcher der Krieg uns traf, war für die Religiös-Sozialen der Schweiz und für mich eine sehr verwandte. Fühlte ich schon immer mich in meiner Gesinnung Ihrem Kreise sehr nahe ste|32hend, so ging ich eben mit Semesterschluß ernstlich an den ehrenvollen Antrag heran, den ich ihm verdanke. Ich sollte ja auf unserm Internationalen Kongreß in Basel über «Christentum und Frieden» reden.64 Zusammen mit einem Engländer und einem Franzosen!65 Meine kurzen Leitsätze dafür hatte ich längst in eine erste Form gebracht, die ich hierher setzen darf – in allen drei Sprachen, zum symbolischen Ausdruck dessen, was uns bewegte, und weil ich auch für die fremdsprachige Form schon gesorgt hatte –:
1. Weltpolitik, d.i. das wechselsweise Verhalten zwischen den Staaten und Völkern, ist keine unmittelbare Auswirkung religiösen Geistes und entzieht sich daher mehr oder weniger der Einwirkung des Christentums.
2. Das Christentum (als Gesinnung und Kirche) hat seinem Wesen nach den Beruf, rückhaltlos und restlos seine Kraft für eine solche Gestaltung der Weltpolitik einzusetzen, daß zum mindesten den christlichen Völkern Friede, Vertrauen und Bündnis zum selbstverständlichen Zustand wird.
1° La Politique Universelle («Weltpolitik»), qui consiste dans les relations des États et des peuples, n’est pas un résultat direct de l’esprit réligieux; dès lors, elle échappe plus ou moins à l’influence du christianisme.
2° En raison de son essence (de sa nature), le christianisme (comme mentalité et comme église), est appelé à mettre en œuvre sa puissance, sans arrière pensée, pour une telle formation de la «Weltpolitik», de façon qu’au moins les peuples chrétiens, en arrivent à un état satisfaisant de paix, de confiance et d’union.
1st World politics, that is the relations between States and peoples, is not directly affected by the religious spirit and therefore is withdrawn more or less from the influence of christianity.
2nd Christianity (as a faith and as a church) has by its very nature, the task to exert its influence without reserve for such worldwide political conditions that, at least among Christian peoples, peace, mutual confidence and cooperation may be everywhere taken for granted.
33Aus meinem ersten Satze ist deutlich, daß ich keineswegs mit einem Aufhören der Kriege rechnete, aus dem zweiten, daß ich ein den Krieg ausschließendes Verhältnis zwischen den christlichen Völkern, unter die ich Rußland kaum rechnete, für möglich hielt und forderte. So traf mich der Ausbruch des Krieges mit Frankreich und mit England schwer. Ich habe meinem Schmerz über diesen «Bankerott der Christenheit» in Nr. 38 der «Christlichen Welt» Worte gegeben.66
Auch in Nr. 32ff. äußerte ich mich kritisch gegen den kommenden und gekommenen Krieg, viel zu kritisch für empfindliche deutsche Patrioten67 (vgl. Schian in einem viel nachgedruckten Artikel der «Preussischen Kirchenzeitung», Nr. 3368) – und kritisch genug für einige Schweizer Freunde, die Ihnen und mir nahe stehen und die mir ausdrücklich Ihr Verständnis bezeugt haben.69
Wenn nun Sie gleichwohl so bedingungslos unzufrieden mit mir sind, so werde ich Ihre Beschwerden gewiß nicht damit erledigen wollen, daß ich sage: Sie sind eben Schweizer und ich Deutscher. Diese Wendung ist in der «Christlichen Welt» gegenüber den Religiös-Sozialen jeweilen vorgekommen, aber wenn ich mich recht erinnere und soweit ich selbst dabei beteiligt bin, nur in Beziehung auf die Sozialdemokratie.70 Und da hatte jene Überlegung doch ihr starkes Recht. Sie hatten – auf Grund Ihrer schweizerischen Staats- und Gesellschaftsverfassung – eine sehr andere Sozialdemokratie als wir. Darüber hätte der Basler Kongreß sicher die lebhafteste Aussprache gebracht, und ich versprach mir davon gute Frucht für uns Deutsche. Inzwischen hat die Weltgeschichte gerade an diesem Punkt die Lage merkwürdig geändert, die Religiös-Sozialen haben im Zusammenbruch der sozialistischen Internationale71 den schwersten Stoß erlit|34ten, den Sie von der politischen Seite her erfahren konnten. Es ist das, was wir da vor uns haben, geradezu eine Parallele zu dem, was ich als «Bankerott der Christenheit» beklage. Wir Deutschen haben an unserer Sozialdemokratie national die glücklichste Enttäuschung erlebt72: das Gefühl fürs Große hat im Augenblick des Existenzkampfes unseres Volkes über alle Prinzipien, über alle Dogmatik gesiegt. Es bedeutet das bei uns in Deutschland mehr, als wenn auch die belgischen und französischen Sozialdemokraten sich für den Krieg erklärt haben, weil unsere Sozialdemokraten wissenschaftlich-marxistisch geschulter, weil sie prinzipieller gewöhnt sind als die französischen und belgischen Genossen.
Nun beginnt in der Beurteilung dieses «Zusammenknickens»73 unserer deutschen Sozialdemokratie schon die Differenz in Ihrer und meiner Beurteilung der Vorgänge. Da Sie im übrigen auf die Tatsachen nicht eingehen, brauche ich diesen auch nicht nachzugehen. Ich brauche also weder von Löwen noch von Reims, weder von der Neutralität Belgiens noch von dem österreichischen Ultimatum an Serbien, ich brauche von der großen Schuldfrage nicht zu reden. Was die Schuldfrage betrifft, so würde ich auch so lange, als der Krieg währt, mich auf keine Erörterung dieser Frage mehr einlassen: ich bin froh, daß ich vor dem Fallen des letzten Würfels gesagt habe, was ich sagen mußte74, aber seitdem sehe ich zu derlei Auseinandersetzung für mich keinen Raum. Und wenn Ihre Brüder z.B. in dem mir so wohlwollenden Semeur vaudois ganz wie selbstverständlich von l’invasion et l’occupation barbare des Allemands schreiben75, als ob Franzosen, |35 Russen und Engländer nur irgendwie kultivierter oder moralischer den Krieg führten – so halten Sie sich ja dabei nicht auf, denn Sie wissen: à la guerre comme à la guerre!76
Aber eben weil Sie in all diesen Stücken Welt Welt sein lassen, erwarten Sie von mir ein Gleiches: Ablehnung des Krieges überhaupt, dieses Krieges insbesondere. Und wenn ich – aus äußeren oder inneren Gründen – nicht offen protestieren konnte, dann ziemte mir als Christen ein ebenso deutliches Schweigen. Zum Schweigen habe ich mich nun auch bekannt (Nr. 3477). Aber freilich nicht zu diesem. Alles Schreiben, alles Reden und Schwätzen kam mir in jenem Momente so nichtig vor. Insbesondere das reflektierende Wesen, das sich in der «Christlichen Welt», das sich unter uns Theologen so breit macht. Geradezu ein Grauen faßte mich an, als ich unter den neuen Lebensbedingungen der Kriegszeit meinen Manuskriptenvorrat durchsah. Unmöglich alles.78 Vanitatum vanitas!79
Das war aber etwas ganz anderes als jener religiöse Abscheu vor dem Kriege, den Sie forderten. Ich hatte durchaus das Gefühl, daß ich, daß die «Christliche Welt» in dieser Zeit sehr viel zu sagen hätte, sagen müßte. Einiges davon habe ich inzwischen auf meine Weise gesagt, aber ich könnte davon noch viel mehr geben: das Herz ist mir voll, und nur äußere Gründe halten zurück, wenn die Feder nicht ganz anders davon übergeht.
36Aber was ich in der «Christlichen Welt» sage, auch wohl andere sagen lasse, ist Ihnen ein Ärgernis. Und hier wird nun die Sache zwischen uns beiden sehr ernst. Werden wir uns verstehen können?
Nicht, daß Sie Schweizer sind, erschwert Ihnen das Verständnis. Aber daß Sie neutral sind, daß Sie mit Ihrem Volk und Staat an diesem Kriege keinen Anteil haben.
Das vergönnt Ihnen zwar einen Vorzug. Sie können ruhig abwägen, wo wir dazu gar nicht mehr im Stande sind. Sie können gleichzeitig deutsche und französische Zeitungen lesen und sich mit relativer Sicherheit ein objektives Urteil über allerhand Vorgänge bilden. Aber Eines entgeht Ihnen: das Erlebnis. Wie schon ich das Erlebnis dieses Krieges nicht so habe wie der Soldat, der mit an die Front ging, oder auch mancher andere, der wichtigen Ereignissen näher war als ich. Eins habe ich doch voraus vor Ihnen: die Erfahrung, wie dieser Krieg über die Seele meines Volkes kam. Ich bin – infolge eines sonderbaren Zusammentreffens – damals persönlich in sehr kritischer Stimmung gewesen gegenüber dieser Volksseele: Nr. 33, Spalte 782 finden Sie Andeutungen davon.80 Um so schwerer wiegt mein Zeugnis. Unvergeßlich und heute wieder fast unbegreiflich, wie ein friedegewohntes und friedensfrohes Volk plötzlich hingerissen wird in diese unerhörte neue Wirklichkeit: Krieg. Wie erst das ferne Donnergrollen noch kaum vernommen, nicht geglaubt wird. Wie dann eine alle Nerven packende Spannung jedermann ergreift. Wie das Bewußtsein alle bewegt: wir wollen keinen Krieg, aber wenn es sein muß, wollen wir ihn auf uns nehmen. Wie einmütiges Vertrauen zu Kaiser und Kanzler die Gemüter erfüllt und inmitten der immer unerträglicheren Spannung eine große Ruhe gibt: die dort oben machen keinen Krieg, sie werden an Entgegenkommen und Friedfertigkeit das Äußerste leisten. Aber dazu schon fast die Besorgnis: doch nur das Äußerste! Es gibt eine |37 Grenze des Nachgebens – und wenn der Krieg einmal kommen soll, dann lieber heute als morgen! Und die Erleichterung dann, als eine Entscheidung da war. Das Wachstum der Entschlossenheit, als zum einen Feind der zweite kam und zum zweiten der dritte. Dieses «gute Gewissen», das in der allgemeinen Friedensbereitschaft selbstverständlich beschlossen war. Diese Zuversicht zur eigenen Widerstandsfähigkeit. Und nun der Beginn des Widerstandes selbst. Das einhellige Laufen zu den Waffen. Die ruhige, klare, von keinem moralischen Mißton getrübte Mobilisierung. Die Ordnung, die Alkoholfreiheit, die Sicherheit des Betriebes und der Leitung. (Freuen sich die Engel im Himmel81 denn nicht über alles, was gut ist in der Welt?) Und hinter dieser Erscheinung einer herrlichen Solidarität im Großen und Ganzen die tausend und abertausend Züge der Hingabe und Opferbereitschaft von all den einzelnen, bis – in ungeahntem Maße – in die Reihen der Sozialdemokratie hinein. Mit Überschwang vielleicht bei der akademischen Schicht, nüchterner, aber auch um so rührender beim schlichten Volk.
Gewiß, unser Volk hat den Krieg damals schon nicht anders empfunden, denn als ein Unglück. Aber eben als ein so großes ungeheures, daß ihm alles andere Denken und Fühlen verging über dem Einen: Gott.
Und Sie verlangen, wir sollten bei dem Erleben dieses Krieges Gott außerm Spiele lassen. Das ist unmöglich. Für eine so überwältigende Sache gibt es nur Einen möglichen Grund und Urheber: Gott.
In seiner Kriegspredigt sagt Schädelin82 – und Sie stimmen ihm zu –: «Eines wird nie gelingen, den Krieg aus dem Herzen Gottes herzuleiten.» Ob wir das fertig bringen, den Krieg aus Gottes Herzen «herzuleiten», so daß wir das ganz begreifen, das weiß ich nicht. Aber wie wir diesen Krieg erfuhren und erfahren, ist es für uns Gottlosig|38keit und Wahnsinn, zu leugnen, daß für den Krieg überhaupt und für diesen Krieg zuletzt jener die Verantwortung übernimmt: Gott!
So hat das deutsche Volk damals empfunden, und so ist ihm, denke ich, gemeinhin gepredigt worden. Nicht von dem «deutschen Gott», wie Sie es auffassen.83 Gewiß, so mag auch einmal geredet worden sein: von Dichtern, Zeitungsschreibern, von Offizieren auch und selbst vom Kaiser.84 Aber Sie dürfen sich da nicht zu sehr an Worte halten. Unsere deutsche Gottesvorstellung ist nicht so kindisch, wie Sie meinen. Wir denken alle, vom Kaiser bis zum schlichtesten Bäuerlein, daß Gott seine Hand im Spiele hat bei diesem Kriegsgeschick: nicht nur daß er es zuläßt, etliches Gute daraus erwachsen läßt, duldet – nein, so einen schwächlichen Gott können wir jetzt gar nicht vorstellen. Vielmehr: Er spricht, so geschieht’s, Er gebeut und so steht’s da.85
Und diesen Gott soll ich Lutheraner gegen unsere reformierten Freunde verteidigen? Ist denn nicht mehr Gott für Sie Actus purus?86 Und ist Prädestination für Sie so ganz ein leerer Wahn geworden?87 Ferner, wir Lutheraner sind jetzt die Schwertträger!88 Zwingli und der Calvinismus die ewig Friedfertigen?89 Davon heute kein |39 Wort weiter. Nur Luthers und seines «seligen Kriegerstandes» muß ich noch einen Augenblick gedenken. Naiv, ja, ist Luther der Politiker. Aber fromm und reich immer wieder sein Bestreben, dem schlichten Christen in seinen nötigen Berufsgeschäften den Trost eines guten Gewissens zu geben. Dazu die Ansätze zu einer ethischen Theorie des Untertanengehorsams eben in jener von Ihnen verachteten Schrift für seine Zeit so verächtlich nicht. Aber lassen wir diese Historia heute bei Seite. Ich komme in der «Zeitung für Theologie und Kirche» darauf zurück.90 Nur vorbereiten will ich Sie darauf, daß ich auch Ernst Moritz Arndts «Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann» demnächst in der «Christlichen Welt» abdrucken werde als die einzig würdige Fortsetzung zu jener Lutherschrift.91 Was werden Sie dazu sagen?
Nun, Jesus hat doch mit diesem «deutschen» Gott nichts zu schaffen?
Gemach! Wir sind durch die Religionsgeschichte nachgerade so weit gebracht, daß wir Religion, daß wir Gott auch da finden, wo Jesus Christus uns noch nicht begegnet. Mir als altem Ritschlianer ist das schwerer geworden als Euch Jüngeren; aber vor dem «Wirklichen» habe ich mich gebeugt. Deshalb bleibt mir Jesus die Offenbarung Gottes, und der Deus revelatus meine Zuflucht vorm Deus absconditus. Ich könnte den Deus absconditus nicht vertragen, wenn ich den Deus revelatus, wenn ich Jesus nicht hätte.92 Aber wenn nun in der Erschütterung eines solchen Kriegserlebnisses, das ein ganzes Volk auf die Knie wirft, Gott noch andere Züge trägt als Jesus, wenn er über uns kommt als die reine Macht, von der wir zunächst nichts spüren als unsere absolute Abhängigkeit – weshalb wollen Sie diese |40 Frömmigkeit schelten? National – das wäre sie doch nur, wenn wir wirklich in jenen naiven Paganismus oder Henotheismus uns verlören, der uns im Ernst völlig fremd ist. Alttestamentlich – nun das wäre noch keine Schande. Einmal erleben wir auch an unsern Juden jetzt eine merkwürdige religiöse Belebung, der unseren gleichzuachten. Sodann: ist nicht das Alte Testament auch Bibel? und sogar der Bibel größerer Teil? Und haben wir nicht alle Ursache, davor stillzustehen, wenn ein Volk wie das deutsche vom Geist der Psalmen und Propheten etwas verspürt? Aber nun gehöre ich doch zu denen, die daran arbeiten, daß die fromme Ergriffenheit in den Hafen des Neuen Testaments einläuft. Baumgarten, der den Religiös-Sozialen bestverdächtige, wie Sie aus seiner Monatsschrift ersehen können, auch.93 Dennoch: wer wagt da Vorschriften zu machen und nur zu kritisieren, wenn eine Volksseele erzittert, weil sie Gottes Walten spürt!
Da lassen Sie nur dann jeden in seiner Weise an diesem Erfahrnis teilnehmen! Und wenn er Traub heißt, auch in seiner Weise.94 In solcher Zeit muß mehr noch als sonst ein jeglicher seines Glaubens leben!95 Aus diesem Sinne heraus habe ich Traub einen «Kriegsprediger von Gottesgnaden» genannt.96 Ich könnte nicht sagen und schreiben, was er, aber gerade darum empfinde ich sein Auftreten und Zeugen geradezu als eine Wohltat. Es ist doch alles echt an ihm, und ob er mich in manchem erhebt, in manchem abstößt, so macht es mich reicher, wenn ich mit ihm Fühlung habe. Und Vielen in unserem Volk deutet gerade er richtig, wie sie diesen Krieg erleben und Gott in ihm.
41Die Freiheit aber, mit der ich so einem Manne wie Traub gegenüberstehe, nehme ich für mich in Anspruch. Ich habe mich mit allem Bewußtsein in Nr. 32 Sp. 746 zum ersten Mal in meinem Leben einen «Pazifisten» genannt.97 Damit habe ich mich zu denen ausdrücklich bekannt, die den Willen zum Krieg für Sünde erachten. Als Christ, und wie ich das Christentum verstehe, kann ich nicht anders. Aber dafür, daß der Krieg bloß Menschenwerk sein soll, während Gott der Herr eigentlich etwas ganz anderes möchte: eine solche Gottesvorstellung mache ich nicht mit. Übernimmt also mein Gott die Verantwortung für das Kriegsgeschick, so ist es dann auch fromm, aus dem Kriege herauszuholen an Gutem, was man nur kann. Und das tut in seiner Weise Traub meisterlich; man muß nur alles von ihm lesen und ihn als ein Ganzes nehmen, nicht an einem einzelnen Ausdruck oder Satze haften. Wenn man das tut, sind wir Männer der Feder und des Worts doch alle verloren. Traub erlebt einseitig den Krieg. Sie nicht auch?
Daß Sie nun diesen Krieg nicht so miterleben wie wir Reichsdeutschen, dafür können Sie nichts. Es ist ganz recht, daß Sie ihn auf ihre Weise erleben. Es ist ganz recht, daß Ihnen bange wird um uns, wo wir meinen, sichere Wege zu gehen. Es ist ganz recht, daß Sie dann laut Ihre Stimme erheben und uns warnen. Die Neutralen müssen eben diesen Krieg anders verarbeiten wie wir. Und mit unsern verschiedenen Erfahrungen sollen wir uns dann dienen. Wir leiden alle stellvertretend. Sie für uns, wir für Sie. Und die ratio vicaria ist und bleibt doch schließlich Kern und Stern der christlichen Ethik. So meine ich, daß wir uns auf gemeinsamem Boden immer wieder zusammenfinden werden.