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An das Appenzeller Sonntagsblatt (erster Brief)

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An Das Appenzeller Sonntagsblatt

1922 (erster Brief)

Seit Barth zum Wintersemester 1921/22 nach Göttingen gekommen war, hatte die Reichsmark ständig an Wert verloren. Die Inflation nahm seit August 1922 noch stärker und schneller zu.1 Barth war von ihr nicht in dem Maße wie andere betroffen, weil sein Gehalt dem jeweiligen Geldwert angepaßt wurde und weil er Einnahmen aus dem Verkauf der dritten Auflage des «Römerbriefs» hatte.2 Aber er bemerkte die Not besonders betroffener Gruppen wie der Waisenkinder, der Rentner und Studenten.3 Von der Lage der Studenten erfuhr er an den offenen Abenden in seinem Hause und bei gemeinsamen Spaziergängen an den Sonntagnachmittagen. Da Barth mit der Tochter des |51 damaligen Herausgebers des «Appenzeller Sonntagsblatts» bekannt war4, richtete er an dieses Blatt, das wöchentlich in Basel erschien5, einen Brief mit der Bitte um Hilfe. Die Zeitung brachte Barths Text unter der Überschrift «Die Not in Deutschland» in ihrer Ausgabe vom 30.9.1922.6

Die Not in Deutschland

Als in Göttingen lebender Schweizer bin ich Zeuge der durch die zunehmende Geldentwertung in Deutschland geschaffenen Lebensverhältnisse. Es drängt mich, meinen Landsleuten in der Heimat zu sagen, daß die Wirklichkeit schlimmer ist als die darüber in die ausländischen Zeitungen gelangenden Nachrichten. Wer heute in Deutschland reist, läßt sich leicht täuschen durch den Aufwand, der außer von den vielen profitierenden Fremden von einer gewissen Schicht Gutbezahlter, besonders Jugendlicher, getrieben wird. Der verzweifelte Leichtsinn dieser Kreise gehört mit zu dem durch den verlorenen Krieg verursachten Unglück des deutschen Volkes. Er darf nicht blind machen für die weniger offenkundige bittere Not Unzähliger, die nicht zu diesen Kreisen gehören. Drei Gruppen von Menschen habe ich hier in Göttingen besonders vor Augen: 1. Die bisher von einer kleinen Rente lebenden ehemaligen Handwerker, Gewerbetreibende u.s.f. und die Hinterlassenen solcher, vor allem alleinstehende Damen. Hat man in den entsprechenden Kreisen in der Schweiz wohl ein Bild davon, was es für diese Leute bedeutet, nachdem sie ein Leben voll ehrbarer Arbeit und nun schon acht Jahre wachsender Einschränkung und Entbehrung hinter sich haben, nachdem ein gutes Stück Hausrat nach dem andern zum Trödler gewandert ist, wählen zu müssen zwischen Hunger und Kälte und einer Armengenössigkeit7, mit der ihnen erst noch recht wenig geholfen ist, |52 da auch die Mittel der Behörden und Vereine der Lage lange nicht gewachsen sind? – 2. Die Studenten. Die Unterhaltskosten in der Universitätsstadt drohen in diesem Winter unerschwinglich zu werden. Viele werden ihre Buden nie heizen können. Die Anschaffung auch der unentbehrlichsten Bücher wird unmöglich. Manche haben nun ihre Ferien in der Landwirtschaft, im Bureau, im Bergwerk, ja sogar als Heizer auf einem Schiff zugebracht, um sich etwas zu verdienen. Aber nicht alle haben die Gesundheit dazu. Viele können und dürfen um ihrer wissenschaftlichen Arbeit willen ihre Zeit nicht so zubringen. Und was hilft denen, die es tun, ihre Tapferkeit, wenn unterdessen die Preise wieder um das Dreifache gestiegen sind? – 3. Die Kinder im hiesigen Waisenhaus, einer freien Stiftung, die unter den jetzigen Umständen von 80 Plätzen nur 30 besetzen kann und dabei die Hälfte ihres Kapitals von 200.000 Mark hat aufbrauchen müssen. Was soll aus den dreißig 2-15-jährigen Kindern werden, wenn die zweite Hälfte, wahrscheinlich erschreckend schnell, auch nicht mehr da ist? Der Zentner Kartoffeln gilt jetzt schon 470 Mark, und das Waisenhaus hätte 250 Zentner nötig! – Ich weiß, daß die Schweizer überlaufen werden mit Gesuchen dieser Art. Aber ich sehe die hiesigen Zustände, kann es nicht lassen, zu denken, wie hier schon mit wenigen, geschweige denn mit vielen Schweizerfranken geholfen werden könnte, und wage es, zu bitten: helft mir, den vielen Bedrohten und Bedrängten wenigstens etwas Erleichterung zu verschaffen!

Freundliche Gaben nimmt meine Mutter, Frau Prof. Barth-Sartorius, Unterer Rheinweg 44, Basel für mich entgegen, ebenso die Redaktion des Appenzeller Sonntagsblattes.

Mit herzlichem Dank im voraus!
Prof. D. Karl Barth
in Göttingen

Sachfußnoten

1
Der Index der Entwertung der Mark, gemessen an den Devisenkursen (1913 = 1), betrug im Januar 1922 45,7, im Juli 117, im Januar 1923 4.279, im Juli 1923 84.150 (G. Stolper, Die deutsche Wirtschaft 1870-1940, Stuttgart 1950, S. 98. 📖)↩
2
Rundbrief vom 18.12.1922: «Was das Allgemeinste betrifft, die immer mißlicher werdende Lage hier, so werdet ihr aus den Zeitungen z.T. mehr wissen als ich. […] Aber das, was ich weiß von den Zuständen, genügt, um einen zu bedrücken.» (Bw.Th. II, S. 121 📖.)↩
3
In Göttingen organisierten damals Studenten die Einrichtung einer Mensa am Wilhelmsplatz, damit sie zu einer erschwinglichen Mahlzeit kamen. Studenten, die gegen Dollars Ausländern Deutschunterricht erteilen konnten, schätzten sich glücklich. (Mitteilung von Hans Koch an den Hrsg.)↩
4
H. Finze, Karl Barth und Appenzell – eine kleine Episode aus dem Jahre 1922, in: Magnet. Kirchenblatt für die evangelisch-reformierten Kirchgemeinden beider Appenzell, Jg. 73, Nr. 9, Nov. 1986, S. 7f. 📖 ↩
5
Redaktion und Verlag: O. Zellweger, Gerbergasse 40, Basel.↩
6
Jg. 61, Nr. 39, S. 308 📖.↩
7
Mit diesem Schweizer Begriff meint Barth hier die Inanspruchnahme der staatlichen und anderer Sozial- und Arbeitslosenunterstützung.↩