6 · 30. November 1922

An das Appenzeller Sonntagsblatt (zweiter Brief)

53

6

An Das Appenzeller Sonntagsblatt

1922 (zweiter Brief)

Am 30.11.1922 bedankte sich Barth bei den Schweizern, die seinem Aufruf (siehe vorigen Offenen Brief) gefolgt waren. In seinem Rundbrief zu Weihnachten kam er am 18.12.1922 auf die Hilfsaktion zu sprechen: «Wirklich, man fragt sich manchmal, ob es nicht sinnreicher wäre, den ganzen theologischen Kram in die Ecke zu rühren […] und sich in einen Wohlfahrtsagenten zu verwandeln, der möglichst viele Schweizerfranken ins Land und dann an die verschiedenen Vereine und Anstalten zur Verteilung bringt. Die fast 4 Millionen im November waren ein guter Lupf (bei dem ich übrigens gesehen, wieviel rührende kleine Leute es in der Welt und auch in der Schweiz gibt: das Geld kam von lauter mehr oder weniger bourgeoisiden kleinen Existenzen, die das Appenzeller Sonntagsblatt lesen und es sicher im allgemeinen und besonderen irgendwie sehr gut meinen, wahrscheinlich, höchst wahrscheinlich, viel direkter in den Himmel kommen als wir alle mit unserer Zeitschrift1 etc!), aber da jetzt das Geld zerrinnt wie Wasser im Sand, so werdet ihr mich wahrscheinlich mit Befremden auch später wieder im Appenzeller Sonntagsblatt auftauchen sehen, obwohl ich wirklich nicht das Zeug habe zum Bodelschwingh2! Oder wills jetzt besser werden? Der Dollar stürzte ja in wenigen Tagen von 8000 auf fast 5000 infolge der amerikanischen Hoffnungen.3 Wird es anhalten?4 Man sieht fast atemlos zu; aber unterdessen hungern und |54 frieren die Menschen notorisch zu Tausenden, die Tuberkulose nimmt überhand und seltsame Hungerkrankheiten, Studenten müssen mitten im Semester abbrechen und einen anderen Beruf ergreifen, weil es nicht mehr geht. Es ist sehr schlimm.»5

Das Appenzeller Sonntagsblatt veröffentlichte Barths Zuschrift in seiner letzten Ausgabe des Jahres 1922 am 30. Dezember.6

Herzlichen Dank

möchte ich hiemit den vielen Menschen sagen, die auf meinen im September ergangenen Aufruf zu Gunsten der Notleidenden in Göttingen so freundlich und tatkräftig geantwortet haben. Es hat mich aufrichtig bewegt, die Namen all der freudigen Geber und die guten Worte, mit denen viele ihre Gaben begleitet haben, zu lesen, und der «Ungenannten», vom Männerchor in X. bis zu den Bewohnerinnen des Pfrundhauses7 in Y., wenigstens gedenken zu können. Insgesamt sind bis jetzt durch das Sonntagsblatt und meine Mutter in Basel 2.735 Fr. und 22.600 Mark und bei mir direkt 20 Franken und 61.583 Mark, eingegangen. Das sind beim heutigen Kurs bei vier Millionen Mark und damit kann nun viel Gutes getan werden. Ich habe 1.000 Franken an die Waisenhausleitung, 1.000 Fr. an die Hilfe für den Mittelstand, 500 Fr. an die Armenkasse der reformierten Gemeinde überwiesen, das Übrige direkt gegeben, wo ich selber Bedürfnis sah. Wenn ich den Lesern sage, daß ein Pfund Margarine jetzt 1.000 Mark kostet, ein Pfund Haferflocken 210 Mark u.s.f., ein Zentner Eierbriketts 1.600 Mark, so werden sie mir glauben, daß jeder Franken und jede Mark, die mir anvertraut wurden, wohl angewendet waren. Noch ist kein Ende der Sündflut abzusehen, im Gegenteil. Ob ich die Schweizer bitten darf, mir auch fernerhin zu helfen, der Not wenigstens da und dort etwas zu wehren?

Prof. D. Karl Barth

Sachfußnoten

1
Im August 1922 war der Plan zur Herausgabe der Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» gefaßt worden, deren erstes Heft im Januar 1923 erschien.↩
2
Friedrich von Bodelschwingh sen. (1831–1910), Gründer der Anstalt Bethel bei Bielefeld, und sein Sohn Friedrich v. B. jun. (1877–1946), deren Leiter seit 1910.↩
3
Vor der Zweiten Londoner Konferenz (9.-11.12.1922) setzte Deutschland Hoffnungen auf Gewährung eines internationalen Bankkredits unter Beteiligung der USA.↩
4
Die Zweite Londoner Konferenz ging erfolglos zu Ende. Die Gegensätze zwischen Frankreich und Deutschland verschärften sich und führten im Januar 1923 zum Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet und zum Ruhrkampf. 1923 setzte sich die Geldentwertung verstärkt fort, bis im November 1923 die Reichsmark gänzlich entwertet war.↩
5
Bw.Th. II, S. 121f. 📖 ↩
6
Jg. 61, Nr. 52, S. 414 📖.↩
7
= ein aus den Pfründen, d.h. dem Kirchenbesitz unterhaltenes oder unterstütztes Heim.↩