Briefwechsel Karl Barth mit Adolf von Harnack (vier Briefe)
7-8
An Prof. Dr. Adolf Von Harnack, Berlin
1923 (zwei Briefe)
Als Student hatte
56Im Januar 1923 veröffentlichte
Hochverehrter Herr Professor! Eben lese ich in der «Christl. Welt» Ihre 15 Fragen, von denen mir einige den Eindruck machen, als ob das Ganze hauptsächlich gegen mich gerichtet sei. Wenn dieser Eindruck zutrifft, wenn ich also der Gefragte oder ein hauptsächlich Mitbefragter bin, so bin ich bereit, Ihnen an derselben Stelle Zug um Zug zu antworten. Ich möchte mich aber nicht unnötig exponieren und bitte Sie daher höflichst, mir in zwei Worten zu sagen, ob Ihre Fragen vielleicht mich angehen und ob Sie also von mir Antwort erwarten.
Ehrerbietigst und ergeben
Ihr Karl Barth7
In einem Rundbrief an seine Freunde schrieb er am 23.1.8: «Habt Ihr Harnacks ‹Fünfzehn Fragen› in der Christlichen Welt gelesen? Ich richtete sofort nach Kenntnisnahme an Excellenz die Frage, ob er mich gemeint habe? in welchem Fall ich bereit sei, ihm Zug auf Zug zu antworten. Darauf bekam ich folgende ‹Harnack-Postkarte›: (ich denke, es macht euch Spaß, wenn ich sie abschreibe!)
Verehrter Herr Kollege!
Ich habe jene Fragen vor etwa 6 Wochen in einem plötzlichen Entschluß ohne literarische Vorbereitung ein einem Zuge niedergeschrieben auf Grund eines Gesamtkomplexes von Eindrücken, die9 ich im letzten Jahr teils aus Büchern und Aufsätzen, teils aus Gesprächen |57 gewonnen habe und die mich mit Sorgen für die Zukunft unserer wissenschaftlichen Theologie erfüllten. Zuletzt hatte ich einen Aufsatz von
Harnack reagierte mit einem «Offenen Brief an Herrn Professor Karl Barth», der am 8.3.1923 in der «Christlichen Welt» veröffentlicht wurde12, worauf Barth darin am 26.4.1923 eine «Antwort auf Herrn Professor von Harnacks Offenen Brief» gab.13 Mit Harnacks «Nach|58wort zu einem offenen Brief an Herrn Professor Karl Barth» wurde der Briefwechsel am 24.5.1923 abgeschlossen.14 Er zeigte große und nachhaltige Wirkung.15 Ein Jahr später, am 16.4.1924, kam
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Ein Jahr vor Barths Tode erschien eine englische Übersetzung und Analyse aller Texte durch
Im folgenden werden die Texte nach dem Urdruck in der «
Fünfzehn Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Theologie unter den Theologen19
1. Ist die Religion der Bibel bzw. sind die Offenbarungen in der Bibel etwas so Einstimmiges, daß man in Hinsicht auf Glauben, Anbetung und Leben einfach von der «Bibel» sprechen darf? Wenn sie es aber nicht sind, darf man die Feststellung des Inhalts des Evangeliums allein der subjektiven «Erfahrung» bzw. dem «Erlebnis» des Einzelnen überlassen, oder sind hier nicht geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken nötig?
602. Ist die Religion der Bibel bzw. sind die Offenbarungen in der Bibel etwas so Eindeutiges und Klares, daß man kein geschichtliches Wissen und kein kritisches Nachdenken braucht, um ihren Sinn richtig zu verstehen? Sind sie umgekehrt etwas so Unfaßliches und Unbeschreibliches, daß man lediglich abwarten muß, bis sie im Herzen aufstrahlen, weil keine menschliche Seelen- und Geistesfunktion an sie heranreicht? Oder sind nicht vielmehr beide Annahmen falsch, und braucht man nicht, um die Bibel zu verstehen, neben der inneren Aufgeschlossenheit geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?
3. Ist das Gotteserlebnis von der Erweckung des Glaubens verschieden oder mit ihm identisch? Ist es von ihm verschieden, wie unterscheidet es sich von unkontrollierbarer Schwärmerei? Ist es mit ihm identisch – wie kann es anders entstehen als aus der Predigt des Evangeliums, wie kann es aber eine solche Predigt geben ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?
4. Ist das Gotteserleben konträr bzw. disparat zu allem sonstigen Erleben, wie läßt sich die Notwendigkeit radikaler Weltflucht vermeiden oder wie läßt sich dem Sophismus entgehen, man müsse doch in der Welt bleiben, weil auch die Weltflucht auf dem eigenen Willensentschluß beruhe, also etwas Weltliches sei? 8
5. Sind Gott und Welt (Leben in Gott und weltliches Leben) schlechthin Gegensätze, wie läßt sich die enge Verbindung, ja Gleichsetzung der Gottes- und Nächstenliebe, welche den Kern des Evangeliums bildet, verstehen? Wie ist aber diese Gleichsetzung möglich ohne Höchstschätzung der Moral?
6. Sind Gott und Welt (Leben in Gott und weltliches Leben) schlechthin Gegensätze, wie ist eine Erziehung zu Gott hin, das heißt zum Guten, möglich? Wie aber ist Erziehung möglich ohne geschichtliches Wissen und Höchstschätzung der Moral?
7. Wenn Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird, wie kann man diese Kultur und wie kann man auf die Dauer sich selbst vor dem Atheismus schützen?
8. Wenn der Pantheismus
619. Wenn es aber umgekehrt richtig ist, daß, wie in aller physischen und geistlichen Entwicklung, auch hier Gegensätze zugleich Stufen und Stufen zugleich Gegensätze sind, wie kann man diese grundlegende Erkenntnis erfassen und ausbauen ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?
10. Wenn die Erkenntnis «Gott ist die Liebe»21 die höchste und abschließende Erkenntnis Gottes ist und Liebe, Freude und Friede22 seine Sphäre sind, wie darf man immerfort zwischen Tür und Angel hängen bleiben, Durchgangspunkte christlicher Erfahrung verselbständigen und die Dauer ihrer Schrecknisse verewigen wollen?
11. Wenn die befreiende Ermahnung noch gilt: «Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach»23 – wie darf man Scheidewände zwischen dem Gotteserlebnis und dem Guten, Wahren und Schönen aufrichten, statt durch geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken sie mit dem Gotteserlebnis zu verbinden?
12. Wenn alle Sünde nichts anderes ist als Mangel an Ehrfurcht und Liebe, wie kann man diesem Mangel anders steuern als durch die Predigt von Gottes heiliger Majestät und von Gottes Liebe? Wie darf man es wagen, alle möglichen Paradoxien und Velleitäten dazuzumischen? 9
13. Wenn es gewiß ist, daß alles Unbewußte, Empfindungsmäßige, Numinose, Fascinose usw. so lange untermenschlich bleibt, als es nicht von der Vernunft ergriffen, begriffen, gereinigt und in seiner berechtigten Eigenart geschützt wird, wie darf man diese Vernunft schelten, ja ausmerzen wollen? Und was hat man zu gewärtigen, wenn dieses herostratische24 Werk vollbracht ist? Erhebt sich nicht schon jetzt der gnostische Okkultismus25 auf den Trümmern?
6214. Wenn die Person Jesu Christi im Mittelpunkt des Evangeliums steht, wie läßt sich die Grundlage für eine zuverlässige und gemeinschaftliche Erkenntnis dieser Person anders gewinnen als durch kritisch-geschichtliches Studium, damit man nicht einen erträumten Christus für den wirklichen eintausche? Wer anders aber vermag dieses Studium zu leisten als die wissenschaftliche Theologie?
15. Gibt es – Trägheit, Kurzsichtigkeit und zahlreiche Krankheiten zugestanden – noch eine andere Theologie als jene, die in fester Verbindung und Blutsverwandtschaft steht mit der Wissenschaft überhaupt? Und wenn es eine solche etwa gibt, welche Überzeugungskraft und welcher Wert kommt ihr zu?
Sechzehn Antworten an Herrn Professor von Harnack
Zum Titel: Wer einen Einwand erhebt gegen die Form protestantisch-wissenschaftlicher Theologie, die sich seit den Tagen des Pietismus und der Aufklärung und im besondern in den letzten fünfzig Jahren deutscher Vergangenheit als maßgebend herausgebildet hat, braucht darum noch kein «Verächter» der «wissenschaftlichen Theologie» zu sein. Der Einwand lautet dahin, diese Theologie möchte sich mehr als gut ist von ihrem (zuletzt durch die Reformation deutlich gestellten) Thema entfernt haben.
1. Jenseits der «Religion» und der «Offenbarungen» der Bibel dürfte als Thema der Theologie auch die eine Offenbarung Gottes in Betracht 10 kommen. «Geschichtliches Wissen» könnte uns dann freilich sagen, daß die Mitteilung des «Inhalts des Evangeliums» jedenfalls nach dessen eigener Aussage nur durch eine Handlung dieses «Inhalts» selbst sich vollziehen kann. Aber «kritisches Nachdenken» könnte ja zu dem Ergebnis führen, daß diese Aussage des Evangeliums im Wesen der Sache (der Beziehung zwischen Gott und Mensch) begründet und also ernstlich zu respektieren ist. Die «Wissenschaftlichkeit» der Theologie wäre dann ihre Gebundenheit an die Erinnerung, daß ihr Objekt zuvor Subjekt gewesen ist und immer wieder werden muß – was mit «Erfahrung» und «Erlebnis» an sich gar nichts zu tun hat.
632. «Innere Aufgeschlossenheit» – Erfahrung, Erlebnis, Herz und dergleichen – einerseits und «geschichtliches Wissen» und «kritisches Nachdenken» andrerseits sind Möglichkeiten, die zum «Verstehen» der Bibel ebensowohl förderlich, gleichgültig oder hinderlich sein können. «Verstanden» wird die Bibel weder durch diese noch durch jene «Seelen- und Geistesfunktion», sondern kraft des Geistes, der ihrem Inhalt gleich ist, und das im Glauben.
3. Also ist das sogenannte «Gotteserlebnis» von der Erweckung des Glaubens durch Gott so verschieden wie die Erde vom Himmel und unterscheidet sich in der Tat nicht von «unkontrollierbarer Schwärmerei». Warum sollte es darum nicht deutlicheres oder verworreneres Symptom und Zeugnis von der Erweckung des Glaubens sein können? Der Glaube aber kommt in der Tat aus der Predigt26, die Predigt aber (wie es auch mit dem «geschichtlichen Wissen» und «kritischen Nachdenken» des Predigers stehe) «durch das Wort des Christus».27 Die Aufgabe der Theologie ist eins mit der Aufgabe der Predigt. Sie besteht darin, das Wort des Christus aufzunehmen und weiterzugeben. Warum sollten dabei «geschichtliches Wissen» und «kritisches Denken» nicht vorbereitenden Dienst leisten können?
4. Der von Gott erweckte Glaube wird die Notwendigkeit eines mehr oder weniger «radikalen» Protestes gegen diese Welt nie ganz vermeiden können, so gewiß er eine Hoffnung ist auf das verheißene Unsichtbare28. Eine Theologie, die das Verständnis für die grundsätzliche Distanz des Glaubens gegenüber dieser Welt etwa verlöre, müßte im selben Maße auch der Erkenntnis Gottes des Schöpfers uneingedenk werden. Denn es ist der «schlechthinige Gegensatz» von Gott und Welt, das Kreuz, die einzige Art, in der wir als Menschen der ursprünglichen und endlichen Einheit von 11 Schöpfer und Geschöpf gedenken können. Sophistik ist nicht die Einsicht, daß uns auch unser Protest gegen die Welt vor Gott nicht rechtfertigen kann, wohl aber der übliche Versuch, mit Hilfe des verflachten Schöpfungsgedankens das Kreuz zu umgehen.
645. Gerade die evangelische Nebeneinanderstellung von Gottes- und Nächstenliebe ist der stärkste Hinweis darauf, daß das Verhältnis zwischen unserm «Leben in der Welt» und unserm «Leben in Gott» das eines «schlechthinigen Gegensatzes» ist, der nur durch das Wunder des ewigen Gottes selbst überwunden wird. Oder gibt es ein fremdartigeres, ein unbegreiflicheres, ein mehr der Offenbarung Gottes bedürftiges Faktum in der Welt als eben der «Nächste»? «Höchstschätzung der Moral», ja, aber lieben wir denn unsern Nächsten, können wir es? Und wenn wir ihn nicht lieben, wie steht es dann mit unserer Gottesliebe?29 Was zeigt deutlicher als dieser «Kern» (nicht des Evangeliums, aber des Gesetzes), daß Gott nicht lebendig macht, er töte denn zuvor?30
6. «Niemand kann zu mir kommen, es ziehe ihn denn der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.»31
7. Die «aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral» stammenden Aussagen über Gott mögen als Ausdruck besonderer «Gotteserlebnisse» (z.B. des Kriegserlebnisses) neben denen primitiver Völker, die solch hohe Güter noch nicht kennen, ihre Bedeutung und ihren Wert haben (z.B. die Aussagen der Kriegstheologen aller Länder32). Als «Predigt des Evangeliums» (3.) kommen diese Aussagen jedenfalls nicht in Betracht, und ob sie die Kultur und den Einzelnen «vor dem Atheismus schützen» und nicht vielmehr, aus dem Polytheismus stammend, Atheismus pflanzen, das dürfte in jedem einzelnen Fall eine offene Frage sein.
8. «Wahrhafte Aussagen über Gott» werden überhaupt nur da gemacht, wo man sich statt auf irgendeine Höhe der Kultur oder der Religion vor die Offenbarung und damit unter das Gericht gestellt weiß, unter dem mit allen menschlichen Aussagen über diesen Gegenstand doch wohl auch die
659. Mögen innerhalb der menschlichen Aussagen über Gott unter sich «wie in aller physischen und geistigen Entwicklung» «Gegensätze zugleich Stufen und Stufen zugleich Gegensätze» sein, so gilt doch (und es 12 ist, jedenfalls für die Theologie, dringlicher diese Erkenntnis zu «erfassen» und «auszubauen»!), daß zwischen der Wahrheit Gottes (die ja auch in einer menschlichen Aussage ausgesprochen sein kann) und unsrer Wahrheit nur Gegensatz, nur Entweder-Oder besteht. Denn Demut, Sehnsucht und Flehen wird unsrerseits wie das Erste, so auch immer das Letzte sein. Der Weg von der alten zur neuen Welt ist kein Stufenweg, keine Entwicklung in irgendeinem Sinn, sondern ein neues Geborenwerden.33
10. Wenn die Erkenntnis «Gott ist die Liebe» die höchste und abschließende Erkenntnis Gottes ist, wie darf man dann immerfort tun, als ob man in ihrem Besitz wäre? Ist der «Durchgangspunkt» nicht genau so lang wie die Zeit? Ist unser Glaube nicht immer auch Unglaube?34 Oder sollen wir an unseren Glauben glauben? Lebt er nicht davon, daß er Glaube an Gottes Verheißung ist? Sind wir etwa anders als in Hoffnung gerettet?35
11. «Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft …»,
12. Wenn Sünde vielleicht noch etwas mehr sein sollte als «Mangel an Ehrfurcht und Liebe», nämlich Abfall des Menschen von Gott und Verlorensein in eine Gottähnlichkeit, deren Ende der Tod ist, dann ist die Predigt (die Theologie) von Gottes heiliger Majestät und Liebe |66 eine Aufgabe, die wunderliche Wege zu gehen unserm menschlichen Denken und Reden nicht ersparen zu können scheint. Zuschauertheologie mag dann von «allen möglichen Paradoxien und Velleitäten» reden. Wer in der Lage ist, dieselbe (aber dieselbe!) Aufgabe einfacher zu lösen, der zeige, wie man das macht. Geschichtliches Wissen sagt uns, daß
13. Welche theologische Tradition ist es doch, die von der Apotheose des «Gefühls» ausgehend nun in dem schauerlichen Sumpf der Psychologie des Unbewußten glücklich gelandet scheint?36
Wer hat abseits von der kritischen Vernunft eine besondere «religiöse» Erkenntnisquelle eröffnen zu können gemeint?37 Und ad vocem «gnostischer Okkultismus»: 13 welche Theologie38 steht notorisch jeden Augenblick in Gefahr, ihre begabtesten Anhänger an Dr.
14. Die Zuverlässigkeit und Gemeinschaftlichkeit der Erkenntnis der Person Jesu Christi als Mittelpunkt des Evangeliums kann keine andre sein als die des von Gott erweckten Glaubens. Kritisch-geschichtliches Studium bedeutet das verdiente und notwendige Ende der «Grundlagen» dieser Erkenntnis, die keine sind, weil sie nicht von Gott selbst gelegt sind. Wer es etwa noch nicht weiß (und wir wissen es alle immer noch nicht), daß wir Christus nach dem Fleische nicht |67 mehr kennen40, der mag es sich von der kritischen Bibelwissenschaft sagen lassen;41 je radikaler er erschrickt, um so besser für ihn und die Sache. Und das mag dann etwa der Dienst sein, den «geschichtliches Wissen» bei der eigentlichen Aufgabe der Theologie leisten kann.
15. Wenn die Theologie wieder den Mut zur Sachlichkeit bekäme, den Mut, Zeuge des Wortes von der Offenbarung, vom Gericht und von der Liebe Gottes zu werden, so könnte es ja auch so sein, daß die «Wissenschaft überhaupt» nach «fester Verbindung und Blutsverwandtschaft» mit der Theologie ausschauen müßte, statt umgekehrt; denn es stünde vielleicht auch um die Juristen, Mediziner und Philosophen besser, wenn sie wüßten, was die Theologen – wissen sollten. Oder sollte die heutige zufällige opinio communis der Andern wirklich die Instanz sein, von der wir unserem Tun «Überzeugungskraft» und «Wert» zusprechen lassen müßten?
Offener Brief an Herrn Professor K. Barth
Ich danke Ihnen, daß Sie auf meine «Fünfzehn Fragen» eingegangen sind; sie waren ja auch an Sie und vornehmlich an Sie gerichtet.
Durch Ihre «Antworten» ist mir einiges klarer, aber eben darum der hier zwischen uns bestehende Gegensatz um so deutlicher geworden; dies werde ich im folgenden zu formulieren versuchen. Anderes freilich ist mir vollkommen dunkel geblieben oder vielmehr geworden, so vor allem Ihre 14 Antwort auf meine erste Frage. Trotz heißem Bemühen42 ist sie mir total unverständlich. Da aber auf diese grundlegende Frage sehr viel ankommt, so bleibt eine Hauptsache hier unter dem Druck eines lastenden Nebels, nämlich Ihr Begriff der «Offenbarung».
Zum Titel meiner Fragen und zu 15: Sie sehen in der wissenschaftlichen Theologie der Gegenwart ein labiles und vergängliches Pro|68dukt, das sich seit den Tagen des Pietismus und der Aufklärung gebildet hat und das nur den Wert einer zufälligen communis opinio besitzt. Ich sehe in dieser wissenschaftlichen Theologie die einzige mögliche Weise, sich des Gegenstandes erkenntnismäßig zu bemächtigen, eine Weise, die neu und alt zugleich ist – neu, weil sie erst seit dem 18. Jahrhundert zu größerer Klarheit und Reife gekommen ist; alt, weil sie begonnen hat, seitdem es denkende Menschen gibt. Sie sagen: «Die Aufgabe der Theologie ist eins mit den Aufgaben der Predigt»; ich erwidre: die Aufgabe der Theologie ist eins mit den Aufgaben der Wissenschaft überhaupt; die Aufgabe der Predigt aber ist die reine Darstellung der Aufgabe des Christen als Zeugen Christi. Sie verwandeln den theologischen Lehrstuhl in einen Predigtstuhl (und wollen, was «Theologie» heißt, an die profanen Fächer verteilen); ich sage Ihnen auf Grund des Verlaufs der gesamten Kirchengeschichte voraus, daß dieses Unternehmen nicht zum Erbauen43, sondern zum Auflösen führt; oder soll Ihre Verkündigung nur als «Ferment» wirken? Das darf niemand sich vornehmen und liegt gewiß auch nicht in Ihrer Absicht. Dennoch – ich erkenne das Ferment an: Mut zur Sachlichkeit, Mut zur Zeugenschaft.
Zu Fragen 2 und 3: Was nach Ihrer Meinung übrig bleibt, wenn man verpflichtet ist, in bezug auf das Verständnis der Religion der Bibel prinzipiell mit «Innerer Aufgeschlossenheit», «Erfahrung», «Erlebnis», «Herz», «Geschichtlichem Wissen», «Kritischem Nachdenken» tabula rasa zu machen, verstehe ich nicht. Sie sagen zwar: «Die Religion der Bibel wird nur verstanden kraft des Geistes, der ihrem Inhalt gleich ist, und das im Glauben»; aber da Sie fortfahren: «Also ist das sogenannte ‹Gotteserlebnis› von der Erweckung des Glaubens durch Gott so verschieden wie die Erde vom Himmel und unterscheidet sich in der Tat nicht von ‹unkontrollierbarer Schwärmerei›», wird mir das «Also» ebenso dunkel wie die Berechtigung des von Ihnen gebrauchten Bildes und wie Ihre Verhältnisbestimmung von Gotteserlebnis und Glaube. Über Unverstandenes aber vermag ich nicht zu reden. Zu meiner Freude unterschreiben Sie zwar die These: «Der Glaube kommt aus der Predigt, und die Predigt durch das Wort44 des Chri|69stus»; allein wie mir schon «des 15 Christus» statt Jesu Christi kirchengeschichtlicher Reminiszenzen wegen fatal erscheint45, so verstärkt sich mein Mißtrauen in Hinsicht des Zusammenhanges, in welchem Sie (zu Frage 14) von dem Paulinischen Wort: «Wir kennen Christum nach dem Fleische nicht mehr», Gebrauch machen. Wir kennen also den evangelischen, den geschichtlichen Jesus Christus nicht mehr? Wie soll ich das verstehen? Nach der Theorie vom exklusiven innern Wort? Oder nach welcher der vielen anderen subjektivistischen Theorien?
Zu Frage 4: Es schmerzt mich, daß Sie auf diese Frage nur eine sehr gewundene Antwort gegeben haben: «Der von Gott geweckte Glaube wird die Notwendigkeit eines mehr oder weniger (!) ‹radikalen› Protestes gegen diese Welt nie ganz (!) vermeiden können, so gewiß er eine Hoffnung ist auf das verheißene Unsichtbare.» Sind Sie an diesem Punkt etwa noch nicht mit sich selbst im Reinen? Dann wäre es besser gewesen, die Antwort aufzuschieben. So wie sie halbschlächtig lautet, fehlt ihr entweder die Erkenntnis oder der Zeugenmut.
Zu Frage 5: Meine Frage in bezug auf die Gottes- und Nächstenliebe beantworten Sie mit einer Problematik der Begriffe «der Nächste» und «die Nächstenliebe», die zwar für Ihre Theologie besonders charakteristisch ist, nicht aber für das Evangelium, welches hier Probleme überhaupt nicht kennt. Ich sehe in Ihrer Ausführung den größten Abstand von dem schlichten Evangelium.
Zu Frage 6 (Möglichkeit der Erziehung zu Gott): Sie antworten einfach mit
70Zu Fragen 7-9: Sie behaupten, es sei eine in jedem einzelnen Fall offene Frage, ob die in der Menschheitsgeschichte, abgesehen von der Offenbarung, erwachsene Gotteserkenntnis vor dem Atheismus schütze oder ihn pflanze. Dies ist nur eine halbe Antwort auf meine Frage, ob Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird. Oder darf ich annehmen, daß Sie eine solche Behauptung mit mir ablehnen? Schwerlich! Denn Ihr Satz: «Das Evangelium hat mit der ‹Barbarei› so viel und so wenig zu tun wie mit der Kultur», kann doch wohl nur als radikale Verneinung jeglicher wertvollen Gotteserkenntnis innerhalb der Denk- und Moralgeschichte der Menschheit ver16standen werden. Und vollends deutlich wird Ihr Standpunkt durch den Satz: «Zwischen der Wahrheit Gottes und unserer Wahrheit besteht nur Gegensatz, nur Entweder-Oder. Der Weg von der alten zur neuen Welt ist kein Stufenweg, keine Entwicklung in irgendeinem Sinne, sondern ein neues Geborenwerden.» Aber schließt es sich47 aus, die Begründung des eigenen Christenstandes so zu empfinden – und doch anzuerkennen, daß Gott ihn auf einem Stufenwege hat werden lassen, auf welchem bereits ewige Werte geschenkt wurden? Erinnern Sie sich doch, wie
Zu Fragen 10 und 11: Die Antworten, die Sie auf die hier gestellten Fragen geben, sind meines Erachtens die, welche sich infolge der Problematik, in die Sie den christlichen Glauben hineinziehen, am weitesten von dem evangelischen Christentum entfernen: der «Durchgangspunkt» von der Gottlosigkeit zu Gott soll für jeden Christen so lange dauern wie die «Zeit»; unser Glaube ist auch immer Unglaube; gerettet sind wir nur in Hoffnung; eine Verbindung dessen, was wir gut, wahr und schön nennen, mit dem Frieden Gottes besteht nur insofern, als auch eine Scheidewand verbindet usw. Indem Sie diese Antworten auf meine Fragen geben, sprengen Sie mit dem, was dem Christentum noch mangelt und was wir alle kennen, den Besitz selbst und machen die Zuversicht, in der er leben darf, zu einer Illusion und die Freude, die sein Leben erfüllen soll, zu einer Frivolität. Das wer|71den Sie bestreiten; aber was Sie an die Stelle setzen, ist die Darstellung eines Gemütszustandes, der im besten Fall von einigen wenigen als «Friede Gottes» empfunden werden kann und der keineswegs die notwendige Voraussetzung für alle christliche Demut ist.
Von hier aus wird auch Ihre Antwort auf Frage 12 verständlich. Das schlichte Evangelium, aus welchem heraus Jesus seine faßlichen und trostreichen Parabeln zur Errettung der Seelen gesprochen hat, paßt Ihnen nicht, vielmehr könne die christliche Predigt «wunderliche Wege dem menschlichen Denken und Reden nicht ersparen». Der wievielste wird Sie auch nur begreifen können, da Sie ganz und gar in sublimster Psychologie und Metaphysik stecken? Wenn Sie aber dann49 überraschend auf
Auf die 13. Frage haben Sie nicht geantwortet, sondern sich mit dem Hinweise darauf begnügt, die herrschende Theologie oder eine ihrer Linien habe in den Sumpf der Psychologie des Unbewußten geführt und in den Okkultismus hinein. Da meine Frage gar nicht an Ihre Theologie, sondern an eine andere Adresse gerichtet war, kann ich hier schweigen, muß aber doch bemerken, daß mit dem Okkultismus jede Verachtung der Vernunft und Wissenschaft51 nach göttlicher Ordnung bestraft wird und daß jede Zeit nur eine Wissenschaft besitzt.
Auch bei der 14. Frage vermisse ich eine runde Antwort. Vollzieht sich die Erweckung des Glaubens, sofern er die Erkenntnis der Person Jesu Christi als Mittelpunkt des Evangeliums einschließt, ohne Rück|72sicht auf dessen geschichtliche Person? Wenn diese Frage verneint werden muß, kann der Glaube geschichtlicher Erkenntnis dieser Person entraten? Wenn diese zweite Frage bejaht werden muß, kann kritisch-geschichtliches Studium derselben in Hinsicht des Glaubens etwas Abwegiges sein, ist es nicht vielmehr schlechthin notwendig? Was Sie demgegenüber in bezug auf die Bibelwissenschaft andeuten, läßt sich doch wohl auf die Formel bringen: Immer hat die radikalste Bibelwissenschaft recht, und Gott sei Dank, daß dem so ist; denn damit sind wir sie los. Dieser aus der neuern Kirchengeschichte zweiter Ordnung sattsam bekannte Standpunkt schafft den Freibrief für jede beliebige Phantasie und für jede theologische Diktatur, die das Geschichtliche unserer Religion auflöst und die Gewissen Anderer mit der eigenen Erfahrung zu foltern sucht.
Ich bedaure aufrichtig, daß Ihre Antworten auf meine Fragen nur die Größe der Kluft zeigen, die uns trennt; aber weder auf meine noch auf Ihre Theologie kommt etwas an, sondern allein darauf, wie das Evangelium recht gelehrt wird.52 Wenn Ihre Weise zur Herrschaft gelangen sollte, wird es aber überhaupt nicht mehr gelehrt, sondern ausschließlich in die Hand der Erweckungsprediger gegeben, die ihr Bibelverständnis frei schaffen und ihre eigene Herrschaft aufrichten.
Antwort auf Herrn Professor von Harnacks offenen Brief
Es bedarf keiner Versicherung, daß ich die ausführliche Besprechung, die Sie meinen Antworten auf Ihre Fragen gewidmet haben, als eine Auszeichnung empfinde, für die ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin. Trotzdem trete ich nur mit Zögern an die mir vom Herrn Schriftleiter als selbstverständlich zugewiesene Aufgabe heran, Ihnen auf Grund Ihres Briefes weitere Auskünfte über meine theologischen Gedanken zu geben. Sie stellen ja selbst fest, daß Ihnen meine Antworten nur die Kluft gezeigt haben, die uns trennt. Ist es nicht nutzlos |73 und ärgerlich, wenn ich Ihnen und wohl den meisten Lesern der «
Sie sehen in dem, was Sie «wissenschaftliche Theologie» nennen, «die einzig mögliche Weise, sich des Gegenstandes erkenntnismäßig zu bemächtigen», und nennen sie «neu, weil sie erst seit dem 18. Jahrhundert zu größerer Klarheit und Reife gekommen ist, alt, weil sie begonnen hat, seitdem es denkende Menschen gibt». Ich hoffe, Ihnen nichts unterzuschieben, wenn ich bei dieser durch den Verweis auf das 18. Jahrhundert deutlichen Bestimmung annehme, daß für Sie (mit |74 dem fatalen Geschlecht der «Erweckungsprediger» überhaupt) von den Reformatoren vielleicht nicht
Aber hier setzt nun Ihre kategorische Erklärung ein, daß Ihnen mein «Begriff der Offenbarung» «total (von Ihnen gesperrt!) unverständlich» sei. Sie hatten (Frage 1) gefragt, wie es zur «Feststellung des Inhalts des Evangeliums» kommen könne ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken. Ich habe darauf geantwortet: 1. (Geschichtliches Wissen!): Das Evangelium selbst bekundet, daß diese Feststellung exklusiv durch eine Handlung (durch ein Tun und Reden) dieses «Inhalts» (Gottes oder Christi oder des Geistes) selbst geschieht. Einzelne Belegstellen für diese These werden Sie gewiß nicht von mir verlangen. 2. (Kritisches Nachdenken!) Es kann nicht wohlgetan sein, diese Ordnung umzukehren und aus dem «So spricht der Herr» ein «So hört der Mensch» zu machen. Gibt es einen Weg zu diesem «Inhalt», so muß der Inhalt selbst der Weg, die redende Stimme auch das hörende Ohr sein. Alle andern Wege führen nicht zu diesem Ziel, alle andern Ohren hören nicht diese Stimme. Daß nun Gott selber wie allein das Ziel, so auch allein der Weg ist, das ist, wie ich Ihnen gerne einräume, mir wie Ihnen «total unverständlich», nicht nur «Nebel», sondern, mit
Also die Schrift bezeugt Offenbarung. Man braucht ihr nicht zu glauben; man kann das auch nicht. Aber man sollte auch nicht daran rütteln, daß sie Offenbarung bezeugt, und zwar echte Offenbarung, nicht eine mehr oder weniger verhüllte religiöse Menschenmöglich|78keit, sondern die Möglichkeit Gottes, daß er gehandelt hat in der Hülle einer Menschenmöglichkeit – und dies als Wirklichkeit. Das Zeugnis lautet, daß das Wort Fleisch ward56, Gott selbst menschlichgeschichtliche Wirklichkeit, und zwar in der Person Jesu Christi. Aber daraus folgt für mich keineswegs, daß dieses Geschehen auch Gegenstand menschlich-geschichtlicher Erkenntnis sein kann, sondern gerade das ist, weil und sofern es sich um diese Wirklichkeit handelt, ausgeschlossen. Die allenfalls historisch er23kennbare Existenz eines Jesus von
Die Annahme nun dieses unglaublichen Zeugnisses der Schrift nenne ich den Glauben. Wobei ich wiederum nicht zugeben kann, daß dies ein Fündlein meiner Theologie sei, sondern frage, was denn, wenn wir von 25 Sentimentalitäten absehen wollen, Glaube etwa anderes sein könnte als der Gehorsam, den ich einem menschlichen Wort schenke, das mir Gottes Wort als an mich gerichtet bezeugt, als wäre es selber Gottes Wort. Daß dies ein unerhörtes Geschehen ist, daß nun vom heiligen Geist die Rede sein muß, wenn nicht alle die Einwände zu Recht bestehen sollen, die uns
Aber nun haben auch Sie, hochgeehrter Herr Doktor, den Schatten
Sie wollen (immer im Zusammenhang der Anklage auf Marcionitismus) eine «ganze» Antwort von mir auf die Frage, «ob Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird». Es sei denn; aber ich darf Sie dann wohl bitten, wirklich meine ganze Antwort zu hören. Also: Nein, Gott ist «alles das schlechthin nicht», so gewiß der Schöpfer nicht das Geschöpf oder gar das Geschöpf des Geschöpfes ist. Aber eben in diesem Nein, das nur im Glauben an die Offenbarung ganz scharf ausgesprochen werden kann, erkennt sich ja das Geschöpf als Werk und Eigentum des Schöpfers, eben in diesem Nein wird Gott als Gott erkannt, als der Ursprung und das Ziel auch der Gedanken, die der Mensch sich in der Finsternis seiner Kultur und Unkultur von Gott zu machen pflegt, eben dieses durch die Offenbarung endgültig gesetzte Nein ist nicht ohne «das tiefe heimliche Ja unter und über dem Nein», das wir «mit festem Glauben auf Gottes Wort fassen und halten» sollen «und Gott recht geben in seinem Urteil wider uns, so haben wir gewonnen». Also so steht es mit diesem Nein: «eitel Ja ist drinnen, aber gar68 tief und heimlich, und scheint eitel Nein.» Welcher «Kontrastlüstling» mag das gesagt haben?
Ja, Sie sagen es, hochgeehrter Herr Doktor, und müssen wissen, warum Sie es sagen, obwohl Sie es aus meinen Äußerungen nicht begründen können. Ich fürchte hier, gerade hier müssen Sie mich wirklich mißverstehen, auch wenn wir uns über Offenbarung und Glauben einigen könnten. Wie kommt es, daß Sie gerade hier, wo es gerade um die existentielle Frage unsrer Stellung zu Gott und Welt, um die Bewährung75 des Offenbarungsglaubens in der Hoffnung geht, die Rolle des Verteidigers der Wissenschaft ganz unzweideutig vertauschen gegen die des Verteidigers des sogenannten christlichen «Besitzes»? Was soll die Klage über die «Sublimität» meiner Metaphysik und Psychologie, als ob Ihnen nun auf einmal Gemeinver |86 ständlichkeit der Maßstab der rechten Theologie wäre? Was soll das Feststellen der Distanzen, die mich hier mehr, hier weniger vom sogenannten «evangelischen Christentum» trennen sollen, als handle es sich in unserem Gespräch auf einmal um die Christlichkeit meiner Theologie? Was soll der Vorwurf der «Anpreisung»76 eines Ihnen unsympathischen «Gemütszustandes», wo doch Ihr wissenschaftliches Bedenken dahin zielte, daß bei mir weder Offenbarung noch Glaube in der bekannten «schlichten» Weise als Gemütszustand verständlich gemacht wird, der «Gemütszustand» also offenbar von Ihnen hier in die Debatte getragen ist? Was sollen alle die starken Worte von «Illusion», «Frivolität», «Kontrastlüstlingen» usf., wo Sie doch sicher das Recht nicht bewiesen haben, aus meinen vielleicht unbefriedigenden, aber jedenfalls vorsichtigen Antworten, solche tumultuarische Folgerungen und Anklagen abzuleiten? Wie soll ich mir diesen Übergang von der Belehrung zur Bestrafung erklären, wie darauf antworten? Sie erraten gewiß, daß auch ich mir meine zornigen Gedanken mache über den Zusammenhang zwischen dem wissenschaftlichen Charakter Ihrer Theologie, der Sie zur Ablehnung dessen, was ich (und nicht nur ich) Offenbarung und Glauben nenne, nötigt, und ihrer Christlichkeit, die sich darin äußert, daß das paulinische 30 «gerettet in Hoffnung»77 als «Problematik» verdächtigt werden muß. Auch ich wäre also in der Lage, gerade an dem Punkt, wo das Mißverständnis zwischen uns hoffnungslos scheint, stärkste Bedenken anzumelden und schärfste Worte auszustoßen. Aber was würde ich damit tun, als diese Hoffnungslosigkeit auch meinerseits zu besiegeln, und das soll man nicht tun. Es wird auch sonst in jeder Beziehung besser sein, wenn ich hier Halt mache.
87Noch einmal: Ich gedenke nicht, mich in den Stellungen zu versteifen, in denen ich mich Ihnen, hochgeehrter Herr Doktor, und unsern freiwillig-unfreiwilligen Zuhörern in diesem Gespräch gezeigt habe, schon weil ich weiß, wie erschütternd relativ Alles ist, was man über den großen Gegenstand, der Sie und mich beschäftigt, sagen kann. Ich weiß, daß es nötig sein wird, noch ganz anders davon zu reden, als es meiner jetzigen Einsicht entspricht, und ich möchte auch in Zukunft aufmerksam auch auf das, was von Ihnen kommt, hören können. Aber daß Sie mich mit Ihren Fragen und Antworten aus dem Felde geschlagen hätten, wie ich es gerne erleiden will, wenn es wirklich geschieht, das kann ich für diesmal nicht zugeben.
Nachwort zu meinem offenen Brief
an Herrn Professor Karl Barth
Auf meinen offenen Brief hat Professor
In der Antwort Barths tritt an einigen Stellen eine gewisse Empfindlichkeit hervor, die sich bis zu der Äußerung steigert, meine Entgegnung laute wie eine «Bestrafung». Ich kann nicht Richter in eigener Sache sein; um so lieber erkläre ich, daß mich keine andere Absicht in meinem Briefe bewegt hat, als einem befreundeten Theologen gegenüber zur Klarheit zu kommen.