7–8 · 1923

Briefwechsel Karl Barth mit Adolf von Harnack (vier Briefe)

55

7-8

An Prof. Dr. Adolf Von Harnack, Berlin

1923 (zwei Briefe)

Als Student hatte Barth im Wintersemester 1906/07 in Berlin den liberalen Theologen Adolf von Harnack (1851–1930) gehört und sich für seine Persönlichkeit und seine Lehre begeistert.1 Seit Harnack jedoch bei Beginn des I. Weltkrieges 1914 die Position des Deutschen Reiches ohne Einschränkungen verteidigt hatte2, war er kritisch gegen den theologischen Lehrer geworden, und während seiner Arbeit am Römerbrief hatte er sich in den folgenden Jahren immer weiter von Harnack entfernt. Ende 1918 erschien Barths «Der Römerbrief» in erster, Ende 1921 in zweiter Auflage in neuer Bearbeitung.3 Auf der Aarauer Studentenkonferenz prallten 1920 die Gegensätze aufeinander, als Harnack und Barth nacheinander als Redner auftraten.4 Barth erinnerte sich später sehr deutlich des Entsetzens, mit dem Harnack sich in der Diskussion nach Barths Vortrag äußerte.5

56Im Januar 1923 veröffentlichte Adolf von Harnack in der «Christlichen Welt» «Fünfzehn Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Theologie unter den Theologen»6, die sofort Barths Interesse wachriefen. Er schrieb am 14.1. an Harnack:

Hochverehrter Herr Professor! Eben lese ich in der «Christl. Welt» Ihre 15 Fragen, von denen mir einige den Eindruck machen, als ob das Ganze hauptsächlich gegen mich gerichtet sei. Wenn dieser Eindruck zutrifft, wenn ich also der Gefragte oder ein hauptsächlich Mitbefragter bin, so bin ich bereit, Ihnen an derselben Stelle Zug um Zug zu antworten. Ich möchte mich aber nicht unnötig exponieren und bitte Sie daher höflichst, mir in zwei Worten zu sagen, ob Ihre Fragen vielleicht mich angehen und ob Sie also von mir Antwort erwarten.

Ehrerbietigst und ergeben

Ihr Karl Barth7

In einem Rundbrief an seine Freunde schrieb er am 23.1.8: «Habt Ihr Harnacks ‹Fünfzehn Fragen› in der Christlichen Welt gelesen? Ich richtete sofort nach Kenntnisnahme an Excellenz die Frage, ob er mich gemeint habe? in welchem Fall ich bereit sei, ihm Zug auf Zug zu antworten. Darauf bekam ich folgende ‹Harnack-Postkarte›: (ich denke, es macht euch Spaß, wenn ich sie abschreibe!)

Berlin-Grunewald, 16.1.1923

Verehrter Herr Kollege!

Ich habe jene Fragen vor etwa 6 Wochen in einem plötzlichen Entschluß ohne literarische Vorbereitung ein einem Zuge niedergeschrieben auf Grund eines Gesamtkomplexes von Eindrücken, die9 ich im letzten Jahr teils aus Büchern und Aufsätzen, teils aus Gesprächen |57 gewonnen habe und die mich mit Sorgen für die Zukunft unserer wissenschaftlichen Theologie erfüllten. Zuletzt hatte ich einen Aufsatz von Tillich und eine mir halbunverständliche Expektoration von Gogarten gelesen. Von Ihnen habe ich im vergangenen Jahr, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, nur einen Artikel gelesen, der mich gleichzeitig zur Zustimmung und zu starkem Widersprach nötigte. Aber gewiß dürfen Sie annehmen, daß sich meine Fragen nicht in letzter Linie auch an Sie richten, so wenig mir bei der einzelnen Frage eine bestimmte Person vorschwebte. Ich kann mich daher nur freuen um der Sache willen, wenn Sie meine Fragen öffentlich beantworten wollen. Gar nicht zu sprechen bin ich freilich in Bezug auf Overbeck.10 Denn zu diesem Thema werde ich stets schweigen, abwartend, ob die neue evangelische Losung: «Heiliger Franz, bitt’ für uns» durch eine noch verstiegenere überboten werden wird. Mit bestem Gruß Ihr

v. Harnack

Barth setzte seinen Rundbrief fort: «Ich benützte also den Dies academicus am 18. Januar, um die ‹Sechzehn Antworten an Professor von Harnack› auszuknobeln und zu Papier zu bringen. Sie sind, wie mir Rade schrieb, schon ‹unter der Presse› und werden euch also in absehbarer Zeit in der Christl. Welt begegnen.»11

Harnack reagierte mit einem «Offenen Brief an Herrn Professor Karl Barth», der am 8.3.1923 in der «Christlichen Welt» veröffentlicht wurde12, worauf Barth darin am 26.4.1923 eine «Antwort auf Herrn Professor von Harnacks Offenen Brief» gab.13 Mit Harnacks «Nach|58wort zu einem offenen Brief an Herrn Professor Karl Barth» wurde der Briefwechsel am 24.5.1923 abgeschlossen.14 Er zeigte große und nachhaltige Wirkung.15 Ein Jahr später, am 16.4.1924, kam Barth in einem Privatbrief an Harnack auf die Offenen Briefe des Vorjahres zurück.16

59Barth nahm den Briefwechsel später, 1957, in den Band «Theologische Fragen und Antworten» auf. Als Barth achtzig Jahre alt wurde, wurde der Briefwechsel von Jürgen Moltmann in Westdeutschland und von Walter Feurich in Ostdeutschland wieder abgedruckt, 1990 von H.-W. Krumwiede abermals.17

Ein Jahr vor Barths Tode erschien eine englische Übersetzung und Analyse aller Texte durch Martin Rumscheidt, 1986 eine neue englische Zusammenfassung und Deutung.18

Im folgenden werden die Texte nach dem Urdruck in der «Christlichen Welt» wiedergegeben. Abweichungen im Abdruck von 1957 (Karl Barth, Theologische Fragen und Antworten, Gesammelte Vorträge, 3. Band, Zollikon 1957, S. 7–31 📖) werden in den Anmerkungen notiert.

Fünfzehn Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Theologie unter den Theologen19

1. Ist die Religion der Bibel bzw. sind die Offenbarungen in der Bibel etwas so Einstimmiges, daß man in Hinsicht auf Glauben, Anbetung und Leben einfach von der «Bibel» sprechen darf? Wenn sie es aber nicht sind, darf man die Feststellung des Inhalts des Evangeliums allein der subjektiven «Erfahrung» bzw. dem «Erlebnis» des Einzelnen überlassen, oder sind hier nicht geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken nötig?

602. Ist die Religion der Bibel bzw. sind die Offenbarungen in der Bibel etwas so Eindeutiges und Klares, daß man kein geschichtliches Wissen und kein kritisches Nachdenken braucht, um ihren Sinn richtig zu verstehen? Sind sie umgekehrt etwas so Unfaßliches und Unbeschreibliches, daß man lediglich abwarten muß, bis sie im Herzen aufstrahlen, weil keine menschliche Seelen- und Geistesfunktion an sie heranreicht? Oder sind nicht vielmehr beide Annahmen falsch, und braucht man nicht, um die Bibel zu verstehen, neben der inneren Aufgeschlossenheit geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?

3. Ist das Gotteserlebnis von der Erweckung des Glaubens verschieden oder mit ihm identisch? Ist es von ihm verschieden, wie unterscheidet es sich von unkontrollierbarer Schwärmerei? Ist es mit ihm identisch – wie kann es anders entstehen als aus der Predigt des Evangeliums, wie kann es aber eine solche Predigt geben ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?

4. Ist das Gotteserleben konträr bzw. disparat zu allem sonstigen Erleben, wie läßt sich die Notwendigkeit radikaler Weltflucht vermeiden oder wie läßt sich dem Sophismus entgehen, man müsse doch in der Welt bleiben, weil auch die Weltflucht auf dem eigenen Willensentschluß beruhe, also etwas Weltliches sei? 8

5. Sind Gott und Welt (Leben in Gott und weltliches Leben) schlechthin Gegensätze, wie läßt sich die enge Verbindung, ja Gleichsetzung der Gottes- und Nächstenliebe, welche den Kern des Evangeliums bildet, verstehen? Wie ist aber diese Gleichsetzung möglich ohne Höchstschätzung der Moral?

6. Sind Gott und Welt (Leben in Gott und weltliches Leben) schlechthin Gegensätze, wie ist eine Erziehung zu Gott hin, das heißt zum Guten, möglich? Wie aber ist Erziehung möglich ohne geschichtliches Wissen und Höchstschätzung der Moral?

7. Wenn Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird, wie kann man diese Kultur und wie kann man auf die Dauer sich selbst vor dem Atheismus schützen?

8. Wenn der Pantheismus Goethes oder der Gottesbegriff Kants oder Verwandtes lediglich Gegensätze zu den wahrhaften Aussagen über Gott sind, wie läßt es sich vermeiden, daß diese Aussagen der Barbarei20 ausgeliefert werden?

619. Wenn es aber umgekehrt richtig ist, daß, wie in aller physischen und geistlichen Entwicklung, auch hier Gegensätze zugleich Stufen und Stufen zugleich Gegensätze sind, wie kann man diese grundlegende Erkenntnis erfassen und ausbauen ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken?

10. Wenn die Erkenntnis «Gott ist die Liebe»21 die höchste und abschließende Erkenntnis Gottes ist und Liebe, Freude und Friede22 seine Sphäre sind, wie darf man immerfort zwischen Tür und Angel hängen bleiben, Durchgangspunkte christlicher Erfahrung verselbständigen und die Dauer ihrer Schrecknisse verewigen wollen?

11. Wenn die befreiende Ermahnung noch gilt: «Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach»23 – wie darf man Scheidewände zwischen dem Gotteserlebnis und dem Guten, Wahren und Schönen aufrichten, statt durch geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken sie mit dem Gotteserlebnis zu verbinden?

12. Wenn alle Sünde nichts anderes ist als Mangel an Ehrfurcht und Liebe, wie kann man diesem Mangel anders steuern als durch die Predigt von Gottes heiliger Majestät und von Gottes Liebe? Wie darf man es wagen, alle möglichen Paradoxien und Velleitäten dazuzumischen? 9

13. Wenn es gewiß ist, daß alles Unbewußte, Empfindungsmäßige, Numinose, Fascinose usw. so lange untermenschlich bleibt, als es nicht von der Vernunft ergriffen, begriffen, gereinigt und in seiner berechtigten Eigenart geschützt wird, wie darf man diese Vernunft schelten, ja ausmerzen wollen? Und was hat man zu gewärtigen, wenn dieses herostratische24 Werk vollbracht ist? Erhebt sich nicht schon jetzt der gnostische Okkultismus25 auf den Trümmern?

6214. Wenn die Person Jesu Christi im Mittelpunkt des Evangeliums steht, wie läßt sich die Grundlage für eine zuverlässige und gemeinschaftliche Erkenntnis dieser Person anders gewinnen als durch kritisch-geschichtliches Studium, damit man nicht einen erträumten Christus für den wirklichen eintausche? Wer anders aber vermag dieses Studium zu leisten als die wissenschaftliche Theologie?

15. Gibt es – Trägheit, Kurzsichtigkeit und zahlreiche Krankheiten zugestanden – noch eine andere Theologie als jene, die in fester Verbindung und Blutsverwandtschaft steht mit der Wissenschaft überhaupt? Und wenn es eine solche etwa gibt, welche Überzeugungskraft und welcher Wert kommt ihr zu?

Berlin-Grunewald
Adolf von Harnack

Sechzehn Antworten an Herrn Professor von Harnack

Zum Titel: Wer einen Einwand erhebt gegen die Form protestantisch-wissenschaftlicher Theologie, die sich seit den Tagen des Pietismus und der Aufklärung und im besondern in den letzten fünfzig Jahren deutscher Vergangenheit als maßgebend herausgebildet hat, braucht darum noch kein «Verächter» der «wissenschaftlichen Theologie» zu sein. Der Einwand lautet dahin, diese Theologie möchte sich mehr als gut ist von ihrem (zuletzt durch die Reformation deutlich gestellten) Thema entfernt haben.

1. Jenseits der «Religion» und der «Offenbarungen» der Bibel dürfte als Thema der Theologie auch die eine Offenbarung Gottes in Betracht 10 kommen. «Geschichtliches Wissen» könnte uns dann freilich sagen, daß die Mitteilung des «Inhalts des Evangeliums» jedenfalls nach dessen eigener Aussage nur durch eine Handlung dieses «Inhalts» selbst sich vollziehen kann. Aber «kritisches Nachdenken» könnte ja zu dem Ergebnis führen, daß diese Aussage des Evangeliums im Wesen der Sache (der Beziehung zwischen Gott und Mensch) begründet und also ernstlich zu respektieren ist. Die «Wissenschaftlichkeit» der Theologie wäre dann ihre Gebundenheit an die Erinnerung, daß ihr Objekt zuvor Subjekt gewesen ist und immer wieder werden muß – was mit «Erfahrung» und «Erlebnis» an sich gar nichts zu tun hat.

632. «Innere Aufgeschlossenheit» – Erfahrung, Erlebnis, Herz und dergleichen – einerseits und «geschichtliches Wissen» und «kritisches Nachdenken» andrerseits sind Möglichkeiten, die zum «Verstehen» der Bibel ebensowohl förderlich, gleichgültig oder hinderlich sein können. «Verstanden» wird die Bibel weder durch diese noch durch jene «Seelen- und Geistesfunktion», sondern kraft des Geistes, der ihrem Inhalt gleich ist, und das im Glauben.

3. Also ist das sogenannte «Gotteserlebnis» von der Erweckung des Glaubens durch Gott so verschieden wie die Erde vom Himmel und unterscheidet sich in der Tat nicht von «unkontrollierbarer Schwärmerei». Warum sollte es darum nicht deutlicheres oder verworreneres Symptom und Zeugnis von der Erweckung des Glaubens sein können? Der Glaube aber kommt in der Tat aus der Predigt26, die Predigt aber (wie es auch mit dem «geschichtlichen Wissen» und «kritischen Nachdenken» des Predigers stehe) «durch das Wort des Christus».27 Die Aufgabe der Theologie ist eins mit der Aufgabe der Predigt. Sie besteht darin, das Wort des Christus aufzunehmen und weiterzugeben. Warum sollten dabei «geschichtliches Wissen» und «kritisches Denken» nicht vorbereitenden Dienst leisten können?

4. Der von Gott erweckte Glaube wird die Notwendigkeit eines mehr oder weniger «radikalen» Protestes gegen diese Welt nie ganz vermeiden können, so gewiß er eine Hoffnung ist auf das verheißene Unsichtbare28. Eine Theologie, die das Verständnis für die grundsätzliche Distanz des Glaubens gegenüber dieser Welt etwa verlöre, müßte im selben Maße auch der Erkenntnis Gottes des Schöpfers uneingedenk werden. Denn es ist der «schlechthinige Gegensatz» von Gott und Welt, das Kreuz, die einzige Art, in der wir als Menschen der ursprünglichen und endlichen Einheit von 11 Schöpfer und Geschöpf gedenken können. Sophistik ist nicht die Einsicht, daß uns auch unser Protest gegen die Welt vor Gott nicht rechtfertigen kann, wohl aber der übliche Versuch, mit Hilfe des verflachten Schöpfungsgedankens das Kreuz zu umgehen.

645. Gerade die evangelische Nebeneinanderstellung von Gottes- und Nächstenliebe ist der stärkste Hinweis darauf, daß das Verhältnis zwischen unserm «Leben in der Welt» und unserm «Leben in Gott» das eines «schlechthinigen Gegensatzes» ist, der nur durch das Wunder des ewigen Gottes selbst überwunden wird. Oder gibt es ein fremdartigeres, ein unbegreiflicheres, ein mehr der Offenbarung Gottes bedürftiges Faktum in der Welt als eben der «Nächste»? «Höchstschätzung der Moral», ja, aber lieben wir denn unsern Nächsten, können wir es? Und wenn wir ihn nicht lieben, wie steht es dann mit unserer Gottesliebe?29 Was zeigt deutlicher als dieser «Kern» (nicht des Evangeliums, aber des Gesetzes), daß Gott nicht lebendig macht, er töte denn zuvor?30

6. «Niemand kann zu mir kommen, es ziehe ihn denn der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.»31

7. Die «aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral» stammenden Aussagen über Gott mögen als Ausdruck besonderer «Gotteserlebnisse» (z.B. des Kriegserlebnisses) neben denen primitiver Völker, die solch hohe Güter noch nicht kennen, ihre Bedeutung und ihren Wert haben (z.B. die Aussagen der Kriegstheologen aller Länder32). Als «Predigt des Evangeliums» (3.) kommen diese Aussagen jedenfalls nicht in Betracht, und ob sie die Kultur und den Einzelnen «vor dem Atheismus schützen» und nicht vielmehr, aus dem Polytheismus stammend, Atheismus pflanzen, das dürfte in jedem einzelnen Fall eine offene Frage sein.

8. «Wahrhafte Aussagen über Gott» werden überhaupt nur da gemacht, wo man sich statt auf irgendeine Höhe der Kultur oder der Religion vor die Offenbarung und damit unter das Gericht gestellt weiß, unter dem mit allen menschlichen Aussagen über diesen Gegenstand doch wohl auch die Goethes und Kants stehen. Schleiermachers Bangemachen vor der «Barbarei» ist als unwesentlich und unsachlich abzulehnen, weil das Evangelium mit der «Barbarei» so viel und so wenig zu tun hat wie mit der Kultur.

659. Mögen innerhalb der menschlichen Aussagen über Gott unter sich «wie in aller physischen und geistigen Entwicklung» «Gegensätze zugleich Stufen und Stufen zugleich Gegensätze» sein, so gilt doch (und es 12 ist, jedenfalls für die Theologie, dringlicher diese Erkenntnis zu «erfassen» und «auszubauen»!), daß zwischen der Wahrheit Gottes (die ja auch in einer menschlichen Aussage ausgesprochen sein kann) und unsrer Wahrheit nur Gegensatz, nur Entweder-Oder besteht. Denn Demut, Sehnsucht und Flehen wird unsrerseits wie das Erste, so auch immer das Letzte sein. Der Weg von der alten zur neuen Welt ist kein Stufenweg, keine Entwicklung in irgendeinem Sinn, sondern ein neues Geborenwerden.33

10. Wenn die Erkenntnis «Gott ist die Liebe» die höchste und abschließende Erkenntnis Gottes ist, wie darf man dann immerfort tun, als ob man in ihrem Besitz wäre? Ist der «Durchgangspunkt» nicht genau so lang wie die Zeit? Ist unser Glaube nicht immer auch Unglaube?34 Oder sollen wir an unseren Glauben glauben? Lebt er nicht davon, daß er Glaube an Gottes Verheißung ist? Sind wir etwa anders als in Hoffnung gerettet?35

11. «Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft …», Phil. 4, 7. Die «Scheidewand» dieses «höher» ist grundsätzlich und unübersteigbar. «Bewahrt er unsre Herzen und Sinne in Christo Jesu» und macht so die Ermahnung Phil. 4,8 («Was wahrhaftig ist …») möglich, dann als solcher, als der, der höher ist als alle Vernunft. Es ist eine Verbindung zwischen ihm und dem, was wir gut, wahr und schön nennen, aber die Verbindung ist eben die «Scheidewand», die göttliche Krisis, auf Grund deren erst ernsthaft vom Guten, Wahren und Schönen gesprochen werden kann.

12. Wenn Sünde vielleicht noch etwas mehr sein sollte als «Mangel an Ehrfurcht und Liebe», nämlich Abfall des Menschen von Gott und Verlorensein in eine Gottähnlichkeit, deren Ende der Tod ist, dann ist die Predigt (die Theologie) von Gottes heiliger Majestät und Liebe |66 eine Aufgabe, die wunderliche Wege zu gehen unserm menschlichen Denken und Reden nicht ersparen zu können scheint. Zuschauertheologie mag dann von «allen möglichen Paradoxien und Velleitäten» reden. Wer in der Lage ist, dieselbe (aber dieselbe!) Aufgabe einfacher zu lösen, der zeige, wie man das macht. Geschichtliches Wissen sagt uns, daß Paulus und Luther nicht in dieser Lage waren.

13. Welche theologische Tradition ist es doch, die von der Apotheose des «Gefühls» ausgehend nun in dem schauerlichen Sumpf der Psychologie des Unbewußten glücklich gelandet scheint?36 Wer hat abseits von der kritischen Vernunft eine besondere «religiöse» Erkenntnisquelle eröffnen zu können gemeint?37 Und ad vocem «gnostischer Okkultismus»: 13 welche Theologie38 steht notorisch jeden Augenblick in Gefahr, ihre begabtesten Anhänger an Dr. Steiner39 zu verlieren?

14. Die Zuverlässigkeit und Gemeinschaftlichkeit der Erkenntnis der Person Jesu Christi als Mittelpunkt des Evangeliums kann keine andre sein als die des von Gott erweckten Glaubens. Kritisch-geschichtliches Studium bedeutet das verdiente und notwendige Ende der «Grundlagen» dieser Erkenntnis, die keine sind, weil sie nicht von Gott selbst gelegt sind. Wer es etwa noch nicht weiß (und wir wissen es alle immer noch nicht), daß wir Christus nach dem Fleische nicht |67 mehr kennen40, der mag es sich von der kritischen Bibelwissenschaft sagen lassen;41 je radikaler er erschrickt, um so besser für ihn und die Sache. Und das mag dann etwa der Dienst sein, den «geschichtliches Wissen» bei der eigentlichen Aufgabe der Theologie leisten kann.

15. Wenn die Theologie wieder den Mut zur Sachlichkeit bekäme, den Mut, Zeuge des Wortes von der Offenbarung, vom Gericht und von der Liebe Gottes zu werden, so könnte es ja auch so sein, daß die «Wissenschaft überhaupt» nach «fester Verbindung und Blutsverwandtschaft» mit der Theologie ausschauen müßte, statt umgekehrt; denn es stünde vielleicht auch um die Juristen, Mediziner und Philosophen besser, wenn sie wüßten, was die Theologen – wissen sollten. Oder sollte die heutige zufällige opinio communis der Andern wirklich die Instanz sein, von der wir unserem Tun «Überzeugungskraft» und «Wert» zusprechen lassen müßten?

Göttingen
Karl Barth

Offener Brief an Herrn Professor K. Barth

Hochgeehrter Herr Kollege!

Ich danke Ihnen, daß Sie auf meine «Fünfzehn Fragen» eingegangen sind; sie waren ja auch an Sie und vornehmlich an Sie gerichtet.

Durch Ihre «Antworten» ist mir einiges klarer, aber eben darum der hier zwischen uns bestehende Gegensatz um so deutlicher geworden; dies werde ich im folgenden zu formulieren versuchen. Anderes freilich ist mir vollkommen dunkel geblieben oder vielmehr geworden, so vor allem Ihre 14 Antwort auf meine erste Frage. Trotz heißem Bemühen42 ist sie mir total unverständlich. Da aber auf diese grundlegende Frage sehr viel ankommt, so bleibt eine Hauptsache hier unter dem Druck eines lastenden Nebels, nämlich Ihr Begriff der «Offenbarung».

Zum Titel meiner Fragen und zu 15: Sie sehen in der wissenschaftlichen Theologie der Gegenwart ein labiles und vergängliches Pro|68dukt, das sich seit den Tagen des Pietismus und der Aufklärung gebildet hat und das nur den Wert einer zufälligen communis opinio besitzt. Ich sehe in dieser wissenschaftlichen Theologie die einzige mögliche Weise, sich des Gegenstandes erkenntnismäßig zu bemächtigen, eine Weise, die neu und alt zugleich ist – neu, weil sie erst seit dem 18. Jahrhundert zu größerer Klarheit und Reife gekommen ist; alt, weil sie begonnen hat, seitdem es denkende Menschen gibt. Sie sagen: «Die Aufgabe der Theologie ist eins mit den Aufgaben der Predigt»; ich erwidre: die Aufgabe der Theologie ist eins mit den Aufgaben der Wissenschaft überhaupt; die Aufgabe der Predigt aber ist die reine Darstellung der Aufgabe des Christen als Zeugen Christi. Sie verwandeln den theologischen Lehrstuhl in einen Predigtstuhl (und wollen, was «Theologie» heißt, an die profanen Fächer verteilen); ich sage Ihnen auf Grund des Verlaufs der gesamten Kirchengeschichte voraus, daß dieses Unternehmen nicht zum Erbauen43, sondern zum Auflösen führt; oder soll Ihre Verkündigung nur als «Ferment» wirken? Das darf niemand sich vornehmen und liegt gewiß auch nicht in Ihrer Absicht. Dennoch – ich erkenne das Ferment an: Mut zur Sachlichkeit, Mut zur Zeugenschaft.

Zu Fragen 2 und 3: Was nach Ihrer Meinung übrig bleibt, wenn man verpflichtet ist, in bezug auf das Verständnis der Religion der Bibel prinzipiell mit «Innerer Aufgeschlossenheit», «Erfahrung», «Erlebnis», «Herz», «Geschichtlichem Wissen», «Kritischem Nachdenken» tabula rasa zu machen, verstehe ich nicht. Sie sagen zwar: «Die Religion der Bibel wird nur verstanden kraft des Geistes, der ihrem Inhalt gleich ist, und das im Glauben»; aber da Sie fortfahren: «Also ist das sogenannte ‹Gotteserlebnis› von der Erweckung des Glaubens durch Gott so verschieden wie die Erde vom Himmel und unterscheidet sich in der Tat nicht von ‹unkontrollierbarer Schwärmerei›», wird mir das «Also» ebenso dunkel wie die Berechtigung des von Ihnen gebrauchten Bildes und wie Ihre Verhältnisbestimmung von Gotteserlebnis und Glaube. Über Unverstandenes aber vermag ich nicht zu reden. Zu meiner Freude unterschreiben Sie zwar die These: «Der Glaube kommt aus der Predigt, und die Predigt durch das Wort44 des Chri|69stus»; allein wie mir schon «des 15 Christus» statt Jesu Christi kirchengeschichtlicher Reminiszenzen wegen fatal erscheint45, so verstärkt sich mein Mißtrauen in Hinsicht des Zusammenhanges, in welchem Sie (zu Frage 14) von dem Paulinischen Wort: «Wir kennen Christum nach dem Fleische nicht mehr», Gebrauch machen. Wir kennen also den evangelischen, den geschichtlichen Jesus Christus nicht mehr? Wie soll ich das verstehen? Nach der Theorie vom exklusiven innern Wort? Oder nach welcher der vielen anderen subjektivistischen Theorien?

Zu Frage 4: Es schmerzt mich, daß Sie auf diese Frage nur eine sehr gewundene Antwort gegeben haben: «Der von Gott geweckte Glaube wird die Notwendigkeit eines mehr oder weniger (!) ‹radikalen› Protestes gegen diese Welt nie ganz (!) vermeiden können, so gewiß er eine Hoffnung ist auf das verheißene Unsichtbare.» Sind Sie an diesem Punkt etwa noch nicht mit sich selbst im Reinen? Dann wäre es besser gewesen, die Antwort aufzuschieben. So wie sie halbschlächtig lautet, fehlt ihr entweder die Erkenntnis oder der Zeugenmut.

Zu Frage 5: Meine Frage in bezug auf die Gottes- und Nächstenliebe beantworten Sie mit einer Problematik der Begriffe «der Nächste» und «die Nächstenliebe», die zwar für Ihre Theologie besonders charakteristisch ist, nicht aber für das Evangelium, welches hier Probleme überhaupt nicht kennt. Ich sehe in Ihrer Ausführung den größten Abstand von dem schlichten Evangelium.

Zu Frage 6 (Möglichkeit der Erziehung zu Gott): Sie antworten einfach mit Joh. 6,44; wenn das alles ist, was Sie hier zu sagen haben, so verurteilen Sie alle christliche Pädagogik und zerschneiden, wie Marcion46, jedes Band zwischen dem Glauben und dem Menschlichen. Nach meinem Verständnis haben Sie hier das Vorbild Jesu gegen sich.

70Zu Fragen 7-9: Sie behaupten, es sei eine in jedem einzelnen Fall offene Frage, ob die in der Menschheitsgeschichte, abgesehen von der Offenbarung, erwachsene Gotteserkenntnis vor dem Atheismus schütze oder ihn pflanze. Dies ist nur eine halbe Antwort auf meine Frage, ob Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird. Oder darf ich annehmen, daß Sie eine solche Behauptung mit mir ablehnen? Schwerlich! Denn Ihr Satz: «Das Evangelium hat mit der ‹Barbarei› so viel und so wenig zu tun wie mit der Kultur», kann doch wohl nur als radikale Verneinung jeglicher wertvollen Gotteserkenntnis innerhalb der Denk- und Moralgeschichte der Menschheit ver16standen werden. Und vollends deutlich wird Ihr Standpunkt durch den Satz: «Zwischen der Wahrheit Gottes und unserer Wahrheit besteht nur Gegensatz, nur Entweder-Oder. Der Weg von der alten zur neuen Welt ist kein Stufenweg, keine Entwicklung in irgendeinem Sinne, sondern ein neues Geborenwerden.» Aber schließt es sich47 aus, die Begründung des eigenen Christenstandes so zu empfinden – und doch anzuerkennen, daß Gott ihn auf einem Stufenwege hat werden lassen, auf welchem bereits ewige Werte geschenkt wurden? Erinnern Sie sich doch, wie Augustin vom Werden seines Christenstandes erzählt!48

Zu Fragen 10 und 11: Die Antworten, die Sie auf die hier gestellten Fragen geben, sind meines Erachtens die, welche sich infolge der Problematik, in die Sie den christlichen Glauben hineinziehen, am weitesten von dem evangelischen Christentum entfernen: der «Durchgangspunkt» von der Gottlosigkeit zu Gott soll für jeden Christen so lange dauern wie die «Zeit»; unser Glaube ist auch immer Unglaube; gerettet sind wir nur in Hoffnung; eine Verbindung dessen, was wir gut, wahr und schön nennen, mit dem Frieden Gottes besteht nur insofern, als auch eine Scheidewand verbindet usw. Indem Sie diese Antworten auf meine Fragen geben, sprengen Sie mit dem, was dem Christentum noch mangelt und was wir alle kennen, den Besitz selbst und machen die Zuversicht, in der er leben darf, zu einer Illusion und die Freude, die sein Leben erfüllen soll, zu einer Frivolität. Das wer|71den Sie bestreiten; aber was Sie an die Stelle setzen, ist die Darstellung eines Gemütszustandes, der im besten Fall von einigen wenigen als «Friede Gottes» empfunden werden kann und der keineswegs die notwendige Voraussetzung für alle christliche Demut ist.

Von hier aus wird auch Ihre Antwort auf Frage 12 verständlich. Das schlichte Evangelium, aus welchem heraus Jesus seine faßlichen und trostreichen Parabeln zur Errettung der Seelen gesprochen hat, paßt Ihnen nicht, vielmehr könne die christliche Predigt «wunderliche Wege dem menschlichen Denken und Reden nicht ersparen». Der wievielste wird Sie auch nur begreifen können, da Sie ganz und gar in sublimster Psychologie und Metaphysik stecken? Wenn Sie aber dann49 überraschend auf Paulus und Luther überspringen, so ist mir nicht zweifelhaft, daß es auch heute noch jeder Christ leichter hat, der Verkündigung und dem Lebensbilde dieser Christen nachzuleben als Ihrer Botschaft. Doch – sind uns Paulus und Luther Vorbilder zur Nachahmung?? Können wir uns in ihre Rüstung stecken? Müssen wir Kleineren uns abquälen, das zu erleben, was sie erlebt haben? 17 Es ist – lassen Sie mich auch einmal in «Problematik» reden – unsere Kraft und unser Schicksal zugleich, daß wir Paulus und Luther erlebt haben. Gegen dieses Schicksal hilft nur das Trostwort, das eben sie uns zurufen: «Ich glaube eine Vergebung der Sünden.»50

Auf die 13. Frage haben Sie nicht geantwortet, sondern sich mit dem Hinweise darauf begnügt, die herrschende Theologie oder eine ihrer Linien habe in den Sumpf der Psychologie des Unbewußten geführt und in den Okkultismus hinein. Da meine Frage gar nicht an Ihre Theologie, sondern an eine andere Adresse gerichtet war, kann ich hier schweigen, muß aber doch bemerken, daß mit dem Okkultismus jede Verachtung der Vernunft und Wissenschaft51 nach göttlicher Ordnung bestraft wird und daß jede Zeit nur eine Wissenschaft besitzt.

Auch bei der 14. Frage vermisse ich eine runde Antwort. Vollzieht sich die Erweckung des Glaubens, sofern er die Erkenntnis der Person Jesu Christi als Mittelpunkt des Evangeliums einschließt, ohne Rück|72sicht auf dessen geschichtliche Person? Wenn diese Frage verneint werden muß, kann der Glaube geschichtlicher Erkenntnis dieser Person entraten? Wenn diese zweite Frage bejaht werden muß, kann kritisch-geschichtliches Studium derselben in Hinsicht des Glaubens etwas Abwegiges sein, ist es nicht vielmehr schlechthin notwendig? Was Sie demgegenüber in bezug auf die Bibelwissenschaft andeuten, läßt sich doch wohl auf die Formel bringen: Immer hat die radikalste Bibelwissenschaft recht, und Gott sei Dank, daß dem so ist; denn damit sind wir sie los. Dieser aus der neuern Kirchengeschichte zweiter Ordnung sattsam bekannte Standpunkt schafft den Freibrief für jede beliebige Phantasie und für jede theologische Diktatur, die das Geschichtliche unserer Religion auflöst und die Gewissen Anderer mit der eigenen Erfahrung zu foltern sucht.

Ich bedaure aufrichtig, daß Ihre Antworten auf meine Fragen nur die Größe der Kluft zeigen, die uns trennt; aber weder auf meine noch auf Ihre Theologie kommt etwas an, sondern allein darauf, wie das Evangelium recht gelehrt wird.52 Wenn Ihre Weise zur Herrschaft gelangen sollte, wird es aber überhaupt nicht mehr gelehrt, sondern ausschließlich in die Hand der Erweckungsprediger gegeben, die ihr Bibelverständnis frei schaffen und ihre eigene Herrschaft aufrichten.

In vorzüglicher Hochschätzung
v. Harnack
18

Antwort auf Herrn Professor von Harnacks offenen Brief

Hochgeehrter Herr Doktor!

Es bedarf keiner Versicherung, daß ich die ausführliche Besprechung, die Sie meinen Antworten auf Ihre Fragen gewidmet haben, als eine Auszeichnung empfinde, für die ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin. Trotzdem trete ich nur mit Zögern an die mir vom Herrn Schriftleiter als selbstverständlich zugewiesene Aufgabe heran, Ihnen auf Grund Ihres Briefes weitere Auskünfte über meine theologischen Gedanken zu geben. Sie stellen ja selbst fest, daß Ihnen meine Antworten nur die Kluft gezeigt haben, die uns trennt. Ist es nicht nutzlos |73 und ärgerlich, wenn ich Ihnen und wohl den meisten Lesern der «Christlichen Welt» nun noch weitere Rätsel aufgebe? Meine Lage ist auch in anderer Beziehung mißlich: Sie haben das erste Mal wirkliche Fragen gestellt, auf die ich als einer von denen, die es anging, so gut oder schlecht es mir gegeben war, antworten mußte und konnte. In Ihrem Brief aber treten Sie mir – und es liegt mir aufrichtig ferne, Ihnen als meinem verehrten einstigen Lehrer das Recht dazu zu bestreiten – als der Fertige und Wissende entgegen, der nicht nur für andere Antworten als die, die er selbst sich geben würde, sondern auch für andere Fragen als seine eigenen auf Grund der Erfahrung und des Nachdenkens eines reichen Menschenlebens keine Zeit und kein Ohr mehr hat. Gibt es auf Ihre Feststellungen noch etwas zu antworten? Ist das Gespräch nicht beendigt? Aber da Sie mir sagen wollten – woran ich allerdings nicht gezweifelt habe –, daß meine Antworten nicht die seien, in deren Besitz Sie Ihre Fragen aufgestellt haben, bin ich es Ihnen und den Zuhörern doch wohl schuldig, meinerseits zu bekennen, daß ich meine Antworten zwar selber als sehr diskutabel ansehe und mir für die Zukunft und für den Fall besserer Belehrung alles Weitere vorbehalte, daß mich aber Ihre Einwendungen doch darin nicht irre machen können, zunächst in der Richtung jener Antworten – weiterzufragen. Lassen Sie mich also, aber etwas zusammenfassend diesmal, Punkt für Punkt noch einmal berühren. Zum eigentlichen Verständnis meines andauernden Widerspruchs müßte ich Sie freilich – wie Sie es in ähnlicher Lage gewiß auch tun würden – auf meine und meiner Freunde Gogarten und Thurneysen (für die andere 19 Gruppe der von Ihnen Interpellierten übernehme ich keinerlei Verantwortung!) ausführlich vorliegende Schriften verweisen. Weniger zu Ihnen als zum Publikum gewendet erlaube ich mir die Feststellung, daß man auf die Länge doch auch uns nicht wirkungsvoll widerlegen können wird, ohne uns ernstlich gelesen zu haben.

Sie sehen in dem, was Sie «wissenschaftliche Theologie» nennen, «die einzig mögliche Weise, sich des Gegenstandes erkenntnismäßig zu bemächtigen», und nennen sie «neu, weil sie erst seit dem 18. Jahrhundert zu größerer Klarheit und Reife gekommen ist, alt, weil sie begonnen hat, seitdem es denkende Menschen gibt». Ich hoffe, Ihnen nichts unterzuschieben, wenn ich bei dieser durch den Verweis auf das 18. Jahrhundert deutlichen Bestimmung annehme, daß für Sie (mit |74 dem fatalen Geschlecht der «Erweckungsprediger» überhaupt) von den Reformatoren vielleicht nicht Zwingli und Melanchthon, wohl aber Luther und Calvin als «wissenschaftliche Theologen» ausfallen und daß Ihnen vollends der Gedanke, etwa den Apostel Paulus (neben dem, was er sonst war) ernsthaft als solchen in Anspruch zu nehmen, ganz fremdartig ist. Aber wie dem auch sei, ich meine in alten und neuen Jahrhunderten «denkende Menschen» zu kennen, die als Theologen ganz und gar andere Wege gegangen sind als die seit dem 18. Jahrhundert als normal betrachteten und deren «Wissenschaftlichkeit» in Abrede zu stellen (wenn «Wissenschaftlichkeit» etwa «Sachlichkeit» bedeuten sollte!) mir sehr bedenklich scheint. Sie können es sich nur als überheblichen Nachahmungsversuch erklären, wenn man sich auf die Theologie des Paulus oder Luthers beruft. Diesseits der «Kluft» sieht der Vorgang verhältnismäßig einfach so aus, daß sich uns die sachliche Überlegenheit dieser und anderer älterer Theologen, so wenig sie in das heutige Zunftschema passen, so unwiderstehlich aufgedrängt hat, daß wir uns weder durch den Protest des Geistes der Neuzeit (der sich selbst vielleicht erst verstehen lernen muß!) noch durch den von Ihnen geltend gemachten Glauben an die Vergebung der Sünden (!) von der Pflicht entbunden fühlen können, ihren prinzipiellen Ansatz ernstlicher auf seine allfällige Berechtigung hin in Erwägung zu ziehen, als es speziell in der letzten Epoche der Theologie trotz aller Paulusforschung und Lutherbegeisterung geschehen ist. Um Repristinationen kann es sich dabei grundsätzlich nicht handeln. Ich habe zwar die Privatansicht, daß die Übung im Repristinieren eines klassischen theologischen Gedankenganges, die zur Zeit der mittelalterlichen und protestantischen Scholastik 20 «Theologie» hieß, wahrscheinlich instruktiver war als der chaotische Fakultätsbetrieb unserer Tage, dem der Begriff eines maßgeblichen Gegenstandes vor lauter Maßgeblichkeit der Methode fremd und ungeheuerlich geworden ist. Aber ich meine auch zu wissen, daß dasselbe nicht wiederkehren kann noch soll und daß wir in unserer Zeit für unsere Zeit zu denken haben. Auch darum handelt es sich wirklich nicht, speziell die in den letzten Jahrhunderten ausgebildete historisch-kritische Methode der Bibel- und Geschichtsforschung von der theologischen Arbeit fernzuhalten, sondern darum, sie und die durch sie bedingte Verschärfung der Fragestellung jener Arbeit in sinnvoller Weise ein|75zuordnen. Ich meine das in meinen Antworten 2, 3 und 14 gesagt zu haben und darf doch wohl ein wenig staunen darüber, daß Sie mir immer noch zur Last legen, ich betrachte die kritische Bibelwissenschaft als etwas «Abwegiges», ich wolle sie «los» sein und müsse daher wegen Verachtung von Vernunft und Wissenschaft mit der «nach göttlicher Ordnung» auf solches Vergehen gesetzten Strafe des Okkultismus bedroht werden. Wogegen ich mich zur Wehr setzen muß, das ist nicht die historische Kritik, wohl aber die auch Ihre heutigen Äußerungen charakterisierende Selbstverständlichkeit, mit der man die Aufgabe der Theologie entleert, das heißt an die Stelle dessen, was die Alten «das Wort» (die Korrelation von «Schrift» und «Geist») nannten, dies und jenes durch die historische Kritik jenseits der «Schrift» und abgesehen vom «Geist» eruierte sogenannte «schlichte Evangelium» gesetzt hat, ein Evangelium, das nur noch tropisch «Wort Gottes» genannt werden kann, weil es tatsächlich bestenfalls ein menschlicher Eindruck davon ist. Der Sie und Andere so abstoßend anmutende Satz, daß die Aufgabe der Theologie eins sei mit der Aufgabe der Predigt, ist für mich als Programmsatz (zu dessen Durchführung freilich noch Vieles zu überlegen ist) unvermeidlich. Ich setze dabei allerdings als zugestanden voraus, daß auch der Prediger von Rechts wegen «das Wort» zu verkündigen hat und nicht etwa seine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Maximen und Reflexionen53. Daß «durch das Wort des Christus» (das «des» ist mir sehr gleichgültig!) die Wahrheit der Predigt und der Glaube kommt, haben Sie ja eingeräumt. Ist aber dies «Wort» wiederzugeben die Aufgabe des Predigers, so ist dies auch die des (mit jenem in mindestens virtueller Personalunion befindlichen) Theologen. Die taktisch-praktischen Verschiedenheiten der Ausführung sind selbstverständlich, und ebenso, daß Einiges auf das Katheder gehört, was auf der Kanzel unterbleiben kann, 21 und umgekehrt. Das Thema des Theologen aber, dem er in der Geschichte nachzugehen und um dessen seiner eigenen Lage angemessenen Ausdruck er zu ringen hat, kann keine zweite Wahrheit neben der Wahrheit sein, die ihm als Prediger zu vertreten obliegt. Das |76 war in den Anfängen protestantischer Theologie (ich denke besonders an Zürich und Genf) das Selbstverständliche. Ich kann aber auch nicht einsehen, inwiefern sich die seither durchgeführte abstrakte Trennung «gelehrten» und «erbaulichen» Denkens und Redens aus dem Wesen der Sache begründen läßt. Was aber, wenn es mit dieser Einheit der Aufgabe des Theologen und des Predigers seine Richtigkeit hat, als Thema des Einen wie des Andern gänzlich ausfällt, das ist mit Allem, was bloß menschlicher Eindruck und nicht Wort Gottes ist, ein «schlichtes Evangelium», das als angebliche «Offenbarung» in der Bibel übrig bleibt, nachdem der in der Korrelation von «Schrift» und «Geist» gegebene zureichende Erkenntnisgrund aller Offenbarung grundsätzlich ausgeschaltet worden ist.

Aber hier setzt nun Ihre kategorische Erklärung ein, daß Ihnen mein «Begriff der Offenbarung» «total (von Ihnen gesperrt!) unverständlich» sei. Sie hatten (Frage 1) gefragt, wie es zur «Feststellung des Inhalts des Evangeliums» kommen könne ohne geschichtliches Wissen und kritisches Nachdenken. Ich habe darauf geantwortet: 1. (Geschichtliches Wissen!): Das Evangelium selbst bekundet, daß diese Feststellung exklusiv durch eine Handlung (durch ein Tun und Reden) dieses «Inhalts» (Gottes oder Christi oder des Geistes) selbst geschieht. Einzelne Belegstellen für diese These werden Sie gewiß nicht von mir verlangen. 2. (Kritisches Nachdenken!) Es kann nicht wohlgetan sein, diese Ordnung umzukehren und aus dem «So spricht der Herr» ein «So hört der Mensch» zu machen. Gibt es einen Weg zu diesem «Inhalt», so muß der Inhalt selbst der Weg, die redende Stimme auch das hörende Ohr sein. Alle andern Wege führen nicht zu diesem Ziel, alle andern Ohren hören nicht diese Stimme. Daß nun Gott selber wie allein das Ziel, so auch allein der Weg ist, das ist, wie ich Ihnen gerne einräume, mir wie Ihnen «total unverständlich», nicht nur «Nebel», sondern, mit Luther zu reden, Finsternis.54 Würden Sie mir sagen, daß man an einen Weg Gottes zu uns, dem augenscheinlich kein Weg von uns zu Gott entspricht (denn er ist immer wieder aufs exklusivste der Weg Gottes zu uns), nicht «glauben» könne, so könnte |77 ich Ihnen nur antworten, daß ich im Innersten meines Herzens genau so denke. Aber liegt es nicht, ganz abgesehen von dem, was die 22 Bibel auf allen Seiten davon sagt, schon im Begriffe der Offenbarung (und zwar wirklich nicht nur in meinem Begriffe!), daß man sie nicht «glauben» kann? Wäre es, wenn «Offenbarung» etwa nur die Bezeichnung für eine höchste oder tiefste, aber immerhin mögliche menschliche Entdeckung sein sollte, nicht besser, auf dieses volltönende Wort zu verzichten? Oder sollten wir Theologen, wenn wir dies nicht wollen, nicht den Mut fassen, unsre Theologie anfangen zu lassen mit der vielleicht grundskeptischen, aber jedenfalls klaren Erinnerung an das allerdings «total unverständliche», unhörbare und unglaubliche, allerdings ärgerniserregende Zeugnis, daß Gott selbst etwas gesagt und getan hat, und zwar ein Neues außerhalb der Korrelation aller menschlichen Worte und Dinge, aber als dieses Neue in diese Korrelation hineingestellt, ein Wort und Ding neben andern, aber dieses Wort und dieses Ding? Ich rede jetzt nicht von der Möglichkeit, dieses Zeugnis anzunehmen, ich frage nur, ob wir nicht zunächst einmal viel nüchterner rechnen sollten mit der Tatsache, daß das sogenannte Christentum mit diesem Zeugnis seinen ersten uns erkennbaren Anfang genommen hat? Dieses Zeugnis, das durch die historische Kritik nicht genug in sich zergliedert werden kann und das darum doch nicht aufhören wird, dieses Zeugnis zu sein, nenne ich in seiner Totalität die «Schrift». Wobei mir die Frage der Abgrenzung der «Schrift» gegenüber – anderen Schriften eine sekundäre Frage zu sein scheint. Sollte eine außerkanonische Schrift dieses (aber wirklich dieses!) Zeugnis in bemerkenswerter Weise enthalten, so kann eine Unmöglichkeit a priori, dieses Zeugnis auch durch sie reden zu lassen, nicht bestehen, im Gegenteil. Von dieser Feststellung bis zur Kanonisierung des «Faust»55 etwa ist ein weiter Weg, den eine einsichtige Kirche eben nicht gehen wird.

Also die Schrift bezeugt Offenbarung. Man braucht ihr nicht zu glauben; man kann das auch nicht. Aber man sollte auch nicht daran rütteln, daß sie Offenbarung bezeugt, und zwar echte Offenbarung, nicht eine mehr oder weniger verhüllte religiöse Menschenmöglich|78keit, sondern die Möglichkeit Gottes, daß er gehandelt hat in der Hülle einer Menschenmöglichkeit – und dies als Wirklichkeit. Das Zeugnis lautet, daß das Wort Fleisch ward56, Gott selbst menschlichgeschichtliche Wirklichkeit, und zwar in der Person Jesu Christi. Aber daraus folgt für mich keineswegs, daß dieses Geschehen auch Gegenstand menschlich-geschichtlicher Erkenntnis sein kann, sondern gerade das ist, weil und sofern es sich um diese Wirklichkeit handelt, ausgeschlossen. Die allenfalls historisch er23kennbare Existenz eines Jesus von Nazareth zum Beispiel ist nicht diese Wirklichkeit. Auch ein historisch erkennbares, weil menschlich einleuchtendes, ein kein Ärgernis bereitendes und also wohl in Ihrem Sinne «schlichtes Evangelium», ein Wort oder eine Tat dieses Jesus, die wirklich nichts Anderes wäre als die Realisierung einer menschlichen Möglichkeit, wäre nicht diese Wirklichkeit. Ich bezweifle freilich, daß es an irgendeinem erheblichen Punkt, auch nur historisch betrachtet, möglich ist, ein Wort oder eine Tat Jesu von dem Hintergrund dieser Wirklichkeit, das heißt von der die Offenbarung und damit auch das Ärgernis bezeugenden Schrift zu lösen und als «schlichtes Evangelium» in Ihrem Sinne aufzufassen. Warum ich dies zum Beispiel in bezug auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe für unmöglich halte, habe ich das letzte Mal in Antwort 5 angedeutet und bin von Ihnen deswegen wohl gestraft, aber nicht widerlegt worden. Ich kann jetzt auch gegen Ihre Bezeichnung der Gleichnisse Jesu als «faßlicher und trostreicher» Parabeln nur im Vorbeigehen Protest einlegen und hoffe beide Male wenigstens einige Historiker auf meiner Seite zu haben. Aber selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, den einen oder andern Punkt der Überlieferung für Ihre Auffassung in Anspruch zu nehmen, so würde daraus nur folgen, daß dieser Punkt nicht oder nur im Zusammenhang mit andern Gegenstand des Zeugnisses, des Kerygmas ist, das doch wohl auch nach Ihrem Urteil der alleinige Sinn der neutestamentlichen Schriftstellerei gewesen ist. Der Gegenstand des Zeugnisses aber ist von den Aposteln und Evangelisten selbst so sehr als Offenbarung, als Handeln Gottes selbst kenntlich gemacht, so sehr in eine höchst unschlichte Verborgenheit gerückt, so sehr gegen alles direkte Verstehenwollen geschützt worden, daß nicht nur alle offenkundig auf die|79sen «Mittelpunkt des Evangeliums» hinweisenden Aussagen, wie sie etwa im zweiten Artikel in ein bedenklich drohendes Bündel zusammengerafft sind, sondern wahrhaftig auch die «Bergpredigt», die Gleichnis- und Streitreden Jesu, die Leidensgeschichte einer vorsichtigen Betrachtung nur das Urteil übrig lassen, daß von einer direkten geschichtlichen Erkennbarkeit der hier behaupteten geschichtlichen Wirklichkeit (der Offenbarung!) keine Rede sein kann. Erkennbar ist immer nur das Andere, das die historische Umgebung der behaupteten Offenbarung bildet. Jenseits dieses Andern fällt der Schlagbaum, und es droht das Ärgernis, die Fabel oder – das Wunder. Die geschichtliche Wirklichkeit Christi (als der Offenbarung, als des «Mittelpunkts des Evangeliums»!) ist nicht der «historische 24 Jesus», den eine allzu eifrige Geschichtsforschung unter Umgehung jener in den Quellen selbst aufgerichteten Warnungen hat feststellen wollen (um auf eine Banalität zu stoßen, die man vergeblich als Kostbarkeit ausgerufen hat und ausrufen wird), freilich auch nicht ein, wie Sie sagten, «erträumter» Christus, wohl aber der Auferstandene, oder sagen wir, zurückhaltend um unsres Kleinglaubens willen: der als der Auferstandene bezeugte Christus. Das ist «der evangelische, der geschichtliche Jesus Christus», und anders, nämlich abgesehen von diesem Zeugnis von ihm, abgesehen von der Offenbarung, die hier geglaubt werden müßte, «kennen wir ihn jetzt nicht mehr». In diesem Sinne meine ich mich auf 2.Kor. 5,16 (κατὰ σάρκα gehört wohl zu ἐγώκαμεν)57 legitim berufen zu dürfen. An der entscheidenden Stelle, nämlich bei der Beantwortung der Frage: was Jesus zum Christus macht? durch die Auferstehung58 wird also, vom Menschen aus gesehen, in der Tat nur Ihr «total unverständlich» übrigbleiben. Und ich gestehe Ihnen gerne, daß ich mich dem Nein, der Verweigerung des Glaubens, die Sie auf Grund dieses Tatbestandes proklamieren, immer noch hundertmal lieber anschließe als den Künsten einer «positiven» Theologie, die darauf hinauslaufen, das Unverständliche unter der Hand doch wieder als ganz selbstverständlich und einleuchtend erscheinen zu lassen: eine Entleerung und Verleugnung der Offenbarung, die mit ihrem scheinbaren Bekenntnis dazu schlimmer ist als die |80 bitterböseste Glaubensverweigerung, die jedenfalls den Vorzug der Sachgemäßheit hat. In diesem Sinne ist aber auch meine Sympathieerklärung für die «radikalste» Bibelwissenschaft gemeint. Die reformatorische Theologie hatte diese negative Disziplin darum nicht nötig, weil sie noch den Mut hatte, das Ärgernis der Offenbarung nicht zu umgehen, und darum die Frage nach einem historisch erkennbaren Mittelpunkt des Evangeliums überhaupt nicht aufwarf. Wir haben sie nötig, weil wir auf der Flucht vor dem Ärgernis auf diese unmögliche Frage verfallen sind. Uns a posteriori klar zu machen, daß es so nicht geht, daß wir es in der Bibel mit Zeugnissen und immer wieder nur mit Zeugnissen zu tun haben, darin sehe ich die theologische Funktion speziell der historischen Kritik. Und ich stelle fest, daß dies die Funktion ist, die sie seit den Tagen D. Fr. Straußens59 tatsächlich unter uns erfüllt hat, trefflich in ihrer Art, wenn auch weithin nicht verstanden und vor allem selber nicht wissend, was sie tat.

Die Annahme nun dieses unglaublichen Zeugnisses der Schrift nenne ich den Glauben. Wobei ich wiederum nicht zugeben kann, daß dies ein Fündlein meiner Theologie sei, sondern frage, was denn, wenn wir von 25 Sentimentalitäten absehen wollen, Glaube etwa anderes sein könnte als der Gehorsam, den ich einem menschlichen Wort schenke, das mir Gottes Wort als an mich gerichtet bezeugt, als wäre es selber Gottes Wort. Daß dies ein unerhörtes Geschehen ist, daß nun vom heiligen Geist die Rede sein muß, wenn nicht alle die Einwände zu Recht bestehen sollen, die uns Herrmann gegenüber einem «Fürwahrhalten» historischer Dinge abgesehen von diesem Erkenntnisgrund eingehämmert hat60, darüber darf man sich hier nicht täuschen. Ich unterscheide darum den Glauben als Gottes Werk an uns (denn nur Gott kann uns hörbar sagen, was wir nicht hören können, 1.Kor. 2,9) von allen bekannten und unbekannten menschlichen Organen und Funktionen, auch von allen unsern sogenannten «Gotteserlebnissen». Ist das [eine]61 so unerhörte Neuigkeit? Muß ich als Reformierter die Frage aufwerfen, ob Luthers Erklärung des drit|81ten Artikels im kleinen Katechismus62 eigentlich gilt oder nicht gilt? Und sollte es Ihnen nicht einleuchten, daß eben durch die unbedachte Preisgabe dieses Glaubensbegriffs um das Linsengericht eines weniger paradoxen dem anthroposophischen Tohuwabohu von Glauben und okkulten «Fähigkeiten» des Menschen, dem die offizielle Theologie doch einfach ratlos gegenübersteht, Tür und Tor geöffnet worden ist? – Es muß so sein: Alles, was sich gegen die Möglichkeit der Offenbarung sagen läßt, läßt sich mit gleichem Gewicht auch gegen die Möglichkeit des Glaubens sagen. Und dann muß als die zweite ausgeschlossene Möglichkeit die übrig bleiben, daß der Gott, der nach dem Zeugnis der Schrift «das Wort des Christus» gesprochen63, es durch das Zeugnis der Schrift, in Kraft gesetzt durch das testimonium spiritus sancti internum, auch zu mir spricht, daß ich es höre und, indem ich es höre, glaube. Sollte dies nun die «Theorie vom exklusiven inneren Wort» sein oder eine von den «vielen andern subjektivistischen Theorien»? Sie haben in Frage 3 selbst von Erweckung des Glaubens geredet. Ich stimme zu, aber in der Meinung, daß es sich dabei, wie in der «faßlichen und trostreichen Parabel» vom verlorenen Sohn Luk. 15,32 vorgesehen, um die Erweckung eines Toten, also ebenso wie bei der Offenbarung um das Wunder Gottes handelt. Zu einer andern Objektivität als der hierdurch oder durch die Korrelatbegriffe «Schrift» und «Geist» bezeichneten habe ich allerdings kein Zutrauen und am allerwenigsten zu dem Papat einer Wissenschaft, die ihre unbedingte Superiorität gegenüber dem subjektivistischen Treiben der «Erweckungsprediger» erst durch Taten bewähren müßte. 26

Aber nun haben auch Sie, hochgeehrter Herr Doktor, den Schatten Marcions gegen mich beschworen mit der Behauptung, daß ich «das Band zwischen dem Glauben und dem Menschlichen zerschneide». Darf ich fragen, wie Sie das aus meinen Antworten 2 und 3 begründen? Habe ich wirklich mit jenen menschlichen Organen, Funktionen und Erlebnissen «tabula rasa» gemacht? Jedenfalls denke ich gar nicht daran, das zu tun. Ich meine wirklich auch zu wissen, daß der Mensch glaubend oder nicht glaubend weiterlebt: als Mensch, in der Zeit, in der Welt der Dinge, von ihm aus gesehen immer ausschließlich auf |82 seine eigenen menschlichen Möglichkeiten angewiesen. Ich meine auch das zu wissen, daß des Menschen Glaube jeden Augenblick restlos bestimmbar ist als «innere Aufgeschlossenheit», «Erfahrung», «Erlebnis», «Religion», «geschichtliches Wissen», «kritisches Nachdenken» usf., gerade wie ja auch das Zeugnis von der Offenbarung restlos gedeutet werden kann, ja gedeutet werden muß (sofern nicht Gott selbst dazwischentritt!) als ein Stück unerfreulich dunkler menschlicher Geistes- und Kulturgeschichte. Ich würde nun hier wie dort gerade nicht «abschneiden» (was ein ganz sinnloses Unternehmen wäre!), sondern sagen: Das Menschliche ist das Relativum, das Zeugnis, das Gleichnis – also nicht, wie es jedenfalls in der Konsequenz Ihrer Sätze liegt: auf irgendwelchen Spitzen und Höhen der Entwicklung selber das Absolute!, wohl aber der (verstandene oder unverstandene) Hinweis auf das Absolute. Danach wäre also das historisch-psychologisch Faßbare, das wir an uns selbst und Andern als «Glauben» kennen, Zeugnis und Symptom jenes Werks und Wunders Gottes an uns, des Glaubens, der, durch «das Wort» geschaffen und in «das Wort» vertieft, mit Luther zu reden, unsre Gerechtigkeit vor Gott selbst ist.64 Gerade wie dann die Religionen der Bibel, bei denen ja Ihre erste Frage einsetzte, Zeugnis und Symptom wären der geschichtlichen Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes. Der Erkenntnisgrund beider aber: des rechtfertigenden Glaubens und der Offenbarung, wäre das Handeln Gottes durch sein Wort an uns. Ob ich Ihnen so wirklich nicht deutlich werde? – Aber, und hier meine ich auf den Nerv aller Ihrer Einwände zu stoßen: an dem Zeugnischarakter alles dessen, was hier wie dort in der Zeit und vom Menschen aus geschieht, lasse ich mir nun allerdings genügen65 und negiere ausdrücklich die Möglichkeit, irgendwo und irgendwie, sei es in der Geschichte, sei es in uns selbst, ein Relatives als absolut zu setzen, Kierkegaardisch geredet: vom Zeugnis zur «direkten Mitteilung» überzugehen66, 27 die, wenn ich die Bibel und die Reformation nicht gänzlich |83 mißverstehe, im exklusivsten Sinne Gottes Sache sein und bleiben muß. Denn daß die Ewigkeit Zeit, das Absolute relativ, Gott Mensch wird (und damit – nur damit! – jedesmal auch das Umgekehrte!), daß also die Sache mit dem Zeichen und damit das Zeichen mit der Sache zusammenfällt, wie es Luther in seiner Abendmahlslehre67 in letzter Einsicht, aber streifend an die natürlich-titanische Überhebung des homo religiosus behauptet hat, das ist nur wahr als Wort und Werk Gottes, als Handlung der Trinität selbst, die nur als offenbart bezeugt und geglaubt werden kann, nie und nimmer aber als historisch-psychologische Wirklichkeit, die etwa irgendwo in unserm religiösen Erleben, in den Peripetien unsres Gewissens, in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und wenn es die reinsten wären, in den Gottesgedanken Goethes und Kants oder welche Türme menschlicher Gottähnlichkeit Sie immer nennen mögen, direkt erkennbar werden. Wird sie erkennbar, hier oder dort, so ist das Wunder geschehen, das wir nicht leugnen, mit dem wir aber auch nicht wie mit einer Möglichkeit oder gar wie mit einer allgemeinen Wahrheit rechnen dürfen, sondern das wir, wenn es da ist (als das Wunder Gottes da ist!), anzubeten haben. Mein Gegeneinwand gegen Ihren Vorwurf des «Abschneidens», den ich nicht als gerecht anerkenne, lautet also dahin, daß Sie durch die Kontinuität zwischen dem «Menschlichen» und dem Glauben, die Sie behaupten, den Glauben ebenso entleeren, wie durch die von Ihnen behauptete Kontinuität zwischen der Geschichte und der Offenbarung die Offenbarung entleert wird. Ich schneide nicht ab, ich bestreite aber auch jede Kontinuität zwischen hüben und drüben; ich behaupte eine dialektische Relation, die auf eine nicht zu vollziehende und darum auch nicht zu behauptende Identität hinweist. Lediglich Gleichniswert ist darum den Stufenwegsbildern zuzumessen, die die «christliche» Biographie aller Zeiten (die trotz Augustin oder vielmehr gerade im Blick auf ihn als ein ebenso verheißungsvolles wie zweideutiges Unternehmen zu bezeichnen ist) uns zu entrollen pflegt, lediglich Gleichniswert den Bemühungen und Erfolgen der «christlichen» Pädagogik, die das Heidentum wahrhaftig und |84 mit Grund noch zu keiner Zeit losgeworden ist und der man Ehre und nicht Unehre antut, wenn man sie unter die Hoffnung und unter das Gericht von Joh. 6,44 stellt, lediglich Gleichniswert aber auch allem «christlichen» Protest gegen die Welt, der als menschliches Unternehmen ja wirklich (warum verlangen Sie die Konsequenz der Tollheit von mir? 28 ich wiederhole in aller Form meine «gewundene» Antwort:) nur ein mehr oder weniger «radikaler» Protest, ein «halbschlächtiges» Protestlein, eine Demonstration, eine Geste sein, nie und nimmer aber das Vergehen dieser Welt und das Kommen des Reiches vorwegnehmen und realisieren wollen kann. Gleichnis, Gleichnis nur kann alles «Werden» sein gegenüber der Geburt vom Tode zum Leben, durch die wir allein – aber nur auf dem Wege, den Gott selbst geht und ist – von der Wahrheit des Menschen zu der Wahrheit Gottes kommen.

Sie wollen (immer im Zusammenhang der Anklage auf Marcionitismus) eine «ganze» Antwort von mir auf die Frage, «ob Gott alles das schlechthin nicht ist, was aus der Entwicklung der Kultur und ihrer Erkenntnis und Moral von ihm ausgesagt wird». Es sei denn; aber ich darf Sie dann wohl bitten, wirklich meine ganze Antwort zu hören. Also: Nein, Gott ist «alles das schlechthin nicht», so gewiß der Schöpfer nicht das Geschöpf oder gar das Geschöpf des Geschöpfes ist. Aber eben in diesem Nein, das nur im Glauben an die Offenbarung ganz scharf ausgesprochen werden kann, erkennt sich ja das Geschöpf als Werk und Eigentum des Schöpfers, eben in diesem Nein wird Gott als Gott erkannt, als der Ursprung und das Ziel auch der Gedanken, die der Mensch sich in der Finsternis seiner Kultur und Unkultur von Gott zu machen pflegt, eben dieses durch die Offenbarung endgültig gesetzte Nein ist nicht ohne «das tiefe heimliche Ja unter und über dem Nein», das wir «mit festem Glauben auf Gottes Wort fassen und halten» sollen «und Gott recht geben in seinem Urteil wider uns, so haben wir gewonnen». Also so steht es mit diesem Nein: «eitel Ja ist drinnen, aber gar68 tief und heimlich, und scheint eitel Nein.» Welcher «Kontrastlüstling» mag das gesagt haben? Kierkegaard oder Dostojewski? Nein, Luther! E.A. 11,120.69 Ist Luther etwa auch des Marcionitismus verdächtig? Nach Zwingli ja70, aber ich den|85ke, Sie werden ihn mit mir besser verstehen als so, und warum sollten Sie dann nicht nebenbei auch71 mich etwas besser verstehen? Sollte das Menschliche wirklich dadurch bedeutungslos werden, daß im Glauben an die Offenbarung seine Krisis anbricht, die alle Identifizierungen zwischen hüben und drüben – immer abgesehen von der einen, die auszusagen uns nicht geziemt (von dem 1.Kor. 15,28 vorgesehenen Ende aller Dinge) – endgültig verunmöglicht? Sollte es nicht gerade dadurch bedeutungs- und verheißungsvoll, erst wichtig und möglich werden, daß es aus dem Zwielicht vermeintlicher Erfüllung in das Licht wirklicher 29 Hoffnung gerückt wird? Sollte es uns wirklich nicht genügen, im Vergänglichen das Gleichnis des Unvergänglichen72 zu haben und anzuschauen, darin zu leben und dafür zu arbeiten, uns als Menschen zu freuen, daß wir wenigstens das Gleichnis haben, und als Menschen darunter zu leiden, daß es nur das Gleichnis ist – ohne doch das «Verschlingen des Todes in den Sieg»73 in einem unechten Ewigkeitsbewußtsein vorwegzunehmen, gerade weil das große zeitliche Significat dem größeren ewigen Est74 gilt und nichts Anderem? Habe ich wirklich «tabula rasa» gemacht?

Ja, Sie sagen es, hochgeehrter Herr Doktor, und müssen wissen, warum Sie es sagen, obwohl Sie es aus meinen Äußerungen nicht begründen können. Ich fürchte hier, gerade hier müssen Sie mich wirklich mißverstehen, auch wenn wir uns über Offenbarung und Glauben einigen könnten. Wie kommt es, daß Sie gerade hier, wo es gerade um die existentielle Frage unsrer Stellung zu Gott und Welt, um die Bewährung75 des Offenbarungsglaubens in der Hoffnung geht, die Rolle des Verteidigers der Wissenschaft ganz unzweideutig vertauschen gegen die des Verteidigers des sogenannten christlichen «Besitzes»? Was soll die Klage über die «Sublimität» meiner Metaphysik und Psychologie, als ob Ihnen nun auf einmal Gemeinver |86 ständlichkeit der Maßstab der rechten Theologie wäre? Was soll das Feststellen der Distanzen, die mich hier mehr, hier weniger vom sogenannten «evangelischen Christentum» trennen sollen, als handle es sich in unserem Gespräch auf einmal um die Christlichkeit meiner Theologie? Was soll der Vorwurf der «Anpreisung»76 eines Ihnen unsympathischen «Gemütszustandes», wo doch Ihr wissenschaftliches Bedenken dahin zielte, daß bei mir weder Offenbarung noch Glaube in der bekannten «schlichten» Weise als Gemütszustand verständlich gemacht wird, der «Gemütszustand» also offenbar von Ihnen hier in die Debatte getragen ist? Was sollen alle die starken Worte von «Illusion», «Frivolität», «Kontrastlüstlingen» usf., wo Sie doch sicher das Recht nicht bewiesen haben, aus meinen vielleicht unbefriedigenden, aber jedenfalls vorsichtigen Antworten, solche tumultuarische Folgerungen und Anklagen abzuleiten? Wie soll ich mir diesen Übergang von der Belehrung zur Bestrafung erklären, wie darauf antworten? Sie erraten gewiß, daß auch ich mir meine zornigen Gedanken mache über den Zusammenhang zwischen dem wissenschaftlichen Charakter Ihrer Theologie, der Sie zur Ablehnung dessen, was ich (und nicht nur ich) Offenbarung und Glauben nenne, nötigt, und ihrer Christlichkeit, die sich darin äußert, daß das paulinische 30 «gerettet in Hoffnung»77 als «Problematik» verdächtigt werden muß. Auch ich wäre also in der Lage, gerade an dem Punkt, wo das Mißverständnis zwischen uns hoffnungslos scheint, stärkste Bedenken anzumelden und schärfste Worte auszustoßen. Aber was würde ich damit tun, als diese Hoffnungslosigkeit auch meinerseits zu besiegeln, und das soll man nicht tun. Es wird auch sonst in jeder Beziehung besser sein, wenn ich hier Halt mache.

87Noch einmal: Ich gedenke nicht, mich in den Stellungen zu versteifen, in denen ich mich Ihnen, hochgeehrter Herr Doktor, und unsern freiwillig-unfreiwilligen Zuhörern in diesem Gespräch gezeigt habe, schon weil ich weiß, wie erschütternd relativ Alles ist, was man über den großen Gegenstand, der Sie und mich beschäftigt, sagen kann. Ich weiß, daß es nötig sein wird, noch ganz anders davon zu reden, als es meiner jetzigen Einsicht entspricht, und ich möchte auch in Zukunft aufmerksam auch auf das, was von Ihnen kommt, hören können. Aber daß Sie mich mit Ihren Fragen und Antworten aus dem Felde geschlagen hätten, wie ich es gerne erleiden will, wenn es wirklich geschieht, das kann ich für diesmal nicht zugeben.

Ehrerbietigst ergeben
Ihr
Karl Barth

Nachwort zu meinem offenen Brief
an Herrn Professor Karl Barth

Auf meinen offenen Brief hat Professor Barth sehr ausführlich geantwortet; ich danke ihm für seine inhaltsreichen Darlegungen. Zu meinem Bedauern aber vermag ich die Auseinandersetzungen jetzt und in dieser Zeitung nicht fortzuführen, da die Zahl und das Gewicht der Probleme zu groß ist, um in Kürze und an diesem Ort behandelt zu werden. Doch ein Doppeltes möchte ich nicht unausgesprochen lassen: 1. Paulus und Luther sind mir allerdings in erster Linie nicht Subjekte, sondern Objekte der wissenschaftlichen Theologie, und ebenso Herr Kollege Barth und alle diejenigen, welche wie Prediger ihr Christentum als Propheten und Zeugen zum Ausdruck bringen, mögen sie dies nun in biblischen Kommentaren oder in Dogmatiken usw. tun. Im Leben sind zwar wissenschaftliche Theologie und Zeugenschaft oft genug vermengt; aber weder die eine noch die andere kann gesund blei31ben, wenn die Forderung, sie getrennt zu halten, außer Kraft gesetzt wird. «Sachlich» sind beide – nicht nur die Zeugenschaft, wie es nach Professor Barths Ausführungen erscheinen kann –, aber die Art der Sachlichkeit ist hier und dort eine ganz verschiedene. Entzünden und erbauen kann auch eine wissenschaftlichtheologische Darlegung, dank ihrem Objekt; aber der wissenschaft|88liche Theologe, der auf Entzündung und Erbauung ausgeht, bringt fremdes Feuer auf seinen Altar78; denn wie es nur eine wissenschaftliche Methode gibt, so gibt es auch nur eine wissenschaftliche Aufgabe – die reine Erkenntnis ihres Objekts. Was der Wissenschaft außer dieser Frucht als Erfolg zuteil wird, das ist unberechenbares Geschenk. 2. Der Begriff der Offenbarung ist kein wissenschaftlicher Begriff; die Wissenschaft vermag das Gottesbewußtsein und die paradoxe Predigt der Religionsstifter und Propheten (sowie die religiösen Erlebnisse überhaupt) weder unter einem Gattungsbegriff zusammenzufassen noch als «Offenbarung» zu erklären. Vollends aussichtslos aber ist der Versuch, ein «Wort» dieser Art als etwas so rein «Objektives» zu fassen, daß das menschliche Sprechen, Hören, Aufnehmen und Verstehen sich in seiner Einwirkung ausschalten läßt. Ich habe den Eindruck, daß Professor Barth so etwas versucht und dabei eine Dialektik zu Hilfe ruft, die uns auf einen unsichtbaren Grat führt zwischen dem absoluten religiösen Skeptizismus und dem naiven Biblizismus – die quälendste Ausdeutung des christlichen Erlebnisses und des christlichen Glaubens! Aber da sie seit Jahrhunderten immer wieder unter neuen Kulissen dargestellt wird, ist sie wohl individuell berechtigt und muß daher mit Achtung hingenommen werden. Aber vermag sie eine Gemeinschaft zu bilden, und sind die Keulenschläge berechtigt, mit denen sie Alles, was sich sonst als christliche Erfahrung gibt, niederschlägt? Und wenn der, der den christlichen Glauben in dieser Weise und niemals anders empfindet, auf seiner Gletscherbrücke Fuß zu fassen vermag, ist auch nur für seine Kinder und Freunde auf ihr noch Platz? Täte nicht auch er, statt ein starres Entweder-Oder aufzurichten, besser, wenn er anerkennte, daß er sein Instrument spielt, Gott aber noch andere Instrumente hat?

In der Antwort Barths tritt an einigen Stellen eine gewisse Empfindlichkeit hervor, die sich bis zu der Äußerung steigert, meine Entgegnung laute wie eine «Bestrafung». Ich kann nicht Richter in eigener Sache sein; um so lieber erkläre ich, daß mich keine andere Absicht in meinem Briefe bewegt hat, als einem befreundeten Theologen gegenüber zur Klarheit zu kommen.

Berlin
A. v. Harnack

Sachfußnoten

1
Brief an Agnes von Zahn-Harnack vom 23.12.1935, zitiert in Busch, Lebenslauf, S. 50f. 📖 Dort auch Schilderung im Einzelnen.↩
2
Barth hatte Harnacks Rede zur «Deutsch-Amerikanischen Sympathiekundgebung» vom 11.8. und seine Antwort an englische Theologen vom 10.9.1914 durch das «1. Kriegsheft» der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft und Technik (Jg. 9, H. 1, 1.10.1914, S. 6–27) 📖 und den von ihm mitunterzeichneten Aufruf «An die Kulturwelt» vom 6.10.1914 durch ein Flugblatt kennengelernt (Karl Barth-Archiv). Vgl. W. Härle, Der Aufruf der 93 Intellektuellen vom 4. Oktober 1914 und Karl Barths Bruch mit der liberalen Theologie, in: ZThK, Jg. 72 (1975), S. 209f. 📖 (S. auch Barths Offenen Brief an Rade 1914, Nr. 3).↩
3
K. Barth, Der Römerbrief, 1. Aufl. Bern (datiert) 1919, übernommen von Chr. Kaiser, München 1920 📖; Neuausgabe, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1985 📖; 2. Aufl. in neuer Bearbeitung, München (datiert) 1922 📖. ↩
4
Harnack sprach über Was hat die Historie an fester Erkenntnis zur Deutung der Weltgeschichte zu bieten? 📖, Barth über Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke 📖 (Schilderung bei Busch, Lebenslauf, S. 127f. 📖).↩
5
Barth an Agnes von Zahn-Harnack vom 23.12.1935 nach Busch, Lebenslauf, S. 127 📖.↩
6
CW, Jg. 37, Nr. 1/2(11.1.1923), Sp. 6–8 📖. Wieder abgedruckt in: Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, Teil 1: Der Theologe und Historiker, hrsg. von K. Nowak, Berlin/New York 1996, S. 875–878. 📖 ↩
7
Barths Brief an Harnack ist von Nowak z.T. wiedergegeben in seiner Historischen Einführung, a.a.O., S. 89f. 📖, dort jedoch irrtümlich unter dem Datum des 14.2. In der Urschrift hat Barth angegeben: «Göttingen, 14. Januar 1923. Nikolausberger Weg 66«.↩
8
Bw.Th. II, S. 134f. 📖 ↩
9
In Barths Wiedergabe fälschlich: «den».↩
10
Barth hatte 1920 in einem Aufsatz Unerledigte Anfragen an die heutige Theologie positiv zu der (posthumen) Veröffentlichung von Franz Overbeck Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, Basel 1919 📖, Stellung genommen (in: K. Barth / E. Thurneysen, Zur inneren Lage des Christentums. Eine Buchanzeige und eine Predigt, München 1920, S. 3–24 📖.).↩
11
CW, Jg. 37, Nr. 5/6 (8.2.1923), Sp. 89–91 📖.- Einen Sonderdruck dieses Texts erwähnt Thurneysen in seinem Brief an Barth vom 15.5.1923, s. Bw.Th. II, S. 160 📖. – Die Antwort wurde später meistens unter dem Titel Fünfzehn Antworten an Herrn Professor von Harnack abgedruckt.↩
12
A.a.O., Nr. 9/10, Sp. 142–144 📖. ↩
13
A.a.O., Nr. 16/17, Sp. 244–252 📖.–Harnack schrieb am 5.4.1923 an den Herausgeber der CW: «Dem neuen ‹Barth› sehe ich entgegen; hoffentlich ist er verständlicher als der frühere.» ( J. Jantsch [Hrsg.], Der Briefwechsel zwischen Adolf von Harnack und Martin Rade. Theologie auf dem öffentlichen Markt, Berlin/New York 1996, S. 777 📖).↩
14
A.a.O., Nr. 20/21, Sp. 305f. 📖 ↩
15
Barth schrieb schon am 18.5.1923, als die Theologischen Blätter ihn zu einem Beitrag aufgefordert hatten, in einem Rundbrief: «Wahrscheinlich wird das jetzt noch andere Journale lustig dünken, mich zu einem solchen öffentlichen Wett-Kegeln einzuladen, nachdem das Spiel mit Harnack dem Publikum so gut gefallen hat! » (Bw.Th. II, S. 165 📖). In seinem Rundbrief vom 20.12.1923 erwähnte Barth: «Aus dem fernen Iowa in Nordamerika erhalte ich Nummern eines Organs ‹Der Wächter›, in denen die Harnack-Sache sukzessive abgedruckt wird, und sogar an den Ufern des Michigan-Sees scheint es zu tagen» (Bw.Th. II, S. 210; Brief von C. V. Croter in Fulton, Michigan, an Barth vom 25.11.1923). Vgl. Bibl. II/1, Nr. 10832, 13697, 14135, 16561, 17533 📖; ferner: D. Braun, Der Ort der Theologie. Entwurf für einen Zugang zum Verständnis des Briefwechsels zwischen Adolf von Harnack und Karl Barth, in: Parrhesia. Karl Barth zum 80. Geburtstag am 10. Mai 1966, Zürich 1966, S. 11–49 📖. – Zu Abdrucken von Teilen des Briefwechsels s. Bibl. II/1, Nr. 13240-13242.↩
16
Er dankte Harnack am 16.4.1924 für die «überaus vornehme und versöhnliche Art», mit der er im Vorjahr das Gespräch mit ihm geführt und abgeschlossen habe, und für Harnacks «anhaltende freundliche Gesinnung» ihm gegenüber. Das «gewisse Monitum» Harnacks habe ihm «ernsthaft zu denken gegeben»: «Sie können gewiß sein, daß die Einsicht in die historische und sachliche Relativität meines theologischen Versuchs mich Tag und Nacht bedrängt – wenn es noch nötig gewesen wäre, so hätte schon meine Versetzung in die verfängliche akademische Sphäre dafür gesorgt, daß die Bäume nicht einmal in meinen Träumen in den Himmel wachsen – und daß ich mir der letzten Gemeinsamkeit aller theologischen Versuche bewußt bin. Daß ein gewiß zweideutiges Pathos der Absolutheit und des Gegensatzes fast unvermeidlich sich einstellt, wo man in der Theologie ein ernsthaftes, von der vorangehenden Generation vermeintlich vernachlässigtes Anliegen vertreten zu müssen meint, dafür haben Sie sicher als historischer Kenner der Dinge – und nicht nur als das – Verständnis und halten es meinen Freunden und mir, wie Sie sich auch zu unseren Anliegen stellen mögen, zu Gute, wenn dergleichen gelegentlich bei uns sichtbar wird. Die Not, die die theologische Arbeit uns selbst bereitet, und der aufrichtige Respekt vor dem, was die Stärke der in Ihnen, verehrter Herr Professor, repräsentativ verkörperten theologischen Art ist, wird dafür sorgen, daß wir aus der Vorsicht und aus der Dankbarkeit tatsächlich nicht herauskommen werden.» (Das Original dieses Briefes, in Auszügen zitiert bei Nowak [s. Anm. 6], S. 90 📖, befindet sich im Nachlaß Harnack in der Staatsbibliothek Berlin.)↩
17
Siehe den Nachweis früherer Veröffentlichungen am Ende dieses Bandes.↩
18
In: H. Martin Rumscheidt, Revelation and Theology: An analysis of the Barth-Harnack correspondence of 1923, Montreal (Ph.D.) 1967, S. 29–53 (unter gleichem Titel auch London 1972) 📖. Vgl. Barths Brief an Rumscheidt vom 1.11.1967, abgedruckt in: Briefe 1961–1968 , S. 439–441 📖. – G. Hunsinger, The Harnack/Barth Correspondence: A Paraphrase with Comments, in: Thomist 50, S. 599–622 📖, auch in: ders., Disruptive Grace, Studies in the Theology of Karl Barth, Michigan/Cambridge 2000, S. 319–337 📖.↩
19
Anklang an Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Berlin 1799 📖.↩
20
Vgl. Fr. Schleiermacher, Über seine Glaubenslehre, an Herrn Dr. Lücke, Zweites Sendschreiben: «Soll der Knoten der Geschichte so auseinander gehen: das Christentum mit der Barbarei, und die Wissenschaft mit dem Unglauben?» (Schleiermachers Sendschreiben über seine Glaubenslehre an Lücke, neu hrsg. von H. Mulert [SGNP.Q 23], Gießen 1908, S. 37 📖).↩
21
1.Joh. 4,8.16 ↩
22
Vgl. Gal. 5,22.↩
23
Phil. 4,8.↩
24
Herostratos setzte den Artemistempel in Ephesus in Brand, um berühmt zu werden.↩
25
Vgl. unten Anm. 38.↩
26
Röm. 10,17a.↩
27
Röm. 10,17b.↩
28
Vgl. Hebr. 11,1.↩
29
Vgl. 1.Joh. 3,17; 4,20.↩
30
Vgl. 1.Sam. 2,6.↩
31
Joh. 6,44.↩
32
Anspielung auf Harnacks Rolle 1914, s. Anm. 2.↩
33
Vermutlich auch eine Abgrenzung gegenüber Schleiermacher, der «Bekehrung» als «Anfang einer höheren Lebensform» gegenüber einer «niederen Lebensstufe» beschreibt (Der christliche Glaube, 1830/312 neu hrsg. von M. Redeker, Bd. II, Berlin 1960, S. 153. 168 [§ 108] 📖).↩
34
Vgl. Mk. 9,24.↩
35
Röm. 8,24.↩
36
Barth denkt wohl v. a. an Georg Wobbermin, dessen Systematische Theologie nach religionspsychologischer Methode, 2. Bd.: Das Wesen der Religion, Leipzig 1921 📖, er gerade «mit Abscheu» gelesen hatte (Bw.Th. II, S. 129 📖). Wobbermins «Parole lautet ausschließlich: zurück zu Schleiermacher! und: von Schleiermacher aus vorwärts!» (S. VI; vgl. S. 133). Im Sinne Schleiermachers, der als das Wesen der Religion Anschauung und Gefühl bestimmt hatte, soll «das religiöse Grunderlebnis» «der letzten Tiefe des menschlichen Seelenlebens» angehören (S. 67; vgl. S. 69).↩
37
Wahrscheinlich spielt Barth auf R. Otto und seine Lehre von der «Divination» an, dem nicht rational-theoretischen «Vermögen, das Heilige in der Erscheinung echt zu erkennen» (Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, Breslau 19182, S. 154ff. 📖).↩
38
Anspielung auf den Theologen Friedrich Rittelmeyer (1872–1938), der, ursprünglich von der liberalen Theologie herkommend, 1922 sein Pfarramt niederlegte und die anthroposophisch orientierte «Christengemeinschaft» begründete. Vgl. dazu Barths Vortrag Die Kirche und die Offenbarung (1923), in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 307–309. 312. 314-316 📖. ↩
39
Rudolf Steiner (1861–1925), Begründer der Anthroposophie.↩
40
2.Kor. 5,16.↩
41
Im Abdruck von 1957: Doppelpunkt.↩
42
Anspielung auf J. W. von Goethe, Faust I, V. 357 (Nacht) 📖.↩
43
Vgl. 1.Kor. 14,26.↩
44
Im Abdruck von 1957: «… aus der Predigt durch das Wort …»↩
45
Anspielung auf die in der Dogmengeschichte in verschiedenen Formen begegnende Unterscheidung zwischen Jesus bzw. Jesus Christus und Christus bzw. «dem Christus».↩
46
Harnack hatte Marcions Leben und Lehre in seinem Buch Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig 1921 📖, geschildert. Die dadurch für Marcion geweckte Aufmerksamkeit regte dazu an, den wenig später in der Neubearbeitung erscheinenden Römerbrief 📖 Karl Barths entsprechend zu etikettieren – s. Vortr. u. kl. Arb. 1922–1925, S. 69f., Anm. 20 📖.↩
47
Im Abdruck von 1957: «nicht».↩
48
In den Büchern 1-9 seiner Confessiones 📖.↩
49
Im Abdruck von 1957: «dann aber».↩
50
Im Abdruck von 1957: «Ich glaube an eine …» Vgl. den 3. Artikel des «Apostolischen Glaubensbekenntnisses».↩
51
Anspielung auf J. W. von Goethe, Faust I, V. 1851 (Studierzimmer) 📖.↩
52
Vgl. Confessis Augustana VII (BSLK, s. 61) 📖.↩
53
Zwei Begriffe, mit denen Goethe 1822 eine Reihe von Sprüchen und Betrachtungen überschrieb und mit denen später das ganze Goethesche Spruchwerk in Prosa benannt wurde.↩
54
Barth griff diese Formulierung Luthers auch 1928 in seinem Artikel Das Wagnis des Glaubens auf (Abdruck und Nachweise in V.u.kl.A. 1925–1930, S. 299) 📖.↩
55
Anspielung auf die Hochschätzung Goethes und seines «Faust 📖» durch liberale Theologen. Vgl. z.B. auch Bw.Th. II, S. 330 📖.↩
56
Nach Joh. 1,14.↩
57
Die Erläuterung in Klammern ist im Abdruck von 1957 weggefallen.↩
58
Im Abdruck von 1957: «durch den Hinweis auf die Auferstehung».↩
59
David Friedrich Strauß (1808–1874), Begründer der radikalen Bibelkritik: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, Tübingen 1835/36 📖.↩
60
Vgl. Barths Ausführungen in seinem Vortrag Die dogmatische Prinzipienlehre bei Wilhelm Herrmann (V.u.kl.A. 1922–1925, bes. S. 597 und 601f.) 📖.↩
61
So ergänzt im Abdruck von 1957.↩
62
WA 30 I, 367f. 📖↩
63
Vgl. Röm. 10,17b.↩
64
Vgl. z.B. In epistolam Pauli ad Galatas Commentarius (1519): «iusticia est fides Jesu Christi […]» (WA 2, 503, 36 📖) ↩
65
Vgl. 2.Kor. 12,9.↩
66
S. Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken. Erster Teil, Gesammelte Werke, 16. Abt., Düsseldorf/Köln 1957, S. 269 📖; ders., Einübung ins Christentum, Gesammelte Werke, 26. Abt., Düsseldorff/Köln o.J., S. 135ff. 📖 ↩
67
Vgl. Barths Aufsatz Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre (1923) in: V.u.kl.A. 1922–1925, bes. S. 261 📖 mit dem Verweis auf WA 2,114,1 📖: «Christus ist das Brot».↩
68
So auch in Barths Exemplar der CW korrigiert aus «je».↩
69
WA 17/II, 203, 27f. (Fastenpostille 1525 zu Matth. 15,21–28 📖).↩
70
Vgl. H. Zwingli, Rechenschaft über den Glauben (1530), Schriften IV, Zürich 1995, S. 123 📖.↩
71
So in Barths Exemplar der CW korrigiert aus «doch».↩
72
Anspielung auf den «Chorus mysticus» am Schluß von Goethes Faust II (V. 12104f.) 📖. ↩
73
Nach 1.Kor. 15,55.↩
74
Begriffe aus dem Abendmahlsstreit des 16. Jahrhunderts. Significat: Brot und Wein bedeuten Leib und Blut Christi, Est: Sie sind Leib und Blut; vgl. oben Anm. 55.↩
75
Im Druck von 1957: «Bewahrung».↩
76
Nach einem handschriftlichen Vermerk in einem Belegexemplar Barths hatte der hier gemeinte Satz «im ersten Druck» so gelautet: «was Sie an die Stelle setzen, ist die Anpreisung eines Gemütszustandes» (vgl. oben S. 70). Offenbar hatte Rade am 28.2.1923 Barth einen Fahnenabzug von Harnacks offenem Brief zugesandt (vgl. Karl Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, hrsg. von Chr. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 187 📖), der in der CW am 8.3. an dieser Stelle verändert im Druck erschien. Nur an dieser Stelle? Da es sich um den einzigen Vermerk dieser Art handelt, kann man nur vermuten, daß in der Fortsetzung des Satzes, wo jetzt etwas blaß von «einigen wenigen» gesprochen wird, ursprünglich kräftiger von den «Kontrastlüstlingen» die Rede war, die Barth zweimal erwähnt.↩
77
Nach Röm. 8,24.↩
78
Lev. 10,1.↩