Heinz Giessel (1900–1972), Pfarrer im Deutschen Evangelischen Pfarramt Santa Maria da Bocca do Monte, Rio Grande do Sul, war nach neunjähriger Tätigkeit in Brasilien1 zu einem Urlaub nach Deutschland zurückgekehrt, konnte krankheitshalber nicht nach Amerika zurückkehren und übernahm zunächst kommissarisch eine Pfarrstelle in Seehausen/Altmark.2
Von dort fuhr er Ende Oktober 1933 für zwei Tage nach Berlin, um Barth zu hören. Barth sprach am 30.10.1933 in der Sing-Akademie über «Reformation als Entscheidung». Er führte aus, daß nach reformatorischer Lehre die «Entscheidung für Gott den Herrn […] unbedingten Charakter» habe und nicht damit vereinbar sei, daß sie in Beziehung zu gerade zeitgemäßen menschlichen Größen gesetzt werde, wie «heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat». Der Glaube werde ein anderer, der sich «von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen». Eine Kirche, die so «Volks- oder Staatskirche» werde, werde keine «Kirche der Reformation mehr sein können.»3 Barth spielte damit auf die Deutschen Christen an, die in den Monaten davor ihren Siegeszug durch die evangelischen Landeskirchen Deutschlands angetreten hatten. Barths Aufforderung, «gestärkt durch das, was uns die Reformation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten», wurde von den zahlreichen Zuhörern als ermutigendes Zeichen verstanden.
255Giessel war auch am nächsten Tage dabei, als Barth in einem Gespräch in einem kleinen Kreis im Hause des Pfarrers Gerhard Jacobi seine Ablehnung der Deutschen Christen unterstrich und für das «Protestieren» als angemessene Form der Mitarbeit in einer von DC beherrschten Kirche eintrat.4
Nach Hause zurückgekehrt, richtete Giessel am 1.11.1933 an Barth einen Brief, in dem er ihn eingangs seiner Zustimmung versicherte, dann aber auf die Probleme hinwies, die sich gerade ihm als Pfarrer in einer deutschen Gemeinde im Ausland stellten. Barth antwortete ihm am 19.11.1933, sandte ihm seinen in Berlin gehaltenen Vortrag und ein Foto. Giessel reagierte zustimmend mit einem zweiten Brief am 8.12., er «möchte wohl, jeder von unseren Auslandspfarrern» könnte Barths Brief lesen. Er berichtete: «Letzten Montag hörte ich im Jacobikreis, Sie seien durch schlechte Interpretation Ihrer Gedanken in Gefahr geraten. Im Ernstfalle könnte gerade Ihr Brief an mich ein glänzender Beweis zu Ihrer positiven Einstellung zu dem ‹nun einmal Deutschsein› werden, und wenn er als Zeuge aufmarschieren soll, so will ich wohl gern dafür Sorge tragen.» Daraufhin wandte sich Barth an Giessel mit der Frage, ob er Giessels ersten Brief mit seiner Antwort abdrucken könnte. Dazu gab Giessel umgehend «selbstverständlich» seine Einwilligung.5
Barth nahm Giessels Brief und seine Antwort (bis auf Namen und Orte) unter der Überschrift «Ein Briefwechsel» in das Heft 5 der Schriftenreihe «Theologische Existenz heute» auf, zusammen mit einer Predigt über Röm 15, 5-13 in der er auf die besondere Beziehung der christlichen Gemeinde zum Volk Israel hinwies.6 Er versah das Heft, wie dessen Vorgänger, mit einem Vorwort, in dem er zur kirchenpolitischen Situation Stellung nahm. Darin begründete er die Aufnahme des Briefwechsels so7:
256Auch das zweite Stück, ein vor einigen Wochen geführter Briefwechsel, gehört in die praktische Theologie der Gegenwart. Eine lehrhafte Erörterung der mir von dem Briefschreiber gestellten Frage müßte den Gegenstand natürlich ungleich reicher entfalten und bewegen, als dies in meiner Antwort geschieht. Man möge sie als Brief und nicht als Abhandlung lesen. Aber ich kann mir denken, daß es dem und jenem Leser hilfreich ist, wenigstens in dieser Form einmal zu hören, wie etwa man auf solche Fragen von dem in diesen Heften verteidigten Ort aus antworten muß.
Barths Brief blieb bis 1936 der einzige Text, in dem von Deutschland aus auf die Gefahr der Verquickung von Evangelium und Volkstum bei den deutschen Protestanten im Ausland hingewiesen wurde.8
⌜z. Zt. Seehausen/Altmark⌝, den 1. November 1933 Hochverehrter Herr Professor!
Die beiden unter Ihrem Vortrag und den Aussprachen ⌜bei Bruder Jacobi⌝ stehenden Berliner Tage, zu denen ich extra von hier herübergefahren bin, waren für mich, der ich beinahe 9 Jahre im Ausland gewesen und jetzt erst zurückgekehrt bin, ein ganz besonderes Erleben. Ganz fröhlich über die gefallene Entscheidung und die einzige Offenbarung Gottes in der heiligen Schrift bin ich heimgereist, um aber schon in der Eisenbahn von einigen Bedenken gepiesackt zu werden. Wie ist es denn bei der Nichtbezüglichkeit des Glaubens zum Volkstum mit unserer deutschen evangelischen Kirche (ohne Bindestrich) in Brasilien? Kann man dann nicht ganz einfach zu den Volksgenossen da drüben sagen: «Geht ihr nur ganz getrost zum brasilianischen Protestantismus, deutsch evangelisch oder brasilianisch evangelisch ist ganz gleich? » Hat denn nun unsere Kirche da drüben all die Jahre gesündigt, da sie sich vom Evangelium her restlos für die Erhaltung des deutschen Volkstums eingesetzt hat? Haben wir Pfarrer, die wir als einzige Kulturträger jener deutschen Auslandssiedelungen gelten, nicht ganz bös gesündigt, wenn wir uns da drüben mitten in die deutschen Vereine gestellt haben und haben denen Festhalten an deut|257scher Art und Sitte gepredigt als von Gott her gegeben? Dazu muß ich noch bekennen, daß mir hier Kirche und Verein gar nicht zu trennen zu sein schienen; denn mit bloßer Vereinsmeierei kann man da drüben kein Deutschtum erhalten, wohl aber durch die Predigt «Glaubt ihr nicht, so bleibet ihr nicht! »9 – Womöglich haben nach Ihrer Meinung drüben unsere heftigsten Gegner, die Ohyo-Synode Missouri, recht, die da meinen, wir wären ja nicht in Brasilien, um das Evangelium zu verkündigen, sondern um das Deutschtum zu erhalten?10 Wenn man nun von der Kanzel solche Bezüglichkeiten nicht bringen darf – die Kanzel aber ist drüben «Zentralorgan» für deutsches evangelisches Leben – wie dann? Wie entledigt man sich dann der Verantwortung als führender Deutscher Deutschen gegenüber? Nur von Evangelium und Kirche her wird drüben von der brasilianischen Obrigkeit unsere Arbeit für das Deutschtum gelten gelassen. Der deutschen Schule gibt man keine Lebensberechtigung, wohl aber der deutschen evangelischen, und man findet es selbstverständlich, daß um der Kirche willen die Schule sein muß, als Schule, die sich der deutschen Sprache annimmt um der deutschen Predigt willen. Sie haben zwar – das sage ich mir immer wieder zu meiner Beruhigung und Erleichterung – gesagt, es müsse all unser Wort zu Volk und Staat von Gott her, vom Evangelium her dort hinein gebracht werden; vielleicht ist auch das bisher von mir aus brasilianischen Verhältnissen Geschilderte darunter zu begreifen; aber es ist für mich nur ein «Vielleicht». Ich wäre Ihnen, der ich Ihnen in den beiden Tagen so begeistert gefolgt bin, unendlich dankbar, wenn Sie mir zu meiner Schilderung ein kurzes richtendes und dann doch tröstendes Wort sagen könnten, damit ich meine Arbeit in so gänzlicher Vereinsamung in Brasilien und nun noch mit dem |258 Kampf gegen auch dort sich mausig machende Deutsche Christen11 um so fröhlicher und fester wieder anpacken kann.
Immer wieder dankbar für die 2 Tage in Berlin grüsse ich Sie in aller Ergebenheit und Hochachtung
Bonn, den 19. November 1933 Sehr geehrter Herr Pfarrer!
Ihr freundlicher Brief vom 1. soll nicht länger ohne Antwort bleiben. Ganz ähnliche Fragen wie die Ihrigen sind mir auch schon aus Polen und aus Siebenbürgen zugekommen.12 Ich kann mich überdies besonders gut in Ihre Lage versetzen, weil ich selber ganz am Anfang meines beruflichen Weges zwei Jahre lang Hilfsprediger an der deutschen reformierten Gemeinde in Genf gewesen bin13, wo wir hinsichtlich der deutschen Sprache und der deutsch-schweizerischen Art der Gemeinde vor ganz ähnlichen Fragen und Aufgaben standen wie Sie in Brasilien.
Die Antwort, die ich Ihnen geben kann, kann natürlich in ihrem entscheidenden Gehalt nicht anders lauten als dahin: Alles, was über die Einzigkeit der Offenbarung, die Freiheit des Evangeliums und die Souveränität des Glaubens gesagt wurde, gilt selbstverständlich ohne Abzug und Einschränkung auch und gerade innerhalb der so eigentümlichen Konstruktion der Grenzlands- und Auslandsgemeinden. Was solche Gemeinden vermöge dieser ihrer eigentümlichen Konstruktion Verfängliches an sich haben mögen, das kann und soll gerade |259 von jenen Einsichten her unverfänglich werden. Ihre besondere Konstruktion gehört nun einmal zu ihrer Existenz. In dieser ihrer Existenz will und soll Christus ganz allein Gestalt gewinnen. Die Aufgabe bleibt diese eine, neben der es keine andere kirchliche Aufgabe gibt. Aber sie ist nun eben in diesem Räume gestellt. Sie müssen14 es nicht als Gesetz, sondern als Gnade verstehen, daß sie wirklich auch in diesem Räume gestellt ist. Das heiligt ihn, wie jeder andere Raum durch diese Aufgabe geheiligt werden kann.
Daß die Konstruktion Ihrer brasilianischen Gemeinden eine wirklich besondere Schwierigkeit bedeutet, ist bei alledem klar. Und es kann für Sie und für Ihre Gemeinde nur ein Gewinn sein, wenn Sie sich dessen nun so scharf bewußt geworden sind. Sie können und sollen sich über das irdische Grunddatum Ihres Gemeindelebens: daß Ihre Leute Deutsche sind und daß der berechtigte Wunsch besteht, daß ihnen ihr Deutschtum erhalten bleibt – Sie können und sollen sich darüber keinen Augenblick hinwegsetzen. Auch die Pfarrer hier in Deutschland können und dürfen es ja nicht tun. Aber es ist klar, daß die Versuchung dort draußen, wo die Kirche zugleich die wichtigste oder gar die einzige deutsche Institution ist, noch größer ist: das irdische datum mit dem himmlischen dandum zu verwechseln15 oder es ihm als einen Faktor von gleicher Würde zu koordinieren. Dann wäre man bei den zwei Göttern der Deutschen Christen, unter denen Jahve notwendig den Kürzeren ziehen wird. Aber warum soll nicht anstelle solchen Abfalls gerade einer bewußt deutschen und deutsch sein und bleiben wollenden Gemeinde nun erst recht – ohne sie als solche, aber auch ohne Christus als Christus loszulassen! – das Evangelium gepredigt werden?
Ihre besondere Schwierigkeit besteht darin, daß Sie sozus. in Personalunion Vertreter des Deutschtums und Vertreter des Evangeliums sein müssen. Ja, da hilft nichts, dem werden Sie wohl – aber eben nun mit der beiden Seiten gebührenden besonderen Aufmerksamkeit ins Auge schauen müssen. Sie können weder die Sorge auf irgendwelche andere Personen übertragen, und Sie dürfen das auch nicht einmal tun |260
wollen. Ich finde diese Situation gewiß schwieriger, aber auch echter und «interessanter» als diejenige, die die Missouri-Synode sich offenbar ein wenig eigenmächtig zu schaffen sucht, indem sie das Deutschtum einfach streicht. Sie müssen sozus. dauernd im Gespräch mit sich selber sein: jetzt der Deutsche zum Pfarrer, jetzt der Pfarrer zum Deutschen redend. Lassen Sie dieses Gespräch nur ja nicht abreißen, ja nicht in einen Monolog, sei es des Deutschen, sei es des Pfarrers sich verwandeln! Nur daß es Ihnen deutlich bleiben muß: nicht der Deutsche, sondern der Pfarrer ist es, der dieses Gespräch zu dirigieren, der in ihm sozus. die Rolle des Sokrates16 zu übernehmen und durchzuführen hat. Warum? Darum, weil der Deutsche zwar dem Pfarrer seine Hoffnungen und Nöte, sein ganzes Dransein als Deutscher vorzutragen, in aller Offenheit und Vollständigkeit vorzutragen und ans Herz zu legen hat als der unversöhnte, blinde, sündige Mensch, der er nun einmal ist, und doch aufgenommen mit seiner ganzen Existenz in die Kirche des Herrn, der auch und gerade ihn meint – der Pfarrer aber (nur der Pfarrer in Ihnen kann das, nicht der Deutsche!) hat auf Grund des ersten, zweiten und dritten Glaubensartikels die Gegenfrage und die Gegenantwort des Wortes Gottes hörbar werden zu lassen, hat den guten Deutschen wirklich besser zu verstehen, als er sich selbst versteht, hat ihn also in seiner ganzen Deutschheit aufzunehmen (was ja dann auch wohl bedeuten kann, daß Sie in Gottes Namen deutschen Sprachunterricht geben, deutsche Volkslieder mit ihren Leuten singen, deutsche Geschichte ihnen beibringen und was da sonst noch in Betracht kommen mag), aber eben explizit oder implizit in und mit dem allem aufzunehmen in die Gemeinschaft der Heiligen und also alle Äußerungen seines Deutschtums auch wieder gar nicht anders zu verstehen denn als ein umfassendes – Bekenntnis des deutschen Sünden, dem Absolution zu erteilen er eigentlich und primär deutscher Pfarrer in Brasilien ist.
Sie verstehen, daß das alles von ferne kein Rezept sein will, wie Sie das bewußte Gespräch führen sollen, sondern eben nur die Weisung: um die Führung dieses Gesprächs würde es sich in Ihrer Situation – sie ist doch grundsätzlich keine andere als die eines Pfarrers in Deutsch|261land – handeln müssen. Ich kann mir aus den Schilderungen eines deutsch-brasilianischen Schülers ⌜namens Schlieper17⌝ lebhaft vorstellen, wie hart im Raum dort draußen sich die Sachen stoßen18 mögen, wie oft insbesondere das Unheil, daß nun doch der Deutsche und nicht der Pfarrer den Sokrates spielt, dort ungewollt Ereignis werden mag. Für den Fall, daß Sie wirklich verstanden haben sollten, wie unbedingt es bei dem Primat des einen einzigen Wortes Gottes sein Bewenden haben muß – man versteht das freilich nicht ein für allemal, sondern man muß es immer neu verstehen lernen –, würde ich mir wohl getrauen, Ihnen zum Schluß zuzurufen: die wirkliche Durchsetzung des Primates des Wortes Gottes ist selbstverständlich Sache dieses Wortes selber und ganz allein, und darum dürfen Sie sich in der ganzen Sache keine Skrupel machen, sondern wenn Sie im Glauben und im Gehorsam stehen, mag jenes Unheil je und dann geschehen – wie doch in unserm Tun auch in dem besten Leben19 je und dann größtes Unheil geschieht – und es wird Ihnen und Ihrer Gemeinde endlich und zuletzt doch Alles zum Heil ausschlagen. Und also … hinein denn in Ihre nun einmal nötige Deutschtums-Arbeit, pecca, pecca fortiter!20 Ich hoffe, daß Sie diesen Brief nicht etwa einem Deutschen Christen zeigen werden, der daraus – wer weiß? – einen Honig schlürfen möchte, der für ihn nun gerade nicht gesammelt ist. Sie, nicht wahr, werden mich auch und gerade in dieser letzten Wendung richtig verstehen!
262Ich wünsche Ihnen für Ihr verantwortungsvolles Amt da drüben Gottes Segen und Leitung21 und bin mit freundlichem Gruß