31 · 1934

An Pastor Heinrich Petersen, Berlin-Lichterfelde

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An Pastor Heinrich Petersen, Berlin-Lichterfelde

1934

In der Zeitschrift «Die Evangelisch-Lutherische Freikirche» brachte der Herausgeber, Rektor Martin Willkomm1, am 13.5.1934 einen Artikel, in dem er sich kritisch mit der Lehre Barths von der Auferstehung Christi und der von ihm verfaßten Erklärung der Reformierten in Barmen befaßte.2 In der folgenden Nummer des Blattes wiederholte Willkomm, daß Barth «als Leugner der Grundwahrheiten des Christentums, z.B. der leibhaftigen Auferstehung unsers HErrn Christi von den Toten am dritten Tage, offenbar geworden» sei, und fuhr fort: «Daß wir damit leider nicht zuviel gesagt haben, beweist folgender Artikel, der uns damals schon im Manuskript vorlag, aber in der vorigen Nummer keinen Platz mehr fand.»3 Es folgte ein Artikel «Prof. K. Barth und die leibliche Auferstehung Christi» von Friedrich Hübener (1880–1953), 1926-1935 Pastor der freikirchlichen Ev.-Luth. Gemeinde in Hörpel bei Bispingen/Lüneburger Heide:

«Hierzu dürfte hinzuweisen sein auf das Buch von Barth: ‹Die Auferstehung der Toten.›4 Die geschrobene Ausdrucksweise des Prof. |264 Barth, das Bejahendverneinende, das Bekennendverleugnende erreicht hier eine besondere Höhe. Immerhin sind da auf S. 76ff. folgende Sätze zu finden, die doch einigermaßen klar sind:

‹Was diese Augen […] sehen, von dem kann man ja wirklich ebensogut sagen, daß es nie und nimmer, wie daß es immer und überall möglich war, ist und sein wird.›». Es folgte eine wörtliche Wiedergabe dieses Absatzes5 bis zu der Stelle: «Die menschlichen Augen des Petrus, der zwölfe, der 500 usw. sehen eben nichts anderes als das Grab und daß der HErr nicht mehr da ist. Das kann alles bedeuten. Es könnte kritisch betrachtet auch bedeuten: ‹Das Grab ist das Grab und wer gestorben ist, der kehrt nicht wieder›». Hübener endete wie folgt:

Ist nun Barth, dieser berühmteste Theologieprofessor in Deutschland, ein Bekenner oder Leugner der Auferstehung JEsu, ein Christ oder ein außer der Christenheit stehender Christlichtuer? Ist da überhaupt noch zu fragen?

Er kann sich ja, wenn ihm diese Zeilen zugehen, klar dahin äußern, daß er die Wiederbelebung des am Kreuze gestorbenen JEsus für eine geschichtliche Tatsache und Wirklichkeit hält und die Leugner dieser Tatsache für Unchristen hält und so behandeln will. Solange er das nicht tut in Wort und Tat und demgemäß auch dies verleugnende Buch widerruft, gilt er als Leugner und Unchrist.

Und was tat der Pfarrernotbund, der unter Barths Führung für biblische und bekenntnisgemäße Wahrheit kämpft und dafür, daß heute der Staat und seine Kirchenführer nicht mehr in der Kirche herrschen dürfen? Liegt ihm etwas an der Lehre des Christentums oder nur am Kampfe gegen die Staatskirchenherrschaft in ihrer von der früheren etwas geänderten Form? Man muß heute nicht nur nach Vordergründen, sondern auch nach Hintergründen forschen.

Gottes Wort aber sagt: «Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind!»6 und JEsus redet von Wölfen im Schafskleide.7

Da muß man um der Christenheit willen Untersuchungen anstellen, auch wenn man in Gefahr gerät, gebissen zu werden.

265Diesen Artikel sandte Heinrich Petersen (1882–1972), 1926-1936 Pastor der freikirchlichen Ev.-Luth. Gemeinde in Potsdam, an Barth mit einem Begleitbrief vom 26.5.1934:

Sehr geehrter, lieber Herr Professor, ich kann mich nicht der überzeugenden Kraft des anl. Aufsatzes entziehen; können Sie mir nicht eine klare, einfältige Antwort geben? Was die Evangelien und Paulus uns sagen, das ist mir nicht zweifelhaft; aber ist es wirklich so, wie es scheint, daß Sie die Wahrheit dieser klaren Aussagen bestreiten und die leibliche Auferstehung des Herrn leugnen? Haben die Jünger nur das leere Grab gesehen, oder ist Joh. 20,19–29 buchstäbliche Wahrheit?

Für eine freundliche Antwort – womöglich in zwei Zeilen – würde ich sehr dankbar sein. Ich möchte so gern so wie bisher so auch in Zukunft sein

Ihr Sie dankbar verehrender Petersen P.

Barth antwortete Petersen am 2.6.1934 mit einem Briefe, den dieser der Zeitschrift weitergab. Unter der Rubrik «Zum Kirchenkampf» wurde ein Artikel von Hübener «Professor Karl Barth – ein Bekenner oder Verleugner der leibhaftigen Auferstehung unsers HErrn Christi?» abgedruckt, innerhalb dessen Hübener in Kleindruck einen Teil von Barths Brief wiedergab; Anfang und Ende, den ersten und letzten Absatz hatte er gestrichen.8 Hübener schloß eine lange Polemik gegen Barth an und wiederholte im Wortlaut die kritisierte Passage aus Barths Publikation, wieder ohne auf die deutliche positive Wendung einzugehen, die Barth nach der zitierten Negation vorgenommen hatte.9 Hübener insistierte auf der Forderung, Barth müsse sich «zur leiblichen Auferstehung Christ am dritten Tage als einer geschichtlichen Tatsache» bekennen und sagen, «daß er die Leugner der wahrhaftigen |266 und wirklichen Auferstehung JEsu für Unchristen» halte. Der Artikel schloß mit einem Hinweis, daß «gerade jetzt eine Reihe von Professoren der Theologie mit Karl Barth an der Spitze eine Eingabe veröffentlicht» hätten, in dem sie gegen die neue «evangelische Kirche» und den Reichsbischof Müller sprächen und mit den Worten schlössen, «daß es Bekenntniszeit» sei.10 «Herr Prof. Barth hat das Wort zum Bekenntnis und wird ihm, wenn er ein Christ ist, sicherlich nicht ausweichen.»

Im folgenden wird Barths Brief an Petersen zum ersten Mal im Wortlaut abgedruckt.

Sehr geehrter, lieber Herr Pastor!

Denken Sie: der Aufsatz, den Sie mir freundlichst zugesandt haben, hat mir keinen andern Eindruck gemacht als den, daß sein Verfasser entweder kein sehr fähiger oder kein sehr gewissenhafter Leser meines Buches sein muß.⌝

Ich kann und will die Art, wie ich damals vor zehn Jahren 1.Kor. 15 ausgelegt habe, nicht in allen Einzelheiten verteidigen. Es besteht kein Zweifel, daß ich damals noch sehr viel stärker als heute mit gewissen philosophischen Voraussetzungen belastet war, die meine Sprache und sicher auch meine Gedanken vielfach schwer und dunkel machten. Es steht zu hoffen – und wer mich sonst kennt, dürfte das eigentlich mit mir hoffen, daß ich heute auch zu 1.Kor. 15 Manches besser sagen könnte als damals.

Aber daran kann doch auch kein Zweifel sein, daß ich schon damals nicht von ferne daran dachte, 1.Kor. 15 anders als in dem Sinn des Apostels selbst, d.h. aber im Sinn der leiblichen Auferstehung Christi sowohl wie der Toten überhaupt auszulegen. Ich habe das in einer Form getan, die dem Verfasser jenes Aufsatzes fremd sein mag, aber er durfte mir doch nicht vorwerfen, daß ich etwas Anderes getan habe! Er konnte mich korrigieren oder auf gefährliche Konsequenzen aufmerksam machen, aber er durfte mich nicht als «außer der Christen|267heit stehenden Christlichtuer» und wie die Worte alle heißen, öffentlich beschimpfen. Damit hat er gezeigt, daß er entweder kein kluger oder kein ehrlicher Mann ist.

Darum kann er nun auch von mir sicher keine Antwort bekommen. Meine Bücher und Schriften liegen vor aller Augen. Ich bin der Letzte, der sie nicht für fehlerhaft halten würde. Aber der Mann, der diesen Aufsatz geschrieben hat, hat sie nicht verstanden. Sonst hätte er das nicht sagen können, was er gesagt hat.

⌜Es hat für mich etwa seit dem Jahre 1919 fest gestanden, daß die Auferstehung Christi nur als leibliche Auferstehung richtig verstanden wird.11 Ich denke aber nicht der Einzige zu sein, der von diesem Geheimnis noch nicht – noch lange nicht richtig genug zu denken und zu reden weiß.

Mit freundlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Willkomm (1876–1946) hatte seit 1898 Pfarrstellen innerhalb der Ev.-Luth. Freikirche in Deutschland bekleidet und war seit 1924 Rektor der freikirchlichen Theologischen Hochschule in Berlin-Zehlendorf (Klein-Machnow); er erhielt im Sommer 1934 durch das Concordia-Seminar in St. Louis den Titel eines theologischen Ehrendoktors (G. Herrmann, Lutherische Freikirche in Sachsen. Geschichte und Gegenwart einer lutherischen Bekenntniskirche, Berlin 1986, S. 588 📖).↩
2
Willkomm warf den «lutherischen» Führern, auch den «Bekenntnissynoden» vor, sie duldeten in ihren Reihen «Irrlehren und Irrlehrer, wie z.B. den reformierten Professor Barth, der in seinen früher veröffentlichten und bis auf den heutigen Tag von ihm nicht zurückgenommenen oder zurechtgestellten Büchern als ein Leugner der Grundwahrheiten des Christentums, z.B. der leibhaftigen Auferstehung unseres HErrn Christi von den Toten am dritten Tage, offenbar geworden ist», in: Der Kampf um die Reichskirche, in: Die Ev.-Luth. Freikirche, Zeitschrift zur Belehrung und Erbauung für evangelisch-lutherische Christen, Zwickau, Jg. 59 (1934), Nr. 10, S. 76 📖.↩
3
Die Ev.-Luth. Freikirche, Jg. 59 (1934), Nr. 11 v. 27.5., S. 83 📖.↩
4
K. Barth, Die Auferstehung der Toten. Eine akademische Vorlesung über 1. Kor. 15, München 19241, 19252, 19353, Zollikon-Zürich 1953 📖4. ↩
5
K. Barth, a.a.O., S. 78f. der 4. Auflage 📖. ↩
6
1.Joh. 4,1. ↩
7
Mt 7,15. ↩
8
Die Ev.-Luth. Freikirche, Jg. 59 (1934), Nr. 14 v. 8.7., S. 107 📖.↩
9
Barth: «Nicht von Kephas, den Zwölfen, den Fünfhundert und ihrem Sehen redet er [Paulus], sondern von Christus, der ihnen erschien, und das muß uns als zweierlei verständlich sein, wenn wir für die Kategorie der Offenbarung auch nur ein kleinstes Sensorium haben. […] Als ob nicht auch diese ‹positive› Art, die Auferstehung Gottes zu behaupten, die heimliche Leugnung dessen wäre, was man doch gerade behaupten möchte, der Auferstehung als der Tat Gottes, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, die in keines Menschen Herz gekommen ist […] Er erschien, er erzeigte, er erwies, er bezeugte sich. Aber auf alle Fälle Er.» (K. Barth, a.a.O., S. 79f. 📖)↩
10
Gemeint ist die Eingabe «Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Kirchen» vom 23.5.1934, in: K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse des Jahres 1934, Göttingen 1935, S. 81–83 📖; auch in: Junge Kirche, Jg. 2 (1934), S. 470–473 📖. Siehe unten S. 363–368.↩
11
Barth hatte in seiner Osterpredigt vom 20.4.1919 in Safenwil über Lk. 24,2f. gesagt: «Die Bibel behauptet durchaus nicht, daß Gott und die göttlichen Taten ohnehin bekannte oder ohne weiteres verständliche Dinge seien. Sie sagt nirgends, daß der Glaube jedermanns Ding sei. […] Es hat wohl jeder Mensch Zeiten, wo er sich stößt an den Wundergeschichten der Bibel und besonders an der Ostergeschichte von der Auferstehung Jesu von den Toten. Es muß auch immer etwas in uns übrig bleiben, was sich daran stößt. […] Der Unglaube solcher eifriger Meinungen verdient gewöhnlich mehr Vertrauen, ist hoffnungsvoller und fruchtbarer als der Glaube der ewigen Jasager, weil jene gewöhnlich besser einsehen, um was es sich eigentlich handelt, als diese. Ich muß das laut aussprechen, gerade weil ich für meine Person doch Ja sage. Ich möchte damit nicht den geringsten Druck ausüben auf andere […]. Nur das möchte ich sagen, daß es jedenfalls doch möglich ist, diese Ostergeschichte von der Auferstehung Jesu und vom leeren Grab ruhig und wörtlich so anzunehmen, wie sie dasteht. Als letzter Ausblick ist auch das möglich. Mir scheint das von Jahr zu Jahr einfacher, als wenn man sie nur deutet, als wenn man an den Ostern über den Frühling oder über die Revolution predigt, die uns ja allerdings auch etwas zu sagen haben von den Taten Gottes, aber doch nur dann, wenn wir irgend vorher einen starken deutlichen Begriff davon haben, wer und was Gott ist.» (K. Barth, Auferstehung, in: Das neue Werk, Jg. 2 [1920], 11.4.1920, S. 2–5 📖)↩