32–35 · 1934

An Prof. D. Gerhard Kittel, Tübingen (vier Briefe)

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An Prof. D. Gerhard Kittel, Tübingen

1934 (vier Briefe)

Mit dem Neutestamentler Gerhard Kittel (1888–1948) hatte Barth vor 1934 keine Berührung gehabt. Kittel war schon als Student der Theologie und der orientalischen Sprachen 1907 in den antisemitischen Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten und während seiner Zeit als Marinepfarrer in Wilhelmshaven (1914–1918) 1917 in die Deutsche Vaterlandspartei eingetreten, die einen Verständigungsfrieden ablehnte.1 Er hatte die Revolution von 1918 beklagt und die Hoffnung ausgesprochen, daß «ein Werden Gottes […] in unserem Volk anhebt».2 Seit 1921 Prof. für Neues Testament an der Universität Greifswald, seit 1926 an der Universität Tübingen, hatte er religionsvergleichende Forschungen über das antike Judentum und das palästinensische Urchristentum angestellt und war seit 1932 Herausgeber des «Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament 📖». In seinen Forschungen kam er zu dem Schluß, daß es «unter den ethischen Forderungen Jesu auch nicht eine einzige gibt, von der man apriorisch behaupten dürfe, sie sei als Einzelforderung […] etwas schlechthin Singuläres […] Beide, Jesus sowohl als das Judentum seiner Zeit, haben ihre Wurzeln in der alttestamentlichen Frömmigkeit.»3 Die Besonderheit Jesu bestehe in seinem Anspruch, in seiner Person Erfüllung zu bringen.4 Kittel verteidigte das Alte Testament und das Judentum |269 als Religion, setzte aber davon das Judentum als Rasse ab und sah in assimilierten, religionslosen Juden Menschen, «denen nur noch die äußere Larve eines uns fremden Menschentums geblieben ist.»5

1933 begrüßte Kittel den nationalsozialistischen Staat, lehnte zwar den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April ab, bejahte aber die Einführung des Arierparagraphen ins Beamtenrecht am 7.4. und trat im Mai der NSDAP und der Glaubensbewegung Deutsche Christen bei.6 Am 1.6. hielt er einen Vortrag über «Die Judenfrage», der in überarbeiteter Form sogleich als Broschüre erschien und bis 1934 drei Auflagen erreichte.7 Darin stellte er als «Grundproblem der heutigen Judenfrage» hin, daß «der sich assimilierende Jude seinem eigenen Volkstum entwurzelt» werde; das Assimilationsjudentum sei «in besonderer Weise ein Mutterboden» für die «Zersetzungserscheinungen in unserem deutschen Volkskörper.»8 Der Staat müsse die Assimilation stoppen, Mischehen verbieten, die Juden unter Fremdenrecht stellen, Presse, Literatur, Universität von ihnen säubern und ihren Anteil an freien Berufen reduzieren.9 Den frommen Juden gegenüber forderte Kittel Ehrfurcht und erhoffte für das Judentum den Mut, «wieder Jude zu sein, […] umzukehren zu den Quellen der jüdischen Religion», wieder zu sich selbst und damit zu Gott zu kommen, der Assimilation wie dem Zionismus abzusagen, ein «gehorsames Ja» zum «Leid der Zerstreuung» zu sagen und allein auf Gottes Verheißung zu vertrauen.10 Juden, die zum Christentum überträten, würden damit Glieder |270 der Kirche, würden aber nicht Deutsche, könnten wohl Judenmissionare, aber im allgemeinen nicht Pfarrer einer christlichen Gemeinde werden; «das Ziel und Ideal wäre eine judenchristliche Kirche.»11 Kittel meinte mit seinen Vorschlägen als Christ wie als Deutscher die «einzige Lösung» der Judenfrage gefunden zu haben, die «in ihrem tiefsten Kern auf einen religiösen Tatbestand» treffe und zugleich «ihre volle Bestätigung an den geschichtlichen Gegebenheiten, welche die heutige Judenfrage ausmachen», finde.12 Am 13.9.1933 schlug Kittel für die Kampfgruppe Deutsche Christen im württembergischen Landeskirchentag vor, den Arierparagraphen in die Kirche zu übernehmen (mit der Einschränkung, daß er nicht rückwirkend eingesetzt würde) und fand damit Zustimmung.13 Im Zuge der Auseinandersetzungen innerhalb der Deutschen Christen trat er am 25.11.1933 aus der «Glaubensbewegung» aus.14

Barth traf Kittel zuerst in brisanter Situation am 23. Januar 1934 in Berlin, wo evangelische Christen, die die Abberufung des DC-Reichsbischofs Müller forderten, bis in die Nacht hinein miteinander darum rangen, wie sie sich in der bevorstehenden Audienz bei Reichskanzler Adolf Hitler verhalten sollten. Vehement bekämpfte Barth den Vorschlag von Kittels Tübinger Kollegen Fezer, ein Memorandum an Hitler mit einem Wort des Dankes an Gott für alles, was er 1933 «dem deutschen Volke durch Adolf Hitler getan» habe, beginnen zu lassen.15 Kurz darauf veröffentlichte Barth den Satz, den er Fezer (und Kittel) entgegengehalten hatte: «Wir haben einen anderen Glauben, wir haben einen anderen Geist, wir haben einen anderen Gott», und fügte hinzu: «Die deutsch-christliche Sache ist falsch und faul bis auf den Grund. Es gibt ihr gegenüber nur ein Entweder – Oder».16

271An diese Vorgänge knüpfte Kittel an, als er am 9.6.1934 von Tübingen aus an Barth schrieb und eine «Offene Frage» an die Männer des Bruderrates der «Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche» beifügte, die er am gleichen Tage verfaßt hatte und die sich auf die gerade beschlossene Barmer Theologische Erklärung bezog.17 Barth antwortete am 12.6., Kittel schrieb ihm am 15.6. einen zweiten, längeren Brief, den Barth am 19.6. ebenso ausführlich beantwortete. In einem dritten, langen Brief vom 28.6.1934 entfaltete Kittel seine theologische Position und machte seine nationalsozialistische Überzeugung deutlich. Als sein Brief bei Barth angekommen war, erschütterten die Ereignisse des sog. Röhm-Putsches die Öffentlichkeit: Auf Anweisung Hitlers wurden Angehörige der SA, zwei Generäle, Konservative und Menschen der kirchlichen Opposition ermordet. Barth erfuhr davon am Sonntag, dem 1. Juli 1934, nach dem Gottesdienst.18 Am nächsten Tage wurde in den Zeitungen von den Erschießungen berichtet.19 Ohne ausdrückliche Anspielung auf diese Ereignisse reagierte Barth einen Tag danach, am 3.7., auf Kittels Brief mit einem kurzen, inhaltlich abschließenden Briefe.

Am Tage darauf schlug Kittel in einem vierten Brief eine Veröffentlichung des Briefwechsels vor, womit sich Barth am 7.7. einverstanden |272 erklärte, wenn er auch, wie er am 10.7. an Bultmann schrieb, von sich aus «keine Begierde danach gehabt» hätte; «aber offenbar findet Kittel das, was er an mich geschrieben hat, so wichtig und so richtig, daß er es nun auch urbi et orbi mitteilen möchte auf der dunklen Folie meiner Antworten. Mag es denn also geschehen.»20 Am 9.7. schrieb Kittel an Barth, er habe nach Beratung mit «einem jungen Freunde», der «kirchenpolitisch viel mehr» auf Barths Seite stehe, in vier Briefen des Briefwechsels bestimmte Absätze gestrichen21; sie würden jedoch wieder eingesetzt, wenn Barth es wünsche. Da Barth telegraphierte, er sei mit einer Streichung nicht einverstanden, teilte ihm Kittel am 16.7. mit, die Briefe erschienen nun doch in der ungekürzten Form.22 So wurden die Briefe 1934 im Kohlhammer Verlag in Stuttgart in einer Broschüre: Karl Barth und Gerhard Kittel, Ein theologischer Briefwechsel 📖, publiziert.23 Auf dieser Veröffentlichung beruht die folgende Wiedergabe.24 Dabei sind die Beilagen Kittels zu seinem ersten Brief |273 und seine Anmerkungen als solche kenntlich gemacht. Wie in der Broschüre, werden Barths Briefe vom 3. und 7.7. vollständig wiedergegeben, Kittels Brief vom 4.7. zum Teil, nicht dagegen dessen letzte beide Briefe vom 9. und 16.7.1934, in denen er die von ihm vorgeschlagenen Kürzungen begründet.

Erster Offener Brief Gerhard Kittels

Sehr geehrter Herr Kollege!

In Gedanken an den Händedruck, den wir in Berlin tauschten, mag ich diese «Offene Frage»a) nicht als bloße Drucksache an Sie senden. Ich habe, auch nachdem Sie Ihr Anathema haben drucken lassenb), geschwiegen, weil ich den von mir anerkannten Teil Ihres Kampfes nicht öffentlich hemmen wollte. – Jetzt zu schweigen, hieße für mich sündigen; – gerade so wie einige von uns württembergischen nationalsozialistischen Theologen neulich nach der entgegengesetzten Seite öffentlich geredet haben, «weil wir durch Schweigen uns versündigen würden»c).

Mit kollegialem Gruß
Kittel

a) Offene Frage an die Männer des Bruderrates der «Bekenntnissynode
der Deutschen Evangelischen Kirche».

Sie bitten die evangelischen Gemeinden und Christen in Deutschland im Blick auf Ihre Kundgebung vom 31. Mai 1934: «Prüfet die Geister, ob sie von Gott sind! Prüfet auch die Worte der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, ob sie mit der Heiligen Schrift und den Bekenntnisschriften der Väter übereinstimmen.» Im Sinn dieser Ihrer Aufforderung richte ich als evangelischer Christ und als berufener theologischer Lehrer an Sie die Frage:

274Sind sie bereit, mit mir und Tausenden von Männern, welche um eine auf die Heilige Schrift und auf das Zeugnis der Reformation sich gründende Deutsche Evangelische Kirche betend ringen, zu bekennen:

1.Kor. 9,20–23: «Den Juden bin ich geworden wie ein Jude, auf daß ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich geworden wie unter dem Gesetz, auf daß ich die, so unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie ohne Gesetz geworden (so ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi), auf daß ich die, so ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich geworden wie ein Schwacher, auf daß ich die Schwachen gewinne. Ich bin jedermann allerlei geworden, auf daß ich allenthalben ja etliche selig mache. Solches aber tue ich um des Evangeliums willen, auf daß ich sein teilhaftig werde.»

Die Schrift Alten und Neuen Testaments lehrt uns und Martin Luther ist nicht müde geworden, es zu bezeugen, daß die Botschaft 4 der Kirche niemals einen anderen Inhalt haben kann als das «ewige Evangelium» (Off. 14,6) von Jesus als dem Christus Gottes; daß aber diese Botschaft jeden Tag neu auszurichten ist auf die konkrete Lage hin, in welche von dem lebendigen Gott und Vater Jesu Christi, dem wirkenden Herrn der Geschichte, Prediger und Hörer jeden Tag neu geführt werden.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als ob es zu irgendeiner Zeit oder an irgendeinem Ort eine Verkündigung des Evangeliums ohne Bezogenheit auf den geschichtlichen Augenblick gäbe, welche erfolgen könnte, «als wäre nichts geschehen»25; eine Verkündigung, die nicht in Angriffsrichtung und in ihrem ganzen Geformtsein |275 durchgängig mitbestimmt wäre durch die von Gott ihr geordnete Stunde von Welt und Volk und Mensch.

Zu Ihrer Kundgebung sind mancherlei sonstige Fragen zu stellen. Aber vor jedem weiteren Gespräch über die Rechtmäßigkeit Ihres Anspruchs muß Ihre theologische Grundlage in der Anerkennung auch dieser Wahrheit und in der Verwerfung auch dieses Irrtums gegen Mißdeutung klargestellt sein. Denn die Verwirrung der Geister, die Verwüstung der Kirche, die Zerstörung der Gemeinden, die Aufhebung des schrift- und bekenntnismäßigen Standes der Kirche durch diesen Irrtum ist nicht geringer, als sie durch die von Ihnen gebrandmarkten Irrtümer geschieht. Erst wenn Sie den Mut und die klare Entschlossenheit haben, auch nach dieser Seite hin das lautere biblische Evangelium gegen die eindringenden Irrtümer der Zeit zu verteidigen, bin ich in der Lage, die von Ihnen in Anspruch genommene Vollmacht anzuerkennen: «rechtmäßig zu sprechen und zu handeln» als die, «welche an der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der Kirche als ihrer unantastbaren Grundlage festhalten und beidem die maßgebende Geltung in der Deutschen Evangelischen Kirche wieder verschaffen wollen».

Tübingen, 9. Juni 1934
D. Gerhard Kittel Professor der Theologie

b) Hier und in den folgenden Briefen ist Bezug genommen auf eine theologische Diskussion, welche am 23. Januar 1934 in Berlin in einem größeren Kreise stattgefunden hatte und über deren Ergebnis in «Theologische Existenz heute», Heft 7, S. 4 📖 berichtet ist.26 An diese Diskussion schloß sich eine persönliche Aussprache zwischen Barth und Kittel unter vier Augen an.27

276c) Gemeint sind die zwölf Sätze, welche am 11. Mai 1934 von einer Gruppe württembergischer nationalsozialistischer Theologen und Synodalen der kirchlichen Öffentlichkeit übergeben wurden und denen sich über 600 württembergische Pfarrer und 14 Tübinger Theologie-Dozenten angeschlossen haben. Die Sätze lauten:

1. Wir glauben an die Offenbarung Gottes, wie sie uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes bezeugt und in der Kirche der deutschen Reformation verkündigt ist, und nehmen die Verpflichtung ernst, diese Botschaft unverkürzt und unverfälscht und zugleich gegenwartsnah, d.h. als Wort Gottes an jeden von uns und an unser ganzes Volk, zu hören und weiterzutragen.

2. Wir sind durchdrungen von der Erkenntnis, daß alle Verkündigung dieser Botschaft, die nicht zugleich gehorsamer Dienst am 5 Bruder und am Volk ist, zur Heuchelei wird und dem Gericht Gottes nicht entgeht.

3. Wir sind voll Dank gegen Gott, daß er als der Herr der Geschichte unserem Volk in Adolf Hitler den Führer und Retter aus schwerer Not geschenkt hat. Wir wissen uns mit Leib und Leben dem deutschen Staat und diesem seinem Führer verbunden und verpflichtet. Diese Verbundenheit und Verpflichtung hat für uns als evangelische Christen ihre tiefste und heiligste Verantwortung darin, daß sie Gehorsam gegen das Gebot Gottes ist.

4. Die nationalsozialistische Bewegung hat der Kirche ihre alte Aufgabe, deren Inhalt durch das «ewige Evangelium» ein für allemal gegeben ist, in neuer Weise und mit der Forderung neuer Wege gestellt. Wir sind entschlossen, als evangelische Christen und als evangelische Kirche mit allen unsern Kräften kämpfend und arbeitend diesem Ruf als einem Ruf Gottes zu folgen.

2775. Unser Dienst gehört der Deutschen Evangelischen Kirche und ihrer Einheit, deren Ausbau zu einer kraftvollen und geschlossenen Reichskirche wir nach allen Kräften zu fördern gewillt sind. Aber auch eine bischöfliche Kirche bleibt nur dann evangelische Kirche, wenn das neutestamentliche Recht der Gemeinde voll und unverkürzt gewahrt ist. Ebenso unerläßlich ist, daß der Reichsbischof in steter, gegenseitiger vertrauensvoller und brüderlicher Zusammenarbeit mit den Bischöfen der Landeskirchen steht.

6. Im Bewußtsein unserer Verantwortung für den Bau der Reichskirche und weil wir durch Schweigen uns versündigen würden, müssen wir feststellen: eine Kirche kann nicht ohne Vertrauen und nicht ohne Disziplin bestehen. Keines von beiden kann erwachsen, wenn kirchenpolitische Verhandlungen und Maßnahmen in Reichskirche und Landeskirche andere Grundlagen haben als den klaren Gehorsam gegen das neutestamentliche Wort, in unbedingter Wahrhaftigkeit und echter Liebe. Mit gutmütiger Schwäche hat das nichts zu tun: der Reichskanzler hat selbst gemahnt, es möge eine Einigung in «brüderlich-christlichem Geiste» gesucht werden.28 Ohne solchen Geist wird höchstens eine tote Kirchenorganisation hergestellt, niemals aber eine das Volksleben von innen her erneuernde evangelische Kirche gebaut werden. Von dem Grundsatz des Verzichtes auf jede Anwendung politischer Gewalt in kirchlichen Dingen, an welchem Luther mit unbeirrbarer Zähigkeit festgehalten hat, darf nirgends abgewichen werden, wenn die Kirche der deutschen Reformation neu gebaut werden soll.

7. Wir sehen in dem württembergischen Landesbischof D. Wurm den rechtmäßigen Bischof und Diener unserer Landeskirche und Bruder eines jeden unter uns. Wir bezeugen, daß sein echt evangelisches Wirken als Landesbischof von der überwältigenden Mehrheit der kirchlichen und staatstreuen Bevölkerung Württembergs mit großem Vertrauen getragen wird. Wir bezeugen ihm weiter, daß er schon vor dem Umschwung eine positive Haltung Adolf Hitler gegenüber ein|278genommen und daß er in dieser Haltung zum dritten Reich bis auf den heutigen Tag niemals ein Schwanken gezeigt hat.29

8. Landesbischof D. Wurm ist bereit, auf dem Wege freundschaftlicher Vereinbarung die Führung der Kirche noch mehr als bisher 6 durch Hinzuziehung geeigneter Männer, die der NSDAP angehören, zu stärken.

9. In der Arbeit am evangelischen Gemeindedienst, die wir sofort mit ganzer Kraft, überall und ohne Bedingungen aufzunehmen gewillt sind, werden wir uns als in gemeinsamer Arbeit für Volk und Kirche zusammenfinden.

10. Der Kirchenstreit kann und wird allein beendet werden, wenn alle, vom Ersten bis zum Letzten, vor Gott sich beugen und, nicht als Sieger und Besiegte, sondern weil sie Vergebung empfangen haben, einander vergeben und sich zum Werk des gemeinsamen Aufbaus die Hand reichen.

11. Unverrückbar deutlich muß bleiben, daß die Kraft aller dieser Aufbauarbeit nicht in kirchenpolitischen Koalitionen liegt, sondern allein in dem, was das Neue Testament die Gemeinschaft des Geistes nennt.

12. Dem großen Gott und unserem Herrn Jesus Christus befehlen wir uns und unsere Gemeinschaft heute und alle Tage. Er gebe uns den |279 Frieden, auf den wir warten, um den wir beten, den Volk und Kirche von uns fordern!

Stuttgart, 11.5.1934 7

Erster Offener Brief Barths

Sehr geehrter Herr Kollege!

Haben Sie Dank für Ihre Zeilen und für die Übersendung Ihres Ergänzungsvorschlags zu der Barmer Erklärung.

Der Bruderrat wird Ihnen vor allem sagen müssen, daß diese Erklärung nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, die seinige, sondern auf Grund einstimmig gefaßten Beschlusses die der Bekenntnissynode als solcher ist.30

Von mir werden Sie ja nichts anderes erwarten, als daß ich Ihre Ergänzung vorbehaltlos ablehnen muß, weil sie dem in Barmen Gesagten, für dessen Sinn ich wohl einigermaßen einstehen kann, nichts anderes als eben den Grundirrtum der D.C. hinzufügen und so das Ganze in sein Gegenteil verkehren würde. Wir haben das gute Gewissen31, daß unsere Lehre und Predigt der «Bezogenheit auf den geschichtlichen Augenblick» darum nicht entbehren muß, weil wir uns dagegen wehren, daß aus diesem «geschichtlichen Augenblick» eine zweite Offenbarungsquelle und ein zweiter Offenbarungsgegenstand gemacht und als eigenmächtig geformtes und gegossenes Gottesbild32 in der Kirche aufgerichtet worden ist. Um dieses Gottesbild der Willkür geht es leider handgreiflich auch in Ihrem Ergänzungsvorschlag. Zu diesem Gottesbild sagen wir Nein und sind unserer Sache gewiß, daß es so sein und daß es dabei bleiben muß. – Der Bruderrat wird Ihnen sachlich keine andere Antwort geben können.

280Sie erinnern in Ihrem Brief an die Tübinger Vermittlungsaktion. Ich kenne den Text, halte Ihr «Sowohl-Als-auch» bzw. Ihr «Weder-Noch» für unmöglich und unkräftig, bin aber froh, daß Ihnen und Ihren Freunden dieser Gedanke erst jetzt und nicht etwa schon vor einem Jahr gekommen ist, wo er gewiß viele für sich gewonnen und so die Entwicklung aufgehalten hätte. Soweit ich sehe, ist es heute zu solcher Vermittlung zu spät. Es wird nun – und das muß ich für gut halten, so hart es ist – auf Biegen oder Brechen gehen.

Was mich in Ihrem Schriftsatz erschreckt hat, war aber weder das Grundsätzliche noch das Praktische, in dem wir nicht einig sind, sondern die Tatsache, daß auch Sie als berufener Neutestamentler es offenbar verantworten können, die Stelle 1.Kor. 9,20–23 in diesem Zusammenhang, das heißt zur Begründung des bekannten D.C.-Dogmas vom «wirkenden Herrn der Ge-8schichte»33 etc. anzuführen. Was hat der Schritt des Paulus von denen unter dem Gesetz zu denen ohne das Gesetz – sein quo iure war für ihn doch das Kreuz Christi! – zu tun mit dem Schritt in den neuen geschichtlichen Augenblick, in dem das Hakenkreuz über Deutschland kam (oder wie Sie ihn immer charakterisieren mögen)?? Sehr geehrter Herr Kollege, daß Sie in der Lage sind, Paulus so zu exegesieren, glauben Sie mir, das trennt uns gründlicher als alles andere.

Es ist für beide Teile sehr schmerzlich, wenn man sich so gegenüberstehen muß, wie jetzt Sie und ich, besonders wenn man, wie ich, außerstande ist, zur Herstellung des Friedens etwa das eine oder andere Angebot einer Konzession machen zu können. Ich wollte Ihnen wohl zurufen können: Verlassen Sie den verkehrten Zug, den Sie bestiegen haben! Kehren Sie von der gnostischen Sekte, der Sie jetzt angehören34, zur Kirche zurück! Wirklich, das ist das Einzige, was ich |281 Ihnen im Guten sagen kann. Ich wollte wohl, daß ich es Ihnen so warm und freundlich sagen könnte, daß Sie es hören müßten.

In Hochschätzung ergeben
Ihr
Karl Barth

Zweiter Offener Brief Gerhard Kittels

Sehr geehrter Herr Kollege!

Die Männer des Bruderrates habe ich lediglich deshalb angeredet, weil sie die Barmer Erklärung offiziell mit ihrem Namen gezeichnet der Öffentlichkeit übergeben haben.35 Selbstverständlich richtet sich, da der Bruderrat im Namen der Bekenntnissynode gesprochen hat, meine Frage an deren Glieder; ebenso wie sie wiederum an jeden geht, in dessen Namen die 138 Synodalen sprechen.

Bei den württembergischen 12 Sätzen meinen Sie, daß mir und meinen Freunden «dieser Gedanke erst jetzt und nicht etwa schon vor einem Jahr gekommen» sei. Ich muß Ihnen einen solchen Satz ernstlich verwehren. Wie wollen Sie wissen und urteilen, was ich und andere in meinem Kreis in diesen hinter uns liegenden 13 Monaten gedacht und was wir getan haben?

Aber das sind Nebendinge gegenüber dem, was als entscheidende Frage zwischen uns steht. Ich sage heute wiederum, wie ich es Ihnen am 23. Januar in Berlin sagte: Es ist gut, daß Gott uns zwingt, so scharf und klar diese Frage zu sehen! Ich bin es gewesen, der an jenem Tag den Brüdern vom Notbund und den Bischöfen zugerufen hatte: was |282 denn alles kirchenpolitische Herumreden und Tun für einen Zweck habe, wenn wir nicht vorher den Mut hätten festzustellen, ob wir noch die Gemeinschaft des Glaubens als die gemeinsame Grundlage haben oder nicht.36 Auch ich bin der Meinung, daß wir uns gegenseitig an dem entscheidenden Punkt nichts schenken und keine Konzessionen machen sollen und dürfen: Sie mir nicht und ich Ihnen nicht; denn es handelt sich nicht darum, ob wir einander weh tun, sondern daß wir Gott gehorchen und einander und unsrer Kirche helfen, den Weg nicht verfehlen. Und deshalb darf ich nicht schweigen, wenn ich sehe, daß Sie selbst und vielleicht die gesamte Bekenntnissynode die Frage verzerren, die vom Neuen Testament her gestellt ist und gestellt werden muß.

Das Neue Testament weiß von der einen «Epiphanie»37 (ich gebrauche diesen Terminus, auf welchen das Berliner Gespräch hinkam; ich gebrauche ihn, weil er neutestamentlich eindeu-10tiger als der der «Apokalypsis»38 dasjenige aussagt, was Sie mit dem dogmatischen Terminus «Offenbarung» ausdrücken). Wer an einer andern Stelle als bei Christus von der «Epiphanie» oder von dem «Epiphanes» redet, der ist für das Neue Testament im Kaiserkult und im Götzendienst. Die Bibel weiß aber ebenso von den «Erga Theou»39, d.h. von dem Handeln des lebendigen Gottes – «des wirkenden Herrn der Geschichte» –, und sie erlaubt dem Gläubigen nicht nur, sondern sie fordert von ihm, daß er nach ihnen frage und von ihnen rede. Es ist – menschlich gesprochen – nichts so klein (und sei es die Wunde am kleinen Finger meines Kinder, oder sei es das Müde- und Hungrigsein der Jünger, Mark. 6,31) und es ist – wieder menschlich gesprochen – nichts so groß (und sei es Leben und Sterben einer Nation), daß ich nicht in jedem solchen Stück Geschichte, in jedem Stück Einzelleben |283 und in jedem Stück Völkerleben, «Gottes Finger», «Gottes Hand», das heißt aber: Handeln Gottes wissen dürfte. Ich darf es freilich nur aus einem einzigen Recht: von Christus her, von dem Epiphanes. Deshalb hat die Kategorie eines «Sowohl-Als-auch» mit diesem biblischen Verhältnis von Epiphanie und Ergon Theou nichts, aber auch gar nichts zu tun. Stehe ich bei Christus, so kenne ich nichts mehr, nichts auf der ganzen Welt – keinen Sperling auf dem Dach und keine Lilie auf dem Felde40, keine israelitisch-jüdische Heilsgeschichte «unter dem Gesetz» und keine griechische Kulturgeschichte «ohne Gesetz», keine palästinischen Zeloten und keinen römischen Imperator, keinen Mussolini und keinen Hitler –, in dem nicht der «Allmächtige, Schöpfer Himmels und der Erden»41, der als der Vater Jesu Christi sich mir offenbart hat, seine Herrschaft übt.

Daß ich damit in der ganzen überschwänglichen Fülle der biblischen Botschaft stehe, werde ich mir niemals und von niemandem in der ganzen Welt streitig machen lassen, ebenso wie ich diese Botschaft von niemandem mir und meiner Kirche und meinem Volk verkürzen lasse.

Sie aber, Herr Kollege, muß ich zweierlei fragen. Einmal: Woher nehmen Sie das Recht, mir zu sagen, ich machte den «geschichtlichen Augenblick» zur «zweiten Offenbarungsquelle» oder «zum zweiten Offenbarungsgegenstand»; neutestamentlich gesprochen: ich redete, wenn ich zu dem geschichtlichen Vorgang 11 «Handeln Gottes» sage, von einer zweiten Epiphanie? Weisen Sie mir das nach, und ich will mich beugen und will mich Ketzer nennen lassen!

Und zum andern: Wie in aller Welt kommen Sie dazu, dem, der unter das Hakenkreuz tritt, von vornherein streitig zu machen, was Sie dem Paulus zuerkennen: «Sein quo iure war für ihn doch das Kreuz Christi!»? Woher nehmen Sie die Vollmacht, diesem Geschehen die legitime biblische Betrachtung des Ergon Theou zu verwehren?

Rede ich biblisch und rede ich mit Martin Luther, wenn ich aus dem Glauben an den Vater Jesu Christi heraus mein Weib, wenn ich mein |284 Kind, wenn ich meinen Freund, wenn ich meinen Beruf, wenn ich mein Volk als Ergon Theou empfange? Oder wollen Sie mir wirklich diesen Satz häretisch nennen? Ja oder nein! Gewiß weiß ich mit diesem Satze, wenn anders ich vom Kreuz Jesu her spreche, auch mein Weib, auch mein Kind, auch meinen Freund, auch meinen Beruf, auch mein Volk unter das Gericht gestellt: insofern ich weiß, daß sie alle Menschentum, biblisch gesprochen: Fleisch sind. Auch Weib und Kind und Freund sind in demselben Augenblick Götzenbilder, da ich sie aus dem Menschentum herausnehme und zum Absolutum mache, zur Epiphanie. Ein Kollege sprach in der Berliner Diskussion davon, wie auch mein Gebet und meine Bekehrung mir Götzen sein können; wollte ich sagen: ich glaube an mein Gebet, ich glaube an meine Bekehrung, so sündigte ich nicht weniger als jener Pfarrer, der Hitlers Bild auf den Altar stellte. Aber dies hebt doch nicht auf, daß ich sagen darf: ich glaube, daß der lebendige Gott mein Gebet hört; ich glaube, daß der lebendige Gott mich zur Buße gerufen hat; ich glaube, daß Er, der Herr mein Gott, mir mein Weib und mein Kind geschenkt hat; daß Er es ist, der mir Beruf und Amt gab in dieser Generation und in diesem Jahrzehnt dieser Fragestellung und dieser Aufgabe; und ganz ebenso, daß Er es ist, der mich in diesen Staat und dieses Volk hineingestellt hat, auf daß ich an diesem Punkte der Geschichte stehe und nicht an einem anderen und auch nicht irgendwo in der Zeit- und Raum- und Geschichtslosigkeit: daß Er durch all dies Menschentum hindurch handelt und ruft und etwas will.

Und noch etwas. Wenn es Menschentum ist, in welchem und durch welches Gott handelt, dann will ich offen sein für jeden, der aus der Vollmacht des Herrn Christus und seines Heiligen Geistes heraus mich warnt, daß ich nicht in jenen Menschen- 12 Götzendienst mich möchte verlieren. Es gibt eine Vollmacht, daß ein Vater seinem Sohne sagen kann: Dies Weib oder dieser Freund ist nicht Gottes Weg für dich, wird dir zur Versuchung; Gott will, daß du widerstehen sollst. Dann mögen sie beide betend am Wort Gottes prüfen und um Gottes Weisung flehen. Es gibt eine Vollmacht, daß der Freund dem Freunde warnend sagt: Du machst dein Kind zum Abgott; Gott will, daß du nicht blind bist gegen es, sondern ihm Sünde Sünde nennst. Aber es gibt keine Vollmacht, daß einer sagen könnte: Weib und Kind und Freund haben überhaupt nichts mit Gott zu tun; – dies vielmehr wäre |285 nun wirklich vollendete Gnosis und Schwärmerei. Und es gibt keine Vollmacht, die mir wehren dürfte, wenn mein Kind sterben will, um sein Leben zu flehen, solange es atmet, zu Dem, den der Witwe von Nain jammerte42 und dem des Volkes Hunger nicht zu gering war, ihn zu stillen.43 Wollen Sie wirklich, was der Familie zugestanden wird, im Blick auf das Volk verweigern? – Herr Kollege! Wenn ich vierzehn Jahre täglich aus einem heißen Herzen zu Gott gefleht habe um die Rettung meines Volkes aus Schmach und Schande und Not44: war dies Gebet häretisch? Und wenn ich das Jahr 1933 erlebt habe: darf ich Gott danken für das Geschehen dieses Jahres oder darf ich das nicht? Ich tue es wahrlich nicht, wenn anders ich unter Jesu Kreuz stehe, ohne tiefe Buße und Beugung, daß auch in diesem Jahr so vieles menschlich blieb, daß auch durch das Jahr der deutschen Erhebung Menschensünde sich durchzieht. Und ich tue es nicht – Gott der Herr weiß, daß dies keine Redensarten sind; weiß auch, daß ich dies nicht erst heute sage! –, tue es nicht, ohne die heiße Bitte zu demselben Gott, daß Er, was begonnen, weiterführen, und was unrein, reinigen, und was von Menschen böse gemacht, gut machen, und wo Unrecht geschehen, Recht werden lassen möge. Ich tue es aber45 und ich darf es tun, weil ich aus der ganzen Bibel Alten und Neuen Testamentes, vom ersten bis zum letzten Blatt, das Zeugnis vernehmen darf von dem «wirkenden Herrn der Geschichte». Hat Mose recht getan, wenn er Israel verkündigte als das Wort des Herrn, seines Gottes: «Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch getragen habe auf Adlersflügeln, und habe euch zu mir gebracht» (2.Mos. 19,4)? Hat Mose von dem «wirkenden Herrn der Geschichte» gesprochen oder nicht? Ist das biblische Botschaft oder nicht? Daß es |286 ein D.C.-Dogma sei, sagen Sie; jedenfalls ist es ein unerschütterliches biblisches Dogma. Und wenn es in den Kreisen der D.C. 13 vielfach seines biblischen Gehaltes entkleidet, seines Wesens beraubt und entstellt worden ist, so hebt doch auch hier der Abusus den Usus nicht auf.

Nun bitte ich Sie, Herr Kollege, daß Sie genau und eindeutig sagen, was Sie mit Ihrem Kampf gegen uns meinen.

Ist Ihr Sinn, daß Sie uns andere warnen wollen, weil wir einen gefährlichen Weg gehen? Wohl, ich weiß, wir gehen immer alle am Abgrund! Und ich weiß sehr genau, daß ein germanisiertes Christentum nicht besser ist als ein hellenisiertes und als ein judaisiertes und auch nicht besser als ein in der Kulturseligkeit des 19. Jahrhunderts versinkendes. Ich weiß das nicht erst seit diesem Jahr, sondern wenn die Männer, bei denen ich einst gelernt habe Theologe sein, mir etwas in mein Theologenleben unverlierbar mitgegeben haben, dann ist es das Wissen darum, daß «die Theologie Offenbarungstheologie sein wird oder aufhören wird, Theologie zu sein» (welches Wort mein Lehrer Ludwig Ihmels im Jahr 1909 beim Leipziger Universitätsjubiläum als Leitspruch seiner Lebensarbeit niederschrieb46). Wollen und müssen Sie uns warnen, damit wir nicht auch abgleiten, wie so viele, dann will ich, selbst wenn Ihre Warnung manchmal unbequem und ärgerlich wäre, sie willig aufnehmen als die Stimme des mir von Gott an den Weg gestellten Bruders.

Ist Ihr Sinn, daß Sie mich erinnern wollen, wieviel Törichtes und Falsches um uns her geredet wird, wieviel Irrtümer und Irrlehren durch die Luft schwirren und an uns sich hängen wollen; oder auch, daß meine Formulierungen noch nicht eindeutig und vollkommen genug sind: dann will ich auch dies überdenken, aber doch folgendes |287 dazu sagen. Sowenig ich aus dem theologischen Unsinn, den manche Ihrer Freunde und Schüler von sich geben, die Karikatur Ihrer selbst mache, so wenig sollten Sie das untheologische und halbtheologische (und oft pseudotheologische) Schwätzen und Stammeln bei vielen D.C. zur Karikatur dessen, was unser Anliegen ist, benützen. Und weiter: Ihre eigene Lebensarbeit in anderthalb Jahrzehnten ist der Beweis, daß Sie selbst nicht meinen, «fertig» zu sein und die Formel zu haben. Oft in diesen Jahren, wenn der Streit um Sie und Ihre Theologie ging und die Kritiker an der Oberfläche herumkritisierten, habe ich versucht, durch alles hindurchzustoßen zu dem Eigentlichen Ihres Anliegens und dies ernst zu nehmen und dort von Ihnen zu lernen und vieles, was mir an Ihrer Theologie und an Ihrer Exegese bedenklich schien, zu vergessen. 14 Haben Sie, so muß ich fragen, wirklich versucht, das ganz ernst zu nehmen, was uns brennt; hinunterzulauschen in die letzten Wurzeln auch eines verzerrten und irrenden kirchlichen Handelns und Redens dieses vergangenen Jahres: ob nicht doch auch dort irgendwo ein echtes und vor Gott gültiges Anliegen hervorbrechen wolle und es unser beider Sache wäre mitzuhelfen, daß es seine Form und Gestalt gewinne im Gehorsam gegen das Evangelium?

Ist endlich dies Ihr Sinn, daß Sie meinen, mir sagen zu müssen, ich sei abgewichen von dem schmalen Wege, dann frage ich, wie ich es in Berlin getan habe und wie ich es vorhin in diesem Brief tat, – frage ich Sie im Angesicht des lebendigen Gottes: in welchem meiner Sätze oder Worte oder in welcher meiner Handlungen habe ich das Hakenkreuz zur Epiphanie gemacht? bin ich abgefallen von dem einen Gott, dem Vater, und von dem einen Herrn, Jesus Christus?

Erwächst aber Ihr Kampf daraus, daß Sie selbst – vielleicht ohne es zu wissen und zu wollen – an dem Punkt, um dessen Klarstellung es mir geht, die volle neutestamentliche Botschaft verkürzen, statt sie gegen ihre Verächter zu wahren, dann muß ich Ihnen Ihre Anklage zurückgeben. Dann, Herr Kollege, sind Sie es, der ein eigenmächtig geformtes und gegossenes Gottesbild in der Kirche aufzurichten im Begriff steht. Dann muß ich es sein, der zu diesem Ihrem Gottesbild Nein sagt. Und wenn alle Theologien und wenn alle Bekenntnissynoden der Welt gegen mich stünden, so werde ich nicht aufhören, die biblische Botschaft von dem ganzen Christus und von seiner ganzen |288 Herrlichkeit zu fordern. Da in der Tat geht es auf Biegen und Brechen und gibt es keinen Kompromiß und keine Konzession, – nicht minder wie jenen gegenüber, welche aus dem Nationalsozialismus die Epiphanie, oder welche aus dem Blut den Götzen, oder welche aus der Kirche der Reformation den Tummelplatz für Lüge und Gewalttat machen wollen. Und wenn ich noch so ernstlich in dem Kampf stehe gegen jene anderen, die Kirche verwüstenden Irrtümer47, so darf ich nicht aus taktischen Gründen schweigen, wenn man, um den einen Irrtum zu vermeiden, in den andern fällt. Es hieße sündigen, es hieße, die mir von Gott gegebene theologische (nicht kirchenpolitische!) Aufgabe versäumen, sähe ich untätig zu, wenn Gefahr besteht, daß der Wagen der Kirche aus dem einen falschen Gleis in ein anderes falsches Gleis geschoben wird. Dann bin ich es, der warnen und beschwören und der, wenn man nicht auf ihn hört, fest-15stellen muß, daß der schrift- und bekenntnismäßige Stand der Kirche verlassen ist.

Meine Offene Anfrage hat mir außer Ihrem Brief noch ein paar andere Zuschriften von Barmer Synodalen gebracht.48 Der eine antwortet auf meine Frage mit einem vollen Ja; der andere macht formale Reserven (ob dieser oder jener Ausdruck nicht besser anders gewendet werde) oder taktische Reserven (ob der Augenblick für meine Frage richtig gewählt sei). Alle erklären, im Grundsatz mehr oder weniger mit mir einig zu sein. Ein grundsätzliches Nein hat bisher außer Ihnen kein einziger gesagt. Die meisten meinen, das von mir Geforderte sei so selbstverständlich, daß man es nicht zu «bekennen» brauche.

Ihr Brief dagegen bestätigt mir, was ich schon seit den Januartagen in Berlin wußte: darin sind wir beide, Sie und ich, einig, daß ich nicht eine «offene Tür» einrenne; daß meine Frage nicht eine selbstverständliche und harmlose Sache betrifft, vielmehr eine in unserer ge|289genwärtigen Lage eminent grundsätzliche. Entweder Sie überzeugen sich, daß Sie ein Verdammungsurteil ausgesprochen haben, wo Sie es nicht durften, und bekennen sich selbst zu der Rechtmäßigkeit des meiner Anfrage zugrunde liegenden Anliegens. Dann ist der Weg für den Bau der schrift- und bekenntnismäßigen Evangelischen Kirche an einer Stelle freigemacht, an der er heute zu Unrecht verbaut ist. Dann wäre meine Anfrage und unser Briefwechsel nicht umsonst gewesen. Oder aber: die Bekenntnissynode muß sich entscheiden zwischen Ihnen und mir, ob man Schrift und Luther für sich zu haben meint auf Ihrer Seite oder auf der meinen, – wobei es sich nicht um meine Person handelt, auch nicht um meine vielleicht mangelhaften und verbesserungsbedürftigen Ausdrücke und Formeln, sondern um das von mir vertretene Anliegen, das zugleich das Anliegen vieler Tausender evangelischer Männer – Theologen und Laien – ist. Dann muß die Bekenntnissynode «bekennen», das heißt Ja oder Nein sagen zwischen Ihnen und mir, oder vielmehr: zwischen der von Ihnen und der von mir vertretenen Auffassung über die Schrift.

In beiden Fällen muß beseitigt werden, was ich nannte: eine Verwirrung der Geister, eine Verwüstung der Kirche, eine Zerstörung der Gemeinden. Ich habe diese Worte wahrlich nicht aus Freude am Streit oder an großartig klingenden Worten gebraucht, und ich wiederhole sie heute auch nicht aus Rechthaberei. 16 Ich weiß, was ich mit ihnen auszusprechen mich unterfange. Aber es ist verhängnisvoll, wenn man Friede sagt, wo kein Friede ist49, und wenn man eine ernste Sache harmlos macht. Wenn Sie, Herr Kollege, aus Mißdeutung meiner Anliegen und meiner Motive meine Gesinnungsgenossen und mich zu Unrecht Ketzer genannt haben, dann haben Sie damit eigenmächtig Gemeinschaft, nämlich Gemeinschaft des Glaubens und des Geistes, aufgehoben, wo Sie es nicht durften, und haben andere verführt, ein Gleiches zu tun, oder sie dazu verführen wollen. Das aber heißt: Sie haben Gemeinde und Kirche zerstört und verwüstet. Haben Sie aber die Gemeinschaft aufgehoben, weil Sie selbst meine Forderung in ihrem biblischen Kern verneinen, dann ist zwar die Aufhebung der Gemeinschaft zu Recht erfolgt, denn wir haben dann wirklich einen anderen Gott; dann ist es aber erst recht unerläßlich, daß ich Ihren Irr|290tum, weil Sie dann selbst die biblische Grundlage verlassen haben, kirchenverwüstend und gemeindezerstörend nenne.

Sie nehmen in Ihrem Brief in Anspruch, daß die sachliche Solidarität des Bruderrates und der ganzen Barmer Synode mit Ihrem zu meiner Anfrage gesprochenen Nein außer Zweifel stehe. Um klarzustellen, ob und wieweit dies zutrifft, übersende ich Abschriften Ihres Briefes und dieser meiner Antwort an einige Synodalen50, insbesondere an meinen Landesbischof D. Wurm und an Präses D. Koch als den Vorsitzenden der Barmer Synode.

Mit kollegialer Begrüßung
Ihr sehr ergebener
Kittel

Zweiter Offener Brief Barths

Sehr geehrter Herr Kollege!

Auf Ihren Brief vom 15. ds., der mir gestern, den 18. Juni, zugegangen ist, ist von mir aus Absatz für Absatz folgendes zu antworten:

1. Von dem, was Sie und Ihre Freunde in den hinter uns liegenden dreizehn Monaten gedacht und getan haben, interessiert mich und andere besonders das, was an die kirchlich-theologische Öffentlichkeit von ganz Deutschland gedrungen ist. Ob Sie schon vor einem Jahr an ein Unternehmen distributiver Gerechtigkeit, wie es die 12 Sätze darstellen, gedacht haben oder nicht, kann ich natürlich nicht wissen. Der Gedanken, damit vor jener Öffentlichkeit auf den Plan zu treten, ist Ihnen jedenfalls nicht damals zur Zeit der unbedingten Herrschaft der D.C. gekommen, sondern erst jetzt, wo man ihnen auch in Württemberg ernstlich zu widerstehen beginnt. Ich kann etwas übersehen oder vergessen haben. Erinnern Sie mich an ein Dokument, das das Gegenteil des eben Gesagten beweist; dann will ich |291 mir das, was ich Ihnen geschrieben habe, «ernstlich verwehren» lassen.

2. Sie reden von einem «biblischen Verhältnis» von Epiphanie und Ergon Theou und verstehen dabei unter «Ergon Theou» das Handeln des lebendigen Gottes «in jedem solchen Stück Geschichte, in jedem Stück Einzelleben und in jedem Stück Völkerleben», die Herrschaftsübung des «Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden», in allem bis auf Mussolini und Hitler. Ich stehe auch hier vor allem Ihrer Exegese ratlos gegenüber. Auf die einzige neutestamentliche Stelle, wo der Begriff «Ergon Theou» definiert wird (Joh. 6,29), können Sie sich doch unmöglich berufen. Aber auf welche anderen Stellen dann? Sie sind Fachmann und ich nicht, aber ich meine, daß die Zusammenhänge im Neuen Testament überall darauf hinweisen, Ergon Theou soteriologisch, das heißt aber gerade nicht von jedem, sondern nur von einem einzigartig und unwiederholbar hervorgehobenen «Stück Geschichte» zu verstehen. Ist es im Alten Testament anders? Ihr Lexikon wird uns ja demnächst den Stoff vorlegen. Vorläufig kann ich Ihnen unmöglich zugestehen, daß Sie jene ganze Entgegenstellung aus der Heiligen Schrift gewonnen haben, geschweige denn, daß Sie damit «in der ganzen überschwänglichen Fülle der biblischen Botschaft» stehen. 18

3. Von einem «zweiten Offenbarungsgegenstand» oder von einer «zweiten Offenbarungsquelle» ist nach meinem (doch wohl in sich klaren) Sprachgebrauch da zu reden, wo man über das «Handeln Gottes» nicht nur das zu wissen meint, was man sich aus der heiligen Schrift darüber sagen läßt, sondern auch das, was man sich als Betrachter und Beurteiler irgendeiner anderen Wirklichkeit (Vernunft, Natur, Weltgeschichte, «geschichtlicher Augenblick») selber sagen zu können meint, natürlich in der Interpretation: daß man sich auch das in jener anderen Wirklichkeit von Gott sagen lasse! Ob Sie die Belehrung, die Sie an diesem zweiten Ort zu finden meinen, geradezu eine zweite Epiphanie nennen oder nicht, interessiert mich nicht, sondern nur die Tatsache: Sie kennen neben der heiligen Schrift einen solchen zweiten Ort, dem Sie, mit dem Tridentinum zu reden, pari (oder doch simili) pietatis affectu ac reverentia gegenüberstehen51, dem Sie die |292 ganze Autorität Gottes, und zwar («durchgängig mitbestimmt» heißt es in Ihrer «Offenen Frage») eine selbständig wirksame und zu hörende Autorität Gottes, für die Gestaltung der kirchlichen Verkündigung zuschreiben. In der Leidenschaft für die Geltung dieser für Sie faktisch (die Nomenklatur spielt keine Rolle!) eine zweite Offenbarung bedeutenden Instanz haben Sie Ihre «Offene Frage» ebenso wie Ihren Brief an mich geschrieben. Oder was wollen Sie denn damit sagen, wenn Sie der Synode die Sache mit der «konkreten Lage» als Glaubenssatz zumuten wollen? Man kann sich doch für diese Sache nicht einsetzen mit dem ganzen Pathos, mit dem man um die Anerkennung eines mysterium oder sacramentum kämpft, um dann auf einmal zu erklären, daß man mit der Behauptung einer «zweiten Offenbarungsquelle» nichts zu tun habe.

4. Ich hatte in meinem letzten Brief gefragt, was der Schritt des Paulus von denen unter dem Gesetz zu denen ohne das Gesetz (dessen quo iure das Kreuz Christi gewesen sei) zu tun habe mit dem Schritt in den neuen geschichtlichen Augenblick, in welchem das Hakenkreuz über Deutschland kam. Zu dieser Frage veranlaßte mich Ihre Berufung auf 1.Kor. 9 als Begründung Ihrer Lehre, Ihres Glaubenssatzes von der konkreten Lage. Sie haben das Gewicht, das diese Frage für mich hat, wohl nicht ganz empfunden, wenn Sie mir darauf mit der etwas zornigen Gegenfrage antworten: woher ich das Recht nehme, demjenigen, der unter das Hakenkreuz tritt, das paulinische quo iure von vorneherein streitig zu machen? Das habe ich nicht getan. Des 19 Herrn Wege sind wunderbar.52 Das Kreuz Christi kann ja auch in einer Ihnen und mir höchst verborgenen Weise das quo iure des 30. Januar 193353 gewesen sein. Aber wenn Sie das positiv behaupten, so ist das Ihre religiöse Privatmeinung, mit der Sie nicht die Verkündigung der Kirche belasten und für die Sie sich auf keinen Fall auf 1.Kor. 9 berufen dürfen. Denn die Situation 1.Kor. 9 ist hinsichtlich Ihres göttlichen quo iure eine klare, die deutsche Situation vom 30. Januar 1933 mindestens eine höchst unklare. Es wäre denn, daß Sie sich für ihre Privatmeinung eben doch auf eine «zweite Offenba|293rungsquelle» berufen wollten. Stehen Sie ruhig unter dem Hakenkreuz, wenn Sie es so für richtig halten. Man kann auch unter dem Schweizerkreuz, unter dem Doppeladler, unter dem Sowjetstern stehen. Aber für alle diese Möglichkeiten wollen wir doch nicht 1.Kor. 9 in Anspruch nehmen, sondern uns fragen, ob 1.Kor. 9 uns nicht in das ganze Feld unserer zweideutigen Entscheidungen hinein etwas Eigenes, Überlegenes und Unzweideutiges zu sagen haben möchte.

5. Es ist selbstverständlich nicht zu bestreiten, sondern zu anerkennen und zu lehren, daß wir als Christen mit unserer Existenz: Weib, Kind, Freund, Beruf, Volk je in dieser und dieser konkreten Bestimmtheit als Gottes Schöpfung und Gabe empfangen und Gott dafür loben und Dank sagen dürfen und sollen. Der Streit geht wirklich nicht darum! Der Streit geht darum, was dieses Empfangen, Loben und Danken bedeute? Wiederum nicht darum, ob es heute nicht vielleicht dies bedeuten könne, daß einer sich entschließt, sich innerlich und äußerlich in ein braunes Gewand zu hüllen. Wohl aber darum: ob es gerade dies in dem Sinn bedeuten muß, daß es eine Verheißung und Forderung der kirchlichen Verkündigung werden, daß man vom Menschen und von den Gemeinden im Namen Jesu Christi verlangen kann, sich mit Herz und Lippen außer zum Schöpfer auch noch zum Dritten Reich zu bekennen, weil schon die Schöpfung ursprünglich braun gewesen sei, so daß der, den das Braune nun einmal etwas weniger entzückte, eo ipso als ein Verächter der guten Schöpfung Gottes zu tadeln und übler «Zeit-, Raum- und Geschichtslosigkeit» zu beschuldigen sei. Das ist’s, was wir anderen bestreiten: daß die Dankbarkeit gegen Gott den Schöpfer heute iure divino in der Dankbarkeit für die Ideen der Nationalsozialisten bestehen müsse. Lassen Sie uns damit in Ruhe, lassen Sie die Schöpfung Gottes unverworren mit Ihrer höchst privaten Geschichtsdeutung, dann wollen wir inskünftig einträchtig mit 20 Ihnen den Schöpfer preisen. Vorderhand haben Sie, die D.C. und die ihnen Nahestehenden, es reichlich verdient, daß man gegen das Wort «Schöpfung» in Ihrem Munde schlechterdings mißtrauisch ist, weil es in Ihrem Munde nicht das Geheimnis Gottes, sondern eine ganz geheimnislose menschliche Theorie über Rasse, Blut, Boden, Volk, Staat etc. bedeutet. Mit dieser Identifikation zwischen der Schöpfung und Ihrer eigenen Konzeption von der Schöpfung haben Sie sich theologisch ins Unrecht gesetzt. Denn diese Iden|294tifikation können Sie nur aufrechterhalten, wenn Sie eine besondere zweite Offenbarung darüber empfangen zu haben behaupten. Sie meinten natürlich auch bei Ihrer «Offenen Frage» diese Identifikation. Darum habe ich Ihren Ergänzungsvorschlag abgelehnt. Er besagt faktisch doch nichts anderes als die Forderung, daß die Kirche in Gottes Namen mittun solle, nicht nur im Dritten Reich, sondern im Sinn des Dritten Reiches. Zu dieser Forderung ist Nein zu sagen. Sie geht gegen den ersten Artikel. Die Kirche hat den Gehorsam gegen jeden Staat, sie hat aber nicht den Glauben an eine bestimmte Staatsform zu fordern.

6. Niemand wehrt Ihnen, im Sinn Ihrer politischen Überzeugung für das deutsche Volk zu beten. Aber Sie müssen doch damit rechnen, daß für das deutsche Volk vielleicht gleichzeitig auch im Sinn ganz anderer politischer Überzeugungen gebetet wird. Wie bekanntlich im Kriege auch in England und Frankreich nicht schlecht und gewiß auch nicht ganz ohne Buße gebetet worden ist. Daraus sollte zu entnehmen sein, daß man jedenfalls gut tun wird, den «wirkenden Herrn der Geschichte»54 nicht ohne weiteres in dem Idealbild zu erkennen, an das man sich im Gebet unwillkürlich und in guten Treuen wenden mag, – gut tun wird, auf keinen Fall dieses Idealbild seiner eigenen Gebete (und wären es die inbrünstigsten und bußfertigsten!) als den Herrn auszurufen, dem die Kirche Jesu Christi ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihren Gehorsam darzubringen hat. Sicher redet Ex. 19,4 von dem Vater Jesu Christi und sicher ist der Vater Jesu Christi der «wirkende Herr der Geschichte». Ich mag zwar diesen modernistischen Terminus nicht, weil ich zu viel Hirsch gelesen habe55, um nicht in 99 von 100 Fällen zu vermuten, daß damit das Gußbild gemeint ist! Aber lassen Sie uns an Hand des Alten und Neuen Testaments interpretieren, wer und was der Vater Jesu Christi sein möchte, um dann und so zu erfahren, wer allenfalls der «wirkende Herr der Geschichte» sein möchte. Das D.C.-Dogma, das ich bekämpfe, besteht darin, 21 daß man zuerst aus der Tiefe seines Herzens und Gewissens allerlei über den «wirkenden Herrn der Geschichte» wissen zu können meint, um hernach und von da aus anzugeben – und zwar nicht als Privatmei|295nung, sondern in kirchlich-theologischer Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit und mit der Intoleranz dessen, der Offenbarung verkündigt, anzugeben – wer und was der Vater Jesu Christi sei. Dieses Dogma ist bei den D.C. keineswegs, wie Sie sagen, ein Abusus, sondern der allgemeine Usus, ohne dessen Entdeckung und Anwendung es überhaupt keine D.C. geben würde.

7. Habe ich wirklich immer noch nicht genau und eindeutig genug gesagt, was ich mit meinem Kampf gegen Sie meine? – Sie fragen mich in Worten, deren Eindringlichkeit ich mich nicht entziehe, ob ich denn gar nicht in der Lage sei, ein Eigentliches als das «Anliegen» der D.C. zu sehen und ernst zu nehmen und an seiner Gestaltung im Gehorsam gegen das Evangelium mitzuwirken? Sehr geehrter Herr Kollege, ich denke, wir sind darin grundsätzlich einig, daß einem im Leben u.U. Dinge begegnen können, zu denen man eben nur Nein sagen kann. Ich hätte es noch vor zwei Jahren nicht geglaubt, daß mir im Bereich der Kirche und Theologie ein solches Ding so konkret begegnen könnte. Ich habe z.B. meine Ablehnung des Schleiermacherianismus mindestens innerlich immer noch mit allerhand Kautelen umgeben. Als die D.C. auf den Plan traten, war es mir vom ersten Augenblick an in jeder Hinsicht klar, daß hier eine Tiefe, in die «hinunterzulauschen» sich lohne, nicht vorliege, daß hier vielmehr auch nicht mit dem Nagel des kleinsten Fingers nachgegeben werden dürfe. Die Lehre und die Praxis der D.C., die führenden Personen und die Methoden der Bewegung als solcher und nicht zuletzt die Verhaltungsweisen und Maßnahmen des Staates und der Partei, für die direkt oder indirekt die D.C. verantwortlich sind, auf der einen Seite und auf der anderen alles, was ich von der Bibel, vom kirchlichen Dogma, von der Reformation, von der Geschichte der Theologie in den letzten zweihundert Jahren zu wissen und zu verstehen meine, sagt mir heute, nachdem die D.C. in der Kirche Deutschlands ein Jahr lang gehaust haben wie die Wilden, erst recht eindeutig, daß man sich hier einfach entscheiden und daß ich mich hier ohne Vorbehalt für das Nein entscheiden muß. Ich denke wohl auch, daß in dem, was heute geschieht, ein «echtes Anliegen» im Spiel ist, ohne daß ich es schon konkret bezeichnen könnte oder möchte. Es handelt sich, so vermute ich auf Grund der ge-22schichtlichen Zusammenhänge, vielleicht darum, daß die evangelische Christenheit zu einem ganz neuen Verständnis in der |296 Richtung Heiliger Geist, Kirche, Sakrament kommen muß. Sicher ist mir nur das: daß das «echte Anliegen» dieser Zeit, sofern ihr ein solches wirklich geschenkt ist, dem der D.C. gerade gegenüber liegen muß und daß es um seinetwillen dem «Anliegen» der D.C. zu widerstehen gilt.

8. Auf die Frage des folgenden Absatzes Ihres Briefes meine ich unter 3 geantwortet zu haben.

9. Es steht Ihnen vollkommen frei, mir meine Anklage, die übrigens nicht nur auf «Verkürzung», sondern auf Verkehrung der neutestamentlichen Botschaft lautet, zurückzugeben. Aber Sie werden dann nicht versäumen dürfen, Ihre Gegenanklage und vor allem Ihre dahinter stehende Position vom Neuen Testament her zu begründen. Eine auch nur einigermaßen beachtliche biblische Begründung der D.C. -Position ist mir nämlich bis jetzt noch nicht begegnet. Was dafür angeführt zu werden pflegt, ist allerlei Lebensphilosophie, Geschichtsphilosophie, Staatsphilosophie. Die Enttäuschung unseres Berliner Gespräches bestand für mich darin, daß Sie mir als Exeget, als welchen ich Sie angeredet hatte, eigentlich nichts gesagt haben. Ich habe auch in Ihrem Brief eine Aufklärung darüber, wie Sie das mit 1.Kor. 9 nun eigentlich meinen, nicht gefunden. Zeigen Sie es einmal auf breiter Textgrundlage, wie man vom Neuen Testament her etwa zu dem letzten Buch von Hirsch56 oder zu den Hirtenbriefen des Reichsbischofs57 kommt. Meine Begründungen der Gegenthese: daß man vom Neuen Testament her auf keinen Fall dorthin kommen kann, dürften ja implizit in allem, was ich geschrieben habe – ich darf insbesondere an den kurz vor der Revolution erschienenen ersten Band meiner Dogmatik58 erinnern –, vorliegen. Die evangelische Kirche Deutschlands wird sich dann wohl entscheiden müssen und auch zu |297 entscheiden wissen. – Ich habe nicht im Traum daran gedacht, Ihnen zuzumuten, daß Sie «aus taktischen Gründen schweigen» müßten. Mit welcher Legitimation Sie sich jetzt scheinbar in die Mitte stellen, um paritätisch vor beiden «falschen Gleisen» zu warnen, ist mir freilich nicht recht deutlich. Um mir mit Vollmacht das Befahren eines «falschen Gleises» vorzuwerfen, hätten Sie mir m.E. schon damals, als die D.C. noch Oberwasser hatten, als eine ordentliche Opposition noch nicht auf dem Plane war, sagen müssen, daß Sie dort «Irrtum», «Lüge und Gewalttat» wahrzunehmen meinten. Das höre aber jedenfalls ich erst jetzt 23 von Ihnen. Damals haben Sie Ihre Schrift über die Juden geschrieben.59 Darum möchte ich Sie auch jetzt lieber als Gegner denn als arbiter über den Parteien zu mir reden hören. Aber Sie mögen auch das halten, wie es Ihnen richtig scheint, wenn Ihre Gegenanklage nur – im Unterschied zu der mir bekannten übrigen D.C. Literatur – die schrift- und bekenntnismäßige Substanz, deren Sie hinsichtlich Ihrer Position so sicher zu sein scheinen, nicht vermissen läßt.

10. Zu dem, was Ihnen von seiten anderer Barmer Synodalen zu Ihrer «Offenen Frage» geschrieben worden ist, kann ich ohne Kenntnis der Ihnen zugegangenen Briefe nicht Stellung nehmen. Sie wissen, daß ich an der Grundsätzlichkeit großer Kreise der Opposition von Anfang an manches zu beklagen fand, und ich bin nicht Optimist genug, um nicht damit zu rechnen, daß Ihnen auch nach der Barmer Synode von diesen oder jenen Teilnehmern Konzessionen gemacht worden sein könnten, die nicht hätten vorkommen dürfen. Ich rechne aber angesichts dessen, was Sie mir aus den Ihnen gewordenen Antworten mitteilten, doch auch mit der Möglichkeit, daß dieser und jener Ihnen ganz in meinem Sinn sagen wollte: Selbstverständlichkeiten wie die, daß die heutige Kirche in der Sprache von heute zu dem heutigen Menschen zu reden hat, können nicht Gegenstand des Bekenntnisses sein – ohne daß Ihnen damit das konzediert werden sollte, worauf es Ihnen ja, wenn Sie diese Selbstverständlichkeit «bekannt» wissen wollen, ankommt.

11. Ich muß es dem Bruderrat der Bekenntnissynode überlassen, ob er es für nötig hält, die Synode noch einmal einzuberufen, um sie |298 über den zwischen Ihnen und mir entbrannten Streit entscheiden zu lassen. Ich von mir aus könnte nicht dafür eintreten. Wiederum leuchtet mir nämlich Ihre Legitimation zu solchem Anspruch nicht ein. Um ihn zu erheben, müßten Sie irgendwie zu uns gehören. Sie haben aber, während der große Unfug über die evangelische Kirche Deutschlands kam, während ein durch und durch profanes Regiment in ihr aufgerichtet, während sie «ein Tummelplatz für Lüge und Gewalttat» wurde, während Hunderte von braven Pfarrern schikaniert wurden, während die Gemeinden in Westfalen und Rheinland aufstanden, während die Freien Synoden sich bildeten und in den Kampf traten – Sie haben in dieser Zeit – ich weiß im einzelnen nicht: wo? aber jedenfalls nicht bei uns, nicht bei denen, die zu dem allem laut und deutlich Nein sagten, gestanden, sondern im besten Fall vermittelnde Bewegungen gemacht: vermit-24telnd zwischen uns und denen, die z.B. in den letzten Tagen die drei Mecklenburger Pfarrer ins Gefängnis gebracht haben.60 Glauben Sie wirklich das innere Recht zu haben, nun plötzlich, als ob Sie immer um unsere Sache mitgestritten hätten, mitten in der Bekenntnisgemeinschaft auftreten und sie zur Entscheidung zwischen Ihnen und mir aufrufen zu dürfen?61

29912. Zu dem Inhalt des folgenden Absatzes Ihres Briefes meine ich das Nötige in 9 gesagt zu haben. Wer die Kirche verwüstet und die Gemeinden zerstört hat, das wird sich in der relativen Deutlichkeit, in der sich solche Dinge vor menschlichen Augen zu zeigen pflegen, früher oder später herausstellen. Warten wir ab! Die Last des menschlich möglichen Beweises, daß die kirchliche Gemeinschaft nicht zerbrochen ist, liegt jedenfalls auf Seiten derer, die (lange genug sehr siegesgewiß und sehr stolz auf ihre Taten!) die Neuerung in die Kirche und in die Gemeinden hineingetragen haben.

Abschriften dieses Briefes sende ich von mir aus an Landesbischof D. Wurm62 und an Präses D. Koch.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Karl Barth

Dritter Offener Brief Gerhard Kittels

Sehr geehrter Herr Kollege!

Ich will zuerst ein Wort zu den persönlichen Dingen sagen, um nicht die sachliche Auseinandersetzung damit zu belasten. Ich tue es, obwohl diese persönlichen Dinge mich von unserer ganzen Erörterung am wenigsten berühren. Zu dem meisten ist von mir aus überhaupt nichts zu sagen; ich kann nur mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen, daß diese Dinge für Sie das Gewicht von Argumenten zu haben scheinen.

300Zu Absatz 1: Es interessiere Sie an meinem und meiner Freunde Tun vor allem dasjenige, «was an die kirchlich-theologische Öffentlichkeit von ganz Deutschland gedrungen» sei. Erstens gibt es immerhin einige «öffentliche» Vorgänge, an denen wir beteiligt sind; zweitens zweifle ich, ob Ihre Unterscheidung sehr neutestamentlich gedacht ist (vgl. Mt. 6,22ff.); drittens muß ich auch heute wiederum fragen: woher wissen Sie denn, ob es nicht jenseits dieser Öffentlichkeit manches geben könnte, was wichtiger wäre und wozu vielleicht sogar mehr Mut gehören könnte als zu anderem, der «Öffentlichkeit» Kundgegebenem?

Zu Absatz 9b: Im Zusammenhang mit meinem Wort gegen «Lüge und Gewalttat» sagen Sie: «Das höre aber jedenfalls ich erst jetzt von Ihnen. Damals haben Sie Ihre Schrift über die Juden geschrieben.» Nur damit aus meinem Schweigen keine Legende entsteht, will ich aussprechen, daß ich diese Schrift heute in allem wesentlichen genau so schreiben würde wie damals und daß ich nach wie vor mit meinen Anschauungen dem neutestamentlichen Problem des Judentums näher zu sein und es ernster zu nehmen meine als die christlichen Beschützer eines Assimilationsjudentums. Wie übrigens die Stellung dieser Schrift zu «Lüge und Gewalttat» u. dgl. ist, haben gewisse Antisemiten einer bestimmten Richtung, welche im vorigen Sommer meinen Vortrag einen «Skandal» schalten und (vergeblich) ein nationalsozialistisches Verbot des Vortrages forderten63, besser und tiefer gespürt als manche «Christen».

Zu Absatz 11: Ich habe wahrlich, Herr Kollege, niemals in Anspruch genommen, kirchenpolitisch bei Ihnen zu stehen, kirchenpolitisch «irgendwie zu Ihnen zu gehören». Im Gegenteil, ich habe im Januar (übrigens schon vor dem 23. Januar) die Unterschrift unter die damalige Erklärung der fünfundsiebzig64 trotz sachlicher Zustim|301mung mit der ausdrücklichen 26 Begründung verweigert, ich könnte nicht meinen Namen in diesem Zusammenhang neben den Ihrigen und den einiger anderer Kollegen setzen, weil die Voraussetzung für ein gemeinsames kirchenpolitisches Handeln für Sie und mich nicht gegeben sei und somit die Unterschrift eine Unwahrheit wäre. Wofür ich mich einsetze, hängt auch nicht davon ab, ob es Ihre oder anderer Menschen Sache («unsere Sache») ist. Meine Legitimation, mich in «Ihre Sache» zu mischen, habe ich, wo immer ich kirchenpolitisch hingehöre, nur von einem einzigen: dem Herrn der Schrift, in der zu stehen Sie Ihre Legitimation nennen. Wenn Sie behaupten, das Recht für Ihre Kirchenpolitik bestehe darin, daß Sie die an Schrift und Bekenntnis Festhaltenden seien, dann haben Sie nicht zu fragen, wer derjenige sei, der Ihrer Aufforderung: «Prüfet die Geister! »65 nachkommt, sondern allein, ob, was er aus Schrift und Bekenntnis Ihnen entgegenhält, stichhaltig ist oder nicht; sonst haben Sie die Güte, den Satz: «Prüfet auch die Worte der Bekenntnissynode…!»66 zu streichen, – oder wenigstens hinzuzufügen: «…aber nur Ihr, die Ihr kirchenpolitisch zu uns gehört».

Nun zum Sachlichen, – falls nämlich angesichts dieser Stellung zu den persönlichen Dingen eine Fortführung unserer Diskussion Sinn hat.

Zu Absatz 2: Sie können mir nicht zugestehen, daß ich die Gegenüberstellung von Epiphanie und Ergon Theou aus der Heiligen Schrift gewonnen hätte, weil Ergon Theou im N.T. überwiegend soteriologisch, das heißt von einem einzigartig und unwiederholbar hervorgehobenen Stück Geschichte verstanden werde. Was es mit dem letzteren auf sich hat, wird gleich noch zu überlegen sein. Zunächst Ihre Frage: «Ist es im AA.T.anders? »

Steht eigentlich in Ihrer Bibel ein anderes A.T. als in meiner? Dann müßte ich weiter fragen: welches von beiden steht nun in der Bibel der |302 Bekenntnissynode, das heißt, der «Rechtmäßigen, auf Schrift und Bekenntnis stehenden Deutschen Evangelischen Kirche»?67 Ich kann nur bitten, mir den Gebrauch von «po’al» und von «ma’aseh»68 an beliebigen at.lichen Stellen, etwa an der Hand einer Exegese von Psalm 107, zu erklären. Natürlich aber erschöpft sich die Sache nicht im Gebrauch von Vokabeln; vielmehr liegt sie offenkundig z.B. überall da vor, wo ein Verbum des irdischen Handelns mit Gott als dem Subjekt des Satzes gebraucht ist, überhaupt wo der oder die Sätze 27 von Gott als dem Handelnden berichten. Ich hoffe nicht, daß es nötig ist, Beispiele zu zitieren.

Daß diesen alttestamentlichen Tatbestand das N.T. nicht aufheben wollte, wird ja wohl weiter klar sein, auch wenn es im Unterschied vom A.T. wenig mit der Völkergeschichte und auch wenig mit dem Privatleben des Einzelnen sich beschäftigt, – einfach darum, weil es die Geschichte des Christus und seines Evangeliums zum Gegenstand hat. Deshalb ist es verhältnismäßig leicht, hier nur «Soteriologie» zu finden. Aber erstens ist auch diese Beschränkung keineswegs richtig. Auch die Geschichte des Evangeliums trifft ja immer nur auf Menschen, die in der Konkretheit ihres «profanen» Lebens stehen und die mit dieser ihrer Profanität hineingenommen werden in die Gemeinschaft Jesu (was sich schon bei den Kriegsleuten Lk. 3,14 zeigt, welche nicht ihre Profanität verlassen, sondern in ihr stehend auf das Kommen des Christus schauen). Wovon redet Röm. 13,1ff.: von einer Staatslehre oder -dogmatik des Paulus oder von dem wirksamen Handeln Gottes, wie es Paulus an der ganz konkreten Wirksamkeit des ihn umgebenden Staatswesens erfuhr, etwa an Gallio Apg. 18,12ff.?

Und zweitens habe ich von einem biblischen «Verhältnis» von Epiphanie und Ergon Theou gesprochen, nicht aber von einer «Entgegenstellung»; diese Umschreibung des Verhältnisses entspräche ja vielmehr genau der von mir ausdrücklich verneinten Kategorie des «Sowohl-Als-auch». Das Wesen des Verhältnisses liegt vielmehr im |303 Gegenteil dessen, was «Entgegenstellung» meinen würde, und der Gebrauch dieses Ausdruckes zeigt, wie unneutestamentlich Sie denken. Was heißt denn, daß der Logos «Fleisch» wurde und daß an dem Handeln Jesu den Jüngern die «Doxa», d.h. das Wesen des Vaters, sichtbar wurde?69 Daß das Heilands wirken Jesu – das soteriologische Ergon Theou – in seiner Einmaligkeit als Epiphanie als solche Sichtbarmachung des Nicht-Einmaligen, des täglichen Wirkens Gottes ist. Entweder die Wunder Jesu sind ganz gewöhnliche Mirakel – dann soll man sie so schnell und so gründlich wie möglich in allegorische Legenden umsetzen –, oder aber sie sind Handeln des Christus, das heißt aber: Sichtbarmachung des Vaters, welcher «wirket»: welcher Hungernde speist, Kranker sich erbarmt, Trauernder sich jammern läßt. Die Geschichte von der Speisung 28 hat jedenfalls für das N.T. ihren ersten und grundlegenden Kommentar in Matth. 15,32; sie bedeutet an erster Stelle Sichtbarwerdung des in diesem Vers stehenden Gottesbildes. Ebenso wie der biblische Realismus des Osterwunders, ohne den dieses identisch wäre mit irgendeiner tiefsinnig-schönen religiösen Symbolik, einzig und allein darin seinen Grund hat, daß dieses Wunder Epiphanie dessen ist, der nicht nur an dieser einen Stelle, sondern allenthalben sein Ergon tut; wie z.B. Apg. 3,15f.; 4,10 deutlich zeigt. Ebenso liegt der Fortgang des Verses 1.Kor. 12,6 in seinen zwei Vershälften genau analog in dem «Der da wirket alles in allen».

Damit ist auch alles Wesentliche zu der neutestamentlichen Vokabel Ergon Theou, vor allem zu dem Gebrauch bei Johannes, gesagt. Natürlich ist das johanneische Ergon Theou in seiner Akzentuierung «soteriologisch». Niemand hat jemals behauptet, daß nicht auch im Zusammenhang mit der Epiphanie Erga Theou in Fülle sich vollziehen. Aber das bedeutet doch nicht, daß nur in diesem Zusammenhang Erga Theou seien; vielmehr, daß die soteriologischen Erga Demselben angehören wie die täglichen. Oder meinen Sie im Ernst, aus Joh. 5,17 («wirket bisher») – ebenso wie aus dem ganzen folgenden Abschnitt V. 19-47 – irgendeine andere Verhältnissetzung begründen zu können? Ich glaube, Herr Kollege, daß Sie dann eher bei Marcion sich umsehen müßten70 als bei den Männern des N.T.

304 Zu Absatz 3: Von einer «zweiten Offenbarungsquelle» sei da zu reden, «wo man über das ‹Handeln Gottes› nicht nur das zu wissen meint, was man sich aus der Heiligen Schrift darüber sagen läßt, sondern auch das, was man sich als Betrachter und Beurteiler irgendeiner anderen Wirklichkeit (Vernunft, Natur, Weltgeschichte, ‹geschichtlicher Augenblick›) selber sagen zu können meint».

Ich bin gern einverstanden, daß wir uns nicht um die Nomenklatur streiten. Die Sache, um die es zwischen uns geht, wird sofort deutlich, wenn ich Sie bitte, mir rund und klar zu sagen, ob der paulinische Gebrauch von ποιήματα, νοῦς, συνείδησις, ἔσω ἄνθρωπος,71 u. dgl. in Ihrem Sinn Ketzerei ist oder ob dieser Gebrauch sich gegen die von Ihnen gemeinte Ketzerei abgrenzt 29 und inwiefern. Vgl. z.B. Röm. 1,18ff.; 2,15; 7,22f.; 1.Kor. 8,7ff.; 2.Kor. 4,16; 1.Tim. 6,5; Tit. 1,15.

Zu Absatz 4: 1.Kor. 9,20ff. bedeutet, daß Paulus sich in die menschlich gesprochen – «höchst unklare» Situation des «ohne Gesetz» und der griechisch-hellenistischen Kultur- und Denksphäre begab, genau, wie dies auch Johannes tat. Das läßt sich konkret belegen an vielen Beispielen der Paulus- und Johannesexegese und wird Apg. 17,22ff. besonders anschaulich beschrieben. Umgekehrt mutet Paulus dem Timotheus die eminent «unklare» Situation von Apg. 16,3 zu. Das ist der in 1.Kor. 9 vorausgesetzte «geschichtliche Augenblick» des Paulus oder Timotheus, und der geschichtliche Augenblick, «da das Hakenkreuz über Deutschland kam», oder irgendein anderer «geschichtlicher Augenblick» ist dem völlig analog und liegt in genau derselben Ebene. Der «Schritt des Paulus» ist nichts anderes, als daß er sich in diese «unklaren Situationen» begibt und daß er damit genau dasselbe tut wie der Prediger, welcher «dem modernen Menschen» oder «dem Arbeiter» oder «dem S.A.-Mann» oder «dem unter dem Hakenkreuz» zu predigen sucht, oder wie der Missionar, der sich bemüht, dem Inder, und wie der andere Missionar, der sich ebenso ernstlich bemüht, dem Hottentotten die Botschaft zu sagen, und wie die Kirche, welche beiden, dem Prediger und dem Missionar, diese |305 Weisung gibt, nämlich, welche dem Prediger den Auftrag an die konkrete Gemeinde und an den konkreten Menschen erteilt. Alle diese «höchst unklaren» Situationen werden «klar», für Paulus wie für den Prediger und dessen Kirche, nur weil und nur wenn jener seine ἀγαθὴ συνείδησις72 aus V. 23 hat (oder, um mit Ihnen zu sprechen: wenn das quo iure dieses Handelns das Kreuz Christi ist). Ohne diesen Vers und ohne dieses quo iure ist und bleibt die Situation für Paulus wie für den Prediger und die Kirche des Jahres 1933/34 gleich «unklar».

Sie nennen das «religiöse Privatmeinung» und «zweideutige Entscheidung». Nennen Sie es bei Paulus auch so? Genau das haben nämlich die Gegner des Paulus gesagt: er dürfe um der Griechenmission willen nicht selber einer «ohne Gesetz» werden; was er damit tue, sei «zweideutiges Handeln». Und genau die Abwehr dessen ist der ganze Sinn des Paulinischen Kapitels: daß er es sich verbittet, wenn dieses Handeln als «religiöse 30 Privatmeinung» abgetan wird. Das einzige Gegenargument, das er besitzt, ist das: «Alles aber tue ich um des Evangeliums willen», womit in die Zweideutigkeit das Unzweideutige hineingesprochen und aus dem «Unklaren» das «Klare» gemacht ist.

«Stehen Sie ruhig unter dem Hakenkreuz, wenn Sie es so für richtig halten. Man kann auch unter dem Schweizerkreuz, unter dem Doppeladler, unter dem Sowjetstern stehen.» Wenn Sie das im Ernst meinen, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Sie müssen auch dem Paulus sagen: er möge ruhig ein paar griechische Dichter zitieren und mit den Heiden außerhalb der Synagoge leben, – er könne ja auch, um den Griechen ein Grieche zu sein, den Götzenkult im Tempel mitmachen; und: Timotheus möge ruhig beschnitten werden73, – er könne ja auch, um wirklich den Juden ein Jude zu werden, den jüdischen Verdienstglauben anerkennen. Das alles sei «religiöse Privatmeinung». Oder aber Sie müssen feststellen, daß grundsätzlich der § 24 des NSDAP-Programms74 und Hitlers Bekenntnis zu dem Gott |306 des Christentums75 gleichwertig seien mit dem Sowjetprogramm von der Ausrottung der christlichen Religion76; daß wir grundsätzlich nicht in der Lage seien, hier zu «unterscheiden». Entsprechend Ihrer gleich zu erörternden Theorie von der Unmöglichkeit einer Geschichtsdeutung ist wohl das letztere Ihre Meinung. Für Paulus jedenfalls hat es eine zweifellos völlig klare und eindeutige Unterscheidung und Abgrenzung dessen gegeben, was zu dem «Allen bin ich |307 alles geworden» gehören darf und was nicht. Dann habe ich ein Recht, wenn ich Paulus zitiere, mir nicht andere Konsequenzen als dem Paulus zumuten zu lassen.

Welche Auffassung Paulus von den Dingen hatte, sieht man nirgends deutlicher als an dem Schluß von V. 19. Er weiß, er würde immer, bei jeder Art der Verkündigung, einige gewinnen; er übt die V. 20ff. beschriebene Methode, um «mehr» πλείονας zu gewinnen. Dieser Komparativ wäre eine der schlimmsten Ketzereien, die es geben kann, wenn er nicht darin sein Recht hätte, daß Evangelium niemals anders verkündigt wird als im Handeln der Liebe. Wo aber Liebe ist, da ist immer der konkrete Mensch!

Zu Absatz 5-9: Es ist mir nicht ganz klar, ob Sie etwa hier Ihren Widerspruch gegen meine These von den Erga Theou in der Sache zurückziehen. Aber wie dem sei, jedenfalls steht nun im Vordergrund Ihre Behauptung von der Unsicherheit der Geschichtsdeutung und von der Unsicherheit des Idealbildes 31 der eigenen Gebete, d.h. die Problematik einer Deutbarkeit jener Erga Theou.

Als Abraham seinen Knecht aussandte, die Frau für Isaak zu suchen (1.Mos. 24), da geschah dieses a) unter Anrufung Gottes (V. 12f.), d.h. als eine Sache, in der Gott handelte; b) in einer Weise, daß ohne jede Spur einer Sorge vor dem «Idealbild» Gott für die Erfüllung gedankt wurde (V. 27). Das ist im N.T. noch genau ebenso schlicht und natürlich; Jesus sagt nicht: «Falls – was man aber nicht genau wissen kann und wobei man sich vor Selbsttäuschungen sehr hüten muß – Gott es zusammengefügt hat», sondern das Zusammengefügtsein durch Gott ist für ihn Gegebenheit, welche außer aller Problematik steht (Matthäus 19,6). Ferner: die Geschichte von Hanna und ihrem Kind ist keine in besonderer Weise «soteriologische» Geschichte, sondern einfach die Tatsache, daß Gott das Gebet einer frommen Frau hört und daß diese weiß, sie darf ihm dafür danken (1.Samuel 1,20), und alle Skepsis des Eli und des Elkana, ob Hanna nicht an einer «privaten Geschichtsdeutung» oder einem «Idealbild» oder an sonst etwas sich trunken gemacht habe, hat nichts mit dem Gott der Bibel gemein. Und wenn Sie bei «Weib und Kind» etwa vielleicht noch geneigt sind, mir entgegenzukommen, weil hier «Schöpfungsordnung» in einem eigentlichen Sinn vorliege, was bei anderen menschlichen Ordnungen, die es zur Zeit von Adam und Eva noch nicht gab, nicht so der |308 Fall sei, dann will ich als drittes Beispiel die Freunde David und Jonathan nennen, deren Freundschaft (was für eine «weltliche» Sache!) sowohl als «Bund» unter Anrufung Gottes geschlossen wird (1.Sam. 20,1ff.42) als auch jenseits jeglicher Problematik steht, ob dieser Freund wirklich der rechte und von Gott gewollte sei. Oder: was wird eigentlich von Ahas anderes verlangt als eine ganz bestimmte politische Entscheidung in einer ganz bestimmten und konkreten Situation? Ich wüßte aber nicht, daß der Prophet in Jes. 7 für irgendeine Erwägung Raum hätte über das Vielleicht einer bloß menschlichen Konstruktion. Wo ist denn Ihr biblisches Urbild des Mannes, welcher bei der Entscheidung, die er fällt, nicht aus der Sorge kommt, ob er nicht seine «eigene Konzeption» an die Stelle des Willens Gottes setze? Ja, auf einen können Sie sich in Jes. 7 berufen, nämlich auf Ahas und sein «daß ich den Herrn nicht versuche» (Jes. 7,12); aber eben dieses ist des Ahas Sünde. Für die Bibel sind die Erga Theou eine Sache, die man sieht und erkennt und an der 32 man nicht herumproblematisiert: ob oder ob nicht? (Jes. 5,12; Ps. 46,9; 64,10; Jes. 40,26ff.; Hebr. 3,9f.), und eine Sache, für die man zu danken hat, und wenn es nichts weiter wäre wie die Behütung auf einer Reise durch die Wüste und über das Meer (Ps. 107,8.31; vgl. Jak. 4,15).

All diese Entscheidungen sind freilich keine autonomen. Die Deutung des Ergon Theou erfolgt im Lichte der Epiphanie. Sämtliche biblische Personen: Abrahams Knecht, Hanna, David und Jonathan, Jesaia – und genau ebenso der von Paulus vorausgesetzte neutestamentliche Mensch – haben den klaren und eindeutigen Maßstab für die Entscheidung ihres «Inneren Menschen» nicht in ihrer autonomen Ratio, sondern allein in dem Wort des ihnen offenbaren Gottes, welcher der Vater Jesu Christi ist. In diesem Wort Gottes aber ist uns die Gnade einer Deutung der konkreten Dinge auch dieser Welt gegeben und ist uns der legitime Maßstab gegeben auch für unser Beten. Es ist nicht wahr, daß wir einem «Idealbild» ausgeliefert wären und daß wir nichts zu tun hätten, als uns ängstlich hüten, dieses als den Herrn auszurufen. Wir haben vielmehr zu prüfen, sehr ernstlich zu prüfen, und zu wissen, daß wir stets in Gefahr sind, dem Idealbild zu verfallen; aber wir haben die Verheißung, daß Gott diesem Prüfen eine legitime und klare Antwort gibt. Und wenn er uns einmal in einem bestimmten Fall oder eine bestimmte Zeit lang ohne Antwort läßt, so |309 ist das auch eine Antwort (wie aus der Geschichte des Elia oder des Hiob oder aus 2.Kor. 12,8f. zu entnehmen ist).

Natürlich ist alles Geschehen zwei- oder vieldeutig. Auch Jesu Wunder waren zweideutig. Was ist die Schuld der Pharisäer Mt. 12,22ff.? Daß sie den Blick nicht über die Zweideutigkeit des durch Jesus Geschehenen hinaus richten; und dies, obwohl doch wirklich nicht zu bestreiten war, daß tatsächlich auch jüdische Theurgen Dämonen ausgetrieben hatten. Oder Joh. 9: die Forderung der Pharisäer an den Blindgeborenen ist, daß er «Gott die Ehre geben» und die Zweideutigkeit des geschehenen Wunders zugeben solle («daß dieser Mensch ein Sünder ist», V. 24); die Antwort des Geheilten hält sich nicht bei den zweideutigen Möglichkeiten auf («ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht», V. 25a) und läßt sich durch sie den eindeutigen Tatbestand nicht verdunkeln («eines weiß ich: daß ich blind war und bin nun sehend», V. 25b). Sogar das leere Grab am Ostermorgen war zweideutig (Mark. 16,8); aber das ὤφη77, das heißt die 33 in dieser irdischen Welt sich vollziehende, durch die Sinnesorgane vermittelte Wahrnehmung, schließt auch die Zweideutigkeit des ἐτάφη78 in die Eindeutigkeit ein, und auf dies ὤφθη hat Paulus sein ganzes Kapitel 1.Kor. 15 aufgebaut. Deshalb endet die Ostergeschichte weder bei der Resignation des Skeptikers, daß man eben nichts Genaues wissen könne, ob nicht am Ende doch die Jünger einer Illusion anheimgefallen seien; noch bei der Mystik oder Dialektik dessen, der spräche: folglich brauche ich keine Beglaubigung durch die Sinneswahrnehmung, denn diese bleibt zweideutig, auch wenn sie 500 großenteils noch lebenden Menschen angehört (1.Kor. 15,6). Paulus hat weder das eine noch das andere getan, sondern mit dem ὤφθη seine und seiner Gemeinde Gewißheit begründet. Und ebenso hat die Begründung des Glaubens und der Liebe im 1. Johannesbrief ihren entscheidenden Ausgangspunkt in der – menschlich gesprochen: höchst primitiven – Berufung auf die Sinneswahrnehmungen der Ohren und Augen und Hände, welche trotz all ihrer Zweideutigkeit für den Apostel vollkommene und ungebrochene Gültigkeit haben (1.Joh., 1,1).

310Daraus leite ich ab, Herr Kollege, daß ich mir nicht vorreden lasse, aus der Bibel sei eine Kirche zu begründen, welche ihr Wesen in der Unfähigkeit habe, zu den Vorgängen des konkreten geschichtlichen Lebens von Welt und Volk und Mensch Ja oder Nein zu sagen. Eine Kirche, welche, weil sie Kirche ist, sich die Vollmacht absprechen läßt, über Vorgänge dieser Welt, also auch über politische Vorgänge, ein Urteil auszusprechen, ist nicht die im Neuen Testament gemeinte Kirche. Eine Kirche, welche über den 30. Jan. 1933 nichts zu sagen wagt, erstens, weil natürlich dieser 30. Januar ein menschlicher Tag war, und zweitens, weil sie ja doch sonst auch zu anderen politischen Möglichkeiten Stellung nehmen müßte; eine Kirche, welche als Kirche den Dingen und Vorgängen in dieser Welt bloß mit einer relativen Indifferenz gegenüberstehen kann: diese Kirche verleugnet die Vollmacht und die Verantwortung, welche ihr in vollem Maße von dem Herrn der Kirche, weil dieser der Herr der Geschichte ist, gegeben wurde. Das bedeutet gewiß nicht, daß nun wegen jeder politischen Einzelentscheidung eine Stellungnahme der Kirche ex cathedra zu fordern wäre. Ich bin nicht so töricht, nicht zu wissen, daß wir damit in eine politische Kannegießerei 34 geraten würden, für welche die Politiker sich zuallererst bedanken dürften. Aber wenn die Entscheidung der Weltgeschichte in einem Volke fällt zwischen dem Sowjetstern und dem Deutschland des 30. Januar79, dann ist die Kirche unter Gottes Geist und unter Gottes Wort nicht so arm, daß sie nicht eine Vollmacht hätte, zu sagen, ob die Entscheidung dieses Tages von Gott oder vom Satan ist. Drehen Sie mir daraus nun nicht wieder ein Zerrbild dessen, was ich sage! Von Gott, das heißt nicht: neuer Äon; aber das darf heißen: ein von Gott geschenkter neuer Anfang der Geschichte dieses Volkes.80 In welchem Sinn ich für meine Person dieses Ja meine und |311 auch als Ja der Kirche verstehe, habe ich in meinem letzten Brief an der Stelle gesagt, wo ich von dem Gebet für mein Volk und von dem Dank für mein Volk rede.

Kommt die Kirche auf Grund ihrer Vollmacht zu dem gegenteiligen Schluß, dann mag sie den Mut haben, auch dies zu bekennen, und wenn es sein muß, die ihr erwachsende Verfolgung auf sich nehmen vorausgesetzt, daß sie ihr Nein wirklich aus der Vollmacht ihres Glaubens an Jesus Christus spricht. Die Formen eines solchen Nein können gewiß sehr mannigfache sein. Sie werden, vollends im Blick auf Röm. 13, nicht immer eine laute und öffentliche Kampfansage sein; sie werden vielfach in der Verweigerung des Ja und in dem Erdulden eines unblutigen oder blutigen Martyriums bestehen. Aber auch damit ist eine Entscheidung zwischen Ja und Nein gefallen. Auch die Kirche im Staat des Antichrist, auch die Kirche unter Nero ist an Röm. 13 gebunden, insofern sie weiß, daß auch in dieser geschichtlichen Lage Gottes Hand über ihr waltet, auch hier «Gott wirket», sei es als der den Zorn Übende, sei es als der der Anfechtung ihre Grenze und dem, welcher ausharn, die Krone Gebende.81 Aber alles dies bedeutet nicht: Neutralität und Unfähigkeit zum Urteil.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt unseres Streites. Er begann am 23. Januar 1934 damit, daß als Einleitung für ein dem Reichskanzler von den Kirchenführern zu übergebendes Memorandum ein Wort des Dankes an Gott formuliert war für alles, was er im Jahre 1933 dem deutschen Volk durch Adolf Hitler getan habe. Gegen dieses Memorandum und insbesondere gegen diesen Dank haben Sie Einspruch erhoben, und als 35 er Ihnen mit dem Hinweis auf die Rettung von dem Bolschewismus82, auf die Bekämpfung der Arbeitslosen|312not83, auf das Winterhilfswerk84 u. a. begründet wurde, da haben Sie die Position, aus welcher heraus jener Satz des Dankes gesprochen war, im Namen des Reformierten Moderamens in aller Feierlichkeit als häretisch erklärt; haben wenige Tage darauf diese Erklärung über uns dem Druck und damit der vollen kirchlich-theologischen Öffentlichkeit übergeben.85 Genau dasselbe ist auch heute Ihr Standpunkt mir gegenüber. Genau dasselbe haben Sie im Juni 1933 in Ihrer ersten Schrift zum Kirchenkampf vertreten.86 Damals handelte es sich um den Satz des Dreimännerkollegiums (Kapler, Marahrens, Hesse) vom 28.4.1933: «Zu dieser Wende der Geschichte sprechen wir ein dankbares Ja. Gott hat sie uns geschenkt, ihm sei die Ehre.»87 Schon diesen Satz haben Sie damals in aller Schärfe und aller Grundsätzlichkeit der Kirche verboten, weil er ein «politisches Urteil» und eine Privatmeinung sei. Ich nehme an, daß sie mit derselben Konsequenz ein 1870 von der Kirche aufgenommenes «Welch eine Wendung durch Gottes |313 Fügung! »88 als Zeichen unbiblischer und häretischer Gesinnung und Verirrung der Kirche angesprochen hätten.89 Das ist genau der Standpunkt Ihres von mir zitierten: «als wäre nichts geschehen»; – die Kirche muß dem geschichtlichen Geschehen der Welt gegenüber verkündigen, «als wäre nichts geschehen». Diese Art der Verkündigung muß deshalb entstehen, weil Sie sich unterfangen, der Kirche die biblische Vollmacht der Geschichtsdeutung zu bestreiten. Das ist die Irrlehre, welche ich Ihnen vorwerfe, mit der Sie die Kirche verwüsten und die Gemeinden zerstören.

Ich weiß sehr wohl, daß Sie dieses «Als wäre nichts geschehen» nur mit Auswahl anwenden; daß Sie zur Zeit eine überaus gegenwartsund geschichtsdeutende Kirche vertreten. Ich halte diese von Ihnen und Ihren Freunden vertretene Deutung der Kirchengeschichte des jetzigen Augenblicks in vielem (nicht in allem!) für richtig, insbesondere soweit sie die Abwehr von Lüge und Gewalttat als Kampfmittel des kirchlichen Kampfes und soweit sie die Verkürzung des biblischen Rechtes der Gemeinde betrifft. Aber warum kommen Sie eigentlich von Ihrer Position aus nicht dazu, einem abgesetzten und verfolgten Notbundpfarrer zu sagen: Vielleicht ist deine Deutung der Lage doch falsch; die Kirche als solche kann das nicht entscheiden. Weil Sie wissen, daß es eine Vollmacht der Kirche gibt festzustellen, was recht ist und was der Herr fordert (Micha 6,8). Sie nehmen 36 das in Anspruch, obwohl Sie ebenso genau wissen, daß auch eine Bekenntnissynode nicht neuer Äon ist, sondern Einrichtung sündiger Menschen bleibt. Warum stellen Sie dann uns unter das Anathema? Oder, was wichtiger ist, warum verwehren Sie der Kirche dann im anderen Fall die Vollmacht, zu sprechen wie das Dreimännerkollegium oder wie das Me|314morandum vom 23. Januar? Weil Sie jene biblische Vollmacht nicht wirklich ernst und ganz nehmen, sondern sie in einer der Lehre der Heiligen Schrift stracks zuwiderlaufenden Weise von den Dingen «dieser Welt» lösen; weil Sie so tun, als gäbe es einen dritten Artikel ohne den ersten und einen ersten ohne den dritten. Ich bin versucht, den Ausdruck zu prägen: weil Sie eine doketische Ekklesiologie vertreten.90–

In Luthers Schrift «An die Ratsherrn» (1524), in der Erörterung über die Notwendigkeit und Möglichkeit christlicher Schulen, stehen folgende Sätze über die humanistische Bewegung, und zwar unter dem Motto 2.Kor. 6: «das wyr die gnade Gottis nicht vergeblich empfahen vnd die selige zeyt nicht verseumen»: «Denn Gott der allmechtige hatt für war vns deutschen jetzt gnediglich daheymen gesucht, vnd eyn recht gülden jar auff gericht. Da haben wyr jetzt die feynsten gelertisten junge gesellen vnd menner, mit sprachen vnd aller kunst geziert, weliche so wol nutz schaffen kündten, wo man yhr brauchen wöllt, das junge volck zu leren … Aber nu vns Gott so reichlich begnadet, vnd solicher leut die menge geben hat, die das junge volck feyn leren vnd zihen mügen. Warlich so ist not, das wyr die gnade Gottis nicht ynn wind schlahen, vnd lassen yhn nicht vmb sonst anklopffen. Er stehet für der thür, wol vns, so wyr yhm auff thun. Er grüsset vns, selig der yhm antworttet. Versehen wyrs, das er fur vber gehet, wer will yhn widder holen?»91 – Sind etwa die Humanisten keine «zweideutige», «höchst unklare» Angelegenheit gewesen?

Herr Kollege, auch Ihr «Warten wir ab! » gebe ich Ihnen zurück. Vielleicht stand Gott im Jahr 1933 und 1934 vor der Tür des deutschen Volkes und wollte «nicht umsonst anklopfen»; vielleicht heißt es von diesem Jahr, wie die Stelle bei Luther weitergeht: «Denn das sollt yhr wissen, Gottis wort vnd gnade ist ein farender platz regen, der nicht wider kompt, wo er eyn mal gewesen ist … Vnd yhr deutschen dürfft nicht dencken, das yhr yhn ewig haben werdet, Denn der vndanck vnd Verachtung wird yhn nicht lassen bleyben. Drumb greyff zu vnd hallt zu, wer greyffen vnd hallten kan, faule hende müssen eyn 37 bösses jar |315 haben.»92 Über das «Nicht vergeblich» oder das «Vergeblich» dieses Jahres werden Rechenschaft geben vor dem lebendigen Gott nicht bloß jene, welche durch Lüge und Gewalttat, und nicht bloß die, welche durch Unfähigkeit und Dilettantismus Gottes Stunde verdorben haben; sondern auch die, welche sich besonders fromm vorkamen, wenn sie der Kirche und dem Volk vorredeten, man könne nicht wissen, ob wirklich Gott «ein gülden Jahr aufgerichtet habe» oder ob dies bloß eine Privatmeinung sei, und die Kirche und Volk verführt haben zu «Undank und Verachtung» und «ihn nicht lassen bleiben»!

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Kittel

Dritter Offener Brief Barths

Sehr geehrter Herr Kollege!

Daß Sie sich die Mühe genommen haben, mir noch einmal so ausführlich zu schreiben, dafür danke ich Ihnen. Insbesondere dafür, daß ich nun Bescheid darüber erhalten habe, auf Grund welcher Auslegung des Neuen Testaments Sie dazu kommen, die Zustimmung zu der Politik der Nationalsozialisten für einen heute heilsnotwendigen Artikel des christlichen Glaubens und der christlichen Verkündigung zu halten.93 Ich kann nun eigentlich nur wünschen, daß Sie Ihre Ex|316egese mit möglichst konkreter Darlegung Ihrer dogmatisch-praktischen Spitze einer weitern theologischen Öffentlichkeit zugänglich machen.94 Haben Sie recht ausgelegt, so wird sich das Wort Gottes in |317 dieser Ihrer Auslegung schon Bahn schaffen und früher oder später das Gehör der Kirche finden.95 Ich persönlich kann nur sagen, daß mir diese Auslegung so vollständig fremd ist, daß ich nur schon im Blick darauf eine Fortsetzung unseres Gespräches für aussichtslos halten muß. Das ist aber auch meine Ansicht hinsichtlich aller ändern Punkte, über die wir nun Austausch gepflogen haben. Ich denke, wir haben uns beiderseits alle Mühe gegeben; aber keiner von uns hat so reden können, daß der andere ihn verstehen mußte, und keiner hat verstanden, was der andere geredet hat. Ich schließe daraus – und damit komme auch ich auf den Ausgangspunkt unseres Streites zurück –, daß wir in zwei verschiedenen Kirchen reden und hören96 und also je das, was drüben Gott, Geist und Glauben genannt wird, nicht als das wiedererkennen können, was hüben so heißt. Sie können mir und ich kann offenbar Ihnen nicht weiterhelfen. Wir werden jedenfalls darin einig sein, daß sich in dieser Begegnung ein Gericht über uns vollzogen hat. Dieses wissend, müssen wir nun eben beide an unsere so verschiedene und geschiedene Arbeit zurückkehren.

Ihr ergebener
Karl Barth
39

Vierter Offener Brief Gerhard Kittels

Sehr geehrter Herr Kollege!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Auch ich will etwas vom Ausgangspunkt unserer Unterhaltung aufgreifen: daß Gott es ist, der uns gezwungen hat, so miteinander zu reden und zu diesem Ergebnis zu |318 kommen; weil wir mit diesem Ergebnis die Kirche hindern sollen, über ein kirchenpolitisch unbequemes Entweder-Oder hinwegzuleben.

Ihr Wunsch, daß ich der Öffentlichkeit Rechenschaft gebe, deckt sich ganz mit dem meinigen. Wäre es Ihnen recht, wenn wir gemeinsam unseren Briefwechsel veröffentlichen würden? Ich möchte glauben, daß wir damit am unmittelbarsten und ursprünglichsten unserer Kirche den Dienst täten, den Gott meint. Die Briefe brauchen keinerlei Kommentar.97

Ich kann, was ich mir von einer Veröffentlichung dieses Briefwechsels verspräche, verhältnismäßig schlicht dahin zusammenfassen: daß man spüren würde, es handelt sich nicht um zwei Professoren und deren Theologien; es handelt sich auch nicht um Schlagworte, ob sie heißen «Kirche und Volk» oder «Schrift und Bekenntnis». Sondern es handelt sich darum, daß die Kirche und die sie unter Berufung auf Gottes Wort bauen wollen, die Schrift wirklich und ganz ernst nehmen. Wenn etwas davon erreicht würde, wäre der Briefwechsel nicht umsonst und würde weder Barth noch Kittel «recht» behalten haben, sondern Gott.

Mit diesem letzten Satz möchte ich über Ihr Wort «Gericht» hinausfuhren, das ich in großem Ernst aufnehmen kann. Meine Meinung jedenfalls ist die, daß, wenn zwei Menschen mit der Schrift Ernst machen wollen («von ganzem Herzen suchen», Jer. 29,13), sie eine Verheißung haben, welche auch durch alle Irrtümer, in denen sie alle beide stecken, nicht aufgehoben wird.

In diesem Sinne grüße ich Sie als
Ihr ergebener
Kittel
319

Vierter Offener Brief Barths

Sehr geehrter Herr Kollege!

Für Ihren Brief vom 4. ds. danke ich Ihnen. Ich habe nichts einzuwenden gegen die von Ihnen vorgeschlagene Veröffentlichung unseres Briefwechsels.

Ihr sehr ergebener
Karl Barth

Sachfußnoten

1
L. Siegele-Wenschkewitz, Neutestamentliche Wissenschaft vor der Judenfrage. Gerhard Kittels theologische Arbeit im Wandel deutscher Geschichte (ThExh NF 208), München 1980, S. 79 📖. – Vgl. die Kontroverse mit M. Rese, Antisemitismus und neutestamentliche Forschung. Anmerkungen zum Thema ‹Gerhard Kittel und die Judenfrage›, in: EvTh, Beiheft 4, Jg. 39 (1978), S. 53–80 📖. ↩
2
G. Kittel, Die kirchliche und religiöse Lage in Deutschland, in: Allgem. Ev.-Luth. Kirchenzeitung, Jg. 54 (1921), S. 483f.,502 📖. ↩
3
G. Kittel, Jesus und die Juden, Berlin 1926, S. 24.26 📖. ↩
4
G. Kittel, a.a.O., S. 32 📖. – Weitere Belege in G. Kittel, Die Probleme des palästinensischen Spätjudentums und das Urchristentum, Stuttgart 1926, S. 96.125f. 📖, und in: G. Kittel, Art. «Judentum und Christentum», RGG2 III, Tübingen 1929, S. 491–494 📖, zitiert von L. Siegele-Wenschkewitz, a.a.O., S. 59f.72-75 📖. ↩
5
G. Kittel, Jesus und die Juden, Berlin 1926, S. 4 📖. ↩
6
L. Siegele-Wenschkewitz, a.a.O., S. 87.90 📖. ↩
7
G. Kittel, Die Judenfrage, Stuttgart 1933 📖; die 2. Auflage wurde um Anmerkungen und zwei Beilagen vermehrt, darunter Kirche und Judenmission.↩
8
G. Kittel, Die Judenfrage, Stuttgart 19332 S. 25f. 📖 ↩
9
G. Kittel, a.a.O., S. 45–56 📖. ↩
10
G. Kittel, a.a.O., S. 43.73f. 📖 – Ähnlich auch: G. Kittel, Die Judenfrage im Lichte der Bibel, in: Glaube und Volk Jg. 2 (1933), S. 153 📖, und ders., Neutestamentliche Gedanken zur Judenfrage, in: Allgem. Ev.-Luth. Kirchenzeitung, Jg. 66 (1933), Sp. 903–907 📖. – Daran übte M. Buber in einem Offenen Briefe Kritik, in: R. R. Geis und H.-J. Kraus (Hrsg.), Versuche des Verstehens. Dokumente jüdisch-christlicher Begegnung aus den Jahren 1918–1933, München 1966, S. 166–170 📖. Zur Kontroverse s. auch: W. Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden (Studien zu Kirche und Israel, Bd. 10), Berlin 1987, S. 122f. 📖 ↩
11
G. Kittel, a.a.O., S. 76–80 📖. ↩
12
G. Kittel, a.a.O., S. 84 📖. ↩
13
L. Siegele-Wenschkewitz, a.a.O. S. 93f. 📖 ↩
14
K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1. Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt/Berlin/Wien 1977, S. 717.858 📖. ↩
15
K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934 Barmen und Rom, Berlin 1985, S. 55 📖. ↩
16
K. Barth, Vorwort vom 26.1.1934 zu Gottes Wille und unsere Wünsche (ThExh 7), München 1934, S. 4. Vgl. auch: Busch, Lebenslauf, S. 255f. 📖↩
17
Dieser Text ist auch abgedruckt in: RKZ, Jg. 84, Nr. 25, 24.6.1934, S. 207 📖, mit einer Antwort von E. Wolf, S. 207f. 📖 ↩
18
Hellmut Traub erinnerte sich später: «Als wir am 1.7.1934 vom Gottesdienst aus der Schloßkirche (Bonn) nach Hause gingen, Barth, Lollo [von Kirschbaum] (ich glaube: Nelly B. auch und Markus und Christoph – wohl auch Fränzeli [Barth] –), waren wir hochgestimmt und sehr freudig. Nach Hause gekommen, bekamen wir ziemlich sofort (war es nicht durch K. L. Schmidt?) – die Nachricht von dem, was in Wiessee und (schon wurde angedeutet: in ganz Deutschland) passiert war: Die Ermordung Röhms und einiger Tausend Deutsche durch Hitler. Barth saß am Schreibtisch und wurde zusehends blaß und sah verstört aus. Dann schwieg er länger als gewohnt. Dann seufzte er laut und schrie (fast klang es wie eine Drohung): ‹Dann hätte ich ja ganz anders predigen müssen – ganz anders!›» (Aufzeichnung von Dr. H. Stoevesandt vom November 1993).↩
19
Der «Bonner General-Anzeiger» widmete dem Thema unter der Schlagzeile «Hitler zerschlägt Verschwörung von Staatsfeinden» drei Seiten und meldete auf S. 1 die Erschießung Röhms, sieben namentlich genannter SA-Führer und des früheren Reichskanzlers von Schleicher und seiner Frau (Jg. 45, Nr. 14971 📖).↩
20
Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911-1966, hrsg. v. B. Jaspert (GA Abt. V), Zürich 19942, S. 152 📖. ↩
21
Es handelte sich in Kittels zweitem Brief vom 15.6. um den zweiten, den 15. Absatz («Meine offene Anfrage») und den Schlußabsatz, in Barths zweitem Brief vom 19.6. um den zweiten und elften («Zu dem, was Ihnen») und den Schlußsatz, in Kittels drittem Brief vom 28.6. um den zweiten Absatz.↩
22
Kittel war am 16.7. mit dieser Wiederherstellung einverstanden, gab allerdings Barth zu bedenken, ob die «mit Barmen sich beschäftigenden Abschnitte» wirklich unentbehrlich seien. Da Barth jedoch auf seinen Vorschlag nicht einging, blieb es bei dem ursprünglichen Text.↩
23
Kittel hatte in seinem Brief vom 9.7. Barth vorgeschlagen: «Ein Briefwechsel. Von Karl Barth und Gerhard Kittel».↩
24
Der Briefwechsel hatte verschiedene Rezensionen zur Folge: Karl Aé in: Neues sächs. Kirchenblatt, Jg. 41 (1934), Sp. 570 📖; A. Allwohn in: Kirche im Angriff, Jg. 11 (1935), S. 45–55 📖; Wilhelm Kolfhaus in: RKZ, Jg. 84 (1934), S. 263f. 📖; Hermann Mulert in: CW, Jg. 48 (1934), S. 859 📖; K. L. Schmidt in: ThBl, Jg. 13 (1934) S. 328–334 📖. Auf Rudolf Hermann, Theologische Anliegen zur kirchlichen Krisis, in: Wort und Tat, Zts. f. ev. Wahrheit und kirchl. Verantwortung, Jg. 11 (1935), S. 33–45 📖, antwortete Kittel mit einem Offenen Briefe Vom Echo eines «Theologischen Briefwechsels», in: Deutsche Theologie, Jg. 2 (1935), S. 105–114 📖. – Kittel begrüßte später das Buch von Chr. Steding, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, Hamburg 1938, 1942 📖2, mit einem Brief an den Herausgeber: «Wenn dabei auch Karl Barth und dessen Basel seiner theologischen und angeblich reformatorischen Verbrämung entkleidet und als das, was es ist, festgestellt wird: als primär politisch-kulturelle Dekadenz- und Krankheitserscheinung – dann ist dies ein auch für die theologische Zeitgeschichte wesentliches Nebenergebnis» (Verlagsprospekt der Hanseatischen Verlagsanstalt).↩
25
Zitat aus K. Barth, Theologische Existenz heute!, S. 4 📖: Das Entscheidende, was Barth zu den Sorgen und Problemen 1933 zu sagen habe, bestehe darin, mit seinen «Studenten in Vorlesungen und Übungen nach wie vor und als wäre nichts geschehen – vielleicht in leise erhöhtem Ton, aber ohne direkte Bezugnahmen – Theologie und nur Theologie zu treiben.» (Neuausgabe von H. Stoevesandt [ThExh NF 219], München 1984, S. 26 📖) Barth schied sich damit von der großen Mehrheit, die den Regierungsantritt Hitlers als Fügung Gottes deutete und Gott dafür ihre Dankbarkeit bezeugen wollte; sie stieß sich besonders an diesem Satz Barths.↩
26
Barths Ausspruch «Wir haben einen anderen Glauben», s. Einleitung und Anm. 16.↩
27
Hermann A. Hesse hielt in einem langen Protokoll fest: «Inzwischen hatte Karl Barth eine Aussprache mit Kittel-Tübingen, die aber nicht zu der erhofften Verständigung führte.» (Manuskript, S. 4, KBA). – Dieses Gespräch schilderte nach Barths Rückkehr Ch. von Kirschbaum so: «Nachmittags hatte Karl Einzelgespräche mit Kittel und Meiser und hatte von beiden sehr traurige Eindrücke. Kittel sei wie Fezer, Gogarten, Schumann und alle diese Leute einfach wie in einem Fieberzustand und könne theologisch keinen klaren Satz zur Begründung seiner D.C. Sache bringen. Meiser hingegen ist erfüllt von zitternder Angst vor dem Schisma» (Brief an E. Thurneysen vom 26.1.1934; Bw.Th. III, S. 592f. 📖). – Karl Barth faßte am 20.5. in einem Briefe an Thurneysen zusammen: «Ich möchte nicht dabei sein, wenn einmal alle diese Besoffenen aufwachen. Oder vielmehr: es wird dereinst fast krankenschwesterlicher Eigenschaften bedürfen, um das rechte Wort zu finden gegenüber dieser ganzen Mannschaft, die sich ja jetzt wirklich so benimmt, daß man sie für ein für alle mal ‹erledigt› ansehen möchte – wenn das eine christliche Kategorie wäre.» (Bw.Th. III, S. 648f.)↩
28
Ausspruch Hitlers in der Begegnung mit den sog. Kirchenführern am 25.1.1934, die gegen seine Kirchenpolitik protestieren wollten, aber damit nicht zum Zuge kamen, weil er ihnen taktisch überlegen war. «Das Ganze war für Hitler ein völliger Sieg und für die kirchliche Opposition nicht weniger als eine Katastrophe.» (K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 2, Berlin 1985, S. 61 📖)↩
29
Die sog. Tübinger Sätze, die eine möglichst breite Einheitsfront württembergischer Pfarrer gegenüber den drohenden Eingliederungsmaßnahmen des Reichsbischofs formieren wollten, charakterisierten Wurm als besonders regimefreundlich, um Angriffen gegen ihn die Spitze zu nehmen. Wurm, 1920 deutschnationaler Abgeordneter im württembergischen Landtag, hielt während der Weimarer Zeit eine deutschnationale Grundhaltung, die sich teilweise mit der nationalsozialistischen deckte, innerhalb der Kirche für selbstverständlich, trat jedoch allen Bemühungen von Deutschen Christen und Nationalsozialisten in der Kirche entgegen, direkte Parteipolitik in die Kirche zu tragen, und wurde deshalb von ihnen angegriffen. Im Jahre 1933 kam er, immer um die Aussöhnung kirchlicher Richtungen bemüht, den DC und dem NS entgegen, sprach sich in mehreren Punkten für die NS-Regierung aus und übersah deren Rechtsbrüche, verzichtete aber auch jetzt nicht auf Proteste gegen die Art des Vorgehens von Nationalsozialisten innerhalb der Kirche. (G. Schäfer, Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 1, Stuttgart 1971 📖, Bd. 2, Stuttgart 1972 📖.) S. auch: J. Thierfelder, Theophil Wurm, in: Profile des Luthertums. Biographien zum 20. Jahrhundert, Gütersloh 1998, S. 743–758 📖. ↩
30
Als «Wir» sprachen die Barmer Theologische Erklärung «die zur Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche vereinigten Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen, freien Synoden, Kirchentage und Gemeindekreise» (Die Barmer Erklärung. Einführung und Dokumentation, hrsg. von A. Burgsmüller und R. Weth, Neukirchen 1983, S. 31 📖).↩
31
Vgl. 1.Petr. 3,16; Hebr. 13,18.↩
32
Vgl. Hos. 13,2.↩
33
Siehe Kittels Offene Frage an die Männer des Bruderrates 📖. ↩
34
Was Barth mit diesem Begriff meinte, hatte er in seinen Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen im November 1933 umrissen. Darin sprach er von der «heute umgehenden, mit christlichen Begriffen arbeitenden Gnosis, die weder den ersten noch den zweiten noch den dritten Artikel als Bekenntnis zum Worte Gottes, sondern alle drei als Explikationen des menschlichen Selbstverständnisses (in der heute üblichen Betonung des nationalen Momentes) auffaßt und behandelt, und die sich überdies durch Usurpation in den Besitz der äußeren kirchlichen Gewalt gesetzt hat.» (K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse des Jahres 1933, Göttingen 1934, S. 93 📖).↩
35
Auf dem vierseitigen Faltblatt, auf dem die eingangs genannte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche am 31.5.1934 auf den Seiten 2 und 3 die Theologische Erklärung und auf Seite 4 die Erklärung der Bekenntnissynode zur Rechtslage der Deutschen Evangelischen Kirche wiedergab, erschien am Ende der letzteren Erklärung, also am Ende des Faltblattes, «Der Bruderrat» mit 12 Namen. (Wiedergabe in Faksimile in G. van Norden u. a., Wir verwerfen die falsche Lehre. Arbeits- und Lesebuch zur Barmer Theologischen Erklärung und zum Kirchenkampf, Wuppertal-Barmen 1984, S. 75–78 📖).↩
36
Kittel stellte diese Frage, nachdem Barth seine Scheidung von den D.C. deutlich gemacht hatte (s. Einleitung und Anm. 16).↩
37
[Anm. Kittels:] = «Das Erscheinen (nämlich: Christi)»; vgl. 1.Tim. 6,14; 2.Tim. 1,10 u. a. – «Epiphanes» = «der Erschienene (Gott)» war im Altertum Beiname von Fürsten, welche sich als Gott verehren ließen (z.B. Antiochus IV. Epiphanes von Syrien).↩
38
[Anm. Kittels:] = «Offenbarung»; vgl. 1.Kor. 14,26; 2.Kor. 12,7; Gal. 2,2 u. a. ↩
39
[Anm. Kittels:] = «Die Werke Gottes»↩
40
Mt. 6,28; 10,31; Lk. 12,7.27.↩
41
Zitat aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis.↩
42
Vgl. Lk. 7,11–17.↩
43
Vgl. Mk. 6,37ff.; 8,1ff. – Mt. 14,14ff. – Lk. 9,10ff. – Joh. 6,1.↩
44
Vokabular der politischen Rechten, die die Weimarer Republik nicht anerkannten.↩
45
Auch am Vormittag des 23.1.1934 hatte Kittel das getan. Hans Meiser vermerkte, Kittel habe gesagt: «In diesem Jahr ist etwas geschehen. Gott hat gehandelt in der Geschichte des Jahres 1933.» In: Verantwortung für die Kirche. Stenographische Aufzeichnungen und Mitschriften von Landesbischof Hans Meiser 1933-1955, Bd. I: Sommer 1933 bis Sommer 1935 (AKIZ A1), Göttingen 1985, S. 232 📖. – Auch in: K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 2, Berlin 1985, S. 55 📖. ↩
46
Ihmels schloß eine Selbstdarstellung mit den Sätzen: «Soll daher alles, was über die Aufgabe der Theologie und der Kirche zu sagen ist, in einem Wort zusammengefaßt werden, so könnte ich nur das Wort wiederholen, das ich 1909 für die Leipziger Neuesten Nachrichten schrieb, als sie für das Universitätsjubiläum ein charakteristisches Leitwort wünschten: Die Theologie wird Offenbarungstheologie sein, oder sie wird aufhören zu sein.» (in: Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen [Bd. I], hg. von E. Stange, Leipzig 1925, S. 110 📖).↩
47
Anspielung auf die Einleitung zur Barmer Theologischen Erklärung: «Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der Deutschen Christen …» (s. Anm. 19, S. 33).↩
48
Als Asmussen an Barth eine Antwort des Bruderrats auf die Fragen Kittels sandte, reagierte der kritisch auf den Text (Brief an Asmussen vom 24.6.), was Asmussen zur Interpretation der Antwort des Bruderrats herausforderte (Brief vom 26.6. an Barth).↩
49
Jer. 6,14; 8,11; Hes. 13,10.16; 1.Thess. 5,3.↩
50
Darunter Prof. von Soden, der seinen (ablehnenden) Antwortbrief an Kittel vom 25.6. im Durchschlag Barth zukommen ließ. Abdruck in: Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911-1966 (s. Anm. 20), S. 261–264 📖. – E. Wolf richtete am 21.6. an Bultmann einen Brief (a.a.O., S. 260) und veröffentlichte an Kittel Eine Antwort (RKZ, Jg. 84 [1934], S. 207f. 📖). ↩
51
DH 1051 📖. ↩
52
Vgl. Weish. 10,17.↩
53
Datum des Regierungsantritts Adolf Hitlers, in der NS-Propaganda als «Machtergreifung» bezeichnet.↩
54
Siehe Kittels Offene Frage an die Männer des Bruderrates, oben S. 273f. ↩
55
Siehe Offenen Brief an Emanuel Hirsch, Nr. 23.↩
56
E. Hirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung. Akademische Vorlesungen zum Verständnis des deutschen Jahrs 1933, Göttingen 1934 📖. ↩
57
Reichsbischof Ludwig Müller hatte 1934 mehrere Verordnungen (am 4.1., 26.1., 1.3., 7.3. und 12.4.) und Botschaften (vom 12. und 13.4.) herausgebracht (KJ 1933–1945, S. 36–39.45-48.55-58 📖).↩
58
Mit «Revolution» ist die Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 gemeint. Ende November 1932 war von K. Barth der erste Teil der Kirchlichen Dogmatik erschienen: Erster Band: Die Lehre vom Wort Gottes. Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik, Erster Halbband, München 1932 📖. ↩
59
Siehe Einleitung und Anm. 7.↩
60
In einem Prozeß vor einem Sondergericht, der vom 11.-15.6.1934 in Schwerin stattfand, wurden sieben mecklenburgische Pfarrer des Vergehens gegen § 3 der «Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung» vom 21.3.1933 beschuldigt, weil sie in Rundschreiben des Pfarrernotbundes den Staat angegriffen hätten, er habe gewaltsam in die Kirchenangelegenheiten eingegriffen. In dem Urteil, das die ganze kirchliche Opposition treffen sollte, wurden die Pastoren Gottfried Holtz, Johannes Schwartzkopf und Henning Fahrenheim zu 6, 4 resp. 3 Monaten Gefängnis verurteilt. (K. Scholder [s. Anm. 15], S. 217f. 📖)↩
61

An Pastor Hans Asmussen schrieb Barth am 20.6.1934: «Die Aufforderung an die Bekenntnissynode, sich von ihm [Kittel] noch einmal in die Entscheidung rufen zu lassen, halte ich, wie ich ihm auch angedeutet habe, gelinde gesagt für eine Unverfrorenheit. Wer aber mögen die Barmer Synodalen gewesen sein, die ihm jene Antworten gegeben haben, die er nun gegen mich auszuspielen in der Lage ist? Die Sache zeigt ja warnend, daß wir auch innerhalb der eigenen Reihen noch lange nicht über alle Berge sind. Es hätte ja nach Barmen wirklich nicht möglich sein sollen, daß jemand angesichts eines so durchsichtig getarnten Angriffs auch nur mit der Wimper gezuckt hätte! Und nun scheinen etliche gleich kilometerweit davon gelaufen zu sein. Ach ja: Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not!» (Schluß des Liedes von Josua Stegmann: Ach bleib mit deiner Gnade, RG 342, 6; EG 347, 6 🎵).

Am 28.6.1934 schrieb Barth an Asmussen: «Als Antwort auf meinen letzten Brief an Kittel bekam ich ein kleines Schreiben von seiner Frau mit der Mitteilung, daß er mit Fieber im Bett liege und mir nicht gleich antworten könne. Fieber sollen manchmal eine läuternde Wirkung auch auf das Seelenleben des Menschen haben. Hoffen wir, daß sich das an diesem unserm Zeitgenossen in reichlichem Maße als wahr erweist.»↩

62
In seinem Brief vom 20.6. begründete Barth das so: «[…] da mir, nachdem Sie einmal mit der Sache beschäftigt worden sind, daran liegt, daß Sie auch meine Antworten auf die von Professor Kittel zuletzt gestellten Fragen kennen […]»↩
63
Kommentar im Neuen Tübinger Tagblatt, das vom württembergischen Gauleiter und Reichsstatthalter Murr herausgegeben wurde, vom 2.6.1933: «Dieser Vortrag war ein Skandal […] Prof. Kittel hat sich mit diesem Vortrag in schärfsten Widerspruch zum Programm der NSDAP gesetzt, weil er die Förderung einer Religion und Sitte auf deutschem Boden propagierte, die dem germanisch-deutschen Sittlichkeitsempfinden widerspricht» (zitiert von L. Siegele-Wenschkewitz, s. Anm. 1, S. 112 📖).↩
64
Wohl die Hochschulerklärung vom 14.1.1934, in der 72 «evangelische Theologen und akademische Lehrer» sich gegen die Verordnung des Reichsbischofs L. Müller vom 4.1.1934 wandten (JK, Jg. 2 [1934], S. 73 📖; K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse des Jahres 1934, Göttingen 1935, S. 29 📖).↩
65
1.Joh. 4,1, zitiert im Aufruf an die evangelischen Gemeinden und Christen in Deutschland, den die Bekenntnissynode in Barmen am 31.5.1934 erließ (KJ 1933–1944, S. 63 📖). ↩
66
Ebd. 📖↩
67
Vgl. die Erklärung zur Rechtslage der Deutschen Evangelischen Kirche, die die Barmer Synode abgab: «Im Namen der Deutschen Evangelischen Kirche rechtmäßig zu sprechen und zu handeln sind nur die berufen, welche an der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der Kirche als ihrer unantastbaren Grundlage festhalten» (KJ 1933-1944, S. 66 📖).↩
68
[Anm. Kittels:] = «Werk» und «Tat» (Gottes).↩
69
[Anm. Kittels:] «Logos» = Wort; «Doxa = «die Herrlichkeit», «das göttliche Wesen». Joh. 1,14: «Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit.»↩
70
Aufnahme des Vorwurfs, der gegen Barths Theologie erhoben wurde, sie zerreiße die Einheit zwischen Gott dem Schöpfer und Gott dem Erlöser, vgl. den zweiten Offenen Brief Harnacks 1923 an ihn, oben S. 69.↩
71
[Vier Anmerkungen Kittels:] = «Werke (Gottes)» / = «Verstand» / = «Gewissen» / = «Innerer Mensch».↩
72
[Anm. Kittels:] = «Gutes Gewissen».↩
73
Vgl. Apg. 16,3.↩
74
Im § 24 des Programms der Deutschen Arbeiterpartei von 1920 hieß es: «Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden und gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-marxistischen Geist in und außer uns» (Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, hrsg. v. W. Hofer, Frankfurt 1957, S. 30 📖). Kittel hatte sich schon in seiner Schrift Die Judenfrage nur auf einen Teil dieses Paragraphen berufen: «Die NSDAP vertritt nach ihrem Programm (§ 24) ‹den Standpunkt eines positiven Christentums›, und die Männer der deutschen Revolution haben sich immer wieder zu einem solchen bekannt.» (Die Judenfrage, Stuttgart 19332, S. 8 📖). Diesen Teil meinte er auch an dieser Stelle und übersah damit, wie viele politisch rechtsstehende Protestanten in Deutschland, daß im § 24 des Programms der NSDAP christlicher Glaube dem NS-Staat und der NS-Rassenlehre untergeordnet wurde. Darauf hatte H. Sasse schon 1932 deutlich hingewiesen (KJ 1932, S. 65f. 📖). – Barth hatte in einem Briefe an Asmussen am 24.6.1934 geurteilt: «Ich würde es mit Ihnen für sehr unzeitgemäß halten, wenn die Bekenntnissynode jetzt schon mit einer inhaltlichen Erklärung darüber, was positives Christentum sei, d.h. mit einer umfassenden Erklärung des christlichen Glaubens herausrücken würde. Wenn das einmal geschehen muß, dann sollte es sicher nicht in Form einer Interpretation jenes ziemlich blöden Brockens aus dem Parteiprogramm der NSDAP geschehen, als ob die Kirche in diesem Dokument nun eben doch so etwas wie ein klassisches Zeugnis sehen würde.»↩
75
In dem Aufruf der Reichsregierung Hitler vom 1.2.1933 hieß es, sie werde «das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers, in ihren festen Schutz nehmen» (J. u. R. Becker [Hrsg.], Hitlers Machtergreifung [dtv Dokumente 1680], 1983, S. 38 📖). In diesem Stil sprach Hitler aber nur in den ersten Wochen seiner Kanzlerschaft (vgl. Scholder, Bd. 1 [s. Anm. 14], S. 177ff. 📖). Als es sich herausstellte, daß der Siegeszug der Deutschen Christen nicht zu der angestrebten Gleichschaltung der Evangelischen Kirche führte, gingen Hitler und seine Partei schon 1933 wieder, wie vorher, auf Distanz zu den christlichen Konfessionen. Bis 1945 hielt Hitler daran fest, sich auf eine allgemeine «Vorsehung» und auf den «Allmächtigen» zu berufen und seinen «Glauben an Deutschland» zu beteuern. (Vgl. auch E. Jäckel, Hitlers Weltanschauung, Stuttgart 19812. 📖)↩
76
Hier meint Kittel kein Programm im wörtlichen Sinne, sondern die Tatsache, daß die sowjetische Regierung Rußlands seit 1917 die Kirchen, besonders die orthodoxe Kirche, die mit dem zaristischen Rußland eng verbunden gewesen war, bekämpfte und blutig verfolgte.↩
77
[Anm. Kittels:] = «er wurde gesehen», «er erschien»; vgl. 1.Kor. 15,5ff. ↩
78
[Anm. Kittels:] = «er wurde begraben»; vgl. 1.Kor. 15,4.↩
79
In den Wahlkämpfen von 1932 und 1933 behauptete die Propaganda der politischen Rechten, es ginge bei der Wahl um die Verhinderung einer kommunistische Diktatur; die Behauptung, Hitler habe diese verhindert, wurde seit der Einrichtung des Propagandaministeriums unter Dr. Joseph Goebbels am 13.3.1933 als angeblich feststehende Tatsache systematisch verbreitet. Die KPD, die 1932/33 nie mehr als 16, 9% der Wählerstimmen auf sich vereinigte, hatte jedoch keine Putschabsichten, sondern bekämpfte die SPD und erwartete, eine NS-Herrschaft werde von selbst zusammenbrechen.↩
80
Vgl. ähnliche Urteile in der ev. Kirche 1933 wie das «Loccumer Manifest» (Kapler/Marahrens/Hesse) vom Mai 1933, das mit dem Satz begann: «Unser heißgeliebtes deutsches Vaterland hat durch Gottes Fügung eine gewaltige Erhebung erlebt» (KJ , S. 15 📖), oder den Anfang der Verfassung der DEK vom 11.7.1933: «In der Stunde, da Gott unser deutsches Volk eine große geschichtliche Wende erleben läßt […]» (a.a.O., S. 17).↩
81
Jak. 1,12; Apk. 2,10.↩
82
Siehe Anm. 79.↩
83
Die Maßnahmen, die die Regierung Hitler ergriff, wurden in weiten Kreisen des Volkes als Positivum angesehen, ohne daß sie in den wirtschaftlichen Gesamtzusammenhängen erkannt wurden.↩
84
Das «Winterhilfswerk», im Winter 1933 auf Anordnung Hitlers gegründet, sollte ursprünglich die im Winter erhöhte Not Arbeitsloser lindern, wurde dann zu einer allgemeinen Hilfsorganisation, die sich durch Spenden, aber auch durch Lohn- und Gehaltsabzüge bei den Arbeitnehmern finanzierte (H. Lampert, Staatliche Sozialpolitik im Dritten Reich, in: K. D. Bracher u. a. [Hrsg.], Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz, Bonn 1983, S. 199 📖).↩
85
Barth war mit einer «General- und Spezialvollmacht» des Sprechers der Reformierten, Pfarrer D. Hermann Albert Hesse, nach Berlin gereist (W. Niemöller, Hitler und die evangelischen Kirchenführer, Bielefeld 1959, S. 24 📖). In der Debatte hatte er sich auf die Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart berufen, die die freie reformierte Synode am 4.1.1934 in Barmen und die Hauptversammlung des Reformierten Bundes am Tage darauf angenommen und die Barth in Heft 7 der ThExh abgedruckt hatte (S. 9–15 📖; auch in KJ 1933–1944, S. 41–44 📖).↩
86
K. Barth, Theologische Existenz heute! 📖, vgl. Anm. 25. ↩
87
Diesen Aufruf erließen die drei Bevollmächtigten am 25.4.1933, als ihre Ernennung durch den Kirchenausschuß bestätigt worden war (Text u. a. in G. van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh 1979, S, 77f. 📖), von Barth zitiert a.a.O., S. 10 📖, Neuauflage S. 37 📖. ↩
88
Schlußsatz des Telegramms, das König Wilhelm I. von Preußen nach der Kapitulation Napoleons III. am 2.9.1870 aus Sedan an seine Frau sandte (W. Oncken, Unser Heldenkaiser. Festschrift zum hundertjährigen Geburtstage Kaiser Wilhelms des Großen, Berlin 1897, S. 152 📖). Diesen Satz verwandte auch der Reichspropagandaleiter der NSDAP, J. Goebbels, in seinem Bericht von der Programmrede Hitlers zum Reichstagswahlkampf im Berliner Sportpalast am 10.2.1933, um den Machtwechsel in Deutschland im Januar 1933 zu charakterisieren (J. u. R. Becker, Hitlers Machtergreifung, München 1983, S. 59 📖).↩
89
Die Aufnahme jenes Satzes geschah dann in einem Brief Landesbischof Wurms an die Gemeinden nach einem Empfang bei Hitler am 30.10.1934: «Wir preisen Gottes Güte, die unverhofft die Wendung herbeigeführt hat» (J. Gauger, Chronik der Kirchenwirren, Bd. 12 [1935], S. 362 📖).↩
90
Die Doketisten erklärten die Menschwerdung und das Leiden des Gottessohnes zu einem bloßen Schein.↩
91
WA 15, 31 📖. ↩
92
WA 15, 32 📖. ↩
93
Diese zugespitzte Formulierung ist wenige Tage nach den bekannt gewordenen Morden im Zusammenhang mit dem sog. Röhm-Putsch (s. Ende der Einleitung) gewiß kein Zufall. Am gleichen Tage, als Barth seinen Brief schrieb, «genehmigte das Reichskabinett ein Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr, dessen einziger Artikel lautet: ‹Die zur Niederschlagung hochund landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.›» (So der Bonner General-Anzeiger v. 4.7.1934, S. 1 📖; Text auch bei W. Hofer [s. Anm. 74], S. 71 📖). Am gleichen Tage erklärte Hitler die «Maßnahmen zur Niederschlagung der Röhm-Revolte» für «am 1.7. nachts abgeschlossen» und ordnete an, was nun gelten sollte: «Wer sich auf eigene Faust, gleich aus welcher Absicht, in Verfolg dieser Aktion eine Gewalttat zuschulden kommen läßt, wird der normalen Justiz übergeben.» (Bonner General-Anzeiger, a.a.O.). An eben dem 3.7. schrieb Barth an einen Ministerialdirektor: «Im Gedanken an die Ereignisse der letzten Tage kann man sich nur schweigend die Hand drücken.» Am 29.7. kommentierte Barth die politische Lage in einem Brief an Dr. Howe: «Warum hat sich das arme Deutschland diese Suppe einbrocken müssen? Ich finde, daß sie mit jedem Löffel weniger gut wird.» Von seinem Ferienort Bergli bei Oberrieden aus wurde Barth deutlicher, als er es in Deutschland noch sein konnte: Am 15.8. schrieb er an seinen Freund Lukas Christ: «Daß die Verhältnisse da draußen, bei denen man abwechselnd an ein Irrenhaus, an ein Provinzialschmierentheater oder an eine Gangsterhöhle denken möchte, ausgerechnet die Wiederaufrichtung der göttlichen Schöpfungsordnungen bedeuten sollen, daran kann man wirklich nur mit dem grimmigsten Grinsen über die dummen, dummen Theologen denken, die es fertig gebracht haben, nun auch diesen Vogel abzuschießen.» Am 18.8. kritisierte Barth in einem Brief an seinen Vetter Karl Sartorius, Mitarbeiter der Basler Nachrichten, den Kurs dieser Zeitung: «Ich verstehe ja schon, daß ihr nicht gern ohne Not draußen verboten seid. Dennoch hättet ihr nach dem 30. Juni den Irrsinn und das Banditentum, die bei uns die Herrschaft haben, beim Namen nennen, und dennoch hättet ihr anläßlich des Todes von Hindenburg – dieses braven Schwachkopfs, der nun doch einmal an einem guten Teil des deutschen Unheils der letzten 20 Jahre sehr positiv mitschuldig ist – nicht so […] mit den Wölfen heulen dürfen.» (Abgedr. in W. Koch, Karl Barths erste Auseinandersetzungen mit dem Dritten Reich, in: Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Helmut Golwitzer zum 70. Geburtstag, München 1979, S. 498f. 📖) Und am 7.9. schrieb Barth, wieder vom Bergli aus, an Wilhelm Niesel, der sich gerade in der Schweiz aufhielt: «Wie lange wird es noch gehen, so wird das deutsche Volk, durch immer deutlicher werdende sprechende Tatsachen belehn, einsehen müssen, daß es in seiner unglaublichen Gutmütigkeit und politischen Naivetät im Frühjahr 1933 einem Bluff zum Opfer gefallen ist, der mit Verbrechen und Wahnsinnn gleich viel Ähnlichkeit hat, aber jedenfalls nur mit einer Katastrophe endigen kann.»↩
94
Eine öffentliche theologische Auseinandersetzung war zu dem Zeitpunkt nicht mehr selbstverständlich. Gerade war am 29.6. Heft 11 der Theologischen Existenz heute (M. Lackmann, Herr, wohin sollen wir gehen? 📖) mit der Begründung verboten worden, «es handle sich um Weltanschauung» und «diese Weltanschauung gehe gegen den Nationalsozialismus» (Brief Lempps an Barth vom 29.6.1934). Am 29.7. wurden alle Hefte der Theologischen Existenz heute verboten und beschlagnahmt. – Barth hatte schon am 5.6. seinem in der Schweiz studierenden Sohn Markus geraten, sich in Briefen «in der Beurteilung der in Deutschland in Kraft stehenden Staatsform und alles dessen, was damit zusammenhängt, einer größeren Zurückhaltung bes. auch in der Wahl der Ausdrücke zu befleißigen. Du weißt doch, daß wir mit der liberalistischen Idee des Briefgeheimnisses hierzulande gebrochen haben, und kannst Dir denken, daß man bes. für die in meinem Hause eingehende Post nicht ganz uninteressiert ist. Es sind nicht Vermutungen, auf Grund derer ich dies schreibe, sondern sehr reale Tatsachen, von denen ich Dir einmal gemächlich erzählen kann.« – Barths Sohn Christoph erwarb dann im Winter 1935 in Bern das Weißbuch über die Erschießungen des 30. Juni 1934. Authentische Darstellung der deutschen Bartholomäusnacht, Paris 1934 (KBA).↩
95
Vgl Act. 5,38f. ↩
96
Vgl. Barths Satz: «Wir haben einen anderen Glauben …» (Einleitung und Anm. 16).↩
97
Hier hat Kittel in der Druckfassung mehrere Absätze gestrichen, beginnend mit: «Ihr letzter Brief ist auch für mich das Schlußwort, das völlig die Situation trifft. Mit ihm würden wir aufhören und mit meiner Anfrage beginnen. Von dem ersten ganz kurzen Brief, den ich als Begleitbrief zu der Anfrage schrieb, habe ich keinen Durchschlag; den müßte ich im Original oder in Abschrift noch einmal haben.» Es folgen in zwei Absätzen Überlegungen über die Art der Veröffentlichung.↩