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An Pastor Friedrich Hübener, Hörpel Bei Soltau

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An Pastor Friedrich Hübener, Hörpel Bei Soltau

1934

Auf die Aufforderung des Pastors Friedrich Hübener in der Zeitschrift «Die Ev.-Luth. Freikirche», Barth habe «das Wort zum Bekenntnis» (zur leibhaftigen Auferstehung jesu Christi, siehe den Offenen Brief an Petersen, Nr. 31), antwortete Barth am 10.7.1934 mit einem langen Brief direkt an Hübener. Darin weigerte er sich, das geforderte Bekenntnis abzulegen, nannte aber ausführlich die Gründe für diese Weigerung und forderte eine Veröffentlichung seines Schreibens in der «Ev.-Luth. Freikirche».

Der Herausgeber Martin Willkomm kam dieser Forderung jedoch nicht nach. Unter der Hauptüberschrift «Vom Kampfplatz» schrieb er eine Notiz: «Der Kampf um die Auferstehung Christi hat zu einem Briefwechsel zwischen Pastor Fr. Hübener-Hörpel und Prof. D. Karl Barth in Bonn geführt, den wir hier unmöglich abdrucken können, da das den Rahmen unsers Blattes in jeder Beziehung sprengen würde.» Im folgenden gab er einen Satz aus dem gestrichenen Schlußteil von Barths Brief an Petersen wieder und beteuerte, die Zeitschrift bekämpfe sowohl «die Irrtümer der Deutschen Christen und ihrer Führer» als auch «die Prof. Barths und des Pfarrernotbundes».1

Im folgenden wird Barths Brief an Hübener zum ersten Mal im Wortlaut abgedruckt.

Sehr geehrter Herr Pastor!

Leider kann ich Ihnen nur mitteilen, daß es mir nicht möglich ist, Ihrer Aufforderung, vor Ihnen und dem Leserkreis Ihrer Zeitung das gewünschte «Bekenntnis» abzulegen, nachzukommen. Ich will Ihnen aber genau sagen, warum mir das nicht möglich ist. Und ich wollte wohl an Ihre Ritterlichkeit appellieren dürfen, Sie möchten Ihren Lesern, vor denen Sie mich zum vornherein ins Unrecht gesetzt haben, das, was ich Ihnen jetzt schreiben möchte, nicht vorenthalten.

321Wenn und in welcher Sache jemand sich im Status confessionis befindet und also bekennen muß, das dürfte bei ihm und nicht bei irgend jemand anderem stehen, der ihm nun gerade seine Fragen aufdrängen und ins Gewissen schieben will.

Ich habe auf Ihre erste Anfrage in guten Treuen und in aller Offenheit die Antwort gegeben: es stehe für mich seit etwa 15 Jahren fest, daß die Auferstehung Jesu nur als leibliche Auferstehung richtig verstanden werde. Sie haben es für richtig gehalten, bei dem Abdruck meines Briefes in Ihrer Zeitung u. a. gerade diesen Satz nicht mit abzudrucken.2 Statt dessen verdächtigen Sie mich ohne allen Grund als einen Mann, der nicht schlicht heraussage, was er meine, und verlangen, ich müsse mich nun auch noch dazu «bekennen», daß die Auferstehung Jesu eine «geschichtliche Tatsache» sei und jeder, der das leugne, eine «Unchrist». Verzeihen Sie, aber in dieser Atmosphäre von wahrhaft polizeilichem Mißtrauen kann ich nicht «bekennen», sondern nur schweigen.

Zweitens muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß der Begriff «geschichtliche Tatsache» kein biblischer, sondern ein sehr moderner philosophischer Begriff ist, gar nicht einfach, gar nicht eindeutig. Wenn Sie darüber anderer Ansicht sein sollten, dann wissen Sie eben Einiges nicht, was man hier wissen müßte. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Aber Sie können von mir, der das nun eben weiß, nicht verlangen, daß ich mich ausgerechnet zu diesem Begriff nun gerade «bekenne». Ich könnte Ihnen wohl Einiges dazu schreiben, aber das müßte eine kleine Abhandlung werden, und Sie haben ein «Bekenntnis» verlangt.

Drittens scheint mir eine solche Herausforderung zu öffentlichem Bekenntnis nur dann legitim zu sein, wenn der Herausforderer sich zuvor einige Mühe gegeben hat, sich über die Gesamtanschauung des Herausgeforderten einigermaßen zu orientieren. Sie haben das wirklich nicht getan. Sie haben Ihren Lesern nicht einmal über den son|322stigen Gehalt jenes Buches über 1.Kor. 15 eine Andeutung gemacht, sondern begnügen sich, mit ausgestrecktem Finger auf jene eine Seite dieses einen Buches zu zeigen. Sie kennen mich zu wenig, sehr geehrter Herr Pastor, als daß ich mich verpflichtet fühlen müßte, nun gerade vor Ihnen zu «bekennen».

Viertens mißfällt mir ganz außerordentlich der kirchenpolitische Hintergrund Ihrer Anfrage bzw. Ihres Angriffs. Sie überschreiben ihn: «Zum Kirchenkampf», und Sie sagen ja auch ausdrücklich, was Sie bewogen hat, gerade jetzt jenen Hasen aufzujagen. Ginge es Ihnen um die Sache, dann hätten Sie das seit zehn Jahren längst tun können und dann würden Sie heute wahrscheinlich Dringenderes zu tun finden, als diesen Streit mit mir – einen Streit, der mit dem, wofür und wogegen die Kirche heute zu streiten hat, gar nichts zu tun hat – vom Zaune zu reißen. Sie wissen sehr genau, daß so und so viele «Deutsche Christen» und wahrscheinlich der Reichsbischof voran, ohne mit der Wimper zu zucken, bereit wären, sich zu der «geschichtlichen Tatsache» zu bekennen. Dieses Bekenntnis hat gerade in der heutigen Lage einfach keinen Bekenntnischarakter, sogar wenn es als Bekenntnis überhaupt möglich wäre. Wer heute dieses Bekenntnis von mir verlangt, der will etwas ganz Anderes als mein Bekenntnis. Er will mich nämlich – und da muß ich nun noch darauf Bezug nehmen, daß es gerade die «Evangelisch-Lutherische Freikirche» ist, als deren Wortführer Sie gegen mich schreiben – in eine Falle locken, um mit meiner Antwort, falle sie aus wie sie wolle, Material gegen den Notbund – du liebe Zeit, wann bin ich dessen «theologischer Führer»3 gewesen? – und gegen die Bekenntnisgemeinschaft überhaupt zu gewinnen, gegen die zu arbeiten Ihre Kreise nun einmal für geboten erachten. Nein, von Leuten, die im «Kirchenkampf» bisher eine so zweideutige Stellung4 eingenommen haben wie die lutherischen Freikirchler, lasse ich mich heute wirklich nicht zum «Bekennen» nötigen.

323Sie und Ihre Freunde interessieren sich, wie ich sehe5, auch für die Tatsache, dass ich die Erklärung der 35 Theologieprofessoren6 unterschrieben habe. Dazu kann ich nur bemerken: Wenn ich eine solche Erklärung zur Unterschrift vorgelegt erhalte – diese ist übrigens unter meiner Mitwirkung und hier in meinem Studierzimmer redigiert worden –, so frage ich keinen Augenblick danach, wer sie etwa nachher auch noch unterschreiben könnte, sondern ganz allein danach, ob ich mich zu ihrem Inhalt bekennen kann. Findet es sich nachher, daß auch einige ausgesprochen Liberale dabei sind, dann mag ich mich darüber wundern.7 Aber ist es nicht noch viel mehr verwunderlich, daß so viele angeblich Positive regelmäßig nicht dabei sind? Für die allein wichtige Frage des Inhalts einer solchen Erklärung scheint mir weder das Eine noch das Andere interessant zu sein. Und wieder kann ich es nur mit Ihrer Kirchenpolitik mir erklären, daß Sie auch in dieser Sache die Polizei spielen zu müssen glauben.

Alles in Allem: ich glaube nicht, daß die Zeit und Aufmerksamkeit, die Sie an diesen Angriff gewendet und die Sie von Ihren Lesern und doch auch von mir dafür beansprucht haben, gut angewendet war, |324 und ich möchte Ihnen wohl raten können, sich nun wieder solchen Angelegenheiten zuzuwenden, in denen Sie sich nützlicher, kompetenter und doch auch ein bißchen christlicher betätigen können.

Hochachtungsvollst ergeben
Ihr
[Karl Barth]

Sachfußnoten

1
Der Kampf um die Auferstehung Christi, in: Die Ev.-Luth. Freikirche, Jg. 59 (1934) Nr. 17 v. 19.8., S. 133f. 📖 ↩
2
Gegen diesen Vorwurf wehrten sich Hübener in einem privaten Briefe an Barth vom 26.7.1934 und der Herausgeber Willkomm in der «Ev.-luth. Freikirche» (a.a.O., S. 134 📖). Beide erklärten, Pastor Petersen habe ihnen bestätigt, in Nr. 14 sei alles abgedruckt worden, was Petersen aus Barths Brief mitgeteilt habe. Demnach mußte Petersen Barths Brief nur gekürzt an die Redaktion weitergegeben haben.↩
3
Siehe die Einleitung zum Offenen Brief an Petersen, Nr. 31.↩
4
Dagegen wehrte sich Hübener mit dem Argument: «Ich habe gerade in Nr. 10 der ‹Freikirche› […] nachgewiesen, daß Professor Hirsch ein Leugner der Auferstehung Jesu ist. Wir warnen eben von je her, so weit unsere Stimme dringt, vor allen Leugnern der Grundwahrheiten des Christentums.» Ebenso Willkomm, a.a.O., S. 134 📖. ↩
5
In dem Artikel Die Hauptgefahr in den heutigen Kirchenkämpfen, a.a.O., Jg. 59 (1934), Nr. 14 v. 8.7., S. 109f. 📖 ↩
6
Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Landeskirchen, s. den Offenen Brief an Petersen S. 266, Anm. 10. Siehe unten S. 363–368 ↩
7
In dem genannten Artikel (s. Anm. 5) hieß es: «Und nun lesen wir die Unterschriften dieser schönen Erklärung, und da finden wir unter ihnen eine große Zahl der führenden liberalen Professoren, die alle Grundwahrheiten der Heiligen Schrift und der reformatorischen Bekenntnisse öffentlich geleugnet haben und noch leugnen.» Namentlich genannt wurden Prof. [Hermann] Mulert, Kiel, «Herausgeber der liberalen Kirchenzeitung ‹Christliche Welt›», und Prof. [Hermann] Schuster, Göttingen: «Er hat noch 1933 in seiner Schrift ‹Freies deutsches Christentum› die Versöhnungslehre des Apostel Paulus ganz offen als jüdische und heidnische Gedankenreste abgelehnt und ‹getrost preisgegeben›. […] Und nun vereinigt sich derselbe Prof. Barth ohne jedes Bedenken zu kirchlichem Handeln und Bekennen mit solchen, die die Lehre von der Gottheit Christi für ein Gebilde überhitzter heidnischer Phantasie, die Lehre von der Versöhnung durch Christi Blut für jüdische Gedankenreste, die Lehren von Weltgericht und Auferstehung für vermoderte jüdische Gewänder erklären? […] Welche Irrlehre können sie denn bekämpfen, wenn sie die grundstürzenden Irrlehrer in ihrer eigenen Mitte haben und mit ihnen eins sind? »↩