Gotthilf Weber (1900–1987), württembergischer Pfarrer, seit 1931 Geschäftsführer beim Evangelischen Volksbund und seit 1933 bei der Landesstelle des evangelischen Gemeindedienstes in Stuttgart, hatte sich 1933 eine Zeitlang den Deutschen Christen angeschlossen, war jedoch im Herbst 1933 zur Bekennenden Kirche übergegangen.1 1935 war er eine Zeitlang Mitarbeiter von D. Karl Koch, dem Präses der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Bad Oeynhausen. Er wurde auf der Augsburger Synode im Juni 1935 in den Reichsbruderrat gewählt. Weber schrieb am 19.6.1935 von Oeynhausen aus an Barth nach Bonn einen Brief, in dem er seine «dankbare Freude» über das günstige Urteil der Revisionsinstanz über Barths Suspendierung ausdrückte: «Dadurch besteht also doch wohl begründete Hoffnung, daß wir Sie hier behalten dürfen. Diese Aussicht ist uns eine große Ermutigung.» Weber schilderte im folgenden den Verlauf der Augsburger Synode, die er im ganzen positiv beurteilte, und strich insbesondere die Leistung Kochs heraus: «Die Leitung der Synode durch unseren Herrn Präses war fabelhaft.» Weber übersandte an Barth sofort nach Erscheinen die «Beschlüsse der Bekenntnissynode der Deutschen Ev. Kirche in Augsburg am 4.-6.6.1935».2 Nach Barths Absetzung durch Minister Rust (s. Nr. 38) richtete er am 28.6.1935 einen weiteren Brief an Barth:
Hochverehrter lieber Herr Professor!
Der Herr Präses hat mich gebeten, im Auftrag des Reichsbruderrates Ihnen die Genugtuung darüber auszusprechen, daß bei dem Urteil zweiter Instanz diejenigen Sätze des 1. Urteils weggeblieben |355 sind, die Sie in Ihrer persönlichen Ehre gekränkt haben.3 Um so schmerzlicher hat es uns berührt, daß der Reichsminister Rust Ihre Dienstentlassung ausgesprochen hat. Die Begründung, die man dieser Maßnahme in den öffentlichen Pressenotizen gegeben hat, macht es dringend nötig, daß von Seiten der Kirche – nicht von dieser oder jener nicht legitimierten Personengruppe innerhalb der Kirche – noch einmal und unüberhörbar deutlich zur Eidesfrage gesprochen und dadurch die Solidarität der Bekennenden Kirche mit Ihrer Haltung in der Eidesfrage bekundet wird.
Meine persönliche Hoffnung ist, daß nunmehr der rheinische Bruderrat, bzw. der altpreußische, den Augenblick für gekommen erachtet, um sich auch für die Zukunft Ihrer theologischen Arbeit zu versichern und ihr jene sachliche Basis zu geben, die zu ihrer freien Entfaltung nötig ist. Durch einen an Sie ergehenden Ruf zur Arbeit an einer freien Schule würde auch dokumentiert, daß die Bekennende Kirche sich wirklich als Kirche versteht und in Kraft kirchlicher Entscheidung gewillt ist, jeder Zumutung sich zu versagen, als sollte sie ihren Lehrern irgendein bestimmtes politisches Glaubensbekenntnis abverlangen.
Welche Bedeutung hat die Nachricht aus Basel, daß Sie von der dortigen Universität gewählt sind? Das soll doch wohl hoffentlich nicht heißen, daß Sie sich schon entschieden haben, von uns wegzugehen?
Nachdem die zuständigen staatlichen Stellen nunmehr sehr ernsthaft mit der Kirchenfrage sich befassen und wohl auch eingesehen haben, daß die Lösung nicht einfach über die Bekennende Kirche hinweg erfolgen kann, ist wieder große Zeit für die Optimisten und Taktiker. Ich sehe sehr skeptisch. Denn eine mögliche Form der Erledigung der Bekennenden Kirche könnte gerade die staatliche Anerkennung werden.
Nehmen Sie recht herzliche Wünsche für Ihre Arbeit!
In treuer Verbundenheit
Ihr GWeber
356Barth antwortete Weber am 2.7. vom Bergli bei Zürich aus und ermutigte ihn dazu, seinen (Barths) Brief zu verbreiten. Weber verwandte ihn in einem Rundbrief, den das Präsidium der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche am 10.7.1935 von Bad Oeynhausen aus an «die Mitglieder des Reichsbruderrats und die Vorsitzenden der Landes- bzw. Provinzialbruderräte» versandte. Weber strich die Absätze am Anfang und Schluß und das Postskriptum, so daß nur der aus vier Punkten bestehende Hauptteil des Briefes wiedergegeben wurde, und leitete diesen Teil so ein: «Verehrte Herren und Brüder! Wir senden Ihnen in der Beilage zwei Schriftstücke. Beilage 1 enthält Teile eines Briefes, den Karl Barth an einen befreundeten Pfarrer geschrieben hat und worin er in Kürze die Gründe darlegt, die ihn veranlaßt haben, sich für Basel zu entscheiden.»
Bei Barth bedankte sich Weber mit einem Briefe4, dem er mit kritischem Kommentar einige Dokumente lutherischer Herkunft beilegte. Am 6.8. übersandte er Barth ein Urteil der D.C. über die Augsburger Bekenntnissynode und teilte ihm mit:
Die Gründe für Ihr endgültiges Weggehen aus Deutschland, die Sie mir in Ihrem letzten Brief mitteilten, habe ich in einem Anschreiben den Mitgliedern des Reichsbruderrates zugeleitet. Selbstverständlich hat mir das scharfe Angriffe, vor allem von bischöflicher Seite, eingetragen. Man hat sogar versucht, Ihre Haltung aus persönlicher Verärgerung zu erklären, was von uns gebührend zurückgewiesen wurde. – Nachdem ich ursprünglich die Augsburger Synode auch etwas optimistischer beurteilt hatte, muß ich nach dem, was sich seither ereignet bzw. nicht ereignet hat, Ihrer kritischen Stellungnahme weithin recht geben.
Der Rundbrief mit Barths vier Punkten wurde 1977 von H. Prolingheuer wieder abgedruckt.5 Hier erfolgt zum ersten Mal der vollständige Abdruck des Briefes vom 2.7.1935, wobei die damals bei der Vervielfältigung gekürzten Passagen gekennzeichnet worden sind.
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⌜z. Z. Bergli, Oberrieden (Kt. Zürich), 2. Juli 1935 Lieber Herr Pfarrer!
Sie haben mir nun mehrfach so freundschaftlich und warm geschrieben, daß ich nicht länger zögern darf, Ihnen einen Gegengruß zu schicken. Ihr Rat und Ihre Bitte gingen dahin, daß ich in irgend einer Form im Dienst der Bekenntniskirche in Deutschland hätte bleiben sollen. Ich wollte, ich hätte Sie an jenem Sonntag, da Asmussen mir hier seine entgegengesetzte Meinung vortrug6, mit diesem konfrontieren können. Stark und eindeutig ist mir die von Ihnen vertretene Ansicht eigentlich nur von der ganz bestimmten Gruppe der Reformierten um Hesse und Immer vorgetragen worden.7
Meine Entscheidung ist nun anders gefallen. Ich meine schließlich in einer Zwangslage gewesen zu sein, in der sie nur so fallen konnte. Darüber habe ich am 30. Juni einen eingehenden Brief an Hesse geschrieben8, von dem ich wohl möchte, daß er auch Ihnen unter die Augen käme, weil ich darin über meine Motive, so gut ich es konnte, Rechenschaft gegeben habe. Für den Fall, daß dies nicht geschehen sollte, will ich aber seinen Inhalt kurz zusammenfassen, damit gerade Sie bzw. Oeynhausen nicht ohne eine Vorstellung sind von dem, was schließlich entscheidend auf mich gewirkt hat.⌝
1. Es ist gegen die ausdrückliche Abrede vor dem 14. Juni zu keinem bruderrätlichen (Rheinland, Westfalen, altpreuß. Union kamen in Betracht) Beschluß hinsichtlich meiner Berufung gekommen. Ich hatte am 22., als die Absetzung kam, wohl einige Aufforderungen, mich «offen zu halten»9, aber daß das irgendwohin führen werde, das mußte mir angesichts meiner bisherigen Erfahrungen zweifelhaft sein. Ich war faktisch «unberufen».10
3582. Ich fühlte mich seit meiner Suspension, seit den Verhandlungen über die Führung meines Revisionsprozesses und insbesondere seit meiner mehr als problematischen Ausschaltung von der Augsburger Synode seitens der verschiedenen leitenden Gremien der Bekenntniskirche von so wenig brüderlichem Schneid und Vertrauen hinsichtlich meiner politischen Einstellung umgeben – auch der Berliner Skandal um Günther Dehn stand mir dabei vor Augen!11 –, daß ich mich von dieser Bekenntniskirche auch nicht indirekt gerufen fühlen konnte. Wen man rufen will, dessen darf man sich nicht alle Augenblicke aus Gründen, die mit Bekenntnis nichts zu tun haben, doch wieder schämen.12
3. Die Augsburger Synode hat nach meinem Eindruck von ihren Beschlüssen der ganzen Bekenntniskirche ein Gesicht gegeben, in welchem ich das, was wir einst in Barmen und Dahlem wollten, nur noch mit Mühe wiedererkenne. Ich hätte, in Augsburg selbst an der Mitwirkung verhindert, wohl in einer von der Bekenntniskirche unabhängigen Stellung direkt oder indirekt so weiterfechten können, wie ich es für richtig halte, ich konnte mich aber von der so gewandelten Bekenntniskirche nicht berufen und beauftragen lassen.13
4. Ich kann bei der Illusion, als ob der eigentliche Gegner einer bekennenden Kirche nicht der nationalsozialistische Staat als solcher sei, nicht mehr länger mittun, halte die Proteste gegen das Neuheidentum, gegen die Übergriffe der Staatsgewalt, gegen die Gefangensetzung von Pfarrern usw. für längst überholt, müßte statt der ewigen Wiederholung von Röm. 13 endlich auch die Apokalypse und die Propheten aufzuschlagen bitten und würde im Voraus wissen, bei dem allem die verantwortlichen Stellen der Bekenntniskirche nicht für mich, sondern gegen mich zu haben.14
⌜Ich schreibe Ihnen dies Alles selbstverständlich ohne alle polemische Wendung gegen Sie – weiß ich doch gut genug, wie Sie stehen und daß Sie mich in der Hauptsache nur zu gut verstehen, wie ich in dieser Sache überhaupt keine Polemik zu treiben Lust habe, sondern nur im Sinn einer Berichterstattung über meine Lage am 14. und 22. Juni. Ich |359 bin Ihnen für jeden Ihnen recht erscheinenden Gebrauch, den Sie davon machen wollen, nur dankbar; denn Sie werden auch das verstehen, daß ich froh bin um jede Gelegenheit, wo von jemandem, der authentisch um meine Meinung weiß, der sicher bald einsetzenden offiziellen oder privaten Legendenbildung gegenüber das Nötige gesagt wird. Daß ich in dem einen oder andern Punkt irren kann, ist eine Sache für sich, aber dies und nichts Anderes ist in jenen Tagen meine Meinung gewesen.
Bitte empfehlen Sie mich dem Herrn Präses! Er ist auch mir eine verehrungswürdige Persönlichkeit geworden. Aber ich denke doch auch an ihn, wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß früher oder später in der ganzen Bekenntniskirche eine Auswechselung der notorisch erschöpften und verbrauchten ersten Garnitur gegen eine zweite und jüngere vorgenommen werden müßte.15
Und nun lassen Sie mich, vorläufig also Abschied nehmend, herzlich Ihre Hand drücken. Ich wäre Ihnen gerne noch ofters als Genosse in dem schweren Streit der deutschen Kirche begegnet. Es hat nun anders sein sollen. Daß die Kirche eine und dieselbe ist diesseits und jenseits der Grenze, das kann und soll uns trösten. Kann und soll uns auch die Aussicht geben, daß unsere Beziehungen nicht abgebrochen sind, daß unsre Wege sich wieder kreuzen werden. Jedes Wort aus Oeynhausen wird mich auch in Basel sehr bewegen und wird verantwortlich behandelt werden. St. Albanring 18616, wo auch Besucher aus dem «großen Kanton»17 jederzeit willkommen sein werden!!18
Treulichst