38 · 1935

An Pastor D. Hermann Albert Hesse, (Wuppertal-)Elberfeld

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An Pastor D. Hermann Albert Hesse, (Wuppertal-)Elberfeld

1935

Nach Barths Suspension (s. vorigen Offenen Brief) blieb seine Existenz ein halbes Jahr in einem Schwebezustand. Barth legte Berufung ein, versuchte vergeblich, die Vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche um Unterstützung dafür zu gewinnen, und begründete seine Berufung dann im Alleingang.1 Am 1.3.1935 erhielt er vom NS-Staat gänzliches Redeverbot, predigte dennoch, hielt in den Niederlanden Vorlesungen über die «Hauptprobleme der Dogmatik» und veröffentlichte diese Vorlesungen in Deutschland.2 Barth widmete das Buch fünf Pastoren, darunter D. Hermann Albert Hesse (1877–1957)3, Pastor in Wuppertal-Elberfeld (1916–1946), dem Moderator des Reformierten Bundes, der wie Barth aus Protest gegen die kompromißbereite Haltung der süddeutschen Landesbischöfe aus dem Reichsbruderrat ausgetreten war.4 Vom 21. Mai an hielt Barth sich im Ferienhaus seines Freundes Rudolf Pestalozzi auf dem Bergli bei Zürich auf und wartete dort die Entscheidungen in Deutschland ab.5 Für den Fall einer endgültigen Amsenthebung zeichneten sich für ihn zwei Perspektiven ab: entweder in die Schweiz zurückzugehen – die Universität Basel zeigte Interesse an einer Berufung – oder in einer kirchlichen Institution der Bekennenden Kirche in Deutschland als Lehrer tätig zu werden, eine Möglichkeit, die u. a. auch Hesse befürwortete. Doch kamen diese Anregungen und Planungen nicht voran, während eine Berufung nach Basel wahrscheinlich wurde.

Am 14.6.1935 wurde in Berlin das Kölner Urteil und damit die Suspension Barths aufgehoben; Barth wurde lediglich wegen der Verweigerung des Hitler-Grußes mit einer Gehaltskürzung in Höhe von |334 einem Fünftel auf die Dauer eines Jahres bestraft. Daraufhin versetzte Minister Rust am 21.6. Karl Barth «auf Grund von § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933» in den Ruhestand. Die NS-Presse machte deutlich, daß in Deutschland nur der Beamter sein könne, der seinen Eid «bedingungslos» leistete.6 Während in der Bekennenden Kirche noch über die Einrichtung einer freien theologischen Hochschule verhandelt wurde, erhielt Barth am 25.6. den Ruf auf eine zunächst außerordentliche Professur an der Universität Basel und nahm diesen Ruf an.7

Als Pastor Hesse am 28.6.1935 davon durch einen Telefonanruf in Barths Wohnung in Bonn erfuhr, schrieb er ihm am gleichen Tage einen langen Brief, in dem er ihm in bewegten Worten dankte und im einzelnen die Schritte darstellte, die in der Bekennenden Kirche wegen einer Berufung Barths unternommen worden waren. Ehe Barth diesen Brief erhalten hatte, schrieb er seinerseits aus der Schweiz am 30.6.1935 an Hesse und legte seine Sicht der Ereignisse ebenso ausführlich dar. In einer Nachschrift bekundete Barth darin sein Einverständnis, daß sein Brief «in dieser oder jener Form solchen zur Kenntnis» gegeben würde, die ihn nach Hesses Meinung kennen müßten.

Hesses und Barths Briefe wurden daraufhin im Wortlaut (nur ohne das Postskriptum) von Karl Immer, dem Herausgeber der unregelmäßig erscheinenden «Briefe des Coetus reformierter Prediger 📖», im Juli ohne Begleitbrief an die sonstigen Empfänger des Rundbriefes verschickt.8 Dadurch wurde nicht nur in der Bekennenden Kirche Deutschlands Barths Position im einzelnen bekannt.9 Ein Exemplar des Textes wurde vom Dekan der Ev.-Theol. Fakultät der Universität Bonn am 2.9.1935 dem Reichsminister für Wissenschaft übersandt10, |335 als Barth schon nicht mehr in Deutschland reden durfte; nun wurden die bei ihm studierenden Theologen registriert und überwacht.11 Kurz darauf druckte «Der Weckruf», das «Sonntagsblatt der Deutschen Christen. Gau Rheinland», große Teile des Barth-Briefes mit gehässigem Kommentar ab.12 Auch unter deutschen Emigranten wurde der Brief bekannt. Barth gab aber seinerseits nicht die Erlaubnis, ihn abzudrucken, als die Herausgeber der «Deutschen Briefe. Private Berichte aus dem religiösen, kulturellen und politischen Leben in Deutschland», eines Organs katholischer Emigranten in der Schweiz, den Brief nachdrucken wollten.13 Der Brief wurde dann aber in einer deutschsprachigen Zeitschrift der Deutschen Christlichen Volkspartei in Kattowitz im polnischen Teil Oberschlesiens nachgedruckt.14 Von |336 dieser Zeitschrift übernahmen nun doch die «Deutschen Briefe» den Text15 – entgegen Barths Willen.16 Die «Deutschen Briefe» hatten zwar nur einen kleinen Abonnentenkreis, doch wurden sie in der schweizerischen und deutschsprachigen Presse des übrigen Auslandes verwertet.17

Herrn Pastor D. Hermann HesseW.-Elberfeld
Lieber Herr Pastor!

Es wird Ihnen längst bekannt sein, daß ich, nachdem Minister Dr. Rust mich acht Tage nach dem Berliner Urteilsspruch meines Amtes enthoben hat, am Dienstag, den 25. Juni, den erwarteten Ruf nach Basel erhalten und angenommen habe. Die Entscheidung, deren Erwägung uns allen so viel Sorge und Mühe gemacht hat, ist nun also gefallen. Es bleibt mir zunächst nur übrig, Ihnen, den Herren und |337 Brüdern vom Moderamen des Reformierten Bundes und den andern Freunden von den Reformierten und von der Bekenntniskirche fürs erste bedrängten Herzens Lebewohl zu sagen und Ihnen für die mir von Ihnen allen in den vergangenen und letztvergangenen Zeiten reichlich bezeugte Liebe und Treue herzlich zu danken. Ich möchte das aber nicht tun, ohne versucht zu haben, Ihnen und den andern Freunden noch einmal Rechenschaft darüber abzulegen, wie es gekommen ist, daß ich mich schließlich so und nicht anders entschieden habe.

Es ist dabei wohl gut, wenn ich ausdrücklich dies voranstelle, daß ich weiß und bedenke: Gott allein kennt die Herzen. Es bedeutet dies in diesem Fall ein Doppeltes: Es steht mir vor Augen, daß meine eigene Entscheidung irgendwo in mir selbst gefallen ist, wo mich nur Gott kennt, wo ich auch mir selber verborgen bin. Die mir bewußten Motive meines Schrittes können und sollen Ihnen also das Eigentliche und Letzte, das bei mir schließlich den Ausschlag gegeben haben mag, eben nur andeuten, soweit ich es zu kennen meine. Und es steht mir ebenso vor Augen, daß auch alles das, was andere in dieser Sache getan oder nicht getan haben und das ich hier mit zur Sprache bringen muß, soweit ich es überhaupt kenne, von den Geheimnissen umgeben ist, in die ich nicht hineinschaue. Ich kann und darf also im Grunde nur davon reden, wie es sich mir dargestellt und wie es schließlich auf mich gewirkt hat. Halten Sie es mir also zugute, wenn ich mich über mich selbst oder über andere im einzelnen irren sollte. In solcher Lage müssen wir uns ja wohl immer trösten, daß wir miteinander im Gericht dessen sind, dessen barmherziges Verstehen keine Grenzen hat.

Mit diesem Vorbehalt angemeldet, legt sich mir das, was ich hin und her bedacht habe, um dann doch den Basler Ruf anzunehmen und also für einen Ruf der deutschen Bekenntniskirche trotz so manchen an mich gerichteten Appells nicht mehr offenzubleiben, in folgende Erwägungen auseinander:

1. Ich hatte, seit mein Verbleiben in Deutschland auf der Rheinischen Synode im April durch den Vorstoß von Graeber aufs neue zur Sprache gebracht war18, auf einen deutlichen und bestimmten Ruf |338 seitens der verantwortlichen Bruderräte der Westkirche, also von Rheinland und Westfalen, gewartet. Ich hatte das klar und oft genug ausgesprochen und auch das nicht verheimlicht, daß mir dieser Ruf in Form eines endgültigen und verbindlichen Angebots im Augenblick, in dem der Staat mich voraussichtlich fallenließe, bekannt sein müsse, wenn er für mich angesichts meiner schon halb bestehenden Basler Bindung diskutierbar sein solle.19 Ohne jetzt den in Betracht kommenden Motiven und Quietiven noch einmal nachgehen zu wollen, wie ich es in meinem Brief an Niesel vom 15. Juni getan habe20, kann ich nur feststellen, daß es dazu, obwohl seit der Rheinischen Synode Zeit genug ins Land gegangen ist, tatsächlich nicht gekommen ist. Wie habe ich hier in den ersten Juniwochen und noch während des ganzen 14. Juni vergeblich auch nur nach einer Nachricht ausgeschaut! Auf Grund welcher Mißverständnisse konnte man glauben, daß ich, wie man mir nun nachträglich zumuten will, den Beschluß der Rheinischen Synode21 (den doch der Bruderrat erst ausführen sollte!) oder die Sendung der Brüder Hesse und Immer nach Friedrichshafen22 (die doch nur das Allgemeine wiederholen konnten, was die Rheinische Synode schon ausgesprochen hatte!) als Ersatz für das, was man in der ganzen Welt unter einer ernsthaften und gültigen Berufung versteht, aufnehmen könne und werde? Oder wie konnte man glauben, damit etwas Hilfreiches zu tun, daß man mir des öfteren, bis in die zwölfte Stunde und darüber hinaus, zurief, ich möchte mich für eine von niemandem verantwortlich beschlossene zukünftige Berufung «offenhalten»?23 Was soll ich davon denken, wenn ich noch in einem vom |339 25. Juni (!) datierten Brief von D. Humburg sachlich nur das zu lesen bekomme, im übrigen aber vernehmen muß, daß der westfälische Bruderrat sich der Sache überhaupt nicht annehmen wolle, während der rheinische einen Antrag an den Bruderrat der Altpreußischen Union gerichtet habe, in welchem neuerdings von einer theologischen «Akademie» die Rede war24, während des Projektes Graeber, mit dem ich mich seit der Rheinischen Synode allein auseinanderzusetzen hatte, überhaupt nicht mehr gedacht wurde! Ist es nicht zum Lachen oder auch zum Weinen, daß man sich im Rheinischen Bruderrat in einem Augenblick, da hier schon alles verloren war, über die wichtige Frage gestritten zu haben scheint, ob die Sache, zu der mich dann der Altpreußische Bruderrat berufen solle, besser «Hochschule» oder besser «Akademie» genannt werden solle?25 Ich frage: Warum hat mich die Leitung der Bekenntniskirche damit so in Not bringen und mir die Basler Entscheidung förmlich aufzwingen müssen, daß sie in der entscheidenden Stunde trotz Synodalbeschluß, trotz aller Abreden weder wußte, was sie wollte, noch wollte, was sie wußte? Konnte es anders sein, als daß ich mir in dieser entscheidenden Stunde durchaus |340 «unberufen» vorkommen mußte und darum da zusagte, wo ich eine deutliche und bestimmte Anfrage zu hören bekam?

2. Gewiß würde ich nun den Humor und die Freiheit wohl aufgebracht haben, über die allerdings erschütternde Unklarheit dieses Rufes, der nicht gerufen wurde, hinwegzusehen, wenn mir im übrigen gerade aus den Kreisen der führenden Männer der Bekenntniskirche auch nur ein wenig mehr Vertrauen und Entschlossenheit entgegengebracht worden wäre. Ich hätte einen formell einwandfreien Ruf schließlich auch enthehren können, wenn ich in einiger Breite den Boden der Gewißheit unter den Füßen gehabt hätte: ich werde gerade in den besonderen Punkten, die mir von seilen des Staates zum Vorwurf gemacht werden, von den in der Bekenntniskirche öffentlich und verantwortlich handelnden Männern verstanden, gehalten und getragen; meine Sache ist die ihrige, wie die ihrige die meinige ist; sie werden, wenn es zum Treffen kommt, unter allen Umständen ebenso solidarisch neben mir stehen, wie ich mich neben sie gestellt habe. Wir sind einig darin, lieber Herr Pastor, daß die Kirche sich nicht auf menschliche, sondern nur auf die göttliche Treue gründen, verlassen und berufen kann. Aber wenn es für einen, der sich nicht für einen Propheten hält, nicht ratsam wäre, allein auf Grund einer vocatio interna et immediata26 handeln zu wollen, wenn das Wort der Brüder zu einer legitimen vocatio notwendig hinzugehört, dann ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, sich nach einer solchen schlicht solidarischen Haltung der Brüder und nach dem Zeichen des Vorhandenseins echter Bruderschaft und also nach dem Zeichen der Echtheit auch der notwendigen vocatio externa et mediata einigermaßen umzusehen. Und nun muß ich Ihnen sagen, daß ich seit dem Tage meiner ersten Maßregelung im November27 nun doch zu wenig von diesem Zeichen wahrgenommen habe, um in den mir allerdings von vielen Seiten ausgesprochenen Wunsch, ich möchte in Deutschland bleiben, einen bindenden Ruf zu erkennen.

341Die einzige große Ausnahme, die ich als solche wahrlich nie vergessen werde, war das öffentliche Votum, das Sie, lieber Herr Pastor, seinerzeit zusammen mit Immer zur Eidesfrage abgegeben haben.28 Alles übrige bewegte sich auf der Linie von Sympathiekundgebungen und Postulaten, die mich wohl gefreut und getröstet haben, die mich aber, unverbindlich, wie sie gemeint waren und ausgesprochen wurden, meinerseits nicht binden konnten. Zu irgendwelchen entsprechenden Taten ist es ja nicht gekommen. Wohl aber kam es zu den Vorgängen, in denen ich nur Versuche sehen konnte, sich mir gegenüber vorsichtig abzugrenzen, zu distanzieren, sich freizuhalten und sich zu schützen. Der führende Bekenntnispfarrer in Bonn hat es nach meiner Suspension flugs für richtig gehalten, mir seine Kanzel zu verweigern, obwohl ich dort sogar Mitglied des Presbyteriums war.29 Man hat nach dem Kölner Urteil und seiner Begründung, in einem Augenblick und in einer Situation, in der einer bekennenden Kirche wirklich andere Probleme gestellt waren, nach meinem politischen Denken und Tun gefragt, hat es mir ohne allen bekenntnismäßigen Grund als Belastung angerechnet und zum Vorwurf gemacht.30 Es |342 haben nicht nur die VKL, sondern auch die verschiedenen bruderrätlichen Instanzen es für selbstverständlich gehalten, daß ich den Revisionsprozeß – zu dessen Führung man mich zuvor nicht dringend genug (aber freilich auch nicht unverbindlich genug!) auffordern konnte – auf eigene Faust, d.h. ohne irgendeinen öffentlichen Erweis, daß meine Sache die der bekennenden Kirche sei, durchzufechten habe.31 Kaum von den DC und meines Wissens gar nicht von Staat und Partei, wohl aber von Leuten der Bekenntniskirche bis hin zu prominenten Mitgliedern des Reichsbruderrates wurde von meiner gewiß nicht vorsichtigen, aber auch nicht welterschütternden Äußerung über die «Nordgrenze»32 größtes Aufsehen gemacht, wurde sie schriftlich und mündlich über ganz Deutschland verbreitet.33 Und |343 dann hat man mich noch zuletzt – und gerade dies geschah leider entscheidend vom Rheinland aus – von der Augsburger Synode mit einer Begründung ferngehalten, deren greifbare Künstlichkeit mir nur um so deutlicher machen konnte, was man hinsichtlich meiner wollte oder vielmehr nicht wollte.34 Ich bitte Sie, zu verstehen, daß diese Dinge im Blick auf die mich immer wieder erreichende, gewiß ehrlich und freundlich gemeinte Einladung, in Deutschland zu bleiben, nicht nur nicht bindend auf mich wirken konnten, sondern geradezu lösend auf mich wirken mußten. Man kann eben einen Mann nicht rufen, wenn man ihm gleichzeitig so vielfach und so deutlich zu verstehen gibt, daß man ihn für gefährlich hält und daß man lieber nicht mit ihm zusammen «unter den Linden»35 sich sehen lassen will. Konnte man es wirklich von mir als eine Tat der «Barmherzigkeit» verlangen, daß ich von Augsburg fernbleibe36, dann muß man auch begreifen, wenn in |344 mir der Eindruck entstand, die noch größere «Barmherzigkeit» könne und müsse nun darin bestehen, daß ich die deutsche Bekenntniskirche überhaupt von meiner so stark als Belastung empfundenen Gegenwart befreie. – Ist dieser Eindruck ein zufälliger und übertriebener? Bitte, bedenken Sie, daß ich außer meinem Fall auch das eigentümliche Verfahren vor Augen hatte, das seitens der Führung der Bekenntniskirche gegenüber meinem weniger als ich geschützten Freund D. Günther Dehn in Berlin zur Anwendung gebracht wurde.37 Die Bekenntniskirche hat offenbar weder hier noch dort die Fähigkeit bewiesen, verbindliche, d.h. durch ein entsprechendes bekenntnismäßiges Handeln interpretierte und darum auch bindende Berufungen ergehen zu lassen.

3. Ich denke nun aber, daß auch der eben entwickelte Gesichtspunkt für meine Entscheidung nicht ausschlaggebend hätte werden können, wenn ich mich mit der deutschen Bekenntniskirche hinsichtlich ihres allgemeinen Weges nach wie vor in einem genügenden Maße einig wissen könnte. Das ist seit der Augsburger Synode – in deren Würdigung ich (nach unsern Unterhaltungen in Friedrichshafen und nach Ihrem Bericht in den Vertraulichen Blättern von Kolfhaus38 zu schließen) auch mit Ihnen und Immer nicht ganz einverstanden bin – nicht mehr der Fall. Es traf sich merkwürdig genug, daß ich, als das verhängnisvolle Telegramm des Ministers am 22. Juni hier eintraf, gerade ahnungslos mit der nachdrücklichen Lektüre der gedruckten Beschlüsse diese Synode39 beschäftigt war. Ich kann vom Bekenntnis her |345 nicht verstehen, wie man angesichts der bisherigen Entwicklung dazu gekommen ist, der VKL geradezu den «Dank der Kirche» auszusprechen (5).40 Ich halte die unverbindliche Form der beschlossenen Neuregelung des Verhältnisses von VKL, Reichsbruderrat und Bekenntnissynode angesichts der Problematik, die uns seit dem 20. November 1934 beschäftigt hat, für eine Vernebelung, die sich rächen muß (6).41 Ich beklage es, daß sich in das «Wort an die Gemeinden etc.» auf Seite 8 der Satz: «Ehret die Gabe Gottes …! » einschleichen konnte42, der eine offene Konzession an das Dogma der DC bedeutet, die |346 man in den früheren Erklärungen mit Bewußtsein unterlassen hatte – die längst ersehnte, aber wirklich nicht wünschbare Frontverbreiterung wird damit geschafft sein! –, während in demselben Zusammenhang der wahrhaftig längst sehr konkret gestellten Eidesfrage überhaupt nicht gedacht wird. Wie war es möglich, daß die Bekenntnissynode jetzt auf einmal (13) den einst zwischen dem Reibi43 und Baldur von Schirach abgeschlossenen Jugendvertrag, den man bisher immer als untragbar bezeichnet hat, sang- und klanglos ratifizieren konnte?44 Zu was bekennt sich die Bekenntnissynode (15) mit dem hervorgehobenen «Gruß» nun gerade an D. von Bodelschwingh?45 Was stehn da in 17 wieder für Loyalitätsbeteuerungen?46 Sind sie aufrichtig? Wie seltsam ahnungslos oder gar schlafend müßte dann die deutsche Christenheit die Entwicklungen der letzten Jahre begleitet haben! Ich weiß aber, wie viele der mir bekannten Führer der Be|347kenntniskirche über die in Frage kommenden Personen, Ereignisse und Verhältnisse tatsächlich nicht weniger kritisch denken als etwa ich, und darum verstehe ich nicht, wie man aufrichtigerweise noch und noch einmal so tun konnte, als ob für das christliche Verständnis der heutigen konkreten Verhältnisse von Evangelium und Staat allein Röm. 13 etc. und nicht auch die Apokalypse47, nicht auch das Verhalten der alttestamendichen Propheten48 maßgebend sein müßte! Und was in aller Welt mag man sich bei dem Satz Seite 16: «Wir bitten inständigst…»49 vom Bekenntnis her gedacht haben!? Durfte man sich angesichts aller dieser Dinge der erreichten Einmütigkeit und dessen trösten, daß den Episkopalen und Konfessionellen immerhin auch einige Felle weggeschwommen sind? Erquickt man sich nun wirklich auch im Rheinland an jenem Sonnenstrahl, der zum Schluß (wie einst bei der Proklamation der conceptio immaculata!50) auf den silbernen Altarkruzifixus gefallen sei?51 Besteht wirklich Anlaß zu einem Halleluja darüber, daß die «Linie» inskünftig die Linie Barmen – Dahlem – – Augsburg heißen werde? Ich konnte und ich kann mich dieses Augsburger Religionsfriedens52 unmöglich freuen. Und wenn ich mich unter andern Umständen einfach genötigt gesehen hätte, innerhalb der deutschen Bekenntniskirche den ehrlichen Kampf da|348gegen aufzunehmen, so mußte ich mir, da er in dem Augenblick Ereignis wurde, da diese Bekenntniskirche mich berufen zu wollen schien, sagen: gerade im Zeichen dieser Synode kann ich durch diese Bekenntniskirche gar nicht legitim berufen werden. Wollte und will die Bekenntniskirche nun eben das, führte ihr Weg von Barmen über Dahlem wirklich nach Augsburg, wo man mich ja ohnehin lieber nicht dabei haben wollte, dann kann sie nicht gleichzeitig meine weiteren Dienste haben wollen, dann darf, nein, dann muß ich meine wirklich nicht angenehme Funktion in diesem kirchlichen Raum, meine Aufgabe, immer wieder meine längst bekannten Fragen zu stellen und Widersprüche anzumelden, als beendigt ansehen.

4. Mit dem im Hinblick auf den Tenor der Augsburger Beschlüsse Gesagten steht ein Viertes im Zusammenhang. Meine Gedanken über das gegenwärtige Regierungssystem in Deutschland, die von Anfang an ablehnend waren, in denen ich mir aber anfangs, wie meine Veröffentlichungen zeigen, immerhin eine gewisse Zurückhaltung auferlegen konnte, haben sich mit der Zeit und mit dem Lauf der Ereignisse so zugespitzt, daß meine weitere Existenz in Deutschland, da die Bekenntniskirche mich bei diesen Gedanken im Ganzen nicht tragen kann, sozusagen physisch unmöglich geworden ist. Ich zweifle nicht daran, daß Unzählige unter ihren Gliedern im stillen genau so denken wie ich. Und ich bin überzeugt, daß auch die Bekenntniskirche als solche über kurz oder lang vor der Frage stehen wird, ob sie nicht vom Bekenntnis her genau so denken – und dann auch entsprechend reden oder handeln müsse. Im gegenwärtigen Augenblick aber steht die Bekenntniskirche als solche, wie gerade Augsburg gezeigt hat, nicht dort. Sie denkt noch gar nicht daran, daß sie, ein «Wort an die Obrigkeit» richtend, auch noch etwas anderes auszusprechen haben könnte als die mit der Beteuerung ihrer politischen Zuverlässigkeit begründete «inständige» Bitte um die Erhaltung ihres durch die Reichsregierung garantierten Bestandes und daß ihr Gebet für die von Gott gesetzte Obrigkeit53 seine Echtheit darin erweisen müßte, daß es, wo sie die Lüge und das Unrecht zum Prinzip erhoben sieht54, eines Tages |349 auch zu dem in den Psalmen vorgesehenen Gebet um Befreiung von einer fluchwürdig gewordenen Tyrannei werden könnte.55 Sie hat für Millionen von Unrecht Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet – wenn sie redet – noch immer nur in ihrer eigenen Sache.56 Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es im heutigen Staat mit einem Rechtsstaat im Sinn von Röm. 13 zu tun habe. Und es ist heute weniger als je zu erwarten, daß sich darin so bald etwas ändern werde.57 Es wird eine peinliche Erinnerung an die |350 letzten zwei Jahre sein und bleiben, daß ich selber nicht kräftiger in der hier gebotenen Richtung vorgestoßen habe.58 Vielleicht stand es mir als Schweizer auch nicht an, dies zu tun. Jedenfalls könnte ich jetzt nicht mehr länger dabei mittun, zu schweigen, wo geredet werden sollte, zu reden, wo Schweigen die allein würdige Rede wäre. Ich würde aber, wenn ich eine andere Haltung sichtbar machen wollte, von ferne nicht den Boden der Bekenntniskirche unter den Füßen haben, wie sie nun in Augsburg in die Erscheinung getreten ist. Auch darum kann ich mich von dieser Bekenntniskirche jetzt nicht legitim berufen fühlen.59

Dies, lieber Herr Pastor, sind die Dinge, die ich Ihnen und den andern Herren, Brüdern und Freunden noch einmal sagen wollte. Ich bitte Sie, am Schluß dieses Briefes des Vorbehaltes nochmals zu gedenken, den ich am Anfang allen Ernstes gemacht habe. Und Sie wissen, daß das Gesagte nicht alles ist, was ich von der deutschen Be|351kenntniskirche zu sagen habe! Ich habe allen Anlaß, nicht nur Gott, sondern auch vielen Menschen dafür zu danken, daß ich in diesen Jahren bei dieser Sache mittun durfte, und ich werde sie auch aus der Ferne und ohne die Möglichkeit einer direkten Mitwirkung immer als meine eigene Sache betrachten und ihren weiteren Gang, wie er sich auch gestalten möge, so begleiten, wie Christen die Sache ihres Herrn in der Nähe oder aus der Ferne begleiten sollen. Was ich Ihnen mitteilen wollte, war nur eine Erklärung darüber, warum ich – da ich nun einmal schicksalsmäßig im Unterschied zu anderen vor die Wahl gestellt war – schließlich so und nicht anders und also innerhalb des Raumes der einen Kirche fürs erste den schweizerischen statt des deutschen Raumes gewählt habe. Sie wissen, daß ich nicht nur Ihnen und unseren näheren Freunden, sondern auch den meisten von denen, die sich in diesem Brief direkt oder indirekt angeklagt finden möchten, menschlich und persönlich aufs herzlichste zugetan bin, daß mir die nun eintretende äußere Entfernung sehr, sehr leid tut und daß ich andererseits gewiß bin, daß in diesen Jahren Verbindungen entstanden sind, die auch den Gefahren dieser Entfernung standhalten werden. Eben im Blick auf diese feste Zusammengehörigkeit habe ich es gewagt, noch einmal ein offenes Wort zu sagen, und wage ich es, so oder so bestimmt mit Ihrem Verständnis für meine Lage und meinen Entschluß zu rechnen.60

352Es ist mir zum Schluß eine traurige Pflicht, das Moderamen des Reformierten Bundes um meine Entlassung aus seiner Mitte zu bitten.61 Ich war immer gerne in seinem Kreise. Ich grüße alle und jeden einzelnen und danke für die Offenheit und für die oft nötige Geduld, |353 mit der Sie alle mich aufgenommen und mir die Mitarbeit leicht gemacht haben.

Indem ich Sie und mich mit allen, die wir für Gute und Böse halten, Gott empfehle, bin ich mit sehr herzlichem Gruß
Ihr
Karl Barth

⌜Ich bin im voraus damit einverstanden, wenn Sie diesen Brief in dieser oder jener Form Solchen zur Kenntnis geben wollen, die ihn nach Ihrer Meinung kennen müssen, und darf wohl auch Ihr Einverständnis voraussetzen, wenn ich selber an einige besondere Adressen Durchschläge davon abgehen lasse.⌝

Sachfußnoten

1
H. Prolingheuer, Karl Barth. Chronographie einer Vertreibung 1934–1935, Neukirchen 19771, 19842 S. 130ff. 📖 ↩
2
K. Barth, Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik dargestellt im Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis, München 1935 📖. ↩
3
Ferner Hans Asmussen, Karl Immer, Martin Niemöller und Heinrich Vogel «im Gedenken an Alle, die standen, stehen und stehen werden».↩
4
Siehe den vorigen Offenen Brief.↩
5
E. Busch, Lebenslauf, S. 174 📖.↩
6
H. Prolingheuer, a.a.O., S. 195.198f. 📖 ↩
7
A.a.O., S. 202–206 📖. ↩
8
Wiederabdruck in: K. Immer, Die Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933-1937, Neukirchen 1976, S. 64–68 resp. 69-74 📖. Karl Immer erklärte in seinem Rundbrief vom 5.8.1935, daß sich die beiden Briefe gekreuzt hätten, und entschuldigte sich dafür, daß er den Brief Hesses ungekürzt abgedruckt hatte (a.a.O., S. 76f.).↩
9
Das Exemplar, das Dietrich Bonhoeffer erhielt, wurde von den Kandidaten des Predigerseminars in Finkenwalde vervielfältigt und «an alle Freunde» versandt (so E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München 19671, S. 496 📖.)↩
10
Der Dekan wies darauf hin, daß Barths Äußerungen «eine derartige abgründige, ja feindliche Stellung zu dem nationalsozialistischen Deutschland verraten, daß zu erwägen ist, ob dem Prof. Barth fernerhin gestattet werden soll, in Deutschland Vorträge zu halten, und ob es deutschen Studenten erlaubt sein soll, bei Prof. Barth in Basel Vorlesungen zu hören.» (Busch, Bogen, S. 272 📖).↩
11
Busch, ebd. 📖↩
12

Barth teilte am 17.9. A. de Quervain mit: «Die D.C. haben meinen Brief an Hesse erwischt und publizieren ihn nun teilweise (Sie können sich denken, in welchen Teilen!) in ihrer Presse (z.B. Weckruf vom 25.9. Nr. 37 📖)».

Der Artikel Ein Abschiedsbrief, mit «D» gezeichnet, begann: «Abschiedsbriefe, sie sind immer schwer. Man liest sie mit Wehmut. Anders ist das im vorliegenden Falle. […] Man kann die 5 1/2 Seiten engsten Maschinenschriftsatzes nur mit tiefer Erschütterung auf sich wirken lassen.» Der Schlußkommentar lautete: «Dieser Abschied erfüllt uns nicht mit Wehmut, sondern mit freudiger Genugtuung. Es wird unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, daß das Gift der Barthschen Gedankengänge aus den Hirnen und Herzen der heranwachsenden theologischen Generation ausgerottet und die verhängnisvollen Wirkungen, die sie auch bis in die Laienkreise hinein geübt haben und noch üben, wieder überwunden werden.» (Der Weckruf, Jg. 3, Nr. 37 vom 15.9.1935, S. 584.586)↩

13
Siehe Deutsche Briefe 1934–1938. Ein Blatt der katholischen Emigration, hrsg. von H. Hürten (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte der katholischen Akademie in Bayern, Reihe A, Bd. 6), Mainz 1969, S. 622f. 📖 ↩
14
Wo steht die Bekenntniskirche? Ein Aufsehen erregender Brief des protestantischen Dogmatikers Univ. Prof. D. Karl Barth, in: Der Deutsche in Polen. Für christliche Politik, Kultur und Wirtschaft, Jg. 2 (1935), Nr. 45 vom 10.11.1935, Beilage 📖. Im Vorspann zu dem Brief, in dem einige Namen, auch der des Empfängers, getilgt worden waren, hieß es: «In seinem uns von reichsdeutscher evangelischer Seite zur Veröffentlichung überreichten Brief gibt nun Karl Barth Aufklärung über die Vorgänge jener Tage und ihre Begleiterscheinungen, welche Darstellung geeignet ist, die christliche Welt erneut aufhorchen zu lassen.»↩
15
Ein historischer Brief von Karl Barth, in: Deutsche Briefe Nr. 59 vom 15.11.1935 📖, a.a.O., S. 666–672 📖. Im Vorspann zu dem Brief hieß es: «Endlich ist ein Brief, den der berühmte protestantische Theologe Karl Barth nach seiner zwangsweisen Entfernung aus der Bonner Professur an deutsche Freunde gerichtet hatte und der seit Wochen in eingeweihten Kreisen bekannt war und viel besprochen wurde, publiziert worden. Und zwar ist diese Publikation in der ausgezeichneten christlich-deutschen Wochenschrift ‹Der Deutsche in Polen› vom 10. November erfolgt. […] Wir bringen diesen Brief wegen seiner entscheidenden Bedeutung trotz seines Umfanges wörtlich mit den unwesentlichen Kürzungen, die ‹Der Deutsche in Polen› angebracht hat.» (a.a.O., S. 665)↩
16
Er schrieb am 10.1.1936 an Pastor NN.: «Ich möchte aber nicht versäumen, Ihnen ausdrücklich zu sagen, daß ich keinerlei Beziehungen zu den ‹Deutschen Briefen› habe und seinerzeit gegen meinen ausdrücklichen Willen der Abdruck meines Briefes an Herrn D. Hesse erfolgte.»↩
17
Der Kreis der Abonnenten lag unter 200, doch waren darunter zwei Dutzend meist Schweizer Tageszeitungen (a.a.O., S. XLI 📖).↩
18
Friedrich Graeber hatte den Antrag gestellt, die Synode möge den rheinischen Bruderrat auffordern, «in Verbindung mit dem Westfälischen Bruderrat beschleunigt dafür Sorge zu tragen, daß Professor D. Dr. K. Barth seine Arbeit als theologischer Lehrer der Kirche zum Segen sonderlich unserer kirchlichen Westprovinzen fortsetzen kann.» Der Antrag war einstimmig angenommen worden. (Prolingheuer, a.a.O., S. 174 📖, nach: K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage, Bd. III: Das Jahr 1935, Göttingen 1936, S. 108 📖).↩
19
Schilderung der Verhandlungen bei Prolingheuer, a.a.O., S. 116.125 📖. ↩
20
Wortlaut bei Prolingheuer, a.a.O., S. 333f. 📖 ↩
21
Siehe Anm. 18.↩
22
Hesse und Immer waren am 6.6.1935 von der in Augsburg tagenden Reichssynode aus nach Friedrichshafen gefahren, um dort Barth über den Verlauf der Synode zu informieren (Prolingheuer, a.a.O., S. 193f. 📖).↩
23
Zitat aus dem Telegramm der Vertrauensmänner der rheinischen Bruderschaft der Hilfsprediger und Vikare, das sie von ihrer Tagung am 14.6.1935 in Düsseldorf an Barth sandten: Die Bruderschaft «erwartet, dass Sie sich einem an Sie ergehenden Lehrauftrag der Bekenntniskirche unbedingt offen halten» (s. auch Prolingheuer, a.a.O., S. 195 📖).↩
24
Humburg berichtete in seinem Briefe vom 25.6.1935 von einer ersten Besprechung des Bruderrats der rheinischen Synode mit dem Bruderrat der westfälischen Bekenntnissynode, in der Humburgs «optimistische Hoffnungen, wir kämen heute schon zu einer klaren Entscheidung, enttäuscht worden sind. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen.» Der rheinische Bruderrat habe ein Telegramm an den Bruderrat der altpreußischen Union geschickt, «in seiner Sitzung am Freitag, dem 28. Juni, die kirchliche Berufung des Herrn Prof. D. Karl Barth in eine zu gründende theologische Akademie der Bekenntniskirche auszusprechen …»↩
25
Humburg berichtete: «Sie sehen, daß wir in diesem Antrag den Namen ‹Akademie› gebrauchen. Dieser Ausdruck ist nicht endgültig festgelegt. Wir möchten damit nur den Bedenken unserer westfälischen Brüder entgegenkommen, die den Ausdruck ‹Hochschule› als zu anspruchsvoll bezeichnen. Wir aber lassen nicht von dem Gedanken, daß die zu gründende Lehranstalt sich in der Weise allmählich herausbildet, daß der Ausdruck ‹Hochschule› hernach der richtige Name ist. In dem Sinne werden wir am Freitag die Sache im preußischen Rat vertreten.» (Brief vom 25.6.1935)↩
26
Die alte Dogmatik unterschied zwischen der vocatio interna et immediata, der Berufung, die den Menschen unmittelbar von Gott bzw. von Jesus Christus durch den Heiligen Geist treffe, und der vocatio externa et mediata, die durch menschlichen Zeugendienst geschehe. (Vgl. K. Barth, KD IV/3, S. 591–594 📖).↩
27
= der Suspension am 26.11.1934, s. Offenen Brief Nr. 37.↩
28
Siehe Offenen Brief Nr. 37, S. 329, Anm. 20.↩
29
Pfarrer war F. Frick. Der Vorgang ist nicht schriftlich belegt. Pfarrer Dr. Werner Koch, damals Vikar in Bonn, erinnerte sich 1975, daß Barth mit ihm über die Kanzelverweigerung durch Frick gesprochen habe. «Fricks Begründung war die übliche, man könne der Gemeinde nicht zumuten, ‹Gottes Wort› von einem Manne anzunehmen, gegen den zumindest ein Großteil der Gemeinde die schwersten Vorbehalte habe. Gemeint waren natürlich die politischen.» (Prolingheuer, a.a.O., S. 109, Anm. 45 📖). – Zu Fricks Rolle s. A. Hinz-Wessels, Die Evangelische Kirchengemeinde Bonn in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) (Veröffentlichung des Stadtarchivs Bonn, Bd. 57), Bonn 1996, S. 188–192 📖.↩
30

Paul Humburg schrieb am 9.2.1935 an Barth: «Ihre frühere Parteinahme für die bekannte politische Partei [die SPD, der Hrsg.] war, soviel ich davon weiß, keine kirchliche Haltung. Sie haben die Christusfeindschaft der Partei nicht tragisch genommen, wie Sie sagten. Sie haben aber wohl auch sich nicht deshalb beteiligt, um Christus dort zu verkündigen. Zudem standen Sie in Ihrer Stellungnahme wohl gegen alle Ihre christlichen Freunde, jedenfalls gegen die große Mehrheit der lebendigen Glieder der gläubigen Gemeinde, die durch Ihr Vorgehen oft beschwert waren.

Und nun erhebt sich die Frage, ob sich nicht jetzt hier in einem entscheidenden Augenblick eines Großkampftages der christlichen Kirche in Deutschland ein Fehler einer früheren friedlicheren Periode auswirkt und die ganze Lage dadurch verwirrt wird. Wären diese politischen Dinge nicht im Spiel, so wäre Ihr jetziger Prozeß ganz allein ein Kampf um kirchliche Fragen. So wie es jetzt aber liegt, ist die Austragung der kirchlichen Frage belastet durch Ihre frühere politische Stellungnahme …» (Prolingheuer, a.a.O., S. 138, Wortlaut S. 297 📖).↩

31
Barth hoffte vergebens, daß die VKL seine Sache zu der ihrigen mache, indem ihr Mitglied Dr. Fiedler ihn im Revisionsprozeß vertrete. (Siehe seine Briefe an Reichsgerichtsrat Flor und an P. Humburg vom 9.2.1935; vgl. auch Prolingheuer, a.a.O., S. 134ff. 📖)↩
32
Im Januar 1935 hatte Barth in der Schweiz während der Kampagne vor der Abstimmung um die eidgenössische «Wehrvorlage» am 24.2. und vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland (16.3.1935) geäußert: «Ich bin für Landesverteidigung und auch für Befestigung der Nordgrenze». Sein Ausspruch war in der Schweiz publik gemacht und kontrovers diskutiert worden. In Deutschland verbreitete der Informationsdienst des Reichsbischofs Müller am 10.5.1935 (Nr. 5/35, S. 7) unter der Überschrift «Und so etwas war ein ‹deutscher› Professor!»: «An Barth ist von vaterländisch gesinnten Schweizern die Frage gestellt worden, wie er es mit der Landesverteidigung halte; er gab die zwar schlaue aber ausweichende Antwort, er sei für eine stärkere Verteidigung der Nordgrenze gegen Deutschland.» Kommentar: «Auf die Eidesverweigerung dieses Herrn Barth fällt von hier aus neues Licht!» (Prolingheuer, a.a.O., S. 178 📖, Darstellung des ganzen Vorgangs in: Bw.Th. III, S. 887–891 📖).↩
33
Landesbischof Meiser von Bayern, der die Teilnahme Barths an der Synode in Augsburg ohnehin für nicht ratsam gehalten hatte, stellte am 16.5.1935 Barths Nichtteilnahme zur «förmlichen Bedingung», «wenn die Synode auf bayerischem Boden tagen soll.» Als die Mitglieder des Arbeitsausschusses am 17.5. davon am folgenden Tage erfuhren, waren die Bruderräte in den Leitungsorganen der Bekennenden Kirche auch der Meinung, Barth möge unter diesen Umständen der Synode fernbleiben, allerdings nicht als Bedingung. Das bayrische Mitglied Eduard Putz, Nationalsozialist, kommentierte Barths Worte: «Das ist ja Landesverrat!» Der Münchener Kirchenrat Semmelreuther zog am 18.5. seine Einladung an Barth zurück, an der Herausgabe von Bekenntnispredigten mitzuarbeiten: «Was haben Sie angerichtet!» (Prolingheuer, a.a.O., S. 178–187 📖)↩
34
Karl Immer besuchte Barth am 18.5. in Bonn, machte ihm klar, daß auch die Bruderräte nicht für seine Teilnahme einträten, und gab ihm den Rat, nicht nach Augsburg zu reisen, sondern einstweilen Deutschland zu einer «Schweizerreise» zu verlassen. Eine Erklärung, die Immer über Barths Gespräch in der Schweiz abgab, suchte Barths Nachsatz abzuschwächen: Seine «scherzhafte Äußerung bezog sich auf die in jenen Tagen geführte Debatte über die Anlage von Forts an der Nordgrenze.» (Prolingheuer, a.a.O., S. 181f. 📖)↩
35
Vgl. Heinrich Heine: «Blamier mich nicht/Mein schönes Kind,/Und grüß mich nicht unter den Linden,/Wenn wir nachher zu Hause sind,/Wird sich schon alles finden.» (Sämtliche Werke, Bd. 1: Gedichte, München 1969, S. 701 📖)↩
36
Das Wort fiel wohl bei dem Besuch Immers bei Barth, s. Anm. 34. In einem Brief an Immer vom 1.7.1935 schrieb Barth: «Ich erinnere mich noch recht gut, daß es damals in jener Morgenstunde Ihres Besuches in Bonn bei mir so etwas wie einen Knacks gegeben hat, und ich meine auch, Ihnen damals irgend etwas in der Richtung gesagt zu haben, daß mit Ihrer Mitteilung über mehr als über meine Teilnahme an der Augsburger Synode entschieden sein könnte.» (Tut um Gottes Willen etwas Tapferes! Karl Immer im Kirchenkampf, hrsg. v. B. Klappert und G. van Norden, Neukirchen 1989, S. 83. 📖)↩
37
Dehn urteilte später: «Auch in der BK sahen mich die Pastoren, die ja alle in ihrem politischen Denken stark national geprägt waren, mit Mißtrauen an. Man konnte sich mit mir nur allzuleicht kompromittieren.» Präses Koch, einst deutschnationaler Abgeordneter, habe Dehn 1934 nicht als Gast an der Synode in Berlin-Dahlem teilnehmen lassen wollen. (G. Dehn, Die alte Zeit die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1964, S. 291; vgl. auch S. 310f. 📖)↩
38
Aus der Bekenntnissynode in Augsburg vom 4. bis 6. Juni 1935, in: 23. Vertraulicher Rundbrief, Wuppertal-Elberfeld, am 13.6.1935 📖. Vgl. Barths Kritik an den Ergebnissen der Augsburger Synode bei seinem Treffen mit Hesse und Immer in Friedrichshafen (Prolingheuer, a.a.O., S. 193f. 📖)↩
39
Beschlüsse der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg vom 4. bis 6. Juni 1935, hrsg. von Präses D. Koch am 12.6.1935 📖 («Nur für die Synodalen bestimmt!»). Später im Jahr erschien dann: Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4-6. Juni 1935, hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen o.J. [1935] 📖.↩
40
Die Zahlen, die Barth hier und im folgenden in Klammern anfügt, beziehen sich auf die Numerierung der Beschlüsse der Bekenntnissynode 📖. – Der angenommene Antrag Dr. Meinzolts begann: «In der Bedrängnis der Deutschen Evangelischen Kirche beriefen im November 1934 die verantwortlichen Leitungen von Landeskirchen zusammen mit dem Bruderrat der Bekenntnissynode die Vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche. Die Synode spricht der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche für ihre aufopfernde Arbeit den Dank der Kirche aus» (S. 4 resp. 77).↩
41
Zur Sitzung des Reichsbruderrates am 20.11.1934 vgl. Prolingheuer, a.a.O., S. 39ff. 📖 Barth unterstrich sich im angenommenen Antrag des Verfassungsausschusses aus Teil I den Bezug auf eine Vereinbarung vom 16.6.1935 und einen Beschluß des Bruderrats vom 22.11.1934, wonach «der Bruderrat zusammen mit den Leitungen der verfaßten Landeskirchen ein Vorläufiges Kirchenregiment geschaffen» habe und «die Beschlüsse der Bekenntnissynode» als »richtunggebend für die Arbeit der Vorläufigen Leitung» erklärt wurden. In Teil III unterstrich er die Feststellung der Synode, daß «die Bekennende Kirche in Bindung an Art. 1 dieser Verfassung [der vom 11.7.1933] bis zur Herstellung einer unangefochtenen Rechtslage in der DEK auf Grund des bekenntnismäßigen Selbsthilferechts rechtmäßige Organe gebildet hat.» Die Bekenntnissynode, «das synodale Organ», «stellt die Grundsätze für den kirchlichen Neubau auf», Beschlüsse sind «hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit den Bekenntnissen an die vorherige Zustimmung der zuständigen Konvente gebunden». Der Reichsbruderrat «trägt Sorge für die Durchführung der Beschlüsse» und «berät die VKL», die ihrerseits «vor wichtigen Entscheidungen den Reichsbruderrat hört». In Teil IV: Die Synode «beauftragt den Reichsbruderrat der DEK mit ihrer Vertretung» (a.a.O. S. 4f. resp. 67f. 📖).↩
42
«Laßt euch durch Bedrückung oder Verfolgung nicht beirren, der Obrigkeit in Ehrerbietung Untertan zu sein. Bleibt im Gehorsam gegenüber den Herren, die euch gesetzt sind. Laßt euch nicht verbittern! Bleibet in der rechten Liebe zu unserm Volk! Ehret die Gabe Gottes, die wir in unserm Volk empfangen haben! Seid unermüdlich im Dienen! Tut Fürbitte für Volk und Obrigkeit! » (Wort an die Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten, a.a.O., S. 6–10 resp. 47-51, von Barth unterstrichener Satz S. 8 resp. 49 📖).↩
43
= Reichsbischof Ludwig Müller.↩
44
Im angenommenen Antrag Riethmüller u. a. betr. «Jugendarbeit der Deutschen Evangelischen Kirche» unterstrich Barth den Satz: «Die gesamte Jugendarbeit der Bekennenden Kirche geschieht nach der Ordnung des Abkommens mit dem Jugendführer des Deutschen Reiches vom 19. Dezember 1933» (a.a.O. S. 12 resp. S. 77 📖). Das Abkommen «bedeutete faktisch die uneingeschränkte und zwangsweise Auslieferung der kirchlichen Jugend an die HJ» (so K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1, 1977, S. 736 📖).↩
45
Das Telegramm lautete: «Die in Augsburg versammelte 3. Bekenntnissynode der Deutschen Evangelische Kirche dankt herzlich für Ihr Grußwort und erwidert es in der Verbundenheit des Glaubens. Präses Koch» (a.a.O., S. 13 resp. 91 📖).↩
46
Im «Wort an die Obrigkeit» unterstrich sich Barth auf S. 15 und 16: «Darum dürfen wir jeden Vorwurf zurückweisen, daß unser Kampf […] gar einen politischen Widerstand gegen die ihm gesetzte Führung decke […] Unser Gebet für unser Volk und seinen Führer geschieht aus aufrichtigem Herzen. Wir beklagen es […], daß […] deutsche Volksgenossen […] um ihres christlichen Glaubens und Bekennens willen Maßnahmen ausgesetzt sind, wie sie über Feinde des Staates, Verbrecher gegen sein Recht und Störer seiner Ordnung, verhängt werden […] Gebunden an Gottes Wort dürfen und werden wir uns durch nichts in unserer Verpflichtung für Volk und Staat beirren lassen […] Wir bitten inständigst, keine Kluft zwischen Christentum und Volksgemeinschaft aufreißen zu lassen, sondern der Evangelischen Kirche freien Raum zu geben für ihren Dienst an unserem Volk, zu dem sie vor Gott verpflichtet und von Herzen bereit ist.» Im Tagungsprotokoll wurde «inständigst» durch «inständig» ersetzt (Augsburg 1935, hrsg. v. Karl Immer, S. 83 📖).↩
47
Apk. 13. – Dazu vgl. Barths Offenen Brief Nr. 14. ↩
48
Vgl. z.B. Nathan vor David, 2.Samuel 12; Elia vor Ahab, 1.Könige 18.↩
49
Schlußsatz aus dem «Wort an die Obrigkeit», s. Anm. 46.↩
50
Die Proklamation der Unbefleckten Empfängnis Mariens durch Papst Pius IX. 1854 stellte einen Schritt auf dem Wege zur immer nachdrücklicheren Bestätigung der Unfehlbarkeit des Papstes dar (H. Jedin [Hrsg.], Handbuch der Kirchengeschichte, Bd. VI/1, Freiburg 1971, S. 765 📖). Zu dem nach der Überlieferung während der Promulgation des Dogmas auf das Angesicht des Papstes gefallenen Sonnenstrahl s. Beatificationis et canonizationis Servi Dei Pii IX. Positio super introductione causae, Bd. I, Rom 1954, S. 24 📖. ↩
51
Barth wußte von diesem Begebnis und dessen erbaulicher Würdigung (seitens der Episkopalen und Konfessionellen?) anscheinend aus mündlicher Schilderung. Möglicherweise hatten Hesse und Immer es in ihrem ausführlichen Bericht am 6.6. in Friedrichshafen erwähnt (s. Anm. 22).↩
52
Barth erinnerte an den Augsburger Religionsfrieden von 1555, in dem die Lutheraner als gleichberechtigt neben den Katholiken anerkannt, die Reformierten aber nicht erwähnt wurden, während die Teilnehmer der Augsburger Synode von 1935 sich in der Tradition der Augsburgischen Konfession von 1530 gesehen hatten (Augsburg 1935, S. 3 und 5 📖).↩
53
Siehe Anm. 46.↩
54
Barth hatte schon am Nachmittag des 31.10.1933 in der Zusammenkunft in Berlin mit dem Pfarrernotbund (s. Offenen Brief Nr. 30) das Unrecht in Deutschland konkret genannt: «Was ist geschehen diesen Sommer in Deutschland? Ist das mit Recht oder mit Unrecht geschehen? Diese Art Machtergreifung? Diese Beseitigung aller anderen Parteien? Diese Beschlagnahme von Vermögen? Was ist denn geschehen in den Konzentrationslagern? Was ist geschehen an den Juden? Kann Deutschland, kann die deutsche Kirche, diese Fülle von Selbstmorden verantworten? Ist die Kirche nicht mitschuldig daran, weil sie geschwiegen hat? […] Wer das Wort Gottes zu verkündigen hat, der muß zu solchen Vorgängen sagen, was das Wort Gottes sagt.» (Protokoll von Ch. v. Kirschbaum, in: Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Bartbs mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. von E. Buch, Zürich 1998, S. 106 📖, zitiert bei Busch, Unter dem Bogen, S. 141–144 [mit Nachweisen] 📖). Am Vormittag des 31.10. hatte Barth die Frage nach den Konzentrationslagern, nach der Behandlung der Juden, nach der sog. Euthanasie, nach dem «totalen Anspruch des Staates» und nach der Reichstagswahl vom 12.11. und nach dem Reichstagsbrandprozeß gestellt (Reformationstag 1933, S. 87, Bericht von Erica Küppers, a.a.O., S. 69f. 📖, auch abgedruckt bei Prolingheuer, a.a.O., S. 239 📖).↩
55
Vgl. Ps. 52,3; 771,4; 82,7 u.a.↩
56
Auf diese Stelle spielten die Deutschen Briefe vom 18.10.1934 an, als sie Barths Ablehnung, seinen Brief publizieren zu dürfen, so charakterisierten: «Die gleiche Seite erkannte, daß der bisherige Kampf der Bekenntniskirche […] doch unzulänglich gewesen sei, ein Kampf nur ‹in eigener Sache› nämlich, daß aber zu dem öffentlich als Recht ausgegebenen Unrecht geschwiegen worden sei – aber die gleiche Seite, die dies erkannte und sogar in einem Privatbrief klar aussprach, tat weiter nichts, um ihr privat bekundetes Bedauern über den bisher unzulänglichen Kampf auch öffentlich zu bekunden. Doch was bedeutet privates Bedauern, wobei man öffentlich sich weiter genau so verhält, wie man es bisher zum eigenen Bedauern getan hatte?» (a.a.O., S. 623)↩
57
Der deutschchristliche «Weckruf», der Barths Punkt 3 weitgehend und Punkt 4 vollständig und z.T. in Sperrdruck wiedergab, unterbrach an dieser Stelle die Wiedergabe für den Kommentar: «Wir haben die vorstehenden wichtigen Abschnitte aus dem Abschiedsbrief von Professor Barth wörtlich unseren Lesern wiedergegeben, um darin noch einmal zu zeigen, wie die theologische und politische Haltung des Mannes in Wirklichkeit aussieht, der mehr denn zwei Jahre hindurch den entscheidenden geistigen Einfluß auf die im Lager der sog. Bekenntnisfront sich sammelnden Kräfte ausgeübt hat. Man bedenke: Ein Schweizer Sozialdemokrat beeinflußt in einem Augenblick, der für das deutsche Volk von entscheidender Bedeutung ist, einen großen Teil eines auf Grund seiner Stellung und Verantwortung für die deutsche Volksgemeinschaft so wesentlichen Standes wie die Pfarrerschaft in so verhängnisvoller Weise!» (a.a.O., S. 586).↩
58
Der «Weckruf» kommentierte weiter (s. die vorige Anm.): «Und er wagt dann, übrigens vom sicheren Boden der Schweiz aus, in demselben vom sicheren Port in Bergli, Oberrieden, Kanton Zürich, geschriebenen Brief noch zu sagen: [folgt der Satz: «Es wird»]. Nicht kräftiger! Wir denken, leider viel zu lange kräftig genug! Und auch die vorstehenden Sätze sind ja leider keineswegs als allzu deutliche Hetze und offener Aufruf zur Staatsfeindlichkeit mißzuverstehen. Wir hoffen, entgegen Prof. Karl Barth, daß der sog. Bekenntniskirche nicht mehr lange Gelegenheit gegeben wird, die Frage zu erwägen, ob sie ‹nicht vom Bekenntnis her (!!) genau so denke und dann auch entsprechend reden und handeln müsse›, wie Herr Professor Karl Barth es für richtig hält.» (ebd.) – Barth kam noch in seinem Offenen Brief an die deutschen Theologen in der Kriegsgefangenschaft auf die Frage zurück, ob er nicht mehr hätte tun sollen. (Offene Briefe 1945–1968, S. 50 📖). ↩
59
Den ganzen Punkt 4 brachte die Zeitschrift «Der Deutsche in Polen» eingerückt, fett und z.T. gesperrt gedruckt, den Teil «wo sie die Lüge und das Unrecht» bis «in der hier gebotenen Richtung vorgestoßen habe» sogar doppelt eingerückt (a.a.O., s. Anm. 14).↩
60

Nachdem Barth den Brief Hesses vom 28.6. erhalten hatte, der sich mit seinem eigenen Brief gekreuzt hatte, reagierte er umgehend am 1.7. mit einem weiteren Brief an Hesse: «Ich bin froh zu sehen, daß es wesentliche Mißverständnisse zwischen uns nicht auszuräumen gibt. Ihre Darstellung entpricht genau dem Erinnerungsbild, das auch ich von den Tatsachen habe, soweit es sich um die Frage meines äußeren ‹Rufes› handelt. Ich habe in meinem gestrigen Brief die Tatsache meiner Berufung an die Theol. Schule vom 4. Januar nicht mehr erwähnt, weil bei meiner jetzt zu fassenden Entscheidung nach dem 19. Februar einerseits, der rheinischen Synode andererseits, nur noch das Projekt Graeber [s. Anm. 18] zur Diskussion stand. was ich auf dem Boden dieses Plans erwartete und ihm (Graeber) – aber (nach meiner Erinnerung am 18. Mai) auch Beckmann gegenüber als meine Erwartung aussprach, war sehr schlicht ein Skriptum etwa des Inhalts jenes Protokollbeschlusses des Verwaltungsrates der Theol. Schule vom 4. Januar. Daß der rheinische und westfälische Bruderrat sich in den sechs Wochen zwischen der rheinischen Synode nicht zu einem entsprechenden klaren Beschluß durchringen konnte, dies ist der Punkt, dessen Problematik noch aufzuhellen – vielleicht auch nicht mehr aufzuhellen sein wird. Wie deutlich die Sache jedenfalls Graeber gegenüber ausgesprochen war, mögen Sie einem von Frl. von Kirschbaum am 11. Mai an ihn gerichteten Brief entnehmen, dessen Durchschlag ich Ihnen hier beilege, um dessen Rückgabe ich Sie aber freundlichst bitten möchte. Sollte wirklich Graeber diese von mir als so entscheidend betrachtete und bezeichnete Sache aus den Augen verloren haben? Oder ist da nicht beim rheinischen Bruderrat – daß der westfälische nicht recht mittun wollte, ist ja nun erwiesen –, sei es aus Saumseligkeit, sei es aus Klugheit, etwas unterlassen worden, was nun eben nicht hätte unterlassen werden dürfen? Ich weiß es nicht. Im Resultat kam es auf dasselbe hinaus: Ich konnte mich am 14. bzw. 22. Juni nicht in dem von mir ausdrücklich erbetenen Sinn gerufen wissen. Aber Sie haben ja inzwischen meinem gestrigen Brief entnommen, daß diese ganze Frage des äußeren ‹Rufes› für mich doch nur im Zusammenhang mit den unter Punkt 2-4 meines Briefes genannten Dingen entscheidendes Gewicht hatte.»

K. Immer teilte dem Coetus in seinem nächsten Rundbrief vom 5.8.1935 «zu dem Briefe von Karl Barth […] eine wichtige Antwort von Bruder Heß in Sinn mit», in der H. E. Heß urteilt, die sachlichen Ausführungen Barths schienen ihm «den Nagel auf den Kopf zu treffen» (K. Immer, a.a.O. [s. Anm. 8], S. 76f. 📖)↩

61
Am Vortage machte sich Hesse noch Hoffnung, Barth könnte Mitglied bleiben. Hesse schrieb ihm in einer Nachschrift zu seinem Brief vom 28.6.1935: «Soeben, am 29.6., höre ich von meinem Sohn Eduard, Sie hätten durch Fräulein von Kirschbaum fragen lassen, ob sie auch weiter Mitglied unseres Moderamens bleiben könnten. Darauf kann ich selbstredend nur ein fröhliches Ja sagen, wenn anders es die Satzungen des eingetragenen Vereins zulassen.» (K. Immer, a.a.O. [s. Anm. 8], S. 68 📖) Barths stellte aber in seinem Brief vom 1. 7. richtig: «Die Frage, ob ich nicht von Basel aus Mitglied des Moderamens bleiben könnte, habe ich wohl Frl. von Kirschbaum gegenüber mehr in lautem Selbstgespräch hingeworfen als geradezu als Anfrage an Sie ergehen lassen, wie Ihr forscher Sohn Eduard es offenbar aufgefaßt hat. Ich habe mir unterdessen längst gesagt, daß das in einem eingeschriebenen Verein und vielleicht doch auch aus andern Erwägungen keine praktikable Sache sei, und habe darum in meinem gestrigen Brief meine Entlassung erbeten. Entnehmen Sie dem Vorhandensein jener Frage immerhin dies, daß ich mich jedenfalls innerlich auf keinen Fall von der so guten und im Unterschied zu der übrigen Bekenntniskirche so bewährten Gemeinschaft der (ach könnte ich doch schreiben: aller!) deutschen Reformierten entziehen möchte, sondern darum bitte, jedenfalls als Privatperson in den Räumen Mäuerchen 8a, wenns sein kann, gelegentlich wieder einkehren zu dürfen.»↩