Herrn Pastor D. Hermann HesseW.-Elberfeld Bergli, Oberrieden (Kt. Zürich)
30. Juni 1935 Lieber Herr Pastor!
Es wird Ihnen längst bekannt sein, daß ich, nachdem Minister Dr. Rust mich acht Tage nach dem Berliner Urteilsspruch meines Amtes enthoben hat, am Dienstag, den 25. Juni, den erwarteten Ruf nach Basel erhalten und angenommen habe. Die Entscheidung, deren Erwägung uns allen so viel Sorge und Mühe gemacht hat, ist nun also gefallen. Es bleibt mir zunächst nur übrig, Ihnen, den Herren und |337 Brüdern vom Moderamen des Reformierten Bundes und den andern Freunden von den Reformierten und von der Bekenntniskirche fürs erste bedrängten Herzens Lebewohl zu sagen und Ihnen für die mir von Ihnen allen in den vergangenen und letztvergangenen Zeiten reichlich bezeugte Liebe und Treue herzlich zu danken. Ich möchte das aber nicht tun, ohne versucht zu haben, Ihnen und den andern Freunden noch einmal Rechenschaft darüber abzulegen, wie es gekommen ist, daß ich mich schließlich so und nicht anders entschieden habe.
Es ist dabei wohl gut, wenn ich ausdrücklich dies voranstelle, daß ich weiß und bedenke: Gott allein kennt die Herzen. Es bedeutet dies in diesem Fall ein Doppeltes: Es steht mir vor Augen, daß meine eigene Entscheidung irgendwo in mir selbst gefallen ist, wo mich nur Gott kennt, wo ich auch mir selber verborgen bin. Die mir bewußten Motive meines Schrittes können und sollen Ihnen also das Eigentliche und Letzte, das bei mir schließlich den Ausschlag gegeben haben mag, eben nur andeuten, soweit ich es zu kennen meine. Und es steht mir ebenso vor Augen, daß auch alles das, was andere in dieser Sache getan oder nicht getan haben und das ich hier mit zur Sprache bringen muß, soweit ich es überhaupt kenne, von den Geheimnissen umgeben ist, in die ich nicht hineinschaue. Ich kann und darf also im Grunde nur davon reden, wie es sich mir dargestellt und wie es schließlich auf mich gewirkt hat. Halten Sie es mir also zugute, wenn ich mich über mich selbst oder über andere im einzelnen irren sollte. In solcher Lage müssen wir uns ja wohl immer trösten, daß wir miteinander im Gericht dessen sind, dessen barmherziges Verstehen keine Grenzen hat.
Mit diesem Vorbehalt angemeldet, legt sich mir das, was ich hin und her bedacht habe, um dann doch den Basler Ruf anzunehmen und also für einen Ruf der deutschen Bekenntniskirche trotz so manchen an mich gerichteten Appells nicht mehr offenzubleiben, in folgende Erwägungen auseinander:
1. Ich hatte, seit mein Verbleiben in Deutschland auf der Rheinischen Synode im April durch den Vorstoß von Graeber aufs neue zur Sprache gebracht war18, auf einen deutlichen und bestimmten Ruf |338 seitens der verantwortlichen Bruderräte der Westkirche, also von Rheinland und Westfalen, gewartet. Ich hatte das klar und oft genug ausgesprochen und auch das nicht verheimlicht, daß mir dieser Ruf in Form eines endgültigen und verbindlichen Angebots im Augenblick, in dem der Staat mich voraussichtlich fallenließe, bekannt sein müsse, wenn er für mich angesichts meiner schon halb bestehenden Basler Bindung diskutierbar sein solle.19 Ohne jetzt den in Betracht kommenden Motiven und Quietiven noch einmal nachgehen zu wollen, wie ich es in meinem Brief an Niesel vom 15. Juni getan habe20, kann ich nur feststellen, daß es dazu, obwohl seit der Rheinischen Synode Zeit genug ins Land gegangen ist, tatsächlich nicht gekommen ist. Wie habe ich hier in den ersten Juniwochen und noch während des ganzen 14. Juni vergeblich auch nur nach einer Nachricht ausgeschaut! Auf Grund welcher Mißverständnisse konnte man glauben, daß ich, wie man mir nun nachträglich zumuten will, den Beschluß der Rheinischen Synode21 (den doch der Bruderrat erst ausführen sollte!) oder die Sendung der Brüder Hesse und Immer nach Friedrichshafen22 (die doch nur das Allgemeine wiederholen konnten, was die Rheinische Synode schon ausgesprochen hatte!) als Ersatz für das, was man in der ganzen Welt unter einer ernsthaften und gültigen Berufung versteht, aufnehmen könne und werde? Oder wie konnte man glauben, damit etwas Hilfreiches zu tun, daß man mir des öfteren, bis in die zwölfte Stunde und darüber hinaus, zurief, ich möchte mich für eine von niemandem verantwortlich beschlossene zukünftige Berufung «offenhalten»?23 Was soll ich davon denken, wenn ich noch in einem vom |339 25. Juni (!) datierten Brief von D. Humburg sachlich nur das zu lesen bekomme, im übrigen aber vernehmen muß, daß der westfälische Bruderrat sich der Sache überhaupt nicht annehmen wolle, während der rheinische einen Antrag an den Bruderrat der Altpreußischen Union gerichtet habe, in welchem neuerdings von einer theologischen «Akademie» die Rede war24, während des Projektes Graeber, mit dem ich mich seit der Rheinischen Synode allein auseinanderzusetzen hatte, überhaupt nicht mehr gedacht wurde! Ist es nicht zum Lachen oder auch zum Weinen, daß man sich im Rheinischen Bruderrat in einem Augenblick, da hier schon alles verloren war, über die wichtige Frage gestritten zu haben scheint, ob die Sache, zu der mich dann der Altpreußische Bruderrat berufen solle, besser «Hochschule» oder besser «Akademie» genannt werden solle?25 Ich frage: Warum hat mich die Leitung der Bekenntniskirche damit so in Not bringen und mir die Basler Entscheidung förmlich aufzwingen müssen, daß sie in der entscheidenden Stunde trotz Synodalbeschluß, trotz aller Abreden weder wußte, was sie wollte, noch wollte, was sie wußte? Konnte es anders sein, als daß ich mir in dieser entscheidenden Stunde durchaus |340 «unberufen» vorkommen mußte und darum da zusagte, wo ich eine deutliche und bestimmte Anfrage zu hören bekam?
2. Gewiß würde ich nun den Humor und die Freiheit wohl aufgebracht haben, über die allerdings erschütternde Unklarheit dieses Rufes, der nicht gerufen wurde, hinwegzusehen, wenn mir im übrigen gerade aus den Kreisen der führenden Männer der Bekenntniskirche auch nur ein wenig mehr Vertrauen und Entschlossenheit entgegengebracht worden wäre. Ich hätte einen formell einwandfreien Ruf schließlich auch enthehren können, wenn ich in einiger Breite den Boden der Gewißheit unter den Füßen gehabt hätte: ich werde gerade in den besonderen Punkten, die mir von seilen des Staates zum Vorwurf gemacht werden, von den in der Bekenntniskirche öffentlich und verantwortlich handelnden Männern verstanden, gehalten und getragen; meine Sache ist die ihrige, wie die ihrige die meinige ist; sie werden, wenn es zum Treffen kommt, unter allen Umständen ebenso solidarisch neben mir stehen, wie ich mich neben sie gestellt habe. Wir sind einig darin, lieber Herr Pastor, daß die Kirche sich nicht auf menschliche, sondern nur auf die göttliche Treue gründen, verlassen und berufen kann. Aber wenn es für einen, der sich nicht für einen Propheten hält, nicht ratsam wäre, allein auf Grund einer vocatio interna et immediata26 handeln zu wollen, wenn das Wort der Brüder zu einer legitimen vocatio notwendig hinzugehört, dann ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, sich nach einer solchen schlicht solidarischen Haltung der Brüder und nach dem Zeichen des Vorhandenseins echter Bruderschaft und also nach dem Zeichen der Echtheit auch der notwendigen vocatio externa et mediata einigermaßen umzusehen. Und nun muß ich Ihnen sagen, daß ich seit dem Tage meiner ersten Maßregelung im November27 nun doch zu wenig von diesem Zeichen wahrgenommen habe, um in den mir allerdings von vielen Seiten ausgesprochenen Wunsch, ich möchte in Deutschland bleiben, einen bindenden Ruf zu erkennen.
341Die einzige große Ausnahme, die ich als solche wahrlich nie vergessen werde, war das öffentliche Votum, das Sie, lieber Herr Pastor, seinerzeit zusammen mit Immer zur Eidesfrage abgegeben haben.28 Alles übrige bewegte sich auf der Linie von Sympathiekundgebungen und Postulaten, die mich wohl gefreut und getröstet haben, die mich aber, unverbindlich, wie sie gemeint waren und ausgesprochen wurden, meinerseits nicht binden konnten. Zu irgendwelchen entsprechenden Taten ist es ja nicht gekommen. Wohl aber kam es zu den Vorgängen, in denen ich nur Versuche sehen konnte, sich mir gegenüber vorsichtig abzugrenzen, zu distanzieren, sich freizuhalten und sich zu schützen. Der führende Bekenntnispfarrer in Bonn hat es nach meiner Suspension flugs für richtig gehalten, mir seine Kanzel zu verweigern, obwohl ich dort sogar Mitglied des Presbyteriums war.29 Man hat nach dem Kölner Urteil und seiner Begründung, in einem Augenblick und in einer Situation, in der einer bekennenden Kirche wirklich andere Probleme gestellt waren, nach meinem politischen Denken und Tun gefragt, hat es mir ohne allen bekenntnismäßigen Grund als Belastung angerechnet und zum Vorwurf gemacht.30 Es |342 haben nicht nur die VKL, sondern auch die verschiedenen bruderrätlichen Instanzen es für selbstverständlich gehalten, daß ich den Revisionsprozeß – zu dessen Führung man mich zuvor nicht dringend genug (aber freilich auch nicht unverbindlich genug!) auffordern konnte – auf eigene Faust, d.h. ohne irgendeinen öffentlichen Erweis, daß meine Sache die der bekennenden Kirche sei, durchzufechten habe.31 Kaum von den DC und meines Wissens gar nicht von Staat und Partei, wohl aber von Leuten der Bekenntniskirche bis hin zu prominenten Mitgliedern des Reichsbruderrates wurde von meiner gewiß nicht vorsichtigen, aber auch nicht welterschütternden Äußerung über die «Nordgrenze»32 größtes Aufsehen gemacht, wurde sie schriftlich und mündlich über ganz Deutschland verbreitet.33 Und |343 dann hat man mich noch zuletzt – und gerade dies geschah leider entscheidend vom Rheinland aus – von der Augsburger Synode mit einer Begründung ferngehalten, deren greifbare Künstlichkeit mir nur um so deutlicher machen konnte, was man hinsichtlich meiner wollte oder vielmehr nicht wollte.34 Ich bitte Sie, zu verstehen, daß diese Dinge im Blick auf die mich immer wieder erreichende, gewiß ehrlich und freundlich gemeinte Einladung, in Deutschland zu bleiben, nicht nur nicht bindend auf mich wirken konnten, sondern geradezu lösend auf mich wirken mußten. Man kann eben einen Mann nicht rufen, wenn man ihm gleichzeitig so vielfach und so deutlich zu verstehen gibt, daß man ihn für gefährlich hält und daß man lieber nicht mit ihm zusammen «unter den Linden»35 sich sehen lassen will. Konnte man es wirklich von mir als eine Tat der «Barmherzigkeit» verlangen, daß ich von Augsburg fernbleibe36, dann muß man auch begreifen, wenn in |344 mir der Eindruck entstand, die noch größere «Barmherzigkeit» könne und müsse nun darin bestehen, daß ich die deutsche Bekenntniskirche überhaupt von meiner so stark als Belastung empfundenen Gegenwart befreie. – Ist dieser Eindruck ein zufälliger und übertriebener? Bitte, bedenken Sie, daß ich außer meinem Fall auch das eigentümliche Verfahren vor Augen hatte, das seitens der Führung der Bekenntniskirche gegenüber meinem weniger als ich geschützten Freund D. Günther Dehn in Berlin zur Anwendung gebracht wurde.37 Die Bekenntniskirche hat offenbar weder hier noch dort die Fähigkeit bewiesen, verbindliche, d.h. durch ein entsprechendes bekenntnismäßiges Handeln interpretierte und darum auch bindende Berufungen ergehen zu lassen.
3. Ich denke nun aber, daß auch der eben entwickelte Gesichtspunkt für meine Entscheidung nicht ausschlaggebend hätte werden können, wenn ich mich mit der deutschen Bekenntniskirche hinsichtlich ihres allgemeinen Weges nach wie vor in einem genügenden Maße einig wissen könnte. Das ist seit der Augsburger Synode – in deren Würdigung ich (nach unsern Unterhaltungen in Friedrichshafen und nach Ihrem Bericht in den Vertraulichen Blättern von Kolfhaus38 zu schließen) auch mit Ihnen und Immer nicht ganz einverstanden bin – nicht mehr der Fall. Es traf sich merkwürdig genug, daß ich, als das verhängnisvolle Telegramm des Ministers am 22. Juni hier eintraf, gerade ahnungslos mit der nachdrücklichen Lektüre der gedruckten Beschlüsse diese Synode39 beschäftigt war. Ich kann vom Bekenntnis her |345 nicht verstehen, wie man angesichts der bisherigen Entwicklung dazu gekommen ist, der VKL geradezu den «Dank der Kirche» auszusprechen (5).40 Ich halte die unverbindliche Form der beschlossenen Neuregelung des Verhältnisses von VKL, Reichsbruderrat und Bekenntnissynode angesichts der Problematik, die uns seit dem 20. November 1934 beschäftigt hat, für eine Vernebelung, die sich rächen muß (6).41 Ich beklage es, daß sich in das «Wort an die Gemeinden etc.» auf Seite 8 der Satz: «Ehret die Gabe Gottes …! » einschleichen konnte42, der eine offene Konzession an das Dogma der DC bedeutet, die |346 man in den früheren Erklärungen mit Bewußtsein unterlassen hatte – die längst ersehnte, aber wirklich nicht wünschbare Frontverbreiterung wird damit geschafft sein! –, während in demselben Zusammenhang der wahrhaftig längst sehr konkret gestellten Eidesfrage überhaupt nicht gedacht wird. Wie war es möglich, daß die Bekenntnissynode jetzt auf einmal (13) den einst zwischen dem Reibi43 und Baldur von Schirach abgeschlossenen Jugendvertrag, den man bisher immer als untragbar bezeichnet hat, sang- und klanglos ratifizieren konnte?44 Zu was bekennt sich die Bekenntnissynode (15) mit dem hervorgehobenen «Gruß» nun gerade an D. von Bodelschwingh?45 Was stehn da in 17 wieder für Loyalitätsbeteuerungen?46 Sind sie aufrichtig? Wie seltsam ahnungslos oder gar schlafend müßte dann die deutsche Christenheit die Entwicklungen der letzten Jahre begleitet haben! Ich weiß aber, wie viele der mir bekannten Führer der Be|347kenntniskirche über die in Frage kommenden Personen, Ereignisse und Verhältnisse tatsächlich nicht weniger kritisch denken als etwa ich, und darum verstehe ich nicht, wie man aufrichtigerweise noch und noch einmal so tun konnte, als ob für das christliche Verständnis der heutigen konkreten Verhältnisse von Evangelium und Staat allein Röm. 13 etc. und nicht auch die Apokalypse47, nicht auch das Verhalten der alttestamendichen Propheten48 maßgebend sein müßte! Und was in aller Welt mag man sich bei dem Satz Seite 16: «Wir bitten inständigst…»49 vom Bekenntnis her gedacht haben!? Durfte man sich angesichts aller dieser Dinge der erreichten Einmütigkeit und dessen trösten, daß den Episkopalen und Konfessionellen immerhin auch einige Felle weggeschwommen sind? Erquickt man sich nun wirklich auch im Rheinland an jenem Sonnenstrahl, der zum Schluß (wie einst bei der Proklamation der conceptio immaculata!50) auf den silbernen Altarkruzifixus gefallen sei?51 Besteht wirklich Anlaß zu einem Halleluja darüber, daß die «Linie» inskünftig die Linie Barmen – Dahlem – – Augsburg heißen werde? Ich konnte und ich kann mich dieses Augsburger Religionsfriedens52 unmöglich freuen. Und wenn ich mich unter andern Umständen einfach genötigt gesehen hätte, innerhalb der deutschen Bekenntniskirche den ehrlichen Kampf da|348gegen aufzunehmen, so mußte ich mir, da er in dem Augenblick Ereignis wurde, da diese Bekenntniskirche mich berufen zu wollen schien, sagen: gerade im Zeichen dieser Synode kann ich durch diese Bekenntniskirche gar nicht legitim berufen werden. Wollte und will die Bekenntniskirche nun eben das, führte ihr Weg von Barmen über Dahlem wirklich nach Augsburg, wo man mich ja ohnehin lieber nicht dabei haben wollte, dann kann sie nicht gleichzeitig meine weiteren Dienste haben wollen, dann darf, nein, dann muß ich meine wirklich nicht angenehme Funktion in diesem kirchlichen Raum, meine Aufgabe, immer wieder meine längst bekannten Fragen zu stellen und Widersprüche anzumelden, als beendigt ansehen.
4. Mit dem im Hinblick auf den Tenor der Augsburger Beschlüsse Gesagten steht ein Viertes im Zusammenhang. Meine Gedanken über das gegenwärtige Regierungssystem in Deutschland, die von Anfang an ablehnend waren, in denen ich mir aber anfangs, wie meine Veröffentlichungen zeigen, immerhin eine gewisse Zurückhaltung auferlegen konnte, haben sich mit der Zeit und mit dem Lauf der Ereignisse so zugespitzt, daß meine weitere Existenz in Deutschland, da die Bekenntniskirche mich bei diesen Gedanken im Ganzen nicht tragen kann, sozusagen physisch unmöglich geworden ist. Ich zweifle nicht daran, daß Unzählige unter ihren Gliedern im stillen genau so denken wie ich. Und ich bin überzeugt, daß auch die Bekenntniskirche als solche über kurz oder lang vor der Frage stehen wird, ob sie nicht vom Bekenntnis her genau so denken – und dann auch entsprechend reden oder handeln müsse. Im gegenwärtigen Augenblick aber steht die Bekenntniskirche als solche, wie gerade Augsburg gezeigt hat, nicht dort. Sie denkt noch gar nicht daran, daß sie, ein «Wort an die Obrigkeit» richtend, auch noch etwas anderes auszusprechen haben könnte als die mit der Beteuerung ihrer politischen Zuverlässigkeit begründete «inständige» Bitte um die Erhaltung ihres durch die Reichsregierung garantierten Bestandes und daß ihr Gebet für die von Gott gesetzte Obrigkeit53 seine Echtheit darin erweisen müßte, daß es, wo sie die Lüge und das Unrecht zum Prinzip erhoben sieht54, eines Tages |349 auch zu dem in den Psalmen vorgesehenen Gebet um Befreiung von einer fluchwürdig gewordenen Tyrannei werden könnte.55 Sie hat für Millionen von Unrecht Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet – wenn sie redet – noch immer nur in ihrer eigenen Sache.56 Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es im heutigen Staat mit einem Rechtsstaat im Sinn von Röm. 13 zu tun habe. Und es ist heute weniger als je zu erwarten, daß sich darin so bald etwas ändern werde.57 Es wird eine peinliche Erinnerung an die |350 letzten zwei Jahre sein und bleiben, daß ich selber nicht kräftiger in der hier gebotenen Richtung vorgestoßen habe.58 Vielleicht stand es mir als Schweizer auch nicht an, dies zu tun. Jedenfalls könnte ich jetzt nicht mehr länger dabei mittun, zu schweigen, wo geredet werden sollte, zu reden, wo Schweigen die allein würdige Rede wäre. Ich würde aber, wenn ich eine andere Haltung sichtbar machen wollte, von ferne nicht den Boden der Bekenntniskirche unter den Füßen haben, wie sie nun in Augsburg in die Erscheinung getreten ist. Auch darum kann ich mich von dieser Bekenntniskirche jetzt nicht legitim berufen fühlen.59
Dies, lieber Herr Pastor, sind die Dinge, die ich Ihnen und den andern Herren, Brüdern und Freunden noch einmal sagen wollte. Ich bitte Sie, am Schluß dieses Briefes des Vorbehaltes nochmals zu gedenken, den ich am Anfang allen Ernstes gemacht habe. Und Sie wissen, daß das Gesagte nicht alles ist, was ich von der deutschen Be|351kenntniskirche zu sagen habe! Ich habe allen Anlaß, nicht nur Gott, sondern auch vielen Menschen dafür zu danken, daß ich in diesen Jahren bei dieser Sache mittun durfte, und ich werde sie auch aus der Ferne und ohne die Möglichkeit einer direkten Mitwirkung immer als meine eigene Sache betrachten und ihren weiteren Gang, wie er sich auch gestalten möge, so begleiten, wie Christen die Sache ihres Herrn in der Nähe oder aus der Ferne begleiten sollen. Was ich Ihnen mitteilen wollte, war nur eine Erklärung darüber, warum ich – da ich nun einmal schicksalsmäßig im Unterschied zu anderen vor die Wahl gestellt war – schließlich so und nicht anders und also innerhalb des Raumes der einen Kirche fürs erste den schweizerischen statt des deutschen Raumes gewählt habe. Sie wissen, daß ich nicht nur Ihnen und unseren näheren Freunden, sondern auch den meisten von denen, die sich in diesem Brief direkt oder indirekt angeklagt finden möchten, menschlich und persönlich aufs herzlichste zugetan bin, daß mir die nun eintretende äußere Entfernung sehr, sehr leid tut und daß ich andererseits gewiß bin, daß in diesen Jahren Verbindungen entstanden sind, die auch den Gefahren dieser Entfernung standhalten werden. Eben im Blick auf diese feste Zusammengehörigkeit habe ich es gewagt, noch einmal ein offenes Wort zu sagen, und wage ich es, so oder so bestimmt mit Ihrem Verständnis für meine Lage und meinen Entschluß zu rechnen.60
352Es ist mir zum Schluß eine traurige Pflicht, das Moderamen des Reformierten Bundes um meine Entlassung aus seiner Mitte zu bitten.61 Ich war immer gerne in seinem Kreise. Ich grüße alle und jeden einzelnen und danke für die Offenheit und für die oft nötige Geduld, |353 mit der Sie alle mich aufgenommen und mir die Mitarbeit leicht gemacht haben.
Indem ich Sie und mich mit allen, die wir für Gute und Böse halten, Gott empfehle, bin ich mit sehr herzlichem Gruß