3 · 1936

Karl Barth an Wilhelm Niesel

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An Pastor Dr. Wilhelm Niesel, Berlin

1936

Innerhalb der Bekennenden Kirche in Deutschland kam es über die Frage, wie man sich gegenüber den Kirchenausschüssen (s. vorigen Offenen Brief) zu verhalten habe, Ende 1935 zu Spannungen, die sich Anfang 1936 zuspitzten. Darüber wurde Barth Mitte Januar von zwei Gästen aus Deutschland informiert. Am 17. und 18.1. war Karl Immer (1888–1944) aus (Wuppertal-)Barmen, Mitglied des Reichsbruderrats, bei Barth zu Besuch, und mit ihm Kurt Gerstein (1905–1945), seit kurzem als Bergassessor in Saarbrücken tätig, ein früheres aktives Mitglied des CVJM, der mit der BK sympathisierte. Gerstein überbrachte Barth einen Brief von Wilhelm Niesel aus Berlin vom 10. Januar.

Niesel (1903–1988) gehörte zu den engen Weggenossen Barths in Deutschland. Er hatte bei Barth studiert und promoviert, hatte mehrere Aufsätze in «Zwischen den Zeiten» veröffentlicht und war seit 1934 Mitherausgeber der Zeitschrift «Evangelische Theologie».1 Während der Barmer Bekenntnissynode hatte Niesel mit Barth in der Kommission gearbeitet, die sich mit These V beschäftigte, und das Ergebnis ebenso positiv wie Barth beurteilt2; Niesel lehrte seit 1935 an der Kirchlichen Hochschule in Berlin.

In seinem kurzen Brief schrieb Niesel, der Präses der westfälischen Provinzialsynode, Karl Koch, habe beinahe in Bethel am 5.1. einem Verhandlungsergebnis zugestimmt, das «den Selbstmord der B.K. bedeutet hätte.» Niesel spielte damit auf die von Friedrich von Bodelschwingh und Wilhelm Zoellner entworfenen «Betheler Sätze»3 an, in denen sich die Bekennende Kirche unter bestimmten Bedingungen zur Mitarbeit in den Kirchenausschüssen bereit erklärte.4 Niesel legte |14 einen am 9.1. in Berlin-Dahlem gefaßten Beschluß des Bruderrats der Altpreußischen Union bei, in dem die Betheler Vereinbarung kritisch beurteilt wurde5, und kommentierte: «Wie Sie aus beiliegendem Beschluß sehen, hält sich das altpreußische Häuflein immer noch ganz wacker.» Erleichtert konstatierte er: «Wir meinen, daß die andere Seite nicht große Lust haben wird, nach der jetzt erfolgten Stellungnahme des altpr. Bruderrates weiterzuverhandeln.»

Unmittelbar darauf hatte Barth Gelegenheit zu einer Antwort. Eduard Hesse, Sohn von Hermann A. Hesse aus (Wuppertal-)Elberfeld, der damals in Basel studierte6, erklärte sich dazu bereit, eine Nachricht über die deutsche Grenze zu bringen.7 Barth schrieb am 19.1.1936 einen Brief, in dem er die Personennamen verschlüsselte, und gab diesen Brief Hesse mit. Aus diesem Privatbrief Barths veröffentlichte Karl Immer die grundsätzlichen Teile in seinem hektographierten Brief des «Coetus reformierter Prediger» vom 7.2.1936. In diesem Coetus-Brief schilderte er zunächst die Entwicklung der Verhandlungen mit dem preußischen Landeskirchenausschuß und gab anschließend vier Texte wieder, darunter eine Erklärung der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, die für einen entschiedenen Kurs gegenüber den Kirchenausschüssen plädierte8, und als letzten Barths Brief, ohne Namensnennung, aber unter der durchsichtigen Überschrift «Ein Basler Professor schreibt».9 Im übernächsten Coetus-Brief zitierte Immer am 2.3. aus Barths Brief und nannte nun auch ausdrücklich dessen Namen.10

15Barths Brief wird im folgenden nach dem Durchschlag im Karl Barth-Archiv vollständig wiedergegeben. Die Personen-Erklärungen, die Niesel 1974 zu diesem Briefe abgab11, sind in eckigen Klammern hinzugefügt worden.

Lieber Herr Pastor Niesel!

Gerne benutze ich die Gelegenheit eines an Sie abgehenden Briefes von Eduard Hesse [Sohn von D. H. Hesse, Elberfeld], um Sie auch rasch zu grüßen. Ich hatte vorgestern und gestern den Besuch unsres Freundes Semper idem aus B. [Karl Immer aus Barmen]12, und gleichzeitig traf dann auch Bergassessor G. [13] hier ein und brachte mir Ihr Brieflein samt Beilage – deren Inhalt mir Semper gerade eine Viertelstunde zuvor vorgetragen hatte, zusammen mit dem, was als Simultaneum14 bei den Altären zu Bethel15 ausgeheckt worden, und mit zwei Gutachten von H. Vater [D. Hermann Hesse-Elberfeld] und |16 Harmannus [Lic. Harmannus Obendiek-Gemarke], die Ihnen wohl auch bekannt sind. Die Klimax: Bethel16, Dahlem17, Elberfeld18, Barmen19 war mir überaus eindrucksvoll, und ich würde schon sagen, daß Barmen in diesem Fall den Vogel abgeschossen hat. Ich verstehe sehr gut, wie schwer es sein mag, bei dem dauernden Szenenwechsel immer gleich prima vista das Rechte zu treffen – und würde mir wahrscheinlich auch nicht anmaßen, zu behaupten, daß ich dazu immer in der Lage wäre – wenn nur in dem ganzen Chor immer wieder welche sind, welche im entscheidenden Augenblick den etwas schwierig zu erwischenden Ton doch herausbringen, und wenn dann die übrigen nur musikalisch genug sind, ihn als den reinen Ton zu erkennen und sich darauf umzustellen. Aus der Ferne sieht man ja noch viel besser als aus der Nähe, wie bedrohlich die B.K. im Sturm hin und her schwankt.20 Aber das kann dem seetüchtigsten Schiff widerfahren.21 Und darum sage ich hier allen, die mich fragen: sie sollten nur ruhig sein und Geduld haben; die Sache würde endlich und zuletzt schon recht herauskommen. Ich vergleiche dann die B. K. auch wohl mit einem Güterzug von 5622 Wagen, bei dem es vorkommen kann, daß |17 die letzten Wagen in einen Tunnel einfahren, den die Lokomotive eben verlassen hat, oder daß nach scharfen Kurven die Lokomotive nach Süden, die mittleren Wagen nach Osten, die letzten aber nach Norden fahren, was doch Alles, vorausgesetzt, daß der Zug immer weiterfährt und beieinander bleibt, weiter nicht so schlimm ist, sondern sich schon geben wird. Semper hat mir eine sehr eindrucksvolle Schilderung jener Dezember-Begebenheit im Palaste des Herodes gegeben. Meine Fern-Diagnose hatte dahin gelautet, daß der Mann vermutlich unter Alkohol stand, als er jene Rede hielt.23 Semper meinte, daß das Tolle einfach das Normale gewesen sei. Man lernt doch nie aus! Ihre und Ihrer Freunde Nerven mögen bei dem allen nachgerade auch immer besser werden müssen, wenn Alles gut weiter gehen soll. Ich wollte wohl, ich könnte wieder einmal persönlich hereinschauen und an Allem teilnehmen. Rückblickend reut es mich ja nur um jeden Augenblick, in dem ich noch schärfer und unnachgiebiger und aggressiver hätte sein können, als ich es gewesen bin. Wird es doch jetzt immer deutlicher, daß jedes, aber auch jedes Zögern oder gar Nachgeben in seinen Auswirkungen nur Zeit- und Kraftverlust bedeutet hat, daß auch praktisch immer nur die radikalste Stellungnahme sinnvoll war und eine Zukunft hatte.24 Hoffentlich gehört diese Einsicht für die Fortsetzung des Feldzuges zum eisernen Bestand des Exercierreglements der B. K. ED. H. [Eduard Hesse] will mit dem Brief weg. Bitte grüßen Sie den Kapitän [Martin Niemöller]: ich dächte sehr oft an den armsdicken Wasserstrahl, der in sein Boot kam und angesichts dessen er doch nicht die Fassung verlor.25 Ja grüßen Sie alle guten Menschen, denen ein Gruß von mir Freude machen kann!

Von Herzen
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Busch, Lebenslauf, S. 145.160.194.243 📖. ↩
2
Busch, Lebenslauf, S. 259 📖. ↩
3
Text in: K. D. Schmidt, Dokumente des Kirchenkampfes, Bd. II: Die Zeit des Reichskirchenausschusses 1935-1937. Erster Teil (AGK 13), Göttingen 1964, S. 378–380 📖.↩
4
Nach Niesels späterer Erinnerung: «Dreimalige Verhandlungen, von Zoellner angeregt, Ende 1935 unter Teilnahme von v. Bodelschwingh, Präses D. Koch, Gen.-Sup. D. Eger, dem Vorsitzenden des altpr. Landeskirchenausschusses, mit dem Ergebnis einer ‹Ordnung der geistlichen Leitung in den altpr. Kirchenprovinzen für die Übergangszeit bis 1937›.» (Brief Niesels an Dr. H. Stoevesandt, KBA, vom 16.10.1974)↩
5
Texte in K. D. Schmidt, a.a.O., S. 383–386 📖.↩
6
Mitteilung von Eduard Hesse an den Hrsg. vom 1.4.2000.↩
7
Hesse, der «schwarz» in Basel lebte, überquerte öfters die Grenze, um im deutschen Lörrach Post abzuholen resp. abzusenden (Mitteilung an den Hrsg. vom 4.12.2000).↩
8
K. Immer, Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933-1937, hrsg. v. J. Beckmann, Neukirchen 1976, S. 108–111 📖.↩
9
A.a.O., S. 111f. 📖 ↩
10
Brief vom 2.3.1936, a.a.O., S. 119 📖.↩
11
In dem Briefe an Dr. H. Stoevesandt vom 26.10.1974.↩
12
Barth verwandte für K. Immers Pseudonym die Formulierung, die Cicero für Sokrates gefunden hatte: «Mit Recht war der Ausdruck immer derselbe, weil der Geist, durch den er gebildet wird, unverändert blieb» (nach Büchmann, Geflügelte Worte, Berlin 197232, S. 533 📖).↩
13
Niesel vermutete 1974, damit sei Gustav Heinemann gemeint. Nach Barths Kalender besuchten ihn jedoch am 17.1.1936 «Karl Immer aus Barmen und Assessor Gerstein.» – Gerstein, seit 1933 Mitglied der NSDAP, wurde 1936 wegen Versendung staatsfeindlicher Broschüren einige Wochen verhaftet, aus der Partei ausgeschlossen und verlor sein Amt. Er studierte danach Medizin und beschloß, als eine Schwägerin in Hadamar getötet worden war, die Methoden der Mörder zu erkunden, trat 1941 in die SS ein, wurde 1942 Zeuge der Vergasung von Juden in mehreren Vernichtungslagern, entdeckte das bis dahin streng gehütete Geheimnis u. a. einem schwedischen Diplomaten und schrieb seine Erinnerungen im Mai 1945 nieder. Sie wurden 1948 in Nürnberg verwandt und 1951 von Hans Rothfels in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte Jg. 2 (1953), S. 177–194 📖 veröffentlicht. ↩
14
Mit diesem Begriff wurde seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 ein rechtlicher Zustand bezeichnet, wonach in einem Territorium zwei Konfessionen nebeneinander gleichzeitig ihre Religion ausübten.↩
15
Durch den Rückbezug auf das Alte Testament gab Barth dem im Papier des Bruderrats vom 9.1. verwendeten Begriff «Simultaneum» eine ironische Ausdeutung. Nach 1.Kön. 12,28ff. wurde in Bethel ein goldenes Kalb errichtet. In dessen Gestalt sollte der Gott des Exodus verehrt werden – gleichzeitig wurde an dieser Stelle aber auch dem Baal gehuldigt.↩
16
Das erwähnte Kompromiß-Papier, siehe Anm. 3.↩
17
Die Erklärung des Altpreußischen Bruderrats, s. Anm. 5.↩
18
Wahrscheinlich ein Gutachten H. A. Hesses aus Elberfeld, das Immer referierte.↩
19
Wahrscheinlich ein ebenfalls mündlich vorgetragenes Gutachten H. Obendieks aus Barmen; im KBA sind die Texte beider Gutachten nicht überliefert. Zu Obendiek: vgl. Briefe des Coetus (s. Anm. 8), S. 156 📖. Gewiß berichtete Immer auch schon von der umfangreichen Stellungnahme, mit der am 13.1. die Vertrauensmännerversammlung des Coetus reformierter Prediger in Barmen die Betheler Sätze verworfen hatte und in der man eine Wirkung von Obendieks entschiedener Kritik sehen darf. Text in: K. D. Schmidt, a.a.O., S. 387–395 📖, und in: Die Briefe des Coetus, S. 98–105. ↩
20
Womöglich eine Anspielung auf die Tatsache, daß innerhalb der Bekennenden Kirche der Reichsbruderrat und die Vorläufige Kirchenleitung über den einzuschlagenden Kurs gegenüber den Kirchenausschüssen uneins waren und ihren Streit auch öffentlich austrugen. Texte s. K. D. Schmidt, a.a.O., S. 188–194.197–204.222–244 etc. 📖 ↩
21
Dieser Satz ist beim Abdruck ausgelassen worden.↩
22
Womöglich Anklang an eine Stelle aus Tob. 14,1.3, wo berichtet wird, Tobias sei mit 56 Jahren blind, mit 60 aber wieder sehend geworden und habe danach noch 42 Jahre gelebt.↩
23
«Empfang des altpr. Bruderrates durch Kerrl am 27. November 1935. Kerrl war in der Tat, wie Barth vermutete, angetrunken.» (So Niesel am 26.10.1974, s. Anm. 4). Niesel schilderte 1952 die Begebenheit in: Der Bruderrat der evangelischen Kirche der altpreußischen Union, in: Bekennende Kirche. Martin Niemöller zum 60. Geburtstag, München 1952, S. 148f. 📖 ↩
24
Dieser Satz wurde von Immer im Druck hervorgehoben: «(Auszeichnung von mir, Ir.)».↩
25
M. Niemöller berichtete, daß er am 6.7.1918 als Kommandant eines UBootes auf Wache plötzlich Fliegeralarm auslösen mußte, beim Fluten des Bootes durch Detonationen von Bomben gegen die Turmwand geschleudert wurde und ihn «ein Wasserstrahl von Armesdicke» traf; trotz der starken Beschädigung erreichte das Boot dann den Heimathafen (M. Niemöller, Vom U-Boot zur Kanzel, Berlin 1934, S. 109ff. 📖). ↩