An Pastor Hermann Klugkist Hesse, [Wuppertal-]Elberfeld
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An Pastor Hermann Klugkist Hesse, [Wuppertal-]Elberfeld
Der reformierte Pastor
Im April 1936 trafen Barth und Hesse in
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Wegen dieses Abdrucks geriet Hesse in politische Bedrängnis.9 Der Reichspressekammer und dem Kirchenministerium war die Zeitschrift wegen ihrer Kritik an den Kirchenausschüssen ein Dorn im Auge. Am 30.5.1936 forderte das Kirchenministerium ein laufendes Exemplar der Zeitschrift an10, und das Propagandaministerium erteilte dem Schriftleiter am 7.7.1936 eine «ausdrückliche Warnung» und drohte ihm «schärfste Mittel» an: «Es entspricht nicht einer staatstreuen Haltung, diesem ausdrücklichen Gegner des dritten Reiches zu seinem 50. Geburtstag in einer deutschen Zeitschrift zu gratulieren und auch noch das Dankschreiben der Öffentlichkeit zu unterbreiten.»11 Nachdem das Propagandaministerium auch noch andere Veröffentlichungen Hesses gerügt hatte, wurde das Blatt im August 1936 für ein halbes Jahr und Ende 1936 auf Dauer verboten.12
Die beiden Briefe wurden nach Barths Tode wieder abgedruckt.13
Wie einem, der unter uns weilt und der zu uns gehört, bringen wir Leser von
20Wir wissen, daß Sie nicht angefeiert sein wollen. Darum legen wir unseren Dank, der uns beseelt, vor dem Herrn nieder, der Ihnen das Lehramt gab. Daß er unserer evangelischen Kirche und damit uns einen Mann in Ihnen schenkte, der uns aus der Verherrlichung der vorletzten Güter und aller Kulturseligkeit aufgeweckt und aufgerüttelt hat und zu den letzten Dingen gerufen hat und noch ruft, durch Wort und Schrift, durch Predigt und Wissenschaft, – wir preisen dafür an Ihrem Jahrestag Gottes Erbarmen. Ihnen ward gegeben, so zu uns zu reden, daß wir fortan ein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn wir in unserer Haltung uns festhalten lassen bei uns selber und unseren Erlebnissen, wenn wir hören auf die Stimme unseres Gemütes und Geblütes, wenn wir achten auf die Stimme eines Fremden14; Sie haben uns wie die Reformatoren bezeugt, daß Christi Jünger Menschen des Glaubensgehorsams sind und nichts anderes: dieses erkennen wir als eine uns widerfahrene Huld des Herrn. Daß Sie uns gemahnt haben und immer wieder mit unerbittlichem Ernst mahnen, unter dem Worte zu bleiben und alles Bemühen zu setzen an die Erkenntnis der Schrift und alles Heil einzig zu sehen in dem Sohne Gottes, damit wir vor ihm in Buße uns beugen und von ihm als seine Knechte die Gnade empfangen: wir loben dafür den Namen des Herrn.
Und das verbindet uns fort und fort mit Ihnen als mit dem uns geschenkten Lehrer unserer Kirche. Hieran ändern nichts die Grenzen. Hiervon brechen die Zeiten nichts ab. Wir feiern mit Ihnen. Wir lieben Sie. Wir lernen von Ihnen und lassen uns von Ihnen weisen weg von allen Menschen auf das Wort: Ich bin der Herr dein Gott.15
Sie haben mich in «Unter dem Wort
Und nun sind mir in denselben Tagen Briefe und Kundgebungen ähnlicher Art aus allerlei Ländern, in überwältigender Fülle aber besonders aus Deutschland, zugegangen. Bekannte und Unbekannte, alte und neue Weggenossen, Theologen und andere Gemeindeglieder, einzelne und ganze Kreise oder Kollegien haben mir in ernsten und freundlichen Worten ihre Teilnahme an meinem Weg und meiner Arbeit, ihr treues Gedenken an die Gemeinschaft vergangener Friedens- und Kampfesjahre und ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft ausgesprochen. Die Tatsache, daß mein Name am 10. Mai im deutschen Pfarrerkalender steht (während der schweizerische – auf daß kein Fleisch sich rühme – unter diesem Datum statt dessen vielmehr an die Zerstörung
Und dann ist mir durch berufenste Hände das festliche Werk «Die Freiheit der Gebundenen», das demnächst auch im Buchhandel erscheinen wird19, auf den Geburtstagstisch gelegt worden: eine Sammlung von theologischen Arbeiten, an der wieder meine reichsdeutschen Freunde (von der Leitung und Veranstaltung des Unternehmens ganz abgesehen) mitten in all den zeit- und kraftraubenden Nöten ihrer Gegenwart in nun erst recht betätigtem Ernst des Denkens und der Nachforschung, wie er immer ein deutscher Ruhm gewesen ist, den hervorragendsten Anteil genommen haben. Es ist mir durch das alles aufs neue sehr klar geworden, daß ich, was auch noch kommen und wohin und zu wem ich auch sonst noch gehören mag, auf alle Fälle zur deutschen evangelischen Kirche und zu den in ihr versammelten Christenmenschen gehören und an ihren Sorgen, Verantwortlichkeiten und Verheißungen beteiligt sein werde. Daß ich das darf, nachdem mich Gott so geführt hat, dafür bin ich ihm und nach ihm doch auch all den Menschen, die es mir jetzt eben wieder so bestimmt und verpflichtend gesagt haben, dankbar.
Was soll ich zu dem besonderen Anlaß sagen, der mir alle diese Grüße und Gaben eingetragen hat? Daß ich wirklich ohne mein Zutun und Verdienst eines schönen Morgens 50 Jahre alt wurde und dann auf einmal vor einer solchen Fülle von Liebe stehen durfte, das hat mir so recht bildhaft vor Augen geführt, wie es mit den Werken und mit der Gerechtigkeit des Menschen steht: da ist nichts, wirklich nichts Besonderes und dann auf einmal alles und das Beste. Daß in jenen 50 Jahren oder doch in den letzten 25 dieser Jahre allerhand |23 passiert ist, bei dem ich dabei sein und von dem ich in Wort und Schrift Rechenschaft ablegen durfte, das ist wohl wahr; aber wenn ich dann zurückdenke, meine ich, daß es viel mehr über mich hinweg und durch mich hindurch gegangen sei, als daß ich selbst ein Werk auf den Plan gestellt hätte. Es war mir eine ganz besondere Freude, aus fast allem, was mir in diesen Tagen geschrieben worden ist, wahrzunehmen, daß die Schreiber gerade im Gedanken an mich ganz mit der Sache und nur beiläufig mit meiner Person beschäftigt waren und darum nicht mir, sondern mit mir Gott dankten und die Ehre gaben. Wir sind alle dazu da, uns einzusetzen, und wenn wir das tun, haben wir gar keinen Raum, uns auch noch an dem Bild unseres eigenen Einsatzes oder auch dem eines anderen als solchem zu ergötzen. Aus besonderem Anlaß20 las ich eben heute einige Kapitel aus der Biographie eines Mannes, den ich in seinen Werken von meinen Kinderjahren an vor anderen liebte und in mich aufnahm: des
24In einer Zeitung stieß ich vor acht Tagen auf den für die vergangene Woche ausgegebenen astrologischen Kalender und fand da die Mitteilung, daß der 11. Mai, also der Tag nach meinem Geburtstag, besonders geeignet gewesen sei: «zum Beginn weit ausschauender Unternehmungen.» Soll ich, da man sich, wenn man nicht unter dem Gesetz steht, bekanntlich nicht an den astrologischen Kalender halten soll23 – darin eine Warnung erblicken, mich spätestens von jetzt an gerade auf keine weitausschauenden Unternehmungen mehr einzulassen? Darauf könnte ja nun doch auch eine Schriftstelle hinweisen, auf die ich ebenfalls in jenen Tagen stieß:
Gerade innerhalb der deutschen evangelischen Kirche bin ich ja durch die Ereignisse der letzten Jahre ganz deutlich und offenkundig aus dem «Amt des Dienstes» in die Funktion eines Helfers hinübergedrängt worden. Es wird eine gute Ordnung und Führung auch darin verborgen sein. Wenn ich den auf mir liegenden besonderen Auftrag annehme und nach Kräften ausführe und also meinen Brüdern auch in Zukunft wenigstens helfen darf in der Hut der Hütte des Stifts, so gehe ich wirklich auch in Gedanken an
Und nun habe ich einen Wunsch, lieber Herr Pastor, mit dem ich Ihnen hoffentlich nicht zu beschwerlich falle. Mir ist es, wenn ich nicht für eine Woche meine Vorlesungen und Übungen einstellen und Tag und Nacht nur noch Briefe schreiben will, ganz unmöglich, zu tun, was ich jetzt gerne tun wollte: nämlich allen denen, die mich gegrüßt haben, persönlich und direkt zu antworten. Darf ich Sie darum bitten, diesen Brief an Sie in «Unter dem Wort» als einem Organ, das wohl die meisten, die es angeht, erreichen dürfte, zum Abdruck zu bringen, und zugleich zu gestatten, daß er auch sonst in einigen Durchschlägen versandt wird? Und darf ich für diesen Fall alle die anderen bitten, diesen Brief an Sie als auch an sich gerichtet zu lesen und also auf diesem Weg meinen warmen, herzlichen Dank entgegenzunehmen für alles: für die Briefe, Postkarten und Telegramme, für die solennen Sendschreiben, für die «Freiheit der Gebundenen», für all die gute, ernste und mutige Gesinnung, die aus dem allem spricht dazu meinen brüderlichen Gegengruß und meine aufrichtigen Wünsche hinsichtlich alles dessen, was Sie selbst mit Kummer und mit Freude erfüllt? Uns ist – alles, was mir zugekommen ist, hat es mir neu |26 bestätigt – in den Jahren, in denen ich in
Indem auch ich daran denke und zu denken nicht aufhören werde, grüße ich Sie, lieber Herr Pastor, und Sie, Euch liebe Freunde, Schüler, Arbeits-, Streit- und Glaubensgenossen, alle, alle!
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christo Jesu!26