Paul Vogt (1900–1984), Pfarrer in der Arbeitervorstadt Zürich-Seebach, wandte sich im Frühjahr 1937 mit der Bitte an Barth, einen Hilfsdienst für die Familien deutscher Bekenntnispfarrer ins Leben zu rufen.1 Barth erklärte sich sofort zur Mitarbeit bereit2, und es wurde ein Initiativkomitee für Bekenntnis-Pfarrer-Familien-Hilfe gegründet, dem außer Vogt als Präsident und Barth auch der Kirchengeschichtler Prof. Dr. Oskar Farner (1884–1958), Pfarrer am Großmünster in Zürich, Ernst Hurter (1900–1953), Pfarrer in Zürich-Seebach, und Adolf Maurer (1883–1976), Pfarrer in Zürich-Wiedikon, angehörten.3 In einem Rundschreiben vom 13.5.1937 wandten sich die vier |53 Pfarrer und Vogts Gemeindehelferin4 an die Amtsbrüder mit der Bitte, «einen deutschen Amtsbruder, seine Frau oder ein Kind aus Bekenntnispfarrerkreisen für die Ferienzeit oder länger» aufzunehmen oder einen Beitrag dafür zu geben, daß Kinder in ein Heim aufgenommen werden konnten.5 Der Rundbrief war mit einem Nachsatz von Barth vom 7.5.1937 versehen: «Die Situation in Deutschland ist kritischer, als es der Öffentlichkeit bekannt sein kann. Es ist auch meine Bitte an die schweizerischen Pfarrer: sie möchten den deutschen Amtsbrüdern ihr Gedenken und ihren Beistand zuwenden.» Das vertrauliche Rundschreiben wurde in Deutschland registriert.6
Vogt reist zweimal nach Berlin und einmal ins Rheinland, und Barth «ließ seine Verbindungen mit Deutschland spielen».7 Trotz aller politischen Schwierigkeiten gelang es im Sommer 1937, 91 Kinder und 16 Erwachsene zu einem Erholungsaufenthalt von vier bis zehn Wochen in die Schweiz zu holen. «Angesichts der Verschärfung des Kirchenkampfes, der wachsenden Not, der dringenden Hilferufe von draußen» baten die Unterzeichner in einem Rundschreiben vom 10.9. («streng vertraulich!») um weitere tatkräftige Hilfe.8
Am 20.11.1937 wandte sich Vogt an die Komiteemitglieder mit einem neuen Hilferuf: «Die kirchliche Lage in Deutschland ist so ernst wie wohl noch nie seit Beginn des Kirchenkampfes. Da ist es dem Unterzeichneten zur ernsten Frage geworden, ob wir uns von unserem Hilfswerk aus nicht an den Vorstand des Schweizerischen evangelischen Kirchenbundes wenden sollten mit der Bitte, daß er in der Presse ein Wort herzlichen Gedenkens und deutlicher Glaubensverbundenheit mit der schwer-bedrängten evangelischen Kirche Deutschlands veröffentlichen möge. Die Bekenntniskirche wird wohl kaum an die Kirchen des Auslandes appellieren aus begreiflicher Sorge vor politi|54sche Diffamierung. Umso mehr wäre es jetzt am Platz, daß die Kirchen des Auslandes ein klares und tapferes Wort sprechen würden. Ich stehe unter dem Eindruck, daß sich der Staat im dritten Reich immer mehr erlaubt, weil der Einspruch aus dem Ausland auf sich warten läßt.» Vogt schlug vor, auch an die kantonalen Kirchenbehörden heranzutreten «mit der Bitte, eine regelmäßige Fürbitte in den Gemeindegottesdiensten anzuregen», und «regelmäßige Besuche von Schweizerpfarrern bei verantwortlichen Kirchenführern in Deutschland» zu organisieren, «um den schweren brieflichen Verkehr durch persönlichen Kontakt zu ersetzen.» In einem Nachtrag ergänzte er:
Für den Fall, daß der Kirchenbund nichts unternehmen wollte, wäre zu prüfen, ob wir nicht ein Wort, um dessen Abfassung wir Herrn Professor Barth bitten würden, an sämtliche Kollegen der Schweiz versenden sollten mit dem Gesuch, uns ihr Einverständnis umgehend mitzuteilen. Dann würden wir das Wort mit allen eingereichten Zustimmungen durch den evangelischen Pressedienst veröffentlichen lassen.
Anscheinend hat das Komitee beschlossen, nicht erst die Wirkung eines Briefes an den Vorstand des Kirchenbundes abzuwarten; jedenfalls entwarf Barth alsbald ein «Wort an die Gemeinden, Kirchenpflegen und Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz»9, das er gegenüber Vogt so kommentierte10:
Werden Sie sehr erschrecken, wenn mir nun aus dem gewünschten «Aufruf» unter der Hand ein kleines – und nicht einmal ganz kleines – Memorandum geworden ist? Mir wurde eben, indem ich mich ans Schreiben machte, klar, daß dessen, was auch in der größten Kürze deutlich und einleuchtend zu sagen ist, viel zu viel ist, als daß es in den paar Sätzen, die auf einer Seite Platz haben, gesagt werden könnte, um so gehört zu werden, wie wir es doch gehört haben möchten. Was nun entstanden ist, ist eben so etwas wie (im Format meine ich!) die Wipkinger Flugblätter, und so ähnlich würde ich mir auch die Ausstattung denken, in der es gedruckt werden müßte.
Barth schlug Vogt vor, «zum Unterschreiben gleich noch eine Anzahl anderer Leute außerhalb unsres kleinen Komitees heranzuholen. |55 Die gewünschte Zustimmung wird da oder dort noch leichter zu haben sein, wenn es schon sichtbar ist, daß ein nicht zu kleiner Kreis seine Zustimmung bereits gegeben hat.» Barth stellte sich «die Fortsetzung der Aktion» so vor:
Bleibt die gewünschte Zustimmung ganz oder fast ganz aus, dann wissen wir wenigstens, daß die Lage im ganzen zu einem ordentlichen Tun im Großen noch nicht reif ist und daß wir darauf angewiesen sind, im Kleinen und auf schmaler Spur nach wie vor zu tun, was in unsern Kräften steht.
Fällt die Zustimmung mittelmäßig aus, aber immerhin so, daß sichtbar wird, daß wir größere Kreise in unsern Kirchen hinter uns haben, dann könnte der nächste Schritt darin bestehen, daß wir im Namen dieses Kreises ein Wort an die B. K. heraus und durch den EPD an die Presse geben.
Fällt die Zustimmung so aus, daß man sie gewichtig und eindrucksvoll nennen muß – darüber könnte ja dann noch geredet werden –, dann gehen wir mit so etwas wie einem Antrag an die kantonalen Kirchenräte bzw. an den Kirchenbund: es möchte von dort aus ein solches Wort gesprochen und auch alles Weitere in die Hand genommen werden.11
Barths Vorschlag fand die Billigung der Mitglieder des Komitees; Barth ging seinerseits auf fast alle kleinen Abänderungsvorschläge des Komitees ein, die ihm Vogt am 7.12.1937 übersandte12, und übernahm auch die vorgeschlagene Anrede «Liebe Amtsbrüder»13 und die von Vogt vorgeschlagen Fassung einer «Erklärung», die dem Memorandum beigefügt werden sollte.14 Das Komitee schlug Barth eine Liste |56 möglicher Sympathisanten vor, die Barth seinerseits ergänzte.15 Der Text des Memorandums wurde am 11.12. zunächst 32 Schweizer Theologen mit der Bitte um ihre Unterschrift zugesandt, die bis auf zwei gegeben wurden16: «Die Unterzeichneten erklären sich mit dem Initiativkomitee in Bezug auf vorliegendes Memorandum solidarisch und empfehlen dasselbe allen Amtsbrüdern angelegentlich zur Beachtung.» Vogt bat Barth, eine Übersetzung ins Französische zu besorgen17, und unter der Datumsangabe «Im Advent 1937» wurde am 24.Dezember 1937 das «Memorandum an die Pfarrer der reformierten Kirchen der Schweiz», unterschrieben von den fünf Mitgliedern des Komitees, samt den 30 Unterschriften und der anhängenden Erklärung, in deutscher Fassung in 1188 Exemplaren versandt, davon 975 an amtierende Pfarrer und Dozenten an den Universitäten.
Schon in den ersten beiden Tagen nach Weihnachten gingen 252 zustimmende Antworten ein. Bis zum 4.1.1938 hatten von insgesamt 933 Pfarrern und 42 Dozenten 431 die Erklärung unterschrieben, dazu 46 Emeriti. Nur 7 Theologen lehnten ab18, einer antwortete «verklausuliert»19, einer behielt den Text zurück.20 Auf die französische Übersetzung, die in der ersten Januarhälfte 1938 herauskam21, erfolgten bis zum 27.1. noch einmal 163 Zustimmungserklä|57rungen.22 Nach weiterer Versendung des Texts (s. nächsten Offenen Brief) waren nach drei Monaten insgesamt 705 bejahende Reaktionen eingegangen23, ein sehr hoher Rücklauf.
Das Memorandum wurde damit das «maßgebliche Dokument, das das Terrain für die Arbeit des ‹Schweizerischen Evangelischen Hilfswerks für die Bekennende Kirche in Deutschland› gesamtschweizerisch geebnet und den Kreis möglicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Sympathisanten und Sympathisantinnen abgesteckt hat.»24 Daß Barth der Verfasser war, blieb bis 1996 in der Öffentlichkeit unbekannt.25
Liebe Amtsbrüder!
Die Entwicklung der kirchlichen Lage in unserm deutschen Nachbarland, wie sie in den letzten Monaten allgemein sichtbar geworden ist, nötigt uns, ein Wort an Euch zu richten, das vielleicht längst hätte gesprochen werden sollen, das wir aber jedenfalls heute, bevor es zu spät ist, nicht länger unterdrücken können.
Man kann auf Grund von Tatsachen, die sich aus allen Gegenden Deutschlands belegen lassen, nicht länger bezweifeln, daß es sich bei den unter dem Namen des deutschen Kirchenkampfs bekannten, seit 1933 im Gang befindlichen Auseinandersetzungen keineswegs um zufällige und vorübergehende gegenseitige Mißverständnisse, sondern – zunächst von seiten des nationalsozialistischen Staates – um einen kaum noch verhüllten, planmäßig angesetzten und durchgeführten Vernichtungskrieg gegen den inneren und äußeren Bestand der christlichen Kirche handelt. An die Stelle des Glaubens an Jesus Christus soll die Selbstanbetung des deutschen Menschen, die Verherrlichung des deutschen Volkstums und die religiöse Ergebenheit gegenüber dem deutschen Führer treten, und an die Stelle der Kirche gedenkt die nationalsozialistische Partei26 sehr einfach sich selbst zu |58 setzen. Diesem Ziel dient – nachdem eine Reihe von außerkirchlichen und innerkirchlichen Bewegungen den gewünschten Erfolg in dieser Richtung nicht hatten – ein heute immer deutlicher hervortretendes System von verwaltungsmäßigen und polizeilichen Maßnahmen, durch das die Kirche vorläufig in eine Art von Belagerungszustand, in den Stand einer eben noch geduldeten, aber höchst verdächtigen Sekte versetzt worden ist, dem nach allen Anzeichen eines Tages die offene Verfolgung und Unterdrückung folgen wird.
Das Wort Gottes kann im heutigen Deutschland angesichts der überall zum Eingreifen bereiten Überwachung und Angeberei nicht mehr frei gepredigt werden. Es kann von allen denen, die sich als Mitglieder der Partei oder als Beamte des Staates in abhängiger Stellung befinden, auch nicht mehr frei gehört werden. Das christliche Bekenntnis kann in der Schule nicht mehr frei zur Sprache gebracht werden. Eine kirchliche Versammlungsfreiheit außerhalb des Sonntagsgottesdienstes und eine Freiheit der kirchlichen und theologischen Literatur und Presse existieren faktisch nicht mehr. Die kirchliche Jugendarbeit ist verboten oder so eingeschränkt, daß sie zur Ohnmacht verurteilt ist. Der Nachwuchs an künftigen Pfarrern ist dadurch in der Wurzel bedroht, daß von den theologischen Fakultäten nahezu alle diejenigen Lehrer entfernt worden sind, von denen eine nachdrückliche Vertretung der Geltung und des Anspruchs des Evangeliums zu erwarten wäre, während die Versuche der Kirche, eigene theologische Schulen zu erreichten, unterdrückt und verboten werden. Die Verständigung der bekenntnistreuen Pfarrer und Gemeinden und eine Art Leitung der ganzen Kirche kann nur noch in größter Heimlichkeit und unter dauernden Schikanen vor sich gehen. Die Verbindung mit den Kirchen des Auslandes wird mit dem Verdacht des Landesverrates belastet. Die Zahl der mit Ausweisung, Amtsenthebung, Redeverbot, mit kürzerer oder längerer Haft gemaßregelten Pfarrer und anderer Gemeindemitglieder läuft jeden Monat in die Hunderte. Der durch seine besondere Treue und Energie bekannte Sprecher der preußischen Kirche, Martin Niemöller, befindet sich nun seit bald einem halben Jahre ohne Verhandlung noch Urteil27 im Gefängnis.
59Umgekehrt hat im heutigen Deutschland jede, auch die gemeinste Propaganda gegen Kirche und Christentum freien Spielraum. Ihr dient eine gleichgeschaltete Presse: aktiv hier, durch ihre Neutralität dort. Ihr dient die Erziehung in den halbmilitärischen Organisationen der SS, der SA und der Hitlerjugend. Ihr dienen immer mehr die höheren und niederen Schulen, auch und gerade mit dem dort erteilten Religionsunterricht! Ihr dienen mit ihren Kundgebungen die hervorragendsten Führer der allmächtigen Partei. Ihr dient bewußt mehr als eine offen zu dem neuen Glauben übergegangene Kirchenbehörde und wenigstens durch ihr Schweigen und Nachgeben so manche andere. Die Kirche hat keine erlaubten Mittel, sich dieser Propaganda öffentlich entgegenzusetzen.
Es läßt sich nun aber, wieder auf Grund von belegbaren Tatsachen, auch das andere nicht länger bezweifeln: daß es sich bei dem von Seiten der Kirche geleisteten Widerstand weder um einen müßigen Theologenstreit noch um eine in ihrer Widerstandskraft gering zu schätzende Reaktion28 handelt. Wahr ist vielmehr, daß im heutigen Deutschland eine zahlenmäßig schwer abzuschätzende, aber entschlossene Schar von Christen aller früheren «Richtungen» klar erkannt hat, daß es zwischen ihnen und dem nationalsozialistischen Staat nicht um irgendwelche, vielleicht behebbaren, Meinungsverschiedenheiten, sondern schlicht um den notwendigen Gegensatz zwischen dem Glauben |60 auf der einen und dem Unglauben, dem Irrglauben und dem Aberglauben auf der anderen Seite geht. Und wahr ist, daß dieser Widerstand in all den Jahren nicht schwächer, sondern – trotz aller Irrtümer und Fehler, an denen es auch auf dieser Seite nicht gefehlt hat – ernster, tiefer, gründlicher und damit stärker geworden ist. Wo Pfarrer und Gemeinden sich nicht einschüchtern und trotz aller Gefahr nicht hindern ließen, da weiß man heute besser, was man am Evangelium von Jesus Christus hat, da wird heute inhaltsvoller gepredigt, da ist auch die Teilnahme am Gottesdienst und am Gemeindeleben lebendiger geworden, als es in den vorangegangenen Friedenszeiten je der Fall war. Die Bibel wird heute in Deutschland, je verachteter sie ist, um so fleißiger gelesen. Die gemeinsame Anfechtung hat die Angefochtenen weithin zu einer ganzen neuen Brüderlichkeit erzogen. Die Not hat sie beten gelehrt. Daß unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet29, das ist in Städten und Dörfern, das ist auch in Verhörslokalen und Gefängniszellen ein in aller Verborgenheit sichtbares Ereignis geworden. Die Kirche hat es weithin wieder gelernt, was sie seit den Verfolgungen der alten Zeiten zu ihrem Schaden vergessen hatte: daß sie im Staat und in der Gesellschaft – und wenn es denn sein muß, gegen sie! – von ihren eigenen Kräften und nach ihrer eigenen Ordnung, oder vielmehr: aus den Kräften des Wortes Gottes und nach seiner Ordnung und Vorschrift zu leben das Vertrauen und den Mut haben darf. Sie ist bei aller Sorge nach außen in einer inneren Erinnerung der Lehre und des Lebens begriffen. Es fehlt wahrlich noch vieles. Die Einsicht, mit der der Kampf um die Erkenntnis und für die Freiheit des Evangeliums geführt wird, ist nicht immer und überall gleich groß. Es gibt in den Reihen der «bekennenden Kirche» der schwachen und auch der falschen Brüder immer noch genug. Und es braucht nach dem Vorangeschickten nicht besonders betont zu werden, daß die Versuchung, in der alle Christen in Deutschland stehen, täglich und in jeder Beziehung riesengroß ist. Aber wir hören immer wieder Stimmen von draußen, die uns in aller Bedrängnis die Erkenntnis bezeugen, daß Gott noch größer ist in der Höhe.30 Und alle tiefer Blickenden draußen sind nicht nur nicht niedergeschlagen, sondern |61
dankbar für die hereingebrochene Prüfung, weil sie der Kirche und so manchem Einzelnen ein Erwachen, ein Erschrecken und dann doch auch eine Gewißheit und Freudigkeit gebracht hat, die sie heute um keinen Frieden der Welt mehr missen wollten.
Was wollen wir zu dem allem sagen, liebe schweizerische Amtsbrüder? Es ist eine Tatsache, die man heute mit gutem Gewissen nicht mehr bestreiten kann: daß die Lage der Kirche in Deutschland in jeder Hinsicht sehr ernst geworden ist.31
Oder dürfen und wollen wir sagen, daß diese Dinge als Angelegenheiten eines fremden Landes uns nichts angingen? Wir würden darauf antworten: der christliche Glaube kennt keine Landesgrenzen und keine Neutralitätserklärungen. Die Not und die Verheißung einer christlichen Kirche geht uns unter allen Umständen etwas an. Dazu handelt es sich32 aber um die Kirche Deutschlands, in der die Reformation ihren Ursprung genommen hat und mit der wir auch durch so viel sonstigen Verkehr und Austausch besonders verbunden sind. Und nun ist dort ein Gegensatz aufgebrochen, der uns als solcher wahrhaftig nicht gleichgültig sein kann: Der seit tausend und mehr Jahren herrschende scheinbare Friede zwischen dem Evangelium auf der einen und dem Geist und der Macht dieser Welt auf der anderen Seite scheint seinem Ende entgegenzugehen. Das Wort vom Kreuz wird wieder erkennbar als eine neue, fremde Botschaft an den natürlichen Menschen, und dieser wird sich klar darüber, daß er diese Botschaft am liebsten ausstoßen und zum Schweigen bringen möchte. Die Zeiten des offiziell anerkannten Gewohnheitschristentums sind vorbei. Die Christen sind wieder Mann für Mann gefragt, ob sie sich des Evangeliums schämen33 oder ob sie Gott mehr gehorchen wollen als den Menschen34? Und die Kirche als solche ist ganz neu gefragt, ob sie |62 Kirche sein und bleiben und ob sie sich zu dem ihr aufgetragenen Worte Gottes öffentlich bekennen will oder nicht. Das sind Vorgänge, die uns auch angehen. Das sind Fragen, die auch an uns gestellt sind, auf die wir über kurz oder lang vielleicht auch direkt werden antworten müssen. Ist es zu viel verlangt, wenn wir Euch – und das ist das eigentliche Anliegen dieses unseres heutigen35 Wortes – bitten, zu bedenken, daß in Deutschland um die Sache auch unserer Kirche gelitten und gestritten wird? Müßten die dortigen Vorgänge nicht eine ganz andere Bedeutung für Predigt und Unterricht auch bei uns gewinnen? Müßten sie nicht – etwa im Anschluß an Bibelstunden und in den Sitzungen unserer kirchlichen Behörden und Vereine – auch gemeinsam erwogen und besprochen werden? Können und dürfen wir unseren eigenen Sorgen und Aufgaben nachgehen, als wäre nichts geschehen, als ob unseres Nachbars Haus nicht in Flammen stünde? Wir denken, daß das nicht nach Christi Sinn wäre.36
Man sage nun aber auch das nicht, daß wir der Kirche in Deutschland ja praktisch doch nicht helfen könnten. Dem ist nicht so. Man kann heute schon recht viel tun; z.B. zur Unterstützung dessen, was einige von den Unterzeichneten zugunsten von erholungsbedürftigen deutschen Glaubensgenossen und ihrer Familien37 in aller Stille schon unternommen haben. Und wenn die Dinge so weiter gehen, wie es heute aussieht, wird in absehbarer Zeit, wie einst in den Tagen der Hugenottenverfolgung, noch viel mehr getan werden müssen und können. Es wird vor allem nötig werden, in umfassender Weise dafür zu sorgen, daß deutsche Theologiestudenten an schweizerischen Universitäten dem ihnen draußen abgeschnittenen Studium nachgehen können. Aber es geht uns heute nicht darum. Wir bitten Euch heute um etwas, wozu es kein Geld, «nur» den Glauben braucht.38 Diesen aber allerdings ernstlich. Unsere Brüder in Deutschland können auch untereinander äußerlich nur sehr wenig füreinander tun. Sie tun aber etwas für einander, das für sie zu tun wir nicht unterlassen sollten: sie beten für einander. Und eben das soll heute unsere einzige «praktische» Frage sein: Sind wir uns klar darüber, daß wir für die Kirche in |63 Deutschland beten können und daß das kein Kleines, sondern nach allem, was wir aus der Heiligen Schrift über das Gebet wissen können, das Größte ist, was wir tun können? Tun wir es? Oder warum tun wir es nicht? Warum wird – um nun ganz konkret zu werden – im Sonntagsgottesdienst unserer Kirchen nicht regelmäßig für die Kirche in Deutschland gebetet? Für ihr Standhalten und Fortschreiten! Für die Tröstung der vielen Betrübten! Für die Zurechtbringung der vielen Verirrten und Schwankenden! Dafür, daß die Kirche das rechte, klare Wort und den Mut zu dem von ihr geforderten Handeln immer wieder finde! Um ein neues Herz für die politischen Machthaber, oder aber darum, daß ihrem Toben auf andere Weise Einhalt geboten werde! Ist Gott nicht mächtig, das Alles zu geben und zu tun? Dürfen, müssen, wollen wir ihn dann nicht darum bitten, daß er es gebe und tue? Und warum sollten wir nicht mit der Kirche in Deutschland auch danken für die Gnade des Wortes Gottes, die sich dort in aller Finsternis so ganz neu erwiesen und bewährt hat? Wenn in alten Zeiten im nahen oder fernen Ausland Ähnliches geschah wie heute in Deutschland, hat man in den schweizerischen Kirchen die Fürbitte und den Dank nicht unterlassen. Warum unterläßt man sie heute? Wie lange wird man sie noch unterlassen? Wir bitten Euch, liebe Amtsbrüder, auch darüber nachzudenken – und dann vielleicht gerade darüber nicht zu lange bloß nachzudenken, sondern in aller Schlichtheit zu tun, was uns heute jedenfalls als Erstes auf die Seele gebunden ist.39
Dürften wir darüber mit Euch oder doch mit vielen von Euch einig sein, dann wäre wohl auch noch über andere, hoffentlich dann auch in Gemeinschaft mit unseren Kirchenpflegen40, höheren Kirchenbehörden oder durch diese selbst zu vollziehende Schritte zu reden. Wir tun es heute absichtlich noch nicht, weil wir zunächst nach unserer und Euerer Gemeinschaft in der Erkenntnis der ganzen Lage und Aufgabe fragen möchten. Wir wären Euch dankbar, wenn sich alle diejenigen von Euch, die sich grundsätzlich und besonders auch hinsichtlich der zuletzt genannten praktischen Frage mit uns einig wissen, durch eine |64
Zustimmungserklärung zu erkennen geben wollten.41 Wenn der Überblick über die Lage, der uns dadurch verschafft würde, es erlaubt, würden wir in einiger Zeit so oder so wieder von uns hören lassen.
Im Advent 1937
Mit brüderlichem Gruß!
Pfr.
P. Vogt,
Zürich-Seebach
Prof. D.
Karl Barth,
Basel
Pfr. D.
O. Farner,
Zürich-Großmünster
Pfr.
E. Hurter,
Zürich-Seebach
Pfr. D.
A. Maurer,
Zürich-Wiedikon