Das Memorandum an die Pfarrer (s. vorigen Offenen Brief) sollte in einer zweiten Phase auch an die kantonalen Kirchenbehörden gehen, zusammen mit einem Begleitbrief. So hatte es Paul Vogt vorgeschlagen1, und Barth hatte diesem Vorschlag beigepflichtet für den Fall, daß die Zustimmung zum Memorandum «gewichtig und eindrucksvoll» ausfiele.2 Das Komitee der Bekenntnis-Pfarrer-Familien-Hilfe, das im Januar um den Pfarrer Eduard Thurneysen (1888–1974) in Basel und den Juristen Dr. Arthur Frey (1897–1955) in Zürich, den Herausgeber des evangelischen Pressedienstes, erweitert worden war3, bat Barth um die Formulierung eines solchen Begleitschreibens.4
Als Barth Anfang Februar 1938 einen Entwurf vorlegte5, hielten es Pfarrer Vogt und Prof. Farner für gut, wenn Barth «an geeigneter Stelle des Begleitwortes noch einen ganz kurzen, klärenden Satz zu der Frage: Kirche und Staat in der Schweiz beifügte. […] Wir glauben, daß wiederum manches Vorurteil abgeschnitten werden kann, wenn noch ganz kurz erwähnt wird, in Deutschland sei das Gespräch zwischen Kirche und Staat abgeschnitten, in der Schweiz offen, weshalb es uns nicht um die Heraufbeschwörung eines Kirchenkampfes gegen den Staat zu tun sein könne.»6 Barth kam diesem Wunsche nach, und unter dem Datum des 7.2.1938 wurde das Anschreiben «An die kantonalen Kirchenräte und an die Kirchenpflegen und Kirchgemeinden der reformierten Kirchen in der Schweiz» gedruckt, unterzeichnet von den sieben Mitgliedern des Komitees.
66Am 10.2. wurden in jede Landgemeinde 7, in jede Stadtgemeinde 9 Exemplare des Textes abgesandt. Außerdem erhielten alle, die auf das Memorandum an die Pfarrer geantwortet hatten, nun auch das Begleitwort mit einem kurzen Dankesbrief, den Vogt verfaßt hatte.7 Alsbald wurden aus den Kirchenpflegen «etliche Nachsendungen verlangt». Am 25.2. wurde auch die französische Übersetzung des zweiten Schreibens druckfertig.8 In der Sitzung der Bekenntnispfarrer-Familien-Hilfe vom 4.4.1938 wurde auf Barths Vorschlag der Name «Evangelisches Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland» gewählt und wurden Subkommissionen für Fürsorge, für theologische und kirchliche Fragen und für Presse und Besuche in Deutschland eingerichtet.9
In der Berner Kirche stieß die Aktion auf Widerspruch. Der Synodalrat beanstandete, daß Leute, die «in den Kantonen Basel und Zürich ihren Wohnsitz haben», sich «in einer kirchlichen Angelegenheit ohne vorherige Begrüßung der kant. Kirchenbehörden unmittelbar an die einzelnen Kirchgemeindebehörden wenden», und berief sich dabei auf die «gute Überlieferung und Gepflogenheit unserer schweizerischen reformierten Kirchen, daß sich die Kirchgemeindebehörden und Pfarrämter an die Weisungen und Ratschläge ihrer kantonalen Kirchenbehörden halten».10 Dagegen protestierten die Vorstände der Theologischen Arbeitsgemeinschaft und des Evang. Theol. Pfarrvereins des Kantons Bern in zwei Schreiben an den Synodalrat und an die Kirchgemeinderäte und Pfarrämter des Kantons Bern: «Es kann unserer bernischen Kirche nur zum Segen gereichen, wenn sie lebendigen Anteil nimmt an den schweren Kämpfen, in denen die evangelische Kirche Deutschlands heute um Christi willen steht. Ängstliche Gemüter aber, die um unseres Landes willen eine unzweideutige Stellungnahme für die draußen bedrängte Kirche Jesu ver|67meiden möchten, mögen den Zuspruch unsers Zwingli beherzigen: ‹Nit fürchten ist der harnisch!›11».12
Sehr geehrte Herren!
Die Unterzeichneten erlauben sich hiermit, Ihnen ein Memorandum betreffend die Lage der evangelischen Kirche in Deutschland13 vorzulegen, das sie in den Weihnachstagen des vorigen Jahres an die sämtlichen Pfarrer der deutschen und der welschen Schweiz versendet haben. Wir bitten Sie zunächst, seinen Inhalt auch Ihrerseits einer aufmerksamen Prüfung unterziehen zu wollen.
Wie Sie sehen, haben wir die Herren Pfarrer in diesem Memorandum zunächst zu einer allgemeinen Zustimmungserklärung eingeladen. Es war angesichts des etwas ungünstigen Augenblicks seiner Versendung, angesichts des Ernstes der den Herren damit zugemuteten Entscheidung und angesichts der Vielfältigkeit der Auffassungen und Tendenzen in unseren schweizerischen Landeskirchen ein überraschendes Ergebnis, daß sich immerhin über 500 der deutschen und über 160 Pfarrer der welschen Schweiz unserem Vorgehen durch Namensunterschrift angeschlossen und damit die Grundlage eines gewissen allgemeinen Einverständnisses für ein weiteres Vorgehen geschaffen haben. Es kann Sie, sehr geehrte Herren, wenn Sie sich, unserer Bitte folgend, nun ebenfalls mit diesem Memorandum befassen wollen, interessieren, zu hören, daß uns sowohl von manchen der uns grundsätzlich zustimmenden wie von einer Reihe der uns nicht zustimmenden Herren Pfarrer gewisse Bedenken vorgetragen worden sind, von denen wir Ihnen einige – in der Meinung, Ihrer Aussprache über die Sache dienlich zu sein – mit den Bemerkungen, die wir dazu zu machen haben, in Kürze mitteilen möchten.
681. Wir sind in einer Reihe von Zuschriften auf den Ausdruck der Verwunderung darüber gestoßen, daß unsere Aufmerksamkeit gerade nur auf Deutschland und nicht vielmehr auch auf Rußland, auf Abessinien, auf Spanien, auf China gerichtet sei, wo seit längerer oder kürzerer Zeit doch noch viel schlimmere Dinge im Gang seien.14 – Dazu sagen wir: Es ist uns selbstverständlich, daß wir alle auch diese Dinge, so gut es uns möglich ist, auf dem Herzen tragen müssen. Es handelt sich aber in Deutschland nicht im allgemeinen um Unrecht und Not leidende Menschen und bei unserem Memorandum nicht um einen Aufruf zu derjenigen humanitären Verpflichtung, in der wir bestimmt auch für die Bedrängnis der Menschen aller jener anderen Länder offen sein müssen. Es handelt sich aber in Deutschland um eine in ihrem Glauben, der auch der unsrige ist, in Versuchung gebrachte und angegriffene, um eine um das christliche Bekenntnis kämpfende evangelische Kirche. Es hat sein gutes Recht, die verantwortlichen Männer gerade unserer reformierten Kirche im besonderen auf diese sie als solche direkt angehende Tatsache aufmerksam zu machen.
2. Es ist geklagt worden darüber, daß wir nicht, statt der deutschen evangelischen Kirche als solcher das Wort zu reden, für eine allgemeine geistige und moralische Erhebung gegen den dort regierenden Nationalsozialismus und zugunsten aller seiner Opfer (Katholiken, Juden, Kommunisten usw.) aufgefordert hätten. Es sind in diesem Zusammenhang auch harte Worte darüber gefallen, daß die bekennende Kirche in Deutschland selber nicht längst den politischen Kampf gegen die derzeitigen Machthaber aufgenommen habe. – Wir antworten: An energischer Ablehnung des Nationalsozialismus und seiner Methoden fehlt es nach unserer Kenntnis der Dinge in der Schweiz im ganzen nicht. Wir lehnen ihn auch ab, und es ist uns von anderen Briefschreibern vorgehalten worden, daß dies in unserem |69 Memorandum eher zu stark als zu schwach zum Ausdruck komme. Wir halten es aber wiederum nicht für unsere Aufgabe und überhaupt nicht für die Aufgabe der Kirche, Waffen in diesen allgemeinen Streit zwischen Faschismus und Marxismus oder zwischen Faschismus und Demokratie zu tragen, so gewiß dieser Kampf uns gerade in dieser letzten Form als Menschen und als Christen wichtig genug ist. Die Kirche hat aber eine Botschaft an die Welt, die an keines von diesen Systemen gebunden ist und die sich auch nicht zum Instrument zur Bekämpfung eines dieser Systeme machen läßt. Um die Freiheit dieser Botschaft geht es im deutschen Kirchenkampf. Die Kirche hat in Deutschland darum zu leiden und zu kämpfen, weil sie das Evangelium nicht zu einem Instrument für Hitler machen lassen wollte. Wir hätten diesen Kampf schlecht verstanden, wenn wir unsererseits statt für die Kirche, d.h. für die Freiheit des Evangeliums, gegen Hitler reden würden. Und wir bitten darum, daß man diese Unterscheidung als um der Reinheit der Sache willen notwendig verstehen und weder so noch so durch Einführung anderer, an ihrem Ort berechtigter, aber nicht hieher gehöriger Motive verwischen wolle.
3. Uns wurde die uns besonders bewegende Frage gestellt: ob es denn dabei bleiben solle, daß wir uns von ferne durch Gebet und brüderliche Hilfe an den kirchlichen Ereignissen in Deutschland beteiligten? Ob es denn nicht auch eine durch die deutschen Vorgänge eigentümlich beleuchtete schweizerische Kirchenfrage gäbe? Und was wir allenfalls zu dieser zu sagen hätten und zu tun gedächten? – Wir antworten: Gäbe es für uns keine schweizerische Kirchenfrage, dann würden wir bestimmt auch die deutsche nicht so dringlich zur Diskussion gestellt haben. Uns ist wohl bewußt – und wir hoffen, daß es auch vielen von den uns zustimmenden Pfarrern bewußt sei: Wer für die bekennende Kirche in Deutschland betet, der sehnt sich danach, der arbeitet in aller Stille dafür, daß auch bei uns in den Kirchen der Schweiz verschiedenes einmal sehr anders werde, als es heute ist. Wir sind aber der gut schweizerischen Meinung, daß eines nach dem anderen kommen muß: in diesem Fall die Veränderungen in den schweizerischen Kirchen nach der dazu nötigen Veränderung in den Erkenntnissen des Wesens und der Aufgabe der Kirche sowie des Verständnisses vom Evangelium. Wie und wann dann die äußeren Veränderungen kommen sollen, das steht bei Gott. Sie wurden auch in |70 Deutschland nicht von menschlichen Händen gemacht.15 Es ist nun einmal eine Tatsache, die nur die Unbesonnenheit leugnen könnte: Wir stehen in der Schweiz weder im Bund noch in den Kantonen einem Staat gegenüber der bewußt und ausdrücklich selber Kirche sein will, der sich darum einem offenen Gespräch mit der Kirche entziehen muß, der sie nur noch beseitigen wollen kann, wie das von der gegenwärtigen Staatsgewalt in Deutschland zu sagen ist. Indem wir heute nicht in derselben Weise gefragt sind wie die Kirche in Deutschland, können wir auch die dort notwendigen Antworten nicht ohne weiteres zu unseren eigenen machen. Wir könnten darüber versäumen, uns auf unsere eigene Zukunft, die vielleicht ein ganz anderes Gesicht tragen wird, zu rüsten. So hätte es keinen Sinn, wenn wir heute, wie es einige von uns zu verlangen oder zu erwarten scheinen, flugs einen schweizerischen Kirchenkampf in die Wege leiten wollten. Es hat aber Sinn, daß wir uns durch die Vorgänge in Deutschland zunächst zu jenen neuen Erkenntnissen aufrufen lassen. Das war und das ist, auf die Schweiz gesehen, die Absicht unseres Memorandums. Wir bitten sowohl die, die die kommende «Neu-Orthodoxie» dahinter gewittert haben, wie die, die es beklagt haben, daß wir nicht flugs zum Sturm gegen den sogenannten «Liberalismus» angetreten seien, sich mit uns zu fragen, ob es zunächst nicht besser wäre, die Lehren des deutschen Kirchenkampfes in aller Ruhe und Offenheit als auch uns erteilte Lehren zu Herzen zu nehmen.
Sehr geehrte Herren, wir hielten es für richtig, unser Memorandum an die Herren Pfarrer mit diesen Erläuterungen nun auch in aller Form in Ihre Hand zu legen. Was wir konkret auch von Ihnen wünschen, ist zunächst nur dies: Sie möchten sich als Behörden hinter unsere Bitte stellen16, daß die öffentliche Fürbitte für die deutsche evangelische Kirche zu einem festen Bestandteil unserer schweizerischen reformierten Gottesdienste gemacht werden möchte. Wenn Sie darüber hinaus etwas von uns hören wollen17 über das, was praktisch |71 getan werden kann, so machen wir Sie gerne auf zwei weitere Punkte aufmerksam: Es könnte und müßte einmal viel mehr als bisher dafür getan werden, daß die Tatsachen und Probleme des deutschen Kirchenkampfes, die ja in unserem Memorandum nur angedeutet sind, den schweizerischen Gemeinden in sachgemäßer Weise bekannt gemacht werden. Und sodann: Es könnte den Unterzeichneten in ihren Bemühungen, bedrängten deutschen Glaubensgenossen zu einer gewissen leiblichen und geistigen Erholung in der Schweiz zu verhelfen, weiterhin und durch Unterstützung der kirchlichen Behörden mit noch größerem Nachdruck Beistand geleistet werden. Aber verstehen Sie uns wohl, sehr geehrte Herren, der eigentliche Sinn dieses unseres Schreibens an Sie geht nicht dahin, dieses und jenes von Ihnen zu verlangen, sondern dahin, auch Sie zu einer freudigen inneren18 Teilnahme an dem, was uns angesichts der Vorgänge in Deutschland als Glieder der Kirche in der Schweiz bewegt, aufzurufen.
Wir würden Ihnen herzlich dankbar sein, wenn Sie sich uns gegenüber so oder so zu unserer Anregung äußern würden. Sie sehen aus dem Vorangehenden, daß wir uns auch gegen kritische Mitteilungen nicht zu verschließen gedenken. Wir wagen es aber zum vornherein, zu hoffen, daß die Übereinstimmung zwischen Ihnen und uns größer sein möchte als der Widerspruch.
Mit brüderlichem Gruß!
Zürich und
Basel, den
7. Februar 1938
Pfr.
P. Vogt,
Zürich-Seebach
Prof. D.
Karl Barth,
Basel
Pfr. D.
O. Farner,
Zürich-Großmünster
Pfr.
E. Hurter,
Zürich-Seebach
Pfr. D.
A. Maurer,
Zürich-Wiedikon
Pfr. D.
Ed. Thurneysen,
Basel