An eine Vertreterin des Vereins «Kirche und Frieden» in Holland, Frau Anna Tromp-de Jong, Zandvoort
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An eine Vertreterin des Vereins «Kirche und Frieden» in
Holland, Frau Anna Tromp-de Jong, Zandvoort
Am 21.10.1938 wandte sich Frau
Frau. Tromp-de Jong schrieb4:
Sehr geehrter Herr Professor,
Wenn es eine persönliche Angelegenheit wäre, so würde ich nicht den Mut haben, Ihnen zu schreiben. Wo aber die Problematik, worüber ich schreibe, einen großen «christlichen» Verein in
In 1920 haben wir mit sehr vielen jungen Pfarrern, Theolog. Studenten und Mitgliedern der Kirchen einen Verein gegründet: «
In der heutigen Lage sind aber viele von uns unsicher geworden, ob, was wir immer als das Gebot Gottes verstanden haben, auch in der heutigen Situation so unbeschränkt gilt. Wir meinen zu wissen, daß es auch Gottes Gebot ist, zu sorgen für den Frieden, d.h. für Gerechtig|135keit und Freiheit in dieser Welt, damit diese nicht unterm Fuß gelaufen werden. Wir schwankten im September bei dieser Wahl (auch früher schon, aber jetzt war es sehr deutlich): Krieg ist die Hölle, aber Diktatur ist nicht weniger die Hölle. Wir wollen Frieden, aber nicht jeden Frieden, nicht diesen, der gekauft wird, indem ein kleines Land für die Wölfe der Nazigewalt geworfen wird.
Was müssen wir jetzt? Unsre «Prinzipia» festhalten oder: umlernen? Unsre Prinzipia werden uns durch die Dämonie von heute entnommen.
In dieser Fragestellung können wir nicht stecken bleiben, wir müssen uns entscheiden, ob wir in diesem Verein Mitglied bleiben können.
Auch bilden diese «Prinzipia» jetzt ein Gefahr, weil wir durch sie der Diktatur Raum geben. Die Demokratie fragt jetzt um Bewaffnung, und wir sind auch Demokraten.
Wir wollen mit diesem Verein kein Abgötterei treiben, obwohl dieser uns sehr viel bedeutet hat. Wir sind bereit umzulernen, wenn es muß.
Nächstes Woche haben wir in unsrem Pfarrhaus in
Wenn diese Sache für uns alle nicht so urgent wäre, Herr Professor, ich würde Ihnen nicht geschrieben haben. Aber wo wir alle so unsicher sind, aber auch alle wissen, daß Sie immer die Sachen weit schärfer gesehen haben als wer sonst auch, habe ich den Mut, Sie zu fragen um ein Wort für diese Konferenz über diese Angelegenheit. Sie verstehen die Fragen: kann man es jetzt noch verantworten, wenn man im Namen Gottes Gewalt und Krieg prinzipiell ablehnt? ist man verantwortet der Freiheit und dem Recht gegenüber, wenn man nicht rüstet? Was müssen wir in der Kirche den Menschen sagen, jetzt, wo die Freiheit, auch die Freiheit der Verkündigung, die Erziehung der Kinder, u.s.w. bedroht wird? darf man sich mit Waffen dagegen wehren?
136Wenn wir von Ihnen, Herr Professor, eine Antwort hätten, so könnte die uns ein Richtlinie bedeuten bei unseren Besprechungen.
Ich hoffe, daß mein schlimmes Deutsch von Ihnen verstanden wird und Sie mir nicht übel nehmen, daß ich Zeit von Ihnen frage.
Einen herzlichen Gruß von meinem Mann, hochachtungsvoll
Ihre ergebene Frau
Sehr dankbar bin ich Ihnen für Ihren Brief. Wie freundlich von Ihnen, daß Sie so viel Zeit und Sorge für uns und den Verein haben geben wollen. Sie hätten doch auch einfach sagen können: Lesen Sie bloß meine letzte Schriften.6 Wir haben sie gelesen, Herr Professor, aber eben dadurch und durch die September Ereignisse sind wir in diese Zweifel am Pazifimus gekommen.
Die Versammlung, über welche ich Ihnen schrieb, findet erst nächsten Donnerstag statt. Ihr Brief wird uns allen wohl sehr viel bedeuten.
Frau Tromp-de Jong teilte im Einverständnis mit ihrem Mann und Pastor
Barths Brief wurde dann im Pfarrhaus in
137Am 3.12.1938 teilte Frau
Barth, der seinen Brief in deutscher Sprache in der
Das Ehepaar Tromp hat «Barth vor dem Kriege noch mehrere Male gesprochen, u. a. in
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Ihr Brief hat mich sehr bewegt und ich will Ihnen gerne sagen, was ich über die Sache denke. Im Entscheidenden, nämlich darin, daß der Augenblick gekommen sein dürfte, die Voraussetzungen Ihres Vereins einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen, habe ich dem, was Sie selbst geschrieben haben, nichts hinzuzufügen.
Wenn das Programm von «
Die Kirche muß darum beten und darum muß sie auch dafür arbeiten, daß der Staat nach innen und außen ein rechter Staat sei. Zum rechten Staat gehört auch das, daß er den Frieden schützt: aber eben schützt und zwar den Frieden, der der Gerechtigkeit und der Freiheit dient und in Gerechtigkeit und Freiheit zustande kommt. Nur in diesem Frieden kann ja auch das Evangelium verkündigt werden. In jedem anderen Frieden wird das Evangelium der Unterdrückung oder dem Gespött verfallen. Die Kirche kann das dulden, wenn es so kommt; sie kann es aber nicht wollen, daß es so kommt. Sie muß um des Evangeliums willen den rechten Staat und also den rechten Frieden wollen. 64
Um des rechten Friedens willen darf die Kirche dem Staat nicht wehren, das Schwert zu führen. Und wieder um des rechten Friedens willen darf sie nicht von ihm verlangen, daß er das Schwert «umsonst führe» (
Die Diktatur ist das ausgesprochene Regiment der bewußten und planvollen Ungerechtigkeit und Unfreiheit. Die Diktatur ist als solche die Bedrohung des rechten Friedens.19 Im Zeitalter der Diktaturen |140 muß die Kirche in allen noch nicht von ihnen beherrschten Ländern mit dem Willen zum rechten Frieden auch die Bereitschaft zu dessen Verteidigung gutheißen und fordern. Sie hat um des Evangeliums willen und durch die Verkündigung des Evangeliums den demokratischen Staat aufzurufen, um jeden Preis, auch um den von Not und Untergang, starker Staat zu sein, das heißt: den Diktaturen an seinen Grenzen mit allen Mitteln Halt zu gebieten. Und sie hat ihren Gliedern um des Evangeliums willen und durch die Verkündigung des Evangeliums zu sagen, daß es etwas gibt, das schlimmer ist als Sterben und als Töten: das freiwillige Jasagen zu der Schande der Herrschaft des Antichrist.
Was Ihren Verein betrifft, so scheint es mir zwei Möglichkeiten zu geben:
entweder Sie verwandeln ihn ausdrücklich in einen Verein «Kirche und Staat», der sich die Besinnung auf die politische Aufgabe der Kirche und ihre Verkündigung zum Ziele machen würde
oder Sie lassen ihm seinen Namen «Kirche und Friede», interpretieren diesen aber nach seinem grundsätzlich und praktisch allein möglichen Sinn: «Kirche und rechter Friede», was dann ebenfalls auf die angegebene neue Zielbestimmung hinweisen würde.
Ich nehmen an, daß meine letzten Schriften: «Rechtfertigung 65 und Recht»20 und «Gotteserkenntnis und Gottesdienst»21 dort auch bekannt sind, darf mich aber jedenfalls auf das dort weiter Ausgeführte vorläufig beziehen.