17 · 1938

An Prof. Dr. Josef L. Hromádka, Prag

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An Prof. Dr. Josef L. Hromádka, Prag

1938

Josef L. Hromádka (1889–1969), seit 1920 Prof. für Systematische Theologie an der 1919 gegründeten Hus-Fakultät in Prag, hatte sich seit den zwanziger Jahren für Barths Publikationen interessiert, ihn 1935 in Bonn aufgesucht und ihn zu einer Pfarrkonferenz nach Myslibořice/Mähren eingeladen, wo Barth im Herbst 1935 einen Vortrag hielt.1 Seitdem standen die beiden Theologen in lockerem Briefwechsel.2 Am 21.3.1938 bedankte sich Hromádka bei Barth für die Zusendung seines Vortrags über den deutschen Kirchenkampf3 und fügte hinzu:

In dieser schrecklichen Zeit der drohenden Gefahr sind wir dankbar für jedes Zeichen der Freundschaft, das uns vom Auslande zukommt. Wir setzen unsere Christus-Botschaft fort, als ob nichts geschehen wäre (– erinnern Sie sich an diese Worte vom Juni/Juli 1933?)4, als Bürger dieses Staates sind wir jedoch bereit, uns mit allen Kräften zu wehren gegen die schauderhafte und gewaltsame Macht der Blutsmystik und der neuerwachten germanischen Herrschaftsgelüste. Unsere Lage ist nicht beneidenswert, wir befinden uns doch wie in einer Zange, aber die Stimmung in unserem Lande ist einmütig: von dem Staatspräsidenten5 angefangen bis zu der einfachsten Frau am Markte herrscht eine einzige Stimme: Lieber Tod als Sklaverei, lieber vernichtende Kämpfe als Verlust der Freiheit, des Rechts und der Selbstbestimmung.

Eines wissen wir allerdings ganz klar: die Kirche Jesu Christi weder steht noch fällt mit uns und mit unserer Freiheit oder mit unserer |108 Zivilisation. Und dieses Wissen verheißt uns denjenigen Frieden, der höher denn unsere Vernunft6 ist.

Hromádka nahm damit Bezug auf die politische Situation, die sich für die Tschechoslowakei seit der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich am 12.3.1938 verschlimmert hatte. Die Sudetendeutsche Partei, die über 2/3 der deutschen Bevölkerung vertrat, stellte weitgehende Forderungen an die Regierung der Tschechoslowakei.7 Hitlers Strategie in seinen Anweisungen an den Parteiführer Konrad Henlein ging dahin, bei Entgegenkommen der Regierung stets weitere, unerfüllbare Forderungen nachzuschieben und damit einen Ausgleich zu verhindern.8 Am 30. Mai gab Hitler in der Studie «Grün» seinen «unabänderlichen Entschluß» bekannt, «die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen.»9

Im Juli 1938 wurde Barths Freund und früherer Kollege in Bonn, Prof. Fritz Lieb, in die Tschechoslowakei zu einer Konferenz des Akademischen Christlichen Vereins Junger Männer nach Obřistvi bei Mělnik über das Thema «Der Auftrag der freien Tschechoslowakei» eingeladen. In einem öffentlichen Vortrag am 10.7. in Libiš über «Die Botschaft der Schweiz an die Tschechoslowakei» appellierte er an Christen und Demokraten, sich für den Rechtsstaat und gegen einen Staat nach Offenbarung 13, den totalen Staat, einzusetzen. Der Nationalsozialismus sei der gefährlichste Gegner des Rechtsstaates, und an der tschechischen Grenze werde auch um die Freiheit der Schweiz gekämpft. «Diesem Kampf dürfen wir nicht ausweichen – um des Evangeliums und seiner Verheißung willen. Es geht hier nicht um unser persönliches Seelenheil.» Er beendete seine Rede: «Ich kann hier nur mit einem Worte schließen, das mir Prof. Karl Barth aus Basel als Gruß an das tschechoslowakische Volk mitgegeben hat: ‹résistez, résistez, résistez!10- nazdar!›11» «Das Echo der tschechoslowakischen Jugend lautete einmütig und überwältigend: nous résistérons.»12

109Am 11.9.1938 ging Hromádka in einem Brief an Barth auf die Lage ein:13

Sehr geehrter, lieber Herr College, die Nachricht von dem Ableben Ihrer lieben Mutter14 ist mir [eine] schöne Gelegenheit, meine Sympathien Ihnen und Ihrer Familie gegenüber auszusprechen […]

Nachträglich danke ich Ihnen auch für Ihre uns durch Fritz Lieb überbrachte Botschaft (résistez) zu der Studentenkonferenz Anfang Juli. Wir stehen heute inmitten der schicksalschwersten Augenblicke und wissen nicht, was morgen oder übermorgen kommt. Das ganze Volk ist jedoch entschlossen, sich zu wehren, obwohl alle gut wissen, daß der Krieg eine unvorstellbare Katastrophe gerade uns bringen wird. In einer solchen Zeit sind wir dankbar für jedes Wort der Sympathie und Ermutigung. Immer noch hoffen wir, den Krieg abzuwenden, aber wir rechnen mit allen Eventualitäten.

Gott der Herr beschütze uns und das Recht und die Freiheit des unglücklichen Europa!

Unmittelbar danach spitzte sich die politische Krise zu. Hitler hielt am 12.9. auf dem Reichsparteitag in Nürnberg eine scharfe Rede, forderte die Abtretung aller Gebiete deutscher Bevölkerung an Deutschland und drohte mit Deutschlands Militärmacht. Die deutsche Presse wurde angewiesen, in immer neuen Meldungen Greueltaten der Tschechen anzuprangern.15 Der britische Premierminister Chamber|110lain flog am 15.9. nach Berchtesgaden zu einem Gespräch mit Hitler und zeigte sich geneigt, ihm die territoriale Loslösung der Sudetengebiete von der Tschechoslowakei zuzugestehen. Dieses Entgegenkommen, das einen Krieg verhindern sollte, kam jedoch Hitler ungelegen. Das Propagandaministerium wies die Presse zu immer drohenderer Schreibweise an; am 17.9. wurde als Gesamttendenz vorgeschrieben: «Dieser Staat ist eine Schande in Europa. Er muß von der Bildfläche weg, erst dann wird Frieden sein. Dieser letzte Rest der Tschechei muß liquidiert werden.»16 Die Zeitungen kamen der Weisung am 18./19.9. in derart scharfen Artikeln nach, daß Hitler am 19.9. der Presse ein Lob aussprach.17

In der öffentlichen Meinung des Auslands wurde die deutsche Propaganda «fast durchweg als unglaubwürdig erachtet und abgelehnt.»18 Die National-Zeitung, Basel, stellte in ihrem Morgenblatt am 19.9.1938 einen Bericht aus Berlin unter die Überschrift «Die Berliner Presse fordert einstimmig das vollständige Verschwinden der Tschechoslowakei»19, hob die «eisklare Logik» der Initiativen Hitlers heraus und analysierte: «Die öffentliche Meinung der Welt soll allem Anschein nach mit allen Mitteln auf eine militärische Intervention vorbereitet werden. «In ihrem umfangreichen Hauptartikel führte die Zeitung unter der Schlagzeile «Akzeptieren England und Frankreich Hitlers Forderungen?» aus, «daß sich die Entwicklung eindeutig in der |111 Akzeptierung der deutschen Forderungen bewegt».20 Sie gab damit die Tendenz der Besprechungen in den westlichen Kabinetten zutreffend wieder.21

In dieser Situation entschloß sich Barth, der sich gerade auf dem Bergli bei Zürich aufhielt, am Mittag des 19.9.1938 dazu, an Hromádka zu schreiben. Er fügte dem maschinengeschriebenen Brief nachträglich am Rande einen (ebenfalls maschinenschriftlichen) Zusatz bei, der Hromádka zur Veröffentlichung ermutigte und Barths Dissens zur Position der Westmächte betonte. Diese gaben am gleichen Tage um 15 Uhr der Tschechoslowakei in Noten das Ergebnis ihrer Londoner Konferenz, ihre Zustimmung zu Gebietsabtretungen, bekannt.22

Hromádka gab Barths Brief an die deutschsprachige «Prager Presse» weiter, die sich scharf gegen den Nationalsozialismus gestellt hatte.23 Sie druckte am 25.9. Teile des Briefes ab.24 Die Zeitung stellte den |112 |113 Text unter ein selbst gewähltes Zitat «Die ihr Gottes Streiter seid …»25, schrieb im Untertitel: «Karl Barth: ‹Mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt die Freiheit Europas›» und erklärte im Vorspann: «Prag, 24. September. Karl Barth, der große Theologe, hat an Prof. J. L. Hromádka von der Evangelischen theologischen Hus-Fakultät in Prag ein Schreiben gerichtet, das uns vom Empfänger im Einverständnis mit dem Schreiber zur Verfügung gestellt worden ist und aus dem wir die nachstehenden Sätze abdrucken.»

Im folgenden wird zunächst der berühmt gewordene «Hromádka-Brief» im Wortlaut wiedergegeben. Dann wird über die Wirkungsgeschichte berichtet.

Lieber Herr Kollege Hromádka!

Ich danke Ihnen herzlich für die Zeilen, die Sie mir zum Tode meiner Mutter geschrieben haben.

Der Anlaß soll benützt sein, um Ihnen zu sagen, mit welcher aufrichtigen Teilnahme wir in diesen ganzen Wochen an Sie, an Ihr Volk und Land gedacht haben und in diesen letzten Tagen ganz besonders denken. Wenn Sie jetzt dort sicher Tag und Nacht nur noch an Eines denken können, so dürfen Sie jedenfalls von mir sicher26 sein, daß ich in Gedanken ununterbrochen mit Ihnen vor derselben Frage stehe. Das eigentlich Furchtbare ist ja nicht der Strom von Lüge und Brutalität, der von dem hitlerischen Deutschland ausgeht, sondern die Möglichkeit, daß in England, Frankreich, Amerika – auch bei uns in der Schweiz – vergessen werden könnte: mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt heute nach menschlichem Ermessen die von Europa und vielleicht nicht nur von Europa. Ist denn die ganze Welt unter den Bann des bösen Blickes der Riesenschlange geraten? Und muß sich der Pazifismus der Nachkriegszeit – wie mögen die tschechischen |114 Freunde von Ragaz27 jetzt über diesen Sache denken? – nun wirklich in einer so schrecklichen Lähmung aller und jeder Entschlußkraft auswirken? Noch – ich schreibe dies am Montag um die Mittagszeit – scheint das Schlimmste: die Zustimmung der Westmächte zu den unsinnigen Forderungen Deutschlands nicht ausgesprochen zu sein. Aber wenn sie nun doch ausgesprochen wird? Wird Ihre Regierung und Ihr Volk dann dennoch und erst recht fest bleiben? Es steht mir vor Augen, was für eine unendliche Last und Not Sie damit auf sich ziehen würden. Dennoch wage ich es zu hoffen28, daß die Söhne der alten Hussiten29 dem überweich gewordenen Europa dann zeigen werden, daß es auch heute noch Männer gibt. Jeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch für uns – und, ich sage es heute ohne Vorbehalt: er wird es auch für die Kirche 59 Jesu Christi tun, die in dem Dunstkreis der Hitler und Mussolini nur entweder der Lächerlichkeit30 oder der Ausrottung31 verfallen kann. Merkwürdige Zeiten, lieber Herr Kollege, in denen man bei gesunden Sinnen unmöglich etwas Anderes sagen kann, als daß es um des Glaubens willen geboten ist, die Furcht vor der Gewalt und die Liebe zum Frieden |115 entschlossen an die zweite und die Furcht vor dem Unrecht, die Liebe zur Freiheit ebenso entschlossen32 an die erste Stelle zu rücken! Ich kann die Erwartung noch nicht unterdrücken, daß, wenn Prag fest bleibt, London und Paris vielleicht wieder fest werden. An die Möglichkeit russischer Hilfe denkt man ja nicht gerne33, weil sie, selbst wenn sie wirksam werden sollte, die Austreibung des Teufels durch Beelzebub34 bedeuten würde. Aber was wissen wir zuletzt von den Plänen und Absichten der Vorsehung Gottes, die sich in dem allem vollziehen mögen? Sicher ist nur eines: daß, was von menschlicher Seite an Widerstand möglich ist, heute an den Grenzen der Tschechoslowakei geleistet werden muß und daß das gute Gewissen, mit dem man ihn leisten wird, – und mit ihm der letzte Erfolg! – davon abhängt35, daß möglichst Viele ihr Vertrauen nicht auf Menschen, Staatsmänner, Geschütze und Flugzeuge, sondern auf den lebendigen Gott und Vater Jesu Christi setzen. Es wird nicht zuletzt auch dies Ihre Sorge sein: Ihr Volk in dieser schweren Gegenwart und vor einer vielleicht noch schwereren Zukunft an das Wort Gottes als an den alleinigen Trost im Leben und Sterben36 zu erinnern und wieder zu erinnern. Die deutschen Bataillone mögen stärker sein, aber ich wüßte nicht, wie und woher sie diese Zuversicht, die zuletzt allein wichtige und haltbare, haben sollten.

Wie mag sich alles gestaltet haben, wenn dieser Brief in Ihren Händen ist? Versäumen Sie es nicht, allen meinen dortigen Freunden zu sagen, daß ich mit ganzem Herzen mit Ihnen bin. Jeder Gruß und jedes Wort, das Sie mir noch schreiben können, wird mir wichtig und wertvoll sein.

Heute mehr als je Ihnen verbunden
Ihr
Karl Barth

[Nachschrift:] Sie können von diesem Briefe jeden Ihnen erwünscht erscheinenden Gebrauch machen. Es kann dort jedermann wissen, daß es im westlichen Europa Menschen gibt, die anders denken als die englischen und französischen Staatsmänner!37

116In einem unmittelbar nach dem Brief an Hromádka am 19.9.1938 geschriebenen Briefe an Heinrich Vogel gab Barth einen Situationsbericht:

Es sieht wieder einmal heillos finster aus in diesem irdischen Jammertal. Ob ihr dort auch so besorgt vor den Zeitungen und am Radio sitzt angesichts des ungeheuren, in diesen Tagen sich offenbar vollendenden Vormarsches der teufelsschlauen Brutalität von heute gegen das böse Gewissen und die Schwachheit der «Gerechtigkeit» von gestern? Ob ihr euch auch darüber im Klaren seid, daß zwischen einem neuen Krieg mit 10 Millionen Toten und einem Frieden der schwärzesten Lüge keine Wahl mehr zu bestehen scheint? Ob Du es verstehen würdest, was ich eben einem Freunde nach Prag geschrieben: daß jetzt jeder tschechische Soldat nicht [fehlt: nur] für die Freiheit Europas, sondern auch für die christliche Kirche stehen und fallen wird, weil diese unter H. und M.38 nur noch zwischen Lächerlichkeit und Ausrottung zu wählen haben kann? Was für Zeiten! Aber auch damit ist ja stark zu rechnen, daß ihr durch eure Zeitungen so unterrichtet seid, daß du das Alles nur mit Kopfschütteln lesen kannst, weil eure Blicke und Gedanken auf diesem ganzen Feld längst schon ganz mechanisch in eine andere Richtung laufen. Daß soviel Blendwerk möglich und wirklich sein kann!

Als Barths Brief in Prag veröffentlicht wurde, war die Preisgabe der Tschechoslowakei besiegelt. Am 22.9. war Chamberlain nach Godesberg gekommen und hatte Hitler das englisch-französische Zugeständnis gemacht, daß die Sudetendeutschen das Recht auf nationale Selbstbestimmung erhalten sollten. Hitler forderte nun aber den sofortigen Einmarsch der deutschen Wehrmacht und Abstimmung in einem noch näher zu umreißenden Gebiet.

In dieser Situation antwortete Hromádka am 25.9. auf Barths Brief:

Mein lieber College, Ihr Brief hat uns allen eine ungeheuere Stärkung gebracht. Indem wir die gräßliche gegen uns gerichtete Propaganda anhören, so verlieren wir ab und zu Vertrauen, daß unsere Freunde uns treu bleiben können. Ihr Brief zerstreut alle unsere Zwei|117fel. Die Vorgänge der letzten Woche haben beinahe unser Herz gebrochen – nicht wegen der deutschen Gebiete unseres Staates, sondern wegen der unglaublichen Handlung unserer westeuropäischen Freunde. Und doch sind wir entschlossen, die äußersten Opfer für unsere Freiheit gegen die höllische Tyrannei zu bringen. Ich wünsche, Sie hätten mit uns während der Mobilisation sein können. Ich kann kaum passende Worte finden, um den Geist des Volkes zu beschreiben.

Ihren Brief habe ich heute in einer Rundfunkrede zitiert, und einige Auszüge aus ihm sind in der heutigen ‹Prager Presse› abgedruckt.

Nochmals danke ich Ihnen im Namen meiner Freunde und meines Landes, für welches Sie so freundliche und innerlich gewaltige Worte gefunden haben. Die Zukunft wird zeigen, welchen Dienst Sie uns damit erwiesen haben!

Gott der Herr beschütze Sie und Ihre Familie!

Ihr ergebener J. L. Hromádka39

Vier Tage später gaben Chamberlain und Daladier auf der Konferenz in München den letzten deutschen Forderungen nach.40 Sehr viele Menschen in Europa feierten die Erhaltung des Friedens; Kirchenglocken wurden geläutet. Barth kommentierte das Geschehen in einer Eintragung in seinem Kalender: «Katastrophe der europäischen Freiheit in München.» Anfang Oktober wurde das Sudetengebiet – ohne Volksabstimmung – dem deutschen Reich einverleibt.

In der Tschechoslowakei fand Barths Brief an Hromádka positive Resonanz41; Anfang 1939 wurde der vollständige Brief in tschechischer Übersetzung veröffentlicht.42 Er blieb in den folgenden Jahren eine Stütze für den inneren Widerstand.

118Im westlichen Europa begann erst im Oktober 1938 die Geschichte der Publikation des Briefes.

Eine Schweizer Übersetzung des Textes ins Französische blieb anscheinend ohne weitere Auswirkung.43 Anders die Prager Fassung des Briefes: Sie wurde ins Holländische übersetzt, erschien am 7.10.1938 in der Zeitung «De Nederlander», einem konservativen christlichen Blatt, und am gleichen Tage in «Woord en Geest», einem Wochenblatt der Gereformeerten Kirche44, wurde daraus nachgedruckt45 und führte zu zwei Anfragen von Niederländern an Barth, die dieser mit Offenen Briefen beantwortete (s. Barths Offene Briefe an A. Tromp-de Jong und an J. G. Derksen, Nr. 18 und 19).

Aus dem Holländischen wurde der Prager Text ins Deutsche rückübersetzt und am 12.10.1938 in der «Deutsch-Evangelischen Korrespondenz (dek)», einem Organ des Evangelischen Bundes, veröffentlicht und mit einem scharfen Kommentar versehen.46 Acht Tage später entfachte das Propagandaministerium eine Pressekampagne gegen Barth. Am 20.10.1938 gab das deutsche Nachrichtenbüro (dnb) einen Artikel an die Presse, der am nächsten Tag in den deutschen Zeitungen unter verschiedenen Titeln, aber in fast gleichlautendem Wortlaut erschien.47 Darin wurden fünf Sätze aus seinem Brief und das Urteil der dek zitiert, wurde Barth scharf angegriffen und das Verdikt ausgesprochen, daß Sympathisanten Barths «Verrat an der christlichen Wahrheit, an der reformatorischen Glaubenshaltung und am deutschen Volkstum begehen!»

Barths Brief führte in Deutschland zu zahlreichen längeren und kürzeren, aber allesamt negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit – zunächst ohne daß der Wortlaut dort überhaupt bekannt war. Die Theologische Fakultät der Universität Gießen verbannte die Bücher Barths aus ihrer Bibliothek.48 Waldemar Lorenz, Superintendent in |119 Bunzlau/Schlesien, veröffentlichte in der deutschchristlichen Zeitschrift «Positives Christentum» einen «Offenen Brief an die Pfarrer und Theologieprofessoren der ‹Bekennenden Kirche›» unter dem Titel: «Öffentliche Lossage von Prof. Barth erforderlich».49 Ernst Barnikol, Kirchengeschichtler in Halle, schrieb in der Zeitschrift «Evangelium und Deutschtum» einen Artikel «Barth als antideutscher Papst im Raum seiner Kirche».50

Der Rat der Lutherischen Kirche Deutschlands und die Vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche erbaten von Barth den Wortlaut seines Briefes.51 Der Rat der Lutherischen Kirche befaßte sich in seiner Sitzung am 27.10. damit und gab eine scharf ablehnende Stellungnahme heraus, die in verschiedenen Landeskirchen verbreitet wurde.52

Der VKL schrieb Barth am 15.10. in einem Begleitbrief einige grundsätzliche Bemerkungen, die sich (außer auf «Rechtfertigung und Recht») auch auf den Brief an Hromádka bezogen53:

120In der öffentlichen Vertretung der Erkenntnisse und des Bekenntnisses, in denen ich mich mit der Bekennenden Kirche in Deutschland einig weiß, muß ich mir die Freiheit vorbehalten, mich bei aller Berücksichtigung der taktischen Lage der Bekennenden Kirche in Deutschland in der besonderen Weise zu äußern, die sich daraus ergibt,

  • 1) daß ich dabei nach wie vor meine eigene theologische Verantwortung zu wahren habe
  • 2) daß ich dabei außer der Bekennenden Kirche in Deutschland beständig auch die evangelischen Kirchen anderer Länder im Auge haben muß
  • 3) daß ich dabei vielfach von einem Überblick über Tatbestände und Verhältnisse ausgehe, der in Deutschland selbst nur teilweise möglich sein dürfte.

Trotzdem stieß Barths Brief an Hromádka auch in der Vorläufigen Kirchenleitung der Bekennenden Kirche auf negative Reaktion; sie lehnte ihn am 28.10. entschieden ab.54 Lediglich unter den Bruderräten gab es einige, die für Barths Position Verständnis zeigten.55 Aber auch von Menschen, die sich der Bekennenden Kirche zurechneten, erhielt Barth viel Widerspruch.56 Martin Rade stieß sich vor allem |121 daran, daß Barth die Erlaubnis zum Abdruck gegeben hatte.57 Erst recht setzten sich seine Gegner von ihm ab. So fand der Herausgeber der «Theologischen Blätter», H. Strathmann, scharfe Worte, auf die Barth seinerseits mit einem scharfen Brief reagierte.58 Und ein thüringischer Lutheraner59 sah sich ebenso wie ein bayerischer Reformier|122ter60 veranlaßt, sich bedingungslos zu Adolf Hitler zu bekennen. Im «nationalkirchlichen Sonntagsblatt» «Der Deutsche Christ» wurde gefragt, ob Barth «ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher» sei.61

In der Schweiz verurteilte der Theologe J. M. Rilliet Barths Brief als «schwere Abirrung», weil er «in unzulässiger Weise Zeitliches und Ewiges» durcheinanderwerfe.62 Mit Rilliet setzten sich O. Moppert und M. Ludi im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz auseinander.63 Heftig wurde Barth von den Religiös-Sozialen angegriffen, die sich durch seinen kritischen Satz im Brief an Hromádka zu Unrecht angegriffen sahen. Leonhard Ragaz und sein Schüler, Pfarrer Max Gerber, Redakteur der Zeitung «Der Aufbau», wiesen Barth nach, daß die Religiös-Sozialen früher als Barth vor der politischen Gefahr gewarnt hätten, die durch Hitler drohte.64 Selbst Barths Freund Arthur Frey meldete Bedenken gegen Barths Sicht der Dinge an.65

123Barth präzisierte derweil seine Position im Sinne des Briefes an Hromádka. Als er aus England um ein Vorwort zu einem Votrag, den er dort im März über «Not und Verheißung im deutschen Kirchenkampf» gehalten hatte, gebeten wurde, schloß er dieses am 10.10. mit einem derart deutliche Absatz66, daß die Übersetzerin Bedenken gegen den Abdruck anmeldete.67 In Privatbriefen gab Barth ausführliche Auskunft über seine Position68, besonders in einem Brief vom 12.10.1938 an seinen Freund Pierre Maury in Paris:

Ich bin überaus froh, daß wir über die Weltereignisse, die seither vorgefallen sind, so im Einverständnis sind. Die Sache hat mich über die Maßen beschäftigt und aufgeregt. Nach der Entscheidung von München habe ich eine Nacht kaum schlafen können und bin dann noch einen Tag lang in einer Verfassung herumgelaufen, daß es für Menschen und Tiere nicht angenehm war, mir zu begegnen.69 Auch |124 ich bin der bestimmten Ansicht, daß Deutschland es nicht zum Kriege hätte kommen lassen, wenn man ihm widerstanden hätte. Man war, wie ich aus immer neuen Quellen erfahre, nicht darauf gerüstet, sondern hat tatsächlich nur geblufft. Irgend einmal aber wird der Krieg doch kommen, nur daß dann Alles viel schwieriger sein wird, als es jetzt gewesen wäre. Der Pazifismus der Nachkriegszeit hat jetzt schlimmste Folgen gezeitigt.70

Barth legte zwei Schriftstücke bei71 und fuhr fort:

Lollo von Kirschbaum fragt mich etwas ängstlich, ob ich eigentlich in ein prophetisches Stadium eingetreten sei, und findet, ich sei zur Zeit damit beschäftigt, «Gott und die Welt anzuprosten» (boire à la santé de …!)

Aber da hilft nun nichts! Ich habe es mir oft genug zum Vorwurf gemacht, daß ich in Deutschland zwischen 1921 und 1933 zu Allem, was ich um mich her geschehen sah auf politischem Gebiet, geschwiegen habe, um nur ja jede Verwechslung zwischen dem Reiche Gottes und irgend einer politischen Ideologie zu verhüten. Vielleicht |125 war dieser Puritanismus damals nötig oder doch entschuldbar. Heute geht das so nicht mehr. Heute ist der totale Staat nicht als Idee, sondern als praktische Macht auf dem Plane, und wie man zu dieser Sache – laut oder leise – etwas Anderes als eben Nein sagen können soll, das kann ich nicht einsehen. Ich weiß nicht, in welcher Fassung du meinen Brief an Hromádka gesehen hast. Schon die «Prager Presse» brachte ihn mit gewissen, nicht unwichtigen Abkürzungen und unter einem Titel, der nicht von mir stammt. In Paris ist er vielleicht noch weiter verändert worden. Von einer absence totale de réserve hätte man bei meinem eigenen Text nicht gut reden können. Immerhin: daß jeder Sieg Hitlers direkt auch eine Niederlage der Kirche bedeutet und daß der Widerstand gegen Hitler direkt auch um der Kirchen willen notwendig wäre, das ist allerdings meine Meinung, und wer mir da ernstlich widersprechen wollte, der müßte beweisen, daß der Gegensatz zwischen dem Hitlersystem und dem ersten Gebot so klar und vollständig nicht ist, wie ich ihn zu sehen meine.72 Du weißt, daß ich einen gründlicheren und radikaleren Widerstand gegen dieses System kenne und vertrete als den, der von den Demokratien auch im besten Fall geleistet werden könnte. Aber darum ist das, was die Demokratien in dieser Sache leisten könnten und nach ihrem eigenen Programm leisten müßten, doch nicht gleichgiltig. Und es kann die Kirche dem, was die Demokratie in dieser Sache tut oder nicht tut, nicht unverantwortlich und also auch nicht schweigend gegenüber stehen, als ob sie den totalen Staat neutral für eine Möglichkeit neben anderen hielte. Die bekennende Kirche in Deutschland hat sich das leider nicht klar gemacht und muß nun schwer genug dafür büßen. Wir aber, die wir noch reden können, müssen es auch tun, und wenn insbesondere ich selber nun einmal eine Stimme habe, die weithin gehört wird, so sehe |126 ich nicht ein, wie ich schweigen dürfte in einem Augenblick, wo so sehr Alles auf dem Spiele steht. Habe ich immer vertreten, daß alle menschlichen Entscheidungen dem göttlichen Urteil und der göttlichen Revision unterliegen, so habe ich doch nie vertreten, daß es deshalb menschliche Entscheidungen gar nicht geben dürfe oder daß wenigstens wir Theologen solchen Entscheidungen möglichst auszuweichen oder sie möglichst zu verheimlichen hätten.

Mitte Oktober, als der Brief an Hromádka in der verkürzten Fassung in Deutschland bekannt wurde, entschloß sich Barth, den vollständigen Wortlaut des Briefes an die Öffentlichkeit zu geben.73 Noch ehe das geschehen war, bekam Barths Verlag, die Ev. Buchhandlung Zollikon, aus Deutschland den Bescheid, daß die Einfuhr der Bücher von Karl Barth verboten sei; begründet wurde das damit, daß Barth eine deutschfeindliche Haltung betätige.74 Der Brief an Hromádka wurde am 27.10.1938 im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz unter der Überschrift «Karl Barth zur tschechischen Frage»75 abgedruckt. Zur Begründung führte die Redaktion aus, der Brief sei in Prag «auszugsweise veröffentlicht» worden und habe «seinen Weg auch nach Deutschland gemacht, wo der Evangelische Bund die Bruchstücke unter dem Titel ‹Karl Barth als Kriegshetzer› wiedergab. |127 Mit als Folge davon ist seither der Verkauf sämtlicher Bücher Barths in Deutschland verboten worden. Darum liegt dem Briefschreiber daran, daß der Brief, nachdem er schon in die Öffentlichkeit gedrungen ist, hier vollständig wiedergegeben wird.» Diese vollständige Fassung wurde ins Französische76 und Holländische übersetzt und in mehreren Zeitungen veröffentlicht.77

Einen Tag später gab die «Freitagszeitung für das reformierte Schweizervolk», das Organ der «Jungreformierten», Barths Brief in einer neuen Rückübersetzung ins Deutsche samt einer kritischen «Offenen Anfrage» der Pfarrer Rudolf Grob78 und H. von der Crone79 wieder.80 Barth beklagte sich bitter, daß die Zeitung sich nicht bei ihm nach dem Wortlaut erkundigt hatte81, und sandte ihr den Wort|128laut, zusammen mit seinen Briefen nach Holland. Am 4.11.1938 wurde der Brief an Hromádka und die beiden Briefe nach Holland dann auch in der Freitagszeitung vollständig abgedruckt, unter dem Titel «Antwort von Prof. Dr. theol. Karl Barth» und mit einem Kommentar der beiden Kritiker versehen.82 Die rechtsstehende «Neue Basler Zeitung» druckte einen heftigen Artikel gegen Barth, der ihr «von kirchlicher Seite Basels zugesandt» worden war, am 31.10.1938 ab: «Der Herr Professor will es so haben! ‹Krieg notwendig!›» Hingegen ging die von Fritz Lieb neu gegründete «Schweizer Zeitung am Sonntag» für Barth in die Offensive und setzte den vollständigen Wortlaut am 30.10.1938 provozierend unter den aus Deutschland bekannten Titel «Karl Barth als Kriegshetzer» – eine Tonart, die Barth auch nicht erfreute.83

In ironischer Form faßte Barth in seinem ersten Brief nach Edinburgh an seinen Sohn Markus am 23.11.1938 seine Erfahrungen mit dem Brief an Hromádka im Rückblick zusammen:

Die letzten Wochen waren für uns heftig bewegt oder doch mitbewegt durch den als ganz neue Figur auf das Feld getretenen «tschechischen Soldaten» und seinen Kampf für die Kirche Jesu Christi. In allen möglichen Variationen ist dieser ja leider nur in der Potentialität existierende Zeitgenosse in Briefen, Zeitungen und Druckwerken je|129des Kalibers bei uns aufgetreten. Unzählige konnten und wollten zunächst durchaus nichts von ihm wissen […]. Die unselige VKL in Berlin hat mich in der ihr noch beschiedenen Öffentlichkeit in den kleinen Bann getan, um vom LuRa [Lutherrat] und vom Bischof Wurm nicht zu reden. In der Grob’schen Freitagszeitung wurde ich als Volksfrontmann angeprangert und im rel. soz. «Aufbau» vom selben Tage bezichtigt, daß ich es heimlich und im Grunde doch mit Adolf hielte! Es gab und gibt in Deutschland großartige Exegesen jenes Briefes, wobei die Gelehrten nicht einig sind darüber, ob er wegen des Wortes «für» zu verwerfen (Gollwitzer!) oder wegen des Wortes «auch» zu akzeptieren sei ([Ernst] Wolf). In Holland riefen die Neo-Calvinisten: Da hat man’s!84 und die Ungarn gerieten geradezu ins Rasen, weil sie sich nachträglich auch für betroffen hielten.85 Überall da, wo ein bischen Grips vorhanden ist, beginnt man sich jetzt nicht nur zu beruhigen, sondern mehr oder weniger bestimmt zuzustimmen. Aber die Zumutung war diesmal offenbar besonders groß. Und so muß ich nun am 5. Dezember in Zürich vor der Generalversammlung des Schweizerischen Hilfswerks für die BK einen großen Vortrag halten: «Die Kirche und die politische Frage der Gegenwart», in dem die explicatio von «Rechtfertigung und Recht» zu wiederholen und die dort schon gegebene applicatio unter besonderer Berücksichtigung des Friedens von München zu unterstreichen sein wird.

Barth nahm in Zürich-Wipkingen die Gelegenheit zu einer umfassenden Darlegung seiner Position wahr86 und verteidigte abermals seinen Brief an Hromádka87:

Und wenn es niemand sonst sagte, dann müßte es gerade die Kirche sagen […]: daß es grundsätzlich nötig ist, daß diese Verteidigung stattfinde. Hier wäre nun der schon fast sagenhaft gewordenen Gestalt des «tschechischen Soldaten» zu gedenken, dem ich es im September dieses Jahres zutraute und zuschrieb, daß er, wenn es soweit |130 kommen sollte, nicht nur für die europäische Freiheit, sondern auch für die Kirche Jesu Christi streiten und leiden würde. Ich stehe noch heute zu diesem materiell allerdings gegenstandslos gewordenen Satze. Die Kirche kann nicht das Schwert, sie kann keine Kreuzzüge führen. Wie sollte sie schon? Die Kirche ist aber in allen ihren Gliedern solidarisch mit dem Staat, der sich als rechter, als noch nicht an die Anarchie oder Tyrannei verlorener Staat gegen die grundsätzliche Auflösung des rechten Staates zur Wehr setzt.

An einem seiner «Offenen Abende», am 13.12., gab Barth den Studenten Gelegenheit, den Text des Briefes an Hromádka zu diskutieren. Ein holländischer Teilnehmer, Alexander J. Bronkhorst, hatte zu referieren und berichtete anschließend nach Hause, daß und wie dabei die Sätze interpretiert wurden.88 Barth unterstützte die Verbreitung des Originaltexts, gab ihn Gästen aus Deutschland mit89 oder verschickte ihn auf Anforderung.90

131Hromádka selbst kam noch mehrfach auf Barths Brief zurück, so am 8.2.1939: «Nur eines möchte ich wissen: ob Sie mich nicht vorwurfsvoll in Ihrem Herzen dafür verantwortlich machen, daß ich Ihnen durch die Veröffentlichung des bekannten Briefes so große Schwierigkeiten allerorts gemacht habe? Ihre Worte brachten uns tiefen Trost und geistige Stärkung, und ich konnte nicht umhin, ihn drucken zu lassen. (Nur für die Kürzung desselben bin ich nicht verantwortlich.)»91 Barth machte ihm deutlich, wie er im Abstand von Monaten über den Brief dachte92:

Nein, Sie haben nicht das Geringste zu befürchten hinsichtlich eines Vorwurfs, den ich gegen Sie auf dem Herzen haben könnte. Ich habe Ihnen ja damals geschrieben, daß Sie mit dem Briefe verfahren könnten, wie es Ihnen gut scheine. Und was inhaltlich in dem Briefe stand bis und mit dem unterdessen so berühmt gewordenen «tschechischen Soldaten», der für die Kirche Jesu Christi streitet, das war so unüberlegt nicht, wie Einige, die mich entschuldigen wollten, gemeint haben, sondern das mußte damals so gesagt werden und wird in anderer Abwandlung wieder gesagt werden müssen. Ich konnte mich also wirklich nicht beklagen und ich habe mich auch nicht beklagt, als dieser Brief und besonders jener Satz auf einmal durch ganz Europa lief und mir einen ganzen Sturm von Protesten, Klagen und auch von aufrichtigen Fragen zutrug. Ich bin sogar froh darüber gewesen, weil mir das Anlaß gab, dasselbe, was ich ja kurz vorher in der Schrift «Rechtfertigung und Recht» in Form von einigen Exegesen grundsätzlich gesagt hatte, nun an einem sehr extremen Beispiel zu wiederholen und zu erläutern. Ich glaube, daß die Sache – es sah einen Augenblick so aus, als ob sich nun alle braven Leute kopfschüttelnd von mir zurückziehen wollten – schließlich geradezu heilsam gewirkt hat, indem sehr Viele (auch in Deutschland!) bei diesem Anlaß in die Lage kamen, gewisse letzte Relikte von Inkonsequenz dem Nat.Soz. gegenüber auch noch fallen zu lassen. Andere sind freilich in eine große Angst versunken, aus der sie sich bis heute noch nicht erholt haben. Aber irgend einmal werden sie sich auch erholen.

132Als nach der Besetzung der «Rest-Tschechei» am 15.3.1939 Hromádka emigrierte und durch die Schweiz kam, schrieb ihm Barth: «Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, mit welchen Gedanken ich den 15. März mit Ihnen erlebt habe. Und wenn ich an den letzten Herbst denke und an den so berüchtigt gewordenen Brief, den ich Ihnen damals schrieb, so wollte ich jetzt wohl, daß ich noch viel schärfer und deutlicher geredet hätte.»93

Der Brief Barths blieb im öffentlichen Bewußtsein.94 Barth druckte ihn im Sommer 1945 in seinem Sammelband «Eine Schweizer Stimme» an zweiter Stelle nach «Rechtfertigung und Recht» ab95, weil «der berüchtigte Brief nach Prag, mit dem das Buch sonst hätte beginnen müssen, einen allzu abrupten Anfang gebildet hätte.» «Die Abhandlung, ‹Rechtfertigung und Recht›96 durfte nicht fehlen, weil sie besonders den theologischen Lesern die theologischen Voraussetzungen des ganzen übersichtlich machen kann.»97

Nach dem Zweiten Weltkriege kamen Barth und Hromádka noch mehrfach auf ihn zurück.98 Auch spielte er in der Bundesrepublik |133 Deutschland in der Auseinandersetzung um Barth und um Aufrüstung 195099 und um die sogenannte «Nachrüstung» 1983100 eine Rolle.101

Sachfußnoten

1
Schilderung in M. Rohkrämer, Karl Barth in der Herbstkrise 1938, in: EvTh Jg. 48 (1988), S. 521ff. 📖 [im folgenden: Herbstkrise]↩
2
Die Texte sind abgedruckt und kommentiert in: M. Rohkrämer (Hrsg.), Freundschaft im Widerspruch. Der Briefwechsel zwischen Karl Barth, Josef L. Hromádka und Josef B. Souček 1935-1968, Zürich 1995, S. 31ff. 📖 [im folgenden: Briefwechsel]↩
3
K. Barth, Not und Verheißung im deutschen Kirchenkampf, Bern 1938 📖. ↩
4
Siehe S. 45 und Rohkrämer, Briefwechsel, S. 50 📖.↩
5
Edvard Beneš, Staatspräsident 1935–1938 und 1945–1948. ↩
6
Phil. 4,7.↩
7
Im Karlsbader Programm vom 24.4.1938: volle Autonomie für deutsches Siedlungsgebiet, Schutzbestimmungen für die Deutschen außerhalb dieses Gebiets und die Freiheit des Bekenntnisses zum deutschen Volkstum und zur deutschen Weltanschauung.↩
8
B. Celovsky, Das Münchener Abkommen von 1938 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 3), Stuttgart 1958, S. 163.227 📖. ↩
9
Celovsky, a.a.O., S. 218.269 📖. ↩
10
Wiedergabe des Inhalts bei M. Rohkrämer, Herbstkrise (s. Anm. 1), S. 525 📖, und in ders., Briefwechsel, S. 51f. 📖 – «Résistez»: Barth verwandte einen Begriff, der von den französischen Hugenotten aus der Verfolgungszeit überliefert worden war. (J. Chambon, Der französische Protestantismus. Sein Weg bis zur französischen Revolution, München 19371, Zollikon-Zürich 19486, S. 194 📖). In Aigues-Mortes (Gard) ist das Wort, in Maiuskeln in Stein gemeißelt, in einem Turm zu sehen, in dem Marie Durand, eine Anhängerin Calvins, 38 Jahre lang gefangen lag. – Barth hatte sich der Mahnung «Résistez!» schon 1933 erinnert, als er am 4.5. an K. Stoevesandt in Bremen schrieb: «Was tun? Etwas Anderes, als das Wort ‹Résistez!› mit großen Buchstaben an die Wände seiner Zelle zu schreiben, wird wohl im Moment nicht möglich sein.»↩
11
Wörtlich «Heil», auch mit «Wohlauf» oder «Glückauf» zu übersetzen: ein patriotischer Gruß, der vor allem in der tschechischen Turnvereinigung Sokol gebräuchlich war (Rohkrämer, ebd. 📖).↩
12
So Lieb in einer späteren Aufzeichnung über seine Reise, s. Rohkrämer, Briefwechsel, S. 51–53 📖.↩
13
Rohkrämer, a.a.O., S. 52f. 📖 ↩
14
Frau Anna Barth, geb. Sartorius, war am 5.9.1938 in Bern gestorben.↩
15
E. Schwarzenbeck, Nationalsozialistische Pressepolitik und die Sudetenkrise 1938, München 1979, S. 355ff. 📖 ↩
16
«Es geht darum zu zeigen, was für eine barbarische Nation die Tschechen sind. Der Welt muß allmählich plausibel gemacht werden, daß dieser Staat unmöglich ist» (E. Schwarzenbeck, a.a.O., S. 367–369 📖). Auf der Reichspressekonferenz wurden die Schriftleiter zu journalistischen «Höchstleistungen» angespornt: «Meine Herren, sie sind die schwere Artillerie des Reiches, sie müssen die Stellung sturmreif schießen.» (a.a.O., S. 368)↩
17
«Der Führer hat sich über die deutsche Presse ganz außerordentlich gefreut.» (Schwarzenbeck, a.a.O., S. 369 📖)↩
18
So E. Schwarzenbeck, a.a.O., S. 371 📖.↩
19
Celovsky zählt allein aus dem «Völkischen Beobachter» vom 18.9. zwanzig Meldungen über tschechische Greueltaten auf; sie waren nachweislich «im Propagandaministerium frei erfunden» (a.a.O., S. 337 📖). – Die Basler National-Zeitung zitiert aus dem «Völkischen Beobachter»: «Nun ist die Zeit reif für Benesch, von der europäischen Bühne zu verschwinden, wie sein Staat aus der europäischen Landkarte ausradiert werden muß», und setzt fort: «Dieses Leitmotiv ist von der gesamten Berliner Presse mit Begeisterung aufgenommen worden.» (Nr. 434, 19.9.1938, S. 3 📖)↩
20
National-Zeitung, a.a.O., S. 1f. 📖 – Die Zeitung hatte schon am 14.9. (Nr. 427) unter der Überschrift «Die deutsche Taktik. Pressionsversuche auf die Westmächte und auf Prag» 📖 analysiert: «Die deutsche Taktik liegt klar auf der Hand. Es handelt sich darum, durch eine riesige Aufbauschung der Zwischenfälle London und Paris zu einem neuen und zwar letzten Druck auf Prag zu veranlassen und die Maximalforderung Henleins durchzusetzen.» – Daß Barth sich aus beiden Basler Zeitungen informierte, also diese Artikelfolge kannte, ist sehr wahrscheinlich. Er bestellte die konkurrierende, ihm früher näherstehende «Basler Nachrichten», die diese Klarheit vermissen ließ, zum Jahresende ab; sie habe es versäumt, «dem wahrhaftig drohenden Übel vom Norden eine klare Linie entgegenzustellen», und statt dessen geurteilt, daß es sich bei denen, die sich Sorgen machten, «doch nur um eine ‹Psychose› […] oder um noch Schlimmeres handle» (Brief an den Nationalrat Dr. Oeri vom 29.12.1938).↩
21
Vgl. Celovsky, a.a.O., S. 349–351 📖. ↩
22
Barth schrieb seinen Zusatz wahrscheinlich nach Radiomeldungen oder nach Lektüre des Abendblatts der National-Zeitung vom 19.9.1938. Darin wurde unter der Hauptüberschrift «Die Beschlüsse von London» bereits berichtet, daß die Westmächte «nachgegeben» und sich mit der Abtretung deutschbesiedelter Gebiete einverstanden erklärt hätten. (Nr. 435, S. 1f. 📖) Vgl. Celovsky, a.a.O., S. 351–358 📖. ↩
23
Sie hatte z.B. am 30.4.1933 unter dem Titel Hitlers Credo anonym einen kritischen Aufsatz des Staatspräsidenten Masaryk abgedruckt (so J. Hoskovec und J. Brozek, Thomas Garrigue Masaryk (1850–1937) and the beginnings of Czech political psychology, in: Psychologie und Geschichte, Jg. 8, 1998, S. 34–49 📖).↩
24
Jg. 18, Nr. 239, S. 2 📖. – Vgl. die Abbildung auf S. 112.↩
25
Anfang eines um 1420 entstandenen, sehr bekannten hussitischen Chorals: «Kdož jste Boží bojovníci a zákona jeho …» («Ihr Streiter Gottes und seines Gesetzes, bittet Gott um Hilfe und hofft auf ihn!»), Evangelický zpěvnik [Gesangbuch der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder], Prag 1979, S. 643, Nr. 467 📖; Mitteilung und Übersetzung von Dr. L. Beneš, Pečky, vom 9.9.1996.↩
26
«Prager Presse 📖»: «versichert».↩
27
Leonhard Ragaz, Führer der Religiös-Sozialen, Anhänger des Pazifismus. – Zu dessen Freunden: siehe Anm. 64. – Vgl. auch: J. M. Lochmann, Ragaz und die Tschechoslowakei, Neue Wege 1981, S. 330–334 📖. ↩
28
«Prager Presse 📖»: «Ich wage zu hoffen, …»↩
29
Nach der Verbrennung von Johann Hus auf dem Konzil zu Konstanz 1415 kam es in Böhmen zu einer Volksbewegung. Hussitische Heere siegten über gegen sie aufgebotene Kreuzheere. 1431 wurden die Hussiten zu Verhandlungen auf das Basler Konzil eingeladen. – An die Überlieferung, wonach die Hussiten furchtbar gehaust hatten, knüpfte die nationalsozialistische Propaganda an, als sie am 20.9. die Weisung an die Presse ausgab: «So wüten die hussitischen Mörder» (A. Hardy, Hitler’s Secret Weapon. The ‹Managed› Presse and Propaganda Machine of Nazi Germany, New York 1967, S. 106 📖; E. Schwarzenbeck, a.a.O., S. 368 📖).↩
30
Barth hatte damit die Lage der Bekennenden Kirche in der Eides-Angelegenheit im Blick. Vgl. seinen Offenen Brief Nr. 16.↩
31
Der Jurist Friedrich Weißler, der 1936 an der Denkschrift für Hitler mitgearbeitet hatte (dem ersten Text, in dem die BK Barths Forderung beherzigt hatte, auch für die Menschen außerhalb der Kirche zu sprechen), war 1936 als erster deutscher Protestant der BK im NS-Staat ermordet worden. – Über die Katholiken: U. v. Hehl, Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung (Veröff. d. Kommission f. Zeitgeschichte A, Quellen 37), Paderborn 19963. 📖 ↩
32
«Prager Presse 📖»: «entschieden».↩
33
Vgl. dazu Offenen Brief Nr. 11, S. 68 Anm. 14.↩
34
Vgl. Mt. 12,24; Mk. 3,22; Lk. 11,15.18.19 ↩
35
«Prager Presse 📖»: «nur davon abhängt».↩
36
Heidelberger Katechismus, Frage 1 📖.↩
37
Dieser Zusatz, der sich nur auf dem Original (und einer Kopie Barths für M. Rade) befand, wurde von M. Rohkrämer erstmalig veröffentlicht (Briefwechsel, S. 55 und S. 64 📖).↩
38
Hitler und Mussolini.↩
39
Rohkrämer, Briefwechsel, S. 58f. 📖 – Hromádka schrieb am 29.9. an Barths Bruder Peter: «Sie werden uns glauben, wie trostreich und ermutigend uns ihr Brief vom 22. September war! In der Not erkennt man wahre Freunde! Wir werden das Ihnen nie vergessen» (zitiert a.a.O., S. 59).↩
40
Das Abkommen wurde am 29.9. ausgehandelt und in der Nacht zum 30.9. um 130 unterzeichnet.↩
41
Rohkrämer erwähnt Briefe zweier tschechischer Pfarrer an Barth vom 11.10. und 13.11.1938 und gibt den Brief Josef B. Součeks an Barth vom 26.11.1938 wieder (a.a.O., S. 58–63 📖).↩
42
In der von J. Hromádka und J. Šimsa herausgegebenen Zeitschrift Kassranska Revue, Jg. 12, 1939, S. 17–19 📖. Diese Zeitschrift wurde durch die deutschen Behörden nach der Besetzung von Böhmen und Mähren verboten (Mitteilung von Prof. J. M. Lochman, Basel).↩
43
A propos de le Tchécoslovaquie. Une lettre du professeur Karl Barth à J. L. Hromádka, gezeichnet «M. Ch.», in: L’Eglise nationale. Journal évangélique de l’Eglise neuchateloise, Jg. 51, Nr. 41 v. 8.10.1938, S. 1f. 📖 ↩
44
Gereformeerd Weekblad, Arnhem, Jg. 14 (1938), Nr. 1 📖.↩
45
Algemeen Weekblad voor Christendom en Cultuur, s’Gravenhage, Jg. 14 (1938), Nr. 50, 14.10.1938 📖.↩
46
Zitiert bei M. Rohkrämer, Herbstkrise, S. 526 📖.↩
47
Text und Überschriften bei Rohkrämer, a.a.O., S. 526f. 📖 ↩
48
Der Dekan der Fakultät, Vogelsang, erklärte am 25.10.: «Indem die Theologische Fakultät sich einig weiß mit dem Urteil der evangelischen Presse Deutschlands über diese ebenso Deutschland wie das Christentum schädigenden Äußerungen Karl Barths, sind zur Wahrung der Ehre der deutschen Theologie bei uns sämtliche Schriften Karl Barths aus unserer Seminarbibliothek entfernt worden und der Universitätsbibliothek zur Sekretierung übergeben.» (Abschrift im KBA)↩
49
Positives Christentum, Jg. 4, Nr. 43, 23.10.1938 📖. Inhalt bei Rohkrämer, a.a.O., S. 527f. 📖 ↩
50
Untertitel: Eine kirchengeschichtliche Feststellung der Säkularisation der konsequenten dialektischen Theologie, datiert vom 22.10.1938, Evangelium und Deutschtum, Halle, Jg. 6, 23.10.1938, S. 24–31 📖; ders., Der vollständige Barth-Brief, in: Theol. Jahrbücher, Jg. 6 (1938), S. 133f. 📖 (auch als Sonderdruck). ↩
51
Auf die mündliche Anfrage der VKL durch Pfarrer Röthlisberger sandte Barth ihr z.Hd. von H. Pfarrer Böhm den Brief am 15.10.1938. Der Lutherrat erbat am 22.10.1938 den Brief.↩
52
Rohkrämer zitiert aus dem Schreiben Landesbischof Wurms von Württemberg, Herbstkrise, S. 534 📖. Ähnlich der hektographierte Rundbrief des Landesbischofs Marahrens von Hannover, Nr. 41 vom 2.11.1938. Marahrens legte Wert auf die Feststellung, daß er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr mit der Schweiz gehabt habe.↩
53
Für die VKL hatte Pastor Müller, Dahlem, am 18.8. in zwei Punkten Kritik an Barths Schrift Rechtfertigung und Recht geübt. Barth ging in seiner Antwort an Pfarrer Böhm zu Handen der VKL vom 15.10.1938 auf diese Kritik nicht ein, sondern formulierte die drei grundsätzlichen Punkte (vgl. Rohkrämer, a.a.O., S. 531 📖).↩
54
Text KJ 1933–1944, S. 258f. 📖 Darstellung und Zitate bei Rohkrämer, Herbstkrise, S. 530–533 📖.↩
55
Eine solche Meinung gab Gottlob Wieser ohne Namensnennung wieder: Eine deutsche Stimme zum Brief Karl Barths, in: KBRS, Jg. 94 (1938), S. 395f. 📖 – Im Rückblick: W. Kreck, Nochmals: Zum ‹Hromádka-Brief› Karl Barths, in: Neue Stimme, Jg. 1988, H. 9, S. 7–10 📖. ↩
56
Sein Freund Dr. Karl Stoevesandt schrieb einen kritischen Brief von 9 Schreibmaschinenseiten (6./16.11.1938, teilw. abgedruckt bei Koch, Christen, S. 83f. 📖). H. Gollwitzer schrieb: «Ich bin sehr unglücklich, vor allem, weil ich auch mich vom Kopfschütteln selbst nicht ganz befreien kann und besonders den einen Satz im Brief (von der Kirche Jesu) nicht nur für verwirrend formuliert, sondern immer noch auch für grundsätzlich irreparabel halte und also für mich nur streichen kann.» (Brief begonnen am 9.9.1938, undatiert fortgesetzt). – Ernst Wolf sandte Barth die Abschrift eines am 10.11.1938 an Asmussen gerichteten Briefes, in dem neben Zustimmung zu Barth auch Reserve anklingt. – Selbst BK-Mitglieder, die sich im Ausland aufhielten und sich deshalb frei äußern konnten, widersprachen Barth, so Vikar Heinrich Quistorp aus Utrecht am 15.10.1938 («ob Sie nun nicht selbst die Kirche auf den Weg des Unglaubens zu verleiten versucht und im Begriff sind?»). An ihn schrieb Barth am 23.10.1938: «Wenn doch meine Freunde und Gönner in der deutschen Bekenntniskirche ihren Verstand und ihre Nerven und doch auch ihr Vertrauen ein bischen besser beisammenhalten und nicht gleich Feuer! rufen würden, wenn sie mich – da ihnen doch mein grundsätzliches Denken und Wollen wirklich in großer Breite bekannt sein kann – gelegentlich auf dem alten Wege eine neue oder scheinbar neue Bewegung machen sehen, deren Notwendigkeit und Recht ihnen nicht auf den ersten Blick einleuchtet! Und wenn doch insbesondere die Jüngeren unter ihnen und unter diesen besonders die, die bei mir wirklich etwas gelernt zu haben meinen, bevor sie in diesen Ruf einstimmen und dazu übergehen, mich zur Ordnung zu rufen, auch mit der Möglichkeit wenigstens rechnen würden, daß ich etwas sehen könnte, was sie bis jetzt noch nicht sehen, was sie aber eines Tages vielleicht auch noch sehen könnten!» – Aus London machte Franz Hildebrandt am 19.10.1938 Bedenken geltend («Haben Sie uns nicht gelehrt, den politischen Protest und die Predigt des Evangeliums auseinanderzuhalten?»). Ihm entgegnete Barth am 28.10. mit einem grundsätzlichen Brief (Auszug in Busch, Bogen, S. 280f. 📖) – Aus Upsala meldete sich am 29.10.1938 Alfred Tartler: «Ich werde sicher nicht der einzige aus der Bekenntniskirche sein, der Ihnen sagen wird, wie sehr Sie der Reichsgottesarbeit geschadet haben.» Barths «unverzeihliches Schreiben» sei «eine Sünde gegen den heiligen Geist gewesen».↩
57
Karl Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, hrsg. von Ch. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 277–279 📖. ↩
58
Siehe F. W. Kantzenbach, ‹Theologische Blätter›. Kampf, Krisis und Ende einer theologischen Zeitschrift im Dritten Reich, in: Zur Geschichte des Kirchenkampfes. Ges. Aufsätze II (AGK 26), Göttingen 1971, S. 79–104 📖, und Rohkrämer, Briefwechsel, S. 60 📖.↩
59
«Wir deutschen Pfarrer […] verwahren uns ganz entschieden dagegen, daß unsere Theologie mit der Theologie des Herrn Barth auf eine Stufe gestellt wird. Unser Christentum und unsere Theologie sind viel zu deutsch, viel zu gesund, viel zu christlich, als daß sie von dem jüdisch-marxistisch-internationalen Geiste der Barth’schen Theologie auch nur leise infiziert werden könnten. Wir deutschen evangelischen Pfarrer stehen mit Leib und Seele zu unserem Führer Adolf Hitler und zum Dritten Reiche.» (Oberpfarrer H. Leidenfrost, Ein Wort zur Aufklärung, Blatt der Kirchgemeinde Jena, Dez. 1938 📖).↩
60
«Unser Führer, um den uns andere Völker schon beneiden, ist […] ein richtiger Mann, und der will und macht den Frieden. Wer ihm das nicht glaubt, verschließt sich die Möglichkeit, den bedeutendsten Mann der Gegenwart zu verstehen.» (Pfr. H. Wegener, München, im Brief an Barth vom 4.11.1938.)↩
61
Juden – Christen – Karl Barth (gez. «Kölli»), in: Der Deutsche Christ, Jg. 6, Nr. 44, 30.10.1938, S. 342 📖.↩
62
Zitiert nach Busch, Bogen, S. 315 📖.↩
63
O. Moppert, Gerechtigkeit durch das Mittel des Krieges?, in: KBRS Jg. 94 (1938), S. 376f. 📖 – M. Ludi, Zur politischen Stellung Karl Barths, KBRS Jg. 95 (1939), S. 10 📖. ↩
64
L. Ragaz, Karl Barth, Tschechoslowakei und Pazifismus, in: Neue Wege. Blätter für den Kampf der Zeit, Jg. 32 (Nov. 1938), S. 494–496 📖; vgl. auch ders., Karl Barth bricht in die Politik aus, Neue Wege, Jg. 33 (1939), S. 118–126 📖. – M. Gerber, Professor Karl Barth, in: Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Jg. 19 (1938), Nr. 44 vom 4. 11., S. 345–347 📖. – Auf eine kritische Anfrage von Walter Ritter, Uster, der Barths «Ausfall gegen Ragaz im Zusammenhang mit dem übrigen Inhalt» seines Briefes nicht verstand («Warum ein so persönlicher Angriff in einer Aufforderung von derart eminent grundsätzlicher Bedeutung?», Brief vom 21.11.1938), gab Barth am 22.11.1938 folgende Erklärung: «Es war mir, als ich vor 3 Jahren in der Tschechoslowakei war, sehr eindrücklich, dort für mich ganz unerwartet auf zahlreiche Anhänger von Ragaz zu stoßen. Da war es für mich sehr natürlich, in einem Augenblick, wo es zwischen einem prinzipiellen Antimilitarismus und der notwendigen Landesverteidigung gegen den Nationalsozialismus dort wie bei uns zu einem Konflikt zu kommen schien, meinen Freund beiläufig zu fragen, was jene Leute jetzt wohl sagen möchten.»↩
65
Brief an Barth vom 28.10.1938 (mit elf kritischen Randglossen Barths). Auf Barths Linie: G. Wieser, Frieden oder Gerechtigkeit?, in: KBRS 27.10.1938 📖; W. Vischer, Predigt über Amos 5 und 6, in: Basler Predigten, Jg. 2 (1938), Nr. 7 📖. ↩
66
Barth, Schw.St., S. 62 📖: «Darf ich noch ein Wort hinzufügen? […] »↩
67
Dorothy F. Buxton, Brief an Barth v. 12.10.1938.↩
68
Am 28.9. schrieb er an D. Buxton: «Es war mir eine tiefe Enttäuschung, als am 21. Sept. die Demokratie der Erpressung Hitlers so deutlich zu weichen schien. Vielleicht war es doch gut, daß man das Äußerste versucht hat. Aber jetzt dürfte um des Friedens willen kein noch so kleiner Schritt mehr nachgegeben werden.»- Am 29.9. an W. Lüthy: «Ob Sie am vergangenen Montag [= 26.9.] die Rede Hitlers und am Tag darauf die von Chamberlain auch gehört oder gelesen haben? Sehn Sie, lieber Herr Pfarrer, an dem Unterschied dieser beiden Reden können Sie sich bildhaft klarmachen […]: Hier wird verantwortlich, dort unverantwortlich geredet, hier in der echten Besorgnis um einen gefährlichen, aber notwendigen Dienst, dort in der Hybris einer angemaßten Gottähnlichkeit, hier besonnen und dort enthusiastisch, hier menschlich und dort mit den deutlichen Untertönen des ungebändigt Tierischen. […] Solche Unterschiede gibt es im politischen Raum, und auf solche Unterschiede zu achten lohnt sich, nach solchen Unterschieden zu fragen, ist sogar geboten. […] Heute wird nun über Frieden oder Krieg entschieden worden sein. Haben wir nicht Alle zu wenig für die weltlichen Obrigkeiten gebetet, um uns darüber wundern zu können, daß sie so ratlos sind?»↩
69
Ch. von Kirschbaum gab am 2.10.1938 in einem Brief an Gertrud Staewen folgende Schilderung: «Wir sind tief niedergeschlagen. K. konnte zwei Nächte nicht schlafen vor Zorn und Ingrimm über die Käuflichkeit der Welt. An Hromádka denkt niemand mehr. […] Nur ganz Wenige sehen klar. Aber langsam erlahmt man daran, noch irgendeinen Einspruch zu erheben. Und das Schlimme ist: nach den Erfahrungen dieses Sommers ist K. erlahmt. Verstehst Du, er kann nicht so auf die Dauer Wachtmeister spielen. Er könnte es noch, wenn nur ein paar Partner sich fänden, mit denen er Auge in Auge reden kann, d.h. ohne sich sein Gehirn verdrehen und in fremde Gedankengänge zwängen zu müssen. Aber im Augenblick sieht er – ins Leere. Ich weiß, das ist sehr hart und Du darfst gewiß sein, daß ich nicht aufhören werde, daran zu rütteln.»↩
70
Barth fragte am 10.10.1938 D. Buxton, ob es wahr sei, «daß Chamberlain und Runciman zu der (Oxford-)‹Gruppenbewegung› gehören? Wenn das wahr ist, dann verstehe ich Vieles auf einmal besser: Shortsightness, wie sie das hervorragendste Merkmal des Münchener Friedens- und Freundschaftsschlusses ist, ist zugleich die charakteristische Eigentümlichkeit der Gruppenmentalität, und das ewige Lächeln von Chamberlain erinnert mich auf einmal auffallend an das von Frank Buchmann!» D. Buxton antwortete: «Yes, Mr. Neville Chamberlain at any rate, is interested in the Oxford Group!» (Brief vom 12.10.1938) D. Buxton teilte Barth am 19.10. mit, daß die letzte Passage seines Vortrages (s. Anm. 66) nicht mit gedruckt worden sei. – Zum «Pazifismus der Nachkriegszeit»; vgl. H. Werner, Karl Barths historischer Irrtum, in: Neue Stimme, Jg. 1988, H. 9, S. 10–14 📖. ↩
71
Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre: 20 Vorlesungen über das Schottische Bekenntnis von 1560, Zollikon 1938 📖, und: Rechtfertigung und Recht (ThSt 1), Zollikon 1938 📖. Barth verwies auch an anderer Stelle, z. B. im Brief an H. Quistorp (s. Anm. 55), auf diese Publikationen.↩
72
Diesen Gesichtspunkt hob Barth auch später im Rückblick hervor. So schilderte er in How my mind has changed 1928-1938, wie sich «Lüge und Brutalität», «Dummheit und Angst» in Europa verstärkten: «Und Europa versteht die Gefahr nicht, in der es steht. Warum nicht? Weil es das erste Gebot nicht versteht, weil es nicht sieht, daß der Nationalsozialismus die bewußte, prinzipielle und systematische Übertretung eben des ersten Gebotes bedeutet. Und weil es nicht sieht, daß diese Übertretung als Sünde gegen Gott das Verderben der Völker nach sich zieht.» (K. Kupisch, Der Götze wackelt, Berlin 1961, S. 188f. 📖)↩
73
In einem Brief vom 17.10.1938 an Adolf Keller schrieb Barth: «Was meinen Brief an Hromádka betrifft, so ist er in der Prager Presse in einem zusammengeschnittenen Text abgedruckt worden. Das Original wird – nachdem in Deutschland der Evangelische Bund (natürlich!) Zeter Mordio gerufen – demnächst in unserm schweiz. Kirchenblatt sichtbar werden. Die entscheidenden Sätze, die die Prager Presse zitiert hat, stehen allerdings in dem Brief, und ich gedenke sie wohl zu verantworten. Ich habe nicht zum Weltkrieg aufgerufen, wohl aber zum Widerstand, der noch lange nicht den Krieg bedeutet, sondern der ihn nach meinen Informationen verhindert haben würde, während er jetzt durch den famosen Münchener Frieden bestimmt nur ein bischen hinausgeschoben und – schwerer gemacht ist.»↩
74
«Verbot sämtlicher Werke von Karl Barth. Wie wir erfahren, ist der Verkauf sämtlicher Bücher von Professor Dr. Karl Barth in Deutschland verboten worden. Das Verbot wird mit der deutschfeindlichen Einstellung des Verfassers begründet …» (Zofinger Tagblatt 19.10.1938 📖, St. Galler Tagblatt 20.10.1938 📖). Ch. v. Kirschbaum bat in einem Brief vom 18.10.1938 den holländischen Theologen G. H. Slotemakerdarum, nun einzelne Werke Barths von Holland aus geschenkweise nach Deutschland zu schicken.↩
75
Jg. 94, Nr. 22, S. 348 📖.↩
76
Am 4.11. übersandte François Lacheval die fast fertige Übersetzung an Barth und teilte ihm mit, er werde selbst in Genf in der Redaktion der «Semaine» dafür sorgen, daß der Text ungeändert der Druckerei übergeben werde. Ein Abdruck ist bisher nicht nachgewiesen.↩
77
De brief van Barth aan Hromádka, in: Woord en Geest. Gereformeerd weekblad, Arnhem, 11.11.1938, Nr. 672, S. 44f. 📖 (veröffentlicht vom Mithrsg. Slotemaker). – Barth, de belijdende Kerk en de oorlog, in: Kerk en Vrede, Jg. 14 (1938), Nr. 11 vom 1.12.1938 📖. – Gekürzt: Waarde Herr Collega Hromadka!, in: Algemeen Weekblad voor Christendom en Cultuur, 4.11.1938 📖 (s. den Offenen Brief an Derksen, Nr. 19); Nachdruck daraus Karl Barth over dictatuur in: De Reformatie, Jg. 24, Nr. 6, 11.11.1938, S. 47 📖. ↩
78
Siehe Offenen Brief Nr. 10, Anm. 18.↩
79
Siehe Offenen Brief Nr. 10, Anm. 17.↩
80
Freitagszeitung für das reformierte Schweizervolk, Jg. 17 (1938), Nr. 43 vom 28.10.1938 📖.↩
81
«Sie haben vielleicht beachtet, daß der Originaltext meines ‹zur öffentlichen Aussprache gestellten› Briefes inzwischen im ‹Kirchenblatt› vorgelegt ist, und haben dann wohl bemerkt, wie sinnlos z.B. der Satz über den Pazifismus – ich muß wohl annehmen: auf dem Wege der Übersetzung ins Französische und Ihrer Rückübersetzung ins Deutsche – geworden ist. Hätten Sie sich nicht bei mir erkundigen können, bevor Sie ihn in diesem Zustand abdruckten? Hätten Sie sich nicht schließlich auch danach erkundigen können, wie der – schon von der Prager Presse, danach von dem famosen ‹Nederlander›, danach von der Trompete des Evangelischen Bundes, danach von dem ganzen Katzenmusikorchester der gleichgeschalteten deutschen Presse (in einem Auflageartikel!) nur in Fetzen wiedergegebene – Brief ursprünglich gelautet haben möchte, bevor sie ihn zur Grundlage einer ‹Offenen Anfrage› machten? Aber über solche Fragen der journalistischen Rechtlichkeit scheint es eine Verständigung zwischen uns nun einmal nicht zu geben. Wie hätte es anders sein können, als daß die ‹Freitagszeitung› sich prompt in jene Reihe stellen mußte? […] Wenn ich Ihnen zuhöre, dann höre ich zwar aus dem Vordergrund Ihre scheinbar ganz sachlichen und ernsthaften theologischen Anfragen – aus dem Hintergrund aber unverkennbar (die sachlichen und formalen Übereinstimmungen sind ja wirklich nicht zu verkennen) die Stimme von Joseph Goebbels und seiner Myrmidonen. Unter dieser Voraussetzung mitzuspielen, dafür danke ich. Sie haben zu viel in dem modischen Anti-Liberalismus, Anti-Marxismus und vor Allem auch Anti-Semitismus gemacht, zuviel in offener und indirekter Verteidigung des Fascismus und speziell der deutschen Schande.» (Brief vom 28.10.1938)↩
82
Jg. 17, Nr. 44, S. 2 📖.↩
83
Er schrieb am 23.11.1938 an seinen Sohn Markus: «Das ist ja eben das Schlimme, daß alle die Stimmen, die das sagen, was jetzt allerdings gesagt werden muß, so seltsam krächzende Stimmen sind, während die breite Masse der Alten und Jungen, die an sich vernünftig reden könnten, nichts sagt bzw. wie die Engländer von allerlei Anderem redet.» – Von der «Schweizer Zeitung am Sonntag» übernahm die «Neue Basler Zeitung» den Text am 1.11.1938, wieder unter dem Überschriftszitat «Der Professor will es so haben».↩
84
S. den nächsten Offenen Brief.↩
85
Vgl. den Offenen Brief Barths nach Ungarn, Nr. 20.↩
86
Die Kirche und die politische Frage von heute, Zollikon 1939, Schw.St., S. 69–107 📖. Daraufhin wurde in Deutschland die Studienzeit deutscher Theologiestudenten an der Basler Universität nicht mehr anerkannt (Basler Nachrichten vom 31.1.1939, Times vom 4.2.1939).↩
87
a.a.O., S. 102 📖. ↩
88
«Daar werd allereerst duidelijk dat men in den zin van den Tsjechischen soldaat niet over het woordje ook mag heenlezen. De taak van den staat is niet om voor de Kerk te strijden maar om de orde te handhaven, ook met het zwaard. Wanneer dit hier echter zou gebeuren dan werden ook de belangen van de Kerk gediend en dan mochten de strijdende en lijdende soldaten best weten dat in hun kamp ook de hoogste belangen betrokken waren en dat hun overwinning ook die ten goede zou komen. Op de vraag waar dan die overheid is, die op internationaal terrein de orde te handhaven en het swaard niet tevergeefs te dragen heeft, werd geantwoord dat he woord ‹overheid› niet locaal genomen moet worden maar de beteekenis heeft van ordemacht tegenover elke ontstane wanorde, hier dus de Tsjechische regeering ondersteund door haar bondgenooten.» A. J. B. [Alexander J. Bronkhorst], Brieven uit Bazel, Barth en de politiek, een stukje contemporaine kerkgeschiedenis, Teil III (im KBA undatiert und ohne Angabe des Namens der Zeitung [wahrscheinlich handelt es sich um das «Doetinchemsch Weekblad»]; Teil I vom 17.12.1938; fehlt in Bibl. Barths).↩
89
W. Scherffig berichtet, er habe bei einem Besuch bei Barth «zahlreiche Briefe eingesehen» und «einige der Antwortbriefe» in vervielfältigter Form «bei der Rückfahrt über die Grenze» gebracht, «um sie weiterzuverbreiten» (W. Scherffig, Junge Theologen im ‹Dritten Reich›, Bd. 3, Neukirchen 1994, S. 113 📖).↩
90
So erhielt ihn auch Wilhelm Flender auf Sumatra, der am 23.12.1938 darum gebeten hatte. – U.a. kamen auch vom Headmaster der Leeds Modern School (16.11.) und aus Rio Grande do Sul in Brasilien (2.12.) Anfragen; auf diese reagierte Barth allerdings nicht.↩
91
Rohkrämer, Briefwechsel, S. 63 📖.↩
92
Rohkrämer, a.a.O., S. 64f. 📖 ↩
93
Rohkrämer, a.a.O., S. 70 📖. ↩
94
In den USA urteilte Paul Tillich: «Barth, the exponent of dialectical theology, has proved himself not to be sufficiently dialectical. In all the years before this crisis his ‹no› to the problem of culture and civilization was too unreserved, and in the hour of crisis his ‹yes› is too unreserved.» (Theology, März 1939, zitiert nach Zuschrift von J. O. Cobham und Ernst L. H. Gordon, Theology, Okt. 1939; vgl. auch P. Tillich, Ges. Werke, Bd. XII, Stuttgart 1971, S. 324–326 📖.). – Nachdem Barth im Frühjahr 1939 Dänemark besucht hatte, schrieb Dr. theol. Alfred Jörgensen am Anfang eines Artikels Omkring Karl Barth u. a. : «Er ist Kirchenpolitiker und als solcher ein gefährlicher Mann. Gefährlich, weil er einen engen Horizont hat. Er kennt die Verhältnisse nicht. Und wie alle, die einen engen Horizont haben, ist er einseitig, ja fast fanatisch einseitig. Sein Brief an Professor Hromádka in Prag ist in dieser Hinsicht bezeichnend.» (Praesteforeningensblad, Jg. 66, Nr. 21 v. 26.5.1939 📖; Übersetzung vom Verf. im KBA). – In der New York Times wurde am 13.6.1942 in einem Artikel von Henry Smith Leiper Churchmen Who Defy Hitler. VI: Karl Barth of Switzerland 📖 aus dem Brief zitiert. ↩
95
Schw.St., S. 13–57 resp. 58f. 📖 ↩
96
Siehe S. 140, Anm. 20.↩
97
Schw.St., Vorwort, S. 11 📖. ↩
98
Hromádka erinnerte am 3.11.1955 in einen Brief Lieber Bruder Karl Barth! daran, der als erster Beitrag in Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10. Mai 1956 abgedruckt wurde (Zollikon-Zürich 1956, S. 3–13 📖).– Barth bezeichnete später den wichtigen kritischen Brief, den er Hromádka am 18.12.1962 schrieb, als seinen «zweiten Hromádkabrief» (Text in: K. Barth, Briefe 1961-1968, hrsg. von J. Fangmeier und H. Stoevesandt [GA Abt. V], Zürich 1975, S. 113–116, Kommentar S. 149 📖; und in: Rohkrämer, a.a.O., S. 212–217. 232 📖).↩
99
Siehe Barths Offenen Brief an Wolf-Dieter Zimmermann vom Oktober 1950, den Barth als Sonderdruck mit dem Hromádka-Brief von 1938 versandte (K. Barth, Offene Briefe 1945-1968, S. 202–214 📖); dazu: D. Koch, Offene Briefe Karl Barths zum Ost-West-Konflikt, in: Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag, München 1979, S. 475–480 📖. ↩
100
Dazu s. R. J. Erler, Karl Barths ‹Hromádkabrief›. Seine Geschichte und sein politischer Mißbrauch, in: Neue Stimme, Jg. 1988, H. 9, S. 5–7 📖; ders., Zum 50. Jahrestag des ‹Hromádka-Briefes› von Karl Barth, in: Standpunkt. Evangelische Monatsschrift, Jg. 53 (1988), S. 243–245 📖. Texte in D. Koch, Christen, S. 168–174 📖. ↩
101
In beiden Fällen meinten die Befürworter von Aufrüstung gegen den Kommunismus, die Nationalsozialismus und Kommunismus grundsätzlich gleichsetzten, sich auf Barth stützen zu können. Barth selbst und seine Schüler lehnten diese Gleichsetzung entschieden ab, forderten Analyse der jeweiligen politischen Lage, stellten entscheidende Unterschiede zwischen 1938 und der Nachkriegszeit fest und bestritten deshalb die Berufung der Befürworter auf Barths Brief an Hromádka (vgl. nächsten Offenen Brief, Anm. 19).↩