Josef L. Hromádka (1889–1969), seit 1920 Prof. für Systematische Theologie an der 1919 gegründeten Hus-Fakultät in Prag, hatte sich seit den zwanziger Jahren für Barths Publikationen interessiert, ihn 1935 in Bonn aufgesucht und ihn zu einer Pfarrkonferenz nach Myslibořice/Mähren eingeladen, wo Barth im Herbst 1935 einen Vortrag hielt.1 Seitdem standen die beiden Theologen in lockerem Briefwechsel.2
Am 21.3.1938 bedankte sich Hromádka bei Barth für die Zusendung seines Vortrags über den deutschen Kirchenkampf3 und fügte hinzu:
In dieser schrecklichen Zeit der drohenden Gefahr sind wir dankbar für jedes Zeichen der Freundschaft, das uns vom Auslande zukommt. Wir setzen unsere Christus-Botschaft fort, als ob nichts geschehen wäre (– erinnern Sie sich an diese Worte vom Juni/Juli 1933?)4, als Bürger dieses Staates sind wir jedoch bereit, uns mit allen Kräften zu wehren gegen die schauderhafte und gewaltsame Macht der Blutsmystik und der neuerwachten germanischen Herrschaftsgelüste. Unsere Lage ist nicht beneidenswert, wir befinden uns doch wie in einer Zange, aber die Stimmung in unserem Lande ist einmütig: von dem Staatspräsidenten5 angefangen bis zu der einfachsten Frau am Markte herrscht eine einzige Stimme: Lieber Tod als Sklaverei, lieber vernichtende Kämpfe als Verlust der Freiheit, des Rechts und der Selbstbestimmung.
Eines wissen wir allerdings ganz klar: die Kirche Jesu Christi weder steht noch fällt mit uns und mit unserer Freiheit oder mit unserer |108 Zivilisation. Und dieses Wissen verheißt uns denjenigen Frieden, der höher denn unsere Vernunft6 ist.
Hromádka nahm damit Bezug auf die politische Situation, die sich für die Tschechoslowakei seit der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich am 12.3.1938 verschlimmert hatte. Die Sudetendeutsche Partei, die über 2/3 der deutschen Bevölkerung vertrat, stellte weitgehende Forderungen an die Regierung der Tschechoslowakei.7 Hitlers Strategie in seinen Anweisungen an den Parteiführer Konrad Henlein ging dahin, bei Entgegenkommen der Regierung stets weitere, unerfüllbare Forderungen nachzuschieben und damit einen Ausgleich zu verhindern.8 Am 30. Mai gab Hitler in der Studie «Grün» seinen «unabänderlichen Entschluß» bekannt, «die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen.»9
Im Juli 1938 wurde Barths Freund und früherer Kollege in Bonn, Prof. Fritz Lieb, in die Tschechoslowakei zu einer Konferenz des Akademischen Christlichen Vereins Junger Männer nach Obřistvi bei Mělnik über das Thema «Der Auftrag der freien Tschechoslowakei» eingeladen. In einem öffentlichen Vortrag am 10.7. in Libiš über «Die Botschaft der Schweiz an die Tschechoslowakei» appellierte er an Christen und Demokraten, sich für den Rechtsstaat und gegen einen Staat nach Offenbarung 13, den totalen Staat, einzusetzen. Der Nationalsozialismus sei der gefährlichste Gegner des Rechtsstaates, und an der tschechischen Grenze werde auch um die Freiheit der Schweiz gekämpft. «Diesem Kampf dürfen wir nicht ausweichen – um des Evangeliums und seiner Verheißung willen. Es geht hier nicht um unser persönliches Seelenheil.» Er beendete seine Rede: «Ich kann hier nur mit einem Worte schließen, das mir Prof. Karl Barth aus Basel als Gruß an das tschechoslowakische Volk mitgegeben hat: ‹résistez, résistez, résistez!10- nazdar!›11» «Das Echo der tschechoslowakischen Jugend lautete einmütig und überwältigend: nous résistérons.»12
109Am 11.9.1938 ging Hromádka in einem Brief an Barth auf die Lage ein:13
Sehr geehrter, lieber Herr College, die Nachricht von dem Ableben Ihrer lieben Mutter14 ist mir [eine] schöne Gelegenheit, meine Sympathien Ihnen und Ihrer Familie gegenüber auszusprechen […]
Nachträglich danke ich Ihnen auch für Ihre uns durch Fritz Lieb überbrachte Botschaft (résistez) zu der Studentenkonferenz Anfang Juli. Wir stehen heute inmitten der schicksalschwersten Augenblicke und wissen nicht, was morgen oder übermorgen kommt. Das ganze Volk ist jedoch entschlossen, sich zu wehren, obwohl alle gut wissen, daß der Krieg eine unvorstellbare Katastrophe gerade uns bringen wird. In einer solchen Zeit sind wir dankbar für jedes Wort der Sympathie und Ermutigung. Immer noch hoffen wir, den Krieg abzuwenden, aber wir rechnen mit allen Eventualitäten.
Gott der Herr beschütze uns und das Recht und die Freiheit des unglücklichen Europa!
Unmittelbar danach spitzte sich die politische Krise zu. Hitler hielt am 12.9. auf dem Reichsparteitag in Nürnberg eine scharfe Rede, forderte die Abtretung aller Gebiete deutscher Bevölkerung an Deutschland und drohte mit Deutschlands Militärmacht. Die deutsche Presse wurde angewiesen, in immer neuen Meldungen Greueltaten der Tschechen anzuprangern.15 Der britische Premierminister Chamber|110lain flog am 15.9. nach Berchtesgaden zu einem Gespräch mit Hitler und zeigte sich geneigt, ihm die territoriale Loslösung der Sudetengebiete von der Tschechoslowakei zuzugestehen. Dieses Entgegenkommen, das einen Krieg verhindern sollte, kam jedoch Hitler ungelegen. Das Propagandaministerium wies die Presse zu immer drohenderer Schreibweise an; am 17.9. wurde als Gesamttendenz vorgeschrieben: «Dieser Staat ist eine Schande in Europa. Er muß von der Bildfläche weg, erst dann wird Frieden sein. Dieser letzte Rest der Tschechei muß liquidiert werden.»16 Die Zeitungen kamen der Weisung am 18./19.9. in derart scharfen Artikeln nach, daß Hitler am 19.9. der Presse ein Lob aussprach.17
In der öffentlichen Meinung des Auslands wurde die deutsche Propaganda «fast durchweg als unglaubwürdig erachtet und abgelehnt.»18 Die National-Zeitung, Basel, stellte in ihrem Morgenblatt am 19.9.1938 einen Bericht aus Berlin unter die Überschrift «Die Berliner Presse fordert einstimmig das vollständige Verschwinden der Tschechoslowakei»19, hob die «eisklare Logik» der Initiativen Hitlers heraus und analysierte: «Die öffentliche Meinung der Welt soll allem Anschein nach mit allen Mitteln auf eine militärische Intervention vorbereitet werden. «In ihrem umfangreichen Hauptartikel führte die Zeitung unter der Schlagzeile «Akzeptieren England und Frankreich Hitlers Forderungen?» aus, «daß sich die Entwicklung eindeutig in der |111 Akzeptierung der deutschen Forderungen bewegt».20 Sie gab damit die Tendenz der Besprechungen in den westlichen Kabinetten zutreffend wieder.21
In dieser Situation entschloß sich Barth, der sich gerade auf dem Bergli bei Zürich aufhielt, am Mittag des 19.9.1938 dazu, an Hromádka zu schreiben. Er fügte dem maschinengeschriebenen Brief nachträglich am Rande einen (ebenfalls maschinenschriftlichen) Zusatz bei, der Hromádka zur Veröffentlichung ermutigte und Barths Dissens zur Position der Westmächte betonte. Diese gaben am gleichen Tage um 15 Uhr der Tschechoslowakei in Noten das Ergebnis ihrer Londoner Konferenz, ihre Zustimmung zu Gebietsabtretungen, bekannt.22
Hromádka gab Barths Brief an die deutschsprachige «Prager Presse» weiter, die sich scharf gegen den Nationalsozialismus gestellt hatte.23 Sie druckte am 25.9. Teile des Briefes ab.24 Die Zeitung stellte den |112
|113 Text unter ein selbst gewähltes Zitat «Die ihr Gottes Streiter seid …»25, schrieb im Untertitel: «Karl Barth: ‹Mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt die Freiheit Europas›» und erklärte im Vorspann: «Prag, 24. September. Karl Barth, der große Theologe, hat an Prof. J. L. Hromádka von der Evangelischen theologischen Hus-Fakultät in Prag ein Schreiben gerichtet, das uns vom Empfänger im Einverständnis mit dem Schreiber zur Verfügung gestellt worden ist und aus dem wir die nachstehenden Sätze abdrucken.»
Im folgenden wird zunächst der berühmt gewordene «Hromádka-Brief» im Wortlaut wiedergegeben. Dann wird über die Wirkungsgeschichte berichtet.
116In einem unmittelbar nach dem Brief an Hromádka am 19.9.1938 geschriebenen Briefe an Heinrich Vogel gab Barth einen Situationsbericht:
Es sieht wieder einmal heillos finster aus in diesem irdischen Jammertal. Ob ihr dort auch so besorgt vor den Zeitungen und am Radio sitzt angesichts des ungeheuren, in diesen Tagen sich offenbar vollendenden Vormarsches der teufelsschlauen Brutalität von heute gegen das böse Gewissen und die Schwachheit der «Gerechtigkeit» von gestern? Ob ihr euch auch darüber im Klaren seid, daß zwischen einem neuen Krieg mit 10 Millionen Toten und einem Frieden der schwärzesten Lüge keine Wahl mehr zu bestehen scheint? Ob Du es verstehen würdest, was ich eben einem Freunde nach Prag geschrieben: daß jetzt jeder tschechische Soldat nicht [fehlt: nur] für die Freiheit Europas, sondern auch für die christliche Kirche stehen und fallen wird, weil diese unter H. und M.38 nur noch zwischen Lächerlichkeit und Ausrottung zu wählen haben kann? Was für Zeiten! Aber auch damit ist ja stark zu rechnen, daß ihr durch eure Zeitungen so unterrichtet seid, daß du das Alles nur mit Kopfschütteln lesen kannst, weil eure Blicke und Gedanken auf diesem ganzen Feld längst schon ganz mechanisch in eine andere Richtung laufen. Daß soviel Blendwerk möglich und wirklich sein kann!
Als Barths Brief in Prag veröffentlicht wurde, war die Preisgabe der Tschechoslowakei besiegelt. Am 22.9. war Chamberlain nach Godesberg gekommen und hatte Hitler das englisch-französische Zugeständnis gemacht, daß die Sudetendeutschen das Recht auf nationale Selbstbestimmung erhalten sollten. Hitler forderte nun aber den sofortigen Einmarsch der deutschen Wehrmacht und Abstimmung in einem noch näher zu umreißenden Gebiet.
In dieser Situation antwortete Hromádka am 25.9. auf Barths Brief:
Mein lieber College, Ihr Brief hat uns allen eine ungeheuere Stärkung gebracht. Indem wir die gräßliche gegen uns gerichtete Propaganda anhören, so verlieren wir ab und zu Vertrauen, daß unsere Freunde uns treu bleiben können. Ihr Brief zerstreut alle unsere Zwei|117fel. Die Vorgänge der letzten Woche haben beinahe unser Herz gebrochen – nicht wegen der deutschen Gebiete unseres Staates, sondern wegen der unglaublichen Handlung unserer westeuropäischen Freunde. Und doch sind wir entschlossen, die äußersten Opfer für unsere Freiheit gegen die höllische Tyrannei zu bringen. Ich wünsche, Sie hätten mit uns während der Mobilisation sein können. Ich kann kaum passende Worte finden, um den Geist des Volkes zu beschreiben.
Ihren Brief habe ich heute in einer Rundfunkrede zitiert, und einige Auszüge aus ihm sind in der heutigen ‹Prager Presse› abgedruckt.
Nochmals danke ich Ihnen im Namen meiner Freunde und meines Landes, für welches Sie so freundliche und innerlich gewaltige Worte gefunden haben. Die Zukunft wird zeigen, welchen Dienst Sie uns damit erwiesen haben!
Gott der Herr beschütze Sie und Ihre Familie!
Ihr ergebener J. L. Hromádka39
Vier Tage später gaben Chamberlain und Daladier auf der Konferenz in München den letzten deutschen Forderungen nach.40 Sehr viele Menschen in Europa feierten die Erhaltung des Friedens; Kirchenglocken wurden geläutet. Barth kommentierte das Geschehen in einer Eintragung in seinem Kalender: «Katastrophe der europäischen Freiheit in München.» Anfang Oktober wurde das Sudetengebiet – ohne Volksabstimmung – dem deutschen Reich einverleibt.
In der Tschechoslowakei fand Barths Brief an Hromádka positive Resonanz41; Anfang 1939 wurde der vollständige Brief in tschechischer Übersetzung veröffentlicht.42 Er blieb in den folgenden Jahren eine Stütze für den inneren Widerstand.
118Im westlichen Europa begann erst im Oktober 1938 die Geschichte der Publikation des Briefes.
Eine Schweizer Übersetzung des Textes ins Französische blieb anscheinend ohne weitere Auswirkung.43 Anders die Prager Fassung des Briefes: Sie wurde ins Holländische übersetzt, erschien am 7.10.1938 in der Zeitung «De Nederlander», einem konservativen christlichen Blatt, und am gleichen Tage in «Woord en Geest», einem Wochenblatt der Gereformeerten Kirche44, wurde daraus nachgedruckt45 und führte zu zwei Anfragen von Niederländern an Barth, die dieser mit Offenen Briefen beantwortete (s. Barths Offene Briefe an A. Tromp-de Jong und an J. G. Derksen, Nr. 18 und 19).
Aus dem Holländischen wurde der Prager Text ins Deutsche rückübersetzt und am 12.10.1938 in der «Deutsch-Evangelischen Korrespondenz (dek)», einem Organ des Evangelischen Bundes, veröffentlicht und mit einem scharfen Kommentar versehen.46 Acht Tage später entfachte das Propagandaministerium eine Pressekampagne gegen Barth. Am 20.10.1938 gab das deutsche Nachrichtenbüro (dnb) einen Artikel an die Presse, der am nächsten Tag in den deutschen Zeitungen unter verschiedenen Titeln, aber in fast gleichlautendem Wortlaut erschien.47 Darin wurden fünf Sätze aus seinem Brief und das Urteil der dek zitiert, wurde Barth scharf angegriffen und das Verdikt ausgesprochen, daß Sympathisanten Barths «Verrat an der christlichen Wahrheit, an der reformatorischen Glaubenshaltung und am deutschen Volkstum begehen!»
Barths Brief führte in Deutschland zu zahlreichen längeren und kürzeren, aber allesamt negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit – zunächst ohne daß der Wortlaut dort überhaupt bekannt war. Die Theologische Fakultät der Universität Gießen verbannte die Bücher Barths aus ihrer Bibliothek.48 Waldemar Lorenz, Superintendent in |119 Bunzlau/Schlesien, veröffentlichte in der deutschchristlichen Zeitschrift «Positives Christentum» einen «Offenen Brief an die Pfarrer und Theologieprofessoren der ‹Bekennenden Kirche›» unter dem Titel: «Öffentliche Lossage von Prof. Barth erforderlich».49 Ernst Barnikol, Kirchengeschichtler in Halle, schrieb in der Zeitschrift «Evangelium und Deutschtum» einen Artikel «Barth als antideutscher Papst im Raum seiner Kirche».50
Der Rat der Lutherischen Kirche Deutschlands und die Vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche erbaten von Barth den Wortlaut seines Briefes.51 Der Rat der Lutherischen Kirche befaßte sich in seiner Sitzung am 27.10. damit und gab eine scharf ablehnende Stellungnahme heraus, die in verschiedenen Landeskirchen verbreitet wurde.52
Der VKL schrieb Barth am 15.10. in einem Begleitbrief einige grundsätzliche Bemerkungen, die sich (außer auf «Rechtfertigung und Recht») auch auf den Brief an Hromádka bezogen53:
120In der öffentlichen Vertretung der Erkenntnisse und des Bekenntnisses, in denen ich mich mit der Bekennenden Kirche in Deutschland einig weiß, muß ich mir die Freiheit vorbehalten, mich bei aller Berücksichtigung der taktischen Lage der Bekennenden Kirche in Deutschland in der besonderen Weise zu äußern, die sich daraus ergibt,
- 1) daß ich dabei nach wie vor meine eigene theologische Verantwortung zu wahren habe
- 2) daß ich dabei außer der Bekennenden Kirche in Deutschland beständig auch die evangelischen Kirchen anderer Länder im Auge haben muß
- 3) daß ich dabei vielfach von einem Überblick über Tatbestände und Verhältnisse ausgehe, der in Deutschland selbst nur teilweise möglich sein dürfte.
Trotzdem stieß Barths Brief an Hromádka auch in der Vorläufigen Kirchenleitung der Bekennenden Kirche auf negative Reaktion; sie lehnte ihn am 28.10. entschieden ab.54 Lediglich unter den Bruderräten gab es einige, die für Barths Position Verständnis zeigten.55 Aber auch von Menschen, die sich der Bekennenden Kirche zurechneten, erhielt Barth viel Widerspruch.56 Martin Rade stieß sich vor allem |121 daran, daß Barth die Erlaubnis zum Abdruck gegeben hatte.57 Erst recht setzten sich seine Gegner von ihm ab. So fand der Herausgeber der «Theologischen Blätter», H. Strathmann, scharfe Worte, auf die Barth seinerseits mit einem scharfen Brief reagierte.58 Und ein thüringischer Lutheraner59 sah sich ebenso wie ein bayerischer Reformier|122ter60 veranlaßt, sich bedingungslos zu Adolf Hitler zu bekennen. Im «nationalkirchlichen Sonntagsblatt» «Der Deutsche Christ» wurde gefragt, ob Barth «ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher» sei.61
In der Schweiz verurteilte der Theologe J. M. Rilliet Barths Brief als «schwere Abirrung», weil er «in unzulässiger Weise Zeitliches und Ewiges» durcheinanderwerfe.62 Mit Rilliet setzten sich O. Moppert und M. Ludi im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz auseinander.63 Heftig wurde Barth von den Religiös-Sozialen angegriffen, die sich durch seinen kritischen Satz im Brief an Hromádka zu Unrecht angegriffen sahen. Leonhard Ragaz und sein Schüler, Pfarrer Max Gerber, Redakteur der Zeitung «Der Aufbau», wiesen Barth nach, daß die Religiös-Sozialen früher als Barth vor der politischen Gefahr gewarnt hätten, die durch Hitler drohte.64 Selbst Barths Freund Arthur Frey meldete Bedenken gegen Barths Sicht der Dinge an.65
123Barth präzisierte derweil seine Position im Sinne des Briefes an Hromádka. Als er aus England um ein Vorwort zu einem Votrag, den er dort im März über «Not und Verheißung im deutschen Kirchenkampf» gehalten hatte, gebeten wurde, schloß er dieses am 10.10. mit einem derart deutliche Absatz66, daß die Übersetzerin Bedenken gegen den Abdruck anmeldete.67 In Privatbriefen gab Barth ausführliche Auskunft über seine Position68, besonders in einem Brief vom 12.10.1938 an seinen Freund Pierre Maury in Paris:
Ich bin überaus froh, daß wir über die Weltereignisse, die seither vorgefallen sind, so im Einverständnis sind. Die Sache hat mich über die Maßen beschäftigt und aufgeregt. Nach der Entscheidung von München habe ich eine Nacht kaum schlafen können und bin dann noch einen Tag lang in einer Verfassung herumgelaufen, daß es für Menschen und Tiere nicht angenehm war, mir zu begegnen.69 Auch |124 ich bin der bestimmten Ansicht, daß Deutschland es nicht zum Kriege hätte kommen lassen, wenn man ihm widerstanden hätte. Man war, wie ich aus immer neuen Quellen erfahre, nicht darauf gerüstet, sondern hat tatsächlich nur geblufft. Irgend einmal aber wird der Krieg doch kommen, nur daß dann Alles viel schwieriger sein wird, als es jetzt gewesen wäre. Der Pazifismus der Nachkriegszeit hat jetzt schlimmste Folgen gezeitigt.70
Barth legte zwei Schriftstücke bei71 und fuhr fort:
Lollo von Kirschbaum fragt mich etwas ängstlich, ob ich eigentlich in ein prophetisches Stadium eingetreten sei, und findet, ich sei zur Zeit damit beschäftigt, «Gott und die Welt anzuprosten» (boire à la santé de …!)
Aber da hilft nun nichts! Ich habe es mir oft genug zum Vorwurf gemacht, daß ich in Deutschland zwischen 1921 und 1933 zu Allem, was ich um mich her geschehen sah auf politischem Gebiet, geschwiegen habe, um nur ja jede Verwechslung zwischen dem Reiche Gottes und irgend einer politischen Ideologie zu verhüten. Vielleicht |125 war dieser Puritanismus damals nötig oder doch entschuldbar. Heute geht das so nicht mehr. Heute ist der totale Staat nicht als Idee, sondern als praktische Macht auf dem Plane, und wie man zu dieser Sache – laut oder leise – etwas Anderes als eben Nein sagen können soll, das kann ich nicht einsehen. Ich weiß nicht, in welcher Fassung du meinen Brief an Hromádka gesehen hast. Schon die «Prager Presse» brachte ihn mit gewissen, nicht unwichtigen Abkürzungen und unter einem Titel, der nicht von mir stammt. In Paris ist er vielleicht noch weiter verändert worden. Von einer absence totale de réserve hätte man bei meinem eigenen Text nicht gut reden können. Immerhin: daß jeder Sieg Hitlers direkt auch eine Niederlage der Kirche bedeutet und daß der Widerstand gegen Hitler direkt auch um der Kirchen willen notwendig wäre, das ist allerdings meine Meinung, und wer mir da ernstlich widersprechen wollte, der müßte beweisen, daß der Gegensatz zwischen dem Hitlersystem und dem ersten Gebot so klar und vollständig nicht ist, wie ich ihn zu sehen meine.72 Du weißt, daß ich einen gründlicheren und radikaleren Widerstand gegen dieses System kenne und vertrete als den, der von den Demokratien auch im besten Fall geleistet werden könnte. Aber darum ist das, was die Demokratien in dieser Sache leisten könnten und nach ihrem eigenen Programm leisten müßten, doch nicht gleichgiltig. Und es kann die Kirche dem, was die Demokratie in dieser Sache tut oder nicht tut, nicht unverantwortlich und also auch nicht schweigend gegenüber stehen, als ob sie den totalen Staat neutral für eine Möglichkeit neben anderen hielte. Die bekennende Kirche in Deutschland hat sich das leider nicht klar gemacht und muß nun schwer genug dafür büßen. Wir aber, die wir noch reden können, müssen es auch tun, und wenn insbesondere ich selber nun einmal eine Stimme habe, die weithin gehört wird, so sehe |126 ich nicht ein, wie ich schweigen dürfte in einem Augenblick, wo so sehr Alles auf dem Spiele steht. Habe ich immer vertreten, daß alle menschlichen Entscheidungen dem göttlichen Urteil und der göttlichen Revision unterliegen, so habe ich doch nie vertreten, daß es deshalb menschliche Entscheidungen gar nicht geben dürfe oder daß wenigstens wir Theologen solchen Entscheidungen möglichst auszuweichen oder sie möglichst zu verheimlichen hätten.
Mitte Oktober, als der Brief an Hromádka in der verkürzten Fassung in Deutschland bekannt wurde, entschloß sich Barth, den vollständigen Wortlaut des Briefes an die Öffentlichkeit zu geben.73 Noch ehe das geschehen war, bekam Barths Verlag, die Ev. Buchhandlung Zollikon, aus Deutschland den Bescheid, daß die Einfuhr der Bücher von Karl Barth verboten sei; begründet wurde das damit, daß Barth eine deutschfeindliche Haltung betätige.74 Der Brief an Hromádka wurde am 27.10.1938 im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz unter der Überschrift «Karl Barth zur tschechischen Frage»75 abgedruckt. Zur Begründung führte die Redaktion aus, der Brief sei in Prag «auszugsweise veröffentlicht» worden und habe «seinen Weg auch nach Deutschland gemacht, wo der Evangelische Bund die Bruchstücke unter dem Titel ‹Karl Barth als Kriegshetzer› wiedergab. |127 Mit als Folge davon ist seither der Verkauf sämtlicher Bücher Barths in Deutschland verboten worden. Darum liegt dem Briefschreiber daran, daß der Brief, nachdem er schon in die Öffentlichkeit gedrungen ist, hier vollständig wiedergegeben wird.» Diese vollständige Fassung wurde ins Französische76 und Holländische übersetzt und in mehreren Zeitungen veröffentlicht.77
Einen Tag später gab die «Freitagszeitung für das reformierte Schweizervolk», das Organ der «Jungreformierten», Barths Brief in einer neuen Rückübersetzung ins Deutsche samt einer kritischen «Offenen Anfrage» der Pfarrer Rudolf Grob78 und H. von der Crone79 wieder.80 Barth beklagte sich bitter, daß die Zeitung sich nicht bei ihm nach dem Wortlaut erkundigt hatte81, und sandte ihr den Wort|128laut, zusammen mit seinen Briefen nach Holland. Am 4.11.1938 wurde der Brief an Hromádka und die beiden Briefe nach Holland dann auch in der Freitagszeitung vollständig abgedruckt, unter dem Titel «Antwort von Prof. Dr. theol. Karl Barth» und mit einem Kommentar der beiden Kritiker versehen.82 Die rechtsstehende «Neue Basler Zeitung» druckte einen heftigen Artikel gegen Barth, der ihr «von kirchlicher Seite Basels zugesandt» worden war, am 31.10.1938 ab: «Der Herr Professor will es so haben! ‹Krieg notwendig!›» Hingegen ging die von Fritz Lieb neu gegründete «Schweizer Zeitung am Sonntag» für Barth in die Offensive und setzte den vollständigen Wortlaut am 30.10.1938 provozierend unter den aus Deutschland bekannten Titel «Karl Barth als Kriegshetzer» – eine Tonart, die Barth auch nicht erfreute.83
In ironischer Form faßte Barth in seinem ersten Brief nach Edinburgh an seinen Sohn Markus am 23.11.1938 seine Erfahrungen mit dem Brief an Hromádka im Rückblick zusammen:
Die letzten Wochen waren für uns heftig bewegt oder doch mitbewegt durch den als ganz neue Figur auf das Feld getretenen «tschechischen Soldaten» und seinen Kampf für die Kirche Jesu Christi. In allen möglichen Variationen ist dieser ja leider nur in der Potentialität existierende Zeitgenosse in Briefen, Zeitungen und Druckwerken je|129des Kalibers bei uns aufgetreten. Unzählige konnten und wollten zunächst durchaus nichts von ihm wissen […]. Die unselige VKL in Berlin hat mich in der ihr noch beschiedenen Öffentlichkeit in den kleinen Bann getan, um vom LuRa [Lutherrat] und vom Bischof Wurm nicht zu reden. In der Grob’schen Freitagszeitung wurde ich als Volksfrontmann angeprangert und im rel. soz. «Aufbau» vom selben Tage bezichtigt, daß ich es heimlich und im Grunde doch mit Adolf hielte! Es gab und gibt in Deutschland großartige Exegesen jenes Briefes, wobei die Gelehrten nicht einig sind darüber, ob er wegen des Wortes «für» zu verwerfen (Gollwitzer!) oder wegen des Wortes «auch» zu akzeptieren sei ([Ernst] Wolf). In Holland riefen die Neo-Calvinisten: Da hat man’s!84 und die Ungarn gerieten geradezu ins Rasen, weil sie sich nachträglich auch für betroffen hielten.85 Überall da, wo ein bischen Grips vorhanden ist, beginnt man sich jetzt nicht nur zu beruhigen, sondern mehr oder weniger bestimmt zuzustimmen. Aber die Zumutung war diesmal offenbar besonders groß. Und so muß ich nun am 5. Dezember in Zürich vor der Generalversammlung des Schweizerischen Hilfswerks für die BK einen großen Vortrag halten: «Die Kirche und die politische Frage der Gegenwart», in dem die explicatio von «Rechtfertigung und Recht» zu wiederholen und die dort schon gegebene applicatio unter besonderer Berücksichtigung des Friedens von München zu unterstreichen sein wird.
Barth nahm in Zürich-Wipkingen die Gelegenheit zu einer umfassenden Darlegung seiner Position wahr86 und verteidigte abermals seinen Brief an Hromádka87:
Und wenn es niemand sonst sagte, dann müßte es gerade die Kirche sagen […]: daß es grundsätzlich nötig ist, daß diese Verteidigung stattfinde. Hier wäre nun der schon fast sagenhaft gewordenen Gestalt des «tschechischen Soldaten» zu gedenken, dem ich es im September dieses Jahres zutraute und zuschrieb, daß er, wenn es soweit |130 kommen sollte, nicht nur für die europäische Freiheit, sondern auch für die Kirche Jesu Christi streiten und leiden würde. Ich stehe noch heute zu diesem materiell allerdings gegenstandslos gewordenen Satze. Die Kirche kann nicht das Schwert, sie kann keine Kreuzzüge führen. Wie sollte sie schon? Die Kirche ist aber in allen ihren Gliedern solidarisch mit dem Staat, der sich als rechter, als noch nicht an die Anarchie oder Tyrannei verlorener Staat gegen die grundsätzliche Auflösung des rechten Staates zur Wehr setzt.
An einem seiner «Offenen Abende», am 13.12., gab Barth den Studenten Gelegenheit, den Text des Briefes an Hromádka zu diskutieren. Ein holländischer Teilnehmer, Alexander J. Bronkhorst, hatte zu referieren und berichtete anschließend nach Hause, daß und wie dabei die Sätze interpretiert wurden.88 Barth unterstützte die Verbreitung des Originaltexts, gab ihn Gästen aus Deutschland mit89 oder verschickte ihn auf Anforderung.90
131Hromádka selbst kam noch mehrfach auf Barths Brief zurück, so am 8.2.1939: «Nur eines möchte ich wissen: ob Sie mich nicht vorwurfsvoll in Ihrem Herzen dafür verantwortlich machen, daß ich Ihnen durch die Veröffentlichung des bekannten Briefes so große Schwierigkeiten allerorts gemacht habe? Ihre Worte brachten uns tiefen Trost und geistige Stärkung, und ich konnte nicht umhin, ihn drucken zu lassen. (Nur für die Kürzung desselben bin ich nicht verantwortlich.)»91 Barth machte ihm deutlich, wie er im Abstand von Monaten über den Brief dachte92:
Nein, Sie haben nicht das Geringste zu befürchten hinsichtlich eines Vorwurfs, den ich gegen Sie auf dem Herzen haben könnte. Ich habe Ihnen ja damals geschrieben, daß Sie mit dem Briefe verfahren könnten, wie es Ihnen gut scheine. Und was inhaltlich in dem Briefe stand bis und mit dem unterdessen so berühmt gewordenen «tschechischen Soldaten», der für die Kirche Jesu Christi streitet, das war so unüberlegt nicht, wie Einige, die mich entschuldigen wollten, gemeint haben, sondern das mußte damals so gesagt werden und wird in anderer Abwandlung wieder gesagt werden müssen. Ich konnte mich also wirklich nicht beklagen und ich habe mich auch nicht beklagt, als dieser Brief und besonders jener Satz auf einmal durch ganz Europa lief und mir einen ganzen Sturm von Protesten, Klagen und auch von aufrichtigen Fragen zutrug. Ich bin sogar froh darüber gewesen, weil mir das Anlaß gab, dasselbe, was ich ja kurz vorher in der Schrift «Rechtfertigung und Recht» in Form von einigen Exegesen grundsätzlich gesagt hatte, nun an einem sehr extremen Beispiel zu wiederholen und zu erläutern. Ich glaube, daß die Sache – es sah einen Augenblick so aus, als ob sich nun alle braven Leute kopfschüttelnd von mir zurückziehen wollten – schließlich geradezu heilsam gewirkt hat, indem sehr Viele (auch in Deutschland!) bei diesem Anlaß in die Lage kamen, gewisse letzte Relikte von Inkonsequenz dem Nat.Soz. gegenüber auch noch fallen zu lassen. Andere sind freilich in eine große Angst versunken, aus der sie sich bis heute noch nicht erholt haben. Aber irgend einmal werden sie sich auch erholen.
132Als nach der Besetzung der «Rest-Tschechei» am 15.3.1939 Hromádka emigrierte und durch die Schweiz kam, schrieb ihm Barth: «Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, mit welchen Gedanken ich den 15. März mit Ihnen erlebt habe. Und wenn ich an den letzten Herbst denke und an den so berüchtigt gewordenen Brief, den ich Ihnen damals schrieb, so wollte ich jetzt wohl, daß ich noch viel schärfer und deutlicher geredet hätte.»93
Der Brief Barths blieb im öffentlichen Bewußtsein.94 Barth druckte ihn im Sommer 1945 in seinem Sammelband «Eine Schweizer Stimme» an zweiter Stelle nach «Rechtfertigung und Recht» ab95, weil «der berüchtigte Brief nach Prag, mit dem das Buch sonst hätte beginnen müssen, einen allzu abrupten Anfang gebildet hätte.» «Die Abhandlung, ‹Rechtfertigung und Recht›96 durfte nicht fehlen, weil sie besonders den theologischen Lesern die theologischen Voraussetzungen des ganzen übersichtlich machen kann.»97
Nach dem Zweiten Weltkriege kamen Barth und Hromádka noch mehrfach auf ihn zurück.98 Auch spielte er in der Bundesrepublik |133 Deutschland in der Auseinandersetzung um Barth und um Aufrüstung 195099 und um die sogenannte «Nachrüstung» 1983100 eine Rolle.101