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An die Studenten der reformierten Theologie in Budapest

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An die Studenten der reformierten Theologie in Budapest

1938

Das Vorgehen Hitlers gegen die Tschechoslowakei im Herbst 1938 wurde besonders in Ungarn mit Leidenschaft verfolgt, weil Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg 1920 im Vertrag von Trianon ungarisch besiedelte Gebiete an das Nachbarland hatte abtreten müssen. Deutschland machte sich die ungarischen Revisionswünsche zunutze und ermutigte Regierung und Presse der Ungarn, die Tschechoslowakei wegen Unterdrückung ihrer Volksgenossen anzuprangern und sich seinem Vorgehen gegen Prag anzuschließen. In Verhandlungen benutzte Hitler die ungarischen (wie entsprechende polnische) Forderungen als Mittel dazu, friedliche Lösungsvorschläge als überholt zu bezeichnen und damit militärische Aktionen vorzubereiten. Ungarn gehörte Ende September 1938 zu den wenigen Ländern, deren Presse nur positiv auf Deutschland reagierte.1

Barths Brief an Hromádka (siehe Offenen Brief Nr. 17) wurde dadurch in Ungarn bekannt, daß Hromádka selbst die gekürzte Wiedergabe in der «Prager Presse» an ungarische Kollegen wie Béla Vasady sandte und daß die holländische Übersetzung eben dieser Prager Kurzfassung2 alsbald auch in Ungarn verbreitet und kommentiert3 wurde.

Die Folge waren Protestschreiben von lutherischer und reformierter Seite an Barth. Der Lutheraner Józef Szabo, der Herausgeber der Ungarischen Lutherischen Kirchenzeitung, kommentierte den Satz vom tschechischen Soldaten so4: «A real blasphemia! If Karl Barth is blind in political things, it doesn’t matter very much, but if Karl Barth mixes and entangles political affairs with the holy Church of Christ, it is really a terrible and harmful thing.

148Church of Christ and Csechoslovakia!! Csechoslovakia was full of Moskva, opressed with cruel force her minorities, and you equalled her with the Church of Christ. Your hate against Hitler will not autorise you to write something like that. We feel ashamed ourselves for you before our Roman Catholic brethren. What shall I answer to my readers?!» Barth reagierte mit der Zusendung von Schriften und einigen mahnenden Zeilen.5 Der Pastor der Deutsch-Ev.-Ref. Gemeinde, Lic. Uhl, urteilte: «Für den Inhalt Ihres Briefes finde ich keine Worte, denn Worte wären hier zur Verurteilung Ihres Standpunktes viel zu schwach.»6

Von ungarisch-reformierter Seite erhielt Barth einen langen Protestbrief vom 24.10.1938 von Prof. Béla Vasady aus Debrecen, der 1936 während seiner Ungarnreise sein Übersetzer gewesen war; darin strich er sich folgende Stellen an: «Karl Barth, der Theologe, hat die Tschechen zum Kriege gehetzt in einer Sache, deren unblutige Erledigung den Politikern gelungen ist. […] Hitler hat nur die deutschgewohnten7 Gebiete beansprucht. Von einem Freiheitskampf der Tschechen gegen die Deutschen zu sprechen, entbehrt also jeder wahren Grundlage. […] [Nach dem Verweis auf Unrecht, das Tschechen an Ungarn begangen hätten:] So sind nun die Söhne der Hussiten, die Sie in der zweiten Hälfte Septembers noch zum Kampfe aufgefordert haben! […] Von Rechts wegen könnten wir unsere tausendjährigen Grenzen zurückfordern, wir bleiben vor dem Angesichte Gottes stehend innerhalb der ethnographischen Grenzen und verlangen nur die sofortige Übergabe der überwiegend ungarischen Gebiete. […] Ihr Brief an Hromádka ist ein schlagender Beweis dafür, daß Sie der falschen Propaganda der tschechischen Demokratie, (die heute vielleicht schon eher Nationalsozialismus zu nennen ist, weil die Interessen es so verlangen) anheimgefallen sind.»

Zwei Tage später richteten aus Budapest reformierte Theologiestudenten an Barth eine bittere Klage, die 59 Studenten namentlich unterzeichnet hatten.

149Am 29.10.1938 wurden im (ersten) Wiener Schiedsspruch der Achsenmächte die ungarischen Revisionsforderungen zum Teil erfüllt. Während die ungarischen Truppen in die von der Slowakei abgetretenen Gebiete einrückten, beantwortete Barth die Briefe seines Kollegen Vasady und der Studenten, unter dem Datum des 9.11.1938, der «Reichspogromnacht».

An Vasady schrieb er: «Ich habe in der ganzen in Frage stehenden Zeit außer einem Film (sollte er mich so bezaubert haben?!) von tschechischer Propaganda nichts gesehen oder gehört, wohl aber fast ununterbrochen dem deutschen Radio zugehört». Er habe «im übrigen wirklich nur eine Anwendung jenes theologischen Satzes gemacht», die er in «Rechtfertigung und Recht» «jedenfalls so begründet zu haben» meine, daß ein Mann wie Vasady «die Zusammenhänge sehen und verstehen müßte und mich nicht mit Argumenten von der Art, wie sie in Ihrem Brief entwickelt sind, widerlegen zu können meinen sollte.» Über die Studenten urteilte er gegenüber dem Kollegen: «Aus Budapest ist mir ein feierlicher Protest von 60 theologischen Kindern8 zugekommen, hinter deren Worten ich die Stimme unsres Freundes Sebestyen9 zu hören vermeine.»

Barth sandte seine Antwort an die ungarischen Studenten am gleichen Tage an Sándroz Borsos in Budapest, der als «theol. paénior» die Liste der 59 Unterschriften angeführt hatte: «Sie erhalten beiliegend meine Antwort auf das Schreiben der Reformierten Theologiestudenten. Ich würde es für loyal halten, wenn Sie meine Antwort an allen den Stellen, an denen Sie Ihr Schreiben bekannt gemacht haben10, in |150 einer ordentlichen Übersetzung ebenfalls bekannt machen würden. Eine Abschrift meiner Antwort geht von mir aus an Herrn Bischof Ravasz11 in Budapest und an Herrn Professor Vasady in Debrecen. Mit freundlichem Gruß!» Borsos reagierte nicht auf Barths Brief, aber Ravasz teilte Barth am 1.12. mit, er habe «nichts davon» gewußt, daß die Studenten an Barth geschrieben hätten.12

Ehe Barths Text in Ungarn bekannt wurde, erhielt er von dort wiederum Protestbriefe von deutscher13 und ungarischer14 Seite. Barth setzte Hromádka von diesen Protestbriefen in Kenntnis.15

151In Ungarn wurde der Briefwechsel zwischen den Studenten und Barth von Dr. Barna(bas) Nagy in einem Artikel «Die politische Theologie von Karl Barth» Anfang 1939 in den Sárospataker Reformierten Blättern abgedruckt, nachdem Nagy darin vorher den Brief an Hromádka und beide Briefe nach Holland wiedergegeben hatte16 – ein Versuch, die Diskussion zu versachlichen.17 Barth seinerseits gab aus seinem Briefe an die Studenten an Gottlob Wieser, den Herausgeber des Kirchenblatts, die sechs zentralen Sätze weiter, die den Nationalsozialismus charakterisierten.18 Außerdem vervielfältigte er aus seinem Brief an Vasady die zweite und dritte Seite, die dem gleichen Zweck dienten, und verschickte sie als doppelseitige Vervielfältigung ohne Briefkopf und Unterschrift an Empfänger in Deutschland, wo sie «unter der Hand weitergegeben» wurden.19

152Barth nahm den Brief nach Ungarn 1945 nicht in die «Schweizer Stimme» auf. Der ungekürzte Briefwechsel mit den ungarischen Studenten wurde in deutscher Sprache erst 1985 veröffentlicht.20

Im folgenden werden der Brief der Studenten und Barths Antwort abgedruckt; in Barths Antwort sind diejenigen Sätze in Häkchen eingeschlossen, die 1938 beim Abdruck im Kirchenblatt nicht publiziert wurden; in Barths Antwort werden an denjenigen Stellen, die er in seinem unmittelbar danach geschriebenen Brief an Bela Vasady paraphrasiert hat, diese Ausführungen, die er auch nach Deutschland schickte, in Anmerkungen angefügt.

Hochgeehrter Herr Professor!

Die unterfertigten, als die Jugend der Budapester Reformierten Theologie, lasen mit viel Interesse und mit tiefer Erschütterung Ihren Brief, den Sie an den Professor von Prag, Herrn Hromadka, schrieben und der unter anderen in dem in Utrecht erscheinenden Wochenblatt «Algemeen Weekblad voor Christendom en Cultuur» am 14. Oktober d.J. dortselbst erschienen ist. Besonders waren wir tief und schmerzlich bewegt von dem Teil Ihres Briefes, in welchem Sie von den Tschechischen Soldaten sich so äußern, daß dieselben in einem eventuellen Kriege nicht nur für die Freiheit ihres Volkes, sondern zur gleichen Zeit auch für die Kirche Christus kämpfen werden.

Da diese Behauptung uns Ungarn, von deren Vaterland die Tschechen in den Jahren 1918-19 auf einem Gebiete von 63000 km2 mehr als eine Million Rassenbrüder trotz jeder Gerechtigkeit also rechtswidrig weggenommen haben und von denen 250000 ungarisch-reformierte Glaubensgenossen sich befinden, die auch Glaubensgenossen des Herrn Professors sind, und weil demzufolge Ihre Behauptung uns zu Blute verletzt und der Wahrheit nicht entspricht, erlauben Sie uns, Herr Professor, daß wir dem Prinzip des «audiatur et altera pars» folgend Sie höfl. ersuchen, das hier beigeschlossene Heft21 durchzustudieren und die darin enthaltenen Tatsachen gefäll. zur Kenntnis zu nehmen. Hernach erwarten wir höfl. von Ihnen, Herr Professor, daß |153 Sie uns Ungarn diesbezüglich gerechterweise rechtfertigen, indem Sie es klar machen, wie weit es der Wahrheit entspricht, daß Sie die Tschechische Frage mit der heiligsten Sache der Kirche in Gemeinschaft brachten.

Indem wir unsere Bitte wiederholen, verbleiben wir dem Herrn Professor

Hochachtungsvoll
[59 Unterschriften]
An die Studenten der Reformierten Theologie in Budapest
Liebe junge Freunde!

Sie haben am 26. Oktober einen Brief mit 60 Unterschriften an mich gerichtet, in welchem Sie mir Ihr Mißfallen über meinen Brief an Herrn Professor Hromádka im Prag ausgesprochen haben. Und Sie haben mir ein gedrucktes Spezimen der Propaganda für die Wiederherstellung der alten ungarischen Grenzen zur Verfügung gestellt. Ich habe Beides zur Kenntnis genommen.

Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß mein Brief an Herrn Professor Hrómadka mit der Frage der Territorialgrenzen zwischen Ungarn, Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei nichts zu tun hat. Ich rechne ohne weiteres damit, daß in Versailles und Trianon – wie bei allen derartigen Friedensschlüssen, die heutigen nicht ausgenommen! – zu Ungunsten der damals Schwächeren allerlei Gewaltsamkeiten vorgekommen sind.22 Wenn dem so ist und wenn jetzt vielleicht eine |154 Korrektur vollzogen worden ist, so soll mir das recht sein. Ich maße mir aber nicht an, in diesen Dingen kompetent zu sein, und ich habe darüber auch kein Urteil abgegeben. Es gibt Fragen, die noch wichtiger sind als solche Territorialfragen.

Was mich in jenem Brief allein beschäftigt hat, war die aus dem Verlauf des deutsch-tschechischen Konfliktes sich ergebende Tatsache eines weiteren europäischen Vordringens des deutschen Nationalsozialismus. ⌜Der deutsche Nationalsozialismus bedeutet die auf die bewußte Lüge und auf die blinde Gewalt gestützte Diktatur eines antichristlichen Mythus mit der notwendigen Konsequenz der grundsätzlichen Inhumanität, Unfreiheit und Rechtlosigkeit im Bereich des ganzen staatlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Das europäische Vordringen dieses Systems bildet nicht nur ein politisches, nicht nur ein moralisches, sondern auch ein theologisches Problem. Im Bereich dieses Systems kann es grundsätzlich keine Verkündigung des Evangeliums, keine Kirche mehr geben. Dieses System kann die Kirche – es kann aber auch die Kirche dieses System nur verneinen. An den Grenzen der noch nicht von diesem System beherrschten Länder – möge das «Recht» dieser Grenzen sein, welches es wolle – wird darum indirekt auch die Kirche verteidigt. Dies ist es, was ich in meinem Brief nach Prag ausgesprochen habe.⌝23

155Sie interessieren sich brennend und ausschließlich für die Veränderungen der europäischen Landkarte, meine Freunde! Ich verstehe und ehre Ihren Patriotismus. Es wäre aber gut, wenn Sie sich als Christen und Theologen nun auch dafür interessierten, daß Europa, indem es vor der Diktatur des Mythus Schritt für Schritt zurückweicht, indem es sich ihren Methoden beugt und sie sich zu eigen macht, im Begriff steht, zum Irrenhaus zu werden.24 In diesem Irrenhaus wird es – seien Sie dessen versichert – auch in Ungarn keinen reformierten Protestantismus mehr geben.25

156Ich warne Sie! Ihre Väter haben sich selbst und Europa gegen den Türken verteidigt. Es wäre fatal, wenn gerade die Söhne dieser Väter nicht einsehen würden, daß wir alle heute von einem Schlimmeren als dem Türken bedroht sind.

Mit freundlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
E. Schwarzenbeck, Nationalsozialistische Pressepolitik und die Sudetenkrise 1938, München 1979, S. 357–377 📖. ↩
2
Im Algemeen Weekblad voor Christendom en Cultuur vom 14.10.1938 📖, siehe Offenen Brief Nr. 17, S. 117, Anm. 45.↩
3
In: Református Elet (Reformiertes Leben) 📖 und in: Magyar Ut (Ungarischer Weg) 📖.↩
4
Brief an Barth vom 31.10.1938.↩
5
«Überlegen Sie in Ruhe noch einmal Ihren Brief, wenn Sie die Beilagen, die ich Ihnen als Drucksache zugehen lasse, gründlich gelesen haben. Sie werden dann – vielleicht – doch noch zu einem etwas nachdenklicheren Ergebnis kommen.» (8.11.1938)↩
6
Brief vom 31.10.1938.↩
7
Gemeint: von Deutschen bewohnten.↩
8
Dieser Begriff fiel sichtlich auch in Gesprächen in Basel; denn A. J. Bronkhorst berichtete: «Zoo zonden ‹60 theologische Kinder›, Studenten van de universiteit van Boeda, een plechtig protest en ook anderen verklaarden van Barth niets meer te begrijpen.» (Brieven uit Bazel, Teil III; s. Nr. 17, Anm. 82).↩
9
Barth spielte damit auf den Systematiker Prof. Jenñ Sebestyén in Budapest an, einen Vertreter des historischen Calvinismus in seiner kuyperianischen Ausprägung, der mit Vasady im Streit lag und ohne Verständnis für Barths Theologie war. (Nach János Szél, Karl Barth und Ungarn, in: Prophetische Zeitgenossenschaft. Karl Barth und die Geschichte, hrsg. von M. J. Suda [Veröff. der Ev. Akademie Wien Nr. 7], Wien 1988, S. 118 📖.)↩
10
Der Brief der ungarischen Studenten war z.B. am 4.11.1938 in holländischer Übersetzung im Algemeen Weekblad 📖 erschienen (lt. Brief von Frau Tromp-de Jong an Barth vom gleichen Tage.)↩
11
Mit den begleitenden Sätzen: «Die Reformierten Studenten aus Budapest haben ein Schreiben an mich gerichtet. Ich erlaube mir, Ihnen hier meine Antwort im Durchschlag zu übersenden.»↩
12
Er sei der Ansicht, «daß die Kirchen- und Christenfeindlichkeit des Nationalsozialismus doch mehr ein Attribut als das Wesen selbst ist. […] Der Bolschewismus aber ist infolge seiner geistigen Struktur und Dynamik bis heute der größte Feind des Christentums.» Eine Grenzfrage sei keine «unbedeutende oder secundäre Frage: Für einen lebenden Organismus ist es keine Nebensache, wie seine Grenzen mit Gewalt gezogen werden; denn wenn dies z.B. so vor sich geht, daß die wichtigen Organe dadurch abgeschnitten werden: geht es in der Frage der Grenzen um Leben oder Tod. Auf den lebenden tausendjährigen Volkskörper bezogen wird das heute von allen Ungarn empfunden.» (Teilabdruck bei Szél, a.a.O., S. 123 📖).↩
13
Friedrich Spiegel-Schmidt aus Giör/Raab kam am 12.11.1938 zu dem Urteil: «Es ist Unglaube zu meinen, der Macht Hitlers gegenüber gäbe es für die Kirche nur mehr die Möglichkeit der Lächerlichkeit oder der Ausrottung. […] Es ist Unglaube, wenn es der Christ im Deutschen Reiche oder auch in Ungarn nicht mehr wagen dürfte, das Recht seines Vaterlandes, ihn in die Waffen zu rufen, anzuerkennen, während es seinen Glaubensgenossen in der Schweiz und in der Tschechoslowakei nicht nur nicht verwehrt, sondern geradezu zur Pflicht gemacht werden soll. […] Und es ist m.E. Unglaube, wenn Sie, statt Verkündiger des Wortes zu bleiben, auf das Gebiet der direkten Aktion getreten sind und […] behaupten zu müssen glaubten, daß diese von Ihnen erwarteten Heldentaten des tschechischen Heeres der Sache Christi irgendwie nützen könnten.» (Zu Spiegel-Schmidt s. Barth, Offene Briefe 1945–1968, S. 488–495 📖).↩
14
Am 2.12. widersprach Béla Vasady Barths Brief vom 9.11. in 5 Punkten. Eingangs bedauerte er die Kürzung von Barths Hromádka-Brief: «Ein Vergleich des Originalbriefes mit dem in der Prager Presse veröffentlichten Text verschaffte mir volle Klarheit über die Tendenz des Abkürzungsverfahrens. Das Ziel war offensichtlich, die Kriegsbegeisterung der Tschechen durch diese Veröffentlichung noch zu steigern. So wurde Ihre eigentlich Absicht, nämlich die Betonung des Kampfes um die Kirche Christi, ziemlich in den Hintergrund gedrängt.» – Der ref. Vikar Stephan Horváth schrieb am 28.12.1938: «Wenn ich Ihren Brief zum erstenmal gelesen habe, wollte ich nicht meinen Augen glauben. Die Kirche Jesu Christi, das soma toy Christoy, ist nicht gleichzusetzen mit einem irdischen Staate.»↩
15
«Ob es Ihnen wohl bekannt ist, daß sich auch meine Freunde in Ungarn mit allen Zeichen des Entsetzens der Sache bemächtigt haben, obwohl ich doch am 19. Sept. noch nicht wissen konnte, daß auch Ungarn die Absicht hatte, sich der Tschechoslowakei gegenüber als Haifisch zu betätigen, und daß der ‹tschechische Soldat› evtl. auch nach Süden hätte schießen müssen!» (Briefs vom 1.3.1939, s. Rohkrämer, Freundschaft im Widerspruch, S. 65 📖).↩
16
Barth Károly politikai theologiája, in: Sárospataki Református Lapok (=Sárospataker Reformierte Blätter), Jg. 33, Nr. 46 vom 20.11.1938 📖 [Einführung und Brief an Hromádka], Nr. 47 [Briefe nach Holland], Jg. 34, Nr. 1 [Briefwechsel mit den Studenten] 📖. Barths Brief trug hier die Überschrift: A Református Theologia Hallgatóinak Budapesten. ↩
17
So Rohkrämer, a.a.O., S. 65 📖. ↩
18
Wiedergegeben innerhalb des Artikels von G. Wieser, Eine deutsche Stimme zum Brief Karl Barths, in: KBRS Jg. 94 (1938), S. 395 📖. Zitat auch in Busch, Bogen, S. 315f. 📖 Wieser spricht von «ungarischen Studenten», Busch von einem ungarischen Studenten als Adressaten des Briefs.↩
19
W. Scherffig, der als Gast im Hause Barth (28.–30.10.1938) die Entstehung des Briefes an Vasady vom 9.11. miterlebt hatte, erhielt den Text nach seiner Rückkehr per Post (W. Scherffig, Junge Theologen im ’Dritten Reich’ Bd. 3, Neukirchen 1994, S. 113, Abdruck S. 114f. 📖).↩
20
In D. Koch, Christen, S. 78–80 📖. Von dort übernahm J. Szél die Texte, kürzte aber Barths Brief (a.a.O. [s. Anm. 9], S. 121–123 📖).↩
21
Um welche Drucksache es sich dabei handelte, läßt sich nicht mehr feststellen.↩
22
Barth an Vasady: «Sehen Sie, am 19. September, als ich jenen Brief [an Hromádka] schrieb, da war ich überhaupt nicht mit irgend welchen National- und Territorialfragen beschäftigt. […] Wegen irgendwelcher Veränderungen auf der Landkarte würde ich wahrscheinlich überhaupt nicht an Hromádka geschrieben und sicher nichts von der Kirche Jesu Christi usw. gesagt haben, wie ich das auch vor 20 Jahren wohlweislich unterlassen habe. Lieber Herr Kollege, die Grenzen der Länder und Reiche dieser Welt haben mit wechselndem Recht und Unrecht sich verändert, seit die Welt steht. Es hat auch Ungarn fremde Völker unterjocht und wieder verloren (und heute wieder unterjocht!).» (Scherffig, a.a.O., S. 114 📖)↩
23
Barth an Vasady: «Es gab und gibt aber eine ganz andere ‹Grenze› als die, um die es auf den Landkarten geht. Und an diese andere Grenze habe ich in diesem Sommer und Herbst unablässig denken müssen: die Grenze zwischen einem Bereich, in welchem es allerdings auch keine auch nur von ferne vollkommene Ordnung der menschlichen Dinge gibt, aber immerhin mehr oder weniger aufrichtige Versuche dazu, immerhin noch Recht und Freiheit, immerhin noch einen Raum auch für die Kirche – und einen anderen Bereich, in welchem ein antichristlicher Mythus seinen totalitären Anspruch auf den ganzen Menschen und auf jedes Lebensgebiet erhebt und damit das Unrecht und die Unfreiheit zum Prinzip, die Kirche innerlich unmöglich macht. An dieser Grenze wird das politische Problem von selbst zu einem theologischen Problem. An dieser Grenze war in diesem Jahr nicht nur die Tschechoslowakei und auch nicht nur die europäische Humanität, sondern die christliche Kirche angegriffen: schlimmer als zur Zeit der Türkenkriege – denn wenn die Türken über Länder und Völker herrschen wollten, wenn sie unzählige Leiber getötet haben, so handelt es sich im Nationalsozialismus um den Willen und um die Macht, die Seelen gefangen zu nehmen und zu verderben. Daß es an dieser Grenze zu einer Verschiebung zugunsten des Nationalsozialismus zu kommen drohte, das war es, was mich am 19. September beschäftigt hat. In dieser Sorge appellierte ich und appelliere ich, nachdem diese Verschiebung stattgefunden hat, noch heute an Röm. 13,3–4. In dieser Sorge trete ich als Theologe für die schweizerische Landesverteidigung ein. In dieser Sorge habe ich den Tschechen schon im Juli sagen lassen: Résistez! und habe ich dann auch an Hromádka geschrieben, was ich geschrieben habe. Die Regierungen von England und Frankreich scheinen diese Sorge nicht zu kennen, oder doch nicht ernst zu nehmen. Die öffentliche Meinung in Europa überhaupt hält diese Sorge für klein neben der Sorge vor dem Krieg.» (Scherffig, a.a.O., S. 114f. 📖)↩
24
Barth an Vasady: «Alle und alle (inbegriffen mein Freund Vasady Bela) haben so getan und tun noch so, als ob es um ein paar (vielleicht an sich berechtigte) Korrekturen der Landkarte gegangen sei, und kümmern sich nicht darum, daß das, was geschehen ist, einen weiteren, die Zukunft und in dieser Zukunft früher oder später sicher auch den Frieden aufs schwerste bedrohenden Triumph der grundsätzlichen Lüge und Brutalität bedeutet. Erlauben Sie, Ihnen zu sagen, daß ich diese heute von den allermeisten Menschen auch außerhalb des Dritten Reiches nicht beachtete Sorge für christlich geboten und notwendig halte und daß ich von ihr meinerseits nicht lassen kann – auch dann nicht, wenn an Ihren ungarischen Beschwerden gegen die Tschechoslowakei noch so viel Wahres sein sollte. Mögen Sie an der Wiedergewinnung der südslowakischen Gebiete Ihre patriotische Freude haben! Aber möchten Sie nun doch auch ein wenig darüber nachdenken, was es eines Tages auch für Ungarn und die ungarische Kirche bedeuten könnte, daß sie diese patriotische Freude Hitler zu verdanken haben!» (Scherffig, a.a.O., S. 115 📖)↩
25
Barth an Vasady: «Sie schrieben mir in Ihrem Brief vom 28. Juni, Sie hielten es für sehr wahrscheinlich, daß infolge der politischen Entwicklungen auch dem ungarischen Protestantismus ernste Probleme bevorstehen möchten. Ich denke, daß diese Wahrscheinlichkeit nun noch sehr viel größer geworden ist. Haben Sie dieses Problem – das Problem meines Hromádka-Briefes – unterdessen vergessen? […] Sie werden es vielleicht noch einmal einsehen, daß ich dabei besser auch für die ungarische Kirche gedacht und geredet habe, als Sie selbst es diesmal getan haben.» (Scherffig, a.a.O., S. 115 📖)
Vasady antwortete Barth am 2.12.1938 und stellte Barth mehrere Fragen zur Politik, die Barth am 17.4.1939s beantwortete (s. Offenen Brief Nr. 24 an Reinerth).
Nachdem am 30.8.1940 im zweiten Wiener Schiedsspruch den Ungarn auch Teile der 1920 an Rumänien verloren gegangenen Gebiete in Siebenbürgen zugesprochen. wurden, schrieb Barth an St. Tókés: «Im Gedanken an die so heißen Wünsche meiner lieben ungarischen Freunde habe ich mich über die nun eingetretene Veränderung mit Ihnen gefreut. Aber meine Sorge ist doch noch größer in mir: daß auf dieser Erfüllung jener Wünsche, auf einem zum Vasallenstaat von Deutschland und Italien gewordenen Ungarn, trotz dieses augenblicklichen Erfolges kein rechter Segen liegen kann. Ich verstehe darum gut, was Sie mir schreiben: daß Viele mir gegenwärtig etwas bedenklich gegenüber stehen. Vielleicht sagen Sie ihnen einmal, daß dies auf Gegenseitigkeit beruht. Ich habe das Vertrauen zu meinen ungarischen Freunden nicht verloren, aber es ist offenbar nötig, daß wir uns nun für eine Weile auf sehr verschiedenen Wegen bewegen. […] Ich hoffe, daß der böse Traum oder vielmehr Rausch, in dem sich jetzt die halbe Welt befindet, einmal zu Ende sein wird, und dann werden wir uns besser verstehen als jetzt: auch über die Kindertaufe und Prädestinadon! Es hängt nämlich Alles zusammen!» (Brief vom 25.9.1940; ähnlich im Brief an Pfarrer Maller vom 22.2.1942, mit dem Zusatz: «Ich hoffe so sehr, daß meine ungarischen Freunde sich klar sind darüber, daß die Judenfrage heute sozusagen die christliche Bekenntnisfrage ist, die unter keinen Umständen falsch beantwortet werden darf.»)↩