Nachdem die Übersetzung der Prager Fassung von Barths Brief an Hromádka (s. Offenen Brief Nr. 17) ins Holländische am 14.10.1938 im «Algemeen Weekblad voor Christendom en Cultuur» in Utrecht erschienen war1, wandte sich Pfarrer G. J. Derksen an die Zeitung. Gerard Jan Derksen (1902–1976), Pfarrer in Groede, war mit Barth nicht bekannt; er hatte auch später keinen Kontakt zu ihm.2 Die Zeitung leitete seine Zuschrift in Abschrift an Barth weiter3:
Sehr geehrte Redaktion!
Es dürfte vermutlich keinen Menschen mit gutern Rechtsempfinden geben, den das Schicksal der Tschecho-Slovakei nicht beunruhigt. Die Ereignisse, die dem Übereinkommen von München entsprungen sind, haben uns sehr an das Sprichwort vom Kirschenessen mit großen Herren erinnert.4 Andrerseits ist 1938 bestimmt nicht als völlig unabhängig von 1918 zu beurteilen.5
Doch bin ich mit meinem Verständnisse zu Ende, wenn, wie aus dem auch vom Alg. Weekblad veröffentlichten Briefe von Karl Barth (Nr. 50, 14. Jg., «Oog en Oor») erhellt, der Kampf tschechischer Soldaten für die Freiheit mit dem Streite für Jesus’ Kirche identifiziert wird. Ich habe nie gewußt, daß Kampf mit irdischen Waffen jemals mit dem Streite für Jesus’ Kirche gleichgesetzt werden könnte. Diese Identifizierung verblüfft mich umsomehr, da sie von jemand ausgeht, der alle-zeit die Augen gerade für das Unerlaubte eigentlich jeder Identifizierung von irgend etwas in dieser Welt mit dem Königreiche Gottes öffnen wollte.
142Da ich vermutlich nicht der einzige unter den Lesern Ihrer Blattes bin, der von dieser Äußerung Karl Barths überrascht ist, ersuche ich Sie, jemand, der Karl Barth kennt und verstehta), Gelegenheit zu geben, in Ihrem Blatt auseinanderzusetzen, wie das möglich ist:
Kampf für die tschechische Freiheit (mit Kanonen, Gewehren, usw.) – Streit für Jesus’ Kirche.
Im voraus dankend
J. G. Derksen. m.p.
K. Barth würde es natürlich selbst am besten tun können, doch vielleicht ist das zuviel verlangt.
Für die Redaktion der Zeitung richtete Prof. Dr. M. van Rhijn am 22.10.1938 an Barth die Anfrage, ob er bereit wäre, «auf diesen Brief zu antworten. Wir würden dies als besonderes Entgegenkommen Ihrerseits zu schätzen wissen und wären Ihnen dafür zu Dank verpflichtet.»
Barth antwortete am 26.10.1938 mit einem längeren Briefe. Auf eine Einleitung ließ er zunächst den vollständigen Text seines Briefes an Hromádka folgen und wandte sich dann in einem zweiten Teil Derksens Anfrage zu.
Das Algemeen Weekblad veröffentlichte am 4.11.1938 den Text unter der Überschrift «Barths’s antwoord aan Ds. Derksen (vertaald)»6, kürzte jedoch Barths Brief in beiden Teilen, obgleich Barth in einem Begleitbrief an Prof. van Rhijn ausdrücklich gebeten hatte, «daß diese Antwort ohne Kürzungen veröffentlicht wird.»7 Das Blatt begründete seinen Schritt in einem Postskriptum so: «Wenn auch Karl Barths heftiger Brief an Hromádka nicht unsere Verantwortung ist, haben wir dennoch gemeint, einige schroffe Ausdrücke, die sich zur Publikation in unserem Blatt weniger eignen, streichen zu müssen.»8 Vom Algemeen Weekblad übernahm den Text die Zeitung De Reformatie.9
143Daraufhin druckte auch «Woord en Geest. Gereformeerd Weekblad», das auch schon die Prager Fassung des Briefs an Hromádka in deutscher Sprache und in holländischer Übersetzung veröffentlicht hatte10, am 11.11.1938 Barths Brief an Derksen mit Einschluß seines Briefes an Hromádka unter der Überschrift «De brief van Barth aan Hromadka» in einer neuen, genaueren Übersetzung von Slotemaker ab.11 Das Blatt kritisierte eingangs das Verhalten des Algemeen Weekblads: «Auch wir meinen, daß es gut sei, unsern Lesern die beiden Schriften zu unterbreiten, wir meinen aber es Barth schuldig zu sein, seinen Brief an Prof. Hromádka vollständig abzudrucken und nicht (wie das Algemeen Weekblad) in einer ‹gekuischten› Form. Man publiziert einen solchen Brief ohne Auslassungen, oder man publiziert ihn nicht. Das Algemeen Weekblad sollte erwägen, ob es erlaubt ist, auf solche Art Stimmung gegen den Standpunkt und die Person von Barth zu machen. Sorgfältiger Vergleich zeigt außerdem, daß ziemlich willkürlich hier und dort etwas fortgelassen worden ist; damit ist niemand gedient.»12 Auch die Zeitung Kerk en Vrede druckte Barths vollständigen Brief an Derksen ab.13
In deutscher Sprache wurde der zweite Teil von Barths Brief an Derksen zuerst am 4.11.1938 in der «Freitagszeitung für das reformierte Schweizervolk» unter der Überschrift «Antwort von Prof. Dr. theol. Karl Barth» veröffentlicht14, dann am 24.11.1938 im «Kirchenblatt für die reformierte Schweiz»15 und schließlich wieder im Sommer 1945 in Barths «Eine Schweizer Stimme».16
144Im folgenden wird zunächst Barths Begleitbrief an das Allgemeen Weekblad wiedergegeben17, danach der zweite, an Derksen gerichtete Teil (in der Fassung der «Schweizer Stimme»).
Mein Brief an Prof. Hromádka ist in der «Prager Presse» und in den zahlreichen holländischen, französischen und vor allem deutschen Blättern, die ihn übernommen haben, in verkürzter Form wiedergegeben worden. Für Herrn Derksen und andere Leser wird es klärend wirken, wenn sie erst einmal diesen Brief in seiner ursprünglichen Fassung lesen können. Die durch Herrn Derksen «gerügte Stelle» ist gesperrt gedruckt.18
[Es folgt der Brief an Hromádka in seiner vollständigen Fassung.]
Ich will es in Beantwortung der mir gestellten Frage versuchen, die Überlegungen, die hinter dem gesperrt gedruckten Satze19 standen und noch stehen, kurz darzustellen:
Es ging in der heute verlorenen Sache der Tschechoslowakei gegen das hitlerische Deutschland nicht nur um die Regelung einer territorialen und völkischen Frage. Daß eine solche Frage im Sudetengebiet gestellt und zu beantworten war, ist nicht zu bestreiten. Es scheint, daß der Versailler Vertrag dort unerträgliche Verhältnisse geschaffen hat. Und es scheint, daß die tschechoslowakische Regierung die Wege bisher nicht gefunden hatte, diese zu beseitigen. Eine Beantwortung der damit gestellten Frage hatte aber mit folgenden Voraussetzungen zu rechnen:
1451. Den vielleicht vorliegenden Übelständen mußte auf alle Fälle durch die Aufrichtung von Recht, d.h. auf dem Wege einer internationalen Verhandlung und Entscheidung unter Mitsprache und Anhörung aller Beteiligten abgeholfen werden. Indem an Stelle dessen der Tschechoslowakei gegenüber der Weg des einseitigen Diktats unter übermächtiger Gewaltsdrohung eingeschlagen wurde, entstand für diesen Staat zunächst die Pflicht der Selbstbehauptung und also der militärischen Verteidigung seiner bisherigen Grenzen. Er hatte mit solcher Selbstbehauptung rebus sic stantibus eine Frage der politischen Ordnung in Europa zu beantworten.
2. Den vielleicht vorliegenden Übelständen durfte unter keinen Umständen durch das bestimmt größere Übel abgeholfen werden, die Tschechoslowakei als die einzige östliche Vormacht demokratischer Politik praktisch hilflos zu machen, vier Millionen weiterer europäischer Menschen dem Diktatursystem (seiner Geheim67polizei, seiner barbarischen Justiz, seiner gleichgeschalteten Presse, seinem Antisemitismus, seinem Kirchenkampf, seinem Mythus usw.) auszuliefern und damit diesem System neues Prestige und neue Kraft zuzuführen. Die Tschechoslowakei hatte auch unter diesem Gesichtspunkt die Pflicht zur Selbstbehauptung und also zur militärischen Verteidigung. Und sie hatte mit solcher Selbstbehauptung rebus sic stantibus eine Frage der politischen Freiheit in Europa zu beantworten.
Die Kirche Jesu Christi kann der Frage der politischen Ordnung und Freiheit in Europa nicht gleichgültig gegenüberstehen. Sie verkündigt den Totalitätsanspruch des Wortes Gottes. Sie kann diesen Anspruch im Bereich der Diktaturen nur entweder fallen lassen und damit vor Gott und der Welt der Lächerlichkeit verfallen oder ihn aufrecht erhalten und damit die Ausrottung durch die Diktatur auf sich ziehen. Muß sie bereit sein, sich durch vollendete Tatsachen vor dieses Dilemma stellen zu lassen, so kann sie doch eine Politik, die sie vor dieses Dilemma stellt, nicht von sich aus bejahen, gutheißen und wollen. Die Kirche kann die Diktatur erleiden müssen. Der politische Raum, den sie allein bejahen, gutheißen und wollen kann, ist aber der der Ordnung und der Freiheit.
Ist die politische Ordnung und Freiheit bedroht, dann trifft diese Bedrohung indirekt auch die Kirche. Und schreitet ein rechter Staat zu deren Verteidigung, dann ist an dieser Verteidigung indirekt auch |146 die Kirche beteiligt. Sie würde ihre eigene Verkündigung nicht ernst nehmen, wenn sie hier gleichgültig bleiben könnte. Sie kann als Kirche nur geistlich streiten und leiden, und sie wird damit indirekt das Wichtigste und Entscheidende tun, was in einem die Ordnung und das Recht verteidigenden Staate für diesen zu geschehen hat. Sie wird aber umgekehrt auch anerkennen, daß das menschliche Streiten und Leiden des Staates und der Soldaten dieses Staates indirekt auch für sie geschieht.
In diesem Sinne habe ich den gesperrten Satz meines Briefes geschrieben. Von einer «Identifizierung» zwischen dem Streiten und Leiden der Kirche und dem des Staates ist in diesem Satz keine Rede. Es sollte aber auch nicht übersehen werden dürfen, daß es zwischen dem Streiten und Leiden der Kirche und dem des Staates dann eine Gemeinsamkeit gibt, wenn der Staat 68 als rechter Staat für die Ordnung gegen eine blinde Dynamik und für die Freiheit gegen eine brutale Tyrannei einzutreten hat. Dann hat die Kirche sich nicht von ihm zu distanzieren, sondern solidarisch neben ihn zu treten. Der Satz vom tschechischen Soldaten meint in konkreter Anwendung sehr schlicht das, was 1.Tim. 2,1–3 als Grund des christlichen Gebetes für die Obrigkeit angegeben ist: «auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit». Eben dazu ist der rechte Staat da. Und eben dazu muß es leider, solange es Ordnungsbrecher und Freiheitszerstörer gibt, auch Soldaten und dann wahrlich auch ein christliches Lob des Soldaten geben.
Getäuscht habe ich mich am 19. September nur darin, daß ich die Widerstandskraft sowohl der Tschechoslowakei als der anderen europäischen Ordnungs- und Freiheitsstaaten und auch die Einsicht der europäischen Kirchen damals überschätzt habe. Prag ist nicht fest geblieben und London und Paris sind nicht wieder fest geworden. Und die Kirche hat, mehr mit der Frage nach dem Frieden überhaupt, als, wie es sich gehörte, mit der Frage nach dem rechten Frieden beschäftigt, nichts dazu zu sagen gehabt. Wir werden alle dafür bezahlen müssen, daß jene Widerstandskraft nicht größer gewesen ist, daß die Regierungen, die Völker und die Kirchen sich in der Weise haben bluffen lassen, wie es vor und nach dem 30. September geschehen ist.
Basel, den 26. Oktober 1938Karl Barth