An Pfarrer Karl Reinerth, Hermannstadt, Rumänien
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An Pfarrer Karl Reinerth, Hermannstadt, Rumänien
Im Frühjahr 1939 erhielt
Bereits als Sie im September v.J. anläßlich der Krise des
Auf dem Gebiet der Theologie bin ich Ihnen bis zum Jahre 1935 nahezu 100%ig zustimmend gefolgt. Allerdings erschienen mir bereits Ihre Ausführungen in Ihrem Briefwechsel mit
Die Gründe, die Sie heute zu einer derart feindseligen Haltung dem Nationalsozialismus [gegenüber] bewegen, können ja verschiedener Natur sein, und ich werde darauf verzichten müssen, sie alle namhaft machen zu können. In der Hauptsache erkenne ich aber einen theologischen und einen politischen Grund für Ihr Handeln als richtunggebend, die ich nun näher beleuchten werde.
Der theologische Grund liegt darin – und das hängt mit dem vorhin Gesagten zusammen –, daß Ihre Theologie immer mehr zu einer Form erstarrt ist, die als eine neue Orthodoxie erscheint. Das ganze Gewicht wird auf die Lehre gelegt, und so wird auch der Nationalsozialismus von Ihnen nach seinen Lehren, nicht nach dem in ihm waltenden Geist beurteilt.10 Die Lehren des Nationalsozialismus und ihre theologischen Lehren liegen für Sie auf der gleichen Ebene, so daß Sie sich veranlaßt sehen, Widersprüche festzustellen und den Nationalsozialismus der Irrlehre und noch eines schlimmeren zu beschuldigen. Die Überführung der Irrlehrer erfolgt aber nach der Bibel nicht nach dem äußerlichen Maßstab der Lehrunterschiede, sondern durch das Brandmal in ihrem Gewissen (
Und damit komme ich zu dem, was für mich unbegreiflich ist: Wie haben Sie den Schritt vom theologischen Angriff auf die deutschchristliche Theologie zum politischen Angriff auf den Nationalsozialismus so ohne weiteres vollziehen können? Man hätte erwarten müssen, daß Sie zur Begründung dieses Schrittes ein Werk etwa von dem Umfang und Gewicht Ihrer Dogmatik schreiben würden. Statt dessen bloß einige Aufsätze und Briefe, die von dieser verhängnisvollen Entscheidung Zeugnis geben. Da werden Sie wohl selbst denen, die Ihren theologischen Gedankengängen gefolgt sind, nicht zumuten, daß sie Ihnen auch auf diesem politischen Gebiete Gefolgschaft leisten.
Geschichtliche Analogien können nie ganz zutreffen. Dennoch ist es sinnvoll, in diesem Zusammenhang auf die Christuspartei in
171In
Daher wird man wohl – und damit komme ich zum zweiten – das richtige treffen, wenn man annimmt, daß Ihre Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus nicht theologisch, sondern wesentlich politisch bestimmt ist. Sie deuten das selber an, wenn Sie erklären, durch den Nationalsozialismus sei die Freiheit Europas und vielleicht nicht nur Europas bedroht.16 Das mag mit den politischen Verhältnissen Ihrer Schweizer Heimat zusammenhängen, daß Sie die Dinge so ansehen. Dabei verfallen Sie einem Ideal der Freiheit, das in Wirklichkeit nirgends, gewiß auch in der Schweiz nicht zu finden ist. Auch das ist so überaus seltsam, daß gerade Sie das tun, der Sie im Namen der biblischen Offenbarung allen Idealen der Vernunft und dem Idealismus überhaupt den Krieg erklärt haben. Sie werden doch noch begreifen müssen, daß aus einem anderen Gesichtswinkel und von anderen politischen Erlebnissen her gesehen der Nationalsozialismus gerade als Hort der Freiheit erscheinen kann und man sonstwo
172Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß sich in meinen theologischen Auffassungen durch diese meine Stellungnahme nicht das geringste geändert hat.
Da dieser Brief für mich grundsätzliche Bedeutung hat, werde ich mir die Freiheit nehmen, ihn gegebenenfalls zu veröffentlichen.
Sie wissen nicht, von was Sie reden, wenn Sie vom «Nationalsozialismus» reden. Darum kann ich Ihnen Ihren Brief und Ihre Stellungnahme nicht übel, darum kann ich Sie aber auch in dieser Sache nicht ernst nehmen. Es ist nun einmal so, daß Sie – und wenn ich recht sehe, auch meine ungarischen Freunde unter demselben Himmelsstrich18 – in dieser Sache blind sind. Ich weiß nicht, ob das mit der Dynamik Ihrer besonderen historisch-geographischen Lage oder mit der Dynamik der Goebbels’schen Auslandspropaganda zusammenhängt. Ich sehe nur, daß hier vorläufig keine Diskussion möglich ist …
bis
bis es so weit ist, daß ganz allein durch ihre Schuld Europa aufs Neue in Flammen steht, weitere 10 oder mehr Millionen Menschen für ihre Narrheit auf den Schlachtfeldern büßen müssen
bis die innere Hohlheit eines allein auf die Lüge und die brutale Gewalt gegründeten Systems sich in einem Zusammenbruch sondergleichen rächen wird
bis es mit Deutschland politisch so zu Ende sein wird, daß mit den bösartigen auch die treuherzigen (z.B. in
bis dann die Wahrheit hinsichtlich dessen, was nun seit 1933 in
173 Dann, lieber Herr Pfarrer, – wenn wir beide dann noch das Leben haben werden – werden Sie vielleicht einsehen, wie vollkommen wirklichkeitsfremd auch Ihre jetzigen Vorstellungen über mein Verhältnis zum Nationalsozialismus gewesen sind.
Wenn Sie Ihren Brief an mich wirklich veröffentlichen wollen, so tut mir das darum leid, weil Sie damit die in Ihrem Bereich herrschende Irreführung und Verwirrung der Geister in bester Absicht noch vermehren werden, und weil es Sie später vielleicht reuen wird, sich jetzt in dieser Weise öffentlich festgelegt zu haben. Aber ich kann und will Sie an Ihrem Vorhaben nicht hindern.
Nur daß es vielleicht ratsam wäre, daß Sie meine Broschüre («Die Kirche und die politische Frage von heute»19), auf die sich jener Artikel in der
Und daß es loyal sein könnte, wenn Sie diese meine Antwort Ihren Lesern gleich mit zur Kenntnis bringen würden!
Unmittelbar nach seinem Brief an
Zunächst muß ich feststellen, daß Sie in Ihrem Brief vom 17. April l.J. mit keinem Wort auf meine Darlegungen eingegangen sind, die meinen ablehnenden Standpunkt ihrer politischen Haltung gegenüber begründen. Sie halten mir zweierlei vor: 1. daß ich den Sünden des Nationalsozialismus gegenüber blind sei, 2. daß ich ein Urteil über ihn ohne genügende Erfahrung gefällt hätte. Den ersten Vorwurf muß ich Ihnen in der Form zurückgeben, daß Sie die Sünden der Demokratien geflissentlich übersehen. Was das zweite betrifft, so ist der Nationalsozialismus so sehr eine öffentliche Angelegenheit Europas geworden, seine Taten liegen für jedermann offen zu Tage, daß, wer die Ereignisse aufmerksam verfolgt hat, sich darüber ein Urteil zu bilden vermag. Sollte jedoch Ihr Urteil zutreffender und objektiver sein, weil Sie mit dem Nationalsozialismus noch persönliche Erfahrungen gemacht haben, die mir fremd geblieben sind? Sollte es nicht gerade darum befangen sein?
Im übrigen bestätigt mir Ihr Brief, was ich bereits ausgesprochen habe, daß Ihr Urteil über den Nationalsozialismus wesentlich von politischen Erwägungen bestimmt ist. Sie weissagen ihm und damit
Sie werfen dem Nationalsozialismus vor, daß sein System auf Lüge und Gewalt gegründet sei. Sie werden sich jedoch darüber auch keiner Täuschung hingeben können, daß auch das demokratische System letztlich auf Gewalt beruht. Allerdings versuchen die Demokratien, diese Tatsache in der Regel mit heuchlerischer Geste zu verschleiern. In dieser Hinsicht ist gerade der Nationalsozialismus ehrlicher und also auch wahrhaftiger.
Entscheidend ist aber, daß bei der heißen Liebe zu seinem Volk, die
Die Briefe werde ich vorläufig nicht veröffentlichen, da ich es vermeiden möchte, öffentlich politisch gegen Sie Stellung zu nehmen.22