23 · 1939

An die deutschchristlichen und nationalkirchlichen Landeskirchenführer in Deutschland

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An die deutschchristlichen und Nationalkirchlichen
Landeskirchenführer in Deutschland

1939

Nachdem Anfang April 1939 deutschchristliche und verwandte Kräfte in der «Godesberger Erklärung»1 Grundlagen ihres Glaubens formulierte hatten, übernahmen elf Landeskirchenführer, an der Spitze Dr. Werner für die Ev. Kirche der altpreußischen Union, daraus vier Grundsätze, die am 4.4. in Berlin veröffentlicht wurden.2 Gleichzeitig gaben sie eine Erklärung gegen kritische Äußerungen des Erzbischofs von Canterbury ab.3 Als Barth diese Texte gelesen hatte, schrieb er am 13.4.1939 vom Bergli aus Willem A. Visser ’t Hooft «als dem Generalsekretär der vereinigten ökumenischen Bewegungen», er habe zwei Anliegen, von denen er der Meinung sei, «daß die ökumenischkirchlichen Instanzen sich ihrer annehmen sollten»:

Meine Frage: Können und werden die andern Kirchen zu diesen Dokumenten, insbes. zum ersten, aber doch auch zu der Anpöbelung des Erzbischofs, schweigen oder ist jetzt nicht der Augenblick da, wo zu dem Gesicht, in dem sich die neue deutsche Kirche da offenbart hat, laut und deutlich etwas gesagt werden muß? Mir scheint, daß insbesondere jedem der vier Sätze des ersten Dokuments mindestens ein klarer christlicher Gegensatz, womöglich mit einer Abweisung oder doch mit einer sehr bestimmten Frage angesichts der in den Sätzen sichtbaren Finsternis gegenübergestellt werden müßte. Oder darf es bei dem Eindruck sein Bewenden haben, als ob eine immer noch auf den christlichen Namen Anspruch erhebende Kirche unwidersprochen nun auch solche Grundsätze vertreten könne?

163Als zweiten Punkt brachte Barth vor: «Wenn nicht alles täuscht, so haben wir über kurz oder lang mit dem Ausbruch eines eindeutig von Deutschland und Italien gewollten Krieges, dessen Ausgang dann bestimmt das Ende des Nationalsozialismus mit sich bringen wird, zu rechnen.» Barth schlug vor, dann «eine kirchliche Botschaft an das deutsche Volk in Form einer Radiosendung» zu richten, «in der den Deutschen in aller Form gesagt werden sollte, daß der Krieg im Sinn der Christen aller Länder nicht gegen das deutsche Volk, sondern gegen dessen gemeingefährlich gewordene Usurpatoren sich richte und daß wir die Frage an das Gewissen aller Christen in Deutschland zu stellen hätten, ob es nicht ihre Sache sei, zur Verhinderung dieses Krieges bzw. eines Sieges der Usurpatoren ihrerseits alles in ihren Kräften Stehende zu tun.»

Barth bot zu beiden Punkten seine aktive Mitarbeit an. Es stellte sich aber alsbald heraus, daß gegen seinen zweiten Vorschlag zuviel Bedenken bestanden4; so wurde er nicht verwirklicht. Hingegen nahm Visser ’t Hooft Barths erste Anregung sofort auf5:

Die einzige schwierige Frage ist, wer hier reden soll, damit mit wirklicher Autorität geredet wird. Eine offizielle Erklärung scheint mir darum weniger wertvoll, weil unser sogenanntes Vorläufiges Komitée die Kirchen nicht vertreten kann, solange die Kirchen sich nicht bei dem neuen Oekumenischen Rat angeschlossen haben. Ich habe darum dem Erzbischof von York6 und Pastor Boegner7 vorgeschlagen, daß eine Reihe Kirchenmänner, die in der Oekumenischen Bewegung tätig sind, eine solche Erklärung persönlich zeichnen sollten. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du Deinerseits mir eine kurze Erklärung schicken würdest, die, neben denjenigen, die York und Boegner eventuell ausarbeiten würden, als Grundlage benützt werden könnte.

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Barth antwortete am 22.4.1939:

Lieber Freund, ich sende dir beiliegend einen Entwurf zu der bewußten Antwort, bei dem ich von der Erwägung ausgegangen bin, er müsse

  • 1. möglichst alle Elemente der beantworteten Sätze berühren
  • 2. möglichst positiv reden
  • 3. möglichst kurz sein.

Wenn ich dich recht verstanden habe, soll mein Name bei der Sache nicht genannt werden. Darum möchte ich für den Fall geradezu gebeten haben, daß dieser Entwurf zwar benützt, aber vermehrt oder vermindert oder sonst abgeändert werden sollte.

Ich hoffe nur, daß es unter allen Umständen zu einer ordentlichen Antwort kommt.

Barth fügte einen Text bei, den er überschrieben hatte: «Antwort auf eine Bekanntmachung der Deutschen Evangelischen Kirche». Darin wurden zunächst die Sätze aus dem Gesetzblatt der DEK im Wortlaut zitiert; nach dem Satz «Wir geben auf diese vier Sätze folgende Antwort:» folgten vier Absätze und ein Schlußsatz von Barth.

Visser ’t Hooft arbeitete die eingegangenen Texte von Barth und Erzbischof Temple zusammen.8 Barth war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.9 Der Text wurde vom Vorsitzenden des Vorläufigen Komitees, William Temple, dem Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses, Marc Boegner, und den beiden Generalsekretären des «im Aufbau begriffenen» ÖKR, W. A. Visser ’t Hooft und William Paton, unterzeichnet. Er erschien im Ökumenischen Presse- und Nachrichtendienst vom 2. Mai (Nr. 19) und in der Times vom 10. Mai 1939.10 In Deutschland rief er scharfe Reaktionen hervor.11

Im folgenden wird Barths Vorschlag in der Form wiedergegeben, wie er ihn als Beilage zu seinem Briefe vom 22.4.1939 an Visser ’t Hooft sandte.

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Antwort auf eine Bekanntmachung der Deutschen Evangelischen Kirche

Das Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen Kirche vom 6. April 1939 veröffentlicht eine im Namen der Deutschen Evangelischen Kirche erlassene Bekanntmachung, in der sich elf deutsche «Landeskirchenleiter», an ihrer Spitze der Präsident der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, zu folgenden «Grundsätzen» bekennen:

1. Jedes überstaatliche oder internationale Kirchentum römisch-katholischer oder weltprotestantischer Prägung ist politische Entartung des Christentums. Echter christlicher Glaube entfaltet sich fruchtbar nur innerhalb der gegebenen Schöpfungsordnungen.

2. Der christliche Glaube ist der unüberbrückbare religiöse Gegensatz zum Judentum.

3. Der Kampf des Nationalsozialismus gegen jeden politischen Machtanspruch der Kirchen, sein Ringen um eine dem deutschen Volk artgemäße Weltanschauung sind nach der weltanschaulich-politischen Seite hin Fortsetzung und Vollendung des Werks, das der deutsche Reformator Martin Luther begonnen hat. Mit der in diesem Kampfe neu gewonnenen echten Unterscheidung von Politik, Weltanschauung und Religion wird aber von selbst auch das wahre Verständnis des christlichen Glaubens wieder lebendig.

4. Voraussetzung für ein ehrliches religiöses Ringen, für Wachstum und Ausbreitung eines wahren christlichen Glaubens im deutschen Volk, sind Ordnung und Toleranz innerhalb der bestehenden Kirchen.

Wir geben auf diese vier Sätze folgende Antwort:

1) Die nationale Gliederung der christlichen Kirche ist nicht ein notwendiges (sondern ein zufälliges) Element ihrer sichtbaren Gestalt. Sie hat ihren Segen. Sie hat aber auch ihre Gefahr. Geistliche Einheit aber ist der Kirche notwendig. Wenn sie sich in ihrer nationalen Gliederung darum bemüht, sich selbst zugleich als die eine, heilige, allgemeine apostolische Kirche sichtbar zu machen, so dient sie der politischen Bewährung des Christentums und fügt sich eben damit in die Ordnung ihres Herrn, der auch der Schöpfer ist.

1662) Der christliche Glaube ist die Bestätigung des Gehorsams gegen Jesus als den Messias Israels. Der christliche Glaube ist es also dem Judentum schuldig, ihm die Erfüllung seiner eigenen Verheißung zu verkündigen.

3) Die rechte Unterscheidung und Beziehung zwischen Politik und Weltanschauung auf der einen und dem christlichen Glauben auf der anderen Seite dienen dem Lebendigwerden des wahren Verständnisses des christlichen Glaubens, indem sie das Zeugnis bestätigen, daß nicht der Kirche, aber dem Herrn Jesus Christus nicht nur einige, sondern alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden12: auch über Politik und Weltanschauung.

4) Ordnung und Toleranz innerhalb der Kirche bedeutet dies, daß das Evangelium von Jesus Christus in ihr in voller Autorität steht und daß seine Verkündigung in ihr in voller Freiheit geschehen darf.

Wir stellen fest, daß die vier Sätze der deutschen «Landeskirchenleiter», sofern sie mit dieser unserer Antwort im Widerspruch stehen, keine christlichen Sätze sind.

Sachfußnoten

1
Dokumente zur Kirchenpolitik des Dritten Reiches, Bd. IV: 1937-39, bearb. von G. Grünzinger und C. Nicolaisen, Gütersloh 2000, S. 338–340 📖; KJ 1933–1944, S. 284f. 📖 ↩
2
a.a.O., S. 340f. 📖 – GBl der DEK 1939, S. 19f. 📖↩
3
KJ 1933–1944, S. 285f. 📖 ↩
4
Über den Vorgang s. Th. Herwig, Karl Barth und die Ökumenische Bewegung. Das Gespräch zwischen Karl Barth und Willem Adolf Visser ’t Hooft auf der Grundlage ihres Briefwechsels 1930-1968, Neukirchen 1998, S. 64–66 📖. ↩
5
Brief an Barth vom 15.4.1939.↩
6
William Temple (1881–1944).↩
7
Marc Boegner (1881–1970), Präsident des Nationalrats der ref. Kirchen in Frankreich.↩
8
W. A. Visser ’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde. Autobiographie, München/Zürich 1974, S. 119–123 📖. – Herwig, a.a.O., S. 61–64 📖. ↩
9
An Visser ’t Hooft schrieb Barth, der kombinierte Entwurf sei besser als sein eigener (a.a.O., S. 120 📖). Barth beurteilte den Text auch später positiv (Pk. am Visser ’t Hooft vom 19.11.1957, nach Herwig, a.a.O., S. 62 📖).↩
10
Wortlaut Visser ’t Hooft, a.a.O., S. 120f. 📖; auch in: KJ 1933–1944, S. 330f. 📖 ↩
11
KJ 1933–1944, S. 331 📖. ↩
12
Mt. 28,18.↩