22 · 1939

An die Redaktion der Neuen Bündner Zeitung, Chur

159

22

An die Redaktion der Neuen Bündner Zeitung, Chur

1939

Am 11. März 1939 erschien in Amsterdam im «De Stuwdam. Geillustreerd Christelijk Familie-Weekblad» ein mit «Ff.» gezeichneter Bericht «Bij Prof. Dr. Karl Barth». Darin wurde, z.T. in Zitaten, der Inhalt eines Gesprächs wiedergegeben, das der Journalist Ende Februar in Basel mit Barth geführt hatte. Die verschiedenen Themen, über die sich Barth geäußert hatte, waren jeweils mit Zwischenüberschriften versehen.1 In dem längeren Text handelten zwei kurze Passagen von «Graubünden: donker Afrika» und «Oxford». Im Gespräch mit Barth urteilte der Journalist, er habe in der Schweiz besonders auf dem Lande die Predigten inhaltsarm gefunden, sie «glichen mehr freundlichen Moralzusprüchen als der Verkündigung von Gottes Wort». Er gab Barths Reaktion so wieder: «Vooral in Graubünden is het verschrikkelijk,» geeft Professor Barth onmiddelijk toe, «je zou het ons donker Afrika kunnen noemen, op theologisch gebied dan altijd. Gelukkig is er een verbetering te bespeuren en gaan de lieve moraalpreekjes er meer en meer uit.» Als das Gespräch auf die Oxford-Bewegung kam, fragte der Journalist Barth nach seinem Urteil und erhielt die Antwort: «Ik ben er geen bewonderaar von. Vroeger heb ik er wel eens tegen geschreven: nu interesseert het me weinig of niet meer.2 Ik zie het zuiver als een moralistische beweging, misschien goed voor Graubünden.» Aller Gottesdienst müsse in der heiligen Schrift und ihrem Zeugnis von Jesus Christus gründen.

Daraufhin erschien am 22.3.1939 in der «Neuen Bündner Zeitung» ein mit «D» gezeichneter kritischer Artikel «Prof. K. Barth über Graubünden».3 Auf ihn reagierte Barth, der sich gerade auf einer Vortragsreise in Holland befand, schon am 25.3.1939 mit einem Brief an die Redaktion, um dessen Abdruck er bat. Der erfolgte am 29.3. unter der Überschrift «Erwiderung. Prof. Dr. Karl Barth schreibt uns», wobei Anrede, erster Satz und Grußformel gestrichen worden waren.4

160

Prof. K. Barth über Graubünden

In der calvinistischen holländischen Familienzeitschrift «De Stuwdam» hat Prof. K. Barth vor einiger Zeit einige Äußerungen über das kirchliche Leben der Schweiz getan. Auf die Frage, ob er nicht an der Predigtart der schweizerischen Kirchen viel auszusetzen habe, ob die Predigten nicht oberflächliche Moralpredigten seien, antwortet Prof. Barth u. a. : «Besonders in Graubünden ist es schrecklich, man könnte es unser dunkles Afrika nennen, d.h. auf theologischem Gebiet. Glücklicherweise ist ein Besserung zu verspüren, die lieben Moralpredigtlein verschwinden mehr und mehr.» – Von der Oxford-Gruppenbewegung sagt Prof. Barth, daß er sie als eine rein moralistische Bewegung betrachte, die «vielleicht gerade recht sei für Graubünden.»

Vorerst sprechen sachliche Einwände gegen diese Äußerungen: Die Richtung von Prof. Barth bezeichnet gerne alle Predigten, die nicht in ihrem Geiste gehalten werden, als oberflächlich und moralistisch. Solche Predigten werden aber nicht nur in Graubünden, sondern im gleichen Maße in der ganzen Schweiz, ja in der ganzen Welt gehalten. – Es ist durchaus ungerechtfertigt, die bündner Prediger eines oberflächlichen Moralismus zu bezichtigen, man beleidigt damit nicht nur die Prediger, sondern im gleichen Maße die Zuhörer, also das protestantische Bündnervolk. – Es dürfte allgemein bekannt sein, daß die Oxfordgruppenbewegung in unserem Kanton nicht sehr weit verbreitet ist. Wo sie aber besteht, zählt sie nach übereinstimmenden Aussagen aus allen Teilen des Kantons eine unverhältnismäßig große Zahl von Unterländern zu ihren Mitgliedern. Auch hier hat Barth also Unrecht, wenn er sagt, daß die Gruppenbewegung gerade recht sei für Graubünden. Die Tatsache, daß die Gruppe weniger Erfolg hat in unserem Kanton, spricht weder gegen den einen noch gegen den anderen Teil, sondern beruht auf anderen Gründen.

Dies aber möchten wir vor allem festhalten: Es geziemt sich nicht, daß ein Schweizer, besonders wenn er so exponiert ist wie Prof. Barth und eine derartige Autorität genießt, im Ausland (und im Inland!) solche Bemerkungen über einen Landesteil fallen läßt, gleichgültig, ob sich Prof. Barth auf oberflächliche eigene Beobachtungen oder auf Mitteilungen seiner Schüler stützt

D.
161

Erwiderung

⌜Sehr geehrte Redaktion!

Sie würden mich verpflichten und dem Frieden dienen, wenn Sie so freundlich wären, folgendes Ihren Lesern bekannt zu geben:⌝

Die mir in Nr. 69 (vom 22. März 1939) zugeschriebenen Äußerungen entsprechen im Ganzen dem, was ich vor einigen Wochen in Basel im mündlichen Gespräch zu einem holländischen Zeitungsberichterstatter gesagt habe. Der Mann kam eben aus Graubünden zurück, wo er sich mit Sikfahren vergnügt, aber auch mehrere Predigten gehört hatte, über deren «Moralismus» er sich sehr entsetzt zeigte. Er fragte mich, ob in der ganzen Schweiz so gepredigt werde. Ich erwiderte, daß ähnliches wohl auch in der übrigen Schweiz vorkomme, daß mir aber aus eigener Erfahrung auch sonst bekannt sei, daß diese Art Predigt in Graubünden bis in die jüngste Zeit hinein in besonderer Weise heimisch gewesen sei und noch sei, so daß man Graubünden in theologischer Hinsicht unser «dunkles Afrika» nennen könne. Das Wort «oberflächlich» habe ich nicht gebraucht. Es gibt auch sehr tiefsinnige Moralpredigten, die darum freilich nicht besser sind! Als im weiteren Verlauf des Gesprächs der Berichterstatter meine Ansicht über die Gruppenbewegung zu hören wünschte, habe ich nicht gesagt, daß sie in Graubünden besonders verbreitet sei, wohl aber, daß ihre Botschaft und die Graubündner Moralpredigt in der Sache letztlich auf dasselbe hinauskommen.

Inhaltlich kann ich diese Äußerung nicht zurücknehmen. Ich erkläre aber feierlich, daß es mir fern lag, den eidgenössischen Stand Graubünden, die bündnerischen Prediger oder gar das ganze protestantische Bündnervolk beleidigen zu wollen. Ich bin bereit, meine Meinung durch die sich verändernden Tatsachen korrigieren zu lassen, und werde dann auch nicht versäumen, auch die Holländer anders zu unterrichten, als es diesmal geschehen konnte. Ich bitte endlich jeden Bündner, der auch schon ein oder das andere Mal ein im Ausdruck nicht auf die Goldwaage zu legendes, nicht in jeder Hinsicht diplomatisches Wort riskiert hat, meine Aussprüche so aufzunehmen, wie er seine eigenen in einem solchen Falle aufgenommen haben möchte.

Prof. Dr. Karl Barth⌝

Sachfußnoten

1
Jg. 4, Nr. 24, S. 9 📖.↩
2
Vgl. Offenen Brief Nr. 25, Anm. 15.↩
3
Neue Bündner Zeitung, Jg. 63, Nr. 69, S. 5 📖.↩
4
Neue Bündner Zeitung, Jg. 63, Nr. 75, S. 5 📖.↩