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An die Neue Zürcher Zeitung

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An die Neue Zürcher Zeitung

1939

Die Neue Zürcher Zeitung nahm im Frühjahr 1939 dreimal in Sonntagsausgaben in umfangreichen Artikeln kritisch zu Barths Schriften und Reden über den politischen Themenbereich Stellung. Am 19.2. kam ein Rezensent in dem Artikel «Um und von Karl Barth» nach einer Skizzierung des Vertrags «Die Kirche und die politische Frage von heute»1 noch zu dem positiven Schluß2: «Man wird sich dem mächtigen Eindruck dieser leidenschaftlichen, aus persönlichem Erleben geschöpften Ausführungen nicht leicht entziehen. Ein politischer Theologe ist und bleibt zwar ein Unbehagen, und in Karl Barth wird die Öffentlichkeit nie nur den stimmberechtigten Schweizerbürger, sondern stets den Lehrer der Kirche hören. Eigentümlich klingt es auch, wenn neben dem Kampf gegen den Nationalsozialismus der Widerstand gegen den Kommunismus bagatellisiert wird. Aber es fehlt neben dem Strafgericht nicht der Ruf zur Buße und zur Einkehr. So muß man diesem Vortrag viele nachdenkliche Leser wünschen – zur Kopfklärung!» Vierzehn Tage später hieß das Resümee des Leitartikels «Kirche und Politik», derauf den gleichen Vortrag einging3: «Der Christ erwartet mit Recht von seinen Geistlichen, daß sie für das Heil der Menschen im Vertrauen auf Gottes Wort und Gnade wirken. Gerade die besten Glieder der Gemeinde wissen, daß augenblickliche Vorteile eines sogenannten mutigen Zugreifens eines Geistlichen in politischen Fragen einem viel tieferen, dauernden Nachteil rufen. Innere Freiheit von der Welt, tiefer Glaube und Opfergesinnung mitten in der Welt mit ihrem Irren und Ringen, ihrer Sehnsucht und Not, mit der rauhen Wirklichkeit des Lebens vertraute Führer voll tiefer Erfahrung dienen dem Volk mehr als Geistliche, die politisch gebunden sind.» In der zweiten Sonntagsausgabe des 23. April 1939 erschien dann ein vierspaltiger Leitartikel von «Sdt» «Auseinandersetzung mit Karl Barth».4 Darin hieß es:

177Karl Barth hält den Versuch einer schweizerischen Kulturwahrung […] für einen gefährlichen Ausfluß neudeutscher Gedankengänge. Deshalb verurteilt er das unter dem «Titel der geistigen Landesverteidigung ersonnene Spottgebilde eines neuen helvetischen Nationalismus»5 […]. Diese Angriffe ergänzt ein Anhänger Barths, Dr. Arthur Frey vom Evangelischen Pressedienst, indem er behauptet, wer das nationale Interesse in den Mittelpunkt aller Bestrebungen stelle, wer dem «Mythus des 20. Jahrhunderts»6 einen Mythus der schweizerischen Freiheit entgegenstelle, befinde sich auf geradem Wege zum totalen Staat …7 Man wird rechtzeitig der Gefahr vorbeugen müssen, daß die bescheidenen Ansätze, welche heute für die planvolle Wahrung der schweizerischen Kultur geschaffen sind, an solchen und ähnlichen Widerständen zugrundegehen. […]

Gewiß muß das Schweizervolk gegen jeden Versuchs des Auslandes, ihm neben der völkerrechtlichen auch eine gesinnungsmäßige Neutralität aufzuerlegen, mit Entschiedenheit Front machen. Doch wenn sich die Mehrheit dieses Volkes die aus der Transzendenz abgeleitete und daher besonders unversöhnliche Haltung Barths zu eigen machte, würde es schwer halten, auch nur die völkerrechtlichen Konsequenzen einer unbedingten Neutralität in unserem Lande durchzusetzen. […]

Wohl anerkennen er und seine Schüler, daß die Demokratien vor der Würde des menschlichen Gewissens mehr Respekt empfinden als die Diktaturen; doch verwerfen sie die liberale Lehre von der Autonomie der menschlichen Vernunft, aus welcher die demokratische Gewissensfreiheit hervorgegangen ist. Nach ihrer Ansicht ist die Demokratie wie jeder Staat nur zum Kampf gegen die Sünde berufen, zum Schutz der Rechtsordnung. Zur Erfüllung dieser Aufgabe benötigt er keine Autorität, sondern nur Macht und Gewalt, die ihrerseits enge Schranken findet an Freiheit, Recht und Verantwortung des einzelnen Christen. […]

178Wirken Barths politische Anschauungen sich praktisch in einer Degradierung der öffentlichen Initiative, in einer Verdünnung der staatlichen Substanz aus, so erhöht sein kirchliches Programm einer «äußeren und inneren Einheit und Ordnung», einer «Neubegründung der Theologie und des Bekenntnisses»8 um so deutlicher den Rang der reformierten Kirchen. […]

Der Artikel endete mit dem Absatz:

Karl Barth hat sich ohne Zweifel ein Verdienst um unser Volk erworben, als er manchem Harmlosen und Gutgläubigen die unheilige Art der nationalsozialistischen Doktrin und Politik eindringlich vor Augen führte. Doch dieses Verdienst darf uns nicht blind machen für die Gefahren, welche seine praktische Haltung für die Schweiz in sich schließt. Seine Lehre beeinträchtigt die Wahrung der schweizerischen Kultur nach den Beschlüssen der eidgenössischen Räte. Sie erschwert die Außenpolitik der unbedingten Neutralität, zu welcher der Bundesrat sich selbst, die Räte und das Volk in einer feierlichen Erklärung verpflichtet hat. Sie setzt den Rang des Staates unter den Gestaltungskräften des öffentlichen Lebens über Gebühr herab. Sie könnte unter Umständen den verborgenen Gegensatz zwischen den Konfessionen in einen lauten Glaubenskampf verwandeln; auf jeden Fall ist sie geeignet, im protestantischen Lager Unfrieden, Unsicherheit, Zersplitterung hervorzurufen. In ihrer Gesamtheit könnten diese Wirkungen die Widerstandskraft der Eidgenossenschaft schwächen.

Daraufhin schrieb Barth am 26.4. an die NZZ, er habe den Artikel «trotz seiner meinen Überzeugungen entgegengesetzten Tendenz mit einer gewissen aufrichtigen Sympathie gelesen und erwäge die Frage, ob ich ihn nicht öffentlich beantworten sollte.

Darf ich Sie 1. fragen, ob ich gegebenen Falles damit rechnen dürfte, daß Sie eine solche Antwort unter den gleichen Bedingungen wie den Artikel selbst (d.h. in ähnlichem Umfang und so, daß eine evtl. Replik Ihres Mitarbeiters Sdt. erst in einer folgenden Nummer erscheinen würde) in die N.Z.Z. aufnehmen würden?

Und darf ich Sie 2. bitten, Ihren Mitarbeiter Sdt. zu fragen, ob er mir nicht seinen Namen nennen will. Er wird Verständnis dafür haben, daß ich, bevor ich mich dazu entschließe, mich ihm öffentlich zu stellen, wissen möchte, mit wem ich es zu tun habe.»

179Die Neue Zürcher Zeitung erklärte am 27.4. mit einem Brief des Chefredaktors W. Bretscher ihre prinzipielle Zustimmung zu Barths Vorschlag: «Dabei setzen wir voraus, daß Ihre Erwiderung im Umfang nicht größer wäre als der erste Artikel und in einer Art gehalten würde, die uns die Veröffentlichung erlaubt. Eine Replik unseres Sdt.-Mitarbeiters würde gemäß Ihrem Wunsche erst später in der ‹N.N.Z.› erfolgen.

Unser Mitarbeiter hat uns ermächtigt, Ihnen seinen Namen zu Ihrer persönlichen Orientierung, nicht zur Bekanntgabe in einer weiteren Öffentlichkeit, zu nennen. Es ist dies Herr Dr. Georg C. L. Schmidt, Redaktor des ‹Freisinnigen› in Wetzikon.»9

Daraufhin verfaßte Barth einen Text für die Neue Zürcher Zeitung, der unter der von Barth gewählten Überschrift «Notwendige Gefahren!» am Mittwoch, dem 3.5.1939, in der Abendausgabe abgedruckt wurde.10 Ihm folgten noch zwei Artikel zum Thema, zwei Tage später eine Replik von «Sdt.», in der Schmidt seinen Standpunkt verteidigte11, und am 10.5. eine Zuschrift von Barths Freund Arthur Frey, der Barths Position unterstützte.12

Notwendige Gefahren!

Unter diesem Titel, der gleich erklärt werden soll, möchte ich eine Antwort geben auf den in Nr. 711 vom 23. April 1939 in der «N.Z.Z.» erschienenen Aufsatz von Sdt. «Auseinandersetzung um Karl Barth».

Vorweg sei gesagt, daß ich diesen Aufsatz gerne gelesen habe und darum auch gerne meine Meinung dazu sage. Wem es beschieden ist, sich von den verschiedensten Seiten häufig und eifrig widersprechen lassen zu müssen, der ist dankbar, wenn ihm neben viel anderem von Zeit zu Zeit auch eine solche Polemik begegnet, die ihn nicht in ir|180gendwelche Mißverständnisse verwickelt, sondern die in runder klarer Erfassung und Feststellung des Gegensatzes den Ernst der wirklichen Fragen so aufdeckt, daß man selber neu zu denken bekommt. Der Rest kann ja so oft nur polemisches Schweigen sein in diesem Erdental! Was für eine Erquickung, wenn man auch einmal so bestritten wird, daß man darauf hören und dann auch seinerseits etwas dazu sagen mag! In diesem Sinn darf ich meinem Angreifer, den ich im übrigen nicht kenne, vorerst die Hand drücken.

Also mir wird vorgehalten, daß meinen Haltung «Gefahren» – wenn ich recht verstanden und gezählt habe: vier Gefahren für die Schweiz in sich schließe. Die vier Punkte sind von Herrn Sdt. richtig gesehen und (von einigen Nebendingen abgesehen) auch richtig dargestellt. Und er hat auch darin ganz recht, daß er von «Gefahren» redet. Die Meinungsverschiedenheit besteht nur darüber: ob es sich hier nicht um notwendige Gefahren handelt – um solche Gefahren, die wir heute in der Schweiz notwendig unvermeidlich laufen und auf uns nehmen müssen, weil es noch gefährlicher wäre, wenn wir ihnen etwa ausweichen wollten? Herr Sdt. und alle, die mir gegenüber mit ihm eines Sinnes oder ähnlichen Sinnes sind, werden mir ja zugeben, daß es auf allen Lebensgebieten (in persönlichen Beziehungen, im Geschäftsleben, in der wissenschaftlichen Forschung usw.) neben unnötigen auch solche notwendigen Gefahren gibt: so manches wirkliche und echte Risiko, das man darum auf sich nehmen muß, weil das Risiko, es nicht auf sich zu nehmen, noch viel größer wäre. Wird man das «gefährliche Leben»13 vernünftigerweise nicht geradezu zum Prinzip erheben, so wird man sich doch je und je einem gefährlichen Leben auch nicht grundsätzlich verweigern dürfen. Indem ich also Herrn Sdt. zugebe, daß man die von ihm berührten vier Punkte in meiner Haltung in der Tat als «Gefahren» für die Schweiz bezeichnen kann, möchte ich ihm die Fragen entgegenhalten: ob er nicht seinerseits Verständnis dafür gewinnen kann, daß es sich hier nicht um unnötige und vermeidliche, sondern eben um notwendige Gefahren handelt? Unter diesem Gesichtspunkt sei ihm und allen, denen er aus dem Herzen gesprochen haben mag, kurze Antwort gegeben:

1811. «Seine Lehre beeinträchtigt die Wahrung der schweizerischen Kultur», hat er von mir gesagt. Er meint damit, daß «die bescheidenen Ansätze, welche heute für planvolle Wahrung der schweizerischen Kultur geschaffen sind», an meinem Widerspruch gegen einen «neuen helvetischen Nationalismus» zugrunde gehen könnten. Nun, ich sehe ein, daß eine Warnung wie die, die ich in dieser Richtung tatsächlich ausgesprochen habe, wenn sie schlecht, das heißt, wenn sie bloß negativ, wenn sie als Einladung zur Gleichgültigkeit oder gar zur Destruktion verstanden würde, diese Wirkung haben könnte. Ich sehe ein, daß sie insofern «gefährlich» ist. Aber ist diese Gefahr, gerade wenn man die Aufgabe der «Wahrung der schweizerischen Kultur» (wie ich es auch tue) bejaht, zu vermeiden? Sind wir der «schweizerischen Kultur» getreu, wenn wir ganz bestimmt ausländischen Vorbildern folgend, nun ebenfalls «das nationale Interesse in den Mittelpunkt aller (!) Bestrebungen stellen», wenn wir nun ebenfalls einen Mythus, den «Mythus der schweizerischen Freiheit» uns anschaffen und pflegen, wenn wir nun ebenfalls eine Art geistiger Autarkie auf der Grundlage unseres viersprachigen Volkstums proklamieren, wenn wir nebenbei nun ebenfalls in Antisemitismus zu machen beginnen, wenn wir nun ebenfalls Kultur mit Heimatschutz verwechseln? Ich frage: Ist die schweizerische Kultur, die wir alle lieben und behalten wollen, auf diesem Wege zustandegekommen? Hat etwa irgendeiner von den wirklich großen Trägern schweizerischer Kultur in der Vergangenheit (ich brauche keine Namen zu nennen) «das nationale Interesse in den Mittelpunkt aller seiner Bestrebungen gestellt»? Und kann diese Kultur auf diesem Wege erhalten werden? Ich frage: Wohin ist es mit der doch auch auf ganz anderen Wegen gewonnenen Kultur gewisser Nachbarn gekommen, indem sie den Weg solcher «Wahrung» betreten haben? Und ich frage: Wollen wir unsere Kultur wirklich wahren, ist dann die «Gefahr» jener Warnung vermeidlich, ist sie dann nicht eine notwendige Gefahr? Ist es dann nicht doch noch gefährlicher, vor dieser Warnung zu warnen, als der Gefahr solcher Warnung mutig ins Gesicht zu sehen?

2. Seine Lehre «setzt den Rang des Staates unter den Gestaltungskräften des öffentlichen Lebens über Gebühr herab». Ich tue das nach Herrn Sdt. damit, daß ich von der Begrenzung des Staates durch «Freiheit, Recht und Verantwortlichkeit des einzelnen Christen» und |182 vor allem durch die freie Verkündigung des Evangeliums rede, statt in Anerkennung der «liberalen Lehre von der Autonomie der Vernunft» eine «unbedingte Bejahung» der Demokratie zu vollziehen. Wieder sehe ich vollkommen ein, daß an jener Grenze allerlei Unheil (z.B. politische Indifferenz oder auch Schwärmerei) Platz greifen könnte und daß die Erinnerung an diese Grenze insofern «gefährlich» ist. Aber nicht wahr: Was wir alle wollen, das ist doch unser schweizerischer, und damit meinen wir: ein rechter, wirklich der demokratische Staat, der auf die gemeinsam getragene und in Freiheit ausgeübte politische Verantwortung aller seiner Bürger aufgebaut ist und dessen Leben sich nach Verfassung und Gesetz in einem öffentlich kontrollierbaren Raume abspielt. Und nun frage ich: Kann etwa dieser Staat entstehen und in dem ihm gebührenden Rang unter den Gestaltungskräften des öffentlichen Lebens Bestand haben, ohne eben das, was ihn – gefährdet? Kann gerade dieser Staat sich selbst für «unbedingt» halten, sich selbst zum absoluten, zum totalen Staat erheben wollen? Liegt es nicht gerade in seinem Wesen, ist es für ihn nicht geradezu Staatsnotwendigkeit (mit deren Mißachtung er sich selbst aufgeben würde), seine Begrenzung zu anerkennen? Weil er ja unter allen Umständen nur von dieser Begrenzung her begründet sein und Bestand haben kann? Welches aber kann diese Begrenzung sein? Die Gewissensfreiheit? Wohl, ich widerspreche nicht. Ich frage aber, ob darunter wirklich die Freiheit der «autonomen Vernunft» verstanden werden kann? Ob dieser Begriff nicht zu zweideutig ist, um diejenige Instanz zu bezeichnen, die unter allen Umständen sowohl die individualistische Auflösung (die Anarchie) als auch die kollektivistische Erstarrung des Staates (die Tyrannei) und so oder so die «Verdünnung der staatlichen Substanz» und schließlich die Zerstörung des Staates von links oder von rechts her verhindern wird? Ob der Staat nicht um seiner selbst willen, um seine Ehre als Staat wirklich zu haben, eines radikaleren Gegenübers bedarf, von dem her der Mensch als Individuum und als Kollektiv endgültig zu echter Gewissensfreiheit, eben damit aber auch zur Ordnung, zur Staatlichkeit gerufen ist? Nun, dieses radikale Gegenüber meinen wir, wenn wir von der «freien Verkündigung des Evangeliums» oder von «Freiheit, Recht und Verantwortlichkeit des einzelnen Christen» als von der Grenze des Staates reden. Ich weiß, wie oft auch in dieser Verkündigung gerade in |183 politischer Hinsicht (nach der einen oder nach der anderen Seite) menschlich gefehlt worden ist. Ich weiß also, daß es «gefährlich» ist, an diese Grenze zu erinnern. Aber ist es vermeidlich? Man sage mir: von woher meint man denn unseren, einen rechten Staat begründen und erhalten zu können, wenn nicht von daher? Wo sonst gedenkt man denn etwa heute, wo das so nötig ist, schweizerische Sozialisten und schweizerische Liberale, Bürger, Arbeiter und Bauern, Deutschschweizer und Welschschweizer wirklich sammeln zu können, als in dieser Erinnerung? So lange aber erlaube man mir, zu behaupten, daß es für unseren Staat noch viel gefährlicher wäre, gerade diese Erinnerung als staatsgefährlich verdächtigen und unterdrücken zu wollen.

3. Seine Lehre «erschwert die Außenpolitik der unbedingten Neutralität». Das geschieht nach Herrn Sdt. damit, daß ich in Bejahung der militärischen Landesverteidigung eine «aus der Transzendenz abgeleitete und daher besonders unversöhnliche Haltung» dem mutmaßlichen Kriegsgegner gegenüber an den Tag lege, die, wenn sie die allgemeine wäre, unsere außenpolitischen Beziehungen gefährden müßte. Ich gebe auch hier zu, daß der Einwand materiell ganz richtig ist. Meine Meinung ist allerdings die, daß es sich in dem heute im Bereich des Möglichen liegenden Krieg für uns nicht nur um die Verteidigung der schweizerischen Neutralität und auch nicht nur um die unserer Grenzen, sondern auch – und zwar erstlich und entscheidend um die Verteidigung des rechten Staates (den wir uns in der Schweiz erhalten wollen) gegen dessen Umsturz, gegen die «Revolution des Nihilismus»14 handeln wird. Dafür unsere Söhne und Brüder ins Feuer zu schicken und uns selber mit Bomben bewerfen zu lassen, wird unter allen Umständen geboten und lohnend sein. Dafür eintretend, kann man dem Tode und – was schlimmer ist, dem Tötenmüssen entgegensehen. So denke ich allerdings. Und es entspricht auch das der Wahrheit, daß diese meine Begründung der heute in Frage stehenden Landesverteidigung «aus der Transzendenz abgeleitet» ist und daß sie als solche augenblicklich, d.h. in dem relativen Frieden, dessen wir uns noch erfreuen dürfen, für unsere politischen Beziehungen «gefähr|184lich» ist. Aber nun frage ich wieder: Wenn die völkerrechtliche Neutralität der Schweiz unsere «gesinnungsmäßige» Neutralität nun einmal auch nach Herrn Sdt. nicht in sich schließt (täte sie es, so wäre sie die Zerstörung der Wurzel unserer staatlichen Existenz, nämlich unserer Entscheidung für einen rechten Staat!), soll dann diese Gefahr vermeidbar sein? Wäre es nicht noch viel gefährlicher, unser Volk zu dem Gedanken anzuleiten, daß es sich in dem das heutige Europa bewegenden Gegensatz ja doch nur um den Kampf zweier «Ideologien» handle, dem wir in dem Sinn neutral gegenüberstehen könnten, wie es etwa in den Gegensätzen des Krieges von 1870/71 oder noch des Weltkrieges möglich und geboten war? Wäre es nicht noch viel gefährlicher, andere, ernsthaftere Saiten hinsichtlich der Begründung unserer Wehrbereitschaft erst dann aufziehen zu wollen, wenn unser Haus in Flammen steht? Sich dann erst nach einer «aus der Transzendenz abgeleiteten» Begründung des uns zugemuteten Opfers umsehen zu wollen? Ich frage: Soll und kann uns dann gesagt werden, daß jetzt für den Beschluß des Wiener Kongresses von 1815 oder für die abstrakte Idee unserer «Schweizergrenzen» alles gewagt werden müsse? Oder wird man dann nicht froh sein, wenn etliche unserem Volk schon vorher gesagt haben, daß und warum es wirklich und letztlich notwendig ist, sich in so große Nähe der «Transzendenz» zu begeben, wie es dann vom letzten Füsilier und schließlich von uns allen gefordert sein wird? Muß nicht uns allen jetzt schon gesagt werden, daß es um einen allerdings «unversöhnlichen» Gegensatz gehen wird, um einen solchen Gegensatz, in welchem man nicht auch anders können wird? Und muß das nicht gesagt werden auch auf die Gefahr hin, daß es unserer Diplomatie augenblicklich nicht ganz bequem ist? Die Gefahr, daß wir dann, wenn es ums Ganze gehen wird, vor lauter Neutralität nicht wissen könnten, daß es ums Ganze geht, und daß wir dann versagen könnten –, diese Gefahr ist größer. Und darum trete ich allen Ernstes dafür ein, daß wir die kleinere Gefahr wählen.

4. Seine Lehre ist geeignet, zwischen den Konfessionen und im protestantischen Lager selbst «Unfrieden, Unsicherheit, Zersplitterung hervorzurufen». Darum nämlich, sagt Herr Sdt., weil ich auf die Einheit des kirchlichen Bekennens und Bekenntnisse[s] hinarbeite. In der Tat: das tue ich. Ich kann unter keinem Gesichtspunkt einsehen, warum es nicht so sein müßte, daß man in der reformierten Kirche ganz |185 anders bestimmt wüßte und sagen könnte, warum wir nun eben nicht katholisch sind und wieso unsere reformierte Kirche als solche nicht eine ganz anders einhellige und einmütige Botschaft haben sollte. Ich sehe wohl, daß das «gefährlich» ist: ich habe ganz und gar keine Sehnsucht nach den Zuständen des 17. Jahrhunderts oder nach irgendeinem modernen Pfaffentum (ich meine etwas Derartiges auch nie vertreten zu haben!), und es ist mir doch nicht verborgen, daß das, was ich meine und will, unseligerweise dennoch zu Derartigem führen könnte. Aber ich halte allerdings eine andere Gefahr für viel aktueller und größer, auch für die Gegenwart und Zukunft der schweizerischen Eidgenossenschaft: die nämlich, daß die Kirche in ihrem Bereich vor lauter falsch verstandener Weitherzigkeit und Duldsamkeit gar nicht in der Lage sein könnte, vernehmlich und verbindlich zu reden, weil eines ihrer Worte das andere aufhebt, und daß es dann unserem Staate an jenem radikalen Gegenüber (vgl. 2), dessen er zu seiner Existenz bedarf, fehlen möchte, daß der Mensch dann von nirgendsher zu echter Gewissensfreiheit und so zur Ordnung, zur Staatlichkeit gerufen werden möchte. Ist diese Gefahr nicht längst weit mehr als eine Gefahr, während die Streitbarkeit und Ausschließlichkeit einer reformierten Orthodoxie, die mit so vielen geistigen Kindern des 19. Jahrhunderts auch Herr Sdt. so sehr zu fürchten scheint, doch eben schlimmstenfalls eine drohende Gefahr ist? Geht es auf die Länge an, um dieser Gefahr willen an der größeren Gefahr, nein: an der schon lange brennenden Not vorbeizuziehen, daß gerade «Unfriede, Unsicherheit und Zersplitterung» (nicht von mir geschaffen, sondern unser aller Erbe von den letzten Jahrhunderten her) unsere Kirche so ohnmächtig machen, wie sie es ist, daß heute im Namen der Kirche und unter dem Titel des Evangeliums ungestört auch Lehren vorgetragen werden können, die unserem Staat, sei es von der individualistischen, sei es von der kollektivistischen Seite her ans Leben gehen, daß kein Politiker heute wissen kann, mit wem oder was er es in der reformierten Kirche zu tun hat? Geht es an, schon vor dem Prinzip der kirchlichen Einheit, schon vor der Frage danach sein Haupt zu verhüllen, als hätte man den leibhaftigen Bösen gesehen? Kann es die ernstliche Meinung des Herrn Sdt. sein, die Arbeit an der Überwindung jener Not darum diskreditieren zu wollen, weil es gegen allerhand Unglücksfälle auch auf diesem menschlichen Weg allerdings kei|186ne Garantien gibt? Und kann es der Wille unseres Volkes sein, daß in Theologie und Kirche weiter gewurstelt werde wie bisher, bevor auch nur ernstlich erwogen ist, wie eine Besserung in dieser Sache heute (im Unterschied zu gewissen Schreckensphantasien aus der Zeit des ersten oder zweiten Villmerger Krieges!15) sinnvoll anzugreifen und durchzuführen wäre? Irre ich mich, wenn ich den Eindruck habe, daß Herr Sdt. die Dinge an diesem Punkt nun doch etwas zu sehr von außen sieht und allzusehr nach den Denkgewohnheiten des 19. Jahrhunderts beurteilt und darum die in Frage stehende «Gefahr» nun doch größer macht, als sie ist? Ich will sie meinerseits nicht kleiner machen, als sie ist; aber ich möchte Herrn Sdt. auch hier ernstlich fragen: ob er sich nicht denken könnte, daß die andere Gefahr noch größer ist und daß es dann auch in dieser Hinsicht gefährlicher wäre – Angst zu haben?

Dieses ist es, was ich seiner «Auseinandersetzung um Karl Barth» in freund-eidgenössischer Teilnahme an seinen Sorgen gegenüberstellen wollte.

Karl Barth

Sachfußnoten

1
Vortrag vom 5.12.1938, Zollikon 1939; auch in: Schw.St. S. 67–107 📖. ↩
2
Verfasser «K. F.», Jg. 160, Nr. 308, 19.2.1939 📖.↩
3
Verfasser «J. B. T.», Jg. 160, Nr. 401, 5.3.1939 📖.↩
4
Jg. 160, Nr. 711, 23.4.1939 📖.↩
5
a.a.O. (s. Anm. 1), S. 78 📖. ↩
6
Titel des Buches von A. Rosenberg 📖, von Barth zitiert a.a.O., S. 86 📖. ↩
7
A. Frey, Die Sorge unseres Staates und die Not unserer Kirche, Zollikon o. J. (1938), S. 46–49, s. auch S. 165 📖.↩
8
a.a.O. (s. Anm. 1), S. 101 📖. ↩
9
Demnach steht hinter dem Kürzel «Sdt.» nicht Prof. Max Silberschmidt. (So Fr. Jehle, Lieber unangenehm laut als angenehm leise. Der Theologe Karl Barth und die Politik 1906-1968, Zürich 1999, S. 80 📖.)↩
10
Abendausgabe, Nr. 782 📖.↩
11
Weshalb neue Gefahren heraufbeschwören?, 5.5.1939, Abendausgabe, Nr. 797 📖. ↩
12
Schwächung oder Stärkung?, 10.5.1939 📖. ↩
13
Möglicherweise Anspielung auf das Buch von B. B. Lindsey, Das gefährliche Leben, Stuttgart 1931 📖 (amerik.: The dangerous life).↩
14
Anspielung auf das Buch von Hermann Rauschning, Die Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich, Zürich/New York 1938 📖. ↩
15
Kriegerische Auseinandersetzungen in der Schweiz wegen konfessioneller Fragen 1656 und 1712.↩