Arthur Caspersz Cochrane (*1909) aus Kanada hatte sich 1936/37 in Deutschland im Hause des Pastors Hermann Albert Hesse, des Moderators des Reformierten Bundes in (Wuppertal-)Elberfeld1, aufgehalten, um Material für das Thema seiner Dissertation, «The Relation of Karl Barth to the Confessions and Catechisms of the Reformed Churches», zu sammeln, und Barth zweimal besucht.2 Er war Barth auch 1937 in Aberdeen begegnet, als Barth dort den ersten Teil seiner Gifford-Lectures vortrug.3 Als Hesse im Mai 1937 keine Reiseerlaubnis zur Tagung des Reformierten Weltbundes in Montreal erhielt, hatte Hesse Barth vorgeschlagen, Cochrane die deutschen Reformierten in Montreal vertreten zu lassen und das Anliegen vorzubringen, die Tagung möge sich auf den Boden der Barmer Erklärung stellen.4 Diesen Wunsch hatte sich Barth sogleich zu eigen gemacht.5 Doch konnten beide Ziele letztlich nicht erreicht werden.6
Von Tillsonburg, Ontario, wo Cochrane 1938-1942 an der St. Andrew’s Presbyterian Church als Reverend wirkte, schrieb er am 19.10.1939 an Barth, nachdem am 10.9. das Parlament des Staates Kanada (Dominion im Rahmen des British Commonwealth of Nations) fast einhellig den Krieg gegen Deutschland beschlossen hatte:
188Dear Dr. Barth, I am writing to you on behalf of those in our Presbyterian and United Churches in Canada who have been led to understand in a measure the witnss of the Reformation through your writings. We seek advice concerning the position of the Church in our country toward the war. We have studied your recent works, – the Gifford Lectures7, Rechtfertigung und Recht8, and your letters to the Prague theological professor and to the students in Budapest, Hungary.9 Yet these works do not seem to answer the question put to us in our own country of Canada.
Like Switzerland our Canadian State does not confront the Church as the «Beast out of the Abyss»10, and we recognize the right of our government to defend itself against Germany or Russia. But the question in our minds is this: Is Canada, and are France and Great Britain waging a defensive war? Are they not waging an imperialistic war? Was Britain justified in making a pact with Poland11, and then fighting on the basis of that pact?12 Is the German contention not correct: «We are fighting to right a wrong; our enemies are fighting to maintain a wrong»?13
189Switzerland has not yet been attacked. Do you hold that nevertheless Switzerland should not remain neutral but should take up arms with Britain and France? And do you hold that likewise Canada and the United States should not remain neutral?
In the above mentioned works you have written that the criterion of a just State is its attitude and conduct towards the Church’s proclamation of the Word of justification.14 But could not the State be unjust and wage an unjust war, and at the same time grant freedom to the Church? And what would be the criterion of a just State when the Church was not preaching the Word of justification, when the Church had become almost completely secularized, when the Church was merely «a loyal part of the British Empire», when the Church was proclaiming democratic ideals and identifying these with Christianity? Could not the freedom which the State here grants to the Church not be a sign of the denial of Jesus Christ by both Church and State, – a denial every bit as real as the denial by the German State? And must not the Church then be pacifist in the Situation?
Sincerely, Arthur C. Cochrane
In einer Nachschrift erbat Cochrane
Barths Antwort an eine Adresse in den USA, von wo aus sie dann an ihn weiterbefördert würde, und ermutigte ihn, in deutscher Sprache zu antworten. Das tat Barth am 18.11.1939.
Am 2.1.1940 erhielt Barth ein Telegramm: MAY I HAVE PERMISSION USE YOUR LETTER WITHOUT COMMENT PREFACE MY BOOK CHURCH AND THE WAR WHICH ATTEMPTS ANSWER QUESTION YOU BELIEVE CONFRONTS US HERE – ARTHUR COCHRANE.15 Barth telegraphiert am nächsten Tage zurück: YOU MAY. BARTH.16 Am 8.1.1940 bedankte sich Cochrane für diese Erlaubnis und versicherte Barth, er werde dessen Brief so einleiten: «I should like to be distinctly understood that the inclusion of Professor Barth’s letter in this book in no way implies |190 that he would subscribe to all the views expressed in the following chapters.» Cochrane fügte eine Inhaltsübersicht über die Kapitel seines Buches bei und kam am Schluß noch einmal auf die Frage zu sprechen, die ihn am meisten bedrängte.17 Bartbs Brief an Cochrane wurde – in englischer Übersetzung – vollständig in «The Church and the War» innerhalb des «Preface. With A Letter From Karl Barth» abgedruckt, nachdem Cochrane den oben zitierten Satz vorangestellt und den Inhalt seiner drei Anfragen an Barth zusammengefaßt hatte.18 Über die Reaktion urteilte Cochrane später: «I am unable to give sources and texts of reactions to Barth’s letter. But it clarified the issues for many of us and strengthened our support of Canada’s entry into the war against Nazi Germany.»19
Cochrane nahm 1945, als er Reverend an der St. Andrew’s Presbyterian Church in Port Credit, Ontario, war (1942–1948), die Verbindung zu Barth wieder auf20 und setzte sie als Professor für Systematische Theologie am Dubuque Theological Seminary (1948–1971), wo zeitweise auch Barths Sohn Markus als Theologe wirkte, fort: Er besuchte Barth 1957 und 195921, übersetzte 1953 Otto Webers «Karl Barths Kirchliche Dogmatik»22 und schrieb eine Vielzahl von Artikeln über Themen, die mit Barth zusammenhingen.23
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Lieber Herr Dr. Cochrane!
Es hat mich sehr gefreut, wieder einmal von Ihnen zu hören. Irre ich mich, wenn ich meine, daß irgend ein früherer Brief von Ihnen von mir noch nicht beantwortet ist? Das kommt bei mir so leicht vor. Umso mehr möchte ich mich nun beeilen, zu Ihren Fragen zu sagen, was ich dazu sagen kann.
1. Ich bin mit Ihnen der Meinung, daß England und Frankreich in diesem Krieg auch für ihre Imperien kämpfen. Das ist auch von den verantwortlichen Führern beider Länder offen zugegeben worden. Ebenso geschieht z.B. die schweizerische Grenzbesetzung, da die Schweiz kein Imperium zu verteidigen hat, auch ganz nüchtern um ihrer Existenz und Unabhängigkeit willen. Es würde praktisch niemand Krieg führen oder zum Kriege rüsten, wenn er nicht auch seinen großen oder kleinen Besitz zu verteidigen hätte.
Wenn es England und Frankreich nur um die Sache des internationalen Rechtes gehen würde, dann hätte der Vertrag zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei24 schon vor einem Jahr zum Krieg führen müssen, oder spätestens im April diesen Jahres.25
Man wird nun aber andererseits weder von jenem (1938 nicht gehaltenen) französischen noch von dem englischen Vertrag mit Polen, der nun der direkte Anlaß zum Kriege war, sagen können, daß sie nur den imperialistischen Zielen jener beiden Völker dienten. Auch die Neutralität der Schweiz hat nicht nur den Sinn, dieser ihren Besitz als solchen zu garantieren. Sondern alle solchen Verträge haben (abgesehen von ihrem sozusagen «egoistischen» Sinn) tatsächlich auch die Bedeutung, an irgend einem Punkte des Zusammenlebens der Völker Recht aufzurichten, inmitten der verschiedenen «egoistischen» Aspi|192rationen und Bestrebungen etwas Gleichgewicht und damit etwas Ordnung herzustellen. (Genau so wie die Existenz des Staates mit seiner Verfassung und Gesetzgebung innerhalb des betreffenden Volkes!)
Indem England nun zu seinem Vertrag mit Polen gestanden und seinetwegen Deutschland den Krieg erklärt hat, kämpft es – man kann und muß das sagen, ohne seinen und den französischen Imperialismus zu übersehen und in Abrede zu stellen – auch für Recht und Ordnung und insofern für den rechten Staat im Zusammenleben der Völker. Ob nun Deutschland mit seinen verschiedenen Ansprüchen (auf Österreich, auf das Sudetengebiet, zuletzt auf Danzig und den Korridor26 … was wäre noch Alles gekommen? die deutsche Schweiz konnte eines Tage auch genannt werden!) im Recht oder im Unrecht war: Eines ist sicher, daß es (entsprechend der innern Politik Hitlers in Deutschland selber!) gar nicht erst nach Recht und Unrecht gefragt, sondern durch eine Gewaltdrohung nach der andern Tatsachen geschaffen und seine Ansprüche nach den Methoden eines Gangsters (der ja vielleicht materiell auch ein Stück weit «Recht» haben könnte) durchgesetzt hat. Auf diesem Wege ist Hitler nun auf einmal auf den polnisch-englischen Vertrag gestoßen und auf die Tatsache, daß England diesen (im Unterschied zu Frankreich 1938) halten wollte. Also auf den englischen Imperialismus? Ja, auch: es war offenbar nicht im Interesse des englischen Imperiums, jetzt ein weiteres Mal nachzugeben. Aber nicht nur: die Tatsache, auf die Hitler stieß, war doch auch das Stück internationaler Ordnung, das der polnisch-englische Vertrag darstellte, und insofern doch ein Stück vom «rechten Staat», das sich jetzt dem Gangster auf einmal in den Weg stellte.
Daß diese Deutung richtig ist, scheint mir durch das bestätigt zu sein, was England und Frankreich bisher als ihre Kriegsziele bekannt gemacht haben. Beachten Sie, wie das Problem der Durchführung des |193 polnisch-englischen Vertrags längst völlig zurückgetreten ist gegenüber der Aufgabe, der durch die hitlerisch-deutsche Methode geschaffenen allgemeinen Gefahr als solcher entgegenzutreten. Mag man den Imperialismus der Alliierten noch so stark betonen und mag in den Reden und Erklärungen, in denen sie dieses weitere grundsätzliche Kriegsziel verkündigt haben, noch so viel «Cant»27 sein: es war gewissermaßen zwangsläufig, daß das Kriegsziel nun eben dieses werden mußte.
2. Die besonderen Pflichten der einzelnen Staaten zur gemeinsamen Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung ergeben sich aus ihrer besonderen Geschichte und Stellung. Der gegenwärtige Konflikt geht in seinen Ursachen zunächst auf den Vertrag von Versailles zurück, sodann auf das Verhalten der Versailler Siegermächte seither. Gewiß nicht nur darauf. Aber auch darauf! Ohne das alles gäbe es keinen Hitler, kein Gangsterdeutschland. Die in dieser Sache Verpflichteten sind also zunächst England und Frankreich. Ob die Ordnung von 1919 eine gute Ordnung war, ist eine Frage für sich. Es waren aber die, die sie aufgerichtet haben, dafür verantwortlich, daß sie jedenfalls nicht durch die grundsätzliche Unordnung abgelöst werde. Ihre Sache war es zunächst – wäre es vielleicht schon viel früher gewesen –, dem Hitlersystem des Terrors entgegenzutreten.
Die Sache der Schweiz konnte und kann das zunächst nicht sein. Sie ist bei der Aufrichtung der Ordnung von Versailles nicht beteiligt gewesen. Ihre Beteiligung an der Wiederherstellung eines gewissen Rechtszustandes kann zunächst nur darin bestehen, daß sie dafür sorgt, daß der sie angehende Teil der europäischen Ordnung, d.h. aber die Neutralitätsakte von 181528, unter allen Umständen aufrecht erhalten bleibt. Wenn Hitler sich eines Tages auch an dieser Sache, für die wir verantwortlich sind, vergreifen wollte, dann würden wir damit, aber erst damit am Kampf legitim und notwendig beteiligt sein. Gerade um des wohlverstandenen Sinnes dieses Krieges willen kann die Schweiz ihre Neutralität nicht etwa von sich aus aufheben.
194Was Amerika betrifft (U.S.A.), so könnte man wohl fragen, ob die Rolle von Wilson in Versailles29 und vielleicht doch auch der Charakter der U.S.A. als demokratische Weltmacht ihnen erlaubt, dem Konflikt unbeteiligt gegenüberzustehen. Aber ich möchte darüber kein Urteil abgeben.
3. Kein einzelner Staat ist ganz und gar «rechter» Staat, wie auch keiner (auch nicht Hitler-Deutschland) ein ganz und gar «unrechter» Staat. Im Lichte jenes criterion of a just state wird jeder Staat nur relativ als «rechter», in gewisser Beziehung sicher immer auch als «unrechter» Staat anzusprechen sein. Es ist also z.B. sehr wohl möglich, daß ein Staat eine ziemlich ordentliche Kirchenpolitik hat und doch (etwa England im Boerenkrieg!30) einen höchst bedenklichen Krieg führt. Es ist auch das Gegenteil möglich: ordentliche Außenpolitik, schlechte Kirchenpolitik. Man wird also den Staat gerade nicht in globo, sondern auf seine einzelnen konkreten Entscheidungen anzusehen und ihnen gegenüber sich zu fragen haben, ob er sich in ihnen als der (Röm. 13,1) von Gott eingesetzte (objektiv für die Freiheit des Wortes von der Rechtfertigung sorgende!) Staat bewährt und betätigt oder nicht. Sie in Kanada z.B. müssen sich jetzt ganz schlicht fragen, ob die Kriegsentscheidung der kanadischen Regierung unter diesem Gesichtspunkt recht oder unrecht ist. Ob die Kirchenpolitik der gleichen Regierung recht oder unrecht ist, das steht in einem andern Buch. Natürlich müssen Sie fortwährend auch nach dieser Seite wach sein. Wenn es wirklich so ist, daß man dort die Kirche nur als a loyal part of the British Empire behandelt, ihr nur deshalb Freiheit etc. gibt, dann wird es natürlich Sache der Kirche sein müssen, dafür so sorgen, daß der Staat ihren Widerspruch zu hören bekommt. Selbstverständlich wäre eine Kirche, die sich zu einem Tempel der Demokratie machen lassen würde, ebenso schlimm, wie es die deutsche Kirche als Tempel der Volkstums- und Führerideologie weithin geworden ist. Aber wenn Sie nach dieser Seite zu wachen und dem Staat gegenüber vielleicht sehr bestimmt Nein zu sagen haben, so kann Sie das wiederum |195 nicht hindern, zu demselben Staat Ja zu sagen, sofern er nun vielleicht in seiner Außenpolitik doch auf dem rechten Wege ist. Genau so wie die Bekenntniskirche in Deutschland dem Hitlerstaat zwar in seiner Kirchenpolitik und Kulturpolitik zu widerstehen hat – hätte sie ihm doch rechtzeitig auch in seiner Außenpolitik widerstanden, statt daß man nun hören muß, daß sie blindlings mitgeht!31 –, wenigstens seiner Straßenpolizei und einigen andern von seiner Verkehrtheit nicht direkt berührten Ordnungen zu widerstehen aber sicher keinen Anlaß hat. Wenn Sie also dort keinen Grund haben, die kanadische Außenpolitik als solche als unrecht abzulehnen, so könnte ich nicht sehen, mit welchem Recht Sie «pazifistisch» predigen sollten.
Ich sende Ihnen mit gleicher Post eine vor einem Jahr geschriebene Broschüre, die unter den von Ihnen genannten Schriften nicht erwähnt ist, weil sie Ihnen vielleicht auch noch Einiges erklären kann. Sie ist auch englisch erschienen; aber leider habe ich kein solches Exemplar mehr (New York, Charles Scribner’s Sons 193932).
Mit freundlichem Gruß an Sie und Ihre Frau und mit den besten
Wünschen für Ihre Arbeit