Die National-Zeitung, Basel, brachte am 29.8.1938 in ihrem Abendblatt (Nr. 399) auf ihrer ersten Seite einen eigenen Bericht «Die katholische Kirche in Deutschland nimmt den Kampf mit dem Nationalsozialismus auf», in dem ein am Vortage verlesener Hirtenbrief der katholischen Bischöfe1 als «schärfste und eindeutigste Verurteilung der nationalsozialistischen Ideologie», die seit 1933 «von kirchlicher Seite formuliert wurde», bezeichnet wurde. Der Bericht schloß mit dem Absatz:
Es ist charakteristisch, daß der Konflikt zwischen dem Nationalsozialismus und der deutschen katholischen Kirche gerade in dem Augenblick in sein schärfstes Stadium eintritt, in dem die protestantische Opposition sang- und klanglos die Waffen streckt und die protestantischen Geistlichen den Eid auf die neue Verfassung geschworen haben. Diese protestantische Opposition, deren Umfang und Rückgrat von Anfang an enorm überschätzt wurde, hätte alles, sogar die Ehre verloren, wenn nicht ein einziger Mann ihr Wappenschild blank gehalten und lieber ins Konzentrationslager gegangen wäre, als seine Überzeugung zu verleugnen, und zwar Pfarrer Niemöller. Die Tatsache, daß er allein steht auf weiter Flur, ist für die protestantische deutsche Kirche beschämend, aber in die Geschichte wird seine Tat eingehen als ein glänzendes Beispiel aufrechten Bürgerstolzes und der fanatischen Glaubenstreue.
Barth verfaßte daraufhin eine Zuschrift, die in den «Mitteilungen des Schweizerischen evangelischen Pressedienstes» unter der Überschrift «Die ‹protestantische Opposition› im Dritten Reich» nach einem einleitenden Hinweis auf die «Behauptung» der National-Zeitung, die protestantischen Geistlichen hätten 1938 «den Eid auf die neue Verfassung geschworen», ohne Angabe des Verfassers abgedruckt wurde (Nr. 38 vom 6.9.1938, Blatt 2
📖)2.
105Diese Behauptung bezieht sich auf den Beschluß der preußischen Bekenntnissynode vom 31. Juli dieses Jahres, durch den die Pfarrer angewiesen werden, den von der staatskirchlichen Behörde verlangten Eid – nicht auf «die neue Verfassung», die es gar nicht gibt, sondern auf den Führer! – zu leisten.3 Dieser Beschluß bedeutet einen schweren und tief bedauerlichen Irrtum der «protestantischen Opposition», d.h. der bekennenden Kirche. Sie hat sich damit einer Zweideutigkeit schuldig gemacht, die nicht vom Guten sein kann. Von einer «Waffenstreckung» kann aber aus folgenden Gründen keine Rede sein:
1. Der Eid wird von vielen Hunderten von jüngeren Pfarrern, Hilfspredigern und Vikaren schon darum nicht geleistet werden, weil sie in den letzten Jahren von der bekennenden Kirche examiniert und angestellt, von der staatskirchlichen Behörde dagegen nicht anerkannt worden sind und also auch nicht zur Eidesleistung aufgefordert sind.
2. Es ist schon jetzt sicher, daß eine Minderheit auch der von der Staatskirche zum Eid aufgeforderten und in jenem Synodalbeschluß angeredeten älteren Pfarrer der bekennenden Kirche der Weisung zum Schwören keine Folge geben, daß also Martin Niemöller auf keinen Fall «auf weiter Flur allein» stehen wird.4
3. Der Eid auf den Führer wird nach jenem Synodalbeschluß auch von denen, die er angeht und die dazu bereit sind, nicht vorbehaltlos, sondern unter ausdrücklichem Verweis auf seine Begrenzung durch das Ordinationsgelübde geleistet. Die Meinung ist dabei die, daß auch in Zukunft Gott mehr gehorcht werden soll als den Menschen5 und daß der Kirchenkampf weitergehen wird.
4. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Meinung und Absicht durch die Vereidigung der Mehrzahl der älteren Pfarrer nicht gefährdet ist. Es darf aber darauf hingewiesen werden, daß eben die römisch-ka|106tholischen Bischöfe, die jenen Hirtenbrief erlassen haben – und in der Person der Bischöfe nach römisch-katholischen Begriffen der gesamte Klerus –, (man wird sagen müssen: in derselben Zweideutigkeit wie heute jene Protestanten) den Eid auf den Führer schon vor Jahren geleistet haben. Sie sehen sich dadurch in der Fortsetzung des Kampfes offenbar nicht behindert.
Mit der Meldung der National-Zeitung setzte sich Barth nochmals in seinem Vortrag über die Behandlung des Eides in der Bekennenden Kirche am 5.9.1938 in Zürich auseinander und stellte die Behauptung von der sang- und klanglosen Waffenstreckung in ausführlicher Darlegung richtig.6 Am Schluß faßte er zusammen: «Eine ‹Waffenstreckung›, verehrte schweizerische Zuschauer dieser Vorgänge!, müßte nun doch wohl noch etwas andere Dimensionen haben als das, was bisher geschehen ist.»7 Kurz vor dem Druck des Vortrages kam Barth einige Wochen später, als die Tschechoslowakei durch die nachgiebige Haltung der Westmächte dem Herrschaftsstreben Hitlers geopfert worden war (siehe die folgenden Offenen Briefe), noch einmal auf den zitierten Begriff zurück und warb nun in «Noch ein Nachwort» um (noch) mehr Verständnis für die deutschen Protestanten.8