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An den Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu Händen Prof. Dr. Eugen Choisy, Genf

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An den Vorstand des Schweizerischen Evangelischen
Kirchenbundes, zu Händen Prof. Dr. Eugen Choisy, Genf

1940

Nach der deutschen Besetzung Dänemarks, Norwegens, Hollands und Belgiens und des größeren Teils Frankreichs im Frühjahr und Frühsommer 1940 wurden in der Schweiz die Tendenzen stärker, sich mit dem mächtigen nationalsozialistischen Nachbarn zu arrangieren. Barth entdeckte in einer Ansprache des Bundespräsidenten Pilet-Golaz nach dem Waffenstillstand mit Frankreich Töne, die ihm gar nicht gefielen.1 Er war bereit, sich einer «Art Geheimorganisation für die innere Abwehr im Fall einer Invasion»2, wie er es nannte, anzuschließen, die auf Einladung des Kaufmanns und Hauptmanns Hans Hausamann (1897–1974), des Journalisten August Lindt (*1905) und des Nationalrats Hans Oprecht (1894–1978) am 7.9.1940 im Bahnhofbuffet in Zürich unter Mitwirkung Barths gegründet wurde.3 Barth |253 arbeitete auch an der Formulierung eines Gelöbnisses mit, das die Mitglieder des Bundes "Nationaler Widerstand» abzulegen hatten4, und warb um Mitglieder.5 Die Formulierung «auf christlicher Grundlage», die Barth inhaltlich voll unterstützte, kam allerdings ohne sein Zutun hinein.6

Barth schlug Oprecht eine Woche nach der Gründung vor7:

Unsere Aktion richte ein direktes Wort an die Spitzen der reformierten und katholischen Kirchen unseres Landes:

1. Sie gebe ihnen in kurzen Zügen eine Darstellung der schweizerischen Lage und ihrer Zukunftsmöglichkeiten, wie wir sie am letzten Samstag gehört haben.

2. Sie spreche aus:

daß es einerseits zur Erhaltung der Eidgenossenschaft gewisser sehr radikaler Voraussetzungen bedarf, um die gerade die Kirchen wissen müssen

daß andrerseits gerade die Kirchen für die Notwendigkeit der Erhaltung der Eidgenossenschaft besonderes Verständnis und besondere Willigkeit haben müssen.

3. Sie bekunde den Kirchen das Vertrauen und die Erwartung, daß sie in Predigt, Unterricht und Seelsorge an der Vorbereitung des Schweizervolkes auf die drohende Gefahr und bevorstehende Aufgabe mitwirken möchten.

254Barths Vorschlag wurde aufgegriffen. Er selbst wurde mit der Formulierung eines Briefes beauftragt. Er schlug vor, das Schreiben von Angehörigen verschiedenster Richtungen unterschreiben zu lassen, wollte aber selbst nicht unterschreiben.8 Der Brief wurde von 28 Politikern aus Bern (8), Basel (8), Zürich (6), Lausanne (4), Zollikon und Obersomeri unterzeichnet und im November 1940 an Prof. Dr. Eugen Choisy in Genf «zu Handen des Vorstandes des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes» abgesandt. Auf einem hektographierten Exemplar dieses Textes vermerkte Charlotte von Kirschbaum: «Ein Dokument aus K.s ‹anonymer› Arbeit!! Man darf den Verfasser nicht nennen!»

Der Text wurde im Dezember an zwei Stellen in Basel unter verschiedenen Überschriften publiziert.9 Er stieß bei L. Ragaz auf Widerspruch10, beim Schweizerischen Ev. Kirchenbund aber auf Sympathie, wie der Präsident Prof. Choisy und der Sekretär Albert Lequin in einem Antwortschreiben vom 20.12.1940 an Oprecht versicherten.11 Auch der Baselbieter Pfarrkonvent unter dem Präsidenten Pfar|255rer Lukas Christ äußerte sich positiv, und der Synodalrat der reformierten Kirche Basselland stimmte ihm zu.12

Barth selber äußerte sich über die Wirkung der «Aktion Nationaler Widerstand» ein Jahr später recht resigniert.13

Herrn Prof. Dr. Eugen Choisy, Avenue Calas 2, Genf
Zu Händen des Vorstandes
des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes
Herr Präsident! Hochgeehrte Herren!

Die unterzeichneten Schweizerbürger sind aus verschiedenen geistigen und politischen Lagern unseres Volkes zusammengeführt worden durch die gemeinsame Sorge um die Freiheit, Ehre und Unabhängigkeit der schweizerischen Eidgenossenschaft.

Auch ihre Stellung zu den in der Schweiz existierenden Kirchen ist nur insofern eine einheitliche, als sie sich über deren geschichtliche Bedeutung für die Entstehung und den bisherigen Bestand und über deren tatsächliche Rolle und Aufgabe im öffentlichen Leben auch der heutigen Schweiz im klaren sind.

256Unter dieser Voraussetzung erlauben sie sich, Ihnen als der Vertretung der leitenden Behörden der evangelisch-reformierten Kirchen unseres Landes folgendes zu unterbreiten.

I. Die Schweizerische Eidgenossenschaft steht nach wie vor den Ereignissen des vergangenen Sommers vor der Möglichkeit einer schlimmsten Bedrohung ihres Bestandes und damit alles dessen, was sie unter den anderen Völkern Europas als ihr Eigenes und zugleich als allgemein Menschliches zu vertreten hat.

Die weltpolitische und die militärische Lage in Europa zwingt uns, damit zu rechnen, daß wir von einem Tag auf den anderen vor die Entscheidung gestellt werden können: entweder vor ausländischen Forderungen zurückzuweichen, mit deren Erfüllung die Schweiz für alle Zeiten aufhören würde, zu sein, was sie ist und sein soll, oder diesen Forderungen einen militärischen Widerstand entgegenzusetzen, bei dessen Durchführung wir uns in der Hauptsache auf uns selbst angewiesen sehen müßten und deren Form (Verteidigung unseres Alpengebietes) sowohl von unserer Armee wie von unserer Zivilbevölkerung eine fast undenkbare Bereitschaft zu Disziplin, Selbstverleugnung und Ausdauer verlangen würde.

II. Die unter Umständen plötzlich vor dem ganzen Schweizervolk und vor jedem einzelnen Schweizer stehenden Fragen werden lauten:

Können und wollen wir auf das, was wir bis jetzt als Schweizer schlecht und recht gewesen sind und gehütet haben, verzichten, um uns in eine Lebensform einzuordnen, die nicht nur der unsrigen, sondern auch allem dem, was wir von unseren Vätern her für menschlich recht und gut gehalten haben, fremd und zuwider ist?

Wenn nicht: Können und wollen wir die Erkenntnis betätigen, daß es sich lohnt, daß es geboten und daß es letztlich auch politisch, wirtschaftlich und militärisch klug ist, zur Abwehr dieser Gefahr unsere wohlbekannte und oft genug beteuerte Verteidigungspflicht zu erfüllen und jedes dabei von uns verlangte Opfer zu bringen?

Herr Präsident! Hochgeehrte Herren! Diese Fragen sind von so radikaler Art, daß es uns deutlich ist: die nötige ernstliche Abweisung der ersten wie die nötige ernstliche Bejahung der zweiten Frage wird von unserem Volk und von jedem einzelnen unter uns einen Glauben erfordern, der über das übliche Maß von Patriotismus und Idealismus weit hinausgeht. Uns ist deutlich, daß zuletzt eben der christliche |257 Glaube, aus dem die Eidgenossenschaft hervorgegangen ist, nötig sein wird, um sie in der Stunde einer nach beiden Seiten so gefährlichen Entscheidung zu erhalten. Weil für die Verkündigung des christlichen Glaubens in unserem Land die christlichen Kirchen verantwortlich sind, gestatten wir uns, Sie auf diesen Zusammenhang, der gewiß auch Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen ist, neuerdings hinzuweisen.

Wir möchten aber darüber hinaus den Gedanken äußern, daß die bewußten Fragen auch die christlichen Kirchen als solche (hinsichtlich ihrer von der Weltpolitik unabhängigen eigenen Aufgabe) nicht gleichgültig lassen können, sofern die Entscheidung gegen oder für die schweizerische Freiheit, Ehre und Unabhängigkeit, so wie die Dinge heute liegen, notwendig zugleich eine Entscheidung gegen oder für alles das ist, was das Christentum bis jetzt, unvollkommen genug, als göttlich und menschlich geboten und recht vertreten hat. Auch das kann Ihnen nicht verborgen sein; aber auch an diese Seite der Sache möchten wir hiermit erinnert haben.

III. Auf Grund dieser Erwägungen gestatten wir uns, das Vertrauen und die Erwartung auszusprechen, die schweizerischen Kirchen seien sich der Gefahr, in der sich unser Volk und Land befindet, und der Größe und Tragweite der vielleicht plötzlich von uns allen geforderten Entscheidung bewußt und sie seien bereit, die gerade ihnen in dieser Zeit zufallende Verantwortung zu übernehmen, d.h. zu der inneren Vorbereitung unseres Volkes auf die drohende Krisis, zur Begründung und Erhaltung der dann in der Armee wie in der Zivilbevölkerung unentbehrlichen Einsicht, Gesinnung und Haltung den Beitrag zu leisten, den aus den angezeigten Gründen nur sie leisten können, zu leisten aber auch besonders Anlaß haben.

Unsere Meinung ist nicht die, daß die Kirche ihren Boden der christlichen Predigt, Unterweisung und Seelsorge verlassen solle, um sich mit vaterländischer Propaganda zu befassen. Unser Wunsch geht vielmehr dahin, daß sie streng auf ihrem eigenen Boden die besondere Gefahr und Aufgabe im Auge habe, auf die wir Schweizer heute gefaßt sein müssen, und daß sie es nicht versäume, auf ihrem Boden und mit ihren Mitteln im Blick darauf zu arbeiten, daß uns der moralische Zusammenbruch, der die eigentliche Ursache der Katastrophe in anderen Ländern gewesen ist, erspart bleiben und daß das Schweizervolk im entscheidenden Augenblick von seinem christliche Erbe den nötigen praktischen Gebrauch machen möge.

258IV. Wir versenden eine Abschrift dieser Erklärung an die sämtlichen kantonalen Kirchen- und Synodalräte sowie an den Evangelischen Pressedienst und wären dankbar, wenn sie (sei es in ihrem Wortlaut, sei es in Form selbständiger Kundgebungen) an die lokalen Gemeindekirchenräte und Pfarrämter weitergegeben würde.

In ausgezeichneter Hochachtung!
Alb. Mermoud, Lausanne
Dr. A. R. Lindt, Bern
Konrad Ilg, Bern
Dr. Max Weber, NR., Bern
Dr. P. Meierhans, NR., Zürich
Dr. E. Klöti, Zürich
Otto Meyer-Lingg, Bern
F. Bernet, Zollikon
Dr. H. Oprecht, Zürich
Arnold Kübier, Zürich
Dr. H. Walder, Zürich
Dr. M. Feldmann, Bern
Dr. W. Allgöwer, Bern
Hermann Böschenstein, Bern
H. Leuenberger, NR., Zürich
Dr. E. Spühler, Lausanne
Dr. Max Gafner, Bern
Fritz R. Allemann, Basel
Dr. Peter Zschokke, Basel
Dr. H. Kuhn, Basel
Dr. A. Oeri, NR., Basel
Dr. V. F. Wagner, Basel
Dr. Max Eppenberger, Basel
E. J. Sarasin, Basel
Isa Stähelin, Obersommeri
Dr. Ernst von Schenk, Basel
Capitaine Frick, Lausanne
Pierre Graber, Lausanne

Sachfußnoten

1
Im Text Der Bundesrat spricht zum Schweizervolk, Basler National-Zeitung vom 26.6.1940 📖, unterstrich er sich u. a. folgende Passagen: «Welches auch die Trauer sein mag, die jeden Christen angesichts der angehäuften Ruinen und Menschenverluste erfüllt, so bedeutet es doch für uns Schweizer eine große Erleichterung, zu wissen, daß unsere drei große Nachbarn nun den Boden des Friedens beschritten haben […] Diese Beruhigung, dies dürfte wohl das zutreffende Wort sein […] Bevor Europa wieder zum Aufstieg gelangen kann, muß es sein neues Gleichgewicht finden, welches zweifellos sehr verschieden vom bisherigen, auf anderen Grundlagen aufgebaut wird, als auf jenen, die der Völkerbund trotz seiner vergeblichen Bemühungen nicht zu errichten vermochte […] Wie schwer wird die Anpassung an die neuen Verhältnisse werden […] Zur Erreichung dieses Ergebnisses […] werden wichtige Entscheidungen notwendig sein, […] Beschlüsse, die gleichzeitig überlegt und rasch auf Grund eigener Machtbefugnisse zu fassen sein werden […] Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muß den alten Menschen ablegen […] Eidgenossen, an Euch ist es, nun der Regierung zu folgen, als eines sicheren und hingebenden Führers, der seine Entscheidungen nicht immer wird erklären, erläutern und begründen können.»↩
2
K. Barth, How my mind has changed (1938–1948), deutsch in: Ders., Der Götze wackelt, hrsg. v. K. Kupisch, Berlin 1961, S. 193 📖.↩
3
Einladungsschreiben vom 4.9.1940. – «Verschwörung Opr. in Zürich» (Eintrag Barths in seinem Kalender).↩
4
Msl. Entwurf mit Barths Korrekturen und Begleitbrief im Karl Barth-Archiv.↩
5
Barth an einen unbekannten Adressaten, 14.9.1940: «Lieber Herr Dr.! Ich überreiche Ihnen hier die ‹Schwurformel› der Aktion […] mit der Frage, Einladung und Zumutung, ob Sie sie nicht auch unterzeichnen […] wollen. […] Daß mir die konfirmationsähnliche Gelöbnisform der Erklärung nicht liegt, habe ich Ihnen gesagt, und daß sie ein paar Schönheitsfehler enthält, sehen Sie selbst. Das Literale ist aber in diesem Fall nicht so wichtig.»↩
6
«Ich bejahe sie freudig, würde mich freilich nicht wundern, wenn es deshalb […] Schwierigkeiten geben sollte. […] Ich sehe nun nicht, wie diese der Nation zugemutete Aufgabe anders als in der Tat ‹auf christlicher Grundlage› von all den so oder so beteiligten Einzelmenschen aufgenommen werden und gelöst werden kann. Letzte Fragen können nicht gut gestellt werden, ohne daß man bereit ist, auch den entsprechenden letzten Antworten ins Gesicht zu sehen.» (Brief an Nationalrat Oprecht vom 14.9.1940)↩
7
Brief vom 14.9.1940.↩
8
A. R. Lindt erinnert sich: «Als ich ihn umzustimmen versuchte, sagte er mit seinem charismatischem Lächeln: ‹Es gibt unter unseren Pfarrherren Barthianer und Anti-Barthianer, die beiden bekämpfen sich recht leidenschaftlich. Mein Name könnte nur Zwist stiften. Soll die Aktion aber nicht auf alles verzichten, was die Einmütigkeit und die Einheit in unserem Volke stören könnte?‹» (A. R. Lindt, Die Schweiz das Stachelschwein. Erinnerungen, Bern 1992, S. 63 📖).↩
9
«Politiker fragen die Kirche», in: In Extremis. Cahiers périodiques, Nr. 7/8, Dez. 1940, S. 179–181 📖; Aufruf an die Kirche, in: KBRS, Jg. 96, 12.12.1940, Nr. 25, S. 390–392 📖.↩
10
Er argumentierte, es gebe keine rechte Theologie auf staatliche Bestellung, KRBS Jg. 97 (1941), S. 23 📖; s. Busch, Bogen, S. 342 📖.↩
11
«Nous prenons acte avec reconnaissance des encouragements que vous donnez à l’Eglise de poursuivre avec constance et fidélité sa tâche religieuse et nous comptons que vous la soutiendrez vous-mêmes de toutes vos forces en collaborant avec elle pour résister au défaitisme, pour protéger la famille, pour sauvegarder le respect du dimanche, combattre l’alcoholisme, le désordre des moeurs et toutes les manifestations du matérialisme juoisseur et du paganisme athée. Nous nous permettons de vous suggérer dans ce but de bien vouloir envisager une rencontre où vos amis et vous examineriez avec nous ce que l’on peut et doit faire dans les circonstances présentes.» Oprecht ermutigte Barth, eine Antwort zu verfassen (Brief vom 20.12.1940; Barth schrieb sich einige Stichworte dazu auf die Rückseite des Briefes, scheint aber selbst nicht geantwortet zu haben).↩
12
Hekt. Schreiben vom 28.1.1941 aus Pratteln; Antwort der Kirche an die Politiker, in: KBRS Jg. 97 (1941), S. 66–68 📖. Die weitere Diskussion Politiker fragen die Kirche. Ein Briefwechsel a.a.O., S. 85ff. 📖 ↩
13
An Oprecht schrieb Barth, die Aktion sei noch «viel zu wohlanständig, bürgerlich, gouvernemental»; es sei kaum zu erwarten, «daß dieser Klub der Harmlosen einer deutschen Besatzungsbehörde sehr beschwerlich fallen würde.» (Brief vom 17.1.1942; s. Busch, Lebenslauf, S. 321f. 📖). – An Fritz Frei schrieb Barth am 31.1.1942: «Ich bin im Ausschuß einer ‹Aktion Nationaler Widerstand›, die im Sommer 1940 als Gegenstoß gegen die damals akut drohende Gleichschaltung gegründet wurde. Viel guter Wille steht dahinter, viel gute Personen tun mit; aber gerade gegen die einschneidendsten Dinge, die seit 1940 geschehen sind (z.B. deutscher Handelsvertrag, Verschärfung der Pressezensur), konnte oder wollte, wollte oder konnte dieser ‹Widerstand› nicht den geringsten Widerstand leisten. Der Bundesrat macht die Sachen, die breite Masse des schweizerischen Bürgertums stimmt zu oder fügt sich doch, und wer etwas dagegen sagt, der ist eben ein Nörgler. Und das geht bis weit auch in die Kirchen hinein.»↩