Eine Frage und eine Bitte an die Protestanten von Frankreich (durch Pfarrer Georges Casalis)
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Eine Frage und eine Bitte an die Protestanten
von Frankreich (durch Pfarrer Georges Casalis)
Ende September erhielt er 14 Tage Urlaub, heiratete am 28.9. in
239Der Bericht, den
Als das Ehepaar Casalis nach zehntägiger Hochzeitsreise am Vierwaldstätter See Abschiedsbesuche in
Die Wirkung des Briefes «war sehr stark, sowohl in der unbesetzten als auch in der besetzten Zone
241Vollständig abgedruckt wurde
Es war diesmal einer der Jüngsten unter den Predigern des Evangeliums in Ihrem Lande, der es auf sich genommen hat, mich, ähnlich wie letztes Jahr Herr Pfarrer
Sie haben meinen letzten Brief in der Hauptsache freundlich und mit Verständnis aufgenommen. So darf ich ohne weiteres hoffen, daß Sie auch das, was ich Ihnen jetzt schreiben möchte, nicht als unbefugte Einmischung eines Draußenstehenden und Unbeteiligten auffassen werden.
Gegenüber der Not und Aufgabe unserer Zeit gibt es keine Draußenstehenden und Unbeteiligten. Vielleicht Viele, die sich dafür halten möchten, aber Keine, die es wirklich sind: Das ist heute noch viel deutlicher als vor einem Jahr. Der Krieg zwischen den Nationen, der damals wie ein schleichender Brand anhob und seither zur alles verzehrenden Flamme geworden ist, ist die notwendige Form eines Gegensatzes, der durch keine nationalen Grenzen bedingt ist, sondern quer durch alle Nationen (auch durch die neutralen und nicht zuletzt auch durch die deutsche) hindurchgeht, der so oder so überall die |242 Geister zu klarer verbindlicher Entscheidung nötigt: zu einem Ja oder Nein mit der Aussicht auf alle denkbaren Konsequenzen. Wir befinden uns alle innerhalb dieses Gegensatzes. Wir sind alle beteiligt an seiner Entstehung und an seinem Bestande, und wir werden alle – auf der einen Seite des Abgrundes oder auf der anderen – an seiner Überwindung, wie diese auch ausfalle, beteiligt sein: als Mithandelnde, als Mitverantwortliche, als Mitschuldige, als Mitleidende. 148
Indem ich mit dieser Feststellung die Freiheit begründe, die ich mir nehme, Sie, liebe Glaubensgenossen in
Meine Frage: Nicht wahr, meine französischen Freunde, wir sind einig in dem soeben Gesagten? Wir waren es vor einem Jahr. Wir sind es doch auch heute, d.h. nach wie vor dem, was seither geschehen ist? Nicht wahr, der zwischen Frankreich und
Und im Anschluß daran meine Bitte: Wir wissen, daß und wie Sie jetzt von Ihrer besonderen nationalen Not und Aufgabe in Anspruch genommen sind. Sie werden sich aber nicht auf diese zurückziehen, als ob sie Ihre Privatsache wäre. Sie werden nach keinen Lösungen suchen, die Sie in die Neutralität gegenüber der großen Entscheidung führen würde, die wie vor uns allen, so nach wie vor auch vor Ihnen steht, von der letztlich gerade auch für Sie nicht weniger als Alles abhängig sein wird. Wir rechnen darauf, daß Sie uns als Christen und als Franzosen nicht im Stich lassen, sondern innerlich: mit Ihrem Glauben und Ihrem Gebet, aber eben darum nach dem Maß Ihrer Einsicht und Ihres Könnens auch äußerlich: mit Ihrem Wort und mit Ihren Handlungen genau so bestimmt wie vor einem Jahr, nein, noch viel bestimmter und begründeter, weil erfahrener und wissender als vor einem Jahr mit uns auf der einen Seite des Abgrundes stehen werden. Gerade weil wir Frankreich nach wie vor lieben und respektieren, können und werden wir Sie nicht entlassen zugunsten irgend eines speziell französischen Anliegens. Wir haben Sie nötig. Trennen Sie Ihre Sache nicht von der unserigen, weil die unsrige nach wie vor auch die Ihre ist!
243Es ist mir zu Ohren gekommen, daß Viele von Ihnen sich nach den Ereignissen des vergangenen Sommers mit besonderer Nachdenklichkeit des letzten Teiles meines Weihnachtsbriefes erinnert haben, wo ich davon gesprochen hatte, daß es unchristlich und unklug wäre, wenn wir nicht auch mit der Möglichkeit 149 eines unserem Willen und unseren Erwartungen zuwiderlaufenden Ganges der kriegerischen Verwicklung, mit «Wundern des Antichrist», mit einem kommenden Gericht Gottes über uns selbst rechnen wollten, und daß wir bereit sein müßten, uns dem Willen und Gebot Gottes auch unter solchen unerwünschten Umständen erst recht zu unterziehen. Dann und nur dann, wenn wir auch dazu bereit seien, so schrieb ich damals, könne das notwendige Werk des Widerstandes gegen den Hitlerschen Nationalsozialismus freudig und zuversichtlich getan werden. Ich war frei von aller «Prophetie», als ich das schrieb. Ich schrieb so, wie ich in Verantwortung der heiligen Schrift gegenüber in der damaligen Lage meinte schreiben zu müssen. Was dann im Mai und Juni geschehen ist, habe auch ich wirklich nicht vorausgesehen. Es war freilich kein gutes Zeichen, daß die französische Zensur damals gerade den letzten Teil meines Briefes als «defaitistisch» meine unterdrücken zu müssen.21 Es konnte der Widerstand
245Aber wenn Sie heute wahrscheinlich geneigt sind, sich besonders jenes letzten Teiles meines Weihnachtsbriefes zu erinnern, so darf ich Ihnen gewiß nahelegen, zu bedenken, daß auch von dem Anderen, was ich Ihnen damals geschrieben habe, heute nichts zurückzunehmen ist. Was hat sich für Sie geändert? Dies, daß Sie heute vorläufig (in der Vorläufigkeit des Waffenstillstandes!) Gründe haben – ich untersuche nicht, ob sie gut oder schlecht sind –, nicht mehr oder noch nicht wieder Krieg führen zu wollen. Aber, nicht wahr, Eines hat sich auch für Sie nicht verändert, hat sich seither sogar noch verstärkt: der Grund nämlich, der Sie – gerade Sie als Christen – vor einem Jahr veranlaßt hat, denselben Krieg zu bejahen und allen Ernstes führen zu wollen. Brauche ich es erst auszusprechen: ein Meer von Wirklichkeit – z.B. ein Meer von feindlichem Erfolg und eigenem Mißerfolg – bedeutet für uns Christen noch keinen Tropfen von Wahrheit. Es ist die Einsicht, daß wir den Anderen unterschätzt und uns selber überschätzt haben, eine gute und notwendige Sache. Über Recht und Unrecht aber und über das, was aus der Erkenntnis von Recht und Unrecht folgt als Verpflichtung und Entscheidung, dürfen wir uns durch diese Einsicht nicht belehren lassen. Ich kann mir nicht denken, daß Sie die grundsätzliche Lage zwischen
Wenn ich recht orientiert bin und verstehe, wird nun in christlichen Kreisen des heutigen Frankreichs viel von der Demut geredet, mit der man die erlittene «Totale Niederlage» als göttliches Gericht anerkennen und hinnehmen müsse. Und weiter von der Buße, die jetzt nötig sei. Und weiter von einem traurigen Schweigen, in dem man sich jetzt an die übriggebliebenen oder neu erwachsenden bescheidenen Aufgaben innerhalb des eingetretenen Provisoriums machen müsse. Und weiter vom Gebet, von der Predigt des gekreuzigten Christus, von der Schaffung, Erhaltung und Förderung eines neuen öffentlichen Geistes als von der für Sie heute allein möglichen Mitwirkung an der gemeinsamen Sache der christlichen Kirche und des rechten Staates. Ich verstehe das Alles und gebe mir große Mühe, es mit Vertrauen zu verstehen: in einem Vertrauen, mit dem ich zu dem allem einfach Ja sagen könnte und müßte. Aber ich kann mir nicht helfen: es fällt mir schwer, es so zu verstehen. Es beunruhigt mich nämlich, daß ich das alles |248 schon einmal gehört zu haben meine: in dem vom Nationalsozialismus überschwemmten
Demut ist eine ausgezeichnete Sache. Zum Hochmut besteht ja wirklich kein Anlaß, und wenn wir bisher hochmütig waren, so haben wir nun seit einem halben Jahr tüchtig auf die Nase bekommen. Aber mich beunruhigt die gewisse Nähe dieser plötzlich hervorgehobenen Buße sowohl zu der Politik der Regierung von Vichy als auch zu der Apathie, in die, wenn ich recht unterrichtet bin, die breite Masse Ihres Volkes seinem Schicksal gegenüber heute versunken ist. Ist es nicht fast zu zeitgemäß, heute gerade die Demut zu predigen? Aber sei es denn! Nur daß es sich dann um die Demut vor Gott wird handeln müssen und nicht etwa um die Demut vor Tatsachen und Umständen, vor Mächten und Gewalten, vor Menschen und menschlichen Autoritäten. Es wird die Demut vor Gott mit Resignation nichts zu tun haben können: nichts mit dem staunenden Starren auf ein Schicksal, dem wir – auch nur provisorisch – eine Art von Unabänderlichkeit zuerkennen müßten. Wo es zu diesen Starren käme, da wäre ja der |249 Glaube schon preisgegeben und hätte es der Feind schon über uns gewonnen. Der ganze
Und es würde dann – wenn es um die Demut vor Gott ginge – von der «totalen Niederlage» eigentlich gar nicht die Rede sein dürfen. Erinnert der Begriff nicht peinlich an die «totalen» Absichten und Ansprüche der Gegenseite? Wie kommen wir denn als Christen dazu, das Wort «Total» auf etwas Anderes als auf Gottes allmächtige Gnade anzuwenden? Wann und wie könnte denn eine menschliche Niederlage anders «total» werden als damit, daß die beteiligten Christen den Glauben an Gottes allmächtige Gnade und damit die Freudigkeit und damit den Mut zum Zeugnis verlieren würden? Eben dies ist es, was nicht geschehen darf!
Es würde dann – wenn es um die Demut vor Gott ginge – die Anerkennung und Hinnahme des göttlichen Gerichtes gewiß nicht das bedeuten, daß man sich müde machen und irre machen ließe in dem, was man als Gottes Gebot und Willen früher erkannt und im Gehorsam gegen ihn zu tun versucht hatte. Von Gott gerichtet ist doch nicht unser Gehorsam, sondern der allerdings unendliche Ungehorsam, mit dem wir unser bißchen Gehorsam immer wieder bedeckt haben. Wenn Gott uns gerichtet hat, so ist er uns gnädig gewesen, so hat er uns eben mit seinem Richten nicht hinausgestoßen in eine selbstgewählte Neutralität, sondern aufs neue ausgerichtet und aufgerichtet zu reinerem Gehorsam.
Es würde dann die nötige Buße gewiß nicht in einer ergebnislosen allgemeinen Beugung, in einem passivem Bedauern begangener Fehler stecken bleiben und noch weniger in solchen vermeintlichen Neuerungen sich manifestieren können, mit denen man dem «alten Menschen»28 nun erst recht zu vollendeten Triumphen verhelfen würde. Sondern es würde uns dann die Buße (z.B. hinsichtlich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!) ganz schlicht ernst werden lassen, wo wir früher leichtsinnig, fröhlich, wo wir früher skeptisch, stark, wo wir früher schwach und lau gewesen sind. Die Buße würde uns dann |250 zum Wachen und nicht zum Schlafen anleiten: sie würde uns dann zum Leben und nicht in den Tod führen.
Es würde dann das gewiß nützliche Schweigen eigentlich kein trauriges Schweigen sein können, sondern von selbst zu der fruchtbaren Zurückhaltung derer werden, die heimlich zu viel zu tun haben, um allzu viel reden zu können. 155
Es würde uns dann das Gebet von einem bescheidenen, aber bestimmten politischen Denken und Handeln gewiß nicht weg-, sondern in einen zielbewußten Kampf erst recht hineinführen.
Es würde dann der neue öffentliche Geist nicht nur Ziel, nicht nur Gegenstand von allerlei Unterricht, Seelsorge und Diskussion, sondern vor allem sofort auch Anfang sein: der Geist der christlichen Verneinung der Niederlage, der Geist des christlichen Ansatzes zu neuem, besseren Widerstand, der Geist der christlichen Hoffnung, die den Dämonen das Feld zu lassen nicht gesonnen ist. Wie in aller Welt soll dieser Geist denn anders geschaffen, erhalten und gefördert werden, als indem er betätigt wird?
Mehr als je und vielleicht nirgends so wie im heutigen
Wenn sie so zu verstehen und ein wenig zu korrigieren wäre, könnte ich jener Parole wohl zustimmen. Sie würde ja dann nicht bedeuten, daß auch die Kirche von Frankreich einen Waffenstillstand geschlossen hat! Dies ist es, was sie nicht tun kann, nicht tun darf, weder unter dieser Parole noch unter einer anderen. In der Kirche von Frankreich muß der Krieg geistlich weitergehen. Sie kann mit
Hier möchte ich abbrechen, obwohl und indem ich weiß, daß die praktischen Fragen hier anfangen würden. Mir fehlt die Kompetenz, in diesen Fragen mitzureden. Vor allem in der Frage «Vichy»! Sie |251 können sich denken, daß ich eine Meinung dazu habe und auch eine Vorstellung, wie ich mich als Franzose dazu stellen würde. Aber ich bin nicht Franzose und halte es für besser, Sie in dieser nun wirklich Sie im Besonderen angehenden Angelegenheit nur insofern anzureden, als ich ausdrücklich sagen muß, daß gerade Ihre Stellungnahme in dieser Sache 156 hinsichtlich der Beantwortung meiner Frage und der Erfüllung meiner Bitte von entscheidener Bedeutung ist.
Seien Sie, liebe Freunde und Brüder, auf allen den schweren, versuchungsreichen und gefährlichen Wegen, die vor Ihnen liegen, unserem Gott befohlen. Seine Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Ihre und unser aller Herzen und Sinne in Christo Jesu.30