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An Pfarrer Frans M. Kooyman, Zeist/Holland
1940
Anfang 1940 bemühte sich eine Gruppe von Holländern um eine Erklärung, die die holländische Kirche zur Lage abgeben sollte. Am 7.2. übermittelte Jan genannt Flip Koopmans, «Secretarius oudleden» der Niederländischen Studenten-Vereinigung, Barth vier Thesen, die offiziellen Amtsträgern der Kirche unterbreitet werden sollten.1 Barth teilte ihm am 14.2. mit, daß er «mit ihrem Inhalt völlig einverstanden» sei: «Ich freue mich, zu sehen, daß Sie in Holland – vor so ähnliche Probleme (Neutralität!) gestellt wie wir in der Schweiz – diesen Vorstoß machen.» Er sei gern zur Unterschrift bereit. Am 20.2. erfuhr er jedoch, daß Koopmans über Barths mögliche Mitunterzeichnung mit Prof. Scholten, dem «Amsterdamer Juristen, den Sie ja auch kennen», gesprochen habe und beide davon abrieten, weil sie «das Sensationelle an der Sache vermeiden» wollten, das mit Barths Unterschrift gegeben sei. Es stellte sich dann heraus, daß so wenige Holländer zur Unterschrift bereit waren, daß der Plan sich nicht durchführen ließ.2
Barth bekam erst durch eine andere Anfrage Gelegenheit zu einer öffentlichen Stellungnahme. Sie ging von Dr. Frans M. Kooyman (1908–1955) aus, der seit 1932 in der Christlichen Studentenvereinigung tätig und seit 1936 deren «Algemeen Secretarius» war; er wurde 1938 der erste Studentenpfarrer in den Niederlanden und war Mitherausgeber des «Algemeen Weekblad voor Kerk en Christendom» in Amsterdam. Kooyman bat Barth in einem Briefe vom 24.2.1940 aus Zeist um genauere Erklärung zweier Passagen aus seinem Offenen Brief an Westphal (s. vorigen Offenen Brief). Barth antwortete umgehend am 28.2., und seine Antwort wurde in holländischer Übersetzung am 8.3. auf Seite 1 der Zeitung unter der Überschrift «Karl Barth over Neutraliteit en Lutheranisme» nach kurzer Einleitung durch die Redaktion abgedruckt.3
225Als nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens durch deutsche Truppen (9.4.1940) G. H. Slotemaker de Bruine aus Heemstede Anfragen an Barth richtete, die denen Kooymans ähnlich waren4, verwies Barth ihn auf seine Antwort an Kooyman und erläuterte seine Position am 1.5.1940, zehn Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, nochmals sehr ausführlich.5
1945 nahm Barth den «Brief an Pfarrer Kooyman (Holland)» in seine Sammlung «Eine Schweizer Stimme» auf.6 Im folgenden wird erst Kooymans Anfrage, dann Barths Antwort und abschließend Barths Brief an Slotemaker wiedergegeben.
Sehr verehrter Herr Professor,
wir in Holland haben mit groszem Ernst und mit Freude Ihren Brief an Pfarrer Westphal gelesen; wie Sie vielleicht wissen, habe ich den Brief ins Holländische übersetzen lassen und in «Het Algemeen Weekblad voor Kerk en Christendom» veröffentlicht.
Als wir vor einigen Tagen eine Besprechung mit einigen Altfreunden unseres Christen Studenten Vereins im Hause von Prof. Paul Scholten hatten, entstand eine Diskussion über folgende zwei Fragen:
I. Sie schreiben «Die Ursachen des gegenwärtigen Krieges liegen in den internationalen Entscheidungen von 1919, an welchen unser Land nicht beteiligt war, und es ist die Ordnung der groszen europäischen Angelegenheit auch seither (wie schon vorher) ohne unsere Mitwirkung zustanden gekommen».7 Darf ich, ganz unverschämt, etwas fragen? Ich weisz nur allzuwohl, wie auszerordentlich bedeutend gerade Ihre Arbeit für das theologische Denken vieler Kirchen ist. Sie wissen ja auch selber, wie gespannt unsere holländische C.S.V. und unsere Altfreunde – nicht nur die Theologen unter ihnen – Ihren Äuszerungen folgen. Und nur deswegen, weil man einen Brief Ihrerseits so ernst nimmt, wage ich es, Sie zu bitten um eine nähere Erklärung über diesen Passus.
226Die Sache ist folgende: die Zeitungen, die in unserem Lande nicht nur die politische Neutralität der Regierung, sondern auch die geistige Neutralität der Untertanen propagieren, sagen jeden Tag genau dasselbe. Eben deshalb hat dieser Passus Verwirrung verursacht. Man sagt jetzt: «Sehen Sie, auch Herr Professor Barth exkulpiert unsere Taten seit 1919. Er selbst verweigert sich, die Verbundenheit der gemeinsamen Schuld anzuerkennen; haben wir das nicht immer schon gesagt, dasz nur die Groszmächte mit Ihrem Imperialismus die Schuldigen sind?» Und unter den Jüngern hört man ganz erstaunt fragen: «Sind wir als Holländer dann nicht mit-schuldig an Versailles? Hat Holland auch nicht verhindert, dasz aus dem Völkerbund etwas Gutes werden könnte?[»] Wir haben niemals Protest erhoben; wir haben nichts Positives beigetragen; wir hatten – mit unserem Kolonialbesitze – nicht den Mut, die Frage der Kolonien zu stellen. Haben wir England und Frankreich daran erinnert, dasz der Friede fürsorglich sein sollte, und wenn das nach Versailles unmöglich wäre, was haben wir dann in der Periode 1919-1938 getan, um dem deutschen Volke eine ehrliche Chance zu geben? Wir sind doch verbunden in der Schuld an das Unrecht. Als im September der Krieg ausbrach, sagten viele (unter dem Eindruck von «Die Kirche und die politische Frage von heute»8): «jetzt soll auch unsere Obrigkeit mitkämpfen an der Seite Englands, und wenn das nicht geschieht, so soll die Frage gestellt werden, ob wir nicht als Freiwilliger in die englische Armee hinein gehören.» So war die Lage, als Ihr Brief an Pfarrer Westphal kam. Und der oben zitierte Passus antwortet entweder nicht auf diese Fragen oder wir lesen nicht richtig. Prof. Scholten hat vor einigen Monaten geschrieben über unsere «beschämte» Neutralität9; und viele Leute hier, gerade die von Ihren Büchern stark beeinfluszten, sind der Meinung, dasz unsere Neutralität nur dadurch zu rechtfertigen sei, dasz wir bei Beteiligung im Kriege Deutschland strategisch einen Dienst erweisen würden.
227Ich hoffe, dasz es mir gelungen ist, Ihnen ein Bild unserer Lage zu malen. Wir kommen mit diesem Passus nicht aus. Und deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns noch etwas schreiben wollten (in einem Artikel oder in einem Brief) über die Rechtfertigung der Neutralität. Vielleicht möchten Sie dann gestatten, diesen Brief wieder ins «Algemeen Weekblad» zu veröffentlichten?
II. Die zweite Frage gilt die Äuszerung über den Hitlerismus als «der gegenwärtige böse Traum des erst in der Lutherischen Form christianisierten deutschen Heiden».10 Man fragt hier immer wieder: «Rauschning sieht den Nationalsozialismus in Deutschland als nihilistische Revolution11, nicht als Weltanschauung oder Moral, sondern als Dynamik der Negation. Es ist möglich, dasz Professor Barth damit einverstanden ist, wenn man seine Worte so lesen darf, dasz diese nihilistische Revolution nur in einem lutherischen Lande das Volk beherrschen kann.» Möchten Sie Zeit haben, auch über diese Frage noch einiges zu sagen?
Ich habe nur den Mut, Sie zu bitten, weil Sie mir auf unserer Reise zwischen Utrecht und Leiden sagten12, dasz Ihnen die holländische kirchliche und theologische Lage interessiere. Und ganz bestimmt würden sehr viele Christen hier Ihnen für eine Antwort sehr dankbar sein.
Mit dem Grusz in Christo
Sehr geehrter Herr Pfarrer Kooyman!
I. Der Satz: «Die Ursachen des gegenwärtigen Krieges liegen in den internationalen Entscheidungen von 1919, an welchen unser Land nicht beteiligt war, und es ist die Ordnung der großen europäischen Angelegenheiten auch seither (wie schon vorher) ohne unsere Mitwirkung zustandegekommen»13 hat in meinem Brief nicht ganz den |228 Sinn und das Gewicht, den man ihm dort offenbar beigelegt hat. Er sollte gerade nur den historischen Grund angeben, der der Schweiz heute verbietet, von sich aus auf der Seite Englands und Frankreichs in den Krieg einzutreten, ohne daß sie dazu durch einen Angriff von Seiten Deutschlands genötigt wäre. Den Rechtsgrund dieses Verbotes sehe ich in dem, was die folgenden Sätze sagen: Wir haben uns seit 125 Jahren nach allen Seiten immer wieder zu der Staatsmaxime der militärischen Neutralität bekannt und es ist diese Maxime auch von allen unsern Nachbarn praktisch anerkannt worden. Pacta sunt servanda. Also müssen wir uns auch dem Hitlerreich gegenüber, solange es unsre militärische Neutralität seinerseits respektiert, zu dieser unsrer Staatsmaxime bekennen. Wir würden uns sonst selber des Hitlerismus, d.h. der politischen Treulosigkeit schuldig machen.
Ich bemerke zunächst zu diesem für mich entscheidenden Rechts grund noch Folgendes: Es ist meine Meinung, daß es dieser unsrer Staatsmaxime nicht widersprochen, sondern entsprochen hätte, wenn sie von unsrer Seite längst extensiv, statt wie es leider geschehen ist und bis heute geschieht, nur intensiv interpretiert und angewendet worden wäre. Warum hat die neutrale Schweiz als solche nicht eine aktive Außenpolitik? Sie hätte darin bestehen können (und könnte vielleicht noch darin bestehen), daß unsre Staatsführung – in Anwendung unsres innenpolitischen Prinzips des Föderalismus – sich 119 mit den Regierungen der andern kleineren Staaten: Luxemburg, Niederlande, Belgien, Dänemark, Schweden, Norwegen (früher vielleicht auch der baltischen Staaten und jedenfalls der Tschechoslowakei (Polen??)) zu solidarischer Behauptung und Verteidigung ihrer Neutralität vereinigt hätten. Wir «Kleinen» würden heute nicht nur den Großen gegenüber ganz anders dastehen, sondern wer weiß, wieviel Übel schon hätte verhindert werden können, wenn man auf Seiten der Großen gewußt hätte: wer einen von uns angreift, greift uns alle an, verletzt unser aller Neutralität und wird automatisch auch von uns allen angegriffen. Ich stehe also auch jenem Rechtsgrund unsrer (bis auf eine Verletzung von Seiten Deutschlands aufrechtzuerhaltenden) militärischen Neutralität mit dem Bedenken gegenüber, daß er, um als Rechtsgrund durchschlagend zu sein, als ein allgemeiner und nicht nur als unser besonderer Rechtsgrund in Kraft stehen würde. Daß er das leider nicht tut, kann nun aber wieder kein Grund sein, ihn nicht |229 wenigstens in der Besonderheit, in der er faktisch in Kraft steht, zu respektieren.
Über den Sie interessierenden Satz über den historischen Grund, unsre Neutralität, bis sie von Deutschland verletzt wird, nicht aufzugeben, möchte ich Folgendes sagen: Die Schuld daran, daß so etwas wie der Hitlerismus mitten in Europa möglich und wirklich geworden ist, ist gewiß eine gemeinsame Schuld aller europäischen Völker, Menschen und Regierungen. Und es ist wiederum wahr, daß diese gemeinsame Schuld die primäre Ursache des gegenwärtigen Krieges ist. Ich habe aber in meinem Brief an seine sekundäre Ursache gedacht, d.h. an das, was ihn – nicht als irgend eine Kastastrophe (aus jener Schuld hätten sich ja auch ganz andersartige Katastrophen ergeben können!), sondern eben als die bestimmte Aktion dieses Krieges notwendig gemacht hat. Aus jener gemeinsamen Schuld folgte nicht notwendig dieser Krieg, wie es denn auch Unsinn wäre, zu behaupten, daß dieser Krieg zur Bereinigung jener Schuld geführt werde. Dann kann man aber auch nicht sagen, daß alle an jener gemeinsamen Schuld Beteiligten um ihrer Bereinigung willen zur Teilnahme an diesem Krieg verpflichtet seien. Verpflichtet sind sie wohl dazu, jene gemeinsame Schuld nicht durch irgendwelche Nachgiebigkeiten dem Hitlerismus gegenüber noch größer zu machen. Verpflichtet sind sie also dazu, der Beteiligung 120 am Krieg, wenn ihnen diese von Deutschland her aufgedrängt wird, nicht auszuweichen. Zunächst zum Kriege verpflichtet sind aber die, welche, abgesehen von ihrer Teilnahme an der gemeinsamen Schuld, dafür verantwortlich sind, daß der Hitlerismus nun eben gerade Krieg bedeuten muß. Eben das sind nun aber nicht Alle und Jede14, sondern diejenigen, welche für die rechtliche Regelung der europäischen Verhältnisse, wie sie zuletzt in den Verträgen von 1919 getroffen wurde, verantwortlich sind. Hätte man damals einen zugleich strengeren und wohlwollenderen, fürsorglicheren, kurz: einen vernünftigeren Frieden diktiert, dann wäre der Hitlerismus heute vielleicht eine innerdeutsche politische Sekte, aber nicht die Kriegsdrohung gegen ganz Europa. An jenem Friedensdiktat als solchem und also an der Kriegsursache (im engeren, sekundären Sinn des Begriffes) war aber die Schweiz und war auch Holland nicht |230 beteiligt. Man hat uns nicht um unsern Rat gefragt, und wir wurden auch hinsichtlich des ganz an jenem Friedensdiktat orientierten Völkerbundes vor ein fait accompli gestellt15 (ich bin darum auch 1920 in der Volksabstimmung über den Eintritt der Schweiz in den Völkerbund gegen diese Sache gewesen16). Es scheint mir darum billig und recht zu sein, daß heute, wo es sich um die Abwendung des zur Kriegsdrohung gewordenen Hitlerismus handelt, diejenigen den Vortritt nehmen, die ihn damals genommen und gehabt haben. Sie, England und Frankreich an der Spitze der damaligen Alliierten, haben das Recht aufgerichtet, dessen Unvollkommenheiten den Hitlerismus groß werden ließ und in dessen Bruch der Hitlerismus zur Kriegsdrohung geworden ist. In der Sache dieser besonderen Folge der gemeinsamen Schuld sind zunächst sie gefragt. Wir andern (z.B. Holland und die Schweiz) werden es dann sein, wenn der Hitlerismus (über allen Zusammenhang mit 1919 hinaus) auch das Recht, das Stück europäischer Rechtsordnung antasten wird, für das nun tatsächlich wir verantwortlich sind und das nun eben in unsrer Neutralität besteht. Solange es keine «Vereinigten Staaten von Europa» gibt, solange auch jene Union der europäischen Kleinstaaten ein schöner Traum ist, kann ein Staat nur daraufhin Krieg führen bzw. sich an einem Krieg beteiligen, daß er selber zur Wahrung des nun eben ihm anvertrauten Stückes europäischer Ordnung aufgerufen ist. Zu einer Art Polizeiaktion 121 oder gar zu einem Kreuzzug kann er durch kein göttliches oder menschliches Recht aufgerufen sein: auch dadurch nicht, daß die Mehrzahl seiner Bürger sich über die Frage von Recht und Unrecht im Kriege der Andern ihre sehr bestimmten, gar nicht neutralen Gedanken machen und auch offen aussprechen.
Ich könnte also denen nicht wohl recht geben, die bei Ihnen jetzt einfach fordern, daß Holland von sich aus in den Krieg eintreten oder |231 daß man als Freiwilliger in die englische Armee gehen solle. Das hieße, daß man der eigenen, der holländischen Verantwortlichkeit ausweichen und mutwillig fremde Verantwortlichkeiten übernehmen würde. Wir müssen in der Schweiz wie in Holland alles tun, um das Verständnis zu wecken und wach zu erhalten dafür, daß es in diesem Krieg allerdings um die Freiheit von ganz Europa und insofern jetzt schon um unsre eigene Sache geht, daß aber, bis wir direkt zu etwas Anderem aufgerufen werden, unser Tun für diese Sache darin besteht, daß wir unsern Posten halten. Daß es in der Schweiz wie in Holland Leute gibt, die die «geistige Neutralität» proklamieren und fordern, das beruht natürlich auf dem schlimmsten Mißverständnis unsrer Stellung und Aufgabe, und wenn sie sich dabei auf mich berufen, so sollen sie wissen, daß ich sie für böswillig oder trottelhaft halte. Ich habe dazu wirklich nichts Anderes zu sagen.
II. Der Hitlerismus als «der böse gegenwärtige Traum des erst in der lutherischen Form christianisierten deutschen Heiden».17 Ich will natürlich nicht behaupten, daß eine «nihilistische Revolution»18 nur in Deutschland als einem lutherischen Land oder gar daß sie in jedem lutherischen Land als solchem möglich sei. Es ist ganz klar, daß allerlei Entsprechendes (es gibt da gewiß noch viele andere teuflische Möglichkeiten) auch in andern Ländern und ohne allen Zusammenhang mit dem Luthertum möglich werden könnte. Und wiederum ist es klar, daß andere lutherische Länder solchen andern Möglichkeiten nihilistischer Revolution vielleicht ebenso gewaltig widerstehen könnten, wie ihr das lutherische Deutschland nun eben erlegen ist. Ich habe bei jenen Sätzen schon ganz konkret an die besondere, die nationalsozialistische Form der nihilistischen Revolution gedacht, an ihre Aufmachung und Tarnung als Aufrichtung wahrer obrigkeitlicher Autorität. Und ich habe konkret an die Verbin122dung des Lu|232thertums nun eben mit dem deutschen Heidentum gedacht. Hier sehe ich allerdings – natürlich in der Relativität, in der man so etwas allein sehen kann – eine Beziehung: das Luthertum hat dem deutschen Heidentum gewissermaßen Luft verschafft, ihm (mit seiner Absonderung der Schöpfung und des Gesetzes vom Evangelium) so etwas wie einen eigenen sakralen Raum zugewiesen. Es kann der deutsche Heide die lutherische Lehre von der Autorität des Staates als christliche Rechtfertigung des Nationalsozialismus gebrauchen, und es kann der christliche Deutsche sich durch dieselbe Lehre zur Anerkennung des Nationalsozialismus eingeladen fühlen. Beides ist tatsächlich geschehen. Ich denke aber, daß es in dieser Kombination nur in Deutschland möglich ist, und möchte darum bitten, keine verallgemeinernden Folgen daraus zu ziehen. Und man muß bei jenen Sätzen meines Briefes beachten, daß sie in einem Zusammenhang stehen, in welchem ich das deutsche Volk erklären und entschuldigen und nicht etwa anklagen wollte.
Ich weiß nicht, ob Ihnen dieser Brief für den von Ihnen vorgesehenen Zweck genügt. Er mußte in einiger Eile geschrieben werden. Sehr dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir von solchen Veröffentlichungen im Weekblad jeweilen ein Exemplar zusenden wollten.
Mit freundlichem Gruß!
Ich beeile mich, auf Ihren heute eingetroffenen Brief vom 22. April – solange braucht jetzt ein Brief, um von dort nach hier zu kommen – zu antworten.
Aus dem Inhalt Ihres Schreibens schließe ich, daß Sie die Antwort noch nicht kennen, die ich auf eine Anfrage des Allgemeen Weekblad gegeben habe und die dort in Nr. 19 vom 8. März gedruckt worden ist. Es lohnt sich vielleicht, wenn Sie das, was ich dort gesagt habe, noch vergleichen. Aber ich will Ihnen jetzt gerne auch selbständig auf Ihre vier Fragen zu antworten versuchen.
1. Es kann in der Tat nur den Charakter einer historischen Erklärung und nicht den einer sachlichen Rechtfertigung bzw. Begründung |233 haben, wenn wir uns für die vorläufige Neutralität der Schweiz und Hollands darauf berufen, daß wir an den historischen Entwicklungen, die dem heutigen Krieg vorangingen (Weltkrieg 1914-18, Vertrag von Versailles, Nachkriegspolitik bes. Frankreichs Deutschland gegenüber, Taten und Unterlassungen des Völkerbundes), entweder gar nicht oder jedenfalls nicht führend, nicht verantwortlich im konkreten Sinn beteiligt waren. – Ich lege nicht großes Gewicht auf diese Erklärung. In meinem Brief an Westphal habe ich sie nur deshalb gestreift, um einem möglichen Einwand zuvorzukommen: Man kann nicht wohl sagen, daß sich England und Frankreich in jenen Entwicklungen in einem solchen Sinn als «internationale(!) Obrigkeit»19 verhalten hätten, daß sich daraus für die europäischen Kleinstaaten im Herbst 1939, als auf jene Entwicklungen der Krieg folgen mußte, ohne Weiteres die Verpflichtung ergab, die Entscheidung Englands und Frankreichs alsbald durch eine ihrerseits an Deutschland zu erlassende Kriegserklärung zu honorieren. England und Frankreich haben von 1919-1933 reichlich – ohne uns – dazu beigetragen, das hitlerische Deutschland möglich zu machen. Und man konnte noch bis mindestens März 1939 in ernstlichem Zweifel sein, ob sie nicht geneigt seien, die europäischen Kleinstaaten – ohne ihr (Englands und Frankreichs) Eingreifen – einen nach dem andern der Hitlerherrschaft verfallen zu lassen. Wo war 1919-33 und 1933-39 die «internationale Obrigkeit»? Zweifellos handeln heute England und Frankreich in der Funktion einer solchen. Aber ob es etwas Derartiges gibt, das muß sich nun erst herausstellen. Nach den englisch-französischen Antezedentien konnte die schweizerische, konnte die holländische Regierung nicht ohne Weiteres annehmen, daß jetzt dieses Zeichen wirklich giltig und für alle Teile verpflichtend aufgerichtet und also für sie die Notwendigkeit einer Kriegserklärung an Deutschland gegeben sei.
2. Ich könnte es weder für gute Ethik noch für gute Politik halten, wenn wir um des Prinzips «Pacta sunt servanda» willen praktisch bestehende Pakte brechen würden. Das Eingehen dieser Pakte (z.B. der schweizerischen Neutralitätserklärung von 1815) ist dadurch nicht als «kirchlich unerlaubt und also unverbindlich» erwiesen, daß einer der |234 damaligen Paktgenossen sich anderweitig als ein sehr unzuverlässiger Vertragspartner erwiesen hat. Aus dem mit uns geschlossenen Pakt sind wir erst dann entlassen, wenn er diesen mit uns geschlossenen Pakt seinerseits verletzt hat. Damit, daß wir ihm trotz schweren Verdachtes Treue halten, bekunden wir, «daß wir wirklich und deutlich auf die Seite gehören, die Verträge als verbindlich ansieht»20. Wie sollte das anders als eben praktisch bekundet werden und welche andere Praxis als diese bleibt uns rebus sic (vor einem Angriff Deutschlands) stantibus schon übrig? Jede andere Praxis (insbes. ein Angriff auf Deutschland von unsrer Seite) würde durch die Motivierung einer Verteidigung des Prinzips «Pacta sunt servanda» nicht vor dem Vorwurf geschützt sein, selber den schlimmsten Hitlerismus darzustellen. – Bedenken Sie aber bitte auch, daß doch auch die Allierten selbst gerade nicht wegen des Prinzips der Vertragstreue zur Kriegserklärung geschritten sind. Sie haben es – mit Recht oder Unrecht, aber tatsächlich – geduldet, daß die Verträge von 1919 von Hitler gröblichst durchlöchert wurden. – Was wurde im Falle Abessynien, im Falle Albanien21 aus dem Völkerbundspakt? Wo ist Frankreichs Vertrag mit der Tschechoslowakei geblieben, als der Fall seiner Erfüllung wahrhaftig gegeben war?22 Im Herbst 1939 haben sie sich dann entschlossen, einem bestimmten praktischen Vertragsbruch Deutschlands gegenüber festzubleiben d.h. den Krieg zu erklären. Aber erst dann und nur so! Und wie wenig prinzipiell ihre Politik ist, zeigt bis auf diesen Tag ihr Verhalten gegenüber Sovjetrußland. Ist etwa Rußland ein zuverlässiger Vertragspartner? Was hat Rußland in Polen und in Finnland getan?23 Die Alliierten haben ihm doch nicht den Krieg erklärt, |235 sondern gerade in diesen Tagen liest man wieder, daß England offenkundig bemüht ist, nicht nur friedliche, sondern gute Beziehungen mit ihm aufrechtzuerhalten. Ist es nicht klar, daß es unter diesen Umständen auch politisch eine Donquichotterie wäre, wenn wir – päpstlicher als der Papst – ohne das Gegebensein eines uns angehenden Vertragsbruches uns in den Krieg dieser Allierten stürzen würden?
3. Die Ordnung ist gewiß nicht ein Monopol der Neutralen, gegenüber gleichmäßiger Unordnung auf Seiten beider Kriegführenden. Die Ordnung ist aber auch nicht ein Monopol der alliierten Kriegführenden. Ihr Krieg ist gewiß ein Ordnungsakt. Das ist aber auch die Verteidigung unsrer Neutralität: sofern wir mit ihr (in unsrer Stellung als Kleinstaaten, auf Grund unsrer geschichtlichen Antezedenzien und der von uns geschlossenen Verträge) eben die Freiheit und das Recht verteidigen, gegen deren Bedrohung die Alliierten (in ihrer Stellung und auf Grund ihrer geschichtlichen Verantwortungen) nun eben Krieg führen. Glauben Sie nicht auch, daß es für den Charakter des Ordnungsaktes des alliierten Krieges als solchen wichtig ist, daß Ordnung daneben auch noch in dieser ganz andern Form aufrechterhalten wird? (Genau so wie es für die Kriegsführung der Alliierten nicht unwichtig ist, in den Armeen und Befestigungen der Schweiz und Hollands einen neutralen, aber umso zuverlässigeren rechten und linken Flügel zu haben!) So eindeutig ist der Begriff der politischen Ordnung nun einmal nicht, daß es neben dem Krieg nicht auch den Nicht-Krieg um der Ordnung willen geben dürfte. Und ich meine, daß wir in der Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten des Ordnungsaktes auf keinen Fall eigenmächtig, d.h. auf keinen Fall ohne konkreten Aufruf vorgehen dürfen. Ich denke wohl, daß Schweden und Norwegen während des finnischen Krieges versäumt haben, den vorliegenden konkreten Aufruf zu hören und darum auf weiteren Nicht-Krieg zu verzichten und um der Ordnung willen zum Krieg überzugehen.24 Ich denke dasselbe von der gegenwärtigen Haltung |236 Schwedens zum Krieg zwischen Deutschland und Norwegen. Ich weiß aber nicht, welchem konkreten Aufruf die Schweiz und Holland gehorchen würden, wenn sie heute von sich aus zum Krieg übergehen würden. Ich verstehe nicht, inwiefern das ein Ordnungsakt wäre.
4. Wir Neutralen oder vorläufig Neutralen können uns gewiß nicht darauf versteifen, daß wir um der Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen den Völkern willen durchaus und unter allen Umständen neutral bleiben wollten. Es liegt ja auch gar nicht in unserer Macht und Hand, ob und in welcher Intensität es zu solchen Verbindungen durch unsre guten Dienste tatsächlich kommt. Wir dürfen aber die Kriegführenden und uns selbst (wenn jene uns etwa allzu ungeduldig zum Mittun auffordern wollen – eine gewisse Nervorsität in dieser Hinsicht beginnt sich bemerkbar zu machen –) daran erinnern, daß es für sie und für uns und für das, worum es doch im Kriege (und gerade in diesem Kriege!) geht, gut ist, wenn solche Verbindungen dank unsrer Neutralität immerhin nicht ganz unmöglich sind. Wir werden uns diesem Dienst, ohne uns über seine Relativität Illusionen zu machen, nicht mutwillig entziehen. Wir werden auch um seinetwillen in Sachen des Übergangs zum Krieg nicht leichtfertig sein, nicht eigenmächtig vorgehen wollen. Es ist aber klar, daß es sich hier hinsichtlich des Problems der Neutralität ethisch und politisch nur um ein Parergon handeln kann.
Dies sind meine Antworten auf Ihre vier Fragen. – Mich plagt ja hinsichtlich des Neutralitätsproblems etwas ganz Anderes, nämlich die Frage: warum gab oder gibt es nicht eine Konföderation der europäischen Neutralen als solcher, wie es eine Confoederatio helvetica25 gibt? Warum haben wir uns in der Mitte zwischen Deutschland und den Westmächten nicht längst auf eigene Füße gestellt? Warum bildet jeder europäische Kleinstaat einen Fall für sich, und warum tut man überall, wie wenn das so sein müßte? Warum wird sich die Schweiz nicht rühren, wenn Holland – und Holland nicht, wenn die Schweiz angegriffen werden sollte? Warum haben wir unsre Neutralitätsverträge und -Versprechungen nicht längst im Sinn einer solidarischen Neutralität bereinigt? Wie ganz anders würden wir dann |237 ethisch und politisch dastehen! Mit welch ganz anderem Gewicht könnte dann alles oben 1.-4. Gesagte ausgesprochen und behauptet werden! – Als ich letztes Jahr in Holland und in Dänemark war26, habe ich an beiden Orten vergeblich versucht, für diese Sache Stimmung zu machen. Die so tüchtige holländische Polizei würde es ja auch gewiß verhindert haben, daß ich es noch lauter getan hätte, als es geschehen ist. Die armen Dänen aber haben es nun auch büßen müssen, daß es so etwas nicht gibt!27 Es ist Ihnen vielleicht für die Fortsetzung Ihrer dortigen Diskussionen lieb, wenn ich Ihnen noch einmal – ich habe auch im Weekblad davon geredet und werde es hartnäckig immer wieder tun – sage, daß diese Konföderation (in Form eines Schutz- und Trutzbündnisses) mein positiver Vorschlag ist. Solange nämlich die Vereinigten Staaten von Europa noch nicht – oder noch nicht in einer auch für die Kleinstaaten wirklich annehmbaren Form – Ereignis sind!! (Ich rechne stehenden Fußes damit, daß man mir diese Sache später im gleichen Sinn als «politische Verirrung» ankreiden wird, wie es Zwingli wegen des noch kühneren Planes widerfahren ist, mit dem er sich in seinen letzten Jahren beschäftigt hat.28 Irgend ein paar gute Menschen werden mir aber zugeben, daß ich recht habe!)
Ihren Vortrag habe ich noch nicht gelesen, weil ich das wegen der Sprache mit Muße tun muß. So kann ich Ihnen vorläufig nur implizit danken.
Seien Sie herzlich und mit den schönsten Empfehlungen auch an die andern Einverstandenen und Nichteinverstandenen gegrüßt
Ich sende Ihnen mit gleicher Post meine letzte «Kriegsbroschüre»29, die wohl noch nicht in Ihren Händen ist.