Während sich der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland monatelang auf Spähtruppuntemehmungen beschränkte, weil Hitler den geplanten Angriff immer wieder (bis zum 10.5.1940) verschob, wandte sich Pfarrer Charles Westphal (1896–1972) mit einer Bitte an Barth. Mit Westphal war Barth zum ersten Mal in Kontakt gekommen, als der zu Barths erster längerer Reise durch Frankreich im Frühjahr 1934 ein Zusammentreffen mit dem Christlichen Studentenbund verabredete.1 Im Januar 1939 hatte Westphal eine Pastoralkonferenz in Bièvres in Frankreich organisiert, auf der Barth Teile des 1. Petrusbriefes und der Confessio Gallicana ausgelegt hatte.2 Nun schrieb Westphal am 13.11.1939 an Barth:
Cher Monsieur Barth. Chargé par Pierre Maury de publier la revue «Foi et vie» pendant le temps de guerre, je m’adresse à vous, qui nous avez apporté l’an dernier un si grand secours spirituel et nous avez aidé par votre rigoureuse clairvoyance. J’aimerais avoir quelques pages de vous pour le premier N° de guerre de la revue, qui parait vers le 15 décembre, quelques pages sur le sens spirituel de cette guerre. Une brève étude, ou une simple lettre, un message à vos amis français, comme vous voudrez. Le Souvenir de votre venue à Bièvres, ces belles journées d’étude avec vous, sont pour nous une source de force et de certitude. Nous comprenons mieux aujourd’hui combien vous avez raison et combien votre attitude est juste. Dans le désordre intellectuel de ce temps, au milieu de tous ces entrainements meurtriers, nous attendons de vous une parole ferme et sereine, cette parole que Dieu vous donne.
Pierre Maury3 est capitaine du «train d’équipages» et travaille au ravitaillement du front. Jean Bosc4 est dans l’artillerie, mais il est ac|206tuellement encore dans un dépot. Les trois quarts de nos amis de Bièvres sont mobilisés. C’est une rude épreuve pour les Eglises – et pour eux! Pour moi, blessé de l’autre guerre5, je suis reformé et maintenant pasteur à Grenoble (Isère). De là je m’efforce de remplacer mes amis Maury et Bosc en publiant à leur place «Foi et vie» et «Le Semeur». Je voudrais que nos revues apportent à vous, combattants ou non, le réconfort d’un témoignage d’un sobre et d’un ferme, et ce sera une aide bien précieuse pour moi que de recevoir quelques pages de vous pour nos amis. Soyez assuré, cher Monsieur Barth, de ma profonde reconnaissance envers Dieu pour ce que vous êtes pour nous, et croyez, je vous prie, à mon respectueux et fidèle attachement.
Charles Westphal
Barth schrieb daraufhin «im Dezember 1939» in deutscher Sprache einen sechs Schreibmaschinen-Seiten langen Brief «Mein lieber Pfarrer Westphal», eine Art «Ökumenisches Sendschreiben».6 Da Schweizer Freunde, denen er das Manuskript zeigte, darauf drängten, daß der Text auch in der Schweiz veröffentlicht würde7, gab er Durchschläge an das «Kirchenblatt für die Reformierte Schweiz», das die deutsche Fassung Anfang 1940 unter der Überschrift «Ein Brief nach Frankreich» brachte8, an die schweizerische Zeitschrift «In Extremis», die eine vollständige französische Fassung schon Ende Dezember 1939 in der französischen Schweiz veröffentlichte9, und an Visser ’t Hooft, den Generalsekretär des Weltkirchenrats in Genf.
207In Frankreich verzögerte sich der Abdruck. Pierre Maury legte Barth am 30.12. in zwei Punkten eine Änderung des Texts nahe, worauf Barth jedoch nicht einging.10 Im Januar berichtete Visser ’t Hooft von einer Tagung der Ökumene in Holland, wo es nicht gelungen war, eine deutliche Stellungnahme «zu der Vergewaltigung von ganzen Völkern, zu der Verfolgung der Kirche und zu der Dämonisierung der Politik» zu erreichen, weil die Mehrheit das Ziel vertrat, unbedingt Frieden zu stiften11, und bemerkte: «Dein Aufsatz erscheint also im richtigen Moment. Wir haben ihn größtenteils übersetzt für unseren Pressedienst und versuchen auch, ihn in England und Amerika, veröffentlicht zu kriegen. Wie steht es aber mit der Veröffentlichung in ‹Foi et Vie›? Wir können wohl den Aufsatz nicht in Französisch verbreiten, bis ‹Foi et Vie› ihn gebracht hat. Ich hörte in Paris, daß irgendwelche Schwierigkeiten mit der französischen Zensur bestehen sollten. Ist das richtig?»12 Barth antwortete am 24.1.1940:
Ob mein Brief nach Frankreich dort jemals publiziert werden wird, weiß ich nicht. Es bestehen dort in der Tat Schwierigkeiten, und die Sache scheint nach dem, was mir Koechlin13 erzählte, sogar Herrn Daladier14 beschäftigt zu haben. Da er aber schon «In Extremis» auch französisch gedruckt ist, besteht sicher keine Schwierigkeit, daß ihr ihn auch französisch verbreitet. Außer der französischen hat sich |208 übrigens auch die schweizerische Zensur (man sagt milde: Presseaufsicht) dafür interessiert und den Redaktoren des Kirchenblattes und von «Extremis» gemeinsam eine kleine Belehrung über den orthodoxen schweizerischen Neutralitätsbegriff eingetragen.
In der Schweiz gab es Anfang 1940 auch öffentlichen Widerspruch gegen Formulierungen, die Barth in dem Brief an Westphal über die «vorläufige» Neutralität der Schweiz getan hattet.15 Auch seine Äußerungen über Luthers Erbe in Deutschland stießen auf scharfe Kritik. Barths Freund und Kollege K. L. Schmidt wies Barths Position in mehreren Briefen und in einer Unterredung energisch zurück.16 Andere Kommentare beurteilten den Brief positiv.17
209Barths Brief wurde schließlich doch noch im Januar 1940 in Frankreich in «Foi et vie» unter dem Titel «Lettre à mes amis français» abgedruckt, jedoch in einer durch die Zensur stark beschnittenen Fassung: In der ersten Hälfte waren Sätze und Satzteile gestrichen worden, die zweite Hälfte, in der Barth einen möglichen unglücklichen Verlauf des Krieges ins Auge faßte, war ganz gestrichen worden. Der Text wurde so abgedruckt, daß die gestrichenen Stellen als Leerstellen auffielen.18 Im April wurde eine vollständige französische Fassung in Paris von der linkskatholischen Zeitschrift «Esprit», redigiert von Emmanuel Mounier, veröffentlicht.19 So konnte «Foi et vie», «Esprit» zitierend20, ihn auch in seiner Mai-Juni-Nummer unter der Überschrift «La lettre de Barth» endlich vollständig drucken.21
Die Zeitschrift leitete den Text so ein: «Maintenant que cette lettre, qui, publiée dans presque toute l’Europe, y a suscité tant de réactions diverses, a pur paraître intégralement dans la revue ‹Esprit› (n° d’avril 40), nous pouvons nous offrir le luxe de la donner taut entière à nos lecteurs qui en étaint les Premiers destinataires. Loin d’être maintenant périmé comme beaucoup d’écrits du début de la guerre, ce texte garde tout son sens pour nous, son sens d’encouragement et son sens d’avertissement.» Die Zeitschrift druckte gleich Kommentare von François Mauriac22 und Denis de Rougemont23 mit ab.
210Auch in Frankreich kam es wegen Barths Kritik an Luther zu kritischen Anfragen.24 Barths Kollege Henri Strohl von der Universität Straßburg stieß sich außerdem an einer Formulierung im Text, die Barth unbekannt war: Barth mußte feststellen, daß der Übersetzer Jean-Louis Leuba in «In Extremis» an einer Stelle eine «folgenschwere Veränderung» vorgenommen hatte, indem er einen ganzen Satz hinzugesetzt hatte, der den Sinn verschob.25 Leubas Übersetzung war inzwischen in andere Zeitschriften übernommen worden.26 Barth wies Strohl auf die Originalfassung hin.27
In Genf machte sich Visser ’t Hooft den Brief zu eigen und verbreitete ihn in englischer Sprache über den Ökumenischen Pressedienst.28 Schon im Februar 1940 erschien eine holländische29 und im |211
März eine englische30 Übersetzung. In Holland kam es zu einer Nachfrage, die Barth zu einem weiteren Offenen Brief veranlaßte (s. nächsten Offenen Brief). In Deutschland wurde der Brief in der Bekennenden Kirche bekannt und mit dem Tarnnamen «der westfälische Brief» bezeichnet.31 Bei den «Deutschen Christen» führte Barths Brief zu einer scharfen Reaktion von Emanuel Hirsch, der seinerseits einen Offenen Brief an einen ausländischen Freund veröffentlichte. Er konstatierte eingangs, daß Barth sich mit seinem Briefe «in die Reihe der Todfeinde des deutschen Volkes stellt», und endete, indem er dem «dialektischen Fuchs» Barth «blutigen Zynismus», «kalten Intellekt», «böses Gewissen», «Verletzung von Anstand und Geschmack» vorwarf und seine eigene Sicht des Krieges dagegensetzte.32
Hirschs Broschüre wurde von der Deutschen Gesandtschaft in Bern an 300 Adressaten in der Schweiz versandt.33 In Italien erschien eine gekürzte |212 Übersetzung innerhalb eines Artikels «La polemica Barth – Hirsch».34 Eine spanische Übersetzung kam 1940 in Mexiko heraus.35 Aus der Sowjetunion meldete sich im März 1940 der Pressedienst der Gottlosenbewegung zu einem abfälligen Kommentar.36
Am 20.3.1940 gab Barth Pastor Westphal einen ironischen Überblick über den Weg, den sein Brief nach Frankreich bis dahin genommen hatte:
L’attitude et les mesures de la censure française ne m’étonnent pas trop. Mon collègue Cullmann me disait tout de suite, qu’il avait des craintes. Je suis content, que les omissions sont au moins visibles, de sorte que tout le monde a pu se convaincre, que ce coup de trompette de guerre, qu’on a bien voulu me laisser, n’était pas mon texte originaire. C’était de la malchance, que le tout ne se soit passé après la discussion sur la liberté de la presse dans la Chambre.
Cela vous interessera d’entendre, que la censure Suisse, elle aussi, m’est tombé dessus et que dans un certain coin de la presse Suisse (Schweizer Bauer) un pasteur – demi fou du reste – m’a chargé avec des récriminations les plus dures à cause de L’expression répétée (dans le texte français ce n’est guère visible) de la «vorläufige Neutralität» de la Suisse. En Allemagne un ancien collègue de Göttingen, Emanuel Hirsch, un chrétien allemend des plus pires a publié une lettre ouverte, adressée à un ami scandinavien (!) qui ne s’occupe que de ces parties de la lettre que la censure française a gracieusement permis d’imprimer |213 et qui m’accuse nettement d’être un «Todfeind des deutschen Volkes». Et ce marin j’apprends qu’une sorte de commissaire populaire en Sovjet-Russie a emis quelque manifesto contre cette lettre, me repochant d’être un réactionnaire des plus pires, ennemi de l’alliance germanorusse, des sans-dieux et de l’athéisme, ami des pouvoirs capitalistes etc etc! Il y en a d’autres qui pleurent à cause du passage de Luther. Il y en à d’autres qui n’aiment pas ce que j’ai dit sur Bismarck et Fréderic le Grand. Des Pays bas on m’ont demandé des èclaircissements ulterieurs sur la «théologie de la neutralité». C’est seulement en Angleterre (où la lettre a été imprimée intégralement) où l’on semble être assez content de moi. En comparant toutes ces opinions et reproches si différentes je ne peux que me convaincre que cette fois, il fallait exactement dire ce que j’ai dit. Pas comme un dernier mot, – il faudra continuer de réfléchir et de chercher la vérité – mais bien pour commencer, et je vous suis très reconnaissant de m’avoir obligé de formuler ce premier mot.
Nach der Befreiung Frankreichs wurde der Brief 1944 unter dem Titel «Lettre aux Protestants de France» an erster Stelle in dem Sammelband «Une voix suisse, 1939-1944» wiedergegeben37, und im Sommer 1945 nahm Barth den Text unter dem veränderten Titel «Ein Brief nach Frankreich» auch in die deutsche Fassung des Sammelbandes «Eine Schweizer Stimme» auf.38 Im folgenden wird der Text mit den orthographischen Eigentümlichkeiten (Großschreibung) und den Hervorhebungen wiedergegeben, die Barth im ursprünglichen Typoskript vorgesehen hatte.
Mein lieber Pfarrer Westphal!
Sie schreiben mir, daß drei Viertel der französischen Theologen, mit denen ich im Januar dieses Jahres Zusammensein und arbeiten durfte, heute im Felde oder sonst im militärischen Dienste Ihres Landes stehen. Und Sie laden mich ein, ihnen und meinen anderen Freunden in Frankreich durch «Foi et Vie» einen Gruß zu schicken. Ich tue das sehr gerne, indem ich Ihnen Einiges von dem mitteile, was mich heute in Gedanken an Sie Alle bewegt.
214Es ist hier in Basel dafür gesorgt, daß wir den Krieg nicht aus den Augen verlieren können. Wenige Kilometer von hier beginnen rechts die deutschen, links die französischen Befestigungen. Die Flieger von beiden Seiten vergessen leider manchmal, daß sie in der Luft über unsern Köpfen nichts zu suchen haben. Es ist auch schon vorgekommen, daß ganz unerwünschte Gegenstände von dorther auf unseren Boden gefallen sind. Und mitten auf unsern Straßen starren die Barrikaden und Drahtverhaue unsrer eigenen Verteidigung für den Fall noch schlimmerer Bedrohung. Dies sind die Umstände, unter denen ich gegenwärtig die ruhigen Geheimnisse der christlichen Dogmatik – zurzeit die Prädestinationslehre! – auszulegen habe.39
Aber was ist das neben den Fragen und Sorgen, mit denen heute Sie beschäftigt sind! Sie persönlich, Ihre Familien, Ihre Gemeinden und mit Ihnen die ganze reformierte Kirche Ihres Landes! Sie dürfen versichert sein, daß die Aufregungen und Entbehrungen, die Opfer und die Versuchungen, die die Ereignisse Ihnen gebracht haben und noch bringen können, auch mir und vielen Andern in unserm vorläufig «neutralen» Bereich gegenwärtig sind und daß wir wissen um die christliche Teilnahme, die wir Ihnen und allen Betrübten und Angefochtenen in den kriegführenden Ländern schuldig sind: sie ist Ihnen von ganzem Herzen zugewendet. 109
Sie werden es ja uns Schweizern nicht falsch auslegen, liebe Freunde, daß wir tatsächlich vorläufig (in militärischer Hinsicht) einen «neutralen» Bereich bilden. Es kann und darf im Augenblick nicht anders sein. Die Ursachen des gegenwärtigen Krieges liegen in den internationalen Entscheidungen von 1919, an welchen unser Land nicht beteiligt war40, und es ist die Ordnung der großen europäischen Angelegenheiten auch seither (wie schon vorher) ohne unsere Mitwirkung zustande gekommen. Die Schweiz würde sich derselben politischen Willkür schuldig machen, die heute in ihre Schranken gewiesen werden muß, wenn sie sich mutwillig, unter Mißachtung ihrer |215 eigenen, immer wieder abgegebenen Erklärung, militärisch an diesem Krieg beteiligen würde, ohne daß sie von außen dazu genötigt ist. Unsere Pflicht dem europäischen Ganzen gegenüber besteht vorläufig darin, das Stück europäischer Ordnung, das in Gestalt unserer militärischen Neutralität nun eben uns anvertraut ist, als solches aufrechtzuerhalten. Und Sie werden mir recht geben, wenn ich sage, daß es für alle Völker und nicht zuletzt für die Kirche Jesu Christi in allen Völkern notwendig und gut ist, wenn es so lange als möglich auch solche Orte gibt, von denen aus die Gemeinschaft mit den Menschen und Christen hüben und drüben in einiger Ruhe aufrechterhalten werden kann. Ein solcher Ort ist vorläufig die Schweiz. In diesem Sinn verstanden, müssen wir unsere «Neutralität» vorläufig für geboten halten. Sie bedeutet nicht, daß wir an dem Geschehen unserer Zeit unbeteiligt, sondern daß wir in unserer besonderen Weise daran beteiligt sind. Sie bedeutet die besondere Form unserer europäischen Verantwortlichkeit. Es dürfte wenig Schweizer geben, die unsre «Neutralität» anders als so verstehen. So und nur so möchte ich sie jedenfalls für meine Person verstanden wissen.
Das kann ja keine Frage sein, daß dieser Krieg für uns Alle, die Kriegführenden und die «Neutralen», ein sehr besonderer Krieg ist, daß er ein ganz anderes Gesicht hat als etwa der von 1914 und als die allermeisten Kriege der letzten Jahrhunderte überhaupt. Frankreich und England haben nach langem – nach vielleicht zu langem, aber in Anbetracht der Schrecklichkeit dieser ultima ratio doch wohlbegründetem Zögern zu den Waffen gegriffen, um der Willkür des von der gegenwärtigen deutschen Regierung proklamierten und in steigender Rücksichtslosigkeit 110 angewendeten Faustrechtes ein Ende zu machen. Der Hitlersche Nationalsozialismus ist, nachdem er Deutschland selbst zu einer einzigen Stätte des Terrors und der Angst gemacht hat, in zunehmendem Maß zu einer Bedrohung von ganz Europa geworden. Diese Bedrohung hat zu einem Erwachen geführt. Es gibt in der Sünde und Schande des Lebens aller Völker durch Gottes Güte einen Rest von Ordnung und Recht, von freier Menschlichkeit und vor allem und als Sinn von allem Anderen: von Freiheit zur Verkündigung des Evangeliums. Wo Hitler regiert, da ist es auch um diesen Rest getan. Hitler wollte aber nicht nur in Deutschland regieren. Als das so klar wurde, daß es auch die Blin|216den sahen, da kam es zum Kriege. Il faut en finir! hat Ihr Ministerpräsident in entscheidender Stunde gesagt41, und sein englischer Kollege hat das Wort wiederholt.42 Man darf es ruhig der Verantwortung dieser Staatsmänner überlassen, wie tief die Absicht dieses ihres Entschlusses ist43 oder auch nicht ist. Sicher ist, daß auch und gerade jeder Christ, der die letzten Jahre mit offenen Augen und Ohren miterlebt hat, zu diesem Il faut en finir! seinerseits Ja und Amen sagen muß. Gewiß hatten und haben Frankreich und England auch ihre sehr imperialistischen Gründe zu diesem Krieg. Das ändert aber nichts daran, daß es vor Gott und den Menschen nicht zu verantworten wäre, wenn der Versuch, mit dieser Sache, mit der Hitlerschen Bedrohung, Schluß zu machen, nicht unternommen würde. Der Krieg war schließlich das einzige Mittel, das zu diesem Zwecke übrig blieb. Frankreich und England mußten ihn unternehmen, weil die Verantwortung für die seit 1919 entstandenen europäischen Verhältnisse – weil die Verantwortung auch dafür, daß Hitler möglich wurde – entscheidend bei ihnen liegt. Aber nun sie ihn unternommen haben, kann man nicht gut leugnen, daß es in diesem Krieg nicht nur um die Sache Frankreichs und Englands, sondern auch um die aller andern Völker – zuletzt sogar um die Sache des deutschen Volkes selber geht. Das ist das Besondere dieses Krieges, daß er aus einer tödlichen Gefährdung Aller entstanden ist und zum Schutze Aller geführt werden muß. Auch wir im «Neutralen» sind insofern gar nicht neutral, als wir sehr genau wissen, daß die Anstrengungen und Opfer dieses Krieges auch um deswillen nötig sind, was uns zum Leben unentbehrlicher ist als das Leben selber. Unsre französischen und 111 englischen, aber auch unsre deutschen Freunde sollen es ruhig hören, daß wir denen dankbar |217 sind, die es entsprechend ihrer geschichtlichen Stellung und Verantwortlichkeit übernommen haben, diesen Krieg gegen Hitler zu führen.
Die Kirche Jesu Christi kann und will nicht Krieg führen. Sie kann und will nur beten, glauben, hoffen, lieben, das Evangelium verkündigen und hören. Sie weiß, daß das Ereignis, durch das uns armen Menschen wirklich, ewig und göttlich geholfen ist, nach Sach. 4,6 nicht durch Heeresmacht und Gewalt und überhaupt durch keine menschliche Anstrengung und Leistung geschehen ist, geschieht und geschehen wird, sondern durch Gottes Geist. Sie wird also in der Sache Englands und Frankreichs nicht die causa Dei sehen, und sie wird gegen Hitler nicht den Kreuzzug predigen.44 Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht «neutral» sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht.45 Wo es darum geht, da kann die Kirche ihr Zeugnis nicht verweigern: daß es Gottes Gebot ist, daß das geschehe auf Erden, daß Gott eben dazu die Obrigkeit eingesetzt und ihr das Schwert gegeben hat und daß die Obrigkeit, die das Recht zu schützen versucht, trotz aller Fehler, deren sie sonst schuldig sein mag, sich eben damit als rechte Obrigkeit legitimiert und von Jedermann Gehorsam in Anspruch nehmen darf.46 Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten. Sie sollen heute in aller Bußfertigkeit und Nüchternheit um einen gerechten Frieden beten und in derselben Bußfertigkeit und Nüchternheit allem Volk bezeugen, daß es nötig und der Mühe wert ist, für diesen gerechten Frieden zu streiten und zu leiden. Sie sollen den |218 Völkern der demokratischen Staaten wahrhaftig nicht einreden, daß sie so etwas wie Gottesstreiter seien47: Sie sollen ihnen aber sagen, daß wir um Gottes willen menschlich sein 112 dürfen und gegen den Einbruch der offenen Unmenschlichkeit mit der Kraft der Verzweiflung uns wehren müssen. Die Kirchen sind es auch den Christen in Deutschland und dem ganzen deutschen Volke schuldig, ihm zu bezeugen: Eure Sache ist nicht gut! Ihr irrt euch! Laßt von diesem Hitler! Hände weg von diesem Krieg, der ganz allein sein Krieg ist! Kehrt um, solange es noch Zeit ist! Warum sind die Vertreter und Organe der ökumenischen Kirchenbewegung in allen diesen Jahren und noch während der fatalen Entwicklung des letzten Sommers und Herbstes so diplomatisch stumm geblieben, als ob es kein prophetisches Amt Jesu Christi und als ob es keinen Wächterdienst der Kirche gäbe?48 Warum hörte und hört man jetzt nicht ganz selten Stimmen eines eschatologischen Defaitismus, der sich angesichts der Wahrheit, daß die ganze Welt im Argen liegt49, fast schadenfroh damit beschäftigt, festzustellen, daß die heute gegen Hitler stehen, ihrerseits auch keine Heiligen sind? Eben die Erkenntnis, daß Gott allein heilig ist, wird uns aus der Pflicht des heute zu leistenden Widerstandes schwerlich entlassen, im Gegenteil! Die Kirche wird in allen Ländern viel zu trösten haben in den dunklen Zeiten, in die wir allem Anschein nach hineingehen. Sie wird aber nur dann wirklich zu trösten vermögen, wenn sie ohne Haß und Pharisäismus und ohne alle Illusionen über die Güte irgendwelcher Menschen auch mahnen, wenn sie jetzt ernst und offen sagen will, daß Widerstand heute notwendig ist.
Gerade die Kirche Jesu Christi wird ja dann auch das Andere ebenso deutlich wissen und sagen: daß das Letzte im Kriege – und gerade in diesem Kriege – nicht der Krieg sein kann, daß er (einer schmerzlichen, aber sinnvollen Operation vergleichbar) nur um des Helfens und Heilens und Lebens willen geführt werden kann. Die Zeit kann sehr bald kommen, wo es in allen Ländern dringend notwendig sein wird, diese Seite der Sache in den Vordergrund zu rücken. Liebe französische Freunde, Sie wissen, wie sehr ich mit Deutschland, mit seiner |219 Kirche und mit seinem Volke verbunden bin, und Sie werden es mir nicht verargen, wenn ich Sie bitte, sich selbst und Ihre Gemeinden schon jetzt mit der Frage zu beschäftigen, was geschehen soll, wenn das Unglück, in das Deutschland sich selber gestürzt hat, in seiner nach menschlichem Ermessen kaum vermeidlichen Niederlage an 113 den Tag kommen wird. Man hat am Anfang dieses Krieges die Parole ausgegeben, daß er sich nicht gegen das deutsche Volk, sondern nur gegen seine gegenwärtige Regierung richte.50 Die Formel war wohl bei aller Schönheit zu einfach. Aber die neue Parole: daß jedes Volk die Regierung habe, die es verdiene, und daß das deutsche Volk als solches für die Taten seiner Regierung haftbar gemacht werden müsse51, ist wieder zu einfach. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Das deutsche Volk ist kein böses Volk: nicht böser jedenfalls als alle andern Völker auch, und die Vorstellung, daß man es heute als solches bestrafen müsse, wäre, christlich und menschlich betrachtet, gleich unmöglich. Es ist aber der Hitlersche Nationalsozialismus der allerdings böse Ausdruck der ungewöhnlichen politischen Torheit, Verworrenheit und Hilflosigkeit des deutschen Volkes. Lassen Sie mich die Ursachen und das Wesen dieser Tatsache, so wie ich sie verstehe, nur eben andeuten: Das französische und das englische, das holländische und das schweizerische Volk sind gewiß auch keine «christlichen» Völ|220ker.52 Es leidet aber das deutsche Volk an der Erbschaft eines besonders tiefsinnigen und gerade darum besonders wilden, unweisen, lebensunkundigen Heidentums. Und es leidet an der Erbschaft des größten christlichen Deutschen: an dem Irrtum Martin Luthers hinsichtlich des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium, von weltlicher und geistlicher Ordnung und Macht, durch den sein natürliches Heidentum nicht sowohl begrenzt und beschränkt als vielmehr ideologisch verklärt, bestätigt und bestärkt worden ist.53 Alle Völker haben solche Erbschaften aus dem Heidentum und aus gewissen ihr Heidentum bestärkenden christlichen Irrtümern. Alle Völker haben infolgedessen ihre bösen Träume. Der Hitlerismus ist der gegenwärtige böse Traum des erst in der lutherischen Form christianisierten deutschen Heiden. Er ist ein besonders böser, für die Deutschen selbst und für uns andern Alle besonders lebensgefährlicher Traum. Er hat den Träumenden selbst, abgesehen von der Pein, die er ihm selbst bereitet, zu einer europäischen Drohung gemacht. Er muß jetzt zunächst ungefährlich gemacht werden. Die ihn jetzt zum Kriegsgegner haben und alle, denen er noch dazu werden könnte, müssen aber, wenn sie selbst christlich und nicht heidnisch denken wollen, vor Augen haben, daß sie es in diesem Kriegsgegner mit einem kranken Mann zu tun haben. Es wird 114 gerade nachher – und man kann schon heute nicht genug an das «nachher» denken – nötig sein, mit ihm umzugehen, wie man mit einem Kranken umgeht. Sehr feste, aber auch sehr barmherzige Hände werden dann nötig sein. Es wird freilich nötig sein, weitere Entwicklung auf der fatalen Linie von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler54 physisch unmöglich zu machen. Es wird aber noch nötiger sein, dem deutschen Volk ein Stück von der politischen Weisheit sichtbar zu machen, die ihm selber jetzt noch so fremd ist, d.h. aber: ihm solche Lebensbedingungen zu verschaffen, die es daran verhindern müssen, jenen bösen Traum in |221 irgendeiner neuen Form weiterzuträumen. Ihm muß der Wahn, als ob es sich nur durch Terror den Andern gegenüber helfen könne, dadurch genommen werden, daß diese Andern sich unter allen Umständen entschlossen zeigen, seinen wirklichen, durch seine geographische Lage bestimmten Bedürfnissen gerecht zu werden. Es braucht nicht die Freiheit zu dem, was Bismarck und Hitler aus ihm machen wollten. Es braucht aber die Freiheit, von seiner Arbeit leben zu dürfen. Man kann nicht sagen, daß ihm 1919 und von 1919 bis 1933 diese Freiheit gewährt worden ist. Und damit ist man an der Entstehung des Hitlerismus mitschuldig geworden. Nachdem ich die Zeit der Ruhrbesetzung mitten in Deutschland selbst miterlebt habe55, weiß ich, was ich sage. Der kommende Friede wird vielleicht politisch und militärisch härter sein müssen als der von Versailles. Er wird aber, wenn nicht wieder Alles umsonst gewesen sein soll, weiser und gerechter, d.h. aber vor allem: fürsorglicher sein, er wird darauf bedacht sein müssen, den Menschen des großen und von Natur so benachteiligten mitteleuropäischen Raumes in einer Weise an den Lebensmöglichkeiten der besser situierten andern Völker teilnehmen zu lassen, die es ihm erlaubt, auf ein Weitergehen auf jener fatalen Linie zu verzichten und seine besonderen Gaben, an deren Reichtum und Bedeutsamkeit ja niemand zweifeln kann, so zu entfalten, daß sie ihm selbst und den andern Völkern zum Segen und nicht immer wieder zum Fluch werden. Es war gefährlich, daß man Hitler so lange «eine Chance geben» wollte. Es wäre aber noch viel gefährlicher, wenn man nach dem Kriege nicht bereit wäre, dem deutschen Volke eine ehrliche Chance zu geben. Der Fehler von 1919 bis 1933 darf nicht wiederholt werden. Die jetzige Ab115wehr der deutschen Bedrohung würde sonst zum vornherein sinnlos sein. Die deutsche Bedrohung wäre sonst auch physisch durch keine politisch-militärische Abwehr unmöglich zu machen. Dies ist es, was man sich auch in Frankreich heute schon sehr klar machen sollte.
Aber nicht wahr, liebe Freunde, es wäre sehr unchristlich und darum auch sehr unklug, wenn wir alle diese Erwägungen anstellen wür|222den, ohne uns schließlich auch dies offen einzugestehen, daß der Mensch denkt – und der Mensch soll denken! –, Gott allein aber lenkt. Wir können und sollen wohl unsre Verantwortlichkeiten – unsre politischen und, wo es gefordert ist, auch unsre militärischen Verantwortlichkeiten – übernehmen und wahren. Es liegt aber nicht in unsrer Hand, zu bestimmen, was dabei herauskommen wird. Und wir würden uns auf keinen Fall wundern und beklagen dürfen, wenn Alles ganz anders herauskommen sollte, als es uns jetzt als Hoffnung und Absicht, als unser Plan und Wille vor Augen steht. Der Ausgang dieses Krieges dürfte nicht einmal nach menschlichem Ermessen mit schlechthiniger Sicherheit vorherzusagen sein. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Deutschland ein gewaltiger Gegner ist. Denken Sie dabei nicht nur an seine militärische Leistungsfähigkeit, sondern vielleicht noch mehr an die fast unübersehbare Leidensfähigkeit des deutschen Volkes, in der sowohl sein natürliche wie seine lutherische Erbschaft eine ihrer schönsten Seiten hat. Und irgendwo hinter Deutschland stehen die großen Rätsel Rußland und doch auch Italien, die sich noch immer so oder so lösen können. Wir müßten aber als Christen, auch wenn nach menschlichem Ermessen Alles hundertprozentig gewiß wäre, daran denken, daß es auch «Wunder des Antichrist» gibt: schlechterdings unerwartete und erstaunliche Leistungen des «Tiers aus dem Abgrund»56, die zuzulassen Gott seine Gründe hat und die, wenn sie eintreten, alle noch so begründeten Überlegungen nicht nur des «vernünftigen» Teils der Menschheit, sondern auch die der Kirche und der Christen zunächst zunichte machen können. Wir wissen nicht, ob der Hitlerismus – Vieles in seiner bisherigen Entwicklung könnte wohl darauf hinweisen – nicht eines solchen Wunders fähig ist, ob zu dem so erfreulich entschlossenen Il faut en finir! nicht doch noch ein Fragezeichen gesetzt wird, ob es den Völkern Europasnichtvielleichtdochbe116stimmtist, diesem Feind vergeblich zu widerstehen und schließlich unter dem Regiment der ausgesprochenen Lüge ein Leben ohne Würde führen zu müssen, wie es das Leben der Menschen und Christen in Deutschland heute schon geworden ist. Wir wehren uns gegen diese Bedrohung. Aber wir würden nicht murren dürfen, wenn sie Allem, was wir wollen, zum Trotz nun |223 dennoch Ereignis werden sollte. Es muß uns klar sein, daß wir dann empfangen würden, was unsre Taten wert sind. Es war ja der Gebrauch, den wir alle von jener Gottesgabe eines Restes von freier Menschlichkeit, von demokratischem Recht, und vor allem von der Freiheit des Evangeliums gemacht haben, kein solcher, daß Gott es uns schuldig wäre, uns vor dem Untergang zu bewahren. Es kann nur seine Gnade sein, wenn wir davor bewahrt werden. Sind wir bereit, seine Gnade vielleicht auch darin erkennen zu müssen, daß er uns nicht davor bewahrt? Sind wir bereit für eine Situation, in der das wehrlose Bekenntnis zu Jesus Christus das einzige wäre, was uns übrig bliebe? Sind wir bereit auch dann und so unserm Gott treu und seiner froh zu sein und nur noch darin unsre Würde zu haben? An der Beantwortung dieser Frage hängt es, ob wir jetzt dazu legitimiert sind, uns zur Wehr zu setzen, ob wir dabei ein gutes Gewissen haben und Gott von Herzen um seinen Beistand bitten dürfen. Wir müssen bereit sein dafür, daß Gott uns bei eben dem Werk, das wir jetzt im Gehorsam gegen sein Gebot tun müssen, mit seinem Il faut en finir! in den Weg treten und uns wieder mit seinem Gebot ganz anders führen wollen könnte. Wir müssen bereit sein, uns auch dann und dann erst recht, entschlossen zu neuem Gehorsam, an ihn zu halten. Dann, wenn es in dieser Bereitschaft getan ist, ist das Werk unsres Widerstandes ein gutes Werk. Dann und nur dann kann es freudig und zuversichtlich getan werden. Wir dürfen und müssen wissen, daß Gott so oder so regieren wird und daß er keine Fehler macht.
Wenn dieser Brief Sie erreicht, liebe Freunde, wird es bald Weihnacht sein. Und dann werden wir uns mit der ganzen armen und doch so reichen Christenheit und mit allen Engeln des Himmels freuen dürfen über die Gegenwart und über die ewige Königsherrschaft dessen, der ganz und der unter allen Umständen unsre Rettung und unsre Seligkeit ist. Als Volk, 117 das im Finstern wandert, sehen wir ein großes Licht.57 Daß wir – ein Jeder an seinem Ort – wachen, im Glauben stehen, männlich und stark sein sollen und dürfen58, das sei der Gruß, mit dem wir uns zu dieser Weihnacht grüßen wollen.