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An Schweizer Soldaten

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An Schweizer Soldaten

1940

Als im Frühjahr 1940 noch nicht sicher war, welches Land das nächste Objekt der Expansion des nationalsozialistischen Deutschland werden würde, meldete sich Karl Barth am 29.3.1940 beim Kreiskommandanten in Basel, Major R. Saladin: «Aus Gründen zufälliger Art habe ich es bis jetzt versäumt, mich zum Hilfsdienst zu melden. Ich hole dies hiemit nach: in der Annahme, daß eine Unterbrechung meiner Tätigkeit als Universitätsprofessor damit nicht notwendig wird.» Saladin sprach Barth am 1.4. für seine «vorbildliche Haltung» seinen Dank aus. Am 19.4. schrieb Barth an Saladin: «Bei der sanitarischen Musterung, die ich gestern zu absolvieren hatte, zeigte der mit mir beschäftigte Sanitätshauptmann, ohne mich zu untersuchen, sicher in bester Meinung eine gewisse Neigung, mich zu irgend einem Bureaudienst zu bestimmen. Ich möchte Ihnen gegenüber gerne aussprechen, daß mein Wunsch nach wie vor dahin geht, dem bewaffneten Hilfsdienst zugeteilt zu werden: mit Verpflichtung für den Kriegsfall, aber, unter angemessener Berücksichtigung meiner Lehrtätigkeit, bereit auch zu kürzeren Vorübungen.» Saladin dankte ihm am 22.4. und teilte ihm mit, «daß wir Sie selbstverständlich Ihrem Wunsche entsprechend im bewaffneten Hilfsdienst einteilen werden. Es bereitet uns besondere Genugtuung, daß Sie sich hiezu gemeldet haben. Wir möchten nicht unterlassen, Ihnen hiefür unsere besondere Anerkennung auszusprechen.» Barth reflektierte den theologischen Bezug und den militärischen Wert seines Schrittes ernsthaft und ironisch in einem Brief in das ebenfalls von Hitler bedrohte Holland.1

260Kurz vor Weihnachten, am 18.12.1940, schrieb Nationalrat Dr. Hans Oprecht, mit dem Barth in der Aktion «Nationaler Widerstand» zusammenarbeitete (s. vorigen Offenen Brief), Barth einen Brief im Namen des «Schweizerischen Verbands des Personals Öffentlicher Dienste», dessen Verbandssekretariat in Zürich er leitete. Oprecht richtete die Bitte an Barth: «Wie Sie der Beilage entnehmen werden, lassen wir den mobilisierten Mitgliedern unseres Verbandes von Zeit zu Zeit einen sog. Soldatenbrief zugehen. Diese Briefe bilden eine wertvolle Verbindung zwischen Soldat und Berufsorganisation. Es würde mich nun sehr freuen, wenn Sie, sehr geehrter Herr Professor, bereit wären, ebenfalls einen Soldatenbrief zu schreiben, den wir noch vor Weihnachten an die Soldaten verschicken könnten.»

Barth kam der Bitte nach, und sein Text wurde, auf den 24. Dezember datiert, als «Neunzehnter Soldatenbrief» versandt. Im Postskriptum begründete das Verbandssekretariat, warum man an Barth herangetreten war:

Die Soldatenbriefe, die wir euch bisher zugehen ließen, sind von verschiedenen Leuten geschrieben worden: von einem Lehrer, von einem Industriellen, von Journalisten, Schriftstellern und von Verbandsangestellten. Wenn wir auf Weihnacht 1940 den Professor der Theologie an der Universität Basel, Karl Barth, gebeten haben, diesmal den Soldatenbrief zu schreiben, so hat das seinen besonderen Grund: Professor Karl Barth vertritt mit uns die Auffassung, daß der nationale Widerstand gegen jeden Angriff durch eine willensmäßige Aktion gestärkt werden müsse. Daß dabei der Geist und der Glaube Träger solch einer Aktion sein müssen, wenn sie zum Erfolge führen soll, meinen auch wir. Darum, in diesem besonderen Falle: Weihnachten 1940 spricht der Professor der Theologie zu Euch.

Barth schrieb:

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Neunzehnter Soldatenbrief

Werte Kollegen,

Euer Verbandssekretär, Nationalrat Oprecht, hat mich aufgefordert, Euch einen Weihnachtsbrief zu schreiben. Ich bin zwar Universitätsprofessor – Theologieprofessor auch noch! –, aber er hat wohl mit Recht und sicher zur Ehre meines Berufes angenommen, daß ich als solcher schließlich auch zu dem «Personal öffentlicher Dienste» gehöre. Und weil ich überdies auch noch ein wenig Militärdienst tue – nur als bescheidener Soldat in einer Bewaffneten Hilfs-Dienst-Kompagnie allerdings –, so darf ich mir die Freiheit nehmen, Euch nicht nur als «werte Kollegen», sondern auch als «liebe Kameraden» anzureden, und hoffe nur, daß niemand allzu überrascht oder gar geärgert sei, wenn ich das nun eben tue.

Wenn ich an alle die jüngeren und älteren Männer und so auch an Euch denke, die Ihr nun den Weihnachtstag wieder fern von Euren Familien irgendwo an der Grenze oder sonstwo in einem Kantonnement2 oder in einer Stellung zubringen müßt, so ist mein aufrichtiger Wunsch für Euch alle der, Ihr möchtet an diesem Tag auch etwas von der rechten großen Freude haben, die nicht mit den Weihnachtspaketen und Weihnachtsfestlichkeiten kommt und wieder geht, sondern die da ist und bleibt und das Herz warm macht auch in der Winterkälte, die den Menschen Mut, Geduld und Hoffnung gibt für alle Tage und für alle Umstände. Freude? Vor Euch stehen die Plage des Dienstes, die häuslichen Sorgen, der Krieg draußen mit Allem, was er auch uns schon gebracht hat und noch bringen kann, allerlei Wüstes und Dummes, das sich auch in der Schweiz breit macht und unter dem vielleicht der Eine und Andere von Euch persönlich zu leiden hat. Freude? Ja, Freude! Darum handelt es sich an der Weihnacht. Und daran wollte ich Euch, da ich Euch zu schreiben habe, erinnern – wir denken alle zu wenig daran –, daß das einmal gesagt worden ist: «Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll!»3 Das ist nicht zu solchen gesagt, denen es ohnehin gut geht und |262 die nichts zu klagen haben. Es ist nicht zu einer Welt gesagt, in der Alles aufs beste bestellt ist. Und es ist vor allem nicht zu Leuten gesagt, die sich selbst und Andere darüber täuschen, daß der Himmel nun einmal nicht auf Erden und daß das menschliche Leben eine böse und harte Sache ist. So kann niemand sagen, daß diese Freude nicht für ihn sei. Am Weihnachtstag feiern wir die Geburt Jesu Christi. Und in der Geburt Jesu Christi ist es geschehen, daß Gott sich der Welt und ihres ganzen Jammers selber angenommen hat, um sie nun nicht mehr loszulassen. Es ist geschehen, daß Gott selber Mensch wurde, um damit allen Menschen zu sagen, daß sie ihm lieb und wert seien. Es ist geschehen, daß Gott zwischen sich und dem vielgeplagten und am meisten sich selbst plagenden Menschen, ohne diesen lang zu fragen, von sich aus Frieden gemacht und ihm damit das Ende aller Plage angezeigt hat. Das, liebe Kollegen und Kameraden, ist es, was in der Geburt Jesu Christi im Stall von Bethlehem geschehen, auch für uns alle geschehen ist. Und das ist es, was wir über allen unseren politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Meinungen, Sorgen und Aufregungen nur ja nicht vergessen, sondern fleißig bedenken sollten. Das ist es, was sich doch Jeder am Weihnachtstag ein paarmal gründlich durch den Kopf und am besten ein für allemal zu Herzen gehen lassen sollte.

Es ist nämlich wichtiger, Freude zu haben, als noch so überzeugt zu sein von der Richtigkeit dieses oder jenes Standpunktes. Es ist wichtiger, Freude zu haben, als sich noch so ernste Sorgen zu machen. Es ist wichtiger, Freude zu haben, als sich noch so saftig zu entrüsten über diesen und jenen Mißstand oder über die Menschen und Völker, die die heutige Lage auf dem Gewissen haben. Und es ist wichtiger, Freude zu haben, als seinen Trost in einem Vergessen oder in einer Zerstreuung zu suchen, die doch nicht lange anhalten können, mit denen weder uns selbst noch Anderen wirklich geholfen ist. Wenn wir die große rechte Freude haben, reguliert sich auch alles Übrige. Ohne die rechte große Freude müßte alles Übrige schief gehen. Erlaubt mir, Euch zu sagen: es möchte doch Keiner von Euch der großen rechten Freude den Rücken kehren, die durch die Geburt Jesu Christi, die wir am Weihnachtstag feiern, auch ihm angeboten ist.

Unser General4 hat einen guten Gedanken gehabt, als er den Befehl erließ, daß in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember alle sonst |263 verdunkelten Lichter im Bereich der schweizerischen Eidgenossenschaft brennen sollten. Sieht man es richtig an, so ist das das schönste Zeichen, das in der heutigen Lage zur Weihnachtsbotschaft gegeben werden kann. Schluß für einmal mit der Verdunkelung, damit die rechte große Freude zu Worte komme! Genau so war es gemeint in jener Finsternis der Nacht von Bethlehem. Und sieht man es richtig an, so mag man in dieser Sache auch das schönste Zeichen dessen sehen, für was ein jeder Schweizersoldat nun Monat für Monat seinen Dienst tun, Wache stehen und sich für den Ernstfall üben muß: das muß nun eben dazu mit allen Kräften geschehen, damit das Menschenleben, das auch in der Schweiz finster genug ist, wenigstens nicht mutwillig noch finsterer gemacht werde durch Diktatur, Rassenhaß und Geheimpolizei, damit wenigstens das bißchen Licht von Recht, Freiheit und Menschenwürde, das es bei uns gibt, nicht auch noch ausgelöscht und zertrampelt werde. Und wenn man es auch draußen richtig ansehen will, so mag diese Sache auch dort ein Zeichen sein: nicht nur ein Zeichen der Schweizer Grenze, die, soviel an uns liegt, kein Fremder in finsterer Absicht überschreiten soll, sondern ein Zeichen der Grenze, die die göttliche Menschenliebe allen finsteren Absichten aller Menschen in der Nacht von Bethlehem unwiderruflich gesetzt hat und an welchem der ganze Ansturm, den der Mensch in seinem Haß Gottes und des Nächsten (sich selber zu Plage!) immer wieder unternimmt, einmal endgültig zerschellen wird.

Wir wollen uns nicht zu viel einbilden auf unsere paar Lichter. Wiederum wollen wir sie aber vor dem Sturmwind hüten, so treu wir können, und wollen vor allem dafür sorgen, daß sie nicht etwa aus innerem Mangel eines Tages erlöschen. Das Innere, das nötig ist, ist aber eben die rechte große Freude im Herzen jedes Schweizers, und wenn Ihr mich fragt, wo wir die hernehmen sollen, so antworte ich noch einmal, daß sie uns mit der Geburt Jesu Christi schon gegeben ist. Ein ganzer Christ ist ein solcher Mensch, der diese Freude annimmt als auch ihm widerfahrene Freude. Ein solcher ganzer Christ ist dann auch einer von den ganzen Eidgenossen, wie sie heute nötig sind. Daraus folgt freilich, daß ein ganzer Eidgenosse gerade heute notwendig auch ein ganzer Christ sein muß.

Aber damit will ich meinen Brief abbrechen, damit die Predigt keinem zu lang werde, und will Euch allen nur noch dies sagen, daß ich |264 Euch natürlich auch das zur Weihnacht wünsche, daß sie einem Jeden von Euch ein paar vergnügte Stunden, erfreuliche Nachrichten von zuhause, wenn es sein kann, einen nicht zu kurzen Urlaub bringen möchte, und darüber hinaus: daß Ihr das kommende neue Jahr in guter Gesundheit, ohne Verdruß im Dienst und in jeder Beziehung nicht ganz ohne Heiterkeit möchtet antreten dürfen!

Wenn irgend Jemand von Euch das Bedürfnis haben sollte, mir auf diese Zeilen etwas zu antworten, so wird mir das Freude machen. Ich wohne am St. Albanring 186 in Basel.

Mit freundlichem Gruß an Alle und Jeden
Euer
Karl Barth

Sachfußnoten

1
In einem Brief an Alexander J. Bronkhorst vom 27.4.1940: «Im Übrigen ist ‹Rechtfertigung und Recht› samt Eph. 6 für mich jetzt auch in der Weise aktuell geworden, daß ich mich zum bewaffneten Hilfsdienst gemeldet habe – in meinem 19. Lebensjahr untauglich, in meinem 54. aber (es gibt doch einen Fortschritt!) tauglich erklärt wurde – und nun in meinem Schlafzimmer einen Helm, eine komplette Uniform, ein Gewehr samt Bajonnet etc. aufbewahre, um zu jeder Tag- oder Nachtstunde zur konkreten Entscheidung aufbrechen zu können. Wenn je die Schweiz und nicht Holland der Ort von neuen Tücken Adolfs werden sollte und wenn Sie dann in der Zeitung von hervorragenden Taten der ‹Bewachungskompagnie 5› lesen sollten, so werden Sie wissen, wie das zusammenhängt. »- Vgl. Busch, Lebenslauf, S. 319f. 📖, und Barths Brief an Frau N. N. vom 17.7.1963, Briefe 1961–68, S. 162f. 📖 – Barth wurde «wunschgemäß auf Ende 1946 unter Verdankung der geleisteten Dienste als Freiwilliger aus der Armee entlassen» und erhielt vom Kreiskommando Basel-Stadt die Anerkennung, er habe dazu beigetragen, daß die Schweiz «inmitten des Chaos als eine Insel des Friedens, der Freiheit, der Menschlichkeit und der Toleranz erhalten blieb» (Brief vom 4.1.1947).↩
2
= einer militärischen Unterkunft.↩
3
Lk. 2,10.↩
4
General Henri Guisan.↩