Über die Tatsache, daß die Schweiz an Deutschland zivile und halbmilitärische Güter lieferte, machten sich Barth und andere Bürger der Schweiz kritische Gedanken.1 Barth stellte im Mai 1941 fest: «Die Unvernunft der Tatsache, daß wir Deutschland die Waffen liefern, mit denen es heute England bekämpft (von dessen Widerstand unsere Zukunft menschlich geredet abhängiger ist als von irgend etwas Anderem!) und mit denen es schon morgen uns selbst bekämpfen kann, ist so groß, daß alle Worte sich erübrigen. Man muß zweifellos offen aussprechen, daß dies die Unvernunft ist, der wir uns tatsächlich schuldig machen.»2 Mehrfach wurde Barth aufgefordert, etwas zu unternehmen3, zögerte jedoch zunächst, einmal deswegen, weil er seine Kenntnisse über diese staatlich geheimgehaltenen Vorgänge für ungenügend4, dann aber auch deswegen, weil er den Prozeß der Einsicht für sehr schwierig hielt.5 Im Juli 1941 brachte er dann in seinem Vortrag |307 «Im Namen Gottes des Allmächtigen – 1291-1941» als fünfte und letzte brennende Frage vor: «Wohin führt uns unter den heutigen Verhältnissen unser wirtschaftlicher Verkehr mit dem Ausland?» Barth griff die Tatsache an, daß die Schweiz «indirekt der Kriegführung gegen England» diente, indem sie Friedensprodukte, ganz- oder halbfertiges Kriegsmaterial an Deutschland lieferte und über einen «sehr beträchtlichen Clearing-Saldo» auch noch zur Geldgeberin Deutschlands geworden war.6 Barths deutliche Worte erregten «ungemein Aufsehen und Anstoß»7; die Verbreitung des Vortrags wurde am 18.7. von der Zensur verboten. In der Folgezeit suchte Barth weiter in die komplizierte Materie einzudringen.8
Außerdem nahm er Gelegenheit wahr, in der Öffentlichkeit auf das Problem hinzuweisen. Dazu wollte er auf lokaler Ebene auch eine Diskussion benutzen, die in der Leserbriefspalte «Ratsstübli» der Basler National-Zeitung über eine bevorstehende Sammlung von Altmaterial geführt wurde. Ein Einsender begrüßte die «vorbildlich arrangierte Altmetallsammlung» in Basel «für die an Rohstoffen Mangel leidende Industrie», «weil es einfach nationale Pflicht ist, daß jeder das Seinige zum Allgemeinwohl beitrage»; er bemängelte nur, daß Sachverständige das Sammelgut noch daraufhin prüfen sollten, ob sich darin noch Kunstgegenstände befänden: Wenn Mangel an Rohstoffen bestehe, müsse das gesamte Material «seiner Bestimmung gemäß verwendet» werden.9 Darauf antwortete die Zeitung, gefundene Kunst|308gegenstände fielen wohl quantitativ nicht ins Gewicht, doch müßte der Vorbesitzer entschädigt werden. In einer späteren Ausgabe der Zeitung meldete sich die Pressestelle der «Kantonalen Zentralstelle für Kriegswirtschaft» zu Wort mit dem Hinweis auf Erfahrungen, die man im Ersten Weltkrieg gemacht habe, als z.B. «Zinnkannen von seltener Form eingeschmolzen worden» seien, verteidigte die Überprüfung als «Vorsichtsmaßnahme», erklärte hingegen eine Anfrage bei den Vorbesitzern für technisch unmöglich. Dagegen insistierte die Redaktion auf der Forderung, man müsse die Erlaubnis der Vorbesitzer zur Übergabe von Wertstücken an Museen einholen.10
Barth verfaßte eine Zuschrift, die er ohne Datum und ohne Namensnennung nur als «Ein Neugieriger» unterzeichnete; doch gab er seinen Namen als Absender an. Barths Leserbrief wurde jedoch nicht abgedruckt.11 Für diese Entscheidung erhielt er von Otto Maag, einem Redakteur der National-Zeitung, unter dem Datum vom 25.10.1941 eine längere Begründung.
Im folgenden werden beide Texte wiedergegeben.
An das Ratsstübli Nationalzeitung
Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Durch die Straßen unserer Stadt zieht mit freundlichem Geläute der Wagen der Altstoffsammlung. Arbeitsbeschaffung? Unterstützung der einheimischen Industrie? Opfer für die Erhaltung des Landes und der Volksgemeinschaft! Sicher ein gute Sache. Die Erwägungen und Gespräche darüber, ob dieses oder jenes von den metallenen Objekten in unseren Kästen und auf unseren Estrichen zum Verschwinden auf diesem Opferwagen nun wirklich fällig oder (mit Rücksicht auf allerhand Gemütswert oder künftige eigene Gebrauchsmöglichkeit) nicht doch «zu schade» seien, sind gewiß in mehr als einem Haus nicht einfach. Das ernste Problem, was bei dem ganzen Verfahren aus etwa auftauchenden bisher unbekannten Kunstschätzen ersten und zwei|309ten Ranges werden möchte, ist im Ratsstübli bereits aufgeworfen und beantwortet worden.
Mich beunruhigt eine andere Frage. Könnte es nicht sein, daß der und jener an sich Gebefreudige noch gebefreudiger wäre, wenn er bestimmt wüßte, daß das seinem Haus und Herzen entrissene und nachher verarbeitete Material nicht etwa im Fertigprodukt – wie soll ich mich neutral-diplomatisch ausdrücken? – den Weg über eine gewisse Grenze geht, der zuletzt bei seiner mehr oder weniger friedlichen Verwendung im Dienst eines gewissen Kreuzzugs12 endigt? Wie, wenn sich jemand auf den Standpunkt stellte, daß ihm für die Schweiz nichts, für jenen anderen Zweck aber alles «zu schade» wäre? Wäre es nicht gut, wenn man ganz bestimmt wüßte, wem und zu was wir auch nur unseren «Grümpel» geschweige denn Besseres hergeben sollen? Ich habe im Bericht über die letzte Bundesversammlung gelesen, daß man den großen Männern im Nationalratsstübli13 verboten hat, «neugierig» zu sein.14 Wir kleinen Leute im gewöhnlichen Ratsstübli dür|310fen es wohl noch sein, oder? Ich wage es jedenfalls zu bekennen, daß ich es bin, und zeichne darum mutig als:
Basel, den 25. Oktober 1941 Sehr verehrter Herr Professor,
leider kann ich Ihre so schön formulierte Anfrage an das Ratsstübli der Nationalzeitung nicht abdrucken und öffentlich beantworten. Es würde dies als Sabotage dieser Sammlungen wirken und uns, d.h. der Zeitung, das sofortige Verbot eintragen. Was an sich gar nicht einmal so schade wäre und uns nach meiner Meinung nur gut bekommen würde. Aber es ist darüber hinaus ein wirklich zwingender Grund vorhanden, den hinter der Altstoff- und Metallsammlung stehenden Dingen gegenüber nicht mit «kleinen Anfragen» Stellung zu beziehen. Denn wir kommen hier sofort zu den grundlegenden und entscheidenden Problemen. Die Sache ist ganz einfach die: alles Metall, das da gesammelt wird, geht zu den es verarbeitenden Fabriken. Ob das nun wie Oerlikon und verwandte direkte Waffenfabriken sind oder wie die gesamte Uhrenindustrie, Solothurner Industrie etc. etc. nur Fabriken zur Herstellung einzelner Teile wie Zünder, Uhrwerke für Bomben usw. – auf jeden Fall arbeiten sie alle für Deutschland. Aus dem einfachen Grunde, weil sie, seitdem wir rundum von Achsenlanden und ihren Trabanten umgeben sind, keine Möglichkeit mehr haben, den andern Staaten zu liefern. (Früher ging ein großer Teil nach England.) Nun kann man wohl sagen, daß die Tatsache, daß wir in so großem Umfang für den deutschen Bedarf arbeiten, zur Hauptsache daran schuld ist, daß wir noch nicht verspeist worden sind. Denn Deutschland liefert uns alles wichtige Material wie vor allem Kohlen nur, damit ungestört und unvermindert gearbeitet werde für seinen Kriegsbedarf. Würden wir diese Art von Lieferungen an Deutschland ablehnen, so bekämen wir nicht allein keine Kohle mehr für die an Deutschland liefernden Fabriken, sondern überhaupt keine mehr, auch keine Futtermittel, keine Öle, kein Schmieröl z.B. – was bedeuten würde, daß sämtliche Bahnen und sämtliche Fabriken in ein paar Tagen still stehen müßten. Also Arbeitslosigkeit, Hunger, schließlich Krieg.
311Ich zähle nur nüchtern den Tatbestand auf. Die Konsequenzen der Haltung wären nunmehr vom Einzelnen für sich und, soweit er Helfer, Lehrer, Vorbild ist, auch für die andern zu ziehen. England kennt unsre Situation und stellt sich so, wie unsre Regierung es tut, anerkennend, daß wir, der Not gehorchend, um unsre Existenz solang wie möglich außerhalb des Krieges aufrecht zu erhalten, für etwas arbeiten, das wir am liebsten heute schon vernichtet sehen möchten. Der weitaus größere Teil unsrer Bevölkerung denkt ähnlich und hat sich für diesen Kompromiß entschieden. Ist es richtig, so zu handeln, dies zu dulden, eine Mitschuld an der Vernichtung dessen auf sich zu nehmen, was allein unsre Rettung sein kann, Todeswaffen zu schmieden, die unsre Helfer treffen sollen? Oder soll man zum Krieg aufrufen? Denn, dies ist nunmehr meine persönliche Meinung, es gibt nichts dazwischen. Wir können nicht sagen, wir liefern keine Waffen an Deutschland, mit denen es gegen die uns allein noch Rettung bringende Demokratie kämpft, sondern nur «friedliche Ware». Denn auch die «friedliche» Ware ist Hilfe zur Verlängerung des Kriegs, und zudem kommt mit der Verweigerung sofort der offene Konflikt, der wahrscheinlich sogar Bürgerkrieg oder schimpfliche Auslieferung bedeuten würde. (Weil eben ein großer Teil des Volkes die Kompromißlösung für einen Segen hält, weil sie unsre Existenz über die schwere Zeit hinwegretten zu können scheint.) Hier gilt es also grundsätzliche Entscheidung, und ich verstünde es durchaus, wenn jemand, der keine Kompromisse kennt und sie seinem Gewissen nicht zumuten kann, selbst wenn durch seine Entscheidung fractus illabatur orbis15, War das Problem herausarbeitend, zum Kampf aufrufen würde, – hier steh ich, ich kann nicht anders.16 Man würde ihn bestimmt unschädlich machen, er wäre aber für die, auf die es vielleicht einmal ankommt, ein Märtyrer und späterer Führer.
Eines aber scheint mir sicher: es gibt nur eine grundsätzliche Stellungnahme und Auseinandersetzung mit dem gesamten Problem, |312 nicht aber die Möglichkeit einer beiläufigen Erörterung im Ratsstübli. Ich hoffe, Sie verstehen, wie ich das meine, und bitte Sie, mit meinen besten Grüßen den Ausdruck meiner Bewunderung entgegennehmen zu wollen für all die tapferen Worte, die wir bisher immer wieder aus Ihrem Munde vernehmen durften.