Am 19.4.1963 empfing Barth im großen Festsaal der Universität Kopenhagen den Sonning-Preis für Förderung der europäischen Kultur, der von dem Häusermakler Karl Sonning gestiftet wurde und den vor Barth u. a. schon Albert Schweitzer, Bertrand Russell, Niels Bohr, Alvar Aalto, Igor Strawinsky erhalten hatten.1 Nach seiner Ankunft in Kopenhagen wurde er von einem Vertreter (gezeichnet «ravn.») des dort erscheinenden «Kristeligt Dagblad» interviewt. Der Text erschien in der Ausgabe vom 19.4.1963 unter dem Titel «Ikke min skyld, at der er barthianere»
📖 («[Es ist] nicht meine Schuld, daß es Barthianer gibt»). Das im Titel angegebene Barth-Zitat fortführend, heißt es weiter im Vorspann zum Interview-Text: «Ich bin absolut unschuldig, sagte Karl Barth gestern bei seiner Ankunft. Er meint, daß viele böse sein würden, wenn er an seiner Dogmatik
📖 weiter schriebe. Aktuelles Gespräch mit dem großen Theologen. - Nett und freundlich, mit einem Schmunzeln. So ist Karl Barth, der Theologe, der während des größten Teils des 20. Jahrhunderts in der theologischen Debatte hohe Wellen verursacht hat. So kam er gestern nach Kopenhagen, wo ihm heute der Sonning-Preis überreicht wird. Kurz, zuweilen sehr kurz fielen die Antworten aus in einem Gespräch, das ‹Kristeligt Dagblad› nach der Ankunft im Hotel d’Angleterre mit ihm führte. Aber die Augen lächelten, und ein munteres Lachen bahnte sich immer wieder einen Weg vorbei an der unentbehrlichen Pfeife, die, notabene, während des Gespräches nie brannte. Zum dritten Mal ist Karl Barth in Kopenhagen.2 Das letzte |19 Mal war es 1939. Sein damals berühmter Name ist mit den Jahren nicht verblaßt. Auch heute horcht man auf, wenn Karl Barth schreibt oder redet.» Die Übersetzung aus dem Dänischen besorgte Edel Schmid-Larsen.
Interview des Kristeligt Dagblat
1. Darüber ist das Beste schon geschrieben
Dagblad:
Vor einem Jahr haben Sie sich von Ihrer Professur in Basel zurückgezogen3 - was dürfen wir nun erwarten?
Barth:
Das Beste, was darüber gesagt worden ist, schrieb letztes Jahr ein amerikanischer Theologe über mich: «Er hat alles Recht, müde zu sein und die Ruhe zu suchen»4. Ich verspreche nichts.
Dagblad:
Ihre Kirchliche Dogmatik
📖 ist nicht abgeschlossen?
Barth:
Es sind bereits 10 000 Seiten erschienen. Darum sollte man nicht fragen, ob noch mehr kommt. Es gibt verschiedene Gründe dafür, daß eventuell nichts mehr erscheint. Viele könnten über mich böse sein, da ich in dem Fall ja über die Taufe schreiben müßte.5
Barth: Aus verschiedenen Gründen. Ich nenne bloß meine Bedenken gegenüber der Kindertaufe.6 Ich möchte jedoch festhalten, daß ich weder Wiedertäufer noch Baptist bin.
20 Dagblad:
Sie sind ja auch nicht Liebhaber der Volkskirche?
Barth:
Ich will die Volkskirche nicht bekämpfen. Die Frage, ob man eine Volkskirche oder eine Freikirche hat, ist nicht wichtig. Das alles Entscheidende ist, ob Kirche Christi in dieser Volkskirche oder Freikirche ist.
2. Einig mit dem Papst
Dagblad:
Sie waren ein unversöhnlicher Gegner des Nazismus. Ihr Verhältnis zum Kommunismus ist differenzierter?
Barth: Ich bin ein Gegner des Kalten Krieges. Ich glaube nicht, daß wir zwischen Christentum und Kommunismus ein neutrales Verhältnis erreichen können, wohl aber [ein entspanntes] zwischen Menschen im Osten und Westen. Ich freue mich, daß ich da vollständig mit Papst Johannes XXIII. einig gehe in den Anschauungen, die er in seiner soeben erschienenen Enzyklika über den Frieden7 darlegt. Vielleicht überrascht mich diese Übereinstimmung ebenso, wie es mich überrascht, daß vom Weltrat der Kirchen in Genf [bisher] kein ähnlicher Appell zu hören war.
Dagblad:
Aber von der Prager Friedenskonferenz?
Barth:
Viele dieser Leute, unter anderem Professor Hromádka8, sind meine Freunde. Aber sie selbst unterscheiden in ihrer Friedensarbeit vielleicht zu stark zwischen Ost und West - sind eingefangen vom Kalten Krieg und werden von der östlichen Ideologie beeinflußt. Aber das Evangelium war nie Ideologie.
21 Dagblad:
Nicht nur die Friedensfrage hat in jüngster Zeit Aufregung um die katholische Kirche gebracht. Das Schauspiel «Der Stellvertreter»9 hat großes Aufsehen erregt?
Barth:
Ich habe es gelesen. Es ist kein Kunstwerk, aber wahr - und eine ehrliche Reportage. Papst Pius XII. 10 hat sich nicht um die Juden gesorgt - aber das hat der Ökumenische Rat in Genf auch nicht getan11.
3. Absolut unschuldig
Dagblad:
Hier bei uns wird eine ganze theologische Richtung nach Ihnen benannt.
Barth (mit einem breiten Lächeln):
Ich bin unschuldig - absolut unschuldig. Denn ich bin nie Barthianer gewesen.
Dagblad:
Die Theologen, die um 1920 von Ihnen am stärksten beeinflußt wurden, folgten später bis zu einem gewissen Grade Bultmann.
Barth:
Vor 40 Jahren waren Bultmann und ich recht nahe beieinander - wir waren verschieden, aber nicht sehr. Später ging wohl jeder [seinen Weg] in seine Richtung. 1933 bezeichnete den Abschluß dieser Epoche. Ich mußte mit der deutschen Kirche brechen.12 Das war etwas Entscheidendes.
Dagblad:
Das ökumenische Problem ist aktuell wie eh und je. Glauben Sie, daß das Vatikanische Konzil13 auch für uns bedeutsam wird?
22 Barth:
Das Wichtigste an diesem Konzil ist nicht das, daß es sich versammelt, sondern das, was sich hinter dem Konzil abspielt. Mich überraschten die Verschiedenheiten, die in Rom während der ersten Sitzungsperiode zum Ausdruck kamen. Heute ist Bewegung in der katholischen Kirche - vielleicht mehr als in den protestantischen Kirchen.
Dagblad:
Die Katholiken haben sich viel mit Ihrem Werk befaßt.
Barth:
Die besten Bücher über mich sind von Katholiken geschrieben worden.14 Und sie haben mich gelesen - wohl fleißiger als die Protestanten.
4. Aber Luther
Dagblad:
Das Verhältnis zu den jungen Kirchen und zu den Entwicklungsländern hat für viele europäische Kirchen das ökumenische Problem aktualisiert?
Barth:
Mein Sohn ist Professor für Theologie in Djakarta in Indonesien.15 Er berichtet, wie die indonesischen Theologen - wie [auch] Theologen zum Beispiel in Afrika - eine selbständige Theologie schaffen möchten. Das ist ihr gutes Recht. Aber das ist vielleicht doch schwieriger, als sie glauben. Was dabei herauskommt, ist ein großes Problem. Aber auch hier kann eine eventuelle Bewegung in der |23 katholischen Kirche Nutzen bringen. Wenn sich das Verhältnis zwischen Katholiken und anderen Konfessionen in der alten Christenheit bessert, so daß sie nicht direkt gegeneinander arbeiten, werden Schranken niedergerissen, die heute den jungen Kirchen, die außerhalb unserer alten Traditionen stehen, Schwierigkeiten bereiten.
Aber die europäischen Konfessionen sind oft stark in Traditionen gefangen - nicht zuletzt die Lutheraner. Die Methodisten gingen von Wesley aus, aber wenige Methodisten sind heute [noch] Wesleyaner. Die Presbyterianer sind heute auch nicht [mehr] Calvinisten. Aber Luther! Er ist immer noch etwas ganz Besonderes für alle Lutheraner.
5. Atomwaffengegner
Dagblad:
Sie haben sich früher gegen Atomwaffen ausgesprochen?16
Barth:
In der Schweiz bin ich als Atomwaffengegner bekannt, man kann wohl sagen: Teilnehmer der Bewegung.
Dagblad:
Haben Sie am Ostermarsch17 teilgenommen?
Barth:
Nein, das doch nicht. Aber es scheint mir, daß der Mensch von Hiroshima18 nichts gelernt hat. Der Mensch hat sich nicht verändert. Die Jugend hat sich zwar verändert, aber alle die Alten, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert haben, die verstehen nicht, welche destruktiven Möglichkeiten der moderne Krieg in sich trägt. Sie können sich nicht umstellen.