Als Gast der Kulturstiftung «Pro Helvetia» besuchte H. B. Fortuin von der BBC im Herbst 1963 die Schweiz und interviewte dabei verschiedene Persönlichkeiten des Landes: neben Karl Barth, der am 10.10.1963 den Interviewer in seinem Haus empfing, die Philosophin Jeanne Hersch, die Schauspielerin Maria Fein, die Literaturkritikerin Mary Hottinger, den Museumsdirektor Meyer-Chagall, den Zoodirektor Lang. Daraus entstand eine Sendung, die am 25.11.1964 im dritten Fernsehprogramm der BBC ausgestrahlt wurde - unter dem Titel «Switzerland: A Private View». Im folgenden sind nur die Antworten Barths wiedergegeben mit den mutmaßlichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden. Der Text ist in einem maschinenschriftlichen Manuskript der BBC erhalten.
Interview von BBC (London)
Frage:
[Sagen Sie uns aus Ihrer Sicht als Gelehrter und Professor etwas über die Besonderheit der Schweiz!]
Barth:
Es gibt eine Besonderheit des schweizerischen Universitätslebens, die durch das Faktum gegeben ist, daß unser kleines Land, das weniger Einwohner als London hat, nicht weniger als sieben Universitäten hat.1 Und eine jede dieser Universitäten, von denen Basel die älteste ist, hat ihren eigenen Charakter, der sich von der Tradition und der Geschichte des Ortes und speziellen Entwicklungen geistiger und wirtschaftlicher Art usf. herleitet. Und so ist die Universität von Basel und von Zürich und von Bern nicht dasselbe, nicht zu reden von den französischsprachigen Universitäten. Und das schließt einen gewissen Reichtum unseres Universitätslebens ein. Wir sind in der Lage, sehr verschiedene Arten von Wissenschaft und Gelehrsamkeit hervorzubringen. Es kann sein, daß der Unterschied in naher Zukunft verschwindet, weil die Welt so klein und auch die Schweiz kleiner geworden ist. Aber in der heutigen Gegenwart kann man sozusagen von einem besonderen Geist von Basel, von Bern, von Genf usw. sprechen.
116Frage:
[Können Sie etwas Besonderes über dieBasler Universität sagen?]
Barth:
Ich bin keine Person, die für die Basler Universität repräsentativ ist. Ich wurde hier in Basel Professor vor 27 Jahren.2 Vielleicht wissen Sie, daß ich, bevor ich nach Basel kam, 15 Jahre Professor in Deutschland war.3 Eine sehr andere Situation dort! Es endete mit einem Unglück in der Hitlerzeit. Ich wurde von dort vertrieben.4 Und dann war ich froh, daß ich hier in Basel Platz fand, und ich versuchte, die mir hier gegebene Gelegenheit zum Wirken gut zu nutzen.5 Vielleicht ist das interessant für Sie: Ich bin Theologe, aber die zwei Männer, die für meine Nomination hier in Basel verantwortlich waren, waren zwei ausgesprochene Atheisten.6 Nun, welch eine gute Beschreibung der Situation! Hier haben wir den Basler Staat mit dieser Universität, der kein christlicher, sondern ein säkularisierter Staat ist, und diese beiden Männer haben mich berufen, nach Basel zu kommen.
Frage:
[Was ist der Schweizer Beitrag für die übrigen Völker]?
Barth:
Ich habe das Gefühl, daß wir Schweizer allzu gern von uns selbst sprechen und Erklärungen und Selbstverherrlichungen von unserer schweizerischen Haltung und Bedeutung für die Welt kundtun. [Und wir denken:] Wir sind eine Art Beispiel nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt - diese alte Demokratie und unsere Industrie, unsere Aktivitäten! Und dann schätzen wir es, Beschreibungen von unserer Bescheidenheit zu geben: wir sind so bescheiden! Und dann verherrlichen wir unsere Bescheidenheit. [Das wäre] so eine allgemeine Bemerkung über die Charakter unseres Lebens.