Vor dem ersten Kirchentag der deutschschweizerischen reformierten Kirchen im Oktober 1963 wandten sich zwei Basler Pfarrer in einem Offenen Brief an den Basler Kirchenrat mit der Forderung, den Eheberater Dr. Theodor Bovet1 nicht bei diesem Anlaß auf der Basler Münster-Kanzel reden zu lassen - wegen seiner Befürwortung einer kirchlichen Anerkennung von «eheähnlichen Beziehungen» zwischen Homosexuellen. Vgl. Th. Bovet, Ehekunde. Die jüngste Wissenschaft von der ältesten Lebensordnung. Ein Grundriß für Ärzte, Seelsorger, Eheberater und denkende Eheleute, Bd. 2: Spezieller Teil (Schriftenreihe des Christlichen Instituts für Ehe- und Familienkunde, Bd. 5), Bern 1962, S. 134-152
📖. Der Theologe Klaus Bockmühl2 solidarisierte sich mit den daraufhin in der Presse angegriffenen Pfarrern durch eine Dokumentation, in der er sich auf Karl Barth, KD III/4, S. 184f.
📖, berief. Vgl. Kl. Bockmühl, Die Diskussion über Homosexualität in theologischer Sicht, EvTh, Jg.24 (1964), S. 242-266; besonders S. 248-251
📖. Nach Zusendung der Dokumentation auch an Barth, antwortete er Bockmühl: Er suche mit seiner Berufung auf Barth wohl nur «schön Wetter zu machen», um etwaige negative Folgen von sich abzuwenden (so Bockmühl an den Herausgeber). Bockmühl ersuchte daraufhin Barth um ein Gespräch, das am Morgen des 10.10.1963 in dessen Haus stattfand. Das folgende Protokoll gibt Bockmühls eigene Aufzeichnungen wieder, die er anschließend an das Gespräch für sich anfertigte.
Gespräch mit Klaus Bockmühl
Karl Barth begann mit der Feststellung, daß dieses Gespräch von mir erbeten sei, nicht von ihm. Er wolle mir nicht in meinen Weg dreinreden. Er nehme überhaupt zu vielen Dingen in Basel nicht mehr Stellung.3 Sodann fragte er mich, ob die beiden Pfarrer meine Freunde seien und ob ich mich mit ihnen und ihrer Sache identifiziere.
118Als ich dies bejahte, sagte er:
Dies Vorgehen gegen Dr. Bovet war unchristlich. Es war [aber auch] unsinnig. Macht doch keine Märtyrer! Die Bultmannianer in Deutschland [zum Beispiel] warten ja nur darauf, daß sie angegriffen werden. Sie leben vom Pathos des Kampfes gegen die Kirchenleitungen. Gewiß, «das Blut der Märtyrer baut die Kirche».4 Aber Gleiches muß man auch von den Häresien sagen.
In der Schweiz haben wir seit 150 Jahren Lehrfreiheit. Das Ergebnis ist, daß die Liberalen nur [noch] ein Häuflein sind. Man darf [gegen sie nur ja] nicht moralisch-juristisch vorgehen. Ich habe Harnack und Troeltsch auch nicht mit [solchen] äußeren Mitteln verdrängt.5
Die Sache muß diskutiert werden. Warum trauen Sie nicht auf die Macht des Heiligen Geistes und auf die Kraft Ihres Wortes? Man muß sich neben sie[, diese Liberalen,] stellen und das rechte Evangelium predigen. Das muß dann durchschlagen. Gefährlich wurde ich ihnen [dann] ja erst, [als ich sie nicht mehr direkt angriff, sondern] als ich anfing, vom Gott-für-den-Menschen zu reden, vom «the-anthropos».6
Als ich [Bockmühl] von der Notwendigkeit der Militanz und Lehrzucht in der Kirche sprach und auf das Genf Calvins verwies, antwortete Karl Barth:
Ihr Problem ist nicht Calvin, sondern - Torquemada7. Keine Ketzerprozesse und Kreuzzüge! Was Sie gemacht haben, ist grundsätzlich der alte Fehler: es ist der Fehler der alten Orthodoxie. Daraus resultiert ja dann der Liberalismus. [Aber auch Calvin selbst hat da Fehler gemacht.] Als ich [einst als junger angehender Pfarrer] in Genf war, herrschte dort noch immer Aversion gegen Calvin.8 Im Neuen Testament wird vor Irrlehren nur gewarnt.
119 Karl Barth meinte ferner, Dr. Bovet habe vielen Menschen seelsorgerlich geholfen. Das müßten wir auch sehen und ihn nicht moralisch diskreditieren. Vielmehr: «Fahret mir fein säuberlich mit dem Knaben Absalom!» [2.Sam. 18,5].
Natürlich sei da [in jener These Bovets] vieles unordentlich gesagt. Homosexuelle Paare - das sei absurd. Er habe auch gehört, daß zwei Homosexuelle bei Walter Lüthi9 am Berner Münster die kirchliche Trauung verlangt hätten. Aber wir könnten nicht einen unheiligen Geist mit einem unheiligen Geist austreiben. Unser Vorgehen sei Pharisäismus. Um jemand zur Buße zu rufen, müsse man sich vielmehr mit auf den Standpunkt des anderen stellen und es dann besser machen, [dabei] auch seelsorgerlich [hilfreich sein]. Das Ganze[, was wir zu tun haben,] könne doch [immer] nur Diakonie sein, [kritisch und konstruktiv,] negativ und positiv[, aber so oder so Diakonie].
Hinsichtlich der Verfehlungen der Menschen dürfe man allerdings nicht bloß von Vergebung reden. Gemäß 1. Korinther 1 [,30]
sei Christus auch unsere Heiligung. Erneuerung sei hier mitgesetzt. [Das] «Gott für uns» werde [in ihr] zu[m] «Gott mit uns» und zu[m] «wir mit Gott».10
Das Gespräch wandte sich einer Betrachtung der größeren theologischen Szene und der Frage zu, wie man sich in ihr zu verhalten habe. Im Blick auf die neuesten Sensationen meinte Barth:
Der Professor Herbert Braun zum Beispiel ist ja noch jung.11 Da sind die Pfarrer gern destruktiv. Aber das kann sich noch ändern. Viel schlimmer als Braun ist, wie wenig aus [der Kirche in] dem Rheinland an Antwort [auf Brauns Thesen] kommt.12 Aber - solche Leute [wie Braun] sind nur Zeichen für die Gesamtsituation der Kirche.
120 Karl Barth sagte: er sei auch betroffen von dem enormen Erfolg von Bischof Robinsons Buch «Honest to God»,
von dem bereits 300 000 Exemplare verkauft wurden.13 Hier bedeute «von Gott reden» ja wieder nichts anderes als «mit erhöhter Stimme vom Menschen reden», wie [er es] 1920 [in der damaligen Zeit gesagt habe].14 Er habe schon an den Christian Kaiser Verlag - seinen alten Verlag15, der nun Robinson herausbringt, geschrieben: das gehe nicht!
Aber darüber hinaus denke er: das Problem Robinson sei vielmehr ein Problem Karl Barth. Er frage sich: was habe ich falsch gemacht, daß so etwas jetzt wieder möglich ist - die Heftigkeit und Breite dieser Reaktion: daß die Kirche ein solches Buch aufsaugt wie ein Schwamm das Wasser?16
Ich sagte zu Karl Barth, ich sehnte mich danach, daß jemand für meine Generation das täte, was er für die seine tat, als er den herrschenden Anthropozentrismus in Theologie und Kirche angriff.
Ja, antwortete Barth, er warte auch auf den Mann, der das tue.