Gespräch mit Göttinger Studenten
GESPRÄCH MIT GÖTTINGER STUDENTEN
Das Gespräch fand am 12.10.1963 nachmittags im Restaurant
Barth ließ die Anwesenden bei der Gelegenheit mit Kaffee und Kuchen bewirten, was auf dem Tonband an einigen, im Text ausgelassenen Stellen dadurch hörbar wird, daß er seine Gäste zum Zugreifen ermuntert («Trinken Sie tapfer von diesem Kaffee! Man kann nicht genug Kaffee trinken, wenn man noch jung ist!»). Die im Text auch nicht wiedergegebene, weil unvollständig konservierte Einleitung des Gesprächs befaßte sich u. a. mit dem Thema des Rauchens, das den Studenten in jener Jugendherberge untersagt war. Barth bemerkte dazu: Zu seiner Freude sei es ja nunmehr sogar während des
Gespräch mit Göttinger Studenten
Wir haben uns gefragt, wie wir am besten anfangen könnten. Unter den Fragen, die uns in der Woche wesentlich genug schienen, wenigstens einigermaßen wesentlich genug, daß wir sie hier jetzt stellen könnten, war eigentlich keine, die das Ganze des Buches als solches betrifft. Sondern es sind alles Fragen, die zu irgendwelchen einzelnen oder mehreren Kapiteln gehören. Daher müssen wir gleich mit solchen Fragen einsetzen. In unseren Gesprächen dort in
Herr Professor
Wie vorgehen?
… indem wir versuchen, das nichtreduzierbare Material als das primärste Zeugnis auszugeben, das dann übernommen worden ist, oder aber, wie auch Sie es tun, das, «was Christum treibet»4, herauszukristallisieren oder das zu betonen?
Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie jetzt - also in der Sprache jetzt meiner Gedankenwelt und Theologie - das Problem «
Dann würde ich dies sagen: Gewiß werden sich auch zwischen den Primärzeugen immer wieder Unterschiede ergeben: Unterschiede des Tones, des Akzentes, der Sprache, des Ausdrucks, der Beziehung zu ihrer Umwelt usf. Und das müßte ein merkwürdiger Bibelleser sein, der dem Neuen Testament einfach gegenüberstehen würde wie einem monolithischen Block, wo es überall nur so donnert von Offenbarung, [immer] in gleicher Weise, hundertprozentig! Sondern das geht uns allen so - mir auch, wahrhaftig! -, daß man hier anders, (ich will mal ohne Wertung sagen:) einfach anders angesprochen ist als dort.
Ferner, es wird sich wohl für jeden Leser des Neuen Testamentes ergeben, daß er irgendwo in diesem corpus testimonii ein Zentrum - ich sage vorsichtig: ein Zentrum, sagen wir einmal: sein Zentrum - finden wird, von dem aus ihm dann das Übrige als Umgebung, als Umkreis erscheint. Und mehr oder weniger unwillkürlich und mehr oder weniger konsequent ordnet er sein Verständnis des im Neuen Testament in dieser ursprünglichen, in dieser primären Form bezeugten Wortes Gottes zusammen von dieser Mitte aus. Das machen wir alle. Und das ist auch in der Ordnung so. Das ist in den verschiedenen Zeiten der Kirche und auch örtlich in den verschiedenen Bereichen der Kirche immer so geübt worden. Und das wird für jeden einzelnen Christen, für jeden einzelnen Theologen, dann auch wieder für jeden einzelnen Christen und Theologen in seinen verschiedenen Lebensstadien immer der Vorgang sein: Es tritt irgendwo etwas stark hervor, anderes daneben relativ zurück, und es entsteht dann diese gewisse Zentrierung des Verständnisses auch der Exegese. Die Exegese folgt dann dieser Ordnung, die man da wahrzunehmen meint. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern ich würde sagen: das muß so |125 sein. Alles andere Lesen im Neuen Testament, eben wo es so um ein monolithisches Monument gehen würde, wäre ein totes Lesen eines toten Buchstabens. Das war der große Irrtum der sogenannten Orthodoxie - ich meine jetzt: der protestantischen Orthodoxie des 16. und 17. Jahrhunderts. Und da ist es eine gute Sache gewesen, daß man vom 18. Jahrhundert an durch die historische Betrachtung des Neuen Testamentes auch sozusagen theoretisch auf die Notwendigkeit dieses Vorgehens aufmerksam gemacht worden ist, nachdem man schon lange vorher praktisch diese Methode geübt hat. Keiner stärker als
Mißlich beginnt die Sache erst dann zu werden, wenn man nun meint: «Ich hab’s!» und nun das, diese gestufte Sicht - auf das kommt es Ihnen ja an, nicht wahr? -, diese gestufte Sicht als solche kanonisiert und irgendwie meint festlegen zu können: Das sagt das Neue Testament, nämlich das, was sich so und so um diese und diese Mitte gliedert! Das ist dieser gefährliche Weg. Er ist auch immer wieder beschritten worden. [Es ist] derselbe Weg in seiner Gefährlichkeit, wo nun die lebendige Exegese dogmatistisch erstarrt in der Auswahl, auf die sich der Exeget und Theologe und Christ festlegt, statt daß er ruhig weiterliest - sei es denn in den Grenzen seiner besonderen Anschauung, aber seiner besonderen Anschauung gegenüber auch wieder frei, [sich] weiterführen zu lassen. Und nicht zum Beispiel (aber das ist nur ein Beispiel) polternd daher zu kommen und zu sagen: «Das Evangelium steht im Galaterbrief! Was sich nicht ohne weiteres auf den Nenner des Galaterbriefes bringen läßt, das ist mindestens sekundär im Sekundären»6 - wenn es nicht geradezu ausgeschaltet wird. Man kann ja dann noch weitergehen und sagen: ganz weg damit! Der Luther war manchmal nahe daran. Und dann kommt z. B. der schöne Brief des
Sehen Sie, das alles sind also sozusagen die Gefahren eines an sich nicht nur erlaubten, sondern gebotenen Verfahrens, wie ich es vorhin zu skizzieren versucht habe und was Sie offenbar [an]visiert haben in bezug auf diese Unterscheidung von Primärem und Sekundärem innerhalb des Sekundären, des Zeugnisbereiches. Und jetzt würde ich denken: wenn man das einmal begriffen hat - das Recht des Verfahrens und dann aber auch die gebotene Vorsicht in seiner Anwendung, dann kann es eigentlich nicht fehlen. Man darf wohl ein bißchen Eklektiker sein, aber bitte: ein offener Eklektiker und nicht ein dogmatischer.
Herr Professor, wieweit ist Ihnen die zeitliche Nähe zur Offenbarung oder die möglichst nahe Konfrontation [mit dem] Auferstehungsgeschehen Kriterium für den Wert der Aussagen der einzelnen Zeugen?
Darf ich vielleicht rasch dazu noch ergänzen: Wir kommen auf diese Frage überhaupt durch die Beobachtung, die uns ein wenig erstaunte oder wenigstens viele von uns erstaunte, daß der Begriff des «Zeugen» in offenkundiger Anlehnung an
Ich bin froh, daß dieser Ausdruck «Zeugen der Auferstehung» nicht meine Erfindung ist. Es ist allerdings der arme
«Augen- und Ohren-Zeugen» - ja, ja, es geht schon um das. Das kann man sich wohl nicht abmarkten lassen, wobei dann zu überlegen wäre: Was heißt Augen- und Ohrenzeugen in diesem Fall? Ich erinnere mich jetzt an die Stelle nicht, [aber] ich bin jetzt eigentlich froh, daß ich es ausdrücklich gesagt habe: Augen- und Ohrenzeugen - damit da ja keine Möglichkeit zum Entrinnen eintritt, daß es vielleicht bloß eine ideale Erkenntnis Jesu Christi oder irgend so etwas wäre. Ja nein, es geht um die Begegnung [mit dem], der sichtbar und hörbar als wahrer Gott und wahrer Mensch in die menschliche Geschichte eingetreten ist. Und diese ersten Zeugen sind [ihm begegnet] - so oder so: das ist dann eine Frage weiterer Überlegung, die aber nun nicht pragmatisch aufgedröselt werden kann: ja, inwiefern gilt jetzt das vom Verfasser des
Es haben mir nicht viele Leute abgenommen, aber ich habe auch die Thomasperikope am Ende des Johannesevangeliums immer so ausgelegt14, daß das «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben» [
Herr Professor, dann sind Sie also nicht bereit zuzugestehen: die Deuteropaulinen sind Zeugen, die eben nicht sehen, sondern nur glauben? Sie haben nicht gesehen, aber glauben doch - vielleicht durch die intensive Vermittlung des
Ich weiß nicht, wie man dazu kommt, das zu behaupten. Das ist ja ganz nett. Das kann man sich mal so zurechtlegen, wenn man durchaus will. Aber ich finde ja die Tatsache [interessant], daß auch diese sogenannten Deuteropaulinen eben «Paulinen» sind und sein wollen und daß sie mit ihrer ganzen, mir auch nicht immer angenehmen Ekklesiastik nun in dieser Reihe stehen. Und ich [bin dadurch] aufgefordert, früher oder später auch die ernst zu nehmen [und] auch diese Pastoralbriefe jetzt nicht so auf die Seite zu schieben. Jetzt nicht gleich sagen: «Frühkatholizismus! 2. Jahrhundert!» Sondern wenn ich es jetzt noch nicht fasse - und ich fasse es weithin noch |130 jetzt nicht, kann ich Ihnen sagen, als alter Herr -, so warte ich darauf, daß ich es vielleicht doch noch einmal fasse. Und ich würde jedenfalls niemals hingehen und der Gemeinde die Deuteropaulinen madig machen durch [solche] Diskreditierung - dadurch, daß gesagt wird: die sind [nur Schriften] zweiten Grades. Warten Sie’s doch ab! Es könnte doch sein, daß wieder eine Zeit auch der Kirche kommt, wo es sehr nötig ist, daß wir diese Deuteropaulinen wieder lesen. Es stehen in diesen Deuteropaulinen äußerst bemerkenswerte Sachen: im Epheserbrief, vom Kolosserbrief nicht zu reden, und dann aber auch [in den] Pastoralbriefen.
Bei den Diskussionen, die da in
Dürfen wir vielleicht annehmen, daß der Kreis derer, die wir Primärzeugen nennen wollen, weniger bestimmt wird durch [ihr] für uns nachprüfbares, so weit wie möglich nachprüfbares Verhältnis zu dem, was wir als greifbare Größe, nämlich als Wort Gottes bezeichnen, sondern vielmehr einfach durch die Entscheidung der Kirche, hinter die wir nicht zurückkönnen und auch nicht -wollen?
Vorsichtig! Der erste, negative, abgrenzende Satz war gut. Hingegen würde ich niemals sagen: die Entscheidung der Kirche! Da wären wir bei
Ich verstehe klar, daß Sie einen bestimmten Kreis eingrenzen. Aber ich verstehe nicht genau das Kriterium, mit dem Sie versuchen, eine Grenze zu ziehen. Sie sagen einesteils: die Augenzeugen sind keineswegs Zeugen in dem Sinne, daß sie Anteil gehabt hätten an dem historischen Geschehen …
… auch! auch!
… ich meine: es ist nicht darauf eingegrenzt, sondern es geht um die Begegnung mit dem lebendigen Herrn. [Aber] der konnte den Menschen begegnen nicht nur zur Zeit, da er auf Erden lebte. Und das heißt also, es kann durchaus jemand Primärzeuge sein, der hundert Jahre später gelebt hat. Nämlich, wir müssen doch annehmen, daß dann der lebendige Herr noch begegnen kann.
Diese Annahme ist höchst interessant und hat sich in der Geschichte der Kirche als höchst fruchtbar erwiesen - [indem] dann nämlich immer wieder gesagt wurde: «Ha, warum soll jetzt die Sache auf die zwei Deckel dieses Buches beschränkt sein?» […] Bei Gott sind alle Dinge möglich [
[…] Ist das einfach eine Entscheidung, die man niemandem demonstrieren kann, sondern die man nur - sagen wir - in der Erkenntnis des Heiligen Geistes, also dann, wenn wir in der Sache völlig drin stehen, selbst als richtig einsehen kann, [die] also nicht irgendwie faktisch durch eine Beziehung zu einer gewissen Größe oder irgend etwas anderes bestimmbar ist, sondern einfach nur von innen her sichtbar [wird]?
Das «von innen» deucht mich nicht lustig. Aber es ist schon recht. Also zu demonstrieren gibt es da gar «nix» - das ist klar. «Demonstrieren» - ja, wenn der Begriff einen Sinn haben sollte, so könnte [damit doch] nur gesagt werden: Die Kirche mit ihrem Urteil über den Kanon demonstriert uns ihr erstes Verhältnis zu diesem |133 Schrifttum. Das ist auch eine «Demonstration», aber natürlich nicht ein Beweis. Denn die Kirche kann ja das nicht beweisen, aber - ich brauche gern diesen Ausdruck - sie kann [einladen]. Und das ist es, was sie m. E. in ihrer ganzen Missionstätigkeit, Evangelisation, Predigt getan hat - es ist eine Einladung: Kommt und hört! Und nun hat die Kirche diese Einladung ergehen zu lassen, nicht eine andere.
Ja, das ist richtig. Ich fragte nur nach dem Woher dieser Entscheidung …
… dieser Entscheidung? Also gelt, die entscheidende Entscheidung, wir wollen mal so sagen, die fällt damit, daß dasjenige geschieht, auf was die Kirche hinweist, von dem die Kirche sagt: Es hat eine Verheißung, wenn ihr jetzt mal auf
Darf ich vielleicht vorschlagen [weiterzugehen]? Wir haben [noch] ziemlich viel auf der Liste … Die Frage des Kanons ist uns eine sehr zentrale Frage. Aber wenn wir uns jetzt zu sehr auf dies eine einlassen, dann kommen die anderen Dinge, die uns mindestens ebenso am Herzen liegen, zu kurz. Selbstverständlich soll hier niemandem das Wort im Keime erstickt werden - aber wenn Sie einverstanden sind, würde ich doch vorschlagen, daß wir mal weitergehen.
Ist für den Augenblick, für den 12. Oktober nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr - mehr kann man nicht sagen - eine gewisse Beruhigung über das Kanonsproblem in diesem Raum eingetreten? Das wäre schon ein großer Gewinn, wenn es nicht immer wieder so züngelte um diesen Kanonsbegriff herum.
Vielleicht tritt noch weitere Klarheit ein, wenn wir weitergehen zu einer zweiten Frage, die auch gestellt worden ist und die ganz in der Nähe dessen bleibt, was bis jetzt gesagt worden ist. Sie haben zu Anfang selbst gesagt, daß für den Theologen, der sich mit der Schrift beschäftigt, sich diese Schrift in [seinem Verständnis von] ihr sich um ein Zentrum gruppiert. Und in diesem Zusammenhang ist gefragt, inwiefern man von einer Einheit dieses Zentrums reden kann oder auch von einer Einheit der Offenbarung - auch wieder angesichts des Tatbestandes, den man in
An und für sich ist sie schon gut gestellt. [Ich hätte sie gern so gestellt:] Ist die Einheit des Handelns und Redens Gottes eine «Regelung», d. h. für mich: eine Prämisse des theologischen Arbeitens oder etwas, was sich in [der theologischen] Arbeit - z. B. im Verstehen Seines Wortes - in der Exegese ergibt?
Eine Prämisse? - schon nicht gut!
Dort steht: «Regelung» des theologischen Denkens und Arbeitens19.
«Regelung»? - gut! Und nun ist also die Frage, ob man diese Regelung auf eine Prämisse zurückführen will oder - was war die Alternative?
… oder ein Ergebnis, das sich aus der Arbeit an dem Wort Gottes, an dem Text in der Exegese ergibt?
Gut, ich möchte sagen: Sofern man unter Prämisse, was ja das Wort bedeutet, eine Voraussetzung versteht, die ich mache, da haben Sie ja wahrscheinlich die Stelle gefunden, wo ich ausdrücklich gesagt habe: Um Gottes willen keine Voraussetzungen!20 - also irgendwelche Sätze, die nun festgelegt sind, woher sie dann auch stammen mögen. Sondern - jetzt kämen wir auf die Alternative, die Sie meinen, und da würde ich einfach sagen: sondern das Ereignis, in welchem sich das, was man übel als eine «Prämisse» und übel als eine «Voraussetzung» bezeichnet, faktisch durchsetzt: diese Wirklichkeit, die die conditio sine qua non theologischen Denkens und Redens ist. Wir wären [da] wieder bei dem Begriff der Erfüllung einer Verheißung. Und das ist ein Ereignis, das ist eine Aktion, und zwar eine von Gott ausgehende und dann uns in die Teilnahme [an] Gottes Tun hineinrufende Aktion. [Hingegen] sobald man sagt: ich mache eine Voraussetzung, da geht es schon willkürlich zu, auch wenn es eine wunderbare Voraussetzung wäre.
Darf ich es mal [so] formulieren, um nachzuprüfen, ob ich es verstanden habe: Diese Einheit können wir nach außen nicht demonstrieren, nicht zeigen, sondern wir werden sie, wenn wir [da] hineingenommen sind als die Glaubenden, erleben als die faktische Einheit?
Wie schön, daß jetzt das Wort «Erleben» wieder zu Ehren kommt! Das Wort «Erleben» war das große Wort meiner theologischen Jugendzeit in
Aber die Holländer.
Die Holländer? Natürlich! Wie sagen denn die?
Beleven!
«Beleven», gut! schön! Also, wenn das einen Sinn haben könnte, dieses «beleven» oder «Erleben», so würde das doch heißen: Es ereignet sich das Unerhörte, das schlechthin Unbegreifliche, Unableitbare, Undemonstrierbare, daß der, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, in seiner Gemeinde und dann auch für deren Glieder und also auch für uns Wirklichkeit wird, die wir ernst nehmen müssen, und zwar ernster als alles andere, - so daß er nun schlechterdings die Nummer 1 ist, schlechterdings die Grundlage alles weiteren, schlechterdings der Ausgangspunkt: Wir denken von da aus, von diesem Leben und dann also insofern von unserem «Erleben». Das ist das principium essendi und das principium cognoscendi, von daher wird man und von daher ist man dann Theologe.
Dürfen wir dann vielleicht sagen, daß derjenige, dem bei seiner exegetischen Arbeit, bei seiner Bemühung, beim Lesen des Textes eine Disparatheit ganz hart aufstößt und begegnet, aus dem Leben irgendwie schon hinausgenommen ist? Nämlich, wenn er in dem Leben wäre, würde er ja wohl die Einheit sehen?!
Ach, wir wollen auch nicht zu streng sein! Warum soll uns das nicht passieren, daß uns diese «Disparatheit hart aufstößt»? Da kann man ja gar nichts dagegen sagen: Es gibt natürlich ganz verschiedene Christologien im Neuen Testament. Und es ist dann an diese Verschiedenheiten, diese Disparatheiten im Neuen Testament in sehr verschiedener Weise angeknüpft worden. Wenn jemand sich jetzt auf eine Christologie festlegte und die anderen nicht im Auge haben wollte, dann gab es eine Ketzerei. Also davor wird man sich in acht nehmen müssen. Hingegen - damit komme ich ja eigentlich auf die Sache zum ersten Punkt zurück -, es ist erlaubt und in Ordnung, daß man sieht: Es sind da disparate Christologien. Und wenn jetzt der
Ich erinnere mich, daß ich vor … - oh, wann mag das gewesen sein? -, vor etwa zehn Jahren [in dieser Frage] sogar meinem lieben und in wichtiger Beziehung hoch über mir stehenden, verewigten Freund
In
War es in
Zwischenrufe: Nein.
Nein, wir haben völlig abseits der Weltgeschichte gelebt.
Oh, Sie sind abseits der Welt- und Kirchengeschichte … - Das war eine große Sache. Es wurde jetzt vom
139 Insofern mag der Herr
An die 60 mag er auch schon sein.26
Tatsächlich, tatsächlich? So alt schon? Also, wenn es gegen die 60 geht, dann sollte es allmählich Tag werden. Wie dem auch sei, es gibt auch Spätbekehrungen.
Wie wird es denn dann, wenn wir das Neue Testament nach einem anderen Gegenstand befragen, der nicht direkt mit Christus zusammenhängt, z. B. nach der Gemeinde im Neuen Testament, und [dann] hier zu disparaten Aussagen kommen?
Ja, gelt, dort kommt man natürlich erst recht zu disparaten Aussagen. Das ist klar. Aber nun wird in einer neutestamentlichen Theologie, wo dann auch von solchen Gegenständen die Rede ist, alles darauf ankommen, daß die Sache wirklich von der Mitte aus gesehen und verstanden wird. [Also, was Ihr Beispiel betrifft, käme es darauf an, daß] auch, was «Gemeinde» in den verschiedenen Beleuchtungen ist, also, sagen wir: was als Gemeinde in der synoptischen Tradition erst von weitem auftritt und was dann in den Pastoralbriefen schon ziemlich massiv daherkommt … -, daß das von dort aus verstanden wird.
Und gelt, wir sind [uns] einig darüber, daß dieses [Fundamentale] - ich habe es jetzt auch das «Zentrum» genannt oder die «Mitte» - nicht identisch ist mit dem, was ich in der ersten Antwort Mitte genannt habe. Es ist dasselbe Wort. Dort haben wir geredet von der Mitte unseres Lesens und Verstehens, von diesem gewissen Auswählen unter den Zeugen, [bei dem] jeder seine «Mitte» hat. Es gibt aber jenseits alles dessen eine Mitte der Sache selber. [Es] ist ja wohl im ganzen Neuen Testament nicht zu übersehen, daß es [überall] irgendwie um dieses Ἰησοῦς Χριστὸς κύριος [Jesus Christus der Herr] geht, mehr oder weniger deutlich, aber eigentlich unverkennbar auf der ganzen Linie, und daß die übrigen Topoi und Loci der neutestamentlichen |140 Theologie von da aus zu verstehen sind und ja nicht nun plötzlich sozusagen von «disparaten», sachfremden Gesichtspunkten aus.
Wir sind bei der Besprechung jetzt mehr eines formalen Problems darauf gekommen, daß sich im dogmatischen Denken von dieser Mitte her eine innere Folgerichtigkeit ergibt. Wir haben da «
Ah, ja?!
[Aber] wir haben uns dann doch nicht ganz zusammenreimen können, inwiefern Sie es in [KD] I/128 auch bei methodischen Fragen ablehnen, daß die Theologie als Wissenschaft [sich dem] Postulat der Widerspruchslosigkeit im formal-rationalen Sinn [unterwerfen] müsse.
Aha, [es] ging dort um diese Postulatenreihe von
Ja, die haben wir beiläufig hinzugezogen. Ich glaube im Zusammenhang mit der Vorlesung über die «Verpflichtung»30 [fiel] wohl das Stichwort, das uns dazu angeleitet hat. Da haben wir dann eine Zeitlang ein wenig über Ihr Anselm-Buch31 referiert. Ich glaube, es war kein Zufall, daß wir von dieser Einführung aus auf jenes Anselm-Buch zu sprechen kamen, weil es dort zweifellos sehr enge sachliche Berührungen gibt. Und nun haben wir versucht, [das,] was Sie dort in Ihrer Exegese des Anselm von Canterbury herausgestellt haben, uns unter dem Stichwort «Rationalität» klarzumachen, und zwar nun in der Übersetzung (ich weiß gar nicht, ob sie da steht, aber mindestens schien es uns nahezuliegen, daß das gemeint sei): Ratio|141nalität des Glaubensgegenstandes als seine aufweisbare Folgerichtigkeit. Und wir haben versucht, uns die Tragweite dieses Begriffs klarzumachen, und stießen dann eben auf diese Auseinandersetzung mit
Aha! Warten Sie, wo soll ich jetzt anfangen? Sie werden sich erinnern, daß in dem Anselm-Buch sozusagen von einer Rationalität Gottes selbst die Rede ist und dann von einer entsprechenden Rationalität unserer Erkenntnis Gottes - oder, ich glaube, ich habe es genannt: eine ontische und eine noetische Rationalität32 […] . Ja, man kann es einmal so nennen, nicht wahr? Und nun ist klar, wenn [man] von dieser «noetischen Rationalität» redet, daß es sich da ja - und darüber hat sich der
Nun denke ich aber, daß dieses Postulat von meinem verewigten Freund Heinrich Scholz33, gegen das ich mich dort in [KD] I/1
Also, es wird wohl zweierlei sein. Und ich hatte mich dort in [KD] I/1
Möchte dazu jemand eine ergänzende Frage stellen? Wir haben uns darüber an einem der Nachmittage auch ziemlich erhitzt. Ich weiß nicht, ob die Hitze ganz und gar abgekühlt ist.
[ … Heißt dies,] daß also die Theologie auf keinen Fall das Postulat der Widerspruchslosigkeit erheben kann, d. h. daß sie durchaus Sätze sagen kann, die sich logisch widersprechen?
Ja, aber nun nicht, daß sie sich dabei beruhigen darf und kann, gelt. Sondern sie kann nur sagen: De facto ist es wohl so - jetzt rede ich mit meinem Berliner Freund
Inhaltlich kann man die [eben behandelte] Frage jetzt füllen durch eine Sache, die uns schwer umgetrieben hat - innerhalb und außerhalb unserer Sitzungen -, über die ich Sie auch schon öfters habe sprechen hören in diesem Haus, und zwar - ich sage nur das Stichwort - die Frage des Unglaubens, oder als Frage: Ist der Ungläubige für seinen Unglauben verantwortlich? Und noch einige Stichworte, die da ständig bei uns fielen - wie beispielsweise Trotz oder Verstockung und dergleichen.
Verstockung gegen den Heiligen Geist.
Die Sünde gegen den Heiligen Geist [
Wenn Sie sagen, daß der Glaube allein ein Werk des Heiligen Geistes ist42, daß wir also nur durch den Geist überhaupt von der Offenbarung wissen können, von der objektiv geschehenen Offenbarung in Jesus Christus, und daß, indem wir das sagen, damit auch bereits entschieden ist, daß wir nicht anders als durch den Heiligen |145 Geist überhaupt zum Glauben kommen [und daß] der Heilige Geist allein [?] christliches Leben begründet, inwiefern ist dann der Ungläubige für seinen Unglauben verantwortlich zu machen?
Der Heilige Geist begründet den Glauben, begründet unsere Erkenntnis Gottes, begründet aber auch unsere Selbsterkenntnis - das geht miteinander, gelt: Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis -; und in der durch den Heiligen Geist begründeten Glaubenserkenntnis, die dann also auch Selbsterkenntnis in sich schließt, ist eingeschlossen: Du bist verantwortlich für deinen Unglauben. Jetzt gehen dir die Augen auf. Jetzt fängst du an zu merken - ja, was? Kannst du jetzt nachträglich sagen: «Ha, ich armer Tropf! vorher war es mir nicht möglich [zu glauben]»? Nein, jetzt in dieser Erkenntnis muß ich mich erkennen als Gottes für ihn bestimmtes, auf ihn ausgerichtetes Geschöpf. Und indem ich mich als das erkennen darf - im Glauben, also angenommen von ihm als sein Kind! -, ist [darin] eingeschlossen: «An dir allein habe ich gesündigt» [
… Handelt es sich aber dabei nicht dann doch - ja, soll man es Paradox nennen? - jedenfalls um etwas, dessen Auflösung erst noch im Eschaton zu erwarten ist?
Es ist ganz vieles da noch zu erwarten. Aber was meinen Sie besonders?
[ … Eine Auflösung insofern,] als es einerseits so ist, daß der Glaubende sich nicht anders denn als für seine Schuld verantwortlich erkennen kann, während er doch auf der anderen Seite - ja, das wird der Glaubende nicht tun - diese Verantwortung abwälzen könnte auf Gott, der ihm den Heiligen Geist nicht geschenkt hat oder entzogen hat.
Ha, das wäre ein schöner Glaubender! Statt daß er dankbar erkennt: Mir Unwürdigem ist die Erlaubnis und das Gebot gegeben, daß ich glauben soll und darf, und [statt daß er] jetzt rückblickend oder [zur] Seite auf seinen Unglauben blickend bittet «Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben» [
Und wenn er bewußt der Unglaubende sein will? Wenn er es von sich stoßen will?
Da kann man nur sagen: Das soll er eben nicht tun! Das ist ja absurd, dieses «wenn». Also, das ist [eine] Sache, die man ebensowenig theoretisieren soll [wie] dann womöglich noch demonstrieren oder auch nur konstatieren bei sich oder anderen: «Ich will nicht». Es kann einer meinetwegen sagen: Ich will nicht in die Kirche gehen - oder: Ich will diese und diese Theologie nicht annehmen - oder: Ich lese nicht gern in der Bibel, und was für Zeug! Das geht also noch herein. Aber der Satz: Ich will nicht dem Heiligen Geist folgen, das ist ein in sich unmöglicher Satz. Der Vorgang ist ausgeschlossen. Das wird ja dann wohl das sein, was man im Neuen Testament «die Sünde |147 gegen den Heiligen Geist» nennt [vgl.
Ich wollte da einhaken: Wenn Sie sagen, daß der Glaubende für seinen Nichtglauben verantwortlich ist, dann besteht aber doch diese - würden Sie sagen? - «unmögliche Möglichkeit»43. Die besteht aber doch?! Und …
Niemals so, daß man sie verrechnen könnte, verstehen Sie?
Ja.
Sondern man kann nur sagen: Dieser nur in «unmöglicher Möglichkeit» realisierbaren Tat mache ich mich fort und fort schuldig. Aber damit habe ich [sie] ja dann nicht einbezogen[, als würde ich sagen:] Es gibt da ein besonderes Feld, auf dem ich mir das leisten kann. Sondern das ist eben der Abgrund.
Ja, und genau da wollte ich fragen: Wie verhält sich das aber dann zur Versöhnung, die ja für alle geschehen ist …
Ja, das ist das Große!
… auch für die, die diese «unmögliche Möglichkeit» in unmöglicher Weise für sich realisieren?
… zu denen wir alle gehören, gelt!
Ja, auch.
Samt und sonders! [Und für] solche Geschöpfe, die sich dieser unmöglichen Sache fort und fort schuldig machen und dafür verantwortlich sind, - für solche Geschöpfe ist Gott selbst in Jesus Christus eingetreten. Solcher Geschöpfe hat er sich angenommen. Zu solchen Geschöpfen, zu uns hat er Ja gesagt. Und das ist das Evangelium: zu solchen! zu Sündern! zu solchen Sündern und Zöllnern übelster Art! Und jetzt könnte es eigentlich daneben wirklich nur das Tun und Treiben des Pharisäers geben, der das nicht wahrhaben wollte.
Ich wollte auch einfach von diesem Unglauben, der von seinem Unglauben her noch gar nicht von dieser Befreiung, von dieser Freiheit wissen kann, also noch in seiner ganzen Knechtschaft lebt, ausgehen und fragen: Wie verhält es sich mit dem? Die Versöhnung |148 mit ihm ist geschehen, aber er weiß nicht davon, und er will nicht davon wissen?!
Und Sie sind dazu da, ihm das zu erzählen, wie es mit ihm steht.
Und wenn er dazu vielleicht irgendwie sagt: Das glaube ich nicht, oder: Das ist mir überhaupt egal? Er kann ja z. B. überhaupt Gottes Existenz leugnen.
Kommt vor, nicht wahr? Und dann sagen Sie es ihm noch einmal und sagen es ihm ein drittes Mal, und «siebzigmal siebenmal» müssen Sie es ihm wieder sagen [vgl.
Darf ich ihm nicht sagen, Ihrer Meinung nach, daß Gott ihn ruft und daß Gott von ihm auch einen Gehorsam erwartet und für diesen Gehorsam Rechenschaft fordern wird?
Ja, ja. Aber machen Sie ihm vor allen Dingen diesen Ruf Gottes, diesen Ruf der Barmherzigkeit und Liebe Gottes als solchen vernehmbar. Und dann können Sie ihm auch sagen: Das ist eine ernsthafte Sache!, es wäre jetzt an der Zeit aufzupassen! In der Tat, es ist dann eine Gehorsamsfrage. Aber nicht so wie der
Ich frage mich, gerade wenn wir die Nichtglaubenden nicht hinausstoßen wollen, sondern mit hereinnehmen: Wenn die Versöhnung effektiv geschehen ist, wozu ist es dann überhaupt nötig, die Verkündigung noch aus[zurichten]?
Ja, das ist doch gräßlich! Wenn die Versöhnung wirklich geschehen ist - und da laufen wir alle, die Gläubigen und die Ungläubigen, herum, wie wenn sie nicht geschehen wäre, weithin auch wir. Und da ist es doch wahrhaftig nötig, daß die Trompete geblasen wird [vgl.
Sie werden sicher energisch widersprechen, wenn ich die Ansicht formuliere, daß das ein bißchen ähnlich klingt, wenigstens für mich, wie der Katholik, der kurz vor seinem Tod in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehrt, so auch hier: [Der Ungläubige,] der sich sein Leben lang, sagen wir es einmal provozierend, den Freuden dieser Welt hingibt und ihnen nacheilt - meinetwegen mit angehaltenem Atem -, und dann zum Schluß kommt doch alles auf dasselbe heraus[, ob einer geglaubt hat oder nicht].
Aber dann hat er - wir wollen einmal diesen extremsten Fall vornehmen, den Sie jetzt beschreiben - … dann hat er sein ganzes Leben in der Lüge zugebracht und hat nicht gemerkt, was Gott für ihn ist und getan hat, und hat nicht davon gelebt, sondern [hat gelebt] - ja, in «Lust und Freuden» [vgl.
Würden Sie dann sagen, Herr Professor, daß der Glaube eine zwingende Folgerung aus der Versöhnungstat Gottes ist oder ein Akt der Dankbarkeit des Menschen? Oder wie würden Sie das umschreiben? Denn an der Versöhnungstatsache selber ändert sich ja durch den Glauben oder Unglauben des Menschen eigentlich nichts.
Es ändert sich das, daß ihm das Gute, das ihm von Gott zugesagt ist und das auf ihn wartet, vor Augen tritt, daß er es erkennt, daß er damit leben darf. Und das ist sozusagen vom Himmel aus gesehen nicht gleichgültig - von Gott aus gesehen - , daß so ein armer Tropf, wie wir alle es sind, es jetzt merkt und sich jetzt getrauen darf, |151 ein bißchen damit zu leben, ein bißchen, ein bißchen zu glauben und zu lieben und zu hoffen. Da freuen sich bekanntlich die ganzen Engel des Himmels «über einen Sünder, der Buße tut» [
Ich wollte noch eine Frage stellen: Warum ist es, von Gott aus gesehen, nicht gleichgültig? [Das] ist etwas unklar. [Sie sagten:] Es ist, von Gott aus gesehen, nicht gleichgültig, ob der Mensch glaubt oder nicht.
Gar nicht, natürlich.
Und warum nicht?
Warum nicht? Weil er ihn liebt, weil er sein Bestes will und weil er nicht will, daß jemand verloren gehe [vgl.
[Es] hat sich Fräulein
Das freut mich zu hören. Merkwürdigerweise ging es mir eben auch durch den Kopf. Ich würde es vielleicht in der nächsten Minute gesagt haben: Wo bleiben die Damen?
Ich weiß nicht, das ist an sich nur noch etwas Erklärendes dazu. Bei dieser ganzen Debatte hier hat es den Anschein, als ob das Nichtglauben ein gesundes, ungebrochenes Heidentum ist, sozusagen ein menschliches Ideal: so ungebrochen, gesund daherzuleben, heiter und fröhlich. Und das Glauben bedeutet eine gewisse Gebrochenheit. Und dann stören sich die Leute daran, daß zum Schluß doch alle so ihr Teilchen bekommen und daß die, die sich hier abgerackert haben, nicht mehr bekommen. Ich glaube, daß diese ganze Diskussion auf die |152 Ebene gehoben werden muß: daß eben, was wirkliches Leben ist, [gerade nicht] dieses gesunde, heitere Dahinleben [ist, sondern daß dieses schon] im Kern faul ist. Kann man das so sagen?
Ja, das ist schön, ein guter Beitrag. Also eben ja nicht, wie es jetzt auch so üblich wird, fast so mit einer gewissen Verliebtheit von der mündigen Welt reden und von den Atheisten! Es gibt jetzt schon Theologen, die förmlich liebäugeln mit dem Atheismus und mit dieser kuriosen Weltlichkeit usf.49 Da gibt es nichts zu liebäugeln. Das ist schlimm. Das soll dahinten bleiben, nicht weitergehen.
Ich weiß nicht, ob man, wenn man dann vom Endgericht sprechen will, [sagen kann,] was Sie50, glaube ich, sagten: daß die Leute, die nicht glaubten, dort eine tiefe Beschämung [erfahren]?
Ja, das ist immer etwas schwierig, was Sie51 sind und was ich bin. Ich mußte mich dort notgedrungen zu Ihrem Mund machen und habe im Blick auf das Endgericht den Begriff der Beschämung gebraucht …
… daß wir also nicht [sagen], daß die Leute, die jetzt, sagen wir einmal, für unsere Augen (was wir natürlich auch nicht immer entscheiden können) draußen stehen, [weil sie] nicht glauben, … - daß wir nicht sagen: Denen ist die Hölle zugesprochen. Ihre Bestrafung liegt nicht in einer jenseitigen Welt, wo sie in der Hölle schmoren, sondern darin, daß sie eben im Diesseits am Leben vorbeigegangen sind und daß das ihre einzige [?] Strafe ist. Und das[, was] nachher [kommt,] wissen wir sowieso nicht.
Also mich interessiert die Bestrafung dieser «Draußenstehenden» viel weniger als meine Bestrafung, die auf mich wartet. Und die besteht doch sicher darin, daß dann herauskommen wird: der Kontrast zwischen dem unermeßlichen Angebot, das uns allen [gemacht ist] - ob wir es nun bemerken oder halb bemerken, ob wir es |153 annehmen oder verwerfen, ob wir als Christen ja dazu sagen oder als Nichtchristen nein oder ihm gegenüber gleichgültig [sind] usf. - [zwischen dem] ungeheuren …, ja, «Angebot» ist ein zu schwaches Wort, [vielmehr] dieser Wirklichkeit des Heils und des Lebens, das [uns erworben] ist, und - wie wenig haben wir davon Gebrauch gemacht, haben das zu Ehren gebracht! wie beschämend gering ist unsere Dankbarkeit gewesen - es geht um Dankbarkeit (Sie haben den Begriff eingeführt) -, und wie undankbar ist die ganze Menschheit mit Einschluß der Christenheit! Und es ist immer am gesündesten, man denkt da in erster Linie an sich selber und ermißt dann von da aus, was es bedeuten möchte, wenn dieser ganzen undankbaren Menschheit und Christenheit nun Gottes Erbarmen zugewendet ist und wenn das dann sichtbar werden wird: das große Trotzdem Gottes. Denn das wird das Gericht sein: das Trotzdem Gottes, des gnädigen Gottes. Da sind wir mit unserem Ozean von Undankbarkeit. Und Gott wird und will sagen: Dich habe ich geliebt! Und dann haben wir uns alle zu schämen, ja wirklich zu schämen. Und das wird dann wirklich eine ewige Strafe sein, daß wir uns so schämen müssen - aber bitte, schämen angesichts des Überreichtums der Gnade Gottes: daß wir als die Verlorenen gerettet sein werden. «Als die Verlorenen» - das bedeutet das Gericht und die Beschämung; und «gerettet» - das bedeutet, daß uns dann wohl erst samt und sonders, uns und den Atheisten und allen, die Augen aufgehen werden, wieviel Anlaß wir haben, dankbar zu sein, und daß wir es dann vielleicht auch werden.
Ich stelle mir halt das ganze Eschaton, wenn ich das so sagen darf, als eine umfassende Offenbarung vor - eine Offenbarung dessen, was gewesen ist, also unseres jetzigen Lebens, dieses irdischen Wesens, dieser Weltgeschichte und Kirchengeschichte mit ihrer ganzen Glorie und mit ihrer ganzen Schande: daß das offenbar werden wird, aber offenbar vor dem Richterstuhl Christi [
Wird dann diese Offenbarung so sein wie fast nach einem Film, wo der Vorhang dann zugeht, nachdem wir es jetzt alle wissen, oder dürfen wir da noch auf Weiteres hoffen?
Nein, nein, der Vorhang geht nicht zu. Sondern dann geht er ja eben erst auf, nicht wahr. Dann geht er auf. Mit der Zeit kann man |154 ja dann nicht mehr rechnen, das wird das sein, was die mittelalterliche Theologie die «visio Dei» genannt hat52: die Anschauung Gottes in seiner Gottheit - aber in seiner wahren Gottheit, die seine wahre Menschheit in sich schließt, das Erbarmen Gottes. Und das anschauen von Ewigkeit zu Ewigkeit, damit werden wir gar nicht fertig werden, gar nicht fertig. Nicht einmal mit [der Erkenntnis seines Erbarmens über] unserem eigenen Leben. Aber es wird ja noch viel mehr sein. Denn wir werden dann Gott schauen, wie es heißt, «von Angesicht zu Angesicht» [
Wir haben uns genau das - wenn ich Ihnen eben ins Wort fallen darf - sehr anschaulich vor Augen geführt an den Katzen, von denen es nicht weniger als drei in [der Jugendherberge]
So?
Ich habe sie dann eingeführt zur Veranschaulichung dieser Eschatologie.
Sehen Sie, sehen Sie! - das [ist] die «seufzende Kreatur» von
Ich glaube, jetzt Ihre Gesamtschau ziemlich zu verstehen. Nur gibt es einige Stellen im Neuen Testament, die ich mir dann nicht mehr richtig erklären kann, wenn ich z. B. denke an
Ja, das ist das, was wir fortwährend machen. [Wir] sind zugleich die, die Perlen vor die Säue werfen, und sind auch die Säue, die sie zertreten. Zum Evangelium gehört dieser strenge Ton. Und
Sie haben vorhin gesagt: Ich soll «siebenmal siebzigmal» meinem Nächsten die Gnade Gottes, die Versöhnung verkündigen und ihm erzählen [vgl.
Wenn Sie Pfarrer werden, müssen Sie es viel mehr als «siebzigmal sieben» sagen …
Aber wie steht es dann mit dieser Mahnung, [nicht] Perlen vor die Säue zu werfen? Ist das einfach etwas, [worüber] ich [kein] Urteil [zu fällen] habe, [sondern] höchstens in meinem Bitten um Bewahrung davor [reden] kann? Oder wie verstehen Sie das?
Wissen Sie, das ist ja nun eine schwierige Frage, wie das eigentlich mit diesen Perlen und diesen Säuen gemeint ist. Ich neige stark dazu, in diesen Perlen ein positives Christentum53 zu sehen, wo alles in Ordnung ist: gute Christologie und Heilslehre und «Gesetz und Evangelium» und «Wort und Sakrament» - das alles ist da. Und der Herr Pfarrer steigt auf die Kanzel und trägt jetzt diesen Block von christlicher Wahrheit vor, wirft [ihn] den Leuten an den Kopf oder vielmehr vor die Füße. Und das sind sie ja gewohnt, daß in der Kirche von diesen Dingen die Rede ist. Und sie haben es gern in etwas massiver, deutlicher Form. Es könnte aber auch in liberalen Abwandlungen geschehen. (In der Schweiz haben wir doch unsere Reformer gehabt54, die es dann auch freundlicher zu sagen wußten.) Aber wie dem auch sei, wo aus dem Evangelium so ein Fraß für eine handliche Frömmigkeit eines populären oder gebildeten Publikums [gemacht wird], ein richtiger Fraß,[den] sie am Sonntag [haben wollen]: Man möchte doch etwas Höheres empfangen, nicht wahr, und hat es dann gern, und jetzt singt man, und jetzt wird gebetet, und der Herr Pfarrer predigt und so … - das heißt: «Perlen vor die Säue werfen»! Und dann soll man zusehen, daß sie nicht «sich wenden und euch zerreißen» [
Darf ich Ihnen noch eine letzte Frage vorlegen oder vielleicht eine Formulierung zur Korrektur vorlegen? Sie haben in der Vorlesung über den «Glauben» geschrieben56: Wenn jemand sich gestatte, gewisse Dogmen der Kirche, z. B. die Jungfrauengeburt, nicht voll zu akzeptieren oder sie einfach in Frage zu stellen, daß er sich dann sehr genau überlegen muß, ob er da wirklich noch vom Gott des Evangeliums spricht. Und zweifelsohne haben Sie sich diese Frage auch überlegt, die Sie da anderen stellen. Jetzt, von dem her, was Sie heute gesagt haben, würde ich vielleicht eine Antwort so formulieren, daß Sie diese Gerichtsperikopen, die im Neuen Testament vorkommen und die die Kirche so verstanden hat, daß sie an eine Hölle und ein Jüngstes Gericht geglaubt hat - …, daß Sie die in ihrer Zeit verstehen würden: daß das einfach die damaligen Vorstellungen sind, in denen Jesus zwar auch gesprochen hat, daß sie darum aber für uns nicht absolut zu nehmen seien?
Achtung, man kann ja wieder Form und Inhalt nicht in dieser Weise scheiden. Das will ich nicht. Ich möchte den armen Mann im Schoße
Im Alten Testament gibt es ja nicht nur eine Menge Berichte über geschehene Gerichte Jahwes über Israel, sondern auch eine Menge Gerichtsankündigungen. Und meine Frage ist nun die, inwieweit angesichts der neutestamentlichen Botschaft diese Gerichtsankündigungen oder auch Gerichtstaten Jahwes, die Berichte über den rächenden und harten Jahwe heute in der Verkündigung auch noch wirksam gemacht werden können.
Sie können sie nicht wirksam machen. Aber sie sind ja faktisch wirksam. Werden uns nicht, fast von Woche zu Woche, die Gerichte Gottes sozusagen vor Augen gestellt und unter die Nase gerieben? - [so daß] man plötzlich sehen muß: So, so geht es! Im Glauben wird man da nun nicht ein Gericht über diese und jene, sondern wird man das reinigende Gericht Gottes über sein Volk darin erkennen und das dann nicht abschwächen.
Nur ein Beispiel! Sie sind ein Schweizer Ihrer Sprache nach. Ja, sehen Sie, was wir nur in diesem einen Jahr in der
Das sind Gerichte. Ich will jetzt nicht von Gerichten über andere Völker reden. Man tut da immer am besten, sich bei der eigenen Nase zu nehmen. Aber da ist man nahe beim Alten Testament, verstehen Sie, wenn man da so in die Gegenwart blickt. Und dann ist es nicht an dem, daß wir erst den alttestamentlichen Gerichtsverheißungen sozusagen ein Gewicht «beilegen» müssen, sondern die haben ein Gewicht. Diese Gerichtsankündigungen gelten und wirken sich aus, bis in unsere Tage hinein. Und plötzlich stehen wir Menschen in unserer ganzen Herrlichkeit rätselhaft betroffen vor so einem Ereignis, wie wir das jetzt wieder da in
Aber Herr Vorsitzender, Herr Lehrer dieser Gemeinde, ich glaube, es ist genug für heute.
Ich glaube auch. Wir sitzen jetzt geschlagene zwei Stunden oder vielleicht schon etwas länger dabei. Es ist zwar, an unseren Grindelwalder Dimensionen gemessen, noch nichts geradezu Außergewöhnliches. Aber es ist zweifellos genug für heute. Im Augenblick liegt mir [noch eines] am Herzen. Und ich meine, das in unser aller Namen sagen zu sollen und zu müssen: nämlich einen ganz besonders herzlichen Dank. Es ist gar kein Zweifel, daß dieser Nachmittag nicht nur ein, sondern der Höhepunkt unserer ganzen Veranstaltung gewesen ist, obwohl wir inzwischen um viele, viele Meter wieder zu Tal gefahren sind. Wir haben eine Woche [lang] nun schlecht und recht dieses Buch zu verstehen versucht. Wir sind nicht einmal bis zum Ende vorgestoßen, sondern ausgerechnet beim Zweifel62 stecken geblieben, weil da die Zeit abgelaufen war. Hätten wir beispielsweise einen Text von
Unzusammengezählt, gelt, unzusammengezählt!
Unzusammengezählt, sicher. Diese Gelegenheit hatten wir, diese einzigartige Gelegenheit. Es kommt ein zweites hinzu, nämlich daß wir auch hinsichtlich unseres leiblichen Wohles heute Nachmittag auch noch Gäste des Verfassers waren und Gäste unseres Lehrers. Also, wir danken herzlich. Es ist gar kein Zweifel, daß dies für uns alle ein denkwürdiger Tag bleiben wird. Ich nehme an, viele |161 von uns werden sich jahrelang oder länger daran zurückerinnern. Nun, daß dieses Gedenken beiderseitig sein möchte, das können wir in keiner Weise erwarten. Aber damit wenigstens eine kurzlebige Erinnerung auch bei Ihnen bleibt, möchten wir ein kleines Zeichen unseres Dankes hier vor Ihnen aufbauen. Die Kurzlebigkeit der Erinnerung hängt mit dem Charakter der Sache zusammen …
Nun, jetzt kommt das Danken an mich. Erstens [dafür], daß Sie überhaupt hierher gekommen sind und daß Sie mir jetzt so lange zugehört haben. Und jetzt das: das sieht so ein bißchen nach Alkohol aus … Ja, [und nun] bleibt mir nur [noch] übrig, Ihnen auch gute Heimkehr in Ihr Land zu wünschen und eine glückliche Vollendung Ihres theologischen Studiums, welche Vollendung aber erst auf das Ende Ihrer irdischen Tage überhaupt zu erwarten ist.