12. Oktober 1963

Gespräch mit Göttinger Studenten

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GESPRÄCH MIT GÖTTINGER STUDENTEN

Das Gespräch fand am 12.10.1963 nachmittags im Restaurant ­Bruderholz in Basel statt. Die Gesprächspartner Barths waren zwanzig Theologiestudenten, angeführt von dem damaligen Göttinger ­Repetenten Hinrich Stoevesandt, unter dessen Leitung sie soeben ein ­einwöchiges Ferienseminar in der Jugendherberge Grindelwald (Kanton Bern) über Barths «Einführung in die evangelische Theologie», Zürich 1962 📖, mitgemacht hatten. Die meisten von ihnen hatten zudem im vorangegangenen Sommersemester an der Universität Göttingen eine Übung Stoevesandts über Barths «Kirchliche Dogmatik» 📖 besucht. Den Abschluß jenes Seminars bildete dieses vorliegende Gespräch, das sich vorwiegend an Fragen zum erstgenannten Buch anschloß. Der hier abgedruckte Text hat eine Tonbandaufnahme zur Vorlage.

Barth ließ die Anwesenden bei der Gelegenheit mit Kaffee und Kuchen bewirten, was auf dem Tonband an einigen, im Text ausgelassenen Stellen dadurch hörbar wird, daß er seine Gäste zum Zugreifen ermuntert («Trinken Sie tapfer von diesem Kaffee! Man kann nicht genug Kaffee trinken, wenn man noch jung ist!»). Die im Text auch nicht wiedergegebene, weil unvollständig konservierte Einleitung des Gesprächs befaßte sich u. a. mit dem Thema des Rauchens, das den Studenten in jener Jugendherberge untersagt war. Barth bemerkte dazu: Zu seiner Freude sei es ja nunmehr sogar während des Zweiten Vatikanischen Konzils erlaubt, «in der Peterskirche zu rauchen - das war gestern im Evangelischen Pressedienst allen Ernstes mitgeteilt1 -, allerdings mit einer ernsten und sehr richtigen Einschränkung: die Konzilsväter dürfen nur Pfeife rauchen, während Zigarren und Zigaretten wegen der mit ihrem Rauchen verbundenen Feuergefahr nach wie vor untersagt sind. Es muß ein wunderbar malerischer |122 Anblick sein, diese zweitausend Bischöfe mit ihren weißen Mützen vor sich zu sehen, wenn sie alle nun auch noch mit einer Pfeife versehen sind. Hoffentlich ist der Tabak nicht zu schlecht, den sie rauchen! Aber wie ich das gelesen habe, habe ich mir gedacht: ‹Jetzt muß das Konzil gelingen!› Also, da ist die römisch-katholische Kirche sehr viel weiter als diese traurige Jugendherberge. […] Übrigens, was dieses nebensächliche und doch gar nicht nebensächliche Thema des Rauchens betrifft - es kann Sie auch interessieren: Ich hatte neulich den Besuch eines sehr ernsthaften und guten Mannes aus Frankreich, eines Heilsarmeeobersten aus Nîmes2, mit dem ich eine ausgezeichnete theologische Unterhaltung hatte. Es wird Ihnen bekannt sein, die Heilsarmee wie die Methodisten rauchen nicht. Nun kommt er in mein Studierzimmer, und [ich] habe meine Pfeife angezündet. [Dann] haben wir darüber gesprochen, wie das mit dem Rauchen sei. [Da] habe ich ihm gesagt, nach meiner Lehre sei zu sagen: ‹Le péché ne commence qu’avec la cigarette.› Also, ich habe die Zigarre noch freundlich einbezogen, aber mit der Zigarette sei ich gar nicht einverstanden. Hingegen Pfeife könne man gar nicht genug rauchen …» - Von den am Gespräch beteiligten Studierenden ließen sich folgende Namen rekonstruieren: Friedrich Eras, Traugott Giesen, Walter Klein, Rolf Schum, Horst Wandel, Heinz-Gerhard Weis, Helga Woitke.

Gespräch mit Göttinger Studenten

1. Das Problem eines «Kanons im Kanon»
Eras:

Wir haben uns gefragt, wie wir am besten anfangen könnten. Unter den Fragen, die uns in der Woche wesentlich genug schienen, wenigstens einigermaßen wesentlich genug, daß wir sie hier jetzt stellen könnten, war eigentlich keine, die das Ganze des Buches als solches betrifft. Sondern es sind alles Fragen, die zu irgendwelchen einzelnen oder mehreren Kapiteln gehören. Daher müssen wir gleich mit solchen Fragen einsetzen. In unseren Gesprächen dort in Grindelwald ist es immer wieder deutlich geworden, welche zentrale Stellung in dem Buch, aber auch in Ihrer ganzen Theologie das Wort |123 Gottes hat. Und nun haben wir gemeint, wir sollten gleich medias in res [gehen] mit Fragen, die sich um diesen Themenkreis gruppieren. Und da soll es jetzt methodisch so sein, daß jeder die Frage, die ihm besonders am Herzen lag, Ihnen selbst vorlegt. Vielleicht wäre es, meine wenigstens ich, am günstigsten, wenn wir gleich bei dem Problem der «Primärzeugen» des Kanons3 einsetzen würden.

Giesen:

Herr Professor Barth, Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen Zeugen und Gemeinden, geben aber beiden das Prädikat: sie seien «Zeugen», differenzieren aber die einen als «Primärzeugen», die anderen als «Sekundärzeugen». Halten Sie es für möglich, die Primärzeugen noch untereinander zu differenzieren? Denn es ist m. E. empfehlenswert zu überprüfen, wieweit im Neuen Testament selber die Abhängigkeit der einzelnen Schriftsteller - das Wort ist sicher falsch -, der einzelnen Zeugen [von dem Bezeugten] so unterschiedlich ist, daß man auch unter den Primärzeugen zwischen Primär- und Sekundärzeugen unterscheiden kann. Frage an Sie, Herr Professor: [ob wir] da exegetisch vorgehen dürfen.

Barth:

Wie vorgehen?

Giesen:

… indem wir versuchen, das nichtreduzierbare Material als das primärste Zeugnis auszugeben, das dann übernommen worden ist, oder aber, wie auch Sie es tun, das, «was Christum treibet»4, herauszukristallisieren oder das zu betonen?

Barth:

Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie jetzt - also in der Sprache jetzt meiner Gedankenwelt und Theologie - das Problem «Käsemann» aufgeworfen.5 Bei ihm ist ja das am stärksten so hervor|124gehoben, natürlich [tun das] auch andere. Aber ich verstehe Sie recht, wenn diese Sache, die da mit dem Namen Käsemann zu bezeichnen ist, im Hintergrund Ihrer Frage steht? Ich will es beantworten in der Sprache, in der Sie mich angeredet, mich gefragt haben. Da bin ich ja froh. Man kann sich [so] vielleicht besser verständigen.

Dann würde ich dies sagen: Gewiß werden sich auch zwischen den Primärzeugen immer wieder Unterschiede ergeben: Unterschiede des Tones, des Akzentes, der Sprache, des Ausdrucks, der Beziehung zu ihrer Umwelt usf. Und das müßte ein merkwürdiger Bibelleser sein, der dem Neuen Testament einfach gegenüberstehen würde wie einem monolithischen Block, wo es überall nur so donnert von Offenbarung, [immer] in gleicher Weise, hundertprozentig! Sondern das geht uns allen so - mir auch, wahrhaftig! -, daß man hier anders, (ich will mal ohne Wertung sagen:) einfach anders angesprochen ist als dort.

Ferner, es wird sich wohl für jeden Leser des Neuen Testamentes ergeben, daß er irgendwo in diesem corpus testimonii ein Zentrum - ich sage vorsichtig: ein Zentrum, sagen wir einmal: sein Zentrum - finden wird, von dem aus ihm dann das Übrige als Umgebung, als Umkreis erscheint. Und mehr oder weniger unwillkürlich und mehr oder weniger konsequent ordnet er sein Verständnis des im Neuen Testament in dieser ursprünglichen, in dieser primären Form bezeugten Wortes Gottes zusammen von dieser Mitte aus. Das machen wir alle. Und das ist auch in der Ordnung so. Das ist in den verschiedenen Zeiten der Kirche und auch örtlich in den verschiedenen Bereichen der Kirche immer so geübt worden. Und das wird für jeden einzelnen Christen, für jeden einzelnen Theologen, dann auch wieder für jeden einzelnen Christen und Theologen in seinen verschiedenen Lebensstadien immer der Vorgang sein: Es tritt irgendwo etwas stark hervor, anderes daneben relativ zurück, und es entsteht dann diese gewisse Zentrierung des Verständnisses auch der Exegese. Die Exegese folgt dann dieser Ordnung, die man da wahrzunehmen meint. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern ich würde sagen: das muß so |125 sein. Alles andere Lesen im Neuen Testament, eben wo es so um ein monolithisches Monument gehen würde, wäre ein totes Lesen eines toten Buchstabens. Das war der große Irrtum der sogenannten Orthodoxie - ich meine jetzt: der protestantischen Orthodoxie des 16. und 17. Jahrhunderts. Und da ist es eine gute Sache gewesen, daß man vom 18. Jahrhundert an durch die historische Betrachtung des Neuen Testamentes auch sozusagen theoretisch auf die Notwendigkeit dieses Vorgehens aufmerksam gemacht worden ist, nachdem man schon lange vorher praktisch diese Methode geübt hat. Keiner stärker als Martinus Luther! Calvin in seiner Weise auch, und wer nicht? Soweit, so gut.

Mißlich beginnt die Sache erst dann zu werden, wenn man nun meint: «Ich hab’s!» und nun das, diese gestufte Sicht - auf das kommt es Ihnen ja an, nicht wahr? -, diese gestufte Sicht als solche kanonisiert und irgendwie meint festlegen zu können: Das sagt das Neue Testament, nämlich das, was sich so und so um diese und diese Mitte gliedert! Das ist dieser gefährliche Weg. Er ist auch immer wieder beschritten worden. [Es ist] derselbe Weg in seiner Gefährlichkeit, wo nun die lebendige Exegese dogmatistisch erstarrt in der Auswahl, auf die sich der Exeget und Theologe und Christ festlegt, statt daß er ruhig weiterliest - sei es denn in den Grenzen seiner besonderen Anschauung, aber seiner besonderen Anschauung gegenüber auch wieder frei, [sich] weiterführen zu lassen. Und nicht zum Beispiel (aber das ist nur ein Beispiel) polternd daher zu kommen und zu sagen: «Das Evangelium steht im Galaterbrief! Was sich nicht ohne weiteres auf den Nenner des Galaterbriefes bringen läßt, das ist mindestens sekundär im Sekundären»6 - wenn es nicht geradezu ausgeschaltet wird. Man kann ja dann noch weitergehen und sagen: ganz weg damit! Der Luther war manchmal nahe daran. Und dann kommt z. B. der schöne Brief des Jakobus unter die Räder. Ich brauche Ihnen nun die Äquivalente [zu dem], was Luther mit der «strohernen Epistel» gesagt |126 hat7, in der modernen wissenschaftlich-theologischen Sprache nicht zu nennen, was dann da kommt mit «Frühkatholizismus» und was alles8: So, jetzt meint man, über den Jakobusbrief Bescheid zu wissen und liest ihn nicht mehr ernsthaft; er ist ja [nur] in zweiter Linie [wichtig], bekanntlich gilt die erste! Und dann beginnt man womöglich, die Gemeinde in diesem Sinn zu informieren. Es könnte ja auch andere Möglichkeiten geben. Als ich Theologiestudent war, waren die Synoptiker in hohem Kurs9 - noch nicht in dem fahlen Lichte des Eschatologismus von Albert Schweitzer10. Damit bin ich noch nicht aufgewachsen. (Das wurde auch gelegentlich erwähnt, aber es war [damit] noch nicht so «schlimm».) Auch die Religionsgeschichte war |127 noch nicht so in ihrer Fülle hereingebrochen. Sondern in den Synoptikern - sehr im Gegensatz zum Johannesevangelium notabene (das Evangelium des Johannes rückte dann in jene sekundär-sekundäre Linie!) -, … aber bei [?] den Synoptikern meinte man das «einfache Evangelium Jesu» entdeckt zu haben. Ein Mann wie Professor Paul Wernle hier in Basel - ich habe ihn zwar nicht persönlich gehört, aber er hat damals in der Schweiz eine große Rolle gespielt, der hat immer wieder von diesem «einfachen Evangelium Jesu» gemeint reden zu können11, etwa auf der Linie, wie es Adolf von Harnack in seinem «Wesen des Christentums» 📖 getan hat12. Da bleibt dann so etwas übrig als Evangelium, vermeintlich den Synoptikern entnommen, von Gott dem Vater und von dem Nächsten und von dem unendlichen Wert der Menschenseele usf. - wobei ja dann unter der Hand doch schon auch innerhalb der Synoptiker wieder eine Auswahl getroffen wurde, vom Johannesevangelium nicht zu reden!

Sehen Sie, das alles sind also sozusagen die Gefahren eines an sich nicht nur erlaubten, sondern gebotenen Verfahrens, wie ich es vorhin zu skizzieren versucht habe und was Sie offenbar [an]visiert haben in bezug auf diese Unterscheidung von Primärem und Sekundärem innerhalb des Sekundären, des Zeugnisbereiches. Und jetzt würde ich denken: wenn man das einmal begriffen hat - das Recht des Verfahrens und dann aber auch die gebotene Vorsicht in seiner Anwendung, dann kann es eigentlich nicht fehlen. Man darf wohl ein bißchen Eklektiker sein, aber bitte: ein offener Eklektiker und nicht ein dogmatischer.

Giesen:

Herr Professor, wieweit ist Ihnen die zeitliche Nähe zur Offenbarung oder die möglichst nahe Konfrontation [mit dem] Auferstehungsgeschehen Kriterium für den Wert der Aussagen der einzelnen Zeugen?

128 Stoevesandt:

Darf ich vielleicht rasch dazu noch ergänzen: Wir kommen auf diese Frage überhaupt durch die Beobachtung, die uns ein wenig erstaunte oder wenigstens viele von uns erstaunte, daß der Begriff des «Zeugen» in offenkundiger Anlehnung an Act. 1[,22] - dort in dem Kapitel über die Zeugen - zunächst bestimmt wird als Zeugen der Auferstehung, und zwar ausdrücklich als Augen- und Ohrenzeugen.13

Barth:

Ich bin froh, daß dieser Ausdruck «Zeugen der Auferstehung» nicht meine Erfindung ist. Es ist allerdings der arme Lukas, der es so gemacht hat. Nun ist das cum grano salis zu verstehen. Wenn es dort heißt: Zeugen der ănástasiw [Auferstehung], so ist natürlich gemeint: Zeugen des als der Lebendige den Tod hinter sich lassenden Herrn. Von der Begegnung mit Ihm - nicht mit dem Ereignis der Auferstehung als solcher (das kommt dann auch noch, kann auch noch seine Bedeutung haben; aber es geht ja nicht um die Auferstehung, sondern um den Auferstandenen, den lebendigen Herrn!) -, von dieser Begegnung kommen die Zeugen des Neuen Testaments her, oder, wir wollen mal sagen: als diese sind sie von der Kirche des 2. Jahrhunderts anerkannt worden. Das ist der Begriff des «Apostolischen»: daß sie dieser Begegnung teilhaftig wurden.

«Augen- und Ohren-Zeugen» - ja, ja, es geht schon um das. Das kann man sich wohl nicht abmarkten lassen, wobei dann zu überlegen wäre: Was heißt Augen- und Ohrenzeugen in diesem Fall? Ich erinnere mich jetzt an die Stelle nicht, [aber] ich bin jetzt eigentlich froh, daß ich es ausdrücklich gesagt habe: Augen- und Ohrenzeugen - damit da ja keine Möglichkeit zum Entrinnen eintritt, daß es vielleicht bloß eine ideale Erkenntnis Jesu Christi oder irgend so etwas wäre. Ja nein, es geht um die Begegnung [mit dem], der sichtbar und hörbar als wahrer Gott und wahrer Mensch in die menschliche Geschichte eingetreten ist. Und diese ersten Zeugen sind [ihm begegnet] - so oder so: das ist dann eine Frage weiterer Überlegung, die aber nun nicht pragmatisch aufgedröselt werden kann: ja, inwiefern gilt jetzt das vom Verfasser des Judasbriefs usf.? Da kommt dann sofort so eine historistische Kinderei herein, wenn man die Frage so stellt. Also, wir wollen mal sagen, nach dem Urteil der Kirche des 2. und 3. Jahrhunderts |129 waren diese Leute (einschließlich des Verfassers des Judasbriefs, den ich auch nicht so gern habe) in diesem Sinn «Zeugen der Auferstehung» - ja, aber eben, gemeint ist: des Auferstandenen -, also Zeugen in einem Sinn, wie es dann allerdings grundsätzlich die spätere Kirche, sagen wir: die Kirche des 2. Jahrhunderts so nicht mehr sein konnte. Sondern die wird dann so angeredet, wie etwa im 1. Petrusbrief die Leute angeredet werden, wo es dann heißt: «Dem ihr glaubet, den ihr liebet, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt» [vgl. 1.Petr. 1,8]. Und die, die so dran sind, das ist die spätere Kirche, und da kommen wir dann auf die Szene.

Es haben mir nicht viele Leute abgenommen, aber ich habe auch die Thomasperikope am Ende des Johannesevangeliums immer so ausgelegt14, daß das «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben» [Joh. 20,29] nicht ein Tadel des Thomas ist; sondern der Thomas hat ganz recht, daß er da zugreifen will. Das ist nicht eine Schwachgläubigkeit. Aber nun wird über den Thomas hinaus geblickt auf die Kirche, die nicht so dran ist wie Thomas, die nicht mehr zu diesem Betasten in der Lage ist - 1.Johannes 1,1: da kommt ja das Betasten auch noch zum Sehen und zum Hören hinzu. Die erste Generation - das sind die, die [aber noch eben] so mit Christus zu tun hatten. Ist Ihnen das zu herb oder zu … ? Ich möchte jetzt nur nichts abschwächen.

Giesen:

Herr Professor, dann sind Sie also nicht bereit zuzugestehen: die Deuteropaulinen sind Zeugen, die eben nicht sehen, sondern nur glauben? Sie haben nicht gesehen, aber glauben doch - vielleicht durch die intensive Vermittlung des Paulus?

Barth:

Ich weiß nicht, wie man dazu kommt, das zu behaupten. Das ist ja ganz nett. Das kann man sich mal so zurechtlegen, wenn man durchaus will. Aber ich finde ja die Tatsache [interessant], daß auch diese sogenannten Deuteropaulinen eben «Paulinen» sind und sein wollen und daß sie mit ihrer ganzen, mir auch nicht immer angenehmen Ekklesiastik nun in dieser Reihe stehen. Und ich [bin dadurch] aufgefordert, früher oder später auch die ernst zu nehmen [und] auch diese Pastoralbriefe jetzt nicht so auf die Seite zu schieben. Jetzt nicht gleich sagen: «Frühkatholizismus! 2. Jahrhundert!» Sondern wenn ich es jetzt noch nicht fasse - und ich fasse es weithin noch |130 jetzt nicht, kann ich Ihnen sagen, als alter Herr -, so warte ich darauf, daß ich es vielleicht doch noch einmal fasse. Und ich würde jedenfalls niemals hingehen und der Gemeinde die Deuteropaulinen madig machen durch [solche] Diskreditierung - dadurch, daß gesagt wird: die sind [nur Schriften] zweiten Grades. Warten Sie’s doch ab! Es könnte doch sein, daß wieder eine Zeit auch der Kirche kommt, wo es sehr nötig ist, daß wir diese Deuteropaulinen wieder lesen. Es stehen in diesen Deuteropaulinen äußerst bemerkenswerte Sachen: im Epheserbrief, vom Kolosserbrief nicht zu reden, und dann aber auch [in den] Pastoralbriefen.

Bei den Diskussionen, die da in Tübingen geführt wurden15, waren ja doch Käsemann und Diem dem Hans Küng gegenüber in einer etwas peinlichen Lage. Der Küng hat ihnen gesagt: «So, ihr habt doch bis jetzt immer gesagt: die Schrift! die Schrift! Und jetzt kommt ihr und sagt: ja, die Schrift, aber wir meinen natürlich die paulinischen Hauptbriefe und einiges bei den Synoptikern und Johannes vielleicht auch, in bestimmter Deutung. Und dann aber kommt dieser ‹Frühkatholizismus› usf.» Und dann hat der Küng sich das angehört und gesagt: «So seht ihr das an? Nun ja, es ist ja schön von euch, daß ihr wenigstens das anerkennt. Es könnte ja sein, daß ihr nach einiger Zeit auch nachkommt und vielleicht das [andere] auch noch begreift. Jedenfalls aber haben eure Reformatoren es nicht so gemeint, wie ihr es jetzt da sagt. Und mit welchem Recht tretet ihr uns nun eigentlich gegenüber? Sind wir nicht viel mehr auf dem Boden des Schriftprinzips, als ihr es seid, wenn wir nun, ohne uns den kritischen Fragen zu verschließen - das braucht man ja nicht, die kann man sich ja stellen und stellen lassen -, … wenn wir es aber ablehnen, [ich könnte jetzt |131 diesen Begriff einführen:] einen ‹Kanon im Kanon› zu erschließen?» - Ja, ist es wohl genug darüber?

Frage:

Dürfen wir vielleicht annehmen, daß der Kreis derer, die wir Primärzeugen nennen wollen, weniger bestimmt wird durch [ihr] für uns nachprüfbares, so weit wie möglich nachprüfbares Verhältnis zu dem, was wir als greifbare Größe, nämlich als Wort Gottes bezeichnen, sondern vielmehr einfach durch die Entscheidung der Kirche, hinter die wir nicht zurückkönnen und auch nicht -wollen?

Barth:

Vorsichtig! Der erste, negative, abgrenzende Satz war gut. Hingegen würde ich niemals sagen: die Entscheidung der Kirche! Da wären wir bei Küng, das wäre dann katholisch. Sondern ich würde so sagen: die Kirche mit ihrer Entscheidung über den Kanon lädt uns ein, in diesen Schriften - in diesen und nicht in anderen, aber in diesen allen - das primäre Zeugnis vom Auferstandenen zu hören. Die Kirche kann uns ja dieses Zeugnis nicht vermitteln. Sie kann nur sagen: «Hier haben wir es gehört. Lest! Hört zu, ob ihr hier dieses Zeugnis nicht auch hört!» Der entscheidende Akt ist nicht unser Anschluß an die Kirche als solcher, sondern der entscheidende Akt ist, daß wir, in der Gemeinschaft der Kirche und also allerdings unter Beachtung der Kanonsbildung von damals, offen an dieses Schrifttum herantreten und sehen, was dann passiert, und [dabei ja] nicht Türen und Fenster schließen. Um das geht es: [nicht] Türen und Fenster schließen, daß vielleicht für uns oder für andere zu dieser oder zu jener Zeit der Wind - «der weht, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl und weißt nicht, von wannen er kommt noch wohin er fährt» [Joh. 3,8] -, daß dieser Wind durch diese Türen und Fenster da hineingehen könnte. Lassen wir es darauf ankommen! Und wir sind dann in dem Maß im rechten Verhältnis zu diesen Zeugen zweiten Grades, als - ja, jetzt kommt dieser Begriff - das testimonium Spiritus sancti16 für uns das wahr macht, was uns die Kirche mit ihrem Urteil anbietet als die Wahrheit des Evangeliums. Ist die Antwort so deutlich? Oder […] noch nicht ganz? Sagen Sie es nur, was Ihnen Schwierigkeit macht!

132 Giesen:

Ich verstehe klar, daß Sie einen bestimmten Kreis eingrenzen. Aber ich verstehe nicht genau das Kriterium, mit dem Sie versuchen, eine Grenze zu ziehen. Sie sagen einesteils: die Augenzeugen sind keineswegs Zeugen in dem Sinne, daß sie Anteil gehabt hätten an dem historischen Geschehen …

Barth:

… auch! auch!

Frage:

… ich meine: es ist nicht darauf eingegrenzt, sondern es geht um die Begegnung mit dem lebendigen Herrn. [Aber] der konnte den Menschen begegnen nicht nur zur Zeit, da er auf Erden lebte. Und das heißt also, es kann durchaus jemand Primärzeuge sein, der hundert Jahre später gelebt hat. Nämlich, wir müssen doch annehmen, daß dann der lebendige Herr noch begegnen kann.

Barth:

Diese Annahme ist höchst interessant und hat sich in der Geschichte der Kirche als höchst fruchtbar erwiesen - [indem] dann nämlich immer wieder gesagt wurde: «Ha, warum soll jetzt die Sache auf die zwei Deckel dieses Buches beschränkt sein?» […] Bei Gott sind alle Dinge möglich [Mt. 19,26]. Aber man sehe zu, daß man nicht auf Grund dieser Wahrheit ein Schwärmer werde, der dann sagt: «Ach was, Petrus und Paulus! Ich bin auch ein kleiner Petrus, auch ein kleiner Paulus, ich kann das auch usf.!» Ja, ich meine, man muß jetzt da [bei der Eingrenzung der Primärzeugen zwar] nicht mit Zahlen arbeiten: 100 Jahre, und was weiß ich! Ich würde [aber allerdings] sagen: Da und jetzt nicht anderswo haben wir es sowohl mit der Quelle wie mit der Norm unserer Erkenntnis der evangelischen Wahrheit zu tun - da und nicht anderswo!

Frage:

[…] Ist das einfach eine Entscheidung, die man niemandem demonstrieren kann, sondern die man nur - sagen wir - in der Erkenntnis des Heiligen Geistes, also dann, wenn wir in der Sache völlig drin stehen, selbst als richtig einsehen kann, [die] also nicht irgendwie faktisch durch eine Beziehung zu einer gewissen Größe oder irgend etwas anderes bestimmbar ist, sondern einfach nur von innen her sichtbar [wird]?

Barth:

Das «von innen» deucht mich nicht lustig. Aber es ist schon recht. Also zu demonstrieren gibt es da gar «nix» - das ist klar. «Demonstrieren» - ja, wenn der Begriff einen Sinn haben sollte, so könnte [damit doch] nur gesagt werden: Die Kirche mit ihrem Urteil über den Kanon demonstriert uns ihr erstes Verhältnis zu diesem |133 Schrifttum. Das ist auch eine «Demonstration», aber natürlich nicht ein Beweis. Denn die Kirche kann ja das nicht beweisen, aber - ich brauche gern diesen Ausdruck - sie kann [einladen]. Und das ist es, was sie m. E. in ihrer ganzen Missionstätigkeit, Evangelisation, Predigt getan hat - es ist eine Einladung: Kommt und hört! Und nun hat die Kirche diese Einladung ergehen zu lassen, nicht eine andere.

Frage:

Ja, das ist richtig. Ich fragte nur nach dem Woher dieser Entscheidung …

Barth:

… dieser Entscheidung? Also gelt, die entscheidende Entscheidung, wir wollen mal so sagen, die fällt damit, daß dasjenige geschieht, auf was die Kirche hinweist, von dem die Kirche sagt: Es hat eine Verheißung, wenn ihr jetzt mal auf Petrus und Paulus und Jakobus hört. Nur die Erfüllung dieser Verheißung ist das Kriterium, die Erfüllung! Aber das bedeutet doch nicht, daß es nicht auch eine Verheißung gibt, und daß die Kirche nicht Trägerin dieser Verheißung zu sein hat. Und ja nicht [tunlich ist es], etwa sich nun so wählerisch, so auswählerisch zu gebärden und [so] zu tun, wie wenn [man] es besser wüßte, und dann das zu machen - ich glaube, das steht irgendwo in dem Buch17 -, daß man den Aposteln über die Schultern zu sehen und auf die Schulter zu klopfen beginnt! - Ja, ist es relativ deutlich?

Stoevesandt:

Darf ich vielleicht vorschlagen [weiterzugehen]? Wir haben [noch] ziemlich viel auf der Liste … Die Frage des Kanons ist uns eine sehr zentrale Frage. Aber wenn wir uns jetzt zu sehr auf dies eine einlassen, dann kommen die anderen Dinge, die uns mindestens ebenso am Herzen liegen, zu kurz. Selbstverständlich soll hier niemandem das Wort im Keime erstickt werden - aber wenn Sie einverstanden sind, würde ich doch vorschlagen, daß wir mal weitergehen.

Barth:

Ist für den Augenblick, für den 12. Oktober nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr - mehr kann man nicht sagen - eine gewisse Beruhigung über das Kanonsproblem in diesem Raum eingetreten? Das wäre schon ein großer Gewinn, wenn es nicht immer wieder so züngelte um diesen Kanonsbegriff herum.

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2. Einheit und Vielfalt des biblischen Zeugnisses
Eras:

Vielleicht tritt noch weitere Klarheit ein, wenn wir weitergehen zu einer zweiten Frage, die auch gestellt worden ist und die ganz in der Nähe dessen bleibt, was bis jetzt gesagt worden ist. Sie haben zu Anfang selbst gesagt, daß für den Theologen, der sich mit der Schrift beschäftigt, sich diese Schrift in [seinem Verständnis von] ihr sich um ein Zentrum gruppiert. Und in diesem Zusammenhang ist gefragt, inwiefern man von einer Einheit dieses Zentrums reden kann oder auch von einer Einheit der Offenbarung - auch wieder angesichts des Tatbestandes, den man in Tübingen oder in Mainz hören kann, daß manche Exegeten meinen, im Kanon eine gewisse Disparatheit in wichtigen Loci feststellen zu können. Ich sage es jetzt mal ganz plump, um vielleicht klarzumachen, worauf ich hinaus will: Herbert Braun [geht] in mehreren Aufsätzen18 so [vor], daß er verschiedene Loci, von denen er meint, sie seien sehr wichtig in der Schrift, herausnimmt und dann feststellt: Dazu meint Johannes, dazu meinen die Synoptiker, jeweils jeder einzelne, dazu meint Paulus … Und dann heißt sein Schluß, diese Dinge seien ohne Grobheit und Gewaltsamkeit nicht unter einen Hut zu bringen. Und er zieht daraus dann seine Konsequenzen. In diesem Zusammenhang wäre eben zu fragen: Wie kommt die Einheit des biblischen Zeugnisses in den Blick? Herbert Braun geht es ja bei diesen Disparatheiten nicht um periphere Dinge, sondern er nennt z. B. auch die Christologie. - Ich weiß nicht, ob einer von uns die Frage noch besser stellen will?

Fragesteller:

An und für sich ist sie schon gut gestellt. [Ich hätte sie gern so gestellt:] Ist die Einheit des Handelns und Redens Gottes eine «Regelung», d. h. für mich: eine Prämisse des theologischen Arbeitens oder etwas, was sich in [der theologischen] Arbeit - z. B. im Verstehen Seines Wortes - in der Exegese ergibt?

Barth:

Eine Prämisse? - schon nicht gut!

Fragesteller:

Dort steht: «Regelung» des theologischen Denkens und Arbeitens19.

135Barth:

«Regelung»? - gut! Und nun ist also die Frage, ob man diese Regelung auf eine Prämisse zurückführen will oder - was war die Alternative?

Fragesteller:

… oder ein Ergebnis, das sich aus der Arbeit an dem Wort Gottes, an dem Text in der Exegese ergibt?

Barth:

Gut, ich möchte sagen: Sofern man unter Prämisse, was ja das Wort bedeutet, eine Voraussetzung versteht, die ich mache, da haben Sie ja wahrscheinlich die Stelle gefunden, wo ich ausdrücklich gesagt habe: Um Gottes willen keine Voraussetzungen!20 - also irgendwelche Sätze, die nun festgelegt sind, woher sie dann auch stammen mögen. Sondern - jetzt kämen wir auf die Alternative, die Sie meinen, und da würde ich einfach sagen: sondern das Ereignis, in welchem sich das, was man übel als eine «Prämisse» und übel als eine «Voraussetzung» bezeichnet, faktisch durchsetzt: diese Wirklichkeit, die die conditio sine qua non theologischen Denkens und Redens ist. Wir wären [da] wieder bei dem Begriff der Erfüllung einer Verheißung. Und das ist ein Ereignis, das ist eine Aktion, und zwar eine von Gott ausgehende und dann uns in die Teilnahme [an] Gottes Tun hineinrufende Aktion. [Hingegen] sobald man sagt: ich mache eine Voraussetzung, da geht es schon willkürlich zu, auch wenn es eine wunderbare Voraussetzung wäre.

Fragesteller:

Darf ich es mal [so] formulieren, um nachzuprüfen, ob ich es verstanden habe: Diese Einheit können wir nach außen nicht demonstrieren, nicht zeigen, sondern wir werden sie, wenn wir [da] hineingenommen sind als die Glaubenden, erleben als die faktische Einheit?

Barth:

Wie schön, daß jetzt das Wort «Erleben» wieder zu Ehren kommt! Das Wort «Erleben» war das große Wort meiner theologischen Jugendzeit in Marburg - noch nicht im Marburg von Ernst Fuchs, aber im alten Marburg von Wilhelm Herrmann. Da gab es kein heiligeres Wort als das Wort «Erleben».21 Und ich habe mich dann von |136 diesem Wort sehr losgestrampelt und habe gesagt: nein! nein! bitte, es geht nicht um ein Erleben!22 Aber warum sollen wir [das Wort] nicht brauchen? Man muß nicht so fanatisch sein, wie ich es gegenüber gewissen Wörtern manchmal auch gewesen bin. So nennen wir es einmal «Erleben»! Vorausgesetzt, gelt, daß dieses Erleben nicht in den Kategorien der «Reden über die Religion» von Schleiermacher23 oder so beschrieben wird, sondern so, daß man dann bei «Leben» an die ζωή [im] Neuen Testament denkt, an das Leben, [von dem] es heißt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und - das Leben» [Joh. 14,6]! Dieses Wort «Erleben» kann man übrigens ja so nur im Deutschen brauchen. Es ist mir nicht bekannt, daß die Franzosen oder die englisch sprechenden Leute ein Äquivalent dafür haben.

Stoevesandt:

Aber die Holländer.

Barth:

Die Holländer? Natürlich! Wie sagen denn die?

Stoevesandt:

Beleven!

Barth:

«Beleven», gut! schön! Also, wenn das einen Sinn haben könnte, dieses «beleven» oder «Erleben», so würde das doch heißen: Es ereignet sich das Unerhörte, das schlechthin Unbegreifliche, Unableitbare, Undemonstrierbare, daß der, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, in seiner Gemeinde und dann auch für deren Glieder und also auch für uns Wirklichkeit wird, die wir ernst nehmen müssen, und zwar ernster als alles andere, - so daß er nun schlechterdings die Nummer 1 ist, schlechterdings die Grundlage alles weiteren, schlechterdings der Ausgangspunkt: Wir denken von da aus, von diesem Leben und dann also insofern von unserem «Erleben». Das ist das principium essendi und das principium cognoscendi, von daher wird man und von daher ist man dann Theologe.

137 Fragesteller:

Dürfen wir dann vielleicht sagen, daß derjenige, dem bei seiner exegetischen Arbeit, bei seiner Bemühung, beim Lesen des Textes eine Disparatheit ganz hart aufstößt und begegnet, aus dem Leben irgendwie schon hinausgenommen ist? Nämlich, wenn er in dem Leben wäre, würde er ja wohl die Einheit sehen?!

Barth:

Ach, wir wollen auch nicht zu streng sein! Warum soll uns das nicht passieren, daß uns diese «Disparatheit hart aufstößt»? Da kann man ja gar nichts dagegen sagen: Es gibt natürlich ganz verschiedene Christologien im Neuen Testament. Und es ist dann an diese Verschiedenheiten, diese Disparatheiten im Neuen Testament in sehr verschiedener Weise angeknüpft worden. Wenn jemand sich jetzt auf eine Christologie festlegte und die anderen nicht im Auge haben wollte, dann gab es eine Ketzerei. Also davor wird man sich in acht nehmen müssen. Hingegen - damit komme ich ja eigentlich auf die Sache zum ersten Punkt zurück -, es ist erlaubt und in Ordnung, daß man sieht: Es sind da disparate Christologien. Und wenn jetzt der Herbert Braun dahergelärmt kommt und sagt: «Ohne Gewaltsamkeit und Unehrlichkeit kann man das nicht auf einen Nenner bringen», dann würde ich sagen: Das ist auch gar nicht unsere Sache, das auf einen Nenner zu bringen. Sondern er soll es einmal ganz ruhig gelten lassen in seinen verschiedenen Gestalten, wie das da ist. Das Eine ist nicht ein «Eines», ein Prinzip oder … ja, «der Nenner» - was ist das da? Wie kommt da dieser mathematische Begriff herein? Der Eine! Er ist die Einheit im Neuen Testament, Er, auf den alle diese Christologien zielen, der in ihnen allen gemeint ist, auf den sie alle in ihrer Weise hinweisen oder hinzuweisen scheinen - aber Er und Er selber, und nicht eine theologische, und sei es denn christologische Abstraktion! Das ist das Schreckliche, daß wir immer wieder Christologie und Christus verwechseln.

Ich erinnere mich, daß ich vor … - oh, wann mag das gewesen sein? -, vor etwa zehn Jahren [in dieser Frage] sogar meinem lieben und in wichtiger Beziehung hoch über mir stehenden, verewigten Freund Hans Iwand entgegentreten mußte. Er hat uns einen Vortrag gehalten - ich glaube, in Bielefeld …

Stoevesandt:

In Wuppertal war es.24

138Barth:

War es in Wuppertal? Und dort hat er nun mit großer Wucht, wie er das konnte, gesagt: christologische Konzentrierung der ganzen Theologie! Fast so schön - oder sicher noch schöner sogar, als es Papst Paul VI. jetzt bekanntlich gesagt hat. Haben Sie seine Eröffnungsrede25 gelesen in Grindelwald?

Zwischenrufe: Nein.

Stoevesandt:

Nein, wir haben völlig abseits der Weltgeschichte gelebt.

Barth:

Oh, Sie sind abseits der Welt- und Kirchengeschichte … - Das war eine große Sache. Es wurde jetzt vom Stuhle Petri geredet, wie wenn der Mann, der dort sitzt, die Kirchliche Dogmatik gelesen hätte. Verstehen Sie, christologische Konzentration in höchster Gestalt! Und jetzt ist es der Papst, der es sagt! Da staunt man nur so. Und also nun, der Iwand hat es dort auch gesagt. Und ich saß dabei und wurde aufgefordert, mich zu äußern, und dann habe ich gesagt, mir sei manchmal bei dem Wort «Christologie» nicht wohl. Denn es geht ja nicht um Christologie, es geht auch nicht um Christozentrik und christologische Orientierung, sondern es geht um Ihn selber. Und alle Beschäftigung mit Christologie - und ich habe mich auch ein bißchen damit beschäftigt - kann doch nur kritische Hilfsarbeit sein, um zu dem Punkt vorzudringen, wo es dann sein mag, ja, daß es heißt wie bei den Jüngern auf dem Berg der Verklärung: «Sie sahen niemand denn Jesum allein» [Mt. 17,8]. Das ist dann der Grund der Theologie. Und ich fürchte manchmal, es könnte unserer Generation geschehen, vielleicht gerade den Besten, daß ihnen der Weg zu diesem Punkt versperrt wird durch zuviel Christologie. Es ist ein bißchen paradox gesagt.

139 Insofern mag der Herr Braun seine Sprüche nur sagen. Nur kommt es mir vor, er redet ein bißchen wie der Blinde von den Farben. Denn was nun da herauskommt, das ist doch ein bißchen arg ohnmächtig. Die sind alle noch so halbwegs. Es kann vielleicht noch etwas draus werden. … Wie alt ist der Mann eigentlich?

Stoevesandt:

An die 60 mag er auch schon sein.26

Barth:

Tatsächlich, tatsächlich? So alt schon? Also, wenn es gegen die 60 geht, dann sollte es allmählich Tag werden. Wie dem auch sei, es gibt auch Spätbekehrungen.

Weis:

Wie wird es denn dann, wenn wir das Neue Testament nach einem anderen Gegenstand befragen, der nicht direkt mit Christus zusammenhängt, z. B. nach der Gemeinde im Neuen Testament, und [dann] hier zu disparaten Aussagen kommen?

Barth:

Ja, gelt, dort kommt man natürlich erst recht zu disparaten Aussagen. Das ist klar. Aber nun wird in einer neutestamentlichen Theologie, wo dann auch von solchen Gegenständen die Rede ist, alles darauf ankommen, daß die Sache wirklich von der Mitte aus gesehen und verstanden wird. [Also, was Ihr Beispiel betrifft, käme es darauf an, daß] auch, was «Gemeinde» in den verschiedenen Beleuchtungen ist, also, sagen wir: was als Gemeinde in der synoptischen Tradition erst von weitem auftritt und was dann in den Pastoralbriefen schon ziemlich massiv daherkommt … -, daß das von dort aus verstanden wird.

Und gelt, wir sind [uns] einig darüber, daß dieses [Fundamentale] - ich habe es jetzt auch das «Zentrum» genannt oder die «Mitte» - nicht identisch ist mit dem, was ich in der ersten Antwort Mitte genannt habe. Es ist dasselbe Wort. Dort haben wir geredet von der Mitte unseres Lesens und Verstehens, von diesem gewissen Auswählen unter den Zeugen, [bei dem] jeder seine «Mitte» hat. Es gibt aber jenseits alles dessen eine Mitte der Sache selber. [Es] ist ja wohl im ganzen Neuen Testament nicht zu übersehen, daß es [überall] irgendwie um dieses Ἰησοῦς Χριστὸς κύριος [Jesus Christus der Herr] geht, mehr oder weniger deutlich, aber eigentlich unverkennbar auf der ganzen Linie, und daß die übrigen Topoi und Loci der neutestamentlichen |140 Theologie von da aus zu verstehen sind und ja nicht nun plötzlich sozusagen von «disparaten», sachfremden Gesichtspunkten aus.

  3. Glaube und Rationalität
Eras:

Wir sind bei der Besprechung jetzt mehr eines formalen Problems darauf gekommen, daß sich im dogmatischen Denken von dieser Mitte her eine innere Folgerichtigkeit ergibt. Wir haben da «Anselm»27 etwas beigezogen.

Barth:

Ah, ja?!

Eras:

[Aber] wir haben uns dann doch nicht ganz zusammenreimen können, inwiefern Sie es in [KD] I/128 auch bei methodischen Fragen ablehnen, daß die Theologie als Wissenschaft [sich dem] Postulat der Widerspruchslosigkeit im formal-rationalen Sinn [unterwerfen] müsse.

Barth:

Aha, [es] ging dort um diese Postulatenreihe von Scholz29?

Stoevesandt:

Ja, die haben wir beiläufig hinzugezogen. Ich glaube im Zusammenhang mit der Vorlesung über die «Verpflichtung»30 [fiel] wohl das Stichwort, das uns dazu angeleitet hat. Da haben wir dann eine Zeitlang ein wenig über Ihr Anselm-Buch31 referiert. Ich glaube, es war kein Zufall, daß wir von dieser Einführung aus auf jenes Anselm-Buch zu sprechen kamen, weil es dort zweifellos sehr enge sachliche Berührungen gibt. Und nun haben wir versucht, [das,] was Sie dort in Ihrer Exegese des Anselm von Canterbury herausgestellt haben, uns unter dem Stichwort «Rationalität» klarzumachen, und zwar nun in der Übersetzung (ich weiß gar nicht, ob sie da steht, aber mindestens schien es uns nahezuliegen, daß das gemeint sei): Ratio|141nalität des Glaubensgegenstandes als seine aufweisbare Folgerichtigkeit. Und wir haben versucht, uns die Tragweite dieses Begriffs klarzumachen, und stießen dann eben auf diese Auseinandersetzung mit Scholz. Und da blieb dann einiges etwas undeutlich.

Barth:

Aha! Warten Sie, wo soll ich jetzt anfangen? Sie werden sich erinnern, daß in dem Anselm-Buch sozusagen von einer Rationalität Gottes selbst die Rede ist und dann von einer entsprechenden Rationalität unserer Erkenntnis Gottes - oder, ich glaube, ich habe es genannt: eine ontische und eine noetische Rationalität32 […] . Ja, man kann es einmal so nennen, nicht wahr? Und nun ist klar, wenn [man] von dieser «noetischen Rationalität» redet, daß es sich da ja - und darüber hat sich der Anselm keinen Täuschungen hingegeben - nur um einen Versuch handeln kann, dieser Rationalität des - [ich will] das schreckliche Wort jetzt brauchen - des Gegenstandes, also Gottes selbst zu folgen. Nicht umsonst muß er dauernd beten. Also, die Sache scheint nicht einfach ohne weiteres demonstrabel zu sein. Man wird nicht damit fertig. Sondern Theologie ist ein Akt, in welchem diese noetische Rationalität nun gesucht wird entsprechend der des Gegenstandes selber.

Nun denke ich aber, daß dieses Postulat von meinem verewigten Freund Heinrich Scholz33, gegen das ich mich dort in [KD] I/1 📖 wandte, noch ein bißchen etwas anderes war. Er war ja nicht nur ein Logiker, sondern ein Logistiker - und verstand unter Widerspruchslosigkeit etwas ganz Bestimmtes, nun wirklich in sich selbst Klares und Aufweisbares, nämlich [eine] von der mathematischen Physik her oder von der physikalischen Mathematik her (ich weiß nicht mehr, wie er es dort macht in seiner Logistik) aufweisbare Folgerichtigkeit. Sein großes Programm in seiner Logistik war eigentlich eine Neuaufnahme des Programms von Leibniz mit seiner Universalsprache34. Das hat ja am Anfang des 18. Jahrhunderts die Leute heftig |142 geplagt - (schon damals) die Konfusion der Sprachen -, und [es] sind die verschiedensten Versuche gemacht worden, ob es nicht sozusagen ein wissenschaftliches Volapük oder Esperanto geben könnte. Ja, und so etwas wie ein wissenschaftliches Esperanto hat mein Freund Scholz gesucht. Und zu diesem Esperanto gehört auch eine ganz bestimmte Widerspruchslosigkeit. Wohl nicht ganz dasselbe [wie das], was bei Anselm gemeint ist! Er hat sich nämlich dauernd an dem Anselm gerieben. Er hat also nicht etwa den Anselm in seinem Sinn umgedeutet, sondern er hat gesagt: «Anselm kennt das nicht, was [mir] da vorschwebt, diese Leibnizische Einheit des Noetischen.» Leider, leider hat er sein Buch nie geschrieben, das eigentlich eine Kritik von Anselm, die dann auch auf mein unwürdiges Haupt gefallen wäre, dargestellt hätte. Aber das hat er eigentlich im Sinn gehabt.35

Also, es wird wohl zweierlei sein. Und ich hatte mich dort in [KD] I/1 📖 gegen die Zumutung zu wehren, mit der er uns gekommen war. Er wollte uns doch so eine Kappe von Wissenschaftlichkeit über den Kopf ziehen - mit ganz bestimmten Postulaten: So und so sieht wahre Wissenschaft aus. Dort hieß es nun wirklich: «Vogel, friß oder stirb!»36. Und da mußte ich ihm ebenso freundlich wie offen sagen: «Wir können keines von diesen Postulaten schlucken. So geht es nicht.» - Aber das war ein interessantes Gespräch zwischen ihm und mir.

Stoevesandt:

Möchte dazu jemand eine ergänzende Frage stellen? Wir haben uns darüber an einem der Nachmittage auch ziemlich erhitzt. Ich weiß nicht, ob die Hitze ganz und gar abgekühlt ist.

143 Wandel:

[ … Heißt dies,] daß also die Theologie auf keinen Fall das Postulat der Widerspruchslosigkeit erheben kann, d. h. daß sie durchaus Sätze sagen kann, die sich logisch widersprechen?

Barth:

Ja, aber nun nicht, daß sie sich dabei beruhigen darf und kann, gelt. Sondern sie kann nur sagen: De facto ist es wohl so - jetzt rede ich mit meinem Berliner Freund Heinrich Vogel -, wir können nur in Paradoxen reden.37 Oder wenigstens an bestimmten Punkten kommen wir über die Paradoxe nicht hinaus. Oder - er liebt den Ausdruck: Wir können in unserem theologischen Denken immer nur «scheitern». Er hat jetzt ein Buch geschrieben über das Nicaenum. Und dort spielt der Begriff des «Scheiterns» eine ganz große Rolle.38 Und nun habe ich gegen den Heinrich Vogel, daß für ihn das Paradox als solches der Aufweis guter Theologie ist: Es darf nicht anders sein, es muß «gescheitert» werden. Und dann kommt er da mit dem «Kreuz» herein. Das spielt eine ganz große Rolle: theologia crucis.39 Das bedeutet dann, daß der Theologe nur so [behauptet]: So! so! so! und so! Und nun würde ich sagen: Das kann nur eine faktische Konstatierung sein, daß es weithin so zugeht. Es gibt wohl ein «Postulat der Widerspruchslosigkeit». Das würde ich auch sagen. Das würde aber bedeuten, es ist das Postulat der Übereinstimmung unserer Rationalität mit der Rationalität Gottes. Das wäre die Widerspruchslosigkeit. Aber nun erinnern Sie sich in dem Buch, wo ich auf diese merkwürdigen Unterscheidungen zwischen der «theologia paradisiaca» und «[theologia] terrestris» usf. hingewiesen habe.40 Also, die widerspruchslose Theologie - das ist ein eschatologischer Begriff. Darauf hoffen wir. Dem sehen wir entgegen. Aber wenn [das] nun ehrlich [geschieht] und wenn wir das nun einbeziehen auch in das Gebet: «Dein Reich komme!» [Mt. 6,10] - denn da muß die Theologie auch |144 einbezogen sein -, dann können wir uns nicht beruhigen mit den Paradoxen, sondern dann muß es schon auf Erden, schon in der Zeit [so zugehen] - wie der Nelson den Leuten in der Schlacht bei Trafalgar zugerufen hat: «Every man [will] do his duty, England expects it!»41 Also, wir sind jetzt in der Seeschlacht, und jetzt gilt es aber auch alles zu tun, nicht stecken zu bleiben in unnötigen …, eben in diesen Paradoxen da, sondern es muß alles in Bewegung sein. Und dann machen wir wohl die Erfahrung: Wir erreichen es nicht, jetzt und hier. Aber [es muß] in der Bewegung auf den Punkt hin [sein] - jetzt [mit] 1. Korinther 13[,12] -, wo wir erkennen werden, wie wir erkannt sind. Das ist die göttliche und die menschliche Rationalität.

   4. Freiheit des Glaubens - Unfreiheit des Unglaubens
Eras:

Inhaltlich kann man die [eben behandelte] Frage jetzt füllen durch eine Sache, die uns schwer umgetrieben hat - innerhalb und außerhalb unserer Sitzungen -, über die ich Sie auch schon öfters habe sprechen hören in diesem Haus, und zwar - ich sage nur das Stichwort - die Frage des Unglaubens, oder als Frage: Ist der Ungläubige für seinen Unglauben verantwortlich? Und noch einige Stichworte, die da ständig bei uns fielen - wie beispielsweise Trotz oder Verstockung und dergleichen.

Votant:

Verstockung gegen den Heiligen Geist.

Barth:

Die Sünde gegen den Heiligen Geist [Mt. 12,31] oder … ?

Votant:

Wenn Sie sagen, daß der Glaube allein ein Werk des Heiligen Geistes ist42, daß wir also nur durch den Geist überhaupt von der Offenbarung wissen können, von der objektiv geschehenen Offenbarung in Jesus Christus, und daß, indem wir das sagen, damit auch bereits entschieden ist, daß wir nicht anders als durch den Heiligen |145 Geist überhaupt zum Glauben kommen [und daß] der Heilige Geist allein [?] christliches Leben begründet, inwiefern ist dann der Ungläubige für seinen Unglauben verantwortlich zu machen?

Barth:

Der Heilige Geist begründet den Glauben, begründet unsere Erkenntnis Gottes, begründet aber auch unsere Selbsterkenntnis - das geht miteinander, gelt: Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis -; und in der durch den Heiligen Geist begründeten Glaubenserkenntnis, die dann also auch Selbsterkenntnis in sich schließt, ist eingeschlossen: Du bist verantwortlich für deinen Unglauben. Jetzt gehen dir die Augen auf. Jetzt fängst du an zu merken - ja, was? Kannst du jetzt nachträglich sagen: «Ha, ich armer Tropf! vorher war es mir nicht möglich [zu glauben]»? Nein, jetzt in dieser Erkenntnis muß ich mich erkennen als Gottes für ihn bestimmtes, auf ihn ausgerichtetes Geschöpf. Und indem ich mich als das erkennen darf - im Glauben, also angenommen von ihm als sein Kind! -, ist [darin] eingeschlossen: «An dir allein habe ich gesündigt» [Ps. 51,6], [und da] wird mir mein Zustand außerhalb des Glaubens aufgedeckt als meine Übertretung. Denn bitte, die Gabe des Heiligen Geistes kommt nicht nur so auf uns herunter gerauscht, und jetzt ist das da, und da kann man nun nichts dagegen machen oder nichts dazu machen, daß es kommt. Ja nein, das ist ja doch die Gabe der Freiheit, der Befreiung. Und in dieser Befreiung kann es nicht anders sein, als daß wir uns selber erkennen als Gefangene. Das haben wir vorher nicht gewußt, daß wir Gefangene sind, nicht zugegeben, aber jetzt [tun wir es]. Und indem [die Gabe des Geistes] nun eine Befreiung ist, wird [unser Glaube] auch für die Zukunft eine verantwortliche Sache. Wir sind durch Gottes Wort angeredet und aufgerufen [und damit] in den Stand gesetzt, ihm zu antworten. Und das ist die Verantwortlichkeit. Wobei wir uns darüber klar sein müssen, das ist jetzt nicht einfach etwas ganz Neues, sondern wir waren schon verantwortlich, weil wir Gottes Geschöpfe sind. Na gut, das wußten wir nicht. Das haben wir nicht realisiert. Aber es ist Schuld, daß wir es nicht realisiert haben, Schuld, daß wir nicht richtig geantwortet haben, und es wird immer Schuld sein. Denn die Gabe des Heiligen Geistes ist unsere Freiheit zum Glauben - und nicht so ein Guß, der da kommt: so, jetzt glaube ich! Nein, nein, ich habe zu glauben. Es ist nicht der liebe Gott, der in mir glaubt, sondern ich habe jetzt so freundlich zu sein und zu glauben und damit ein bißchen ernst |146 zu machen. Und dann tun wir es immer wieder nicht. Und dann ist dafür gesorgt, daß wir uns als verantwortlich erkennen müssen. - Ist das zu kompliziert?

Eras:

 … Handelt es sich aber dabei nicht dann doch - ja, soll man es Paradox nennen? - jedenfalls um etwas, dessen Auflösung erst noch im Eschaton zu erwarten ist?

Barth:

Es ist ganz vieles da noch zu erwarten. Aber was meinen Sie besonders?

Eras:

[ … Eine Auflösung insofern,] als es einerseits so ist, daß der Glaubende sich nicht anders denn als für seine Schuld verantwortlich erkennen kann, während er doch auf der anderen Seite - ja, das wird der Glaubende nicht tun - diese Verantwortung abwälzen könnte auf Gott, der ihm den Heiligen Geist nicht geschenkt hat oder entzogen hat.

Barth:

Ha, das wäre ein schöner Glaubender! Statt daß er dankbar erkennt: Mir Unwürdigem ist die Erlaubnis und das Gebot gegeben, daß ich glauben soll und darf, und [statt daß er] jetzt rückbli­­ckend oder [zur] Seite auf seinen Unglauben blickend bittet «Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben» [Mk. 9,24] - [statt dessen] sagt er: Für diesen Unglauben dahinten und für den, den ich immer noch habe, will ich jetzt die Verantwortlichkeit auf Gott abwälzen. Das wäre mir ein schöner Glaube. Da glaubt er ja gar nicht. Denn im Glauben [gilt]: «Zur Freiheit hat euch Christus berufen» [vgl. Gal. 5,1.13]. Wie käme man da zu diesem Abwälzen? Das wäre jetzt noch schöner.

Eras:

Und wenn er bewußt der Unglaubende sein will? Wenn er es von sich stoßen will?

Barth:

Da kann man nur sagen: Das soll er eben nicht tun! Das ist ja absurd, dieses «wenn». Also, das ist [eine] Sache, die man ebensowenig theoretisieren soll [wie] dann womöglich noch demonstrieren oder auch nur konstatieren bei sich oder anderen: «Ich will nicht». Es kann einer meinetwegen sagen: Ich will nicht in die Kirche gehen - oder: Ich will diese und diese Theologie nicht annehmen - oder: Ich lese nicht gern in der Bibel, und was für Zeug! Das geht also noch herein. Aber der Satz: Ich will nicht dem Heiligen Geist folgen, das ist ein in sich unmöglicher Satz. Der Vorgang ist ausgeschlossen. Das wird ja dann wohl das sein, was man im Neuen Testament «die Sünde |147 gegen den Heiligen Geist» nennt [vgl. Mt. 12,31]. Das ist diese absolute Randmöglichkeit, das Ausgeschlossene.

Fragesteller:

Ich wollte da einhaken: Wenn Sie sagen, daß der Glaubende für seinen Nichtglauben verantwortlich ist, dann besteht aber doch diese - würden Sie sagen? - «unmögliche Möglichkeit»43. Die besteht aber doch?! Und …

Barth:

Niemals so, daß man sie verrechnen könnte, verstehen Sie?

Fragesteller:

Ja.

Barth:

Sondern man kann nur sagen: Dieser nur in «unmöglicher Möglichkeit» realisierbaren Tat mache ich mich fort und fort schuldig. Aber damit habe ich [sie] ja dann nicht einbezogen[, als würde ich sagen:] Es gibt da ein besonderes Feld, auf dem ich mir das leisten kann. Sondern das ist eben der Abgrund.

Fragesteller:

Ja, und genau da wollte ich fragen: Wie verhält sich das aber dann zur Versöhnung, die ja für alle geschehen ist …

Barth:

Ja, das ist das Große!

Fragesteller:

… auch für die, die diese «unmögliche Möglichkeit» in unmöglicher Weise für sich realisieren?

Barth:

… zu denen wir alle gehören, gelt!

Fragesteller:

Ja, auch.

Barth:

Samt und sonders! [Und für] solche Geschöpfe, die sich dieser unmöglichen Sache fort und fort schuldig machen und dafür verantwortlich sind, - für solche Geschöpfe ist Gott selbst in Jesus Christus eingetreten. Solcher Geschöpfe hat er sich angenommen. Zu solchen Geschöpfen, zu uns hat er Ja gesagt. Und das ist das Evangelium: zu solchen! zu Sündern! zu solchen Sündern und Zöllnern übelster Art! Und jetzt könnte es eigentlich daneben wirklich nur das Tun und Treiben des Pharisäers geben, der das nicht wahrhaben wollte.

Schum:

Ich wollte auch einfach von diesem Unglauben, der von seinem Unglauben her noch gar nicht von dieser Befreiung, von dieser Freiheit wissen kann, also noch in seiner ganzen Knechtschaft lebt, ausgehen und fragen: Wie verhält es sich mit dem? Die Versöhnung |148 mit ihm ist geschehen, aber er weiß nicht davon, und er will nicht davon wissen?!

Barth:

Und Sie sind dazu da, ihm das zu erzählen, wie es mit ihm steht.

Schum:

Und wenn er dazu vielleicht irgendwie sagt: Das glaube ich nicht, oder: Das ist mir überhaupt egal? Er kann ja z. B. überhaupt Gottes Existenz leugnen.

Barth:

Kommt vor, nicht wahr? Und dann sagen Sie es ihm noch einmal und sagen es ihm ein drittes Mal, und «siebzigmal siebenmal» müssen Sie es ihm wieder sagen [vgl. Mt. 18,22] - und dabei dann, wenn er immer nicht hören will, vielleicht ein gutes Teil der Verantwortung auf sich selber nehmen, daß Sie es ihm offenbar nicht richtig sagen. Und ja nicht operieren mit dem Gedanken: Der ist jetzt endgültig draußen! Sondern Sie wollen ihm ja gerade sagen: «Auch du, elender Tropf, mit deinem Atheismus, mit deiner mündigen Weltlichkeit44 da und mit dem ganzen Zauber, auch du bist von Ewigkeit her geliebt, und dich liebt Gott, und dich wird Gott lieben.» Und in irgendeiner Sprache haben Sie ihm das zu sagen. Das ist die einzig mögliche Art, wie man überhaupt über die Ungläubigen nachdenken kann. Denn so denkt ja der liebe Gott auch über uns sogenannte Gläubige nach, und auch wir können über uns selbst nur so nachdenken. Wir müssen uns mit den Ungläubigen zusammensetzen aufs Sünderbänkchen, und dann können wir auch mit ihnen reden, sind wir in der gleichen Verlegenheit, haben aber auch die gleiche Hoffnung.

Schum:

Darf ich ihm nicht sagen, Ihrer Meinung nach, daß Gott ihn ruft und daß Gott von ihm auch einen Gehorsam erwartet und für diesen Gehorsam Rechenschaft fordern wird?

Barth:

Ja, ja. Aber machen Sie ihm vor allen Dingen diesen Ruf Gottes, diesen Ruf der Barmherzigkeit und Liebe Gottes als solchen vernehmbar. Und dann können Sie ihm auch sagen: Das ist eine ernsthafte Sache!, es wäre jetzt an der Zeit aufzupassen! In der Tat, es ist dann eine Gehorsamsfrage. Aber nicht so wie der Billy Graham - |149 haben Sie den auch schon gehört? -, der nun so mit der Pistole in der Hand auf die Leute losgeht und sagt: «Ihr müßt von neuem geboren werden!» [vgl. Joh. 3,3].45 Geschweige denn wie diese Kerle von Caux [von] der Moralischen Aufrüstung!46 Also nicht so! Sondern jetzt wirklich das Evangelium!

Fragesteller:

Ich frage mich, gerade wenn wir die Nichtglaubenden nicht hinausstoßen wollen, sondern mit hereinnehmen: Wenn die Versöhnung effektiv geschehen ist, wozu ist es dann überhaupt nötig, die Verkündigung noch aus[zurichten]?

Barth:

Ja, das ist doch gräßlich! Wenn die Versöhnung wirklich geschehen ist - und da laufen wir alle, die Gläubigen und die Ungläubigen, herum, wie wenn sie nicht geschehen wäre, weithin auch wir. Und da ist es doch wahrhaftig nötig, daß die Trompete geblasen wird [vgl. 1.Kor. 14,8] und die Menschheit, und zwar die christliche und die unchristliche, zu hören bekommt, was wirklich ist. Sonst lebt ja der ganze Verein in der dicksten Lüge drin. Wenn es irgend etwas gibt, was nötig ist, so ist es die Verkündigung des Evangeliums, gerade weil es so ist, gerade weil, weil die Versöhnung geschehen ist, weil das die Luft ist, in der wir atmen. Und jetzt sitzen wir wie ein ganzer Verein da, und statt zu atmen, halten wir den Atem an. Bitte, hört doch auf! Fangt jetzt an zu schnaufen! Es ist ja Luft da! Man könnte es mit vielen solchen Bildern beschreiben.

Schum:

Sie werden sicher energisch widersprechen, wenn ich die Ansicht formuliere, daß das ein bißchen ähnlich klingt, wenigstens für mich, wie der Katholik, der kurz vor seinem Tod in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehrt, so auch hier: [Der Ungläubige,] der sich sein Leben lang, sagen wir es einmal provozierend, den Freuden dieser Welt hingibt und ihnen nacheilt - meinetwegen mit angehaltenem Atem -, und dann zum Schluß kommt doch alles auf dasselbe heraus[, ob einer geglaubt hat oder nicht].

150Barth:

Aber dann hat er - wir wollen einmal diesen extremsten Fall vornehmen, den Sie jetzt beschreiben - … dann hat er sein ganzes Leben in der Lüge zugebracht und hat nicht gemerkt, was Gott für ihn ist und getan hat, und hat nicht davon gelebt, sondern [hat gelebt] - ja, in «Lust und Freuden» [vgl. Lk. 16,19], oder auch in Dreck und Schande und was da alles ist: Atombomben und Nato … - furchtbar! Das ist doch eine verkehrte Welt! Und nun dieser Welt verkündigen: Es gibt etwas anderes - was dann also auch jetzt schon gilt -, wo es dann heißen dürfte: «Hebet eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe» [Lk. 21,28]. Da wäre [es] doch fast Blasphemie, wenn man sagen würde: Es kommt auf dasselbe heraus. Nein, es kommt nicht auf dasselbe heraus. [Es] soll auf dieser Erde keine Hölle sein. Sondern wenn wir wirklich um dieses Letzte beten: «Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel» [Mt. 6,6f.] -, wenn wir wirklich darum beten, dann sind wir doch damit aufgerufen, auch das Entsprechende zu tun. Sonst beten wir eben auch nicht darum. Und diese Lumperei da - Sie denken wahrscheinlich an den Konstantin47, ich glaube, der hat sich so spät noch taufen lassen; in der Tat, es gibt so extreme Möglichkeiten -, das geht natürlich nicht. Man muß nicht immer an die absurdesten Möglichkeiten denken!

Fragesteller:

Würden Sie dann sagen, Herr Professor, daß der Glaube eine zwingende Folgerung aus der Versöhnungstat Gottes ist oder ein Akt der Dankbarkeit des Menschen? Oder wie würden Sie das umschreiben? Denn an der Versöhnungstatsache selber ändert sich ja durch den Glauben oder Unglauben des Menschen eigentlich nichts.

Barth:

Es ändert sich das, daß ihm das Gute, das ihm von Gott zugesagt ist und das auf ihn wartet, vor Augen tritt, daß er es erkennt, daß er damit leben darf. Und das ist sozusagen vom Himmel aus gesehen nicht gleichgültig - von Gott aus gesehen - , daß so ein armer Tropf, wie wir alle es sind, es jetzt merkt und sich jetzt getrauen darf, |151 ein bißchen damit zu leben, ein bißchen, ein bißchen zu glauben und zu lieben und zu hoffen. Da freuen sich bekanntlich die ganzen Engel des Himmels «über einen Sünder, der Buße tut» [Lk. 15,10]. Also, das macht schon eine Veränderung [aus]. Aber nicht so, wie es sich nun gewisse gräßliche Theologen vorstellen48, daß erst damit, daß wir glauben, diese Sache wahr und wirklich wird.

Fragesteller:

Ich wollte noch eine Frage stellen: Warum ist es, von Gott aus gesehen, nicht gleichgültig? [Das] ist etwas unklar. [Sie sagten:] Es ist, von Gott aus gesehen, nicht gleichgültig, ob der Mensch glaubt oder nicht.

Barth:

Gar nicht, natürlich.

Fragesteller:

Und warum nicht?

Barth:

Warum nicht? Weil er ihn liebt, weil er sein Bestes will und weil er nicht will, daß jemand verloren gehe [vgl. 2.Petr. 3,9], und weil er nicht will, daß einer als ein Verlorener lebt, wo ihm doch zugesagt ist: Da ist die Rettung! Er wäre nicht Gott, wenn ihm das gleichgültig wäre.

Stoevesandt:

[Es] hat sich Fräulein Woitke gemeldet. Ich lege doch Wert darauf, daß auch die Damen zu Wort kommen. Sie haben in Grindelwald eine wesentliche Rolle zur Belebung der Sache gespielt.

Barth:

Das freut mich zu hören. Merkwürdigerweise ging es mir eben auch durch den Kopf. Ich würde es vielleicht in der nächsten Minute gesagt haben: Wo bleiben die Damen?

Woitke:

Ich weiß nicht, das ist an sich nur noch etwas Erklärendes dazu. Bei dieser ganzen Debatte hier hat es den Anschein, als ob das Nichtglauben ein gesundes, ungebrochenes Heidentum ist, sozusagen ein menschliches Ideal: so ungebrochen, gesund daherzuleben, heiter und fröhlich. Und das Glauben bedeutet eine gewisse Gebrochenheit. Und dann stören sich die Leute daran, daß zum Schluß doch alle so ihr Teilchen bekommen und daß die, die sich hier abgerackert haben, nicht mehr bekommen. Ich glaube, daß diese ganze Diskussion auf die |152 Ebene gehoben werden muß: daß eben, was wirkliches Leben ist, [gerade nicht] dieses gesunde, heitere Dahinleben [ist, sondern daß dieses schon] im Kern faul ist. Kann man das so sagen?

Barth:

Ja, das ist schön, ein guter Beitrag. Also eben ja nicht, wie es jetzt auch so üblich wird, fast so mit einer gewissen Verliebtheit von der mündigen Welt reden und von den Atheisten! Es gibt jetzt schon Theologen, die förmlich liebäugeln mit dem Atheismus und mit dieser kuriosen Weltlichkeit usf.49 Da gibt es nichts zu liebäugeln. Das ist schlimm. Das soll dahinten bleiben, nicht weitergehen.

  5. Vom Eschaton und von Gottes Gericht
Woitke:

Ich weiß nicht, ob man, wenn man dann vom Endgericht sprechen will, [sagen kann,] was Sie50, glaube ich, sagten: daß die Leute, die nicht glaubten, dort eine tiefe Beschämung [erfahren]?

Stoevesandt:

Ja, das ist immer etwas schwierig, was Sie51 sind und was ich bin. Ich mußte mich dort notgedrungen zu Ihrem Mund machen und habe im Blick auf das Endgericht den Begriff der Beschämung gebraucht …

Woitke:

… daß wir also nicht [sagen], daß die Leute, die jetzt, sagen wir einmal, für unsere Augen (was wir natürlich auch nicht immer entscheiden können) draußen stehen, [weil sie] nicht glauben, … - daß wir nicht sagen: Denen ist die Hölle zugesprochen. Ihre Bestrafung liegt nicht in einer jenseitigen Welt, wo sie in der Hölle schmoren, sondern darin, daß sie eben im Diesseits am Leben vorbeigegangen sind und daß das ihre einzige [?] Strafe ist. Und das[, was] nachher [kommt,] wissen wir sowieso nicht.

Barth:

Also mich interessiert die Bestrafung dieser «Draußenstehenden» viel weniger als meine Bestrafung, die auf mich wartet. Und die besteht doch sicher darin, daß dann herauskommen wird: der Kontrast zwischen dem unermeßlichen Angebot, das uns allen [gemacht ist] - ob wir es nun bemerken oder halb bemerken, ob wir es |153 annehmen oder verwerfen, ob wir als Christen ja dazu sagen oder als Nichtchristen nein oder ihm gegenüber gleichgültig [sind] usf. - [zwischen dem] ungeheuren …, ja, «Angebot» ist ein zu schwaches Wort, [vielmehr] dieser Wirklichkeit des Heils und des Lebens, das [uns erworben] ist, und - wie wenig haben wir davon Gebrauch gemacht, haben das zu Ehren gebracht! wie beschämend gering ist unsere Dankbarkeit gewesen - es geht um Dankbarkeit (Sie haben den Begriff eingeführt) -, und wie undankbar ist die ganze Menschheit mit Einschluß der Christenheit! Und es ist immer am gesündesten, man denkt da in erster Linie an sich selber und ermißt dann von da aus, was es bedeuten möchte, wenn dieser ganzen undankbaren Menschheit und Christenheit nun Gottes Erbarmen zugewendet ist und wenn das dann sichtbar werden wird: das große Trotzdem Gottes. Denn das wird das Gericht sein: das Trotzdem Gottes, des gnädigen Gottes. Da sind wir mit unserem Ozean von Undankbarkeit. Und Gott wird und will sagen: Dich habe ich geliebt! Und dann haben wir uns alle zu schämen, ja wirklich zu schämen. Und das wird dann wirklich eine ewige Strafe sein, daß wir uns so schämen müssen - aber bitte, schämen angesichts des Überreichtums der Gnade Gottes: daß wir als die Verlorenen gerettet sein werden. «Als die Verlorenen» - das bedeutet das Gericht und die Beschämung; und «gerettet» - das bedeutet, daß uns dann wohl erst samt und sonders, uns und den Atheisten und allen, die Augen aufgehen werden, wieviel Anlaß wir haben, dankbar zu sein, und daß wir es dann vielleicht auch werden.

Ich stelle mir halt das ganze Eschaton, wenn ich das so sagen darf, als eine umfassende Offenbarung vor - eine Offenbarung dessen, was gewesen ist, also unseres jetzigen Lebens, dieses irdischen Wesens, dieser Weltgeschichte und Kirchengeschichte mit ihrer ganzen Glorie und mit ihrer ganzen Schande: daß das offenbar werden wird, aber offenbar vor dem Richterstuhl Christi [2.Kor. 5,10] - nicht [vor] so ein[em] abstrakten Weltenrichter, sondern vor dem Richterstuhl Christi, der für uns gestorben und auferstanden ist.

Fragesteller:

Wird dann diese Offenbarung so sein wie fast nach einem Film, wo der Vorhang dann zugeht, nachdem wir es jetzt alle wissen, oder dürfen wir da noch auf Weiteres hoffen?

Barth:

Nein, nein, der Vorhang geht nicht zu. Sondern dann geht er ja eben erst auf, nicht wahr. Dann geht er auf. Mit der Zeit kann man |154 ja dann nicht mehr rechnen, das wird das sein, was die mittelalterliche Theologie die «visio Dei» genannt hat52: die Anschauung Gottes in seiner Gottheit - aber in seiner wahren Gottheit, die seine wahre Menschheit in sich schließt, das Erbarmen Gottes. Und das anschauen von Ewigkeit zu Ewigkeit, damit werden wir gar nicht fertig werden, gar nicht fertig. Nicht einmal mit [der Erkenntnis seines Erbarmens über] unserem eigenen Leben. Aber es wird ja noch viel mehr sein. Denn wir werden dann Gott schauen, wie es heißt, «von Angesicht zu Angesicht» [1.Kor. 13,12], also so, «wie er [ist]» [1. Joh. 3,2], und eben, ihn «erkennen, wie wir erkannt sind» [nach 1.Kor. 13,12]. Und dann wird … - ja, ich habe noch nicht hinter den Vorhang geschaut, wie das sein wird; aber ich kann es mir nicht anders denken, als daß dann alles und jedes, was war[, offenbar wird] - eingeschlossen eben die Kirchengeschichte, eingeschlossen sogar die Theologiegeschichte, was vielleicht eine der finstersten Ecken sein wird, die da zu erleuchten sein wird, eingeschlossen die ganze Naturgeschichte mit diesen versunkenen Wäldern und allen diesen Tierlein, die einmal gelebt haben und jetzt längst weg sind. Das alles wird da sein. Nichts wird verloren sein, gar nichts.

Stoevesandt:

Wir haben uns genau das - wenn ich Ihnen eben ins Wort fallen darf - sehr anschaulich vor Augen geführt an den Katzen, von denen es nicht weniger als drei in [der Jugendherberge] Grindelwald gab und die manchmal aktiv an den Auseinandersetzungen teilgenommen haben.

Barth:

So?

Stoevesandt:

Ich habe sie dann eingeführt zur Veranschaulichung dieser Eschatologie.

Barth:

Sehen Sie, sehen Sie! - das [ist] die «seufzende Kreatur» von Römer 8 [,19-22]. Das ist klar, das wird nämlich alles auch dabei sein.

155 Schum:

Ich glaube, jetzt Ihre Gesamtschau ziemlich zu verstehen. Nur gibt es einige Stellen im Neuen Testament, die ich mir dann nicht mehr richtig erklären kann, wenn ich z. B. denke an Mt. 25[, 31-46] - die Scheidung [der Schafe von den] Böcken, die ins Feuer geworfen werden - oder wenn Jesus spricht von dem Perlen-vor-die-Säue-Werfen [Mt. 7,6].

Barth:

Ja, das ist das, was wir fortwährend machen. [Wir] sind zugleich die, die Perlen vor die Säue werfen, und sind auch die Säue, die sie zertreten. Zum Evangelium gehört dieser strenge Ton. Und Mt. 25 gehört auch dazu. Wobei ich nur bitten möchte, zur Exegese von Mt. 25 doch ja zu beachten, daß die Pointe der Stelle ja nun nicht das ist, woran das Interesse gewöhnlich haftet, nämlich diese Scheidung in Schafe und Böcke als solche, sondern das Kriterium [für diese Scheidung] - daß nämlich dort gesagt wird: «Eure Stellung zu mir kann nur in der Stellung zu eurem Nächsten realisiert werden - und zwar zu eurem nackten und hungernden und dürstenden und gefangenen usf. Nächsten. Dort bin ich zu finden. Und wer mich dort nicht gesucht und gefunden hat, hat mich überhaupt nicht gefunden.» Das Gleichnis ist die Angabe eines Kriteriums und sollte so wenig wie die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus [Lk. 16,19-31] zur Entfaltung einer Eschatologie gebraucht werden. Da würde ich jetzt ruhig sagen: der Apparat auch von Mt. 25 usf. - und in der Lazarus-Geschichte diese ganze Schilderung des Jenseits, das, kann man ruhig sagen, das ist die Sprache jener Zeit vom Jenseits. Und beides sind ja Gleichnisse. Und jetzt nimmt Jesus in der Sprache dieser spätjüdischen Eschatologie die Sache auf, die er sagen will. Die zwei Sachen - Lukas [16] und Matthäus [25] - gehören ja sehr nahe zusammen. Eine saubere Exegese dieser beiden Kapitel wird nicht einhaken bei dem, was gerade nur Gleichnisstoff ist, Gleichnis als solches, sondern hören: was wird da gesagt?

Schum:

Sie haben vorhin gesagt: Ich soll «siebenmal siebzigmal» meinem Nächsten die Gnade Gottes, die Versöhnung verkündigen und ihm erzählen [vgl. Mt. 18,21f.]. Ergibt sich da nicht eine gewisse Gefahr … ?

Barth:

Wenn Sie Pfarrer werden, müssen Sie es viel mehr als «siebzigmal sieben» sagen …

156 Schum:

Aber wie steht es dann mit dieser Mahnung, [nicht] Perlen vor die Säue zu werfen? Ist das einfach etwas, [worüber] ich [kein] Urteil [zu fällen] habe, [sondern] höchstens in meinem Bitten um Bewahrung davor [reden] kann? Oder wie verstehen Sie das?

Barth:

Wissen Sie, das ist ja nun eine schwierige Frage, wie das eigentlich mit diesen Perlen und diesen Säuen gemeint ist. Ich neige stark dazu, in diesen Perlen ein positives Christentum53 zu sehen, wo alles in Ordnung ist: gute Christologie und Heilslehre und «Gesetz und Evangelium» und «Wort und Sakrament» - das alles ist da. Und der Herr Pfarrer steigt auf die Kanzel und trägt jetzt diesen Block von christlicher Wahrheit vor, wirft [ihn] den Leuten an den Kopf oder vielmehr vor die Füße. Und das sind sie ja gewohnt, daß in der Kirche von diesen Dingen die Rede ist. Und sie haben es gern in etwas massiver, deutlicher Form. Es könnte aber auch in liberalen Abwandlungen geschehen. (In der Schweiz haben wir doch unsere Reformer gehabt54, die es dann auch freundlicher zu sagen wußten.) Aber wie dem auch sei, wo aus dem Evangelium so ein Fraß für eine handliche Frömmigkeit eines populären oder gebildeten Publikums [gemacht wird], ein richtiger Fraß,[den] sie am Sonntag [haben wollen]: Man möchte doch etwas Höheres empfangen, nicht wahr, und hat es dann gern, und jetzt singt man, und jetzt wird gebetet, und der Herr Pfarrer predigt und so … - das heißt: «Perlen vor die Säue werfen»! Und dann soll man zusehen, daß sie nicht «sich wenden und euch zerreißen» [Mt. 7,6] - nämlich daß nach einiger Zeit diese christliche und unchristliche Welt, die das anhört, sagt: «Wir haben genug von diesen Pfarrern mit ihrem Sums55, den sie uns da Sonntag für Sonntag vortragen! Das mögen wir nicht mehr.» Und dann meint man, man sei bereits im Stande der Verfolgung, und ist selbst schuld, weil man die Perlen vor die Säue geworfen hat. Also, ich glaube, daß das Wort dort in der Bergpredigt irgendwie in diese Richtung weist: eine bequeme Religion, eine bequeme Anleitung zur Frömmigkeit und zur Erbau|157ung und Beschäftigung mit allerhand Metaphysik, die da hergegeben wird [als etwas], was die Leute gerne fressen; dann wird man damit selber gefressen.

Schum:

Darf ich Ihnen noch eine letzte Frage vorlegen oder vielleicht eine Formulierung zur Korrektur vorlegen? Sie haben in der Vorlesung über den «Glauben» geschrieben56: Wenn jemand sich gestatte, gewisse Dogmen der Kirche, z. B. die Jungfrauengeburt, nicht voll zu akzeptieren oder sie einfach in Frage zu stellen, daß er sich dann sehr genau überlegen muß, ob er da wirklich noch vom Gott des Evangeliums spricht. Und zweifelsohne haben Sie sich diese Frage auch überlegt, die Sie da anderen stellen. Jetzt, von dem her, was Sie heute gesagt haben, würde ich vielleicht eine Antwort so formulieren, daß Sie diese Gerichtsperikopen, die im Neuen Testament vorkommen und die die Kirche so verstanden hat, daß sie an eine Hölle und ein Jüngstes Gericht geglaubt hat - …, daß Sie die in ihrer Zeit verstehen würden: daß das einfach die damaligen Vorstellungen sind, in denen Jesus zwar auch gesprochen hat, daß sie darum aber für uns nicht absolut zu nehmen seien?

Barth:

Achtung, man kann ja wieder Form und Inhalt nicht in dieser Weise scheiden. Das will ich nicht. Ich möchte den armen Mann im Schoße Abrahams und den anderen, der da im Feuer ist [Lk. 16,22f.], nicht missen. Und ich möchte auch diese Böcke und Schafe [Mt. 25,32f.] nach wie vor geschieden wissen. Ich habe mich jetzt nur dafür eingesetzt, daß man gerade bei diesen Gleichnissen nun nicht Gewicht legt auf das, was im Text selber Material ist zur Aussage, sondern die Aussage selber hört, die nun allerdings in Gestalt dieses Materials gemacht wird. Wissen Sie, wenn Sie dann einfach sagen: [Weg da mit dem] «Feuer» und [dem] «Wurm», der «nicht stirbt» [vgl. Mk. 9,44] usf. - Sie dürfen nicht von der Kanzel herunter diese [wegwerfende] Bewegung machen, sondern Sie müssen sehr deutlich machen, wie dieser Wurm frißt und wie dieses Feuer nicht stirbt, und den Unterschied zwischen dem Schoß Abrahams und dem Ort, wo der andere ist, und wie der gerne möchte, daß man seinen Verwandten zu Hilfe komme … usf. Bitte, nicht zu schnell entmythologisieren! Das ist immer schade. Sondern reden Sie fröhlich ein|158mal ein bißchen mythologisch weiter! Aber sagen Sie die Sache, die in diesem Text steht! Wenn dann jemand Sie fragt: «Wie ist es [damit]?» - [so sagen Sie ruhig:] «Ja bitte, es muß jetzt so gesagt werden. Es ist dort so gesagt, und jetzt wollen wir es auch so sagen.» Aber verstehen Sie, es hängt nicht daran, daß es in Gestalt dieses Materials gesagt wird. Aber sagen Sie es einmal auch in dieser Gestalt!

Fragesteller:

Im Alten Testament gibt es ja nicht nur eine Menge Berichte über geschehene Gerichte Jahwes über Israel, sondern auch eine Menge Gerichtsankündigungen. Und meine Frage ist nun die, inwieweit angesichts der neutestamentlichen Botschaft diese Gerichtsankündigungen oder auch Gerichtstaten Jahwes, die Berichte über den rächenden und harten Jahwe heute in der Verkündigung auch noch wirksam gemacht werden können.

Barth:

Sie können sie nicht wirksam machen. Aber sie sind ja faktisch wirksam. Werden uns nicht, fast von Woche zu Woche, die Gerichte Gottes sozusagen vor Augen gestellt und unter die Nase gerieben? - [so daß] man plötzlich sehen muß: So, so geht es! Im Glauben wird man da nun nicht ein Gericht über diese und jene, sondern wird man das reinigende Gericht Gottes über sein Volk darin erkennen und das dann nicht abschwächen.

Nur ein Beispiel! Sie sind ein Schweizer Ihrer Sprache nach. Ja, sehen Sie, was wir nur in diesem einen Jahr in der Schweiz erlebt haben! Wir Schweizer sind nämlich ein gutes Volk, gelt: demokratisch und frei und wohlgeeignet zu Schulmeistern von ganz Europa, vorbildlich in mehr als einer Hinsicht. Wir haben uns z. B. gewaltig der schweizerischen Reinlichkeit gerühmt. Und das ist eine schöne Sache. Es ist wahr, so [etwas wie] ein schweizerisches Wirtshaus kann man weithin suchen: diese Sauberkeit! Und das mögen wir. Und dann haben wir diese Schweinerei in Zermatt erlebt. Sie werden wissen, was ich meine: diese Typhusepidemie, wo es dann herauskam, wie diese Hotellerie dort droben gewirtschaftet hat.57 Und plötzlich wurde un|159sere Schande aufgedeckt. «Unsere Gerechtigkeit» stand da «wie ein beflecktes Kleid» [Jes. 64,5]. Und dann, wie waren wir auch so sicher [im Blick auf] unsere Technik! In der Swissair hat es seit 30 Jahren keinen Unfall mehr gegeben. Ha! - Dürrenäsch! [der Absturz] mit diesen 80 Toten!58 Und dann sind wir auch so stolz auf unsere schweizerische Eintracht. Das sei doch wunderbar: so ein Volk mit vier Sprachen und zwei Konfessionen und 25 Kantonen. «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern»59. Und plötzlich haben wir diesen Krach im Jura, [wo] die da auseinander[gehen] und einen eigenen Kanton haben wollen. Eine wüste Geschichte!60

Das sind Gerichte. Ich will jetzt nicht von Gerichten über andere Völker reden. Man tut da immer am besten, sich bei der eigenen Nase zu nehmen. Aber da ist man nahe beim Alten Testament, verstehen Sie, wenn man da so in die Gegenwart blickt. Und dann ist es nicht an dem, daß wir erst den alttestamentlichen Gerichtsverheißungen sozusagen ein Gewicht «beilegen» müssen, sondern die haben ein Gewicht. Diese Gerichtsankündigungen gelten und wirken sich aus, bis in unsere Tage hinein. Und plötzlich stehen wir Menschen in unserer ganzen Herrlichkeit rätselhaft betroffen vor so einem Ereignis, wie wir das jetzt wieder da in Norditalien mit diesen tausenden und tausenden von Toten [erlebt haben]61 - Opfer dieser wunderbaren Technik. Ja, und unsere Straßen mit diesen Autofahrern sind doch ein Schlachtfeld geworden. Wir brauchen also noch gar nicht an die zwei Weltkriege und an den eventuellen dritten zu denken, sondern nur an das, was jetzt mitten im Frieden da so passiert, dann sieht man schon |160 die Präsenz des Gerichtes, und man ahnt etwas vom Zorne Gottes. Aber zum Glück, zum Glück wissen wir, wer Gott ist. Und dann wird man eben nicht [vom] «Schicksal» predigen.

Aber Herr Vorsitzender, Herr Lehrer dieser Gemeinde, ich glaube, es ist genug für heute.

6. Schlußworte
Stoevesandt:

Ich glaube auch. Wir sitzen jetzt geschlagene zwei Stunden oder vielleicht schon etwas länger dabei. Es ist zwar, an unseren Grindelwalder Dimensionen gemessen, noch nichts geradezu Außergewöhnliches. Aber es ist zweifellos genug für heute. Im Augenblick liegt mir [noch eines] am Herzen. Und ich meine, das in unser aller Namen sagen zu sollen und zu müssen: nämlich einen ganz besonders herzlichen Dank. Es ist gar kein Zweifel, daß dieser Nachmittag nicht nur ein, sondern der Höhepunkt unserer ganzen Veranstaltung gewesen ist, obwohl wir inzwischen um viele, viele Meter wieder zu Tal gefahren sind. Wir haben eine Woche [lang] nun schlecht und recht dieses Buch zu verstehen versucht. Wir sind nicht einmal bis zum Ende vorgestoßen, sondern ausgerechnet beim Zweifel62 stecken geblieben, weil da die Zeit abgelaufen war. Hätten wir beispielsweise einen Text von Augustinus traktiert statt dieses Buches, so hätten wir nicht die Gelegenheit gehabt, nach Hippo63 zu fahren und uns den Verfasser der Schrift noch zwei Stunden in unsere Mitte zu bitten.

Barth:

Unzusammengezählt, gelt, unzusammengezählt!

Stoevesandt:

Unzusammengezählt, sicher. Diese Gelegenheit hatten wir, diese einzigartige Gelegenheit. Es kommt ein zweites hinzu, nämlich daß wir auch hinsichtlich unseres leiblichen Wohles heute Nachmittag auch noch Gäste des Verfassers waren und Gäste unseres Lehrers. Also, wir danken herzlich. Es ist gar kein Zweifel, daß dies für uns alle ein denkwürdiger Tag bleiben wird. Ich nehme an, viele |161 von uns werden sich jahrelang oder länger daran zurückerinnern. Nun, daß dieses Gedenken beiderseitig sein möchte, das können wir in keiner Weise erwarten. Aber damit wenigstens eine kurzlebige Erinnerung auch bei Ihnen bleibt, möchten wir ein kleines Zeichen unseres Dankes hier vor Ihnen aufbauen. Die Kurzlebigkeit der Erinnerung hängt mit dem Charakter der Sache zusammen …

Barth:

Nun, jetzt kommt das Danken an mich. Erstens [dafür], daß Sie überhaupt hierher gekommen sind und daß Sie mir jetzt so lange zugehört haben. Und jetzt das: das sieht so ein bißchen nach Alkohol aus … Ja, [und nun] bleibt mir nur [noch] übrig, Ihnen auch gute Heimkehr in Ihr Land zu wünschen und eine glückliche Vollendung Ihres theologischen Studiums, welche Vollendung aber erst auf das Ende Ihrer irdischen Tage überhaupt zu erwarten ist.

Sachfußnoten

1
Schweizerischer Evangelischer Pressedienst (EPD), Informations-Sonderdienst zum Konzil II, Nr. 2, Blatt 7 📖: «Rauchen gestattet. Eine Freudenkunde für die Raucher bedeutete wahrscheinlich die Mitteilung, dass in der Konzilsaula das Rauchen der Pfeife gestattet sei. Hingegen bleibt Zigaretten- und Zigarren-Rauchen wegen leichter Brandgefahr verboten.»↩
2
Der Besuch des Heilsarmeeobersten Victor Dolgkis aus Nîmes fand laut Barths Kalender am 16.9.1963 statt.↩
3
K. Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962, S. 34 📖: Die Verfasser der Bibel «sind die Zeugen des Wortes, präziser zu reden: seine primären, weil unmittelbar durch dieses selbst zu seinem Vernehmen berufene und zu seiner Bestätigung unter den anderen Menschen eingesetzte Zeugen». Die biblischen Verfasser sind «Zeugen erster Ordnung», die im Volk Gottes Versammelten sind «Zeugen zweiter Ordnung» (a.a.O., S. 45).↩
4
M. Luther, Vorrhede auff die Episteln Sanct Jacobi vnnd Judas (1522), WA.DB 7,384,26f. 📖↩
5
Ernst Käsemann hat in einer Reihe von Aufsätzen dargestellt, wie sich die innere Widersprüchlichkeit zwischen den paulinischen und den «frühkatholischen» Schriften des Neuen Testaments kritisch zum Postulat eines in sich geschlossenen Kanons verhält: E. Käsemann, Eine Apologie der urchristlichen Eschatologie, in: ders., Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. I, Göttingen 1960, S. 135-157 📖; ders., Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?, in: a.a.O., S. 214-223 📖; ders., Paulus und der Frühkatholizismus, in: a.a.O., Bd. II, Göttingen 1964, S. 239-252 📖.↩
6
Barth modifiziert hier seine in Anm. 1 genannten Unterscheidungen. Das «Sekundäre» ist hier der ganze Zeugenbereich, der dem «Primären», dem Wort Gottes in der Offenbarung, gegenübersteht; und Barth zitiert hier die Meinung jener, die im Kanon - in dem, was Barth «Primärzeugen» nennt - noch einmal unterscheiden zwischen solchem, was da «primär», und solchem, was da nur «sekundär» ist.↩
7
M. Luther, Das Newe Testament Deutzsch (1522). Vorrhede, WA.DB 6,10,9f.13.29–35: 📖 «Aus disem allen kanstu nu recht urteylen unter allen buchern, und unterscheyd nehmen, wilchs die besten sind, […] wilche auch billich die ersten seyn sollten». «Summa, Sanct Johannis Euangeli und seyne erste Epistel, Sanct Paulus Epistel, sonderlich die zu den Romern, Galatern, Ephesern, unnd Sanct Peters erste Epistel, das sind die bucher, die dyr Christum zeygen, und alles leren, das dyr zu wissen nott und selig ist, ob du schon kein ander buch noch lere nummer sehest noch horist, Darumb ist sanct Jacobs Epistel eyn rechte stroern Epistel gegen sie, denn sie doch keyn Euangelisch art an yhr hat, Doch dauon weytter ynn andern vorrheden.»↩
8
Vgl. E. Käsemann, in den in Anm. 5 angegebenen Aufsätzen. Ferner: W. Marxsen, Der «Frühkatholizismus» im Neuen Testament (Biblische Studien 21), Neukirchen 1958 📖. Der Begriff «Frühkatholizismus» geht auf Ernst Troeltsch zurück; so: F. Hahn, Das Problem des Frühkatholizismus, EvTh, Jg.38 (1978), S. 343, Anm. 7 📖.↩
9
Beispielhaft: A. Harnack, Das Wesen des Christentums, Leipzig 1900 📖. Das «einfache Evangelium» Jesu, das für Harnack eben das Wesen des Christentums ausmacht, wird in Vorlesung 1-8 nahezu ausschließlich aus den Synoptikern erhoben, unter ausdrücklicher Zurückstellung von Johannes (a.a.O., S. 13). Von Paulus wird nur kurz in der 10. Vorlesung gehandelt: Einerseits hat er wohl «das Evangelium, ohne seine wesentlichen, inneren Züge […] zu verletzen, in die universale Religion verwandelt» (a.a.O., S. 113), andererseits wird er wegen seiner Rechtfertigungslehre und seiner Christologie als der Ursprung zweier großer «Gefahren» für das Christentum bezeichnet, die Anlaß gaben, «die Schlichtheit des Evangeliums zu verkehren» (a.a.O., S. 115).↩
10
A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen (1913) 1921 📖. Barth spielt auf das an, was Schweitzer selbst die «konsequente Eschatologie» nannte (a.a.O., S. 390-443) - die Lehre, daß Jesus selbst den Anbruch des Gottesreichs als nahe bevorstehend vermutet, sich in dieser Annahme aber geirrt habe.↩
11
Der Sache nach entfaltet P. Wernle das in: Jesus, Tübingen 1916, bes. S. 75-82.366–368 📖. Speziell war das der Vorwurf gegen Barth, Der Römerbrief, Bern 1919 📖: P. Wernle, Der Römerbrief in neuer Beleuchtung, in: KBRS, Jg.34 (1919), S. 163f.167–169 📖. Vgl. besonders S. 168, wo Wernle Widerspruch einlegt von «meinem einfachen Glauben» her. Darauf nimmt Bezug: Römerbrief 2, S. VIII, XV (S. IX, XVI) 📖.↩
12
A. Harnack, a.a.O., S. 90 📖: «Das Evangelium ist in den Merkmalen […] erschöpft, und nichts Fremdes soll sich hineindrängen: Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott. […] Diese Verkündigung ist einfacher, als die Kirchen es wahr haben wollen.»↩
13
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 34.37f 📖.↩
14
Vgl. z. B. KD III/2, S. 538f 📖.↩
15
Vgl. hierzu Küngs Auseinandersetzung mit Käsemann und Diem in: H. Küng, Der Frühkatholizismus im Neuen Testament als kontrovers-theologisches Problem, in: Theologische Quartalschrift, Jg.142 (1962), S. 385-424 📖, wieder abgedruckt in: E. Käsemann (Hg.), Das Neue Testament als Kanon. Dokumentation und kritische Analyse zur gegenwärtigen Diskussion, Göttingen 1970, S. 175-204 📖; vgl. auch H. Diem, Das Problem des Schriftkanons, in: E. Käsemann (Hg.), a.a.O., S. 159-174 📖. Die These, auf die sich Küng kritisch bezieht, ist vor allem die vonE. Käsemann, Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?, in: E. Käsemann (Hg.), a.a.O., S. 124-133 📖, auch in: ders., Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. I, Göttingen 1960, S. 214-223.↩
16
Der Begriff «testimonium Spiritus sancti internum» bezeichnete in der altprotestantischen Orthodoxie den im Grunde einzigen Beweis für die Göttlichkeit der heiligen Schrift. Vgl. H. Heppe, Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, neu hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1935 (1958), S. 11.21f.33 📖. Vgl. auch schon Institutio I 8,4 📖.↩
17
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 40 📖.↩
18
H. Braun, Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt, Tübingen 1962, S. 324-341 📖.↩
19
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 96ff. 📖, zieht dem Begriff der «Methode» den der «Regelung» vor und beschreibt unter diesem Stichwort «die Art von Erkenntnis, zu der der Theologe verpflichtet» ist; z. B. entsprechend der (reichen) Einheit ihres Gegenstandes sei sie eine «sammelnde Erkenntnis» (S. 97.99).↩
20
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 57-68 📖.↩
21
Vgl. etwa W. Herrmann, Der Verkehr des Christen mit Gott, Tübingen (1886) 1921, S. 62 📖: «Dies, worauf alles ankommt, geschieht […] durch das allein, was wir selbst erleben.» Barth studierte 1908/09 bei Wilhelm Herrmann (1846–1922, seit 1879 Professor für Systematische Theologie in Marburg).↩
22
So z. B. in Römerbrief 2, S. 84 📖(S. 82), wo Barth sich abgrenzt gegen «Erlebnisse […], die an sich, ohne sich unter das Gericht Gottes zu beugen, […] wichtig, groß und in irgendeinem Sinn göttlich zu sein begehren und behaupten, Vermischungen von Zeit und Ewigkeit, angebliches dingliches Hereinragen […] der Gotteswelt in dieser Welt […], also Jenseitigkeiten, die doch nur verbesserte Diesseitigkeiten sind».↩
23
Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Berlin 1799, neu hrsg. von R. Otto, Göttingen 19676, besonders S. 49-66 📖: Das «Wesen» der Religion ist «Anschauung und Gefühl» (S. 49).↩
24
Auf der Tagung der «Gesellschaft für evangelische Theologie» in Wuppertal-Barmen (6.-9.3.1956) hielt Hans Joachim Iwand (1899–1960), damals Professor für Systematische Theologie in Bonn, den Vortrag Vom Primat der Christologie, veröffentlicht in: Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10.Mai 1956, Zollikon-­Zürich 1956, S.172-189 📖. - Im Herbst 1954 hatte dieselbe Gesellschaft in Bielefeld getagt.↩
25
Die Rede am 29.9.1963 bei Beginn der zweiten Session des Zweiten Vatikanischen Konzils findet sich unter dem Titel Paolo VI inaugura la seconda sessione del concilio ecumenico in: L’Osservatore Romano, Jg.103, Nr. 226 (30.9./1.10.1963), S. 1 📖; deutsch in: Herder-Korrespondenz, Jg.18 (1963/64), S. 76-83 📖.↩
26
Herbert Braun (1903–1991), seit 1953 Professor für Neues Testament in Mainz.↩
27
Gemeint ist K. Barths Buch Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms, München 1931, Zollikon 1958 📖; neu hrsg. von E. Jüngel und I. U. Dalferth (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 20023 📖.↩
28
KD I/1, S. 7 📖.↩
29
H. Scholz, Wie ist eine evangelische Theologie als Wissenschaft möglich?, in: ZZ, Jg.9 (1931), S. 8-53. 📖↩
30
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 95-97.100–103 📖↩
31
Siehe Anm. 27.↩
32
K. Barth, Fides quaerens, a.a.O. (1931), S. 45f. 📖↩
33
Heinrich Scholz (1884–1956), ursprünglich Theologe, später Professor für Philosophie in Münster. Barth kannte ihn seit einem gemeinsamen Studiensemester in Berlin (1906/07), trat aber erst am Ende seiner Münsteraner Zeit (1925–1930) in nähere Beziehung zu ihm und blieb ihm dann bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden.↩
34
Vgl. H. Scholz, Metaphysik als strenge Wissenschaft, Köln 1941 📖. Leibniz war schon als 20jähriger mit der Frage befaßt in seiner Schrift Ars combinatoria (1666) 📖.↩
35
Vgl. H. Scholz, Warum ich mich zu Karl Barth bekenne. Ein Beitrag zu einer Studie über Treue gegen Linientreue, in: Antwort, a.a.O. (s. Anm. 24), S. 865-869, bes. S. 865: 📖 «Was ich Karl immer noch schuldig bin, ist eine Studie zum Anselmischen Argument […]. Sie würde zwar erkennbar ausgehen von ihm; sie würde aber zu ihm nicht zurückkehren können.»↩
36
D. Bonhoeffer hat mit dieser sprichwörtlichen Wendung den bei Barth vermuteten «Offenbarungspositivismus» gekennzeichnet: D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Chr. Gremmels u. a., Werke, hrsg. von E. Bethge u. a., Bd. 8, Gütersloh 1998, S. 414-416 📖.↩
37
H. Vogel, Christologie, Bd. I, München 1949, S. 164-218 📖. Barth äußert sich kritisch zu Vogels Betonung des «Paradoxes» in KD IV/3, S. 199.201.203 📖.↩
38
H. Vogel, Das nicaenische Glaubensbekenntnis. Eine Doxologie, Berlin / Stuttgart 1963, besonders S.71f. 📖↩
39
H. Vogel, Freundschaft mit Karl Barth, Zürich 1973, S. 55 📖, faßt sein Anliegen gegenüber Barth so zusammen: «Demgegenüber verfocht ich die paradoxale Versiegelung unserer gescheiterten und gedemütigten Erkenntnis mit der Berufung auf das Kreuz und die eschatologische Krisis aller unserer Aussagen und Denkbemühungen.»↩
40
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 125-127. 📖↩
41
Tagesbefehl von Admiral Horatio Nelson (1758–1805) in der Schlacht von Trafalgar am 21.10.1805: «England»↩
42
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 112 📖: «Im Ereignis des Glaubens geht es […] darum, daß das Wort Gottes in der ihm als solchem eigenen lebendigen Macht des Geistes […] einen Menschen unter Vielen dazu befreit, […] dieses Wort […] zu bejahen.»↩
43
Eine Wortprägung Barths, die in seinem Buch Römerbrief 2, z. B. S. 188 (S. 186) 📖, das Wunder der Offenbarung, der Gnade, die dann aber in KD III/3 (z. B. S. 405; vgl. KD IV/3, S. 203f.) 📖 umgekehrt die «Wirklichkeit» des Bösen und in KD IV/1 (sinngemäß etwa auf S. 835) die des Unglaubens bezeichnet.↩
44
Zu der unter Berufung auf D. Bonhoeffer damals verbreiteten Vorstellung, daß das Leben des modernen Menschen «etsi deus non daretur» als seine Mündigkeit theologisch zu bejahen sei, vgl. D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, a.a.O. (s. oben Anm. 36), S. 476-482.503f.529–535 📖; ferner die Buchreihe: Die mündige Welt, Bd. I-IV, München 1955-1963 📖.↩
45
Im August 1960 im Wallis und in Basel und im Frühling 1962 während seiner USA-Reise hatte Barth persönliche Gespräche mit dem amerikanischen  Evangelisten William Franklin (Billy) Graham (geb. 1918), den er am 30.8.1960 auch bei einer Großevangelisation in Basel hörte.↩
46
Die von Frank N. D. Buchman (1878–1961) ins Leben gerufene internationale Bewegung des «Moral Re-Armement» (MRA = Moralische Aufrüstung) hatte ihr Hauptausbildungszentrum in Caux bei Montreux.↩
47
Der römische Kaiser Flavius Valerius Constantinus, «Konstantin der Große» (um 280-337), dessen Sieg am 28.10.312 an der milvischen Brücke vor Rom mit seiner bald legendarisch verklärten Wendung zum Christentum verbunden wird, starb Pfingsten 337 kurz nach seiner Taufe, vgl. J. Vogt, Art. «Konstantin», RAC, Bd. 3, 1957, S. 306-379 📖.↩
48
Barth hat hier offensichtlich diejenigen zeitgenössischen Theologen und deren Positionen vor Augen, gegen die sich Gollwitzer wendet, in: H. Gollwitzer, Die Existenz Gottes im Bekenntnis des Glaubens (BEvTh 34), München 1963 📖. Nach Gollwitzers These wird durch die oben genannte Vorstellung Gott zum «Mythologoumenon» menschlicher Selbstverwirklichung (S. 39), zum bloßen Ausdruck für ein humanes Phänomen (S. 73).↩
49
Vgl. oben S. 148­, Anm. 44.↩
50
Gemeint ist Hinrich Stoevesandt.↩
51
Gemeint ist Karl Barth.↩
52
Vgl. die bei den mittelalterlichen Scholastikern gebräuchliche Formulierung auch in der Constit. «Benedictus Deus» vom 29.1.1336 von Papst Benedikt XII., DH 1000 📖: «[…] vident divinam essentiam visione intuitiva et etiam faciali, nulla mediante creatura in ratione obiecti visi se habente, sed divina essentia immediate se nude, clare et aperte eis ostendente […]»↩
53
In dem die reformierten Kirchen der Schweiz seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmenden «Richtungswesen» vertreten die «Positiven» ein «konservatives», «rechtgläubiges», «bibelgläubiges» Christentum.↩
54
In dem in Anm. 53 genannten «Richtungswesen» sind die «Reformer» die kirchlich-theologisch Liberalen.↩
55
= Gerede.↩
56
K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 116. 📖↩
57
Vgl. z. B. die Berichterstattung in der Basler National-Zeitung, Jg.121, Nr. 125 (16./17.3.1963), Nr. 126 (18.3.1963), Nr. 129 (19.3.1963, Abendblatt), Nr. 133 (21.3.1963, Abendblatt), Nr. 137 (23./24.3.1963), Nr. 175 (18.4.1963) 📖. Allerdings wird in dieser Berichterstattung in erster Linie die Möglichkeit diskutiert, daß die Epidemie durch «ausländische Saisonarbeiter eingeschleppt wurde».↩
58
Absturz eines Verkehrsflugzeugs bei Dürrenäsch (Kt. Aargau) am 4.9.1963. Barth erwähnt diesen Absturz auch in seiner Predigt vom 24.12.1963 in der Strafanstalt Basel; vgl. Pr. 1954-1967, S. 242-251, dort S. 245 📖.↩
59
Fr. von Schiller, Wilhelm Tell, 2. Akt, 2. Szene 📖.↩
60
Die stark emotionsgeladenen, von Gewalttätigkeiten begleiteten Separationsbestrebungen des französischsprachigen, überwiegend katholischen, im Schweizer Jura gelegenen Teils des Kantons Bern, die dann 1978 zur Gründung des neuen Kantons «Jura» führten.↩
61
Ein Erdrutsch im Oberetschgebiet verursachte in der Nacht vom 9. zum 10.10.1963 eine Überflutung des Staudamms von Vaiant, wodurch sieben Dörfer zerstört und rund 2500 Menschen getötet wurden. Die Meldung, daß der Staudamm gebrochen sei, erwies sich später als Irrtum. Vgl. auch hier Pr. 1954-1967, S. 246 📖.↩
62
Gemeint ist das so betitelte Kap. 11 in: K. Barth, Einführung, a.a.O., S. 133-145 📖.↩
63
Wirkungsstätte des Kirchenvaters Aurelius Augustinus (354–430) in seiner Zeit als Bischof.↩