20. Oktober 1963

Gespräch mit Studenten in Paris

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GESPRÄCH MIT STUDENTEN IN PARIS

Das Gespräch wurde auf französisch veröffentlicht unter dem Titel: «Un Texte inédit de Karl Barth. Le Christ et les Girafes», in: Le Semeur, Jg. 65, Nr. 6 (Paris 1966/67), S. 136-155 📖. Nach der dort gegebenen Einleitung (S. 136) fand dieses Gespräch während eines Besuchs von Barth «vor mehr als vier Jahren» in Paris mit «einigen Theologiestudenten» statt - das genaue Datum war nach Barths Eintrag in seinem Taschenkalender der 20.10.1963. Er hatte den Teilnehmern nach dem Gespräch die Erlaubnis gegeben, die Tonbandaufnahme davon in einen Drucktext umzusetzen und zu veröffentlichen. Daß es erst mit Verspätung dazu kam, lag daran, daß das Tonband längere Zeit verschollen war. Jene Einleitung betont die Bezogenheit des Gesprächs auf die besondere französische Situation und auf Fragestellungen der französischen evangelischen Kirche. Und dort wird ferner zu Barths Französisch bemerkt: «Faute du pouvoir reproduire les intonations de voix, extrêmement intéressantes à notre avis (si nous étions riches nous aurions édité un disque) nous avons conservé et le caractère de langage parlé de la discussion et quelques obscurités de syntaxe présentes dans les réponses de Barth, dont la langue ›maternelle‹ est l’allemand.» Bei der Übersetzung des Textes half Christine Soland.

Gespräch mit Studenten in Paris

1. Gegenwart Christi in der Welt außerhalb der Kirche
Keine Trennung zwischen Kirche und Welt
Frage 1:

Auf welche Weise ist Christus gegenwärtig in der Welt außerhalb der Kirche, und an welchen Zeichen kann man die Herrschaft Christi in der Zeit der Geduld Gottes [vgl. 2. Petr. 3,9] erkennen? Diese Frage kann man in zwei Aspekte zerlegen: 1. Handelt Christus außerhalb der Kirche? 2. Wenn man diese erste Frage bejaht: Kann ich meinen Glauben an einen Herrn, der die Geschichte regiert und der die Welt, trotz allem, zusammenhält, nur bekennen, oder kann ich wirklich fast objektive Zeichen dieser Herrschaft vorweisen?

163Barth:

Erlauben Sie mir, zunächst einmal Ihre Frage in Frage zu stellen: Wichtig ist vor allem, dieses Problem nicht in Begriffen einer Trennung von Kirche und Welt zu bedenken. Anscheinend nehmen Sie an, daß die Gegenwart Christi und der Tatbestand von Zeichen seiner Gegenwart in der Kirche selbstverständlich sind, während dies in der Welt ein Problem ist, über das zu diskutieren ist. Müßte man da nicht beginnen mit der Gewißheit der Solidarität von Kirche und Welt im Verhältnis zu Jesus Christus? Ist die Gegenwart Christi in der Kirche weniger wunderbar als seine Gegenwart in der Welt? Ist jenseits der Grenzen der Kirche das Geheimnis der Gegenwart Christi nicht ebenso groß?

Ich möchte beginnen mit dieser Gewißheit: Ja, er ist gegenwärtig! Er ist gestorben für die Christen und Nichtchristen. Er ist auferstanden. Er regiert. Er ist Herr in der Welt, in der Menschenwelt, in der ganzen Welt und auch für die Kirche. Und im Grunde, wenn man eine Vorstellung, eine Erfahrung hat von dem, was seine Gegenwart für uns, die Christen, bedeutet, dann ist es in einem gewissen Sinn leichter, sich darüber Rechenschaft zu geben, daß er auch in der Welt gegenwärtig ist. Denn im Grunde ist das das große Wunder, daß er die Güte hat, gegenwärtig zu sein - sogar für die Theologen. Das ist erstaunlich. Und [doch] meint jeder: mir ist er [schon] gegenwärtig! Wir Christen wissen, daß wir das nicht verdienen, daß er gegenwärtig ist. Wenn wir das für uns annehmen, ist es [aber] unvermeidlich, daß wir das auch annehmen für die anderen. Man müßte mit dieser Gewißheit beginnen und nicht erst am Ende mit einer Idee von seiner Gegenwart bei uns oder in der Welt kommen, sondern wissen: er ist gegenwärtig. Man muß das annehmen in einem demütigen und bescheidenen Geist. Von Anfang an ist man zusammen mit der Welt.

  Die Wirklichkeit der Bibel und die Wirklichkeit der Zeitung

Zum Thema der Zeichen seiner Gegenwart! Beginnen wir bei uns selbst! Gibt es da Zeichen? Man könnte mit gewissen theologisch sehr korrekten Antworten zufrieden sein. Ja sicher: er ist da gegenwärtig, wo das Wort gepredigt wird - da, wo die Bibel geöffnet ist, sicher. Ja, und dann natürlich kann man immer antworten: er ist da, wo sich sein Geist spüren läßt.

164 Gut, aber, nicht wahr, Ihre Frage nach Zeichen geht weiter? Sie wären nicht zufrieden, wenn ich Sie auf diesen Antworten sitzen ließe. Die Gegenwart Christi - dessen, der da war, ist und sein wird [Apk. 1,8], wahrer Gott und wahrer Mensch: Sie haben überall ein Zeichen seiner Gegenwart, wo es etwas Göttliches gibt: die Gottheit droben und vielleicht Anbetung und dann Glauben an Gott - was weiß ich noch. Nein, das reicht [aber] nicht. [Oder] da, wo es ein Gefühl der Gerechtigkeit vor Gott gibt. Gut, das alles ist wahr. Aber das genügt nicht. Andererseits können Sie sagen, das wäre ebenso richtig: Christus ist da gegenwärtig, wo es Menschlichkeit gibt, wo man seinen Nächsten liebt, wo man ihm dient. Albert Schweitzer sieht die Gegenwart Christi einfach in den demütigen Taten der Liebe.1 Aber Sie spüren es wohl, das genügt auch nicht - denn Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Und alle diese Dinge sind nur Abstraktionen: die Frömmigkeit, die in die Höhe steigt, und die Liebe, die hinuntersteigt. Als Abstraktion ist es nicht Christus. Christus ist da, wo es die Einheit gibt: die Einheit dessen, was in der Vertikalen und Horizontalen zusammenkommt. Christus ist da gegenwärtig, wo Gott gegenwärtig ist und zugleich der Mensch, der Nächste - ob Christ oder Nichtchrist, aber der Mensch -, der wirkliche Mensch und der wirkliche Gott und nicht eine Idee von Gott, sondern Er selbst. Der Herr der Armen, dieser traurigen Menschheit. Der Herr, so wie er auf Golgatha gegenwärtig ist. Wahrer Gott und wahrer Mensch in dieser Einheit!

Sie haben ein Zeichen von Christus überall, wo Sie dieser Einheit begegnen. Es ist [freilich nur] sein Zeichen - denn schließlich sehen wir ihn noch nicht in seiner ganzen Herrlichkeit. Im Gegenteil, die Regel wird allemal sein, daß er verborgen ist. Wir sehen ihn nicht - weder in der Kirche noch in der Welt. Wir haben [nur] Spuren - aber so offenbart er sich. Das ist das fortwährende Problem jedes theologischen Seminars, ob diese beiden Sachen spürbar werden, gegenwärtig sind: wirklich Gott und wirklich der Mensch - mit anderen Worten: wirklich die Bibel und wirklich die Zeitung. Von Zeit zu Zeit kann |165 uns ein solches Zeichen sogar in einem theologischen Seminar begegnen. Es ist erstaunlich, aber Christus ist so mächtig, daß er sich selbst unter den Theologen manifestieren kann. Wir können ihn nicht zwingen, aber von Zeit zu Zeit erlaubt er uns, etwas [davon] zu sehen und zu hören.

Aber jetzt sind Sie vor allem interessiert an der äußeren Welt. Gewiß ist er auch [da] gegenwärtig, ja, vielleicht [sogar] in einem viel potenzierteren Grad. Oft hat man den Eindruck, daß man sich in der Welt inmitten eines enormen Orchesters befindet, das spielt. Eine vollständige Harmonie umgibt uns. Nur eines fehlt: daß die Menschheit und in dieser Menschheit die Kirche mitmacht, an diesem Orchester teilnimmt und mit schöner Stimme [mit]singt. Oft hat man den Eindruck, daß die Welt viel erfüllter ist von dieser Gegenwart Christi als - ja, als die Menschheit und innerhalb dieser Menschheit die Kirche. Kurz, es sind [da] Fragen zu stellen, aber es sind [da] auch Erfahrungen zu machen.

  Karl Barth im Kino: Der Christ und die Giraffen

Wir waren unlängst im Kino. Und wir haben einen Film über Afrika gesehen: eine Reise von Norden nach Süden. Und wir haben [dabei] all die Tiere bewundert: Elefanten, Nilpferde, Giraffen, Affen von allen Sorten. Und nun fragen Sie mich: «Und Jesus Christus?» Hm, man muß sich dieser Frage stellen … Und dann hat man [in dem Film] auch Menschen gesehen: Afrikaner, die getanzt haben. Ich gestehe, daß ich die Giraffen diesen tanzenden Menschen vorziehe. Und dann zuletzt waren es nicht mehr nur Afrikaner, sondern es waren auch Weiße am Kap. Und dann spürte ich noch weniger die Gegenwart Christi unter den Weißen als unter den tanzenden Afrikanern. Vielleicht ist das ein Eindruck, mehr oder weniger richtig oder falsch. Aber warum sollte Christus daran gehindert sein, - ja, in seiner ganzen Präsenz anwesend zu sein in der Wüste des Nils, sogar unter den Tieren? Anwesend, ja - aber sehr verborgen, und sehr verborgen in der schwarzen Menschheit und sehr verborgen in der weißen Menschheit. Vielleicht gab es unter den Menschen, die wir [da] gesehen haben, auch Christen. Ich erinnere mich nicht, unter diesen weißen oder schwarzen Menschen und eventuell Christen eine besondere Gegenwart [Christi] gesehen zu haben. Ich war nur gewiß: er ist auch |166 da gegenwärtig. Aber nicht wahr, das alles können immer nur Zeichen sein. Immer. Außerhalb der Kirche und innerhalb der Kirche Zeichen.

Und im Grunde ist Ihre Frage eine eschatologische Frage. Denn wenn es darum geht, mehr als [nur] Zeichen seiner Gegenwart in der Welt zu sehen, so wird es dazu seiner Wiederkunft bedürfen. Und dort werden unsere Augen offen sein, und wir werden die ganze Welt sehen - die Giraffen und die Elefanten, die Schwarzen und die Weißen, die Christen und die Kommunisten, … - wir werden sehen, in welchem Sinn jetzt gerade Jesus Christus während der ganzen Zeit und an allen Orten gegenwärtig war. Der Schleier, der jetzt alles verhüllt, wird [dann] gelüftet sein. Und dann wird man unmittelbar sehen, daß er nicht umsonst gekommen ist, aber [ihn dann] als den Herrn und Herrscher. Wir werden dann sehen, daß wir schon jetzt Grund haben, dankbar zu sein und unsere Aufgabe anzufassen. Wir als Christen, wir haben die Erlaubnis, ihn zu kennen, zu wissen, daß er gegenwärtig ist, … bescheiden zu sein, was unseren Unterschied von der Welt betrifft, aber zu wissen, daß er da ist, [und] es den anderen zu sagen - in unseren kleinen Taten [und] in unseren kleinen Worten. - Genügt das? Sonst fragen Sie mich weiter!

Fragesteller:

Im ganzen ist das reichlich genug.

Barth:

Ich bin zufrieden.

  2. Wo ist Jesus Christus?
Keine ernsthafte Frage
Frage 2:

Wo [können wir] zu Jesus Christus blicken? Wo ist er?

Barth:

Können Sie ernstlich diese Frage stellen? Das ist keine ernsthafte Frage. Vielmehr, Sie kennen ihn und können [dann doch] nicht sagen: Wo finde ich ihn? Sie leugnen sozusagen das Prinzip. Wir haben angefangen bei der Gewißheit: Er ist gegenwärtig. Und natürlich, er ist gegenwärtig für Sie oder für den Teil der Kirche, wo er sich offenbaren will. Aber ich kann Ihnen nicht bestimmte Gestalten von Ereignissen, in denen er gegenwärtig ist, anzeigen, weil das ein vollständiger Irrtum wäre. Er ist gegenwärtig nach seinem guten Willen. Und er ist gegenwärtig für Sie, für mich, für uns alle - da, wo wir die Freiheit haben, an ihn zu glauben. Aber sehen Sie, das ist immer unser |167 Fehler und besonders der Fehler von uns Theologen, mit dem [subjektiven] Glauben anzufangen - [erst] anzunehmen: «Ich glaube nicht» und nun fragt man, beinahe fordert man: «Wo ist er? Zeigt ihn mir!» Anstatt einfach anzuerkennen: Er ist auch für mich da! Vielleicht oft während Tagen, Wochen, ganzen Jahren nehme ich ihn nicht auf eine auch nur einigermaßen hinlängliche Weise wahr - oder ich fühle mich in der Wüste usw. All das passiert uns. Aber die Voraussetzung selbst in unseren Leiden, in unserem Hunger und unserem Durst ist, daß er der Herr ist, daß er für uns gestorben ist, daß er auferstanden ist, also, daß er lebt. Man soll nicht einen Umweg um seine Wirklichkeit herum machen und sich [dann] fragen: Wo ist er denn wirklich? Entschuldigen Sie, ich kenne Sie nicht, aber Ihrer Frage fehlt der rechte Ernst.

3. Reden und Schweigen
Die Sprache ist die wahrhaft menschliche Eigenschaft
Frage 3:

Ich frage mich, warum es unmöglich ist, daß die Predigt, die für die Welt bestimmt ist und die beim gegenwärtigen Stand der Dinge allein in der Kirche gehalten wird, von dieser Welt gehört werden und in einer ihr verständlichen Sprache gesagt werden kann? Handelt es sich heute [bei den Predigten] um eine geheime Zusammenkunft von Eingeweihten, um eine Art von esoterischem Geschwätz? Und ich möchte wissen, ob Sie nicht [auch] meinen, daß für die Kirche, die so redet, so schlecht geredet hat, die Zeit gekommen ist, eine Form von Schweigen anzunehmen?2

Barth:

Hören Sie auf mit diesem Spiel!

Fragesteller:

 … das Schweigen anzunehmen, indem eine Perspektive wiederentdeckt wird, die mir evangelisch scheint: [die] eines «Christus incognito», eines Christus, der seinen Jüngern sagte: «Ihr werdet mich nicht immer unter euch haben» [Joh. 12,8b]. Gibt es nicht eine schweigende Verkündigung der Kirche, deren Stunde heute gekommen ist?

168Barth:

Noch einmal, ich habe Ihre Art zu unterscheiden nicht so gerne. Sicher, es gibt Stunden des Schweigens. Ja, vielleicht, daß es gezwungenermaßen während einiger Zeit auch für die Christenheit zu schweigen gilt. Aber was mir an Ihrer Frage nicht gefällt, ist, daß Sie, wie mir scheint, die Menschheit, die Kirche, ihre Geschichte inspizieren und eine Geschichtsphilosophie errichten, mit der Sie feststellen wollen, daß jetzt der Augenblick des Schweigens angebrochen ist oder anbrechen muß. Woher wissen Sie das?

Sogar um das Schweigen auszurufen, müssen sie reden, ja, wirklich, nicht wahr? Die größten Mystiker haben geredet, haben geschrieben über die Stille. Folglich können Sie dem nicht entgehen zu reden. Und Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, es gebe sozusagen eine göttliche Entscheidung: «Jetzt Schweigen!» Da wir Menschen sind, haben wir glücklicherweise die Erlaubnis, - auch zu schweigen von Zeit zu Zeit; aber was uns zu Menschen macht, ist, daß wir sprechen können. Die Sprache ist die wahrhaft menschliche Eigenschaft. Und wenn Sie auf einmal die Sprache unterdrücken, dann betreten Sie eine zweideutige und zweifelhafte Sphäre. Sogar wenn Sie schweigen, machen Sie etwas. [Immerhin,] im Verfolg des Studiums sind Sie noch im Bereich eines gewissen Schweigens. [Aber] da Sie ja glauben, so etwas wie eine Berufung für das Predigeramt zu haben, wird der Moment kommen, wo Sie auf eine Kanzel steigen müssen. Und dann werden Sie reden müssen. Und Sie können nicht vom «Schweigen» reden, sondern Sie müssen von Christus reden.

Die Müdigkeit, die Kompliziertheit - werden wie die Kinder

Fluchtbewegungen sind nie gute Bewegungen. Wenn Sie fliehen wollen, müssen Sie zum Herrn fliehen [vgl. Ps. 71,3], und zwar so, daß Sie vorwärts gehen statt rückwärts. Alles, was heute im Sinn Ihrer Frage gesagt wird, mißfällt mir ein bißchen, weil es mir von einem müden Geist herzukommen scheint. Es wäre mir lieber, wenn junge Menschen, die Bücher gelesen und jahrelang studiert haben, ein bißchen Mut hätten und daß Sie sagen würden: «Nun vorwärts!» und «Ich freue mich, auf eine Kanzel zu steigen.» Vielleicht wird das keinen Erfolg haben - aber: vorwärts und nicht rückwärts! Die Christenheit, ja, die hat immer geredet. Oft, zu 99 Prozent war es nicht viel wert. Aber jetzt seid ihr an der Reihe. Wie ein Vogel auf dem Baum |169 singt euer kleines Lied! Seid ein bißchen jünger! Das ist eine Frage von Greisen. Ich bin ein Greis. Aber ihr seid jung. Meine Antwort: Avanti! und nicht: «pst!» Das ist mehr eine Ermunterung als eine Antwort.

Fragesteller:

Wir haben eine schwer belastete Vergangenheit hinter uns.3 Jedes Wort hat eine Geschichte. Und wir müssen verstehen, wie unsere Sprache gehört werden wird, aufgenommen werden wird mit all dieser verworrenen Geschichte. Es ist, wie wenn die Wege, die neu vor uns sein sollten, schon abgestampft worden wären.

Barth:

Die Geschichte der Christenheit ist von Anfang an die Geschichte ihrer Sprache. Und jetzt seid ihr in den letzten Gliedern dieser Geschichte, und ihr müßt die Sprache von heute finden, aber die Sprache und nicht das Schweigen.

Fragesteller:

Könnte sich diese Predigt heute nicht in einer Sprache ausdrücken, die nicht diejenige der Wörter ist?

Barth:

Ja, aber … - das passiert sicher, daß ihr nicht nur zu reden habt, sondern ihr seid Mensch und ihr lebt auch. Und euer Leben wird der Zeuge eures Zeugnisses sein. Ich rede nicht von einem abstrakten Wort. Aber fürchten Sie nicht …

Fragesteller:

Und haben wir nicht historische Entscheidungen zu treffen, Positionen zu beziehen gegenüber der Geschichte, gegenüber historischen Situationen - Positionen, die ein integrierender Bestandteil der Verkündigung wären so wie die Worte? Und in diesem Moment, muß man da nicht historische Entscheidungen finden, die Zeichen wären?

Barth:

Das ist nicht möglich zu denken: «Ich werde Zeichen der Gegenwart Christi kreieren!» Wenn es Zeichen gibt, dann ist es immer er selber, der sie wählt, und [zwar] quer durch das hindurch, was die Gläubigen und Nichtgläubigen machen, denken und sagen. Für euch wäre die[se] Aufgabe zu anmaßend. Unsere Aufgabe ist es, einfach Zeugnis zu geben - von seiten Gottes, der der Gott der Menschen ist, und von seiten der Menschheit, die die Menschheit Gottes ist. Aller|170dings müssen Sie die rechte Sprache finden. Aber die rechte Sprache kann nicht mit solchen Problemen beschrieben werden wie: «Wie nähert man sich dem modernen Menschen?» usw. Die Frage ist: «Was ist die richtige Antwort, die ich gehört habe?» Indem ich mich in der Mitte zwischen der Bibel und der Zeitung  befinde, wie ich es gesagt habe, nicht wahr, indem ich mich da befinde, höre ich die Stimme Christi auf der einen Seite und auf der anderen …, und jetzt habe ich öffentlich zu antworten: Antwort nicht nach meiner Erfindung, nicht einmal nach meiner theologischen Kunst, meiner Exegese, meiner Dogmatik, sondern Zeugnis zu geben von der Gegenwart Christ, so wie man sie uns bezeugt hat.

Ist das nicht genug? Die Fragen sind lustig, die ich hier höre. Sie sind alle so kompliziert. Und ich bin es, der einfach ist. Sie sind jung, aber es scheint mir, Sie sprechen ein bißchen wie Greise. Man soll werden wie die Kinder [vgl. Mt. 18,3]. Und zu dem Zweck studieren Sie Theologie, damit Sie wieder Kinder werden.

4. Institution und Ereignis
Vorrang des Ereignisses, Notwendigkeit der Institution
Frage 4:

Es handelt sich nicht um eine theologische Frage, sondern vielmehr um einen Punkt der Geschichte des Barthianismus. Es geht um eine Präzisierung bezüglich der Ekklesiologie, die man speziell in einem Text finden kann, der bestimmt war zur Vorbereitung auf die Konferenz von Amsterdam, und vor allem im § 244. Ich möch|171te Ihnen zwei Fragen stellen: 1. Zuerst, ob man zusammenfassend sagen kann, daß nach Ihrer Meinung die Kirche ausschließlich «Ereignis» ist? 2. Und wenn ja, so scheint mir, daß viele Leute diese Ekklesiologie so behandeln, als ob sie ein separater Punkt Ihres Denkens sei - als ob man Ihre ganze Christologie und das Ganze der Dogmatik annehmen, aber es so betrachten kann, daß die Ekklesiologie ein Punkt ist, den man verwerfen kann. Also, ich möchte wissen, ob Sie nicht meinen, daß es sich [da] um einen Widerspruch in der Interpretation Ihres Denkens handelt?

Barth:

Sehen Sie, in gewissem Sinn ist alles, was unseren Glauben betrifft und vor allem sein Objekt, oder vielmehr dieses Subjekt: Gott in Jesus Christus, … - ist das alles Ereignis. Ich sage nicht: Historie! Ich mag das Wort Historie nicht. Aber es ist Ereignis. Das heißt: Es hat sich etwas ereignet, es ereignet sich, und es wird sich ereignen. Man ist immer im Zug eines Ereignisses. Das betrifft auch die Kirche. Sie haben recht. Auch die Kirche existiert nur, indem sie Kirche wird. Die Kirche ist keine statische Sache. Sie ist die Wirkung einer Dynamik, nicht eine willkürliche, sondern die der göttlichen Dynamik. Parallel zur göttlichen Bewegung gibt es eine menschliche Bewegung. Und diese menschliche Bewegung, dieses Ereignis ist das, was wir Kirche nennen: die Kirche als Ort, wo die großen Realitäten des göttlichen Wirkens bezeugt werden durch Menschen. Sie haben das Wort «Strukturen» erwähnt.5 Die Kirche wird immer ihre Strukturen haben. Das zu leugnen wäre ein ekklesiologischer Doketismus. Es gibt eine gewisse Gefahr, die Tatsache zu vernachlässigen, daß es Strukturen gibt. Aber diese Strukturen können nur dem Ereignis dienen; weil es ein Ereignis auf der Erde, in der Geschichte, in der Zeit ist, braucht es auch menschliche Strukturen: gewisse Formen von Theologie, Formen von Gottesdienst usw. Ja, man verstünde sogar dieses Ereignis nicht, wenn man leugnete, daß es auch ein bißchen Theologie gibt.

172 Wenn ich mich der These von Jean-Louis Leuba6 widersetze, widersetze ich mich nicht seiner Meinung, daß es Ereignis und Institutionen gibt. Aber er sagt etwas anderes: Er sagt, daß es Institutionen und Ereignis gibt. Und das ist zuviel. Eine übertriebene Behauptung! Das Ereignis geht voraus, die Institution folgt. Und wenn sie folgt, ist alles in Ordnung. Und die Institution wird immer das veränderliche Element sein - nicht das verächtliche, aber das veränderliche. Es gibt Zeiten, wo bestimmte Institutionen notwendig sind. Zum Beispiel in der Theologie, da muß man dieses verstehen und andererseits jenes konstatieren. Aber alles, was man in der institutionellen Ordnung macht [und] was man sagt, selbst in der Theologie, selbst in der Kirchlichen Dogmatik mit ihren 8 000 Seiten … - all das geht so dahin, hat seine Zeit. Hoffen wir, daß diese Zeit zu etwas dient! Und das genügt - [für] ein Jahrhundert vielleicht, ein halbes Jahrhundert, einige Jahre, das genügt. Aber passen wir auf, daß wir nicht insistieren - weder auf eine Dogmatik noch auf diese oder jene Form von persönlichem christlichem Leben noch auf gottesdienstliche Formen!

Tun wir unser Bestes! Seien wir gehorsam und weichen also nicht dieser Notwendigkeit von Strukturen aus! Seien wir nicht faul, nicht ähnlich jenem Menschen des Gleichnisses [Mt. 25,14-30], welcher sein Talent versteckte und sagte: «Wohlan, es nützt nichts zu arbeiten, ich ziehe es vor, (entschuldigt!) - zu schweigen…» Nein, tun wir unser Bestes, im Gehorsam des Glaubens! Aber lassen wir dem lebendigen Gott seine Freiheit! - und alles wird gut gehen, meine ich.

Wir haben jetzt ein interessantes Beispiel: in der katholischen Kirche. Sie haben bemerkt, was sich da ereignet.7 Wir haben geglaubt, daß in der römischen Kirche alles statisch sei. Wir bemerken jetzt eine Dynamik, und sobald diese Dynamik selbst in dieser päpstlichen Kirche anerkannt wird, sobald es [da] Menschen gibt, die gehorsam sein wollen, beginnen die Institutionen zu «rollen» - nicht zugrundezugehen, aber sich zu bewegen. Woher kommt diese Veränderung? Es |173 riecht nach Reformation. Sie verstehen mich, ich rede nicht von der Reformation des 16. Jahrhunderts, sondern von der der Kirche nötigen Reformation. Denn Sie kennen das Wort: «Ecclesia reformata et semper reformanda».8 Die Kirche, «die reformiert wurde» - ja, wir glauben, im 16. Jahrhundert hat eine Reformation stattgefunden, und seither gibt es eine reformierte Kirche, aber [sie ist] «immer zu reformieren». Und passen wir auf, daß die Katholiken nicht besser als wir verstehen, was das bedeutet: «ecclesia semper reformanda»!

Ist es legitim, daß sich eine Gruppe Kirche nennt?

Fragesteller:

Ich möchte eine Präzisierung haben. Ich verstehe gut die Notwendigkeit von Strukturen. Aber würden Sie diese Strukturen noch «Kirche» nennen? - wo Sie doch ausdrücklich geschrieben haben: «Die Kirche ist nicht die sichtbare Gruppe von Menschen, die an Jesus Christus glauben»9! Was will dieser Satz sagen?

Barth:

Ja, [so steht es,] nämlich solange [die Kirche] «eine Gruppe» ist. Natürlich ist da auch eine Gruppe. Aber insofern sie eine menschliche Gruppe ist, ist es nicht die Kirche. Was die Kirche hervorbringt, was sie «formt», ist die Stimme des guten Hirten, der seine Herde versammelt [vgl. Joh. 10,14.27] - und das ist etwas anderes. Diese Gruppe wäre [andernfalls] eine Vereinigung um eine Idee. Das ist auch eine gute Sache. Und natürlich, dort, wo der gute Hirte seine Herde sammelt, wird es auch eine «Formation» geben: eine menschliche Formation, und also kann die Kirche, von unten her gesehen, einer solchen Gruppe gleichen. Aber man muß festhalten: das [als solches] ist nicht die Kirche. Die Kirche ist verborgen unter dem, was einer solchen Gruppe gleicht. Sie ist die Herde des Herrn.

Fragesteller:

Ist es also legitim, daß diese Gruppe sich Kirche nennt?

Barth:

Nein, diese Gruppe sollte sich nur in diesem Sinne Kirche nennen: «Wir glauben schlicht, daß nicht wir, wir Christen, uns zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben. Insofern wir uns zu einer Gruppe formieren, ist das wieder eine andere Angelegenheit. Aber |174 wir schließen uns [unsererseits] ein bißchen zu einer Gruppe zusammen, weil wir zu einer Gruppe zusammengeschlossen sind.» Insofern sie [die Christen] sich selber in diesem Sinn verstehen, mag es ihnen erlaubt sein, sogar als «Gruppe» zu existieren. Das ist [dann] nicht so schlimm.

Frage (eines katholischen Priesters):

Hatten z. B. die Urchristen oder hatten jene der Apostelgeschichte solche Skrupel wie Sie, die geschichtliche Gruppe jener, die durch das Ereignis von Ostern und Pfingsten berufen worden waren, mit der Kirche zu identifizieren? Und im Alten Testament: Hatte das Wüstenvolk Jahwes solche Skrupel?

Barth:

Haben Sie den Eindruck, daß ich Skrupel habe?

Der Priester:

Ich habe den Eindruck, daß Sie Angst haben, man nehme die geschichtlich feststellbare «Gruppe» zu ernst, und die Tatsache, daß man diese geschichtliche Gruppe zu ernst nimmt, führe uns dazu zu vergessen, daß diese Gruppe allein in einem Aktualismus des «Ereignisses» existiert.

Barth:

Ah ah - ah ah.

Sich neuen Fragen stellen

Der Priester:

Sich neuen Fragen stellen, kritisch sein …

Barth:

Ja, was die Christenheit zum Beispiel in der Apostelgeschichte angeht: In dieser Hinsicht hatten sie[, ihre Glieder, damals noch] nicht die Notwendigkeit, Fragen zu stellen, die man sich, scheint mir, [heute] auch in Ihrem Lager stellt. Man scheint auch da «Skrupel» zu haben. Ohne diese Skrupel gäbe es nicht das Konzil und seine Probleme. Also, wir sind in dieser Hinsicht beisammen.

Ja, ich könnte mich in diesem Sinne auch «katholisch» nennen und Sie, in einem guten Sinn, «evangelisch», um nicht zu sagen: «protestantisch». Sie sind entschuldigt. Aber ist es nicht im Lauf der Kirchengeschichte unvermeidlich, daß man sich heute gewisse Fragen stellt, die in der Apostelgeschichte noch nicht gestellt wurden? Und daß man heute in einem rechten Sinn darauf antwortet, darauf kommt es an, nicht wahr? Und [wichtig ist,] sich diesen Fragen zu stellen, mit oder ohne Skrupel. Ich bin kein sehr skrupulöser Mensch und Sie auch nicht, nicht wahr? Skrupel haben ist immer schlecht. Aber kritisch sein, das hat einen Gewinn, der die Mühe der Kritik aufwiegt. Und |175 nehmen wir das ernst! Wir sind uns im entscheidenden Punkt einig, daß Christus der gute Hirte ist, der die Kirche immer neu gründet. Und er macht das dann immer - ich sage nicht: indem er die menschlichen Formen der Kirche erdrückt, aber im Kontrast zu ihnen, so wie sie sich während Jahrhunderten geformt haben. Und also, es ist nötig, daß die Kirche wachsam sei. Und was Sie da «Skrupel» nennen, das ist [tatsächlich] nur meine Absicht, wachsam zu sein.

Sachfußnoten

1
Vgl. A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen (1913) 1951, S. 639-641 📖; ders., Kultur und Ethik (1923), München 1960, S. 316-368; bes. S. 365f 📖.↩
2
Der Hintergrund dieser Frage ist die These, die damals in Frankreich im Zusammenhang der Arbeiterpriester-Bewegung  aufgeworfen und diskutiert wurde, vgl. oben S. 34­, bei Anm. 9.↩
3
Anspielung auf die Hinterlassenschaft des Algerienkriegs (s. S. 38­, Anm. 1), aber wohl auch auf die Kooperation der französischen Marionetten-Regierung in Vichy mit dem deutschen Hitler-Staat nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940. Vgl. dazu: S. Klarsfeld, Vichy - Auschwitz. Die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Behörden bei der «Endlösung der Judenfrage» in Frankreich, übersetzt von A. Meyer, Nördlingen 1989 📖.↩
4
K. Barth, L’Eglise congrégation vivante de Jésus-Christ le seigneur vivant, in: L’Eglise universelle dans le dessein de Dieu. Tome I des documents préparatoires de l’Assemblée Générale du Conseil Oecuménique des églises, Amsterdam 1948, Neuchâtel 1947, S. 95-107, dort S. 102f. (§ 24)(wieder abgedruckt in: K. Barth, L’Église, Genève 1964, S. 107-117, dort S. 114): «L’Eglise n’est ni la communauté ni le groupement visible des hommes qui croient en Jésus-Christ, ni l’organe qui les représenterait sous forme monarchique, aristocratique ou démocratique. Elle n’est pas une idée ni une institution ni un pacte. Elle est l’événement qui rassemble deux ou trois hommes au nom de Jésus-Christ, c’est-à-dire par la puissance de l’appel qu’il leur adresse et du mandat qu’il leur confie. La structure de l’église n’a de sens que par rapport à cet événement: la congrégation vivante.» Deutsch: Die Kirche - die lebendige Gemeinde des lebendigen Herrn Jesus Christus, in: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 1: Die Kirche in Gottes Heilsplan, Zürich 1949, S. 71-79, dort S. 76f. (wieder abgedruckt in: Fr. W. Kantzenbach [Hg.], Zeugnis und Zeichen. Reden, Briefe, Dokumente, München 1964, S. 234–244, dort S. 241).↩
5
Das Wort von den «Strukturen» bezieht sich auf den letzten Satz des französischen Zitats in Anm. 4.↩
6
J.-­L. Leuba, L’institution et l’événement, Neuchâtel 1950, in deutscher Übersetzung: Institution und Ereignis. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Arten von Gottes Wirken nach dem Neuen Testament, Göttingen 1957.↩
7
Anspielung auf das am 25.1.1959 angekündigte und am 11.10.1962 eröffnete Zweite Vatikanische Konzil.↩
8
Zu der ungeklärten Herkunft dieser Wendung vgl. G. Bárczay, Ecclesia semper reformanda. Eine Untersuchung zum Kirchenbegriff des 19. Jahrhunderts, Zürich 1961, S. 19, Anm. 36.↩
9
Vgl. Anm. 4.↩