Gespräch in Bièvres
GESPRÄCH IN BIÈVRES
Am 20./21. Oktober führte die reformierte Pfarrerschaft des Pariser Distrikts ihre Jahrestagung in
Gespräch in Bièvres
1. Vorlesung: «Erläuterung».1 Seite 15: Gott offenbart sich «in der Geschichte durch seine Taten». Der Gott des Evangeliums ist lebendig. Er spricht zum Menschen [vgl.
2. Vorlesung: «Das Wort».3 Seite 23: «… unter vorläufigem Verzicht auf alle Apologetik …» Muß die Theologie nicht definitiv auf Apologetik verzichten? Heißt das Apologetik treiben, wenn man versucht, biblische Aussagen in die Sprache des modernen Menschen zu übersetzen? (S. 43) Apologetik und das Problem der Anpassung: Ohne |178 sich zum Gefangenen einer in sich verschlossenen Begrifflichkeit oder einer bestimmten Denkform zu machen, muß man nicht immer darauf bedacht sein, seine Botschaft «anzupassen» (bei unserer theologischen Arbeit, dann bei der Predigt), das heißt, sie dem Zeitgenossen verständlich zu machen?
Seite 31: Israels «Sendung als Mittler der Völker» [
(3. und 4. Vorlesung) Seite 51: Es gibt nicht zwei Quellen der Offenbarung: Schrift und Tradition. (Dazu liest
179 Und in Abschnitt 2: «Das Problem von Tradition und Schrift ist mehr oder weniger implizit bereits in der Bibel enthalten; in der Geschichte der christlichen Theologie wird es jedoch in aller Deutlichkeit gestellt. In der alten Kirche wurde das Verhältnis zwischen Tradition und Schrift noch nicht als problematisch empfunden. Seit der Reformation wurde ‹Schrift und Tradition› jedoch ein Kontroversgegenstand im Dialog der römisch-katholischen und protestantischen Theologie.» Und besonders die Stelle: «Auf römisch-katholischer Seite wurde unter Tradition gewöhnlich die göttliche Wahrheit verstanden, die nicht allein in der Heiligen Schrift ihren Ausdruck gefunden hatte, sondern mündlich überliefert worden war. Die protestantische Position berief sich auf ‹die Schrift allein› als der Autorität, die in allen Fragen des Heils unfehlbar und ausreichend sei und der darum alle menschlichen Traditionen unterworfen sein sollten.»
Und im Abschnitt 3: «Aus verschiedenen Gründen ist es an der Zeit, diese Positionen neu zu überdenken. Wir werden mehr und mehr bewußt, daß wir alle in verschiedenen Traditionen konfessioneller Prägung leben, eine Tatsache, die jemand durch die paradoxe Formulierung illustriert hat: ‹Es gehörte zur Tradition meiner Kirche, der Tradition kein Gewicht beizulegen›.» Und weiter: «… die Verkündigung des Evangeliums [ist] immer und unvermeidlich geschichtlich bedingt.»
Abschnitt 7 stellt die Frage: «Ist die Tradition in allen Traditionen, die sich als christliche ausgeben, enthalten? Wie können wir zwischen Traditionen, die die wahre Tradition verkörpern, und bloß menschlichen Traditionen unterscheiden?» «Tradition kann ja sowohl ein treues Überliefern des Evangeliums als auch seine Verzerrung bedeuten. Diese doppelte Möglichkeit zeigt, wie ernst das Problem der Tradition ist.»
Im Blick auf diese Texte zitieren wir schließlich folgende Zeilen von Pater
Zuerst eine Frage: Sie haben sich nicht mit dem Abschnitt über den Geist7 beschäftigt?
Doch, er scheint mir wichtig. Aber ich mußte mich beschränken, und ich denke, daß der eine oder andere Kollege jetzt dann zu Fragen [dazu] kommen wird. Ich hatte solche vorbereitet, aber der Herr
Herr Professor, wollen Sie auf jede Frage antworten? Wollen Sie, daß man die Fragen in der Reihenfolge Ihres Buches stellt? Gibt es noch andere Fragen, damit wir sonst nicht an den Anfang zurückkehren?
Ich denke, die beste Methode ist, daß ich die Fragen so behandle, wie sie mir auf dem Fragebogen übergeben worden sind, und gerade so, wie sie jetzt in diesem Votum erklärt worden sind. So bleiben wir einander näher, und dann mag es auch zusätzliche Interventionen geben. - Es ist noch ein Vorbehalt zu machen: Ich bin nicht darauf vorbereitet, die Texte von
Jedenfalls kam das nicht in den Fragen vor. Es wird interessant sein, im folgenden diese Texte beizuziehen, weil sie immer aktuell sind.
Ja, sicher … Sie fragen mich: Was denkt Herr Professor Barth von diesem Text? Nun, ich äußere mich nicht gerne über einen Text, der sozusagen offiziell ist, ohne ihn zuvor studiert zu haben, und zwar sehr gründlich. Ich habe ihn jetzt gehört. Ich habe ihn gelesen. Aber das genügt nicht. Es wäre eine Arbeit für sich, die Exegese dieser Texte von Montreal. Erwarten Sie darum nicht zuviel in Sachen Montreal …
181 Eben bittet man mich, direkt in diese Richtung zu sprechen, so daß man mich auf beiden Seiten, links und rechts, hören kann. Das erinnert mich an die Situation meines Freundes und Kollegen
Ich versuche jetzt, den Fragen zu folgen, so wie sie mir gestellt worden sind. Die erste über die erste Vorlesung betrifft die Beziehungen der Theologie zur Anthropologie. «Die Theologie kann nicht einen Gott ohne Menschlichkeit erforschen.» «Kann man jeden Begriff von Anthropotheologie ablehnen?» usf. Zuerst diese Beziehung zwischen Theologie und Anthropologie. Gewiß schließt die Theologie eine Anthropologie in sich. Die Anthropologie ist ein notwendiger, unverzichtbarer Bestandteil der Theologie selbst. Man kann daher die Anthropologie nicht vom Werk und von der Arbeit der Theologie ausklammern. Aber die Anthropologie muß als sozusagen theologische Disziplin dem übergeordneten Teil der Theologie selbst untergeordnet sein. Die Beziehungen und der Zusammenhang der Theologie mit der Anthropologie wären verfälscht, sobald man [dabei] durch philosophische oder wissenschaftliche Mittel diese oder jene alte oder moderne Anthropologie einbringt, eine aristotelische, hegelianische, heideggerianische, sartrianische [oder], wie ihr sonst wollt: Man würde [also der Theologie] diese Anthropologie voraussetzen und würde dann den Versuch unternehmen, die Theologie als eine Art Antwort einzuführen auf Fragen, die von dieser unabhängigen philosophischen Anthropologie in diesem oder jenem Sinn auf|182geworfen sind - so macht es
Jetzt die zweite Frage: «Kann man jeden Begriff der Anthropo[theo]logie ablehnen?» Ich habe den Ausdruck «Theanthropologie» vorgeschlagen.11 Habe ich den Referenten recht verstanden, so geht er mit diesem Vorschlag einig. Nur schließt er daran noch die Frage an: Gäbe es nicht auch eine Anthropotheologie im guten Sinn? «Könnte uns die Kenntnis des Menschen, an den sich Gott wendet, nicht helfen, Gott zu erkennen?» Das erinnert uns an das erste Kapitel der Institutio
Ja, in dem eben von mir erwähnten Sinn gibt es [wohl] eine Anthropotheologie: Es wäre [aber] der Teil der Theologie, in dem jetzt der Mensch als solcher Gegenstand der Untersuchung ist. Diese beiden Gegenstände, Gott und der Mensch, sind der Gegenstand der Theologie im ganzen - aufgrund der Tatsache, daß Jesus Christus der Gegenstand der Theologie ist. Und Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch! Ja, aber es muß hier auch sehr ernsthaft auf das gepocht werden, was aus dem Verständnis von Jesus Christus als wahrem Menschen heraus folgt. Es kann doch nicht sozusagen ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Elementen geben. Es ist klar: In Jesus Christus hat sich Gott zum Menschen gemacht. Aber immer ist es Gott, der, wie die alte Theologie es sagte, das Subjekt dieser gott-menschlichen Person ist.15 Es ist Gott, der die menschliche Natur angenommen hat. Darum muß eben die Theanthropologie den Vorrang haben, und so etwas wie eine Anthropotheologie, wenn Sie sie so nennen wollen, muß ihr folgen, nicht als gleichwertiger Teil. Man muß da einer Ordnung folgen, und in dieser Ordnung gibt es auch eine theologische Anthropologie. Genügt Ihnen das für den Moment, Herr Pfarrer?
Ich kann wohl sagen, das genügt. Aber, nicht wahr, die Erklärungen stehen nicht im Buche, und Sie scheinen mir [dort] jenen Begriff von Anthropotheologie sehr schnell zu verwerfen.
Ja, ich habe aber nicht nur dieses Buch geschrieben, und es ist unmöglich, alles, was in der«Dogmatik
Herr Professor sorgt sich, es könnte kein wirklicher Dialog entstehen. Aber vielleicht, daß der eine oder andere unter Ihnen, der die 600 Seiten des erwähnten Bandes gelesen hat, eine Frage stellen könnte. Offenbar weist uns die zweite Frage auf das 1. Kapitel zurück, und wir sind noch bei der Einleitung. Möchte einer von Ihnen jetzt noch eine Frage stellen, so daß wir nicht ständig ein Hin und Her haben?
Wenn Professor
Ja, denn wenn wir unsere Gotteserkenntnis bekommen, so ist es doch eigentlich die Erkenntnis Jesu Christi, der zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Also ist die Quelle unserer Erkenntnis zugleich Erkenntnis Gottes und des Menschen. In Jesus Christus sind sie eins. Darum darf man kein willkürliches Vorurteil in bezug auf Gott haben, sondern wir haben die Einheit von Gott und Mensch ins Auge gefaßt. Deswegen habe ich diesen etwas befremdlichen Vorschlag gemacht: Anstatt von Theologie reden wir doch von Thean|185thropologie. Kann doch der Gegenstand der Theologie weder Gott allein noch der Mensch allein sein, weder Gott ohne den Menschen, noch der Mensch ohne Gott, sondern beide in ihrem Miteinander, in ihrer Einheit. Ist das nicht klar? Sie werden mir leicht folgen, wenn Sie meinen Rat befolgen, christologisch zu denken. Streng genommen, hätte ich auch vorschlagen können, statt Theanthropologie einfach Christologie zu sagen. So hätte ich «Theologie» erklären können. Aber ich wollte das vermeiden, weil Theanthropologie erklärt, was Christologie ist. Nicht zufrieden?
Ich glaube, man darf dieses Problem nicht so in die Länge ziehen. Gibt es noch eine andere Frage? Zur Einleitung?
Eine Erläuterung zur Erläuterung? … So kommen wir also zur 2. Vorlesung: «Das Wort».18 Beginnen wir mit den beiden Fragen, die die Apologetik betreffen: «Muß die Theologie nicht definitiv auf die Apologetik verzichten?» Das wäre eine negative These. Wie mir scheint, machen Sie in Ihrer zweiten Frage den Vorschlag einer guten Apologetik, nicht wahr? Nämlich, wenn Sie sagen: «Heißt das Apologetik betreiben, wenn man versucht, die biblischen Aussagen in die Sprache des modernen Menschen zu übersetzen?» Könnte man nicht «Apologie» in dem Sinn verstehen, in dem dieser Ausdruck im Neuen Testament vorkommt? Ich denke an den
Ja, und jetzt befinden wir uns auf dem Gebiet vor allem unserer theologischen Diskussionen ja eigentlich schon lange, seit dem Mittelalter, wenn Sie mich fragen: «Heißt das Apologie treiben, wenn wir versuchen, die biblischen Aussagen in die Sprache des modernen Menschen zu übersetzen?» Hmm! Dieser «moderne Mensch» … Ich hätte es gern, daß jemand unter Ihnen aufsteht und mir darüber berichtet, was der moderne Mensch ist … Ich habe den Eindruck, der ist eine Art Gespenst, das die Christenheit und besonders die Theologen ermüdet, dieser moderne Mensch … Könnte jemand von Ihnen eine klare und befriedigende Definition von dem geben, was das ist, der moderne Mensch? Ich selbst glaube, daß diese Figur des modernen Menschen im Grunde ein Mythos ist, der es schrecklich nötig hat, entmythologisiert zu werden. Aber schließlich, ich weiß, was man darunter versteht. Man hat diese oder jene Meinung über diesen modernen Menschen; die Kirche und die Christen leben in der Umgebung dieses modernen Menschen. Er hat sein Gesicht sehr verändert! |187 Ein anderer moderner Mensch lebte im 19. und im 18. Jahrhundert. Es gab schon zur Zeit der Reformation einen modernen Menschen. Übrigens gab es auch schon im Mittelalter einen modernen Menschen. Es gab sogar im Mittelalter schon eine moderne Theologie.21
Wie dem auch sei, ich bin natürlich einverstanden, wenn es darum geht, die biblischen Aussagen zu übersetzen - ich liebe zwar den Ausdruck «Übersetzung», der hier in diesem Text steht, nicht besonders. Man kann, wenn man unbedingt will, «übersetzen» sagen. Aber verstehen Sie: wenn man von Übersetzen spricht, setzt man voraus, daß man schon verstanden hat, was die biblischen Ausdrücke sagen. «Ich, ich weiß, ich, ich bin Christ, und die anderen wissen es halt nicht. Und jetzt braucht es bloß einen guten Übersetzer.» So kann man z. B. ein Buch vom Deutschen ins Französische übersetzen. Aber übersetzen setzt voraus, daß man den Text schon kennt und daß es nur noch dessen bedarf, ihn anzupassen - an das Publikum, an die Leute von heute, an unsere Umgebung. So macht man sich die Sache zu einfach. Denn die biblischen Aussagen sind als solche etwas, was nicht einfach da ist, … und dann wissen der Herr Christ, der Herr Pfarrer und der Herr Professor, was es ist; und jetzt genügt es zu übersetzen, was das ist: «Rechtfertigung» und «Auferstehung» und «ewiges Leben» usw. Wir wissen Bescheid!
Nein, die Situation ist so: Wir selbst stehen immer von neuem vor dem Rätsel dieser Aussagen. Und wir haben bei uns selbst zu streiten - ich sage nicht: gegen die Finsternis oder das Rätsel; denn schließlich spricht Gott mittels dieser Zeugen und Aussagen zu uns … und da sind wir - wie vor einer Mauer. Und die große Aufgabe, das Wesentliche des Auftrages im Sinn jener rechten Apologie, von der wir eben gesprochen haben, - … das Wesentliche besteht darin, sich selbst wieder mit diesen Aussagen zu beschäftigen, sich in diesem Kampf zu befinden: in dem Ringkampf, der sehr wohl dem Kampf
Was wir nötig haben, ist eine Theologie, auch eine Pastoraltheologie, eine Art und Weise, wie wir unser Pfarramt in der Welt führen, die in diesem Respekt geschieht, also in diesem Kampf. Wenn Sie sich auf diesen Streit einlassen, haben Sie keine Angst: Sie werden verstanden werden! Vielleicht nicht gerade von den Volksmassen. Es wird aber immer einige geben, die verstehen werden und die mit Ihnen in diesen Kampf eintreten werden. Dann ist man nicht mehr allein. Denken Sie an diese ewige Klage der Christen: «Man ist so allein gelassen, so isoliert usw.»! Man ist doch in der guten Gesellschaft mit allen, die sich verzweifelt vorkommen und die [dabei gleichwohl] die Furcht |189 des Herrn haben, indem sie ganz auf ihn hoffen. - So möchte ich auf die Frage nach der Apologetik antworten. Ist das für den Moment eine Antwort, oder bin ich dem entscheidenden Punkt ausgewichen?
Ich hatte eine bestimmte Frage über den Versuch von Professor
Wiederholen Sie mir …
… er benutzt [in seiner Exegese] beim Gleichnis des barmherzigen Samariters [
Ah ja, glaubt er, daß der Wein und das Öl, über das der Samariter verfügt [
Nein, nein, nein … Es geht da um eine Art Interpretation dieses Gleichnisses in existentialistischen Worten.
In existentialistischen Worten … Was heißt das?
Mit einem existentialistischen Vokabular.
Aha! Also, nicht wahr, man ist frei im Gebrauch des Vokabulars. Wenn jemand [von Ihnen] die Sprache
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang immer an eine Geschichte der Israeliten, die die goldenen und silbernen Gefäße von Ägypten mitgenommen haben in die Wüste [
Wir danken Ihnen vielmals, Herr Professor, für diesen Punkt …
Es ist jetzt an Ihnen, im Namen der hier anwesenden Gemeinschaft zu erklären, ob Sie befriedigt sind oder nicht.
Ich bin völlig zufrieden.
… Sie haben sich ja besonders mit der Sache beschäftigt, und Sie vertreten diese Gemeinschaft mir gegenüber. Jetzt eine andere Frage, eine zur 2. Vorlesung: Die Beziehungen Israels zu der Gemeinschaft der Kirche Gottes. Das ist eine bedeutsame Angelegenheit. Man müßte eigentlich, um zu antworten, - aber das läßt sich nicht in ein paar Minuten machen - eine umfassende Exegese von Römer 9-11 durchführen.26 Das ist nämlich dort das Thema. Die Beziehungen Israels zur Gemeinschaft der Kirche … - das Wort «Beziehungen» ist zu schwach, ich würde lieber sagen: die Einheit Israels mit der Gemeinschaft der Kirche. Diese Einheit oder die Beziehung in dieser Einheit besteht - Sie haben es in Ihrer Einführung gesagt - in der Person Jesu Christi. Die Geschichte Israels hat die Tendenz zu Christus hin. Das Alte Testament ist in sich unvollkommen - und jetzt kommt das Neue Testament mit der Proklamation des Christus. Wenn ich recht sehe, bleibt der Unterschied, der [zugleich] auch die Einheit der Testamente, ja, der die Einheit der zwei Teile des Gottesvolks hervorhebt, als solcher im gleichen Gottesbund bestehen. Denn es gibt nur einen Bund. Dieser Bund zeigt sich im Alten Testament auf eine unvollkommene Weise. Es gibt wohl dort die vollkommene Treue des göttlichen Partners. Gott ist seinem Volk treu geblieben. Aber für einen Bund braucht es zwei Partner. Nun aber fällt im Alten Testament der menschliche Partner aus. Israel zeigt sich von Anfang bis Ende untreu, ungehorsam usf. Insofern ist der menschliche Partner nicht da und fällt aus. Im Neuen Testament - und das ist dort seine[, des Bundes] Erfüllung - haben wir nunmehr den vollkommenen Bund in der Person Gottes selbst, des Gottessohnes, der zugleich der Menschensohn ist, wahrer Gott und wahrer Mensch. Und in diesem Sinn ist derselbe Bund ein «neuer Bund» geworden [vgl.
192 [Und das] in einer Weise, daß Israel und die Kirche nicht getrennt sein können. Denn nach allem sind wir, die Kirche, auch immer aufs neue «Israel», das Israel, das nicht gehorcht, das nicht glaubt, das eben nur die Flucht ergreifen kann zu Gott hin - wie es in den Psalmen geschrieben steht: «Gott, meine Hoffnung, Gott meine Stärke» [vgl.
Bevor wir zur Frage über die Tradition übergehen, die m. W. die letzte ist, möchte vielleicht der eine oder andere unserer Freunde eine weitere Frage über das «Wort» oder über die «Zeugen» stellen. Wir waren jetzt beteiligt an einer interessanten, wenn auch ziemlich speziellen Gesprächsführung. Vielleicht gibt es dazu noch weitere [Fragen].
Ich war sehr interessiert an dieser Erklärung des Neuen Bundes, die Sie gegeben haben und die, ich muß sagen, etwas neu für mich ist: die Tatsache, daß der Bund geschlossen ist zwischen Gott und Jesus Christus gewissermaßen als dem rechtsgültigen Partner, der nicht untreu war - im Vergleich mit dem immer untreuen Israel oder mit der auch immer untreuen Kirche. So daß diese Erklärung dem ganzen Problem der Beziehungen zwischen Kirche und Israel eine ziemlich neue, [von früheren Vorstellungen] ziemlich abweichende |194 Perspektive gibt. Wenn Jesus Christus der Bündnispartner ist und nicht nur das Opfer und der Mittler, könnte man die Frage stellen: Ist es notwendig, daß die Juden sich zu dem gekreuzigten Jesus Christus bekehren? Vielleicht erfüllen sie im Warten auf den Messias in Herrlichkeit ganz einfach ihre Mission! Vielleicht ist Christus, [als das] Opfer für die Vermittlung des Bundes, nicht notwendigerweise für sie der Weg, auf dem sie zurückkehren und eintreten können werden, wie es der Apostel
Es ist nicht notwendig so[, wie Sie es sagen], weil ja Jesus Christus - als Bundespartner und als Opfer - der im Alten Testament anvisierte «Punkt» ist. Ein Volk, das nicht seinen Messias erkennt, ist fremd gegenüber seiner eigenen Bestimmung. Denn weder die untreue Kirche noch das untreue Israel sind Tatsachen, die einfach hingenommen werden dürfen. Es ist vielleicht ein Faktum, ja, aber nicht ein zulässiges Faktum, [sondern] etwas, was überwunden werden muß. Und hier ist die gemeinsame Hoffnung Israels und der Kirche, daß unsere Untreue und unser Ungehorsam besiegt wird und daß wir uns gemeinsam - Israel und wir - anerkennen möchten als das eine Volk Gottes, als das Volk, dessen «Chef» und Herr derselbe Jesus Christus ist, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Genügt Ihnen das, Herr Kollege, oder etwa … ?
Es bleibt für mich noch eine Frage offen, nämlich zu erfahren, ob Jesus Christus, der Herr Israels und der Christen, immer zuerst der gestorbene und auferstandene Jesus Christus sein muß oder ob etwa die Juden nicht recht haben zu sagen, daß sie für sich den Messias in Herrlichkeit erwarten, ohne vorbeizukommen an dem leidenden Messias. Wenn sie in dem Messias, den sie erwarten, den erkennen, den wir auch erwarten, in der herrlichen Wiederkunft Christi, müssen sie [dann] eines Tages begreifen, daß dieser Messias gekreuzigt wurde, daß er gestorben und auferstanden ist?
Läßt sich das für sie vermeiden? Natürlich, praktisch scheint es so, als könnten sie es[, an dem leidenden Messias vorbeizukommen]. Denn sie wollen nicht wahrhaben, daß sie wirkliche Sünder sind. Sicher, es gibt auch Sündenbekenntnisse bei den Juden. Aber diese Erkenntnis des Menschen im Abfall, der einen Mittler nötig hat, kann nur angesichts des Erlösers wirklich vollzogen wer|195den. Und wenn man sich dieser Sicht widersetzt, wenn man zu vermeiden sucht[, den] zu sehen, der «der Weg, die Wahrheit und das Leben» ist [
Gibt es noch eine Frage - über dies Kapitel «Das Wort» und «Die Zeugen»?
Dann weiter - Vorlesung 331: «Gibt es denn nicht irgendeinen Platz für die Tradition?» Nun, ich denke, daß das von Ihnen Ausgeführte im Grunde genügt, wenn ich mich recht erinnere an die Texte von
Ich habe oft versucht34, die Situation zu erklären mit dem Gebot: «Du sollst Vater und Mutter ehren» [
Nein, ich glaube, daß Sie das sehr gut zusammengefaßt haben, was ich Sie gebeten hatte, noch einmal zu sagen.
Man kann von einer Autorität der Tradition sprechen, jawohl.
Aber es ist [für protestantische Ohren] noch früh, das zu sagen, und es ist noch nicht so offensichtlich für jedermann.
Ja, denn die protestantische Gefahr wird immer sein, daß jeder so beginnen will, als wäre er die ganze Kirche. Anstatt sich in die «Gemeinschaft der Heiligen» zu stellen, setzt man sich an seinen Schreibtisch mit der Bibel und dann - «heureka!», «ich habe etwas gefunden!» Und vielleicht hat man seinen
Aber natürlich ist sie auch eine Emanation …
Jawohl. Aber nicht nur!
Vielen Dank. Will einer von Ihnen eine letzte Frage stellen? Wir wollen nicht Herrn Barth mißbrauchen. Wir müssen jetzt |198 vielleicht aufhören. Aber wenn einer von Ihnen eine Frage zu diesem Problem kurz zu stellen hat, dann müßte er das machen. Herr
Das Problem dieser Autoritäten ist gleichwohl eine schwierige Frage. Denn wenn wir die Bedeutung unseres Pfarreramts ansehen, dann beziehen wir uns im Allgemeinen nicht auf die apostolische Sukzession, sondern auf die gegenwärtige Wirklichkeit des Wortes [Gottes], heute und unmittelbar, in einer direkten Beziehung. Warum muß es auf der Ebene der theologischen Reflexion durch den Kanal der Autorität dieser Tradition hindurchgehen? Denn in unserem reformierten Denken lassen wir z. B. die Autorität der Ökumenischen Konzile und ihre dogmatischen Texte gelten. Ich hätte gern von Ihnen gehört, wie Sie die Beziehung dieser Art von Autorität zu der Autorität des Wortes definieren.
Ja, genügt das nicht, wenn ich geantwortet habe38: Man muß den Unterschied zwischen einer primären Autorität, nämlich Gottes in seinem Wort, und einer sekundären Autorität sehen, die doch auch eine ernstliche Autorität ist und die dann die Autorität der Kirche ist? Und wenn in den Bekenntnissen der Reformation, die so stark betont haben: «Die Schrift ist die einzige Quelle unserer Erkenntnis», … und wenn sie das betont haben, haben sie sofort auch gesagt: Wir verstehen die Schrift nach dem Apostolikum, nach dem Symbol von
Heißt sekundäre Autorität relative Autorität?
Relativ? Ja, sicher relativ. Denn diese ganze Tradition, die Dogmen, die Bekenntnisse, die Symbole usf. sind nur Kommentare, nicht wahr? Aber man muß diese Kommentare zu Rate ziehen. Das lohnt sich. Zum Beispiel hätte ich nicht gern Theologie getrieben ohne |199 die Institutio
Wir danken Ihnen vielmals. Wir wollen die Unterhaltung nicht verlängern. Wir gehen zum Abendessen, sobald es möglich ist.
Ich werde ihnen zunächst ziemlich kurz eine Zusammenfassung dieses 2. Teils darbieten und dann zwei oder drei Fragen stellen. - Indem wir an den 2. Teil der «Einführung in die evangelische Theologie
Ich trete nun an die zweite44 Vorlesung heran: Doch ist diese Verwunderung verwunderlicherweise nicht genug. Der Theologe kann sich nicht in einer gewissen Distanz aufhalten, die es ihm erlauben |201 würde, beim Wunder Gottes [bloß] als bewundernder Zuschauer dabei zu sein. Nicht er ist der Spielleiter oder der Dirigent seines Forschens. Denn er gehört selbst dem Gegenstand seines Forschens: er ist gesucht und gefunden, gefunden und angegangen. Das bedeutet uns der Titel dieser Vorlesung: die «Betroffenheit». Und diese Betroffenheit ist spürbar an erster Stelle in der Welt. Der kleine Theologe in dem begrenzten Raum seines Lebens und in der ihm gegebenen Zeit kann nicht ignorieren, daß Gottes Gericht und Gnade alle Ängste und alle lebendigen Hoffnungen der Welt unendlich übertreffen. Er kann die Geschichte der Menschheit und die Ereignisse seiner Epoche nur im Licht der Verurteilung und der Gnade Christi ins Auge fassen. Und er selbst als Bürger, als Mensch, der in der Welt lebt, weiß sich berührt, betroffen und ergriffen durch das Wort Christi.
Diese Betroffenheit ist sodann spürbar in der Kirche. Der Theologe ist solidarisch mit der kirchlichen Gemeinschaft, ohne jemals mit ihr zufrieden zu sein. Was auch immer seine besondere kirchliche und konfessionelle Zugehörigkeit ist, er hat als Theologe die Verantwortung, unaufhörlich die Wahrheitsfrage zu bedenken. Das heißt einerseits, daß er seine Sicht der Dinge in alle Bereiche des Gemeindelebens hineinzutragen hat. Denn im Leben der Kirche bekommt die geringste Einzelheit eine größere und [sogar] entscheidende Bedeutung, wenn sie in ihrem Verhältnis zu der Wahrheitsfrage gesehen wird. Das heißt andererseits, daß der Theologe sich erinnern und andere daran erinnern soll, daß alle Spezialprobleme im Verhältnis zu der fundamentalen Frage nach der Wahrheit verhältnismäßig klein sind. Indem er diese Verantwortung trägt, darf der Theologe - und um recht anzuzeigen, daß das nicht so ist, weil er eine Persönlichkeit ist, die die Probleme beherrscht, unterstreicht Prof.
Schließlich, der Theologe ist betroffen in seinem geistlichen Leben. Der größte Teil von uns wird wahrscheinlich aus Mangel an Demut an dieser Stelle beginnen, bei dem Satz, der sich an uns persönlich richtet. |202 Aber es wird uns hier gesagt, daß der Theologe zuerst nicht in seinem Persönlichen zur Rede steht. Weil er selbst in der Welt und im Schoß der Kirche ist, darum ist er [auch] persönlich berührt, in Frage gestellt, gerichtet, wieder aufgerichtet, gestärkt und ermahnt durch das Wort Gottes in allen Bereichen seiner Existenz. Verwundert und betroffen soll der Theologe sich auf den Weg machen. Er soll sich engagieren, und dieses Engagement kann nur total sein, so daß es sein ganzes Sein umfaßt.
Und [daraus folgt - so wird es in der nächsten Vorlesung unter dem Titel «Verpflichtung» gesagt] die Identität der theologischen Methode, des Gesetzes, das sein theologisches Forschen regieren muß. Es handelt sich dabei indessen nicht um einen Zwang; im Gegenteil, diese Verpflichtung ist befreiend, wenn denn er [d. h. der Theologe] auf der Spur des «intellectus fidei» bleibt. Drei Gesichtspunkte sind angemerkt zur Natur dieses «intellectus»: Er wird Rechenschaft geben können vom Werk des Wortes Gottes, zugleich in seinem unerschöpflichen Reichtum und in seiner Einheit. Die theologische Erkenntnis muß geordnet sein um ihr Zentrum, Jesus Christus. In allen Zweigen der Theologie geht es darum, von Jesus Christus auszugehen und zu Jesus Christus zurückzugehen. Zweifellos ist es unmöglich, Jesus Christus mit einem Prinzip zu verwechseln, von dem aus man ein strenges System konstruieren könnte. Darum wird jede Ausarbeitung eines systematischen Werkes nur bruchstückhaft, provisorisch und revisionsbedürftig bleiben. Aber kein Begriff soll unabhängig von Jesus Christus ins Auge gefaßt werden. Das ist das erste Kriterium einer Theologie, die dem «intellectus fidei» entspricht.
Der Theologe gebraucht notwendigerweise die menschliche Vernunft, die Ideen und die Ausdrücke seiner Zeit. Er muß aber achtgeben, daß er nicht Sklave dieser Ideen wird und daß er sich nicht dirigieren läßt von irgendeiner der Philosophien oder Weltanschauungen, die sich sehr oft hinter den Erkenntnismethoden verstecken. Die Theologie bleibt ihrem Gegenstand untergeordnet und muß es bleiben, nämlich dem lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Diese Unterordnung gibt ihr dann auch die Freiheit, je nach Ermessen von den menschlichen Fähigkeiten des Wahrnehmens, des Urteilens, der Sprache Gebrauch zu machen - ohne sich je an eine vorgängige Erkenntnistheorie zu binden. Der Theologe kann gewiß |203 das Gerichtsurteil Gottes kennen, das Gott über den Menschen ausspricht, das Nein des Wortes Gottes. Er muß aber wohl beachten, daß dieses Gericht ein Teil der Gnade Gottes ist, daß dieses Nein [daher gesehen werden] muß als eingefügt in das Ja dessen, der der Schöpfer, der Versöhner und Erlöser ist. Es ist wahr, die Gemeinde ist eine verlorene Herde, aber zuallererst ist es wahr, daß sie geliebtes Volk Gottes ist. Es ist wahr, der Welt geht es schlecht, aber zuallererst ist es wahr, daß sie in der Hand Gottes ist. Wenn sich der Theologe dieser unumkehrbaren Richtung bewußt ist: vom Gesetz zum Evangelium, vom Tod zum Leben, vom Nein zum Ja, so kann er nur dankbar und fröhlich sein.
Und endlich die letzte Vorlesung dieses zweiten Teiles, betitelt: «Der Glaube». Indem wir sahen, daß der Theologe ein aus der Fassung gebrachter Mensch ist, der mitten ins Herz getroffen und dazu gebracht ist, sich einzusetzen, haben wir ein Fortschreiten in seiner theologischen Existenz festgestellt: von der Verwunderung zur Betroffenheit, von der Betroffenheit zur Verpflichtung. Jetzt muß man sehen, wie diese theologische Existenz möglich ist durch das unbegreifliche Ereignis des Glaubens. Ohne dieses Ereignis hätte alles zuvor Gesagte keinen Halt und Grund. Wir müssen zuerst einige Abgrenzungen vornehmen. Der Glaube ist keine Hypothese jenseits des vernünftigen Erkennens. Er ist keine Wahrscheinlichkeit, die wir uns eingebildet haben oder von dem Moment an zulassen, wo unsere sicheren Erkenntnisse aufhören. Im Gegenteil, der Glaube ist eine starke, strenge und gewisse Erkenntnis. Er kann kein impliziter Glaube sein. Man kann nicht wie
Wie aber verhält sich der Glaube zur Theologie? Der Glaube ist die Wurzel der theologischen Existenz. Er ist das Ereignis, das unter anderem einen Menschen befähigt, zu einer Erkenntnis Gottes, des Menschen sowie des Bundes Gottes mit dem Menschen zu gelangen. Schließlich noch ein paar Präzisierungen aus dem Ende des Kapitels: Der Glaube ist keine Pflicht, er ist eine Erlaubnis. Er ist kein Wagnis, sondern der Akt, eine gewisse Verheißung zu ergreifen. Er ist auch keine erworbene Qualität, er ist vielmehr eine Geschichte. Er bringt allerlei Anschauungen und Gefühle mit sich, er ist aber in sich selbst nicht das Fürwahrhalten dieses oder jenes Glaubensartikels. In sich selbst ist er der Glaube an Gott. Es geht nicht darum, eine große Intensität des Glaubens zu bekommen, sondern daß der Glaube, der in sich ziemlich schwach ist47, auf Gott ausgerichtet bleibe, der in Jesus Christus offenbart ist. Letzte Bemerkung: Niemand kann den Glauben haben, aber jedermann kann, ohne sich wegen seines Unglaubens Sorge zu machen, Tag für Tag den Glauben bekommen, indem er das Gebet aufnimmt: «Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben» [
Bevor Sie mir die Fragen stellen, möchte ich eine Bemerkung hinzufügen. Ich vergaß heute Nachmittag, expressis verbis die Arbeit des ersten
Ich habe drei Fragen notiert. Ich hoffe, es gebe noch mehr. Überlegen Sie sich bitte während des Vorlesens der gestellten Fragen, welche weiteren Fragen Sie vorbringen könnten. Mich dünkt, daß Sie, bevor wir Professor
Wenn die Zeit reicht!
Darum muß man auslesen.
Also, während Sie überlegen, bringe ich die vor, von denen ich glaubte, ich müßte sie stellen: 1. Zum Abschnitt über die Verpflichtung: Kann man wirklich ganz ehrlich behaupten49, das theologische Studium ohne «a priori» in Angriff zu nehmen und ganz frei im Blick auf jede Erkenntnistheorie, frei auch von jeder Philosophie oder jeder Weltanschauung? Können wir sicher sein, daß unser Denken nicht [vielmehr] von unserer Erziehung, unserem Milieu oder sogar von unserem Temperament abhängig bleibt?
2. Die vier Vorlesungen dieses 2. Teils lassen sich so zusammenfassen: Der Glaube ist die Wurzel der theologischen Existenz. Das ist für |206 eine Theologie, die evangelisch sein will, kaum anfechtbar. Ist es jedoch nicht möglich und auf gewissen Strecken des theologischen Forschens, besonders auf dem Gebiet der Exegese, sogar notwendig, vorläufig die Implikationen des Glaubens in Klammern zu setzen?
3. Niemand wird als Pfarrer und ganz einfach als Christ bestreiten, daß die Theologie zweifellos eine fröhliche Wissenschaft sei.50 Sie erkennt ja im Glauben, daß das letzte Wort Gottes über die geschöpfliche Welt nicht negativ, sondern positiv ist und alles letztlich Gnade ist. Ich frage mich nun, ob die Ausführungen über das «Nein» und das «Ja» Gottes, über das Gesetz und die Gnade, über den Tod und das Leben nicht die Türe zu einem dieser Systeme öffnet, die gerade im selben Kapitel zu Recht bekämpft werden.51 Besteht nicht die Gefahr, daß wir da zwar für unsere theologische Logik eine befriedigende Antwort finden, die aber nicht paßt zur tiefen Not der Menschen, an die wir uns als Pfarrer und Brüder wenden.
Wir haben Brot auf dem Brett. Gibt es dazu jetzt gerade noch andere Fragen? …
Also, los! [Zur ersten Frage von
Und nun befindet sich dieses Geschöpf in der neuen Situation, daß es das Wort Gottes hören darf, so wie es bezeugt ist durch die Propheten und Apostel, und es befindet sich vor der neuen Aufgabe, das zu verkündigen, was es von dieser Botschaft gehört hat, das, was es hören konnte. Natürlich, jetzt geschieht etwas sehr Interessantes: Es kommt zum Konflikt zwischen unseren sozialen, persönlichen, historischen Vorgeprägtheiten usw. [auf der einen Seite] - und auf der anderen Seite jetzt: das Wort. Es fragt sich nun, ob wir den nötigen Respekt im Blick auf die majestätische und souveräne Freiheit des Wortes haben. Es hat ihm gefallen, uns anzunehmen, damit wir seine Diener würden, gerade so, wie wir sind. Aber es gibt immer von neuem Widerstände gegen dieses Geschehen, das uns da zuteil wird, Widerstände gegen dieses Erstaunen, gegen diese Verwunderung und gegen diese Verpflichtung. Unser Herz ist ja eben verhärtet und unser Kopf ist es auch [vgl.
Also [- in dieser Ordnung -] ist es uns erlaubt (ich wiederhole, was ich am Nachmittag gesagt habe52) zu sein, wer wir sind, mit unseren verschiedenen Einstellungen. Zum Glück ist auf der natürlichen und menschlichen Seite nicht alles nach demselben Muster vorherbestimmt. Wenn man jetzt in alle die Köpfe, die ich um mich herum sehe, hineinleuchten könnte und wenn man den Unterschied zwischen den Voraussetzungen, mit denen Sie nach diesem Gespräch an Ihre Arbeit herangehen, sehen könnte, … - das wäre wunderbar. Der Reichtum der göttlichen Güte [würde sich dann zeigen], die es uns erlaubt zu |208 sein, was wir sind - der Reichtum auch des Weihwassers53 … Denn das ist immer zusammen: Die Weisheit Gottes und die Torheit der Menschen [vgl.
Ja.
Und die anderen, die «Väter und Brüder»54, die hier versammelt sind, - ist jemand da, der widersprechen möchte?
Es befriedigt uns und bringt uns auch wieder auf die Spur.
Haben Sie keine Angst, mir zu widersprechen, wenn Sie Lust dazu haben. Ich bin keine Kreatur, die man fürchten muß.
Ich kann Ihren Gedanken sehr gut folgen, wenn man eben die beiden Ebenen unterscheiden kann. Dann kann man sie in die von Ihnen erwähnte Ordnung einfügen. Liegt aber nicht das Problem darin, daß wir diese beiden Ebenen nicht unterscheiden können und daß unsere Weise, in erkenntnismäßige Beziehung zu der ersten Ebene zu kommen, genau an der Frage der zweiten Ebene [hängt]? Das heißt, daß beide Dinge innigst miteinander verknüpft sind.
Ganz gewiß. Es geht ja um diesen Konflikt und diese Verknüpfung. Es geht ja um unsere individuelle und geschichtlich geprägte Vernunft einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Umgebung, und jetzt kommt das Wort, Jesus Christus. Er begegnet uns und fordert uns auf: «Kommt und folgt mir nach!» [vgl.
Was die Epochen und die Tendenzen [in ihnen] betrifft, ist es sicher so, daß man jede dieser Ebenen nicht [jeweils] gleich gewichtet. Es scheint mir, daß eine der aktuellen Fragen, die sich übrigens hinter der letzten Frage von
Ja, aber sie können nützlich und interessant sein, ein dienliches Mittel. Einverstanden?
Eine andere Frage?
Heißt das - und das entspricht ein wenig der zweiten Frage -, daß man sich da allein auf Gott verlassen sollte und daß allein im Glauben diese Relation bestehen kann?
Das kann nicht im allgemeinen so gehen. «Im Glauben» - an Gott, [und] man muß Gott in Jesus Christus begreifen! Denn man könnte «Gott» sagen, und dann wäre das immer noch der Gott der Philosophen. Es muß der Gott
Kann man weiterfahren? Die zweite Frage: «Die vier Vorlesungen dieses 2. Teils könnten so zusammengefaßt werden, daß der Glaube die Wurzel (racine) der theologischen Existenz ist…» Man könnte beinahe ein wenig paradox sagen: Der Glaube ist die Vernunft (raison) der theologischen Existenz. Es ist ein wenig hart, es so zu sagen, aber im Grunde genommen ist es so. Der Glaube ist nämlich nicht ein unvernünftiger Akt. Ich habe immer gegen die Irrationalität gekämpft - das ist eine abscheuliche Sache. Nein, seien wir doch Rationalisten und dienen wir mit unserer Vernunft unserer theologischen Existenz! Und jetzt fahren Sie fort: «Das ist für eine Theologie, die evangelisch sein will, kaum anfechtbar. Ist es jedoch nicht möglich und auf gewissen Strecken der theologischen Forschung, besonders auf dem Gebiet der Exegese und der Geschichte, sogar notwendig, vorläufig die Implikationen des Glaubens in Klammern zu setzen?» … 62 Ich liebe diese «gewissen Strecken» nicht - Strecken, die so zu charakterisieren sind, daß sie sozusagen den Glauben beurlauben. Es gibt da keinen Urlaub. Entweder glauben wir … - und wir müssen immer glauben, sogar in den kleinen Dingen, auch wenn wir Exegese betreiben oder Geschichte behandeln. Es gibt keinen vorläufigen Status «in Klammern», wo die «Implikationen» des Glaubens weggelas|213sen werden können. Das geht nicht. Denken Sie, z. B. die Vergebung der Sünden - auf «gewissen Strecken» [auf Urlaub]!63 … Die wahre theologische Forschung hat immer den Sinn, der identisch mit dem Glauben ist. Denn der Glaube ist in sich selbst vernünftig. Der Glaube bezieht sich auf die Wahrheit. Keine Forschung hat eine andere Verheißung als die, welche im Glauben geschieht. Der Glaube und nicht das Gegenteil! Einverstanden?
Ja.
Ist das ein wenig das, was Sie am Anfang mit der Definition der Theologie als einer «Logik des Wunders» sagen wollten?64
Ja gewiß. Schon seit der ersten Vorlesung habe ich auf diesen Punkt insistiert.
… das wirft das Problem der Beziehung zwischen Exegese und Meditation auf. Da scheint eine Schwierigkeit zu sein. Denn die Dogmatik ist doch nicht einfach ein Teil der Psychologie oder der Soziologie. Man könnte - statt von Dogmatik - vom Glaubensbekenntnis sprechen.
Ich gehe an die Exegese heran mit meinem Glaubensbekenntnis …
Mit Ihrer Dogmatik?
… mit meiner Dogmatik und, im Grunde, in [einer bestimmten] Beziehung zu meinem Bekenntnis des Glaubens. Ich will das Problem, das ich darlegen will, anders dartun. Bei der gegenwärtigen Öffnung der römischen Katholiken gegenüber der Schrift67 gibt man sich darüber Rechenschaft, daß es ständig und unter einem Willen zur Offenheit für die Schrift und zur Unterordnung unter sie doch in der Art, wie die biblischen Texte angegangen werden, «etwas» gibt, |214 was in den dogmatischen Bereich gehört - und was verschieden ist [vom eigentlich exegetischen Geschäft]. Das Problem ist daher, zu wissen, ob man eine Spannung akzeptieren muß zwischen den verschiedenen Dogmatiken.
Wie? … die verschiedenen Dogmatiken?
Wenn Sie so wollen: eine Prise Bewußtsein der Tatsache, daß ich bei der Exegese, genau genommen, - bei aller Respektierung des Vorranges der Sache - doch auch von einer gewissen dogmatischen Art der Herangehensweise an die Schrift abhängig bin.
Ja genau. Und jetzt ist es wichtig - wenn wir jetzt im besonderen die theologische Frage als eine Frage der Exegese auffassen -, daß man es sich zur Pflicht macht, frei zu bleiben, ja, wieder frei zu werden: frei sogar gegenüber dem Glaubensbekenntnis und frei gegenüber der Dogmatik. Denn die Bibel, die der Gegenstand der Exegese ist, kann nicht nur die Philosophen, die Psychologen usw. in Frage stellen, sondern auch die Ideen - hoffen wir, es seien gute Ideen! -, unsere besten theologischen Ideen. Und dann muß man bereit sein, sich von der Schrift korrigieren zu lassen, seine Dogmatik, sein Glaubensbekenntnis korrigieren zu lassen. Zum Glück haben die alten Reformierten - nicht alle, aber eine gute Zahl unter ihnen - zu ihrem Glaubensbekenntnis hinzugefügt: «Wir bekennen so und so, bis der Heilige Geist uns etwas anderes zeigt», - wenn sie vom Heiligen Geist sprachen, dachten sie an die Schrift - «… bis wir von der Schrift korrigiert, überholt, vielleicht sogar neu gefunden, ja vielleicht auch auf eine tadellosere Weise als bisher erleuchtet werden.»68 Dieser Vorbehalt muß in jeder Dogmatik gemacht werden. Darum muß die Dogmatik das exegetische Problem immer vor Augen haben. Darum habe ich in meiner Dogmatik
Ich gestehe Ihnen, daß ich oft die [Lektüre der] Kapitel [in Ihrer Dogmatik] mit dem Kleingedruckten begonnen habe.
Man hat mir das [oft so] gesagt, und ich bin sogar froh darüber. In gewissem Sinn kann man nämlich sagen, daß sich die Substanz dieser Dogmatik
Es bleibt doch noch der Eindruck, ich hätte einen gewissen Widerspruch zwischen dem, was Sie eben
Ah ja? In welchem Sinn?
Wenn er nämlich von einem Einschränken der Implikationen des Glaubens redet, so besteht vielleicht dabei eine Zweideutigkeit im Wort «Glauben». Sie verlangen aber, daß die dogmatischen «a priori» und diejenigen der Glaubensbekenntnisse da zu schweigen haben, wo die [Auslegung der Schrift] in Angriff zu nehmen ist. Er wollte nicht davon reden.
Ich denke nicht. Der Glaube war ja nie identisch mit dem Glaubensbekenntnis. Das Bekennen ist eine Tat des Glaubens, ein Werk des Glaubens; und man kann die Werke des Glaubens und mit ihm auch das Bekenntnis und die Dogmatik relativieren, [aber] man kann nicht die innere Kraft des Glaubens in Klammern setzen …
… und ich lese da71: «die Implikationen des Glaubens».
Ja, die Implikationen.
Wollen Sie in der letzten Vorlesung dieses [zweiten] Teils mit der auf den ersten Blick ein wenig paradoxen Unterscheidung von Glauben und credo72, die mich überrascht hat, ungefähr das sagen?
Ja, sicher …
… man hätte also da das Gegenstück zur Frage von
Das ist keine Frage, sondern eine Darlegung …
… Es scheint mir, daß es auf der anderen Seite eine Gegenposition gibt, und da könnte man von einem «In-Klammern-Setzen» des Glaubens reden. Denn eigentlich macht es nicht den Anschein, daß der Glaube in den Methoden, die wir so streng handhaben, sich a priori einschaltet.
A priori? Praktisch tut er das.
Praktisch tut er es. Die Probe darauf übrigens ist, daß sogar die Dogmatiker sich einmischen, weil man da zu interessanten Resultaten kommt.
Ich möchte Ihnen eine besondere Frage zur Auslegung des Alten Testamentes stellen.
Oh la la!
Denken Sie, daß es falsch ist, bei der Exegese des Alten Testaments den christlichen Glauben, den wir haben, auch manchmal in Klammern zu setzen? - nämlich um zu versuchen, das Denken der Verfasser des Alten Testaments herauszufinden, bevor man eine christliche Deutung bringt? Juden machen uns sehr oft schreckliche Vorwürfe, daß wir durch unsere christliche Interpretation den Sinn [des alttestamentlichen Textes] verfälschen.
Natürlich kann man nicht - Sie nicht und ich auch nicht - nach der Methode von [
Ich denke, Sie kennen das Buch oder die Bücher meines Freundes
Wir möchten Ihnen nicht eine zu große Ermüdung zumuten, und es ist [jetzt] ungefähr die Zeit, die wir festgelegt haben. Aber ich habe bemerkt, daß Herr
«Niemand unter uns wird als Pfarrer und ganz einfach als Christ bestreiten, daß die Theologie eine fröhliche Wissenschaft ist. Sie erkennt ja im Glauben, daß das letzte Wort Gottes über die geschöpfliche Welt nicht negativ, sondern positiv ist und alles letztlich Gnade ist. Ich frage mich aber, ob die Ausführungen über das ‹Nein› und das ‹Ja› Gottes, das Gesetz81 und die Gnade, über den Tod und das Leben nicht die Türe zu einem dieser Systeme öffnet, die gerade im selben Kapitel zu Recht bekämpft werden. Besteht nicht die Gefahr, daß wir da zwar für unsere theologische Logik eine befriedigende Antwort finden, die aber nicht paßt zur tiefen Not der Menschen, an die wir uns als Pfarrer und Brüder richten.»
Ja, einverstanden. [In «Gefahr» sind] alle besagten Systeme, sogar ein christologisches System, sogar ein System der allgemeinen Gnade, sogar ein System, das
Herr
Mit Humor kann man «Christianismus» stehen lassen. Sobald man handelt, überlegt, denkt und sich erklärt im Rahmen eines «Ismus», sagen wir z. B. wie die amerikanischen Fundamentalisten, die sich für die wahren Erben Calvins halten und die ein schreckliches calvinistisches System errichtet haben85, da ist einfach der Tod im Topf [vgl.
Vielen Dank. Ich glaube, wir müssen da anhalten.
Ja, ich bin Ihnen dankbar. Bis morgen, nicht wahr, und morgen beginnen wir mit einem Gottesdienst?
Ein Gottesdienst um 9 Uhr. Jetzt haben wir das Abendgebet, hier, sofort mit unserem Freund