Rolf Hochhuths Stück «Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel» wurde am 20.2.1963 in Berlin uraufgeführt, inszeniert von E. Piscator. Es war das Erstlingswerk des Autors, «mit dem dieser einen der nachhaltigsten literarischen Skandale der restaurativen Adenauer-Ära entfesselte, indem er dem Vatikan politisch und wirtschaftlich kalkulierte Untätigkeit gegenüber der Massenvernichtung von Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft vorwarf.»1 Anläßlich der - von Tumulten begleiteten - Aufführung von Hochhuths Stück im Stadttheater Basel brachten die «Basler Nachrichten» - in der Rubrik «blickpunkt der jungen» - eine Sammlung verschiedener Stellungnahmen (u. a. von Golo Mann) zu dem Stück und seiner Problematik. Darin stand auch der Bericht von Reinhardt Stumm über ein von ihm am 10.9.1963 geführtes Interview mit Barth. Es erschien unter dem Titel: «Ein Gespräch mit Karl Barth», in: Basler Nachrichten, Jg.119, Nr. 391, 17.9.1963, S. 3
📖. Der Text, der im Original die Gestalt eben eines Berichtes über das Gespräch hat, ist bei der folgenden Wiedergabe um die kommentierenden, glossierenden Passagen des Autors reduziert und in der Form eines Dialogs eingerichtet.
Interview von Reinhardt Stumm
Barth:
Ich habe das Buch2 gelesen, und zwar von A bis Z. Viel literarischen Wert finde ich nicht daran. Aber nun hat der Hochhuth die katholische Kirche einmal aufgespießt.
Stumm wollte wissen, ob Barth der Meinung ist, daß das Buch antikatholisch sei.
Barth
Nein, das kann man auf keinen Fall sagen. Trotzdem stört mich der Umstand, daß es ein Protestant geschrieben hat. Kann ein Protestant die katholische Kirche dieser Sache wegen überhaupt an|111greifen? Sehen Sie, wenn einer ginge und das Rote Kreuz aufs Korn nehmen würde - diese Herren haben ja auch nichts getan3 - oder die evangelische Kirche, das wäre etwas anderes gewesen! Wir haben ja alle Dreck am Stecken. Der Papst, die [römische] Kirche - das ist schließlich eine politische Institution, fast ein Politikum. Wer redet von der Haltung der Basler Kirche, die zwar nicht so glanzvoll ist, aber schließlich sich auch nicht gerührt hat? Wer redet von den politischen Parteien der Schweiz - ich gehe immer am liebsten von hier, von der Schweiz aus -, wer redet von unseren Bundesräten während der Kriegsjahre?4 Da haben wir auch gesagt: «Am besten sind wir ganz fein still; sonst frißt uns der Kerl da drüben auch noch auf.» Und wenn man diese Haltung einmal eingenommen hatte, sollte man eigentlich nun auch still sein. Nicht einmal still sein, sondern in erster Linie vor der eigenen Tür wischen5! Da redet man immer von «Bewältigung der Vergangenheit» - so wird sie nicht bewältigt. Wenn das Stück jetzt in Basel aufgeführt wird, werden die Pharisäer wieder wach werden. Und Ressentiments gegen die katholische Kirche sind nach wie vor da, wenn auch nicht mehr so stark wie vor hundert Jahren.6 Aber sie lassen sich nur zu gern wecken.
112 Ich habe vor einiger Zeit einige Filme gesehen mit Dokumentaraufnahmen aus der Nazizeit.7 Diese Filme mit den Hitlerreden, und was es da sonst noch gibt, die müßte man immer wieder zeigen. Da sieht man nicht nur die Herren auf den Rednertribünen. Man müßte den Bürgern von heute die Bürger von damals zeigen, die zu Tausenden die Hände hochstreckten. Wenn man sich die Zustände in der Bundesrepublik genauer ansieht, dann ist es ja wirklich schlimm, was da alles an unbewältigter Vergangenheit herumsitzt.
Stumm:
Es wurde häufig die Meinung geäußert, Hochhuth schiebe die Schuld an den Judenmorden nun dem Papst in die Schuhe, und tatsächlich scheint es ja schon Leute zu geben, die Hochhuth in diesem Sinne für sich in Anspruch nehmen. Ich fragte Barth, ob man Hochhuth aus dieser von anderen gezogenen Konsequenz seines Stückes einen Vorwurf machen könnte.
Barth:
Diesen Vorwurf kann man ihm auf keinen Fall machen. Ich bin ein Erzreformierter - aber daß ich ein solches Argument unterstützte, würde mir nicht im Traume einfallen. Wenn allerdings die Katholiken nach der Aufführung des Stückes hingehen und sagen würden, daß der Angriff Hochhuths nicht ernst zu nehmen sei, weil er unsachlich oder gar unehrlich genannt werden müsse, dann würde ich genau so gut sagen: «Bitte, versucht einmal mit eurer Vergangenheit fertig zu werden, indem ihr derartige Vorwürfe ernst nehmt!» Die Menschen sind unbußfertig, man muß ihnen immer wieder ins Gewissen reden. Nur allzu gern vergißt man seine Jugendsünden. Aber man sollte sich nicht darum herumdrücken, wenn man zur Klärung der Vergangenheit aufgerufen wird.
Stumm erwähnte Carl Amery, der feststellte, daß der wesentliche Beitrag zur Diskussion der katholischen Situation nicht von dem katholischen Dramatiker Raffalt und seinem Konklavestück «Der |113 Nachfolger»8 geleistet worden sei, sondern von dem Stück des protestantischen Autors.9
Barth:
Ja, ja, der Amery - sagt er das? Das ist ein gescheiter Kerl, und sein Buch10 hat Hand und Fuß.
Stumm berichtet: Wir kamen von da aus zu der Frage nach der Verpflichtung der Kirche, unter dem Zwang der Umstände auch den Weg ins Martyrium anzutreten. Hat Religion wirklich noch etwas mit «religio», mit «heiliger Verpflichtung» gemeinsam?
Barth ist der Meinung, daß wir nicht fordern dürfen, was wir selber nicht leisten konnten - wenn auch die Forderung an sich besteht und bestehen muß. Insofern also ist der Vorwurf Hochhuths berechtigt - die Tatsache, daß er ihn ausspricht, daß er als Protestant ihn gegen die katholische Kirche ausspricht, problematisch. Auch die Tatsache, daß das Stück im stark protestantischen Basel aufgeführt wird, ist nach Barths Meinung unpassend. Ja, wenn man das Stück in Luzern oder in Freiburg11 auf die Bühne gestellt hätte, das wäre etwas anderes gewesen! Wenn schon in Basel ein Stück zur Bewältigung der Vergangenheit gespielt werden soll, dann müßte der Held ein Schweizer Bundesrat sein, der mit den Argumenten aus seiner Stellung heraus sich zu verteidigen hätte.12 Diese Argumente würden allerdings auf das gleiche hinauslaufen - darauf, daß die Juden aus der |114 Schweiz fort müssen.13 Auf die jetzige Situation kann man wieder einmal das Bibelwort vom Splitter im anderen und vom Balken im eigenen Auge [Mt. 7,3-5] anwenden.
Stumm berichtet: Das Gespräch ging langsam auf andere Dinge über. Ich bedankte mich für das Interview.
Barth:
Na, Interviews bin ich wirklich gewöhnt. Einmal waren sogar die Leute vom «Spiegel» hier. Einen Photographen haben sie auch gleich mitgebracht, und vier Stunden lang haben sie mich ausgequetscht.14 Aber mit den Spiegelleuten verstehe ich mich gut. Was sie geschrieben haben, hatte die richtige Lage. Wissen Sie, ich lese den «Spiegel» lieber als die «Basler Nachrichten»15.
Stumm fragte, ob er das auch schreiben dürfe.
Barth:
Natürlich. Man hat mir einmal gesagt, daß ich nicht nur kein Konformist, sondern sogar ein prinzipieller Nonkonformist sei16 - und wenn ich es mir recht überlege, ist auch etwas daran.