Gespräch mit der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg
GESPRÄCH MIT DER KIRCHLICHEN BRUDERSCHAFT IN WÜRTTEMBERG
Das Gespräch fand am 15.7.1963 im Restaurant
Gespräch mit der kirchlichen Bruderschaft in Württemberg
Meine Damen und Herren - oder wenn Sie es vorziehen: liebe Brüder und Schwestern, ich möchte Ihnen vor allem sagen, daß ich tief bewegt und gerührt und ein bißchen erschrocken bin angesichts der Tatsache, daß Sie sich die Zeit und die Mühe genommen haben, aus dem fernen
Und eines möchte ich gleich sagen: Es wird nicht angehen, daß ich den ganzen Tag [allein] rede, sondern ich möchte mit Ihnen reden, ich möchte Sie auch hören. Also, es soll nun gerade nicht so laufen, daß Sie hören und ich rede, sondern wir wollen uns miteinander austauschen. Ich werde immer wieder dazwischen fragen: was sagt ihr jetzt dazu? oder: was meint ihr eigentlich? Ich glaube, die Zeit der großen Vorträge, wo einer so stundenlang redet, und die Anderen sind verdammt, dem nun zuzuhören, was dem alles in den Sinn gekommen ist, was er da aufs Papier gebracht hat oder was durch seinen Kopf geht, diese Zeit ist vielleicht - nicht nur für mich, sondern vielleicht überhaupt ein bißchen vorbei. Sondern was wir nötig haben in der Theologie und in der Kirche, sind - ach! ich mag das blöde Wort nicht wieder brauchen: «Gespräche». Aber was ich meine, ist einfach: daß man miteinander redet und miteinander dann vorzudringen sucht zu Antworten, statt daß da jemand irgendwie, als ob ihm der Heilige Geist diktiert hätte, den Anderen etwas vorzutragen versucht.
Aber ich will der Sache näher treten. Die Fragen[, die Sie mir vorgelegt haben,] haben einen Introitus, in welchem es heißt: Es sei Ihnen klar, «daß die Predigt so konkret wie möglich Zuspruch und Anspruch des Evangeliums zur Geltung bringen muß. Wie aber …» - jetzt kommt also eine erste Frage oder eine Überschrift über die folgenden Fragen - «wie könnte die Gemeinde in rechter Weise bei ihrem Amen auf das gehörte Wort behaftet werden? Und wie weit ist also die Kirche gebunden, konkrete Folgerungen in folgender Hinsicht zu ziehen: …?» - und dann kommen die fünf Fragen.
Und hier stock’ ich eigentlich schon.1 Nämlich - kann man das eigentlich so fragen: wie man «die Gemeinde in rechter Weise bei ihrem Amen auf das gehörte Wort behaften» könne? Kann das überhaupt unsere Sache sein, die Gemeinde da so zu behaften? Die wird |45 wohl von ganz anderer Seite behaftet. Und schließlich, auch ihr Amen kann ja eigentlich nur eine Antwort sein auf das Amen, das wieder von ganz anderer Seite gesprochen ist. So daß dann die sogenannten «wir», die danach fragen - wo[mit] in der Hauptsache wohl gemeint sind: die Herren Pfarrer, die da mit der Gemeinde umgehen - , eigentlich nur dabei sein können, wie von ganz anderer Seite ein Amen gesprochen wird zu dem, was sie von ihrer Kanzel oder von ihrem Pültlein her allenfalls vorzubringen haben, und [nur] dabei sein können, wie die Gemeinde bei diesem Amen behaftet wird.
Ich würde also zu diesem Introitus die Anmerkung machen: ob es nicht gut wäre, wenn der Pfarrer, der Prediger, der Diener am Wort usf. sich doch möglichst bestimmt bloß als Zeuge verstehen würde - und nicht als einer, der nun «das Wort» zu verkündigen hat. Ach du liebe Zeit, das Wort, das wir verkündigen … ! Wenn es ein gutes Wort ist, so kann es eben nur das Wort eines …, ja, eines Zeugen sein, der seinerseits etwas gehört hat und nun den anderen sagt: so habe ich es gehört, hört ihr’s nicht auch? - … Dienst, Dienst und noch einmal Dienst - und in keiner Weise versteckte Herrschaft!
(*Wir haben vielleicht den Satz von
Und das möchte gelten in bezug auf den Begriff des «gehörten Wortes» wie [nun eben] in bezug auf das Amen, das da von der Gemeinde zu hören sein sollte, wie dann auch in bezug auf das «Behaften» bei diesem Amen mit den konkreten Folgerungen. Man wird da nicht genug eine leichte Hand haben können.
Sie haben seinerzeit bei Abfassung der Barmer Thesen ein gewichtiges Wort mitgesprochen. In der fünften Barmer These heißt es: «Die Schrift sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.»8 - Können Sie diese These, wenn nicht ihrem Wortlaut, so doch ihrem Inhalt nach heute noch aufrechterhalten? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, in welcher Weise?*)
«Sie haben seinerzeit bei der Abfassung der Barmer Thesen ein gewichtiges Wort mitgesprochen.» Ja, das kann man wohl so sagen.9 Es ist nämlich gerade diese These 5, wenn ich mich recht erinnere, nun wirklich wortwörtlich von mir, gerade die These 5. Ich glaube, nur an einer Stelle hat dann irgend jemand noch hineingefunkt. Ich habe gesagt, dort in der Mitte: «Die Kirche anerkennt in Dank und Ehrfurcht die Wohltat dieser [An]ordnung.» Da hat jemand |48 gesagt, das sei schlechtes Deutsch, sondern es müsse heißen: «Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht die Anordnung an …» Also, nach meinem Sprachgefühl wäre es immer noch schöner, wenn es «anerkennen» heißen würde. Aber im übrigen hat hier kein
Sie fragen mich also, wie ich jetzt zu dieser These stehe? Ob ich sie noch heute aufrechterhalte? Und wenn nein, warum nicht? Und wenn ja, in welcher Weise? Jetzt wird wohl zur Einführung nichts helfen, als daß ich einen ganz kurzen Kommentar gebe, was damals gemeint war und was ich, wenn ich es jetzt lese, nach bestem Wissen und Gewissen diesem Text entnehme.
Also: diese These 5 von Barmen fängt an mit dem Satz: «Die Schrift sagt uns …» Es war damals wichtig, daß gesagt wurde: was über den Staat zu sagen ist, das hat man nicht aus der freien Faust zu nehmen, sondern wir sind auch in dieser Hinsicht durch die heilige Schrift auf den rechten Weg gewiesen - durch das Zeugnis des Alten und Neuen Testamentes!11 Wobei unter Schrift jetzt etwa nicht nur einzelne biblische Stellen zu verstehen sind wie
Nun wird vom Staat gesagt, er habe «nach göttlicher Anordnung die Aufgabe …» usf. Der Begriff «Anordnung» war sehr bewußt gewählt. Daß nicht etwa gesagt wurde, daß der Staat eine göttliche «Ordnung» ist! Denn mit dem Begriff «Ordnung» ist damals heftig gefochten worden12, und da war dann ganz in der Nähe die «Schöpfungsordnung» und dergleichen. «Anordnung» - das wäre lateinisch: ordinatio, im Unterschied zu ordo! - würde sagen: es handelt sich im Staat um eine Veranstaltung Gottes in der Geschichte, nicht um etwas, was sozusagen in der Natur des Menschen liegt, [so] daß es durchaus einen Staat geben müßte. Aber wie es ja letztlich auch keine Kirche notwendig geben müßte, so auch keinen Staat. Aber faktisch-praktisch hat Gott es so gewollt und veranstaltet. Er hat es so «angeordnet», daß es das gibt, was wir da «Staat» nennen.
Er hat eine «Aufgabe» und zwar eine Aufgabe «in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht …» Dieser Satz ist ein Hinweis darauf, daß der Staat in den Bereich gehört, der begrenzt ist einerseits durch die schon geschehene Tat oder die Summe der Taten Gottes zum Heil der Menschen, andererseits durch das noch ausstehende Offenbarwerden dessen, was Gott getan hat in der Begründung des Bundes und in seiner Erfüllung in Christus. Das ist die «noch nicht erlöste Welt». Gemeint ist die Welt, deren Erlösung oder deren Versöhnung zwar geschehen, aber noch nicht offenbar ist. In diesen Raum hinein hat Gott die Ordnung des Staates angeordnet. In diesen Raum gehört auch die Kirche. Die Kirche hat zwar wohl eine Verheißung, die über das Ende aller Dinge, über das Ziel der Geschichte hinausgeht. Man wird aber nicht vergessen dürfen - [nach]
Dann heißt es: Der Staat habe eine Aufgabe, «nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens …» Damit soll darauf hingewiesen sein, daß der Staat ja nun, indem er eine göttliche Veranstaltung ist, eine Veranstaltung unter den Menschen ist, bei welcher Menschen zu «funktionieren» haben, [d. h. aber] mit begrenzter Einsicht und auch mit einem begrenzten Vermögen. Man kann vom Staat nicht göttliche Dinge erwarten - von der Kirche nämlich auch nicht, geschweige denn vom Staat -, sondern «nach menschlicher Einsicht und menschlichem Vermögen»! Auch der Staat kann nur, wie es
Nun wird hinzugefügt, was ja nun das Typische ist für das Handeln des Staates, was zwar, ich würde sagen, nicht etwa zu seinem Wesen gehört, aber was nun faktisch-praktisch unvermeidlich ist: «… unter Androhung und Ausübung von Gewalt …» Ja, dadurch unterscheidet sich nun der Staat von der Kirche, daß da Gewalt als Möglichkeit im Hintergrund steht und dann wohl auch als Wirklichkeit auf den Plan tritt. Ich werde nachher noch darauf kommen.
Und nun das Nächste: «… für Recht und Frieden zu sorgen …» Damit soll das Ziel, der Zweck des Staates angedeutet sein. Auch dazu wäre einiges zu sagen. «Recht» und «Frieden», diese Begriffe stehen hier da als Inbegriff dessen, was nach göttlicher Anordnung zur Erhaltung des äußeren Bestandes der Menschheit geschehen kann. Dafür hat der Staat Verantwortung, und das ist seine Aufgabe.
51 Im nächsten Satz kommt die Kirche: « … Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an.» Also, von der Kirche aus gesehen ist die Existenz und die Tätigkeit des Staates nicht einfach als ein brutum factum zu verstehen, geschweige denn als etwas Böses. Der Satz von
Das Positive kommt nun hinzu. Sie hat im Staat, eventuell dem Staat gegenüber, zu «erinnern» - heißt es da - «an Gottes Reich». Das ist ja die letzte, umfassende Wirklichkeit, welche in der Existenz des menschlichen Staates nur ihr Analogon haben kann. Die Kirche hat daran zu erinnern: [an] das eigentliche Reich - das Reich, das nicht aufhört und das nun reines Reich ist, ein heiliges Reich, das Reich Gottes, das in Christus aufgerichtet ist, das im Heiligen Geist auch schon gegenwärtig ist und das in seiner kommenden Offenbarung als solches sichtbar werden wird. Und das impliziert nun: «Gottes Gebot und Gerechtigkeit». Gemeint ist: dem Gebot des Staates und der Gerechtigkeit des Staates übergeordnet ist das Gebot Gottes, welches damit gegeben ist, daß sein Reich gekommen ist und kommt, und ist übergeordnet die Gerechtigkeit, die Gott verheißt und auch schon schafft. Die Kirche hat dem Staat gegenüber, indem sie ihn als Wohltat anerkennt, das sichtbar zu machen: dieses Übergeordnete als das Eigentliche, den eigentlichen Sinn auch der staatlichen Existenz.
52 Und damit hat sie zu erinnern «an die Verantwortung» - jetzt heißt es da - «der Regierenden und Regierten». Es gibt also nicht nur eine Verantwortung, wie man dann wohl gesagt hat: eine Gehorsamspflicht der «Untertanen», der Regierten15, sondern - das war ja 1934 sehr wichtig zu sagen! - es gibt auch eine Verantwortung der Regierenden und der Regierten. Es ist eine gemeinsame Verantwortung für die Existenz des Staates. Die Menschen, in deren Hände die Existenz des Staates gegeben ist, sind nicht nur irgendwelche Behörden da droben in irgendeiner Ferne, sondern auch die, welche von diesen Behörden geleitet oder verwaltet, administriert werden. Alle haben die Existenz des Staates, seine Wirklichkeit und, was er im Guten und Bösen ist, mitzuverantworten - alle ohne Ausnahme.
Und dann sagt die Schlußstelle: «Sie» - die Kirche - «vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.» Sehen Sie, das war nun, ganz schüchtern angedeutet, das, was dann später die christologische Begründung des Staates genannt wurde.16 Die Stelle ist ja eine Anspielung auf
Nun, das ist jetzt also, nur ganz kurz, eine Umschreibung dieser These, nach der Sie mich fragen. «Können Sie diese These heute noch aufrechterhalten?» Ho, wenn ich’s so lese, finde ich’s gar nicht so schlecht … Ich habe natürlich bei der Abfassung im besonderen auch
Ferner, der Satz ließ sich auch gut verantworten in der damaligen Situation. Man muß denken: bitte, 1934 ist das zu Papier gebracht und ist das dann in Barmen von allen möglichen Leuten - inklusive der Bischöfe
55 Man stand bei der Abfassung dieser Barmer Sätze unter dem Druck: es mußte möglichst kurz geredet werden. Es konnte hier nicht eine ganze Theologie des Staates da hineingetragen werden oder des christlichen Verhaltens zum Staate, will ich mal sagen, sondern die Worte mußten gespart sein. Ich habe damals noch Fülle genug in mir gehabt, daß ich natürlich 10 oder 100 Seiten über dieses Thema hätte schreiben können, aber jetzt ging es darum, es in 10 Zeilen zu sagen. Und darum … Nun, die Kürze hat ihre Würze, aber die Kürze hat natürlich auch ihre Dunkelheit, so daß man jetzt bei mancher dieser Wendungen auch fragen kann: da hätten wir aber gern Erklärungen dazu.
Und dazu sind wir jetzt da, um darüber zu reden. Ich möchte euch jetzt einmal fragen: Habt ihr vielleicht wesentliche Einwände? - weil man mich da fragt, ob ich’s noch aufrechterhalte? Ich will dann nachher, aber erst, wenn ihr etwas gesagt habt, sagen, wo ich jetzt etwa Fragen diesem Text gegenüber habe und wo ich von mir aus versuchen würde, in ähnlicher Kürze es vielleicht ein bißchen anders zu sagen. Es gibt hauptsächlich zwei Stellen in diesem Text, wo ich, ohne daß ich ihn preisgeben müßte, doch vorschlagen würde, da vielleicht noch ein bißchen anders zu formulieren.
Es ist gut, daß in der Barmer These nicht einer Staatsmetaphysik das Wort geredet wird, daß nicht von der Würde und vom Wesen des Staates, sondern schlicht von seiner Aufgabe geredet wird. Es ist aber zu fragen, ob der Staat von Gott, nach göttlicher «Anordnung», die Aufgabe hat, «unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen». Und es ist erst recht zu fragen, ob Christen die Aufgabe haben, sich an der «Androhung und Ausübung von Gewalt» zu beteiligen. Im Neuen Testament ist sicher in keiner Weise daran gedacht, daß Christen sich irgendwie an der Gewaltandrohung und -anwendung der staatlichen Machthaber beteiligen sollten. Auch
Ich möchte auf
Ja, das habe ich gesagt.
Der würde doch etwas Sinnvolles tun …
Sogar auf englisch habe ich das gesagt.
Beim Verkehrspolizisten scheint mir in besonderer Weise der Dienstcharakter sichtbar zu sein. Es ist natürlich diese Frage, die wir an die Barmer These stellen, auch immer von unseren deutschen Verhältnissen diktiert, wo der Machtmißbrauch [naheliegt] und dies, daß man sich auf eine solche Stelle stürzt, um [dafür] eine Sanktionierung zu finden. Sicher sind in der
Ah, das wollen wir auf sich beruhen lassen.
Ich meine nur den Unterschied zwischen dem Verkehrspolizisten, der eindeutig im Dienst der Liebe etwas Sinnvolles, Hilfreiches tut, und dem, der mit «Ausübung von Gewalt» [beauftragt ist], die mit Blutvergießen verbunden ist, wo dann sofort das christliche Zeugnis der Liebe und der Versöhnung Gottes mit allen Menschen in Frage gestellt wird. Also um diesen Unterschied geht es, glaub’ ich.
Sie, verehrter Herr
Sie hätten sehen sollen, wie diese verlegen aufgestanden sind. Ich sehe sie jetzt noch vor mir.
Ich meine nur, das Problem bestehe darin, daß diese These auch heute von allen bejaht wird, daß uns auch heute in unserer Stellungnahme gegen die atomare Bewaffnung gesagt wird: bitte, hier in der Barmer These ist das theologisch verankert, daß der Staat «nach göttlicher Anordnung unter Androhung und Ausübung von Gewalt» fungiert.26 Und wir werden von denen, die die Atomaufrüstung bejahen, gefragt, steht ihr eigentlich noch auf dem Grund von Barmen [These] 5, wenn ihr jetzt zu dieser Form staatlicher Machtandrohung nein sagt?
Ist nicht auch das ein gewisser Unterschied, daß in der Bibel wesentlich von Personen, von Machthabern und Königen die Rede ist, während in der fünften These von Institutionen gesprochen wird? In der Bibel werden Personen behaftet, während bei uns eine gewisse Abweichung in Richtung auf Metaphysik eingetreten ist, so daß wir nur noch die Einrichtungen, die Institutionen sehen.
Würde es vielleicht der Klärung der Sache dienen, wenn man die Formulierung dahin ändern würde: «Der Staat hat die Aufgabe, nach menschlicher Einsicht … für Recht und Frieden zu sorgen (und davon könnte man dann abheben:) sogar bis hin zur Androhung und Ausübung von Gewalt»? Dies würde heißen, daß die Gewaltausübung des Staates unter göttlicher Zulassung und Hinnahme steht, daß von diesem Bereich aber der Auftrag der Kirche und der Christenheit abgegrenzt würde und gesagt würde: die Gewaltandrohung und -ausübung gehört nicht mehr zum Auftrag der Kirche und der Christen.*)
Ich will versuchen, in dem großen Gedränge, in das ich jetzt gebracht bin[, zu antworten]. Ich komme damit schon zu dem, was ich selber jetzt als Fragezeichen hinter meinen Text zu setzen habe. Das kommt natürlich gleich auch, dort diese Sache mit der Gewalt. Sie wollten sagen: «bis hin zu …», ich würde vielleicht gesagt haben: «im Notfall unter Androhung und Ausübung von Gewalt …». Daß man das ganz entfernen kann, das will mir noch nicht recht einleuchten. Ich würde mich dringend dagegen verwahren - das können Sie dann auch in dem angefochtenen und auch wirklich anfechtbaren Abschnitt in der Kirchlichen Dogmatik III/4
Nun ist aber ja die Pointe Ihrer Frage, wie sie an mich gerichtet wurde: was haben wir Christen damit zu tun? Und nun sind hier vorhin Sprüche laut geworden, die ungefähr so lauteten (wenn ich’s so zusammenfassen darf): «Nun ja, es gibt obrigkeitliche Personen, und die machen das. Gott sei Dank, daß ich keine obrigkeitliche Person |60 bin, sondern ein guter Christ! Ich mache da nicht mit. Da fängt ja das Böse an. Wir rechnen damit, daß es im Dienste Gottes geschieht. Aber [das ist] nichts für mich. Also, ich mache das nicht.» Und dann, ja dann kommt auf einmal, wissen Sie, über diesen Begriff der «obrigkeitlichen Person» die Zwei-Reiche-Theorie wieder herein, daß nämlich [auf der einen Seite] auch der Christ sagt: «Ja natürlich, es muß das geben» und im Stillen sagt er: «Gott sei Dank, daß es eine Polizei gibt und noch einiges andere, was auf dieser Linie ist!» Er wird es unter der Hand faktisch-praktisch auch gutheißen. Er zahlt ja auch seine Steuern, obwohl mit dieser Steuer dieser Betrieb da unterhalten wird. Und dann sagt er: «So, und auf der anderen Seite lebe ich jetzt im Reich der Liebe und gebe mein Zeugnis ab für den Frieden» usf. Achtung, Achtung, daß nicht auf diesem Weg die alte fatale Lehre von diesen zwei Bereichen31 wieder hereinkommt! Denn auch der friedlichste und friedliebendste Christ kann faktisch nicht umhin, davon zu profitieren, daß diese Sache da ihren Lauf nimmt.
Und nun ist mir vorhin gesagt worden, im Neuen Testament sei es nicht vorgesehen, daß Christen sich daran beteiligen. Ja, aber es ist etwas anderes vorgesehen, was eigentlich viel intensiver ist, nämlich daß die Christen beten: sie beten für die Könige und Obrigkeiten [vgl.
Heißt das nun «Rechtfertigung der Gewalt»? Wenn Sie mir jetzt damit kommen, was Ihnen in
62 Aber darf ich jetzt vielleicht noch ein bißchen mehr sagen zur Kritik der These? Nämlich, für mich erschöpft sich das Bedenken gegen meinen Text von damals nicht in dieser Frage wegen der Gewalt, was Sie jetzt offenbar ganz besonders an- und aufregt, sondern ich habe da noch anderes [anzumerken].
Sehen Sie, ich würde z. B. jetzt nicht mehr einfach nur sagen: der Staat hat zu sorgen für «Recht und Frieden». Ein bißchen zu dünn! Es war das auch wegen der Kürze so gesagt. Aber ich würde hier eigentlich gern zunächst einen etwas volleren Begriff einführen und sagen: «Der Staat hat zu sorgen für …» oder: «der Staat hat zu dienen (würde ich mal sagen; und dann würde ich einen allgemeinen Begriff wählen) dem Gemeinwohl». Es geht ja um das gemeinsame Wohl der Menschen; und ich finde den von
Und dann natürlich, wie vorhin vorgeschlagen, die Sache mit der Gewalt - ja eben, ich würde vielleicht sagen: «im Notfall» oder «im |63 Grenzfall» (das wäre nicht so verständlich, was ein Grenzfall ist; es wissen nicht einmal alle Theologen, geschweige denn …; aber «Notfall» verstehen alle). Und dann würde ich also sagen: «im Notfall … von Gewalt».
Jetzt aber kommt noch mehr, was ich einzuwenden habe. Ich bin offenbar kritischer als Sie. Sie sind jetzt nur über die «Gewalt» gestolpert. Es gibt da aber noch ganz anderes zu bedenken - nämlich: der ganze Satz «Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit» usf. Ich habe das nicht so gern, daß «Gottes Reich, Gebot und Gerechtigkeit» so in einer Linie kommt. Denn «Gottes Reich» ist ja ein eschatologischer Begriff. Und der muß sozusagen umfassend allem gegenübergestellt sein. Ich würde jetzt sagen: «Sie verkündigt Gottes Reich» - was ja identisch ist mit: sie verkündigt Jesus Christus, den Gekommenen und den Kommenden. Das ist ihre Aufgabe: ihn als den κύριος [den Herrn] und so Gottes Reich [zu verkündigen] … Und dann würde ich sagen, Punkt hier …; nein, man könnte fortfahren: «Sie verkündigt Gottes Reich …» (und dann würde ich das Verhältnis der Worte, die [folgen]: «Gebot und Gerechtigkeit», umkehren; ich würde nämlich zuerst sagen:) «Gottes Reich und darum Gottes Gerechtigkeit» - und zwar jetzt Gerechtigkeit eben im biblischen Sinn des Wortes: daß Gott Recht schafft, das Recht seiner Barmherzigkeit, das Recht seiner Liebe. Und dann von da aus [würde ich] erst «das Gebot» erwähnen. Daß also eine Antiklimax [entstehen] würde: der eschatologische Begriff des Reiches voraus und dann als dessen praktischer Inhalt: Gottes Gerechtigkeit in der Vergebung der Sünden (so ist es im Alten und Neuen Testament ja gemeint; da ist die δικαιοσύνη θεοῦ [Gerechtigkeit Gottes] nicht irgend so eine «justice»), und dann daraus folgend: das Gebot, Evangelium und Gesetz!36 Das |64 ist die Aufgabe der Kirche im Staat, dem Staat gegenüber, in Bejahung des Staates, eventuell auch in Bestreitung dessen, was der Staat faktisch und praktisch ist.
Und dann, also es freut mich nicht [mehr] so recht dieser Ausdruck: «Verantwortung der Regierenden und der Regierten». Das schmeckt so ein bißchen nach 1934: Da wurde regiert, und man wurde regiert. Und das war wohl für damals ganz aktuell, es so zu sagen[, um auf die Verantwortung aller aufmerksam zu machen]. Ich würde [aber] jetzt sagen: «Sie verkündigt Gottes Reich, Gerechtigkeit und Gebot» und dann kommt: «Sie erinnert Christen und Nicht-Christen» - denn die Kirche blickt darin auch nach außen; auch
Ihre Äußerungen in Ihrer Dogmatik III/4
«Ihre Äußerungen in Ihrer Dogmatik III/4 …» - ich habe das auch noch einmal durchgelesen, und nicht nur Seite 527ff., sondern den ganzen Zusammenhang dort über das Problem des Krieges (also das ist ja alles 1951 geschrieben, damals!). Und da [ist es mir gegangen], wie es mir öfters geht mit meinen eigenen Texten, daß ich zunächst denke: es ist gar nicht so schlecht! Es ist mindestens viel Gutes drin, was nützlich zu lesen ist40 - nach wie vor! Ich habe damals auch das sehr gründlich überdacht und formuliert; es ist nicht nur so hingeschmettert, sondern es war eine wohlüberlegte Sache. Also - ganz verwerfen kann ich es auch jetzt noch nicht. Immerhin würde ich sagen: es ist vielleicht nicht einer der allerglücklichsten Abschnitte in der Kirchlichen Dogmatik. Das hängt nun damit zusammen, daß [man] es [hier] eben, was ja sonst in der Dogmatik nicht so [ist], jedenfalls nicht immer sichtbar wird, direkt mit praktischen Fragen zu tun bekommt. Und da ist es eben so, daß sich sehr leicht die Landschaft in einigen Jahrzehnten (oder jetzt sind also wenigstens 14 Jahre vergangen, seit das veröffentlicht wurde41) so verändert, daß man nachträglich sagt: Oh, ich wollte, ich hätte das noch ein bißchen anders gesagt, als es jetzt da gesagt ist!
Aber ich will auch da zunächst einmal vom Positiven ausgehen: [daß] ich zu zeigen versucht habe, daß es sich im Krieg um ein Handeln des Staates im Notstand handle.42 Wenn Sie den Abschnitt selber |66 jetzt noch einmal angesehen haben, wird Ihnen doch das hoffentlich Eindruck gemacht haben, daß ich ja zunächst eigentlich neunundneunzigprozentig gegen Krieg und Militär geredet habe. Es ist mir schon gesagt worden, es sei eigentlich etwas vom Schärfsten, was in dieser Richtung gesagt worden sei.43 - Und dann kommt: ein Prozent bleibt übrig, gelt, nur das! Man wird mir also nicht den Vorwurf machen können, das sei Kriegstheologie, was ich da vorgetragen habe. Nur ist es allerdings auch nicht einfache, eindeutige Antikriegstheologie, prinzipieller Pazifismus. Sondern ich habe damit gerechnet: der Staat könne in einen Notstand kommen, in welchem ihm nichts Anderes übrig bleibt, als so, wie er es nach innen häufig tun muß, nun auch nach außen Gewalt zu brauchen.
Ich habe [zudem] ausgeführt, daß eigentlich die ganze Entwicklung der Kriegsfrage schlechterdings darauf hinweist, daß der Krieg auszuschließen ist.44 Wir haben nicht mehr die Naivität, die noch
67 Ich habe damals damit gerechnet: Doch, es könnte das geben, es könnte Kriegführung gefordert sein.46 Es müßte der notwendigen Erhaltung eines bestimmten Staates nun eben auch um diesen Preis Rechnung getragen werden. Und es wäre in diesem Fall, in diesem einen Prozent da an der Grenze dann also von einem bellum iustum zu reden, von einem gerechten Krieg, was dann bedeuten würde: von einem geforderten Krieg, an dem auch der Christ sich zu beteiligen hätte - in diesem Grenzfall.
Jetzt natürlich, wenn man mir kommt und sagt: ha, jetzt haben wir’s! Er rechtfertigt den Krieg! Es gibt ein bellum iustum! Und wenn sie dann offenbar sogar im deutschen
Ja.
Wer hat es gemacht?47
Ein Lutheraner natürlich.
Ja, natürlich! Sie haben, scheint’s, im
Nun ist aber das nicht der Punkt, [der] an dem Abschnitt fatal ist und [der] mich jetzt selber nicht freut; sondern was mich nicht freut, ist, daß da nicht drinsteht, was jetzt ganz anderswo steht: in der Enzyklika «Pacem in terris»
Krieg ist nie etwas Schönes gewesen. Wir haben hier in der
Mir ist sogar auch einmal in einer Diskussion von neun Theologieprofessoren, wo wir uns mit der Frage zu befassen hatten, entgegengehalten worden54: die Sache aus dem Krieg der Engländer gegen die Franzosen im 15. Jahrhundert, in der Zeit von
Nun, ich denke, wir brauchen hier jetzt nicht über die Atombombe und den Atomkrieg usf. zu reden. Wir dürften heutzutage alle darüber Bescheid wissen: Atom-Krieg ist eigentlich vom ersten Augenblick an das Ende aller Dinge! Da verliert die Kriegführung selber als solche jeden Sinn. Atom-Kriegführung heißt: totale Zerstörung, eben nicht nur Zerstörung in der Abwehr von gewissen Menschen, sondern Zerstörung, die sich ja dann auch gegen die richtet, welche diese Atom-Waffen brauchen … Wenn einmal eine von diesen vielen Atom-Bomben und Wasserstoffbomben, die jetzt in der Welt herumliegen, losgeht - und wir sind alle nicht gesichert davor, daß einmal plötzlich durch irgendeinen Narren, der auf den falschen Hebel drückt, eine losgeht -, dann ist eben Schluß. Und nun also damit spielen oder das noch in Rechnung ziehen als Kriegsinstrument, das ist Unsinn. Und dieser Punkt fehlt hier in meiner Darlegung. Ich hätte [das] sagen müssen, im Anschluß an den Begriff des «bellum iustum», des gerechten Krieges. Da habe ich einfach etwas versäumt. Denn sogar die alten Theologen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wenn sie auf die Sache kamen, haben Erwägungen über das bellum iustum angestellt und gesagt: es gibt bestimmte Regeln, die nicht überschritten werden dürfen; das und das darf auch im Krieg nicht geschehen, z. B. Gefangene töten oder Frauen und Kinder usf.56 Also, die haben Grenzen gesehen |73 in diesem Begriff. Und dem hätte ich auch nachgehen sollen: bellum iustum nicht nur im Blick auf die Ursache oder den Sinn des Krieges, sondern bellum iustum auch im Blick auf seine Durchführung.57 Und dann hätte ich ja darauf kommen müssen: Atom-Krieg kann als solcher nicht bellum iustum sein. Wenn das unvermeidlich ist, dann gibt es überhaupt nur ein bellum iniustum, und dann wird konkret eigentlich nichts übrig bleiben für die Christen - jetzt kommt’s! - als Dienstverweigerung. Denn das kann nun in keinem Sinn mehr verstanden werden als Dienst am Staate oder im Staate oder im Namen dieser göttlichen Anordnung, sondern das hebt ja das alles auf. Also, hier wird nein zu sagen sein.
Ich rede hier von einer in der
Aber jetzt können Sie noch weiter nach mir stechen. Es könnte ja sein, daß ich in diesem Abschnitt noch mehr gesündigt habe.
In Ihrer Dogmatik
Aha! aha! Ich habe natürlich da unter dem «geistlichen Verhältnis zu Gott» ein bißchen etwas anderes verstanden als die Bedrohung des Religionsunterrichts in den Schulen und solche Dinge, sondern da habe ich, wie ich es dann nachher in den dreieinhalb Zeilen angedeutet habe, sehr konkret daran gedacht, wie das jetzt wäre, wenn wir hier in der
Es geht aber doch vielen so, die etwa in
Hm! darüber wäre dann mit ihnen zu reden, ob es wirklich so ernst ist. Da wäre über die Mauer zu sprechen und über das Verhältnis der Bundesrepublik zur DDR. Über Vieles wäre dann zu reden. Und nun hat sich die Situation ja wirklich verändert. Bitte, jetzt kommt die Atombombe ins Spiel. Ich würde jetzt auch nicht sagen: Die Schweiz muß um Gottes willen mit der Atombombe verteidigt werden. Ich würde sagen: Das ist Wahnsinn; das kann man nicht! Mag es damit stehen, wie es will, aber damit hebe ich ja das, was ich verteidigen will, selber auf. Da wird aus Sinn Unsinn. Also, das nicht! Und das würde ja wohl im Fall der Berliner Mauer, wenn jemand dort ein «existentielles Erlebnis» hat, auch in Frage.
Bei den letzten Bundestagswahlen68 wurde erneut und mit besonderer Heftigkeit die Frage lebendig, wie weit die Ziele einer Partei dem Zeugnis unserer Predigt entsprechen müßten, um sie wählen zu können. Es gab Brüder, die meinten, eine Partei, die nicht die Aufrüstung überhaupt oder doch wenigstens die atomare Aufrüstung ablehne, könne von ihnen nicht gewählt werden, wenn sie nicht ihren Glauben verleugnen und ihre Predigt unglaubwürdig machen wollten. Es gab andere Brüder, die meinten, es gebe keine Partei, die in ihren Zielen und Praktiken unserer Verkündigung entspräche. Die |78 rechte Entscheidung könne nur so getroffen werden, daß gefragt werde, mit welcher Partei wir ein Stückchen - und sei es noch so bescheiden - der Erfüllung des Willens Gottes in dieser Zeit näher kämen. Welche Rolle hat nach Ihrer Meinung unser christliches Zeugnis bei unseren politischen Entscheidungen (Wahlen) zu spielen?*)
Es gab bei der letzten Wahl unter uns Brüder und Schwestern, die meinten, ein Bruderschaftler könne nichts anderes als
Ja, Sie möchten jetzt also wissen, was der Heilige Geist haben will, das man wählt … - Ich habe diese Frage mit Bewegung und Teilnahme gelesen. Ich habe mir die Worte angestrichen: «Es gab Brüder» und dann wieder «Es gab andere Brüder»! Und in der [nächsten] Frage kehrt ja das wieder. Dort heißt es auch «es gibt Brüder», «es gibt andere Brüder» und «es gibt drittens Brüder». Das spiegelt unsere ganze Verlegenheit in der Christenheit [wider], nicht wahr? Wenn wir noch einfach [sagen könnten]: Da sind die Brüder und das sind die anderen Menschen! Aber daß es so verschiedene Brüder gibt und daß man dann so verschiedener Meinung sein kann!
Sind wir uns einig darüber: es gibt keine Partei, die in ihren Zielen und Praktiken unserer Verkündigung entspräche? Das gibt es nicht, das hat es nicht gegeben, das wird es bis zur Wiederkunft nicht geben. Und zwar ist das eine Erscheinung, die gar nicht nur auf Parteien zutrifft, sondern setzen Sie einmal statt «Partei» ein - vielleicht das Wort «Pfarrfamilie». Gibt es eine Pfarrfamilie, «die in ihren Zielen und Praktiken unserer Verkündigung entspräche»? Ich glaub’s nicht. Und folglich könnte man gar nicht Leiter einer Pfarrfamilie sein, nicht wahr? Denn wer und was entspricht denn unserer Verkündigung? Unsere Verkündigung, die eilt immer weit dem voran, was wir sind, und erst recht dem voran, was die armen Tröpfe um uns her im kirchlichen und im politischen Raum sind. Also das ist kein Kriterium, |80 würde ich sagen. Denn das trifft schlechterdings auf alle zu, daß wir dem nicht entsprechen.
Und nun sagen Sie, daß bei den Wahlen die atomare Aufrüstung ein gewisses Kriterium bildet, und leider finden Sie außer der
Und nun würde ich also, wäre ich Deutscher gewesen, sicher nicht DFU gewählt haben. Warum nicht? Weil eigentlich deren ganzes Programm nur zugespitzt war eben auf die Friedensfrage. Und eine politische Partei sollte m. E. ein Programm in einem weiteren Rahmen anzubieten haben, wenn sie wirklich hilfreich sein will. So daß ich mich eigentlich nicht wundere, daß diese sicher achtenswerte und liebenswerte kleine Partei nun fortwährend über diese 5%-Grenze73 nicht herauskommt, sondern daß da nichts daraus wird! Also, ich würde, weil Politik eine umfassende Frage ist, in der auch die Militärfrage nur eine bestimmte Rolle spielt, nichtDFU gewählt haben.
Jetzt: SPD oder CDU? Ja, wie hieß das: «ein fauler Apfel oder eine faule Birne»? Ja, so kann man sagen. Dann kommt es also darauf an, ob man Birnen oder Äpfel vorzieht - beide faul?! Ich meinerseits habe lieber Birnen als Äpfel - und würde [darum] wahrscheinlich in
Nicht so der CDU! Wenn es irgendwie einen ernsten Grund gäbe, nun vielleicht doch, geradezu in bezug auf die Verkündigung, einen Protest einzulegen, dann wäre es bei der CDU wegen des «C». Denn das ist nun unerträglich, daß eine politische Partei auftritt und «christlich» sein will, christlich-demokratisch und (in
Und jetzt habe ich Ihnen [meine Ansicht dazu vorgetragen, aber -] bitte, das war jetzt nicht die Stimme des Heiligen Geistes! Das ist ja auch in der schönen Stelle, die Sie da vorgelesen haben79, nicht so gemeint. Ich hoffe, niemand hat das so verstanden: daß da irgendein braver Mann oder eine tüchtige Frau sitzt und lauscht, und schscht! kommt der Heilige Geist und verlangt schlechthinnigen |83 konkreten Gehorsam; und den hat man jetzt zu leisten. Sondern: ja, der Heilige Geist! - natürlich, es geht schlechterdings nicht ohne den. Aber um den muß wohl gebetet sein, und wenn man um ihn betet, dann muß - auch in dieser Sache - , wie ich heute morgen sagte80, gearbeitet sein. Und das Arbeiten besteht in diesem Fall darin, daß man so politische Reflexionen anstellt, wo man sich ganz nüchtern die Dinge gegeneinanderstellt und sagt: so und so und so! und sich sehr bewußt ist: wir befinden uns nicht im Himmel, sondern auf der Erde, «in der noch unerlösten Welt», auch mit diesem ganzen Parteiwesen. Aber wir sind auch da nicht ganz und gar verlassen. Es könnte auch da so ein Flüstern des Heiligen Geistes geben, dem gehorsam wir dann unsere Schritte tun, jetzt nach links, jetzt nach rechts, in dem Bewußtsein dessen, daß es nicht etwas Vollkommenes sein wird, aber etwas, was wir verantworten können. Es kann ja nur um das gehen in der Politik.
Jetzt weiß ich nicht, ob ich mit dieser Antwort «den einen Brüdern» und «den anderen Brüdern» Genüge geleistet habe. Sie können mich ja noch weiter fragen. Holen Sie’s aus mir heraus, was noch fehlt!
Ist es nicht so: eine Politik, die die Atombombe einkalkuliert, fordert doch das Bekenntnis heraus, so daß bei einer Wahl einfach der status confessionis gegeben ist, der im Fall der Bundestagswahl für einen Christen nur noch die Wahl der
Status confessionis bedeutet, daß wir eben auch in Randfragen nichts tun dürften, was unser Nein zur Atomfrage verdunkeln könnte und fraglich machen würde, und daß nun ein Ja zur
… die Schweizer auch!
- dann also in diesem Fall, wo wir in
Ich sehe.
Und dagegen wurde nun von der anderen Seite, von Bruder
Ja, also das Letztere darf auf keinen Fall sein, nicht wahr, sondern man wird sich ja auch [bei seinem] Denken im Rahmen politischen Ermessens, wo die Unterschiede nur relativ sind, doch leiten lassen von dem, was man als Christ vom Evangelium her weiß.
Unbedingt!
Das wird aber dann in der praktischen Entscheidung nicht direkt sichtbar werden können, sondern nur indirekt, daß ich nun so denke. Das [bedeutet], daß ich auf der einen Seite kein Schwärmer bin und nicht meine: ich kann mit meinem bißchen politischen Tun den Himmel auf die Erde bringen, auf der anderen Seite aber, daß ich gar nicht unempfindlich bin, sondern allergisch reagiere, wenn es so schmeckt, wie es da bei der
Und jetzt möchte ich etwas sagen zum «status confessionisMachen Sie nicht zu heftigen Gebrauch von diesem Begriff! nicht zu oft! Gelegentlich kann das einmal auftauchen, daß man sagt: So, jetzt bin ich im status confessionis, jetzt gibt es nur das und das! Aber das wird etwas relativ Seltenes sein, verstehen Sie, daß sich [etwas] so schlechterdings gegenübersteht, daß ich sagen [muß]: hundertprozentig so oder gar nichts! Also, [Ihr] Fall war jetzt der, man dürfte nicht
Wohl schon. Aber wenn «andere Brüder» vielleicht noch etwas Durchdringendes zu sagen haben, dann würde ich doch bitten.
Ich würde so herum fragen: Wenn eine Partei in ihrem Parteiprogramm erklären würde, daß bei ihr das 7. Gebot «Du sollst nicht stehlen» [
Also Entschuldigung, wenn ich jetzt so munter Ihnen antworte: Es kommt mir vor, der Fall, den Sie da setzen, daß eine Partei plötzlich sagen könnte: Du sollst stehlen! oder: Du darfst stehlen! Du sollst und du darfst ehebrechen usf.! und dann also offenbar: Du sollst und du darfst töten! (nicht wahr, das wäre dann das Dritte) - Entschuldigung, wenn ich’s so sage -, das ist jetzt richtig so Pfarrer-Phantasie. Das kommt ja im wirklichen Leben nicht vor. Jede Partei wird sagen, sie wolle die Zehn Gebote haben.
Es ist mir unvergeßlich, wie ich nach dem Krieg im Jahre 1946 das erste Mal nach
Verstehen Sie, ich glaube, das wird ja jeder sagen - Sie könnten fragen, wen Sie wollen - : «Ja, die Zehn Gebote gelten natürlich!» Und schwierig wird es sicher immer nur beim ersten Gebot - ganz schwierig, [während] die anderen Dinge auch [abgesehen davon] gelten. Und nun ist es ja so, daß die Auslegung des «Du sollst nicht töten» [
Eben zu den Zehn Geboten: Es war im
Ah, da sieht man, wie viel besser die Kommunisten sind als die Nationalsozialisten.
Das lasse ich mal dahingestellt. Nun haben Sie vorhin von der prophetischen Wolke über der
Wenn Sie nichts anderes zum Essen haben, dann müssen Sie eine von den faulen Früchten haben.
Deswegen glaube ich eben doch, daß der Punkt bei einer Partei eintreten kann, wo wir - und zwar gerade im Blick auf diese Entwicklung, die ich an den Zehn Geboten demonstriert haben wollte - nicht mehr mitgehen können. Und darüber haben wir eigentlich wohl gestritten: ob dieser Punkt, der vorhin der status confessionis genannt wurde, an den Zehn Geboten erreicht ist? [Tritt hier nicht] wiederum der Grenzfall ein, wo ich erklären muß: Die Sache ist jetzt allmählich zu faul geworden, als daß ich hier noch meine Stimme dafür geben könnte? Auch wenn ich genau weiß - da haben Sie völlig recht, da werden wir alle zustimmen -, daß nicht alles faul ist! Aber wo doch nun einmal der Wurm so drinsitzt, daß man auch die atomare Aufrüstung in Kauf nimmt, wird von innen heraus schließlich auch das andere so faul werden, daß wir [alles] nicht mehr [genießen] können. Und da ist Ihre Hoffnung eine etwas andere. Sie meinen, daß wir uns dieser Partei gegenüber nicht fanatisch und hoffnungslos erweisen [?] sollten. Ich glaube, das sind die verschiedenen Haltungen, die wir da einnehmen.
Ja. Ich würde sagen: die
Das gebe ich zu.
Das macht einen Unterschied aus. Es ist nicht ganz das gleiche. Womit ich nicht gesagt haben will, daß es nicht auch sehr fatal ist, wenn man schwach ist. Man soll auch nicht schwach sein! Irgendwo in der Dogmatik
Das Tauf- und Konfirmationsproblem wird für uns in der Praxis unseres kirchlichen Handelns immer bedrängender. Es gibt Brüder, die meinen, dieses Problem könne nur durch ein zuchtvolles Handeln bei der Kindertaufe gelöst werden. Es gibt andere Brüder, die meinen, daß, nachdem die Taufe durch die Praxis der Kindertaufe bis ins Unkenntliche hinein verdunkelt worden sei, die Kirche grundsätzlich zur Erwachsenentaufe zurückkehren müsse. Es gibt drittens Brüder, die meinen, durch eine Verlegung der Konfirmation in ein späteres Lebensalter und durch einen völlig anderen Aufbau des Konfirmandenunterrichtes wäre dem Übel auf lange Sicht beizukommen. Welchen Rat können Sie uns geben?*)
Also, ich will vielleicht zunächst einfach meine Meinung zu dem dreifachen Angebot dieser dreierlei «Brüder» sagen. Da würde ich sagen: Ich halte es grundsätzlich mit den Brüdern II: «Es gibt andere Brüder, die meinen …». Wobei nun [zu beachten ist] (es ist [hier] so formuliert: daß «die Kirche» grundsätzlich zur «Erwachsenentaufe zurückkehren müsse»): Ich habe nicht gern den Ausdruck «Erwachsenentaufe». Es geht um die Frage der Verantwortlichkeit sowohl der taufenden Gemeinde wie der zu taufenden künftigen Christen - [darum,] daß beides[, Taufen und Getauftwerden,] in Verantwortlichkeit gemacht wird und nicht sozusagen unbesehen. [Es dürfte nicht geschehen,] daß die Gemeinde einfach sagt: Da sind die Eltern; die haben ein Kind; die Eltern gehören zur Gemeinde; also gehört das Kind auch dazu. Und das Kind wird gar nicht erst gefragt, und dann ist die ganze Frage der Verantwortlichkeit bei der Taufe ausgelöscht. Das geht so nicht.
90 Wie man nun auch
Dieses Verständnis scheint mir das einzig mögliche, wenn die Taufe nicht durch weitere Jahrhunderte hindurch verwildern soll - wobei es nun nicht darauf ankommt, ob der Täufling ein Erwachsener oder ob er vielleicht 10 oder 12 Jahre alt ist, sondern es kommt darauf an, daß der Täufling getauft werden möchte, und zwar weil er sagt und zwar von sich aus sagt: Ich glaube, und also möchte ich zur Gemeinde gehören! - [und] daß das dann von seiten der Gemeinde anerkannt wird; und jetzt tauft sie ihn daraufhin. [Es kommt darauf an,] daß dieses gemeinsame Tun - denn die Taufe ist ein gemeinsames Tun: von Gemeinde und Täufling - auf den Boden eines freien Bedenkens und Handelns erhoben wird - heraus aus dieser düsteren, dunklen Atmosphäre, wo niemand so recht weiß, was eigentlich passiert. Der Täufling weiß es einmal sicher nicht. Und ich glaube, der Pfarrer weiß es auch nicht, und die Paten wissen es nicht, und die Gemeinde, die da herum steht und Lieder singt, weiß es auch nicht. In dieser - ich will nicht mal sagen: mystischen, aber mehr doch halbwegs magischen Stimmung wird da etwas gemacht, und dann wird gelesen: «Lasset die Kindlein zu mir kommen …» [
Grundsätzlich oder mit 99 Prozent?
Grundsätzlich! Ja, das ist jetzt eine Frage der Exegese, gelt. Ich kann natürlich meine Exegese auch nur anbieten und sagen: Bitte, laßt uns miteinander das Neue Testament lesen! Wo findet ihr im Neuen Testament die Anleitung zu dem, was wir heute als Taufpraxis haben? Also, vom Himmel herunter kann ich das nicht sagen, nicht wahr. Insofern würde ich sagen: auf bessere Belehrung! Aber ich appelliere einfach an die Schrift und an die Menschen, die die Schrift lesen wollen und respektieren und sich daran halten: kann man es denn eigentlich anders ansehen?
Dann fängt das an, was man heutzutage das «Taufgespräch» nennt, das ja kein Ende nehmen will - dieses furchtbare Taufgespräch, wo im Grunde alles immer wieder darauf herauskommt: wir wollen halt doch die Kindertaufe, und wo man sich gar nicht klarmacht, daß diese Kindertauferei eine Sache wirklich von Jahrtausenden ist. Es gibt kaum eine so tiefsitzende Gewohnheit und Tradition wie das. Sie dürfen wahrscheinlich auch in
Wieweit sind die Sakramente und die sogenannten Kasualien Verkündigung und also voraussetzungslos jedem anzubieten, zuzuwenden und zu gewähren, und wieweit gehören sie zur Antwort des Glaubenden und zur Anwendung des Glaubens? Wieweit sind sie also Gestalt und Gesetz, auf das hin der Gehorsam des Glaubenden anzusprechen und zu behaften ist? Sprengen die rechte Sakramentsverwaltung und der legitime Kasualiendienst die volkskirchliche Form?*)
Ich muß etwas sagen zur Zusatzfrage. Ich bin nämlich nicht ganz einig mit der Art, wie da die Frage gestellt wird: «Wieweit sind die Sakramente und die sogenannten Kasualien Verkündigung und also voraussetzungslos jedem anzubieten, zuzuwenden und zu gewähren, und wieweit gehören sie zur Antwort des Glaubenden und zur Anwendung des Glaubens … ?» Ich würde darauf antworten: Sie gehören ganz und gar zur Antwort. Aber natürlich [ist die Taufe] Antwort nicht nur des Täuflings, sondern Antwort der [ganzen] Gemeinde. Was in der Taufe geschieht, was im Abendmahl geschieht, - aber jetzt würde ich sofort hinzufügen: auch was in der Verkündigung geschieht, das alles ist Antwort. Das sind auch noch so merkwürdige Reste (heute morgen habe ich angespielt auf die Sache mit der: «Praedicatio verbi divini est verbum divinum»92), daß wir uns [immer] noch vorstellen: Wir könnten mit dem, was wir machen - ob es jetzt Verkündigung oder Sakrament ist -, quasi die göttliche Anrede ins Werk setzen. Das können wir in keinster Weise. Und dann noch hinterdreinlaufen und die Leute dabei «behaften», wie es heute morgen |93 hieß, das gibt es gar nicht, sondern wir können gerade nur als Zeugen dabei sein, wie Gott spricht. Und Zeugen sein, heißt dann allerdings: Antwort geben. Die ganze Existenz der Kirche von oben bis unten ist eine einzige Antwort auf das Wort Gottes - unter der Verheißung und in der Hoffnung, daß (ob es jetzt Predigt ist oder Sakrament oder, was noch sonst in Frage kommt, Unterricht usf.) …, daß in dieser Antwort als dem Echo auf das Wort Gottes das Wort Gottes selber hörbar werde. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, sozusagen dieses [Geschehen, auf das das] Echo [reagiert,] zu produzieren. [Das] können wir auch gar nicht. Das ist viel zu hoch gegriffen, sondern: ganz bescheiden Antwort geben!
Und jetzt würde ich sagen: "Sakrament" - ich mag das Wort nicht mehr; ich brauche es nicht mehr, wenn ich ernsthaft rede (das ist auch so merkwürdig eingedrungen in die christliche Sprache; dazu gehört auch eine tüchtige Entmythologisierung), aber sagen wir jetzt der Kürze halber: "das Sakrament"! -, der ganze Bereich kann sicher erst gesund werden, wenn wir uns darüber klar sind, daß von oben bis unten, von A bis Z die Gemeinde und in der Gemeinde die Einzelnen, die zu der Gemeinde Hinzukommenden, die in der Gemeinde Lebenden da Antwort geben. Das tun sie unter der Verheißung: "Wo zwei oder drei versammelt sind [in meinem Namen], da bin ich mitten unter ihnen" [
Und dann ist das, was da getan wird[, dies]: «Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes» [vgl.
(*Und dann im Abendmahl: «Das ist mein Leib und das ist mein Blut» [vgl.
Es geht nicht darum, die Taufe und das Abendmahl zu entleeren, sondern sie in der rechten Weise zu füllen - und gerade zu füllen, indem man auf das Handeln der Gemeinde und der einzelnen Christen blickt. Ich würde jetzt nicht so viel Gewicht legen auf den Glauben. Ich habe das Wort Glauben jetzt gar nicht ausgesprochen, weil wir gegenwärtig einen so gräßlichen Unfug mit dem Wort «Glauben» [erleben]93. Es ist ja furchtbar, was sie mit dem Glauben alles machen! Natürlich, der Glaube gehört auch dazu, aber ich würde [hier] den Nachdruck auf das Handeln der Gemeinde und der Chri|95sten legen, was dann auch ein Handeln im Wort ist und natürlich auch ein Handeln im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung. Dieses Handeln ist die Antwort. Und wenn es Verheißung hat, ist es keine leere Sache und geht es da nicht einfach so um «Symbole», sondern um Realität, aber um eine Realität, die der Kirche zukommt, nicht so eine halb-göttliche oder gar voll-göttliche Realität. Da fängt immer die Dunkelheit an, wenn wir den lieben Gott spielen wollen, sei es auf der Kanzel oder am Abendmahlstisch oder am Taufstein. Wir haben nicht den lieben Gott zu spielen, sondern wir haben als Menschen, als die Gerufenen zu antworten und gehorsam zu sein. Und dann ist dieser Gehorsamsakt die Realität des Lebens der Kirche.
Allerdings kommt alles darauf an, daß man versteht: es ist da einer, der ruft, und es ist da einer, dem wir zu gehorchen und zu antworten haben. Da bin ich nun so froh über das Buch von
Jetzt bin ich selbst auf diese Fragen gekommen, aber sie gehören hierher zum Sakrament und zur Verkündigung. Es ist wichtig, daß man Sakrament und Verkündigung [auf dem Nenner der «Antwort»] zusammensieht, und zwar darum, weil wir ein Gegenüber haben: «Siehe, da bin ich mitten unter ihnen» [
Herr Professor, ich bin Ihnen sehr dankbar, gerade auch für diese letzten Worte, und ich bin, schon von früheren Äußerungen von Ihnen her, Ihnen dankbar für das, was Sie zur Taufe gesagt haben. Darum erlauben Sie mir eine kurze Bemerkung noch zum letzteren. Es geschehen ja auch da Zeichen und Wunder, würde ich einmal sagen, daß selbst in diesem Dampf noch, von dem Sie sprachen, so etwas wie exegetische Entdeckung möglich ist. Sie haben sich sehr ausführlich erkundigt nach der Landschaft in
Ah ja!
… sehr eindeutig. Und man muß einmal sehen, daß hier an diesem Punkt erfreulicherweise ein gemeinsames Ziehen an einem Strang ist, von wenigen freilich. Ich möchte da vielleicht auf eine Sache hinweisen: Die
Ah ja! ah ja!
Und deswegen freue ich mich so, daß ich heute hier Dinge höre, die beide in der Konsequenz durchaus gemeinsam sagen könnten …
Ja, ja, ich verstehe. - Sie haben jetzt also da eine praktische Frage angerührt: wegen dem Taufen von Pfarrerskindern. Das ist ja an verschiedenen Orten, nicht nur in
Nun also, was ist dazu zu sagen? Ich habe das auch aus nächster Nähe in meiner Familie erlebt - das ist jetzt schon lange her -, [als] meine Großkinder so nach und nach auf die Welt kamen: da draußen in
99 Nun fragt es sich, ob das eigentlich der Weg ist. Ich habe natürlich mit meinem
Ich möchte damit jetzt aber nicht den Geist gedämpft haben. Wenn irgendwelche unter Ihnen sind, die sich vielleicht schon im Stillen gesagt haben: «Ich mach’s nicht mehr, bei meinen Kindern jedenfalls nicht!», dann würde ich sagen: «Ja also, wenn du es nicht kannst (wie es bei meinem Sohn der Fall war), dann mußt du es auch nicht tun - man soll nichts gegen sein Gewissen tun -, dann laß es! Aber meine nicht, daß damit die ganze Tauffrage ins Rollen gebracht würde, daß du jetzt das tust! Du mußt vielleicht jetzt isoliert deinen Weg gehen.» - Das habe ich auch dem Pfarrer aus
Aber das habe ich alles nur gesagt, weil Sie diese praktische Frage aufgerollt haben, wobei es mich sehr interessiert hat, daß es da schon so eine genaue Statistik gibt, daß man das also schon unterscheiden kann: Pfarrer, die aus
Würden Sie sagen, daß es dann wohl dabei sein Bewenden haben muß, daß wir etwa von unserer Kirchenleitung eine Änderung der [Kirchen-]Ordnung erbitten, [so daß] hier eine größere Freizügigkeit gewährt wird?
Ja, ja, das könnte man ruhig verlangen. Man könnte sagen: Bitte, es gibt schon ganze Kirchen, wie die in
Wenn nun jemand zu einem Pfarrer kommt und sagt: «Ich möchte zwar mein Kind taufen lassen, aber was ihr da so erzählt von Gott und Christus, das halten wir sowieso für Mumpitz!», was sollen dann die Pfarrer tun?
Ja, das ist dann ein offenkundiger Unfug. Also da würde ich sagen: Nein, das Kind wird nicht getauft. (* Das ist auch innerhalb der Kindertaufordnung der Grenzfall, wenn es solche Eltern gibt, die geradezu sagen, das ist Mumpitz. Aber das wird ja nicht so gräßlich oft vorkommen. Es gibt wenige, die das so munter drauflospraddeln. Es gibt viel mehr, die es nur im Stillen denken. Aber in einem solchen Fall würde ich sagen: das Kind wird nicht getauft.*) Das ist ja keine Strafe. Sie werden ja nicht bestraft, sondern es wird ihnen nur gesagt: Ihr wollt das Kind nur wegen des Brauches taufen. Ihr verbindet gar keinen ernsten Willen, keine Absicht, keinen Glauben damit, also, laßt es doch! Wir wollen doch dem armen Kind jetzt nicht so eine Mütze einfach über den Kopf ziehen, ohne es zu fragen. Lassen wir es! Wir wollen dann mal sehen, was aus diesem Kind später wird. Nämlich, es ist oft genug geschehen, daß Kinder aus solchen ungläubigen Familien dann plötzlich Pfarrer wurden. Nicht wahr, auf der Basis, auf der wir jetzt stehen, darf man natürlich die Fragen [an die Eltern] nicht zu scharf stellen und nun nicht plötzlich von so armen Tröpfen |102 von Eltern verlangen, daß sie bekennende Eltern sein sollen. (*Allzu tiefe Gewissenserforschung kann man da nicht treiben.*) Das ist zu viel verlangt. Das würde vielleicht einmal zu verlangen sein in einer viel späteren Entwicklung, aber jetzt ist das ausgeschlossen. So daß vielleicht das Kirchenregiment relativ im Recht ist - immer auf dem Boden der jetzigen Ordnung -, wenn es sagt: macht jetzt da nicht so Geschichten! Etwas ganz anderes ist der Fall, wenn jemand einfach kommt und geradezu plagiert108 und ins Land hinaus ruft: ich glaube gar nichts. Das ist doch zweierlei.
Wie weit hat der Marxismus mit seiner Behauptung recht, das jeweils geltende Recht sei nichts anderes als ein Stück des ideologischen Überbaus der jeweils herrschenden Klasse, die mit dem von ihr zum Recht erhobenen Unrecht die ihr genehme Gesellschaftsordnung etabliere und aufrechterhalte? Ist auch das sogenannte Naturrecht nicht mehr als eine solche menschliche Erfindung? In welcher Weise könnte am ehesten praktisch deutlich gemacht werden, daß es sich mit dem Gottesrecht (Recht Jesu Christi) grundsätzlich anders verhält?*)
Aus [dem zweiten Teil] der Frage möchte ich einige konkrete Fragen herausgreifen, um dann nach den Maßstäben und nach der Grundrichtung zu fragen, mit denen Sie, etwa im Gegensatz zur katholischen Naturrechtslehre, folgende Rechtsfragen beurteilen würden: Ist es recht, Contergan-Kinder zu töten? Ist es recht, die Homosexuellen zu bestrafen? Ist es recht, Frauen, die sich sterilisieren lassen, weil sie keine Kinder mehr wollen, zu bestrafen? - Wir haben wohl nicht Zeit, auf die einzelnen Fragen einzugehen. Wichtiger wäre …
Wovon reden Sie jetzt? Kirchliches Recht oder staatliches Recht?
Ja, staatliches Recht. [Vielmehr,] es ging um die Ableitung [konkreter Einzelfragen] vom Gottesrecht: Gibt es Recht auf |103 Eigentum? Gibt es ein göttliches Recht auf Heimat? Gibt es ein göttliches Recht auf Selbstbestimmung? … Also, wir würden hier nur nach den Kriterien zur Beurteilung solcher konkreter Rechtsfragen fragen: wie Sie das angehen würden von Ihrem Verständnis der theologischen Begründung des Rechts [her]? Vielleicht, wenn Sie - Recht auf Eigentum oder göttliches Recht auf Heimat - an einem solchen Beispiel [dazu] etwas sagen könnten. Obwohl es natürlich jetzt in zehn Minuten ein bißchen problematisch ist.
Ja, ja, das ist ein bißchen viel verlangt. Also, Sie haben vor Augen das dicke Buch [KD] III/4
Ich weiß ja nicht, ob der Begriff der «Analogie» unerläßlich ist, den ich in der Schrift «Christengemeinde und Bürgergemeinde» gebraucht habe110 (der hat ja viel Verwirrung angerichtet und Diskussionen erregt111 usf.). Man kann es ja auch deutsch sagen: statt Analogie «Entsprechung» - es ist nämlich ganz das gleiche. Aber also, auf dem Gebiet des Rechts wird der Christ immer eintreten für Entsprechun|104gen zu dem, was er als göttliche Rechtssetzung, wie sie in Christus vollzogen ist, erkennt. Entsprechungen natürlich! Er kann nicht das Reich Gottes ins Staatsgesetz einführen wollen. Wohl aber kann er auf der ganzen Linie fordern, daß das Staatsgesetz ein Reflex des Gesetzes Gottes wird. Wobei es jetzt zu überlegen ist, was im einzelnen zu tun ist.
Ich würde sagen: in diesem Fall, den Sie da zuerst angeführt haben, diesen Prozeß in
Ja, es ging an sich schon um die Frage nach der theologischen Begründung des Rechts im Gegenüber zu den katholischen Ableitungen vom schwammigen Naturrecht und von dem Verständnis des Rechts im Marxismus. Es war die Frage, die Sie mit den «Entsprechungen» angedeutet haben und die also etwa auch in den Diskussionen jetzt um das Heimatrecht115 und Recht auf Selbstbestimmung sehr problematisch - weil alles politisch und geschichtlich verquickt ist - auf uns zukommt.
Ja also, wenn Menschen Recht setzen - ich meine jetzt staatliches Recht, Polizeirecht, Ordnungsrecht usf. -, dann ist das in sich selbst immer Naturrecht, d. h. Recht, wie es der Mensch, der ja kein Tier ist, sondern ein vernünftiges Wesen, als Recht zu erkennen meint - insofern Naturrecht. Auch im besten Fall, verstehen Sie, wird es das sein. Wenn nun die Marxisten sagen, das jeweils geltende Recht sei nichts anderes als ein Stück des ideologischen Überbaus der jeweils herrschenden Klasse - ah! dann würde ich sagen: das ist zuviel gesagt: «nichts anderes!» Es ist zum Glück nicht nur das, sondern - ob es jetzt der Hammurabi war oder chinesisches Recht oder was - es ist überall zum Glück auch noch etwas anderes immer dabei gewesen. Aber immerhin, es ist wahr, die Rechtssetzung steht überall in Gefahr, in der Tat ein ideologischer Überbau zugunsten der herrschenden Klasse zu sein. Die marxistische Rechtssetzung auch! Ich meine, da hat der
Und jetzt haben wir ja in diesen Tagen und Wochen das interessante Schauspiel, daß es zweierlei verschiedenes marxistisches Recht zu geben scheint: chinesisches und russisches. Das ist also offenbar nicht einmal so einfach, was dort nun «Naturrecht» ist. Die können sich ja ganz furchtbar, geradezu wunderbar beschimpfen, nicht wahr. Die Chinesen scheinen, aus ihrer Lage heraus, ja viel radikalere Dinge für Recht zu halten als die Russen. So daß sich jetzt der
106 Also, [menschliches Recht] ist auf der ganzen Linie Naturrecht, es ist immer auch auf der ganzen Linie Klassenrecht. Das ist sozusagen immer die Gefahr aller Rechtssetzung. Aber es gibt da nun auch immer - und das wird sich auch bei diesen östlichen und noch östlicheren Rechtssetzern bewähren - noch ein Gegenspiel, wo[durch] dann das Recht nicht reines Naturrecht ist, [in welchem] einfach der Mensch nun nach Gutfinden … und dann also wahrscheinlich sehr seinen Interessen entsprechend Recht aufsetzt, sondern daß da noch etwas anderes mitredet. Nach der klassischen Naturrechtslehre wäre das die «innata lex in homine»117. Ich würde etwas ganz anderes sagen. Ich würde sagen, wenn dem so ist, wenn es also auch neben all dem sogenannten Recht und sogenannten Naturrecht, hineingemischt und mitredend, auch noch Spuren echten Rechtes gibt, die es schon beim Hammurabi118 gegeben hat, würde ich sagen: das sind die Spuren nicht von einer ursprünglichen Güte und Begabung des Menschen, sondern das sind die Spuren - ja, der Königsherrschaft Christi, der der Herr über alles ist, auch über die Leute, die ihn nicht kennen, und auch über die Leute, die nichts vom sogenannten Christentum wissen wollen, auch über die, die das Christentum sogar bekämpfen. Er ist eben noch stärker, und er setzt sich durch. Und darum, würde ich sagen, ist der Christ, der nun Jesus Christus erkennen darf und weiß, wer der ist: der pantokrátvr [Pantokrator, Allherrscher; vgl.
Ich möchte doch ein paar Worte darauf antworten. Liebe Freunde, es ist an mir zu danken: einmal [dafür], daß Sie, was ich heute morgen am Anfang gesagt habe, von so weit her angerollt sind, um mir da zuzuhören. Das Bild mit dem
Invariata?122
Invariata! Ja, das ist jetzt wieder zu haben. Das ist jetzt mehr als 40 Jahre her. [Seither] habe ich einen weiten Weg zurückgelegt durch allerhand Landschaften - Täler und Höhen - hindurch. Und jetzt bin [ich] so in der Abendröte und muß es schätzen und muß |108 wirklich dankbar sein, wenn ich immer noch und immer wieder Menschen begegne, die mir Fragen stellen und mir dann zuhören wollen, wie Sie es heute getan haben. Ich habe heute in der Hauptsache, Sie werden das gemerkt haben, ins Unreine geredet: das war also alles nicht dogmatikṽw [als feste Lehrmeinung], sondern gymnastikṽw [probeweise vorgetragen]. Aber wenn Ihnen dies und das hilfreich hat sein können, so freue ich mich darüber.
Und jetzt danke ich für diese Gaben. Die sehen ja ganz verlockend aus. Es sieht nach Flaschen aus … es wird sich zeigen! Die Flaschen erinnern mich [an eine Begegnung] im vergangenen Frühjahr oder Winter hier in
[In
So? Also unerhört viele! Und wenn sie unter sich sind (aber sie haben es mir dann auch gesagt), nennen sie solche Theologen, die nun nicht mehr abstinent sind, - Wiedersäufer! Und das ist mir jetzt unwillkürlich beim Anblick dieser Flaschen in den Sinn gekommen. Aber ich werde mit großer evangelischer Freiheit … davon Gebrauch machen und danke Ihnen jetzt.