24. Oktober 1963

Interview von Manfred Vierkorn

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INTERVIEW VON MANFRED VIERKORN
UND HEINZ KNORR

Am 24.10.1963 zeichnete das Fernsehen des WDR ein Gespräch Manfred Vierkorns und Heinz Knorrs mit Barth in dessen Haus auf. Laut Barths Taschenkalender handelte das Gespräch «über Römerbrief, Kirchenkampf etc». Die Interviewfragen sind nicht erhalten. Der Zeitpunkt der ersten Ausstrahlung ist nicht bekannt. Am 10.12.1968 wurde dieses Gespräch im Zusammenschnitt mit einem Interview vom 2.5.1966, wiedergegeben in «Gespräche 1964-1968», S. 248-259, noch einmal ausgestrahlt. Diese Sendung ist als Videoband 1986 im Calwer Verlag Stuttgart / Matthias - Film Stuttgart erschienen unter dem Titel: Ja und Nein. Ein Nachruf von Heinz Knorr, Interview: Rudolf Rohlinger. Eine Produktion des WDR, Köln 1968.

Interview von Manfred Vierkorn
und Heinz Knorr

1. Zur Entstehungsgeschichte von
Karl Barths Römerbriefkommentar
Barth:

In dieser Verlegenheit1 bin ich wieder auf die Bibel ganz anders zurückgekommen, als ich mich früher bei ihr gefunden hatte, und in der Bibel, speziell im Neuen Testament, war es dann wieder der Römerbrief, der meine Aufmerksamkeit fesselte. Und da habe ich mich eines Tages, sozusagen zu meiner privaten Klärung und Selbstverständigung, hingesetzt und habe begonnen, Notizen über mein Verständnis dieses neutestamentlichen Briefes zu machen. Was ich |232 damit erreichen wollte? Ursprünglich nicht ein Buch, das ich herausgeben wollte, sondern eine Sammlung von Manuskripten, die ich dann meinen Freunden vorgelesen habe. Und Schritt für Schritt kam es dann dazu: es sollte nun doch ein Buch werden, und dann ist es also ein Buch geworden. Aber wenn ich gefragt bin, was ich damit erreichen wollte, so könnte ich eigentlich nur sagen, ich habe mich nach Genossen, nach Mitmenschen, nach Mitchristen umgesehen, die möglicherweise aus derselben Verlegenheit, in der ich mich befand, jedenfalls im Begriff waren, wieder ganz anders nach der Bibel und nach dem Neuen Testament und dem Römerbrief zu greifen, mit denen zusammen, sozusagen in unsichtbarer Gemeinschaft, [ich neu anfangen konnte,] diesen alten Text zu lesen.

2. Zur Wirkungsgeschichte der Barmer Erklärung
Barth:

Eine schwere und auch etwas trübe Frage!2 Es war ja so, daß die Synode nicht nur aus Lutheranern und Reformierten und Unierten zusammengesetzt war, sondern auch aus Leuten, die eine sehr verschiedene Stellung zum Nationalsozialismus einnahmen. Es waren auch in Barmen Leute da, [die] den Nationalsozialismus als solchen bejahten, und andere, zu denen wohl ich gehörte, die ihn mehr oder weniger bestimmt ablehnten. Und nun standen diese sechs Sätze der Erklärung da.3 Aber kaum waren sie draußen, so geschah es, wie es in der Kirche immer nach solchen Erklärungen gegangen ist: die Auslegungen waren dann reichlich verschieden.

Weiter war die Zusammensetzung der Synode zu bunt, und es war nicht zu erwarten, daß, was nun herauskam, ein volltönendes Wort an |233 das deutsche Volk oder mindestens an die Christen in Deutschland werden möchte. Die Leute sind auseinandergegangen, und es ist dann weithin lange still geworden um diese Barmer Erklärung. Sie ist dann wieder aufgetaucht als eine schöne historische Erinnerung: «Es war doch eine große Stunde, wie man damals beieinander war … !» So ein wenig, wie man an die großen Taten der Vorfahren in der Vergangenheit denkt, blickten die Kirche und die Christen nachher auf dieses Barmen zurück. Es sind schon verschiedene Barmenjubiläen abgehalten worden4, es wird wohl im Sommer [19]64 wieder ein solches Jubiläum fällig werden, aber die Absicht der Barmer Erklärung war nicht, ein Ereignis zu realisieren, das nun, sozusagen photogen, ein wunderbares Bild aus einer großen Vergangenheit sein sollte, sondern es sollte ein Ruf sein - hinein in die Zukunft der evangelischen Kirche.

Die Blütenträume von damals sind nur teilweise gereift5, und man könnte sich wohl fragen, ob das nicht sehr merkwürdig ist, wenn heute, 1963, im gleichen Verlag, in welchem damals mein «Römerbrief» erschien, das Buch des englischen Bischofs Robinson von Woolwich «Honest to God» herauskommt. Man sehe sich dieses Bild an6, dieser Mann, der auf die Erde herunterblickt - vielleicht auch, wie gewisse Mönche auf dem Berg Athos7, seinen Nabel betrachtet. Das war nun nicht der Sinn der Barmer Erklärung gewesen, daß die deutsche Kirche und Christenheit wieder in diese Haltung versinken sollte. Hoffen wir, daß der Ton, der dort angeschlagen worden ist, nun doch nicht ganz verhallt sein möge und daß er vielleicht wieder mal stark werden möchte. Daß es dann wieder gehört werden möchte, wie |234 wir damals auf der Linie der Reformation geredet oder zu reden versucht haben. Es gab ja vor Barmen schon Bekenntnisversuche, vor allem denke ich da an eine theologische Erklärung zur Gestalt der Kirche schon aus dem Jahr [19]33.8 Die haben wir damals kühn begonnen mit einem Wort von Zwingli, das lautet: «Die heilige christliche Kirche, deren einziges Haupt Christus ist, ist aus dem Wort Gottes geboren, in demselben bleibt sie und hört nicht die Stimme eines Fremden.»9 Das haben wir dann 1934 in dem ersten Satz der Barmer Erklärung aufgenommen: «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.»10 Das war der Ton von Barmen, der nachher in Gefahr stand zu verklingen, der aber hoffentlich in der evangelischen Kirche in Deutschland nicht ganz verklingen wird.

Sachfußnoten

1
Nämlich angesichts der Kriegsbegeisterung deutscher Christen und Theologen bei Ausbruch des ersten Weltkriegs. «Eine ganze Welt von theologischer Exegese, Ethik, Dogmatik und Predigt, die ich bis dahin für grundsätzlich glaubwürdig gehalten hatte, kam damit und mit dem, was man damals von den deutschen Theologen sonst zu lesen bekam, bis auf die Grundlagen ins Schwanken» - so K. Barth, Nachwort, in: Schleiermacher-Auswahl, hrsg. von H. Bolli (Siebenstern TB 113/114), München und Hamburg 1968, S. 290-312, dort S. 293. Vgl. hierzu Barths Ausführungen in: Gespräche 1964-1968, S. 146-150.↩
2
Offenbar die Frage nach der Bedeutung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche vom 29. bis 31.  Mai 1934 in Barmen und der damit vollzogenen Gründung der Bekennenden Kirche für eine Eindämmung des Einflusses des Nationalsozialismus auf die evangelischen Kirchen und für deren Erneuerung.↩
3
Sechs Thesen der Theologischen Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche, wieder abgedruckt in: Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation, hrsg. von A. Burgsmüller / R. Weth, Neukirchen 1984, S. 30-40.↩
4
Vgl. Barths Beitrag zum Barmenjubiläum 1954: «Barmen» - damals und heute, in: K. Barth, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, hrsg. von M. Rohkrämer, Zürich 2004, S. 173-177.↩
5
Vgl. J. W. von Goethe, «Prometheus»: «Wähntest du etwa,/ Ich sollte das Leben hassen,/ In Wüsten fliehen,/ Weil nicht alle Blütenträume reiften?»↩
6
J. A. Th. Robinson, Honest to God, London 1963. Die deutsche Übersetzung erschien im Christian Kaiser Verlag, München: ders., Gott ist anders, München 1964. Auf dem Buchdeckel befindet sich eine Abbildung der Plastik von W. Lehmbruck: Sitzender Jüngling (1918).↩
7
Auf der griechischen Chalkidiki-Halbinsel Athos, einer Hauptstätte des orthodoxen Mönchtums, haben um 1300 Nikephoros Athonites und Gregorios Sinaites eine mystisch-asketische Bewegung angeführt, in der die psychosomatische Gebetstechnik der Nabelschau verbreitet war.↩
8
Die 14 Düsseldorfer Thesen vom 4.6.1933, vgl. K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage des Jahres 1933, Göttingen 1934, S. 149f.↩
9
Die 1. These ist identisch mit der 1. These der Berner Disputation von 1528, vgl. Die Bekenntnisschriften der reformierten Kirche, hrsg. von E. Fr. K. Müller, Leipzig 1903, S. 30. Die 1. Berner These war von dem Berner Reformator Berchthold Haller formuliert und stellt eine Erweiterung der 1. These der Reformation 1526 im bündnerischen Ilanz dar: «Ecclesia Christi genita est ex verbo Dei, et in eodem debet manere, nec audire vocem cujusquam alieni», nach: P. Rosius de Porta, Historia Reformationis ecclesiarum Raeticarum, Tom. I., Chur 1771, S. 202. Diese Ilanzer These war von Johannes Comander formuliert nach Vorgaben seines Freundes Huldrych Zwingli. Vgl. von Zwingli die Artikel 2-8 zur ersten Zürcher Disputation 1523 und deren Erklärung in Zwinglis Auslegen und Gründe der Schlußreden (Huldreich Zwinglis sämtliche Werke, Bd. 2 [CR 89], Leipzig 1908, S. 27-64), bes. die Erklärung zum 4. Artikel (S. 31f.).↩
10
A. Burgsmüller / R. Weth, Die Barmer Theologische Erklärung, a.a.O., S. 34.↩