Interview von Manfred Vierkorn
INTERVIEW VON MANFRED VIERKORN
UND HEINZ KNORR
Am 24.10.1963 zeichnete das Fernsehen des
Interview von Manfred Vierkorn
und Heinz Knorr
Karl Barths Römerbriefkommentar
In dieser Verlegenheit1 bin ich wieder auf die Bibel ganz anders zurückgekommen, als ich mich früher bei ihr gefunden hatte, und in der Bibel, speziell im Neuen Testament, war es dann wieder der Römerbrief, der meine Aufmerksamkeit fesselte. Und da habe ich mich eines Tages, sozusagen zu meiner privaten Klärung und Selbstverständigung, hingesetzt und habe begonnen, Notizen über mein Verständnis dieses neutestamentlichen Briefes zu machen. Was ich |232 damit erreichen wollte? Ursprünglich nicht ein Buch, das ich herausgeben wollte, sondern eine Sammlung von Manuskripten, die ich dann meinen Freunden vorgelesen habe. Und Schritt für Schritt kam es dann dazu: es sollte nun doch ein Buch werden, und dann ist es also ein Buch geworden. Aber wenn ich gefragt bin, was ich damit erreichen wollte, so könnte ich eigentlich nur sagen, ich habe mich nach Genossen, nach Mitmenschen, nach Mitchristen umgesehen, die möglicherweise aus derselben Verlegenheit, in der ich mich befand, jedenfalls im Begriff waren, wieder ganz anders nach der Bibel und nach dem Neuen Testament und dem Römerbrief zu greifen, mit denen zusammen, sozusagen in unsichtbarer Gemeinschaft, [ich neu anfangen konnte,] diesen alten Text zu lesen.
Eine schwere und auch etwas trübe Frage!2 Es war ja so, daß die Synode nicht nur aus Lutheranern und Reformierten und Unierten zusammengesetzt war, sondern auch aus Leuten, die eine sehr verschiedene Stellung zum Nationalsozialismus einnahmen. Es waren auch in Barmen Leute da, [die] den Nationalsozialismus als solchen bejahten, und andere, zu denen wohl ich gehörte, die ihn mehr oder weniger bestimmt ablehnten. Und nun standen diese sechs Sätze der Erklärung da.3 Aber kaum waren sie draußen, so geschah es, wie es in der Kirche immer nach solchen Erklärungen gegangen ist: die Auslegungen waren dann reichlich verschieden.
Weiter war die Zusammensetzung der Synode zu bunt, und es war nicht zu erwarten, daß, was nun herauskam, ein volltönendes Wort an |233 das deutsche Volk oder mindestens an die Christen in Deutschland werden möchte. Die Leute sind auseinandergegangen, und es ist dann weithin lange still geworden um diese Barmer Erklärung. Sie ist dann wieder aufgetaucht als eine schöne historische Erinnerung: «Es war doch eine große Stunde, wie man damals beieinander war … !» So ein wenig, wie man an die großen Taten der Vorfahren in der Vergangenheit denkt, blickten die Kirche und die Christen nachher auf dieses Barmen zurück. Es sind schon verschiedene Barmenjubiläen abgehalten worden4, es wird wohl im Sommer [19]64 wieder ein solches Jubiläum fällig werden, aber die Absicht der Barmer Erklärung war nicht, ein Ereignis zu realisieren, das nun, sozusagen photogen, ein wunderbares Bild aus einer großen Vergangenheit sein sollte, sondern es sollte ein Ruf sein - hinein in die Zukunft der evangelischen Kirche.
Die Blütenträume von damals sind nur teilweise gereift5, und man könnte sich wohl fragen, ob das nicht sehr merkwürdig ist, wenn heute, 1963, im gleichen