Gespräch mit rheinischen Jugendpfarrern
GESPRÄCH MIT RHEINISCHEN JUGENDPFARRERN
Vom 3. bis 6. 11. 1963 kamen die Jugendpfarrer der Evangelischen Kirche des Rheinlands, angeführt vom rheinischen Landesjugendpfarrer
Gespräch mit Rheinischen Jugendpfarrern
Verehrte und liebe Freunde, es ist mir eine Freude, Sie in diesem Raum zu begrüßen, in welchem sich nun seit längerer Zeit schon der Rest meiner akademischen Tätigkeit abzuspielen pflegt.1 Es ist wohl ein nicht ganz alltäglicher Fall, daß eine dogmatische Sozietät in einem Wirtshaus stattfindet. Das ist aber in
Nun waren Sie so freundlich, mir Ihre Fragen zuzustellen; und ich will mein Bestes tun, sie zu beantworten, soweit das geht. Darf ich eine Bemerkung vorausschicken? Ich erinnere mich dunkel, in einer früheren Zeit meines Lebens ein ziemlich umfangreiches Werk [geschrieben zu haben], aus etwa 12 Bänden bestehend, von denen der kleinste etwas über 500 Seiten zählt, unter dem Titel «Kirchliche Dogmatik
Nur erwähne ich es in diesem Zusammenhang - also nicht etwa, um Sie anzupflaumen, verstehen Sie!, [aber weil] ich nun von einer ganzen Reihe von Fragen, die mir hier gestellt wurden, den Eindruck hatte: Ach, wenn der Fragesteller oder die liebe Fragestellerin in ihrem Leben doch vielleicht einen Blick oder einige Blicke getan oder vielleicht |237 sogar ein dauerndes Hineinblicken in die «Dogmatik» gepflegt hätten, so wären diese Fragen vielleicht gar nicht aufgekommen, oder sie würden dann anders gelautet haben. Es wäre dann nämlich - und ich will das nur ganz zum voraus sagen - vielleicht auch hier noch ein bißchen interessanter geworden, wenn die Fragen, die man mir gestellt hat, eingesetzt hätten jenseits dessen, was ich geschrieben habe. Da gibt es nämlich immer noch viel zu fragen. [Spannender könnte es werden, wenn der Ausgangspunkt wäre,] daß man einmal das gelesen hätte, und dann von da aus weiter! Nun aber sind so viele Fragen [vorgelegt worden, bei denen] ich sage: Ach, das führt mich ja ganz auf den Anfang, auf das Jahr 19322 oder vielleicht sogar noch weiter zurück! Bin ich eigentlich wieder in
Also bitte, verstehen Sie das alles nicht als Klage, die ich vortrage! Ich wollte nur gesagt haben: Es ist jetzt natürlich an einigen Punkten schade, daß ich Dinge, die in der Kirchlichen Dogmatik
238 Jetzt kommen wir zur Frage 1, von Herrn Pfr. Lic.
Wie kommen wir über die historisch-kritische Fragestellung in unserer Theologie hinaus zur wirklichen Begegnung mit dem Zeugnis der Schrift?
Ja, das ist also ein ganz unendliches Gebiet. Damit könnten wir eine Woche beieinandersitzen, um alles, was dazu gehört, [auch] nur ein bißchen anzufassen. Ich will es jetzt so kurz und so einfältig, als es mir möglich ist, zu beantworten versuchen.
Also, es ist da die Rede von einer Begegnung mit dem Zeugnis der Schrift: eine «wirkliche Begegnung mit dem Zeugnis der Schrift». Das Wort «wirklich» soll wohl darauf hinweisen, daß es nicht nur [darum geht]: Da ist ja die Schrift - und jetzt kann man «begegnen». Das wäre noch keine wirkliche Begegnung, sondern es muß dann etwas noch dazukommen. Nun möchte ich zunächst fragen: Würden wir uns wohl nicht klarmachen: es geht ja nicht darum, daß wir dem Zeugnis der Schrift begegnen, sondern daß wir dem begegnen, der im Zeugnis der Schrift bezeugt ist!? Wir sind nicht eingeladen, dem
Ja, und wie ist es nun mit diesen Bezeugenden, die in der Schrift da reden? Was heißt das nun also, ihnen als solchen begegnen? Da würde ich jetzt zweitens sagen: Es geht darum, in die Gemeinschaft einzutreten mit denjenigen, die in der Schrift ihn bezeugen, sich sozusagen neben sie zu stellen, mit ihnen zusammen die merkwürdige Bewegung zu vollziehen, die am Anfang der Offenbarung des
Was wird da sichtbar? Oder was wird dann gesehen und gehört? In der Frage von Herrn Lic.
240 Ich habe die Apokalypse in die Hand genommen, und wenn man jetzt da weiter sieht, dann werden da sehr merkwürdige Dinge gesagt, und zum Schluß heißt es [
Also, mit dem hat er es zu tun, der ist der Bezeugte: «der Erste und der Letzte», steht da geschrieben. Das kann man von keiner sogenannten Vernunftwahrheit sagen und von der menschlichen Existenz als solcher, weiß Gott, auch nicht, daß das ein Erstes und ein Letztes sei. Nein, auch wenn es die gläubige Existenz wäre! Und dann eben: «Ich war tot und ich bin lebendig geworden». Ja, da hört doch alles auf! Tot, lebendig! Und wie geht es jetzt dem Zeugen? Er fiel um, heißt es, seinerseits wie ein Toter, wie ein nekrów. Und jetzt kommt der Andere, den er da in der Umwendung gesehen hat, und legt ihm die Hand auf, und dann heißt’s: grácon, «schreibe»! Also das ist der Vorgang, mit dem wir es zu tun haben bei dem, was wir das «Zeugnis der Schrift» [nennen]. So kommt das Zeugnis zustande. Es kommt also ganz und gar nicht zustande von dem Zeugenden aus, daß der nun irgendeinen Weg gefunden hätte, eine Entdeckung gemacht hätte, ein Erlebnis gehabt hätte, was weiß ich, was, sondern es kommt ganz von dem Bezeugten her. Und der Bezeugte hat diesen Charakter: «Der Erste und der Letzte, ich war tot und bin lebendig». Und runter mit dem Herrn da auf
Aber jetzt muß ich die drei ersten Worte der Frage problematisieren. Da heißt es: «Wie kommen wir über die historisch-kritische Fragestellung … hinaus?» Nichts zu melden! Wir kommen nicht darüber hinaus. Es geht nicht um das, daß wir da kommen … Sondern wenn |241 zum Beispiel (es ist ja nur ein Fall aus der Bibel) diese Sache von Apokalypse 1 als exemplarisch genommen werden darf, dann heißt es: Er kommt - und: Wie kommt er? Und dann ist die Antwort zunächst einfach: Es wird uns nicht gut anders gehen können, als es jenen ersten Zeugen dort gegangen ist: wir werden nun eben auch zu dieser Umwendung gerufen sein und uns dann in der Lage befinden, wie sie da beschrieben ist. Und das wird für uns wie für jene Zeugen ein Geschehen sein, das man ja nur - ja, was wollen wir hier jetzt für Worte einsetzen? -, das man nur beschreiben kann als die Aktion der freien, der schlechthin freien, schlechthin souveränen, schlechthin unverfügbaren, schlechthin unzugänglichen Gnade des Geistes Gottes. Also, dieses Kommen des Bezeugten, des von den Zeugen Bezeugten zu uns kann dann nur eine Sache sein … - von der wir zum Beispiel in der Bibel selber in hunderten von Beispielen lesen können: so geht es zu; und wenn wir jetzt selber irgendwie dabei sein [wollen, so ist das eine Sache, um die wir] nur bitten können, daß diese freie Gnade des Geistes Gottes auch uns zuteil werden möchte.
Nun, wo gebetet wird, da wird auch gearbeitet. Sie werden mich mit Recht fragen: «Was passiert denn von unserer Seite? Irgend etwas muß [da] doch passieren. Man kann nicht nur beten, und dann kommt es gerauscht!» Ja, ja - es wird da schon etwas passieren müssen. Und jetzt würde ich es einmal wieder ganz einfältig so ausdrücken: Was ein Mensch von sich aus tut, wenn er neben so einen Apostel oder so einen Seher von
Und nun würde also das Geschäft des Menschen, abgesehen vom Beten um die freie Gnade des Geistes Gottes, schlicht darin bestehen, daß er sich mal diese Einladung gefallen läßt - sagen wir, als eine Hypothese. Und da wären wir nun bei dem berühmt-berüchtigten Begriff des biblischen Kanons, gelt. Es sind eben diese Bücher! Der Kanon kann ja eigentlich nur verstanden werden, [wir] wollen einmal sagen, als eine Arbeitshypothese. Die christliche Gemeinde hat es jetzt einmal da zu entdecken gemeint und nicht anderswo. Und dieses «da» ist ein begrenztes «da». Der Kanon ist also nicht einfach identisch mit dem ganzen Kosmos, dem geistigen und natürlichen … Und nun würde das, was von unserer Seite geschehen könnte - über das Gebet hinaus, oder in und mit dem Gebet, sagt man besser - darin bestehen, daß wir diesen Kanon [zu uns sprechen lassen. Was er sagt, ist gewiß] nicht vom Himmel gefallen, nein, gar nicht vom Himmel gefallen, sondern es ist ganz deutlich, das hat seine menschlichen Belange, seine geschichtlichen Beziehungen, es steht da drin. Aber [man] soll jetzt einmal da drin lesen, und zwar mit der Erwartung - man kann nicht mehr sagen, aber mit der Erwartung: da passiert es! Das |243 menschliche Tun wäre der schlichte Versuch: Wir wollen es einmal mit diesem Buch wagen, wollen einmal sehen, was dann geschieht.
Jetzt nicht sofort Geschichten machen und sagen: Es gibt noch andere Bücher, es gibt noch ganz andere Stimmen, und ich weiß selber allerhand über mich und über den Menschen und Gott und die Welt usf., und das ist eigentlich noch viel wichtiger, als was ich da in der Bibel finde! Schön und recht, das mögen wir alles tun. Aber jetzt würde es darauf ankommen: Stellen wir das einmal beiseite, ohne es geradezu abzulehnen, aber stellen wir es einmal beiseite! Und jetzt einmal an diese Sache hin! Und jetzt macht man dieses Buch einmal auf und sucht da zu lesen - in dieser Erwartung, es könnte da um das gehen, was die Christenheit uns sagt, daß es da[rum] gehe.
Also, es geht jetzt um das Lesen der Schrift mit der Frage, mit der unterscheidenden Frage, ob und inwiefern diese da vereinigten Schriften ihn bezeugen - ihn, von dem uns die christliche Gemeinde in ihrer Verkündigung geredet hat -, ob wir ihn da wiederfinden. Das Lesen der Bibel wird immer ein historisch-kritisches Lesen sein, unter allen Umständen! Historisch, weil es sich um einen historischen Text handelt, und kritisch, weil es ja um ein Unterscheiden geht. Denn es versteht sich nicht von selber, daß einem der Bezeugte da entgegentritt. Es ist auch nicht überall gleich deutlich. Sondern das ist eine ganze Geschichte, die jeder mit seiner Bibel Alten und Neuen Testamentes vor sich hat und manchmal schon hinter sich zu haben meint und dann wieder aufs neue wieder vor sich hat: diese Geschichte des Fragens nach dem Bezeugten. Ich wäre halt dafür, daß man unter historisch-kritisch das verstehen würde und sich nicht verblüffen lasse durch irgendwelche Theorien aus dem 19. Jahrhundert: Das heißt historisch und das heißt kritisch, und bitteschön, jetzt mußt du unter diesem kaudinischen Joch7 durch. Nein, nehmen wir es doch ganz sachgemäß: historisch-kritisch - historisch, weil es um einen Text aus der Vergangenheit geht, und kritisch, weil es dabei um ein Unterscheiden geht, um ein fortschreitendes Unterscheiden.
244 Nebenbei erzählt: Ich habe einmal einem der ganz großen Theologen unserer Zeit, meinem sehr verehrten Kollegen
Und wenn ich jetzt zu antworten habe, würde ich sagen: Es geht nicht darum, «über die historisch-kritische Fragestellung … hinaus [zu kommen]». Was heißt das? Man kann nur drin, in der historisch-kritischen Fragestellung [die Bibel lesen] - aber mit dieser Verheißung im Ohr, mit dieser Einladung der Christenheit, in der wir leben - und zusehen, was dann passiert. Das würde ich historisch-kritische Fragestellung nennen; und über die sollen wir nicht hinaus, sondern in der sollen wir durchaus verharren. Denn da muß es passieren: Hic Rhodus, hic salta.10 Man kann da nicht weg vom Text und macht das |245 Buch zu: «So, jetzt weiß ich’s selber!» Sondern jene Geschichte mit der Schrift geht immer weiter.
Wobei es dann - ich komme zum Schluß mit diesem Punkt - entscheidend wichtig sein wird - und das kann man sich, ich möchte sagen, an der Geschichte jeder Prophetenberufung oder an der Geschichte von der Bekehrung des
Das ist im einzelnen kein ganz einfacher Prozeß, gelt. Das wird immer wieder ein neues Problem sein, was sich da zu ereignen hat. Wir haben natürlich alle irgendeine Ontologie oder Weltanschauung im Köpfchen. Das ist ja ganz klar, nicht wahr? Und es ist auch nicht verboten. Haben wir sie doch! Nur, wenn wir die Bibel lesen, dürfen wir nicht meinen, [unsere Weltanschauung usf.] sei eine letzte Instanz, mit der wir es zu tun haben, sondern die hat sich schön unterzuordnen, und dann haben wir uns zu fragen: Was passiert da nach dem, was uns da gesagt wird?
246 Also, der langen Rede kurzer Sinn: «Wie kommen wir dazu … ?» - ich habe schon gesagt: Es geht eigentlich nicht [darum]: wie kommen wir … ? Er kommt zu uns! Wir haben dann auch [freilich zu fragen]: Was haben wir zu tun? Ich würde sagen: Was wir dafür zu tun haben, ist, dafür zu sorgen, daß es bei uns schlechthin offene Türen und Fenster gibt. Nicht da so in einer Bude drin sitzen, wo es nun so schmeckt nach dem «Fleisch», und zwar auch nach dem frommen Fleisch und nach dem vernünftigen Fleisch. Vielmehr, wir sind in dieser Bude samt und sonders. Aber jetzt: Fenster auf! Türen auf! -, daß der Wind hereinkommen kann. Und dann wird schon das Rechte früher oder später eintreten.
Das ist jetzt zunächst meine Antwort auf Frage 1. Ich habe es jetzt alles ein bißchen anders gesagt, als ich es im Buch geschrieben habe.11 Ich habe es jetzt einmal so aufgezogen. Wem es nicht genügt, den verweise ich auf das Buch. Es gibt dort noch Auseinandersetzungen und was Sie wünschen mögen. … Jetzt wollen wir vielleicht gleich in eine Zwischendiskussion eintreten. Jetzt sollen Sie mir erzählen, was Sie von meinem Spruch da halten.
Weil der Fragesteller [zu] Nummer 1 nicht da ist, darf ich mir erlauben, den Anwalt dieses Fragestellers zu spielen. Ich meine, daß dieser Fragesteller, [der] wegen Causalnexus und Urexistential [gefragt hat,]12 meiner Meinung nach eine gewisse Furcht hat, daß, wie |247 Sie, Herr Prof.
Danke. Wollen Sie gleich dazu …
Also, ich habe das natürlich wohl bemerkt, daß der erste Fragesteller, obwohl die Frage nicht ganz glücklich formuliert war, (ich würde sagen:) auf der richtigen Spur war. Nun habe ich mich nicht eingelassen auf diese Sache mit dem Causalnexus. Das ist auch nicht das einzige, was da in Frage kommt. Das würde auf das Gebiet «Weltanschauung» gehören: eine geschlossene Anschauung vom Kosmos: und nun haben die Aussagen der Bibel dort keinen Platz drin. |248 Nun möchte ich aber den Fragesteller, der also abwesend ist, gegen das, was eben gesagt ist, insofern in Schutz nehmen, als ja bei der bestimmten Theologie, die wir jetzt im Auge haben, fortwährend zwei Dinge nebeneinander hergehen und sich dann gegenseitig ergänzen.
Es wird [da] nämlich einerseits - und man weiß nicht, welches das prius und welches das posterius ist - gesagt: Die Bibel muß «existential» interpretiert werden. Der Begriff entstammt einer bestimmten Anthropologie. Nun sagen Sie: Das heißt auch die Türen öffnen, wenn alles von diesem «Urexistential» her, wie Sie sagen oder wie der Fragesteller sagt, verstanden werden soll, wenn das nun sozusagen der Schlüssel ist. Das hört sich nicht schlecht an. Es kann ja dann auch dieses Urexistential - das ist nämlich auch schon gemacht worden - der Anthropologie entnommen und vielleicht gar in eine Christologie hineinverlegt und gesagt werden: Jesus Christus ist das Urexistential.14 Solche Künste sind gemacht worden.
Nur kommt nun das andere Motiv in dieser Theologie, und das ist bei
Und so würde ich also doch dabei bleiben müssen. Aber bitte, ich habe ja bei allem, was ich vorhin gesagt habe, den Namen
Ihr müßt natürlich mit eurer Brille lesen. Aber laßt eure Brille nicht die Sache meistern und färben, sondern so gut es nur irgend geht, laßt euch jetzt einmal einfach erzählen (ȋstoreĩn!), was da erzählt wird! Und dann mag es sich ja zeigen, was bei euch daraus wird, ob ihr das glauben wollt oder nicht glauben wollt, oder ob ihr damit etwas «anfangen» könnt oder nichts damit anfangen könnt. Vielleicht fängt es nämlich auch etwas mit euch an. Es könnte auch sein. Oder ihr seid nicht die Leute, mit denen das da etwas anfangen kann. Alles noch |250 Möglichkeiten: Aber zunächst einmal würde es einmal um das gehen: Freiheit! Luft! Das hindert uns ja nicht, in unserem Gehäuse drin auch noch existentiale Philosophie zu treiben. Will ich ja niemandem verbieten! Und sein Weltanschauunglein mag er auch haben, mit dem «Causalnexus» und das alles. Aber das Zeug ist doch nicht so bierernst, wie man tut, nicht so schrecklich ernst. [Nun gut,] es ist jetzt unsere Situation, die sich vielleicht in diesen beiden Möglichkeiten da ausspricht, in der wir drin sind und mit der wir immer wieder zu tun haben. Aber bitte, jetzt nicht sozusagen eine zweite Gottheit einführen unter dem Namen «Urexistential» und unter dem Namen «Causalnexus»! Eine Gottheit mit zwei Gesichtern! Nach der einen Seite schaut sie gegen das Existential hin und nach der anderen Seite nach dem Nexus. Das nicht! Sondern: «Ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben» [
Man ist, soweit ich recht unterrichtet bin, in der sogenannten
Ja, aber in dieser Theologie gehört es allerdings zusammen. Denn das Programm lautet: Existentialisierung und Entmythologisierung. Und auf die Entmythologisierung bezieht sich das, was Herr Pfr.
Nun, was vorhin gesagt worden ist, das höre ich gerne, wenn es in dieser Schule jetzt weiter geht, wenn die Fenster wirklich aufgehen sollen. Umso besser, umso besser! [Nur,] ich habe noch nicht so ganz viel davon gemerkt. Zunächst ist ja die äußerste Konsequenz und Spitze dieser Schule
Das ist die deutsche Ausgabe!
Ah, das ist großartig - «Gott ist anders»! … Ich erwähne das nur darum, weil
Also, ganz so weit ist es, glaube ich, noch nicht mit dem Öffnen dieser Türen und Fenster. Denn da sitzt er, wie wenn es keine offenen Türen und Fenster gäbe. Das ist nun die typische Haltung, vor der ich hier warnen wollte. Der sitzt ja da. Der kann sich natürlich nicht umkehren so [wie der Mann in
Möchte zu dieser ersten Frage noch jemand das Wort? Dann sollten wir sie jetzt abschließen.
Also gelt, was ich immer meinen Studenten sage, sage ich auch Ihnen. Sie dürfen mir tapfer widersprechen; ich habe seit Jahrzehnten eine ganz dicht gegerbte Haut; ich kann vieles ertragen. Sie dürfen offen mit mir reden. Und Sie müssen jetzt nicht auf den Pfr.
Aber es scheint so, daß die Antwort gehört ist …
Ja, das wäre eine ganz große Sache, wenn diese Antwort gehört wäre. Ich wage es fast nicht zu hoffen. Aber ich habe versucht, sie zu geben. Jetzt sehen Sie zu!
Läßt sich alle überlieferte Verkündigung in Käsemanns Weise auf die Apokalyptik reduzieren?
Ja, Herr Pfarrer Stückrath. Wollen Sie zu meiner Erbauung und zur Erbauung der ganzen Versammlung hier ganz kurz erklären, um was es da geht. Ich weiß es ein bißchen. Aber ich höre es gerne noch einmal.
Ich habe es […] eben gesagt und habe den [?] genannten Titel [?] mitgebracht, also ZThK
Hm, hm, hm … Ja, mir ist [es] mit dieser Sache so gegangen wie mit vielen ähnlichen Hypothesen. Es ist [ja] eine typische Hypothese, nicht? Man kann ja nicht sagen: es ist so. Sondern man kann die ganze neutestamentliche Überlieferung auch unter diesem Gesichtspunkt ansehen. Und nun hat Käsemann das Experiment gemacht, das einmal so durchzuführen. Er hat hier in
Nun, warum nicht? Alle Exegese wird in Form von solchen Hypothesen, die der Exeget wagt, verlaufen. Wir können jetzt wohl schwerlich auf die Diskussion dieser Hypothese im einzelnen eintreten. Ich würde nur grundsätzlich bemerken: Keine solche von einem Exegeten - ob er jetzt Käsemann sei oder ein anderer - aufgestellte Hypothese kann theologisch legitim einen Kanon im Kanon begründen wollen, wo dann aufgrund dieser mehr oder weniger einleuchtenden Hypothese innerhalb des kanonischen Neuen Testamentes unterschieden wird zwischen «ursprünglichen» (wie es dann |255 heißt - aber der Terminus ist schon recht zweideutig; was heißt da «ursprünglich»? ist das zeitlich gemeint? oder ist das sachlich gemeint?) … ursprünglichen und nicht-ursprünglichen Elementen; sondern, ja, Türen und Fenster müssen nun auch angesichts einer solchen Hypothese offen bleiben. Also, wenn durch diese Apokalyptik-Sache geradezu der heilige Apostel
Aber es darf das Interesse [am Neuen Testament nicht auf das Interesse] an einer solchen Theorie begrenzt sein. Und es ist die Brauchbarkeit einer solchen exegetischen Theorie begrenzt durch die nach wie vor stehende Einladung der Christenheit, auch andere durch das übrige Neue Testament eröffnete Aspekte des Bezeugten zu beachten, will ich einfach einmal sagen. Daß nun nicht Türen oder Fenster wieder ins Schloß fallen im Blick darauf, daß das mit dieser Apokalyptik vielleicht so gewesen sein möchte! Warum soll uns
Also, wenn gefragt wird: «Läßt sich alle überlieferte Verkündigung auf die Apokalyptik reduzieren?», dann würde ich sagen: Nein, das zweifellos nicht! Es gibt eben noch andere Elemente im neutestamentlichen Zeugnis. Ich bin gegen alles «Reduzieren» und gegen alles Ausschließen; sondern: lassen wir uns sagen, was uns einer unter seinem besonderen Aspekt da sagen kann! Dann aber [haben wir] wieder weiterzugehen anhand der Sache selber. - Ja, ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, Herr Pfarrer
Wenn ich eine Zusatzfrage stellen darf? Sie sagten, daß [bei]
Ja, das würde ich auch sagen. Und schließlich sind ja nicht nur die Paulusbriefe da. Es wird wohl ein bißchen schwer sein, diese Theorie im Blick auf die abschließenden Kapitel der vier Evangelien einleuchtend zu begründen. Ist das alles auch «nachträglich»? Und ist da eine «ursprüngliche» Apokalyptik im Spiel? Ein bißchen schwierig. Aber ich meine: Daß er von seinem Verständnis der Apokalyptik her auf die allgemeine Auferstehung Gewicht legt, das [tut] ja auch wieder Paulus, nicht wahr? Er sagt: Wenn Christus auferstanden ist, so schließt das in sich die Auferstehung aller Toten als unsere Hoffnung.27 Nun kann ich mir denken, daß man das Verhältnis vielleicht einmal umkehrt, daß man mal sagt: Gehen wir davon aus, daß uns die Auferstehung aller Toten verheißen ist. Dann kommen wir aber zu der Frage zurück: Wo und wie ist es uns denn verheißen? Und dann sind wir doch wieder bei der Auferstehung des einen Christus.28
Ja, ich kann nur wiederholen: Ich sehe keinen Grund ein zu einer Exklusion oder zu einer Reduktion von dort aus, sondern ich würde sagen: Lassen wir uns auf diese Seite aufmerksam machen, die ja auch da ist! Aber dann: Steckt nicht mindestens hinter der Frage, so wie sie |257 uns jetzt gestellt wird oder wie [sie] uns aus dem Vorgelesenen entgegentrat, immer noch der alte Aberglaube, daß das Älteste nicht nur im Sinn des Zeitlichen, sondern auch sachlich «ursprünglich» sei? So daß man da[raufhin] nach einem «Ur-Evangelium» jagt! Was ist in den letzten 200 Jahren da alles gemacht worden! Dahinterkommen, wo es nun eigentlich angefangen haben möchte! Und dann stellt man eine Theorie auf und sagt: Das ist «das Eigentliche». Es gibt da halt unendlich viele Möglichkeiten. Ich habe einen Sohn, der auch Neutestamentler ist, in
Ja, jetzt kommt eine lustige Frage. Ist der Herr Pfarrer
Was haben Sie gegen den lutherischen Ansatz, die gesamte Dogmatik von der Rechtfertigungslehre her aufzubauen?
Sehen Sie, das ist nun zum Beispiel so ein Fall: Da hätten Sie in der Kirchlichen Dogmatik
Ja, was habe ich dagegen? Ich habe dagegen, daß ich
Und nun meine ich also aus dem Neuen Testament [zu hören] - natürlich: «Dir sind deine Sünden vergeben» [
Und da ist mir im Unterschied zum
Es geht [?] natürlich noch um diesen untergründigen Zusammenhang, der bis da in die Moderne hinführt. Hat nicht
Ja, ja, das hat er getan, jedenfalls bis, wir wollen einmal sagen: bis 1524/25, vielleicht so dort herum - man könnte es noch ein wenig weiter hinaufschieben sogar. Aber der ganze junge Luther kann meines Erachtens als Kronzeuge für die bewußte moderne Theologie angeführt werden. Er kann! Ich habe einmal einen Kandidaten, der bei mir doktorieren wollte, gebeten: Er soll mir doch zusammentragen, was über die Christologie des jungen Luther, bis zu [15]16/17/18, zu sagen sein möchte. Es ist nicht viel herauszuholen.41 Dagegen hat
Herr Professor, steht dem, was Sie eben gesagt haben, nicht die katholische Interpretation Martin Luthers außerordentlich nahe, die etwa die «iustificatio» rezipiert, die aber sagt: sie sei zu einseitig und müsse in die ganze Plerophorie neutestamentlicher Aussagen hineingestellt werden?47 Zum Einzelnen - ja. Aber daß das Einzelne zum Ganzen gemacht wird, dazu wird nein gesagt. Und ist das nicht dem sehr nah verwandt, was Sie sagen?
Was heißt «nah verwandt»? Ich würde halt sagen: Die katholische Kritik an der Reformation, sofern sie sich auf diese Engführung bezog, also z. B. in der Rechtfertigungslehre des
263 Nun ist ja das an sich möglich, daß die reformatorische Interpretation des Evangeliums auch ihre Grenze hatte und daß an diesem - oh, nicht sehr schönen - Widerspruch des
[ … Ich bin immer] noch ein bißchen dagegen, daß da nur das Dreieck bestehen soll. Ist das nicht nur eine Frage des systematischen Einordnens? Luther kann doch sehr intensiv auch davon reden, daß der Glaube vorwärtsschreitet und etwas tut. Wenn ich die Heiligung |264 extra ansetze, dann weiß man doch, was mit den Jahrhunderten immer wieder [daraus] geworden ist, wenn der Mensch von seiner Heiligung redet. Wir haben das, glaube ich, am Niederrhein sehr kräftig vor Augen. Ist es da nicht besser, [auf
Ja gut, aber dann …
Aber sollten wir heute nicht besser Gehorsam [?]54 sagen, statt Heiligung, damit man nicht so die Idee einer Entwicklung drin hat, auf die man vielleicht auch einmal ein Stückchen zurückblicken kann.
Aha, ein Niederrheiner! So, so, haben Sie im
In welchem Sinn ist eine evangelische Predigt der Werke möglich?
Erste Frage: Was soll überhaupt unter ἔργα, unter «Werke», opera verstanden sein? Sind Sie einverstanden, wenn ich sage: Werke - nun, das ist der Inbegriff oder die Gesamtheit desjenigen Tuns, oder sagen wir: derjenigen Existenz, wenn Sie gern wollen, zu der der Mensch durch die freie Gnade Gottes, durch das Hören des Wortes Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes befreit ist? Ich sage: die Gesamtheit des menschlichen Tuns, und würde also dabei ja nicht nur an bestimmte Dinge denken, die man für gut hält oder die man im 16. Jahrhundert für gut gehalten hat: Wallfahrten und Almosengeben und Ins-Kloster-Gehen und was weiß ich, sondern umfassend, wie es auch
Und nun würde ich doch meinen, daß der Verheißung Gottes, in der Gott uns erklärt: «Ich will euer Gott und ihr sollt mein Volk sein» [
Aber geschehen müssen! Wir werden auf einen Weg gestellt. Und dieser Weg will begangen sein. Wir können nicht einfach dasitzen und sagen: «Jetzt habe ich Vergebung der Sünden, und die werde ich morgen wieder [nötig] haben und übermorgen auch, in der Stunde meines Sterbens auch!», sondern - nein, du hast Vergebung der Sünden, und das soll dir sagen: «Du bist befreit, die Sünde ist nicht dein Herr, sondern ich bin es[, dein Gott]. Und jetzt mach dich auf den Weg!» Und dann wird es ein Stolpern und Fallen geben auf diesem Weg. Aber dieser Aufruf ist da und ist gültig. Und dieser kräftige Aufruf - denn das ist ein kräftiger Aufruf: «Wach auf, der du schläfst!» [
Und jetzt komme ich auf die vorangehende Frage zurück: In dieser Hinsicht ist mir, um jetzt einmal nicht von der «Institutio
Drei vor und zwei zurück!
Drei vor und zwei zurück? Das ist noch toller. Ja, und so läuft es doch also bei Luther. Bei Luther darf man nie einmal ruhig sagen: «So, jetzt Hand angelegt! Jetzt wird etwas getan!» Oder auch: «Jetzt wird etwas gedacht, mit dem Köpflein, und ein Buch geschrieben. Und jetzt nicht fortwährend gejammert über die Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit unseres Tuns, sondern - in unserer Unvollkommenheit und Sündigkeit, aber jetzt wird einmal etwas gemacht!» Sondern kaum hat der Luther gesagt: «Das Werk der Liebe für den Nächsten!» usf., dann kommt wieder herein: Ja, aber, aber … - nicht wahr? Und dann gewinnt es doch wieder die Rechtfertigung und wird wieder das einzige. Und ich würde in dieser Sache jetzt lieber ruhig mit dem linken Bein und mit dem rechten Bein vorwärtsgehen. Es muß eben beides sein, in seinem Zusammenhang.
Denn - jetzt komme ich noch einmal auf die vordere Frage zurück - ich kann einfach nicht finden, daß der Christus der drei Evangelien oder der Christus des Johannesevangeliums, daß seine Botschaft oder Er als die Botschaft Gottes, als der λόγος [Wort] Gottes sich «reduzieren» läßt auf die Rechtfertigungslehre. [Das ist] auch wieder zu dünn. Und da möchte ich einfach die lutherischen Brüder einladen, sich an diejenigen Worte Luthers zu halten, wo er dann auch das Fenster ein bißchen aufgemacht hat in Richtung der Werke und wo dann nicht wieder die zwei Schritte rückwärts gemacht wurden, wo dann alles wieder in Frage gestellt wird.64
Ja, Herr Pfarrer
Ja, ja.
… ganz und gar im Blick auf den Einen, nicht im Blick auf uns! Und ich meine, da haben die rheinischen und die anderen Pietisten oft gefehlt, wenn die dann auch - wie der [Mann auf dem Buch von Bischof
[Es kam mir] jetzt gar nicht auf eine Abstraktion [an]. Aber ich meine, wenn man das hört: «Du brauchst nichts zu tun, Christus hat alles für dich getan», dann klingt es nach einer solchen Abstraktion, wie man es oft in Meditationen zu Predigten oder sonst in Abhandlungen lesen kann. Und dagegen[, meine ich,] wehrt sich irgendwie doch das Neue Testament. Das ist doch nicht das Einzige, was gesagt werden kann.
Natürlich, natürlich! Sehen Sie, das ist ja immer eine tolle Sache: die Abstraktionen! Die Abstraktionen sind immer die Gefängnisse des Wortes Gottes. Wie ich seinerzeit vor vierzig Jahren angetreten und mit Gott als dem «ganz Anderen» und mit dem «Abgrund» gekommen bin73 - ja, das war wohl nötig, daß man es damals so gesagt hat. [Aber] flugs ist eine Abstraktion daraus gemacht worden. Und dann ist dieser «ganz Andere» da von vielen, vielen Kanzeln verkündigt worden. Und da kam mit Recht der Einwand: Ja, halt einmal, - Gott «der ganz Andere»? Ja, aber dieser Gott ist in Christus ein Mensch geworden.74 Nun bleibt es ja nicht dabei, bei dieser alleinigen |271 Transzendenz; da kommt der Mensch dazu. Und es ist im Grunde hier [bei dem, was Sie jetzt sagen,] nochmals das gleiche Problem, nicht? Daß das nun so kommen kann, daß die Frage wieder so gestellt wird, wie Sie das sagen, daß man das so hört: «Christus allein hat für uns genug getan», ja, da sind wir wieder im finstersten 17. Jahrhundert, wo die Predigt dann oft so getönt hat: «Ach was, wir sind und bleiben ja Sünder; es gibt da nichts zu bestellen, aber gottlob! die Schuld ist abgetan!» … Wir sollten jetzt eigentlich ein bißchen weiter gekommen sein. Wir haben inzwischen den Pietismus durchgemacht. Der Pietismus war die Reaktion gegen dieses orthodoxe Luthertum. Und dann kam auch die Aufklärung. Und die Aufklärung mit ihrem Moralismus war nämlich auch eine an sich berechtigte Reaktion, die da stattgefunden hat. Und dann kam der
Ich weiß nicht, ob ich Bruder
Auch! Ich meine, das steht ohne Zweifel dahinter.
Man soll weder den Glauben predigen noch die Werke, sondern man soll halt Christus predigen. Dann kommt es nämlich schon recht. Und was nun das betrifft, [was Sie sagen,] Fräulein
Wir sind ja aber gar nicht aufgefordert, sozusagen unsere Rechtfertigung nun doch wieder durch unsere Werke zu suchen. Sondern wir sind in Christus gerechtfertigt, aber auch geheiligt; also müssen Werke geschehen. Aber unsere Rechtfertigung vor Gott wird nie unser Werk sein und wird nie ein herrlicher oder nur halbwegs oder |273 viertelsherrlicher Zustand in unseren Gemeinden sein. Wenn wir selber mit unseren Leben - wenigstens ich - so wenig fertig werden, wie sollen wir es denn von den Gemeinden verlangen, diesen armen Tröpfen, daß die jetzt unsere herrliche Predigt so aufnehmen, wie es gemeint ist und wie es eigentlich sein sollte? Sondern - das ist jetzt eben das Volk Israel in der Wüste, Fräulein
Darf ich noch selbst mal eben die Frage von Bruder
Gut! Zum Beispiel: «Wählt nicht
Eben hat ein Pfarrbruder hier im Hinblick auf den Pietismus am Niederrhein ein Wort gesagt, und Sie, Herr Professor, haben das verlängert, indem Sie sagten: die saßen eben auch, wie die Skulptur, mit dem Gesicht nach unten. Es ist bei uns im
Wenn es das wirklich jetzt noch gibt, jüngere oder ältere Pfarrer, die dauernd gegen den Pietismus donnern, dann würde ich sagen: Die sind nun wirklich nicht auf der Höhe der Zeit, sondern das sind nun richtige - «Barthianer». Das will sagen, sie haben den «Römerbrief», zweite Auflage
Also, das hat gar keinen Sinn, sich da [auf ein Nein] festzulegen. Man braucht ja nicht selber gleich Pietist zu werden. [Aber man darf doch auch für sein Anliegen offen sein -,] daß man dann in der Tat auch geschichtlich den reformierten, den spezifisch niederdeutschen, niederrheinischen Pietismus, der ja merkwürdigerweise mystisch [aus]gerichtet war, und den hallischen Pietismus, der merkwürdigerweise moralisch [aus]gerichtet war - da sind nämlich die Konfessionen überkreuz gegangen81 -, daß man das nachträglich zu würdigen weiß und nun nicht fortwährend wieder schießt gegen diese Pietisten.
Ich habe ebenfalls - das ist ja nun ein bißchen etwas anderes - ausgezeichnete Beziehungen zur Brüdergemeine. Mein
Aber sehen Sie, da haben Sie jetzt wieder einen Fall, daß ich so gefragt werden konnte, wie zuletzt die Frage lautete: Was sagt der Professor
Herr Professor, gehört [in] das Dilemma [beim] Kapitel der guten Werke nicht vielleicht ein Stück weit auch [der] Heidelberger Katechismus? Das ist ja zwar sehr richtig, wenn das Oberwort von der Dankbarkeit gesagt wird. Aber der
Ja, ja, aber er sagt halt: «Alles ist euer, ihr aber seid Christi» [
Vielleicht sollten wir an dieser Stelle diese Frage abschließen.
Vorläufig, gelt.
Wo liegen in der Praxis die Grenzen zwischen Moral und christlicher Ethik?
Ja, das ist jetzt auch wieder so eine Verdächtigung - schon in dem Wort «Moral». Es könnte auch heißen: «… zwischen nichtchristlicher und christlicher Moral». Denn Ethik ist nichts anderes als eben «Moral». Aber das nur beiläufig zum Sprachlichen.
Nun wird [zu Ihrer Frage] dann thetisch gesagt: «Viele Menschen meinen, einen [guten] Lebenswandel zu führen[, der sich mit vielen Aussagen der Bibel deckt].85 Sie haben nicht unrecht, aber es fehlt ihnen dennoch die Bindung an Gottes Wort. Gilt hier: Wenn zwei das gleiche tun, so ist es doch nicht das gleiche?»86
Ich habe da allerhand Bedenken. Ich würde halt sagen: Ohne «Bindung an Gottes Wort» tun diese Menschen mit ihrem «guten Lebenswandel» nicht «das gleiche» - wie es da am Schluß heißt: «Wenn zwei |279 das gleiche tun …» Nein, sie tun nicht das gleiche. Sondern sie tun wie die Pharisäer des Neuen Testaments, die auch gute Leute waren und einen «guten Lebenswandel» geführt haben - sie waren keine Alkoholiker und keine Homosexuellen und keine Scheck-Fälscher und so, sondern das waren feine Leute, die Pharisäer. Das muß man sich sagen lassen vom heutigen Judentum87 - wenn man es nicht sonst schon gemerkt hat. Aber - sie lebten nicht in der «Bindung an Gottes Wort». Und da[rum] war das, was sie taten in ihrem guten Lebenswandel, nicht das gleiche, was zu tun war in der Bindung an Gottes Wort, sondern sie taten bzw. sie tun - alles, was auf der Linie des Pharisäismus liegt - in Eigensinn und in Eigenwilligkeit und im Streben nach eigener Gerechtigkeit [vgl.
Und nun könnte ich darüber hinaus nur eines hinzufügen: Wo die Bindung an Gottes Wort vorliegt oder nicht vorliegt, darüber haben wir nicht zu entscheiden. Es könnte sein, daß eine Bindung an Gottes Wort in Bereichen vorliegt, wo wir nur staunen könnten und wo dann das Wort in Kraft tritt, daß die Kinder dieser Welt klüger sind in ihrem Bereich als die Kinder des Lichts [
Und dann wird man auch wieder ein bißchen geduldig und ein bißchen offen, auch im Blick auf die Geschichte. Und ich bin [zum Beispiel] immer dafür, im 18. Jahrhundert nicht nur die Pietisten gelten zu lassen, wie ich vorhin gesagt habe: die auch, sondern auch die Rationalisten und Aufklärer. Wissen Sie, vielleicht so ein Mann wie der gute
Es war leider so - um das noch zu sagen -, daß in vielen Punkten, was den «guten Lebenswandel» betrifft, je und je die sogenannten Ungläubigen oder Nichtgläubigen oder Halbgläubigen oder Falsch|282gläubigen der Sache besser auf der Spur waren als die Gläubigen. Es war einfach so. Die Verbesserung der modernen Justiz, die Abschaffung der Sklaverei, die Arbeiterbewegung, [die] Friedensbewegung - ja, die Christen sind dann auch gekommen. So hundert Schritt hinterher haben sie sich jeweilen dann auch aufgemacht und ist man dann so erwacht, Mitte des 19. Jahrhunderts - ja,
Warum hat der Mensch an sich und als solcher nicht in seiner geschöpflichen Freiheit die Macht, seinerseits «zu verwerfen, was Gott in seiner göttlichen Freiheit verwirft» (KD II/2, S. 131
Ja, ganz kurz beantwortet: darum, weil er eben der Mensch und nicht Gott ist. Wir könnten uns ja einen Menschen vorstellen, der diese Macht hätte: die Macht der Freiheit Gottes, «zu verwerfen, was Gott in seiner göttlichen Freiheit verwirft». Dann würde der Mensch eben seinerseits Gott sein. Nun ist aber das Verhältnis von Gott und Mensch in der heiligen Schrift unverwechselbar und unumkehrbar das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf und |283 also ein Verhältnis zwischen zwei Ungleichen. Man könnte sich ja vorstellen, daß, wenn die Schöpfung in unsere Hand gelegt worden wäre, wir doch einen viel feineren Menschen geschaffen hätten - nämlich eben einen sozusagen gottgleichen Menschen. Das würde aber grundsätzlich bedeutet haben, daß die ganze Geschichte zwischen Gott und Mensch, in der Gott seine Liebe betätigt und offenbart und in seiner Liebe sich selbst, gar nicht hätte anheben können; sondern dann wäre einfach ein zeitloses und geschichtsloses Verhältnis zwischen Gott und Mensch das Ganze gewesen. Sie müssen sich selber überlegen, ob dieser Entwurf des Verhältnisses eine Verbesserung des Planes Gottes, wie er nun offenbar gewesen ist - ich habe ihn nicht zu verantworten, sondern Gott hat ihn zu verantworten -, gewesen wäre. Gottes Schöpfung des Menschen hebt eben den Unterschied zwischen ihm und dem Menschen als seinem Geschöpf nicht auf, sondern bestätigt ihn. Und nun kann eine Geschichte zwischen ihm und dem Menschen stattfinden. Und offenbar wollte Gott, wenn man es so sagen darf, über das hinaus, daß er in sich selbst die Liebe ist - die Liebe des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater -, eine Geschichte seiner Liebe zwischen sich als Gott und einem von ihm als Gott verschiedenen Wirklichen. Das wollte er haben. Das sollte geschehen. Und in dieser Geschichte lebt nun Gott, und in dieser Geschichte darf der Mensch mit ihm leben - und das heißt aber: nicht in einer ihm eigenen, sondern in einer ihm von Gott immer neu zu schenkenden und darum vom Menschen immer neu zu erbittenden Freiheit, die eben die Freiheit ist, die der Herr Fragesteller hier in Frage stellen möchte, d. h. an deren Stelle er eine «schönere» Freiheit sozusagen setzen möchte, wo die ganze Geschichte von
Der Herr Pfarrer
Vielleicht steckt hinter dieser Frage ein Einwand, den man oft in der Gemeinde, von Gemeindegliedern hören kann: Warum denn Gott nicht den Menschen von vornherein so geschaffen hat, daß er die Sünde hätte vermeiden können? Warum er denn notwendig in den Sündenfall gefallen wäre? Und auf diese Frage ist ja nicht ganz leicht zu antworten, weil man doch schließlich von dem faktischen Menschsein ausgehen muß, das durch die Antwort: «Warum hätte Gott nicht … ?» aufgehoben würde. Nicht wahr, man würde [da] doch [von] dem faktischen Menschsein abstrahieren?
Ja, das ist nie gut, wenn man das tut. Also, wenn jemand aus der Gemeinde - aber offenbar passiert es nicht nur in der Gemeinde, sondern gelegentlich [auch] beim Pfarrer - solche Fragen sich selber oder anderen stellt, [so] wäre ich dafür, ihn ein bißchen fröhlich anzulachen. Es gibt ja so kuriose Warum-Fragen. Die ganz entsprechende zu dieser Frage ist die: Warum ist nicht in der Auferstehung Jesu Christi gleich der jüngste Tag angebrochen? Die Situation wäre doch dafür reif gewesen. Die Welt ist versöhnt mit Gott. Und warum jetzt noch die bald 2000 Jahre, die da weitergehen? Und ich kann darauf dann auch immer nur die Antwort geben: Ja, es wäre offenbar doch schade um uns alle, wenn wir nicht mehr hätten dabei sein dürfen! Und er wollte offenbar - wenn man überhaupt da so spekulieren kann - ein Volk haben, das jetzt - herkommend von der Auferstehung, die ja der Anbruch schon der letzten Parusie ist - schon [im] Anheben davon in dieser Zeit zwischen Ostern und dem Abschluß der Parusie Christi [an seinem Werk auch noch] teilnehmen und Buße tun und Gott loben und ihm dienen und sein Wort verkündigen dürfe. Und da wollen wir doch froh sein, daß es nun eben so ist - obwohl wir auch da wieder vielleicht, anstelle des lieben Gottes, die Sache viel «feiner» gemacht hätten! Aber verstehen Sie, wenn man alle diese Warum-Fragen so im Sinn der Fragenden beantwortet, dann läuft es ein bißchen auf etwas Langweiliges hinaus.
In der Gemeinde wird ja die Frage dann noch ein wenig anders gestellt, und ich spüre diese Gemeindefrage hier in der Begründung95, nämlich [es wird da] etwa so gefragt: Hätte der Mensch die Möglichkeit gehabt, der Versuchung zu widerstehen?
«Hätte der Mensch die Möglichkeit gehabt?»? Ja, aber «Möglichkeit» ist ja nur ein anderes Wort für «Freiheit». Klar, frei [von] der Versuchung ist Gott selber. Aber sogar indem Gott in seinem Sohn Fleisch wird, übernimmt er ja die Versuchlichkeit des Menschen - das ist die Funktion der Versuchungsgeschichten in den Evangelien, uns das zu zeigen [
Wollen wir weitergehen? … Man hat mir gesagt, ich soll in meinen Voten ein bißchen kürzer sein. Ich rede zuviel. Wenn Sie genug haben, können Sie mir abwinken. - Also Frage 7: da geht es jetzt um die Entfremdung zwischen der glaubenden Gemeinde und der theologischen Forschung.
Im Wissen darum, daß Theologie eine Funktion des Leibes Christi ist, müssen wir die Entfremdung zwischen der glaubenden Gemeinde und der theologischen Forschung als eine Krankheitserscheinung am Leibe Christi beklagen, welche die Theologie wie die Gemeinde gleichermaßen gefährdet. Wie können wir genesen und die Vollmachtslosigkeit der Predigt heute überwinden?
Wissen Sie, die Sache hat irgendwo eine ganz tiefe Wurzel. Ich habe [hier in diesem Kreis] schon ein paarmal, noch jetzt gerade vorhin, die Wendung gehört: «In der Gemeinde wird gesagt», «aus der Gemeinde kommt uns die Frage entgegen», «die Gemeinde denkt so und so». Und dann ist stillschweigend vorausgesetzt: Natürlich, «wir»! wir sind da fein heraus! Theoretisch gehören wir zwar auch zur Gemeinde. Aber «wir» haben Theologie studiert und wissen Bescheid. Und jetzt ist es eigentlich bloß noch das Problem: Wie können wir klugen Theologen diesen etwas beschränkteren Wesen «in der Gemeinde» die Sache erklären? Ich möchte schon zum vornherein vor diesem Dualismus warnen, daß man sagt: «Ja wir - aber die Gemeinde». Es geht nicht so. Wir sind samt und sonders die Gemeinde. Und die Glieder der Gemeinde gehören auch zu uns. Also, ich wäre für eine vollkommen durchgeführte Solidarität zwischen Theologen und den anderen Gemeindegliedern. Wir können auch nichts besseres sein als Gemeindeglieder. Ich fürchte, in diesem Reden von [dem], was da aus der Gemeinde kommt und in der Gemeinde gilt [?], steckt noch ein Rest, ein unausgetilgter Rest von dem alten lutherischen Amtsbewußtsein, das dann wunderliche Formen annehmen kann. Rotten Sie das aus! Mit Feuer und Schwert! Das soll es gar nicht so geben. Sondern die Funktion, die wir als Theologen haben, ist ja doch nur eine Funktion unter anderen.
Da bin ich jetzt schon bei der Antwort. Also, die Frage lautet: «Wie können wir genesen und die Vollmachtslosigkeit der Predigt heute überwinden?» Nun, das mit der «Vollmachtslosigkeit der Predigt» ist ja noch ein bißchen etwas anderes. Aber ich will einmal [etwas zu der Frage nach dem] «Genesen» von dieser Entfremdung sagen. Es braucht zwei dazu. Natürlich, an zwei Orten muß die richtige Antwort gegeben werden. Die Theologie, ganz gleichgültig, ob sie die Theologie von den Herren ordentlichen und außerordentlichen Professoren an den Fakultäten ist (ein Stand, den wohl jeder Pfarrer so ganz leise ein bißchen beneidet: Ach, wär’ ich dort, ach wär’ ich schon … 97! … ich bin jetzt [freilich] froh, daß ich zwar noch Professor |287 heiße, aber daß ich mit diesem Geschäft nicht mehr direkt behelligt bin!)98 […], bis hin, sagen wir: zu dem schlichten Diakon oder dergleichen, der aber immerhin vielleicht Bibelstunden hält - also diese Vertreter von Theologie im engeren Sinne des Wortes, die Leute, die darin tätig sind, dürfen und müssen ihre Sache, ihre Erkenntnis-Aufgabe, die wissenschaftliche Aufgabe (die Theologie ist ja eine Wissenschaft!) verstehen als einen Dienst in der Gemeinde und an der Gemeinde: ein Dienst, der an sich und als solcher nicht besser und nicht schlechter ist als alles, was es da auch gibt. Ich will es ganz kraß sagen: Was ein ordentlicher Theologieprofessor an seinem Ort macht, mit oder ohne dicke Bücher und große Studentenzahlen und so, ist an sich nicht höher und nicht besser als das, was der Mann macht, der am Sonntagmorgen die Glocke läutet. Theologie ist auch eine Art Glockenläuten. Und das Glockenläuten hat auch etwas mit Theologie zu tun.
Also, [das] gehört einfach in die Gemeinde hinein. Man müßte an
Und wenn man es so sieht, dann wird man als Theologe bescheiden. Und dann kann es eigentlich gar nicht eine «Entfremdung» geben. Das heißt ja «Krankheitserscheinung». Ich würde es sogar noch stärker sagen: eine «Entfremdung zwischen Gemeinde und theologischer Forschung» - da ist der Tod im Topf [vgl.
Und die andere ist: daß die Gemeinde nun ihrerseits - und das muß man ein bißchen den Leuten, ja, das muß man sich selber klarmachen und darf es dann auch einmal vielleicht so beiläufig [den Leuten] erklären - …, daß die Gemeinde verstehen lernt (auch wenn sie jetzt nicht in gleicher Weise theologisch beschäftigt ist wie die Pfarrer usf., diese besonderen Chargen oder Gabenträger da): daß die Theologie eine Angelegenheit der Gemeinde ist. Denn schließlich soll doch in der Gemeinde das Wort Gottes verkündigt und gehört werden. Das Hören, Verstehen, Verkündigen, das hat etwas zu tun mit Erkenntnis und mit Bekenntnis, hat etwas zu tun mit der Sprache. Nun hat die Theologie in der Gemeinde diese besondere Aufgabe: zu wachen über dem rechten Denken und über dem rechten Reden in der von der Gemeinde im ganzen und im einzelnen zu gebenden Antwort. Diese Antwort, die zu geben ist - jeder hat sie zu geben, aber die ganze Gemeinde hat sie auch zu geben! -, diese Antwort liegt nie einfach auf der Hand. Da irrt sich natürlich die ganze Gemeinde, wahrscheinlich mit Einschluß ihrer Theologen, wenn sie meint, daß diese Antwort irgendwo so bereit liege. Das wäre ja der Fundamentalismus oder die sogenannte, viel verdächtigte «Orthodoxie», daß man so [behauptet], daß man ja bekanntlich weiß, um was es geht. Und das kann die Gemeinde dann auch [meinen, schon zu] wissen - und Bescheid [ … zu wissen] so, wie in den alten reformierten Kirchen. Da saßen die Presbyter auf ihren Bänken und hatten große Bibeln vor sich. Und wenn |289 der Pfarrer predigte, haben die Ältesten, die Presbyter da nach[geprüft], ob auch der Pfarrer die Sache recht auslegt. Sie, die Presbyter wissen es nämlich schon, was das Rechte ist. Und dann handelt es sich nur darum, daß das sozusagen nach dem rechten Ritus, in der rechten, reinen Lehre vollzogen wird. So einfach ist es nicht. Es braucht Forschung dazu. Und diese Forschung soll von der ganzen Gemeinde als eine nötige Aufgabe, als ihre eigene Aufgabe verstanden werden. Das würde ich also verstehen unter der «Genesung» von dem Dualismus zwischen Theologie und Gemeinde.
Ich könnte es jetzt [auch mit dem] Wort von
Und nun die anderen! Es ist [hier] ja immer ein Verhältnis [von zwei Seiten], nicht wahr? In actu ist [es] immer so, daß einer redet und die anderen hören. Nun die anderen, die sollen sich nun wirklich sagen: Aber «Jesus Christus ist uns gemacht zur Weisheit». Und die Weisheit in der Bibel ist eine große und lebendige Sache. Das ist Erkenntnis. Das ist Lebensweisheit und in allen ihren Dimensionen etwas Ernstzunehmendes. Und da darf dann niemand kommen und sagen: «Ach was! die sollen das unter sich ausmachen. Die mögen das jetzt ausknobeln, ob man in
Ich darf [?] offen dazu doch noch einiges sagen. Zunächst einmal, sicherlich weiß ich um die Solidarität als Theologe mit dieser glaubenden Gemeinde. Das steht fest. Aber dahinter steht die ganz große Not, die ich auch persönlich durchleide an meinem Teil, daß es heute zu dieser Entfremdung zwischen der sogenannten maßgeblichen Theologie bei uns und der glaubenden, bibellesenden Gemeinde gekommen ist. Ich will es etwa daran einmal exemplifizieren, daß Eltern ihre Söhne und Töchter auf die Universität geben, sich freuen, daß sie Theologie studieren wollen und studieren, und [daß die] dann zurückkommen und einfach nicht fertig werden mit dem, was ihnen da vorgesetzt wird, und in eine Krise hineingeraten, die in die größte Not hineinführt. Und hier liegt bei uns soviel Not, daß es für mich heute beglückend ist, Sie, sehr geehrter Herr Professor, wieder zu hören wie vor Jahren. Aber ich möchte Sie jetzt einmal fragen: Glauben Sie wirklich, daß das, was Sie [mit den] heute uns gegebenen Antworten gesagt haben, in der Formulierung, der biblisch fundierten Formulierung mit der Sprache der Väter -, daß das noch ankommt, daß das der moderne Mensch faßt? Die jungen theologischen Studenten sagen ja: «Das kommt ja nicht mehr an! Wir müssen ja diese Dinge in die Form von heute gießen. Wir müssen ja entmythologisieren. Wir beteiligen uns ja alle so oder so daran.» Es wäre mir sehr lieb, wenn aus unserer Mitte jüngere Theologen, die durch das Kreuzfeuer der
Ja, ja.
Vor 20, 30 Jahren durfte ich in einem Studentenkreis, von
Ja, [da] sind wir natürlich im Grunde jetzt noch einmal ganz im Bereich der Frage 1, nicht wahr? Um gleich an Ihren letzten Satz anzuknüpfen, gelt, wir wollen doch den Humor haben, uns klarzumachen: Es ist immer ein bißchen Übermut, wenn jemand von hi|292storisch-kritischen «Ergebnissen» redet. Was heißt «Ergebnis»? Das sind so Hypothesen, wie heute morgen die
Nun beschreiben Sie mir diese Situation - ich habe das öfters schon gehört: Der junge Theologe kommt von der Universität und wird jetzt Vikar, sträubt womöglich schon alle Federn seiner Kirchenbehörde gegenüber, im Examen und anderswo, und sagt: «So habe ich’s gelernt, so ist es! Diese alten Weihnachtsmänner da, die noch bei
Ich bin seinerzeit als Student auch so in das Amt hineingerauscht, als Vikar und nachher als junger Pfarrer. Ich kam auch von
Nun [fragen] Sie: Was sagen wir ein bißchen Älteren zu dieser Situation? Da würde ich sagen: Vor allen Dingen wiederum Solidarität! Solidarität mit dieser Gemeinde, die sich da mit Recht durch diese jungen gackernden Hühnchen und Hähnchen, die da kommen, aufgescheucht fühlt. Ja, das ist wirklich beunruhigend. Und dann aber auch ein bißchen Solidarität mit diesen jungen Brüdern! In Erinnerung [daran], wie man selber seinerzeit auch gekräht hat! Und jetzt nur einen Fehler nicht begehen! Nämlich, die Frage ist mir in früheren Jahren auch schon, ich glaub, vom Rheinland aus vorgelegt worden, [oder] vom Siegerland aus kam es - es ist lange, lange her -, und da wollten sie eine Synode machen, in freier Nachahmung von Barmen, und wollten ein Anti-
Siegen!
Das war in
Jetzt, was denn machen? Ich würde halt sagen, wenn es in einer Kirche zu diesem Schauspiel kommt von [solchem] Auseinanderklaffen [zwischen] einer bestimmten, jetzt gerade en vogue befindlichen Theologie und gewissen Kreisen der Gemeinde, die nun sagen: «Wir sind die glaubende Gemeinde» - natürlich, da stimmt etwas nicht, und zwar vielleicht auf beiden Seiten nicht. Nämlich, da muß eben eine bessere Theologie her, nicht ein Verbot der anderen - ich würde sagen: ein Beweis des Geistes und der Kraft107. Ich habe das heute morgen schon angedeutet: Als diese ganze
Denn der Fehler kann auch bei der Gemeinde liegen, daß sie nicht sehen wollte. Sie wollte einfach, was sie für den rechten Glauben hält, wiederholt hören, statt daß sie vielleicht anhand von diesen rebellischen Vikaren zur Kenntnis nehmen müßte: Die Weltgeschichte und die Kirchengeschichte dazu geht weiter, und die glaubende Gemeinde, diese sogenannte, die soll so freundlich sein und mitkommen. Und wenn das miteinander zusammentreffen würde: eine wache Gemeinde und eine immer noch sich verbessernde Theologie (eine Theologie nicht nur reformata, sondern semper reformanda109), dann brauchen wir, glaub’, nicht so schrecklich Angst zu haben.
Es hat mich, entschuldigen Sie, leise belustigt oder auch erfreut - in Erinnerung an meine alten Zeiten am Rhein110 -, daß ich auch von Ihnen jetzt das Wort «Not» so häufig habe aussprechen hören. Das Wort «Not» habe ich noch nie in meinem Leben und nie wieder nachher so betont und so feierlich aussprechen hören, wie es im
Der Kern der Sache ist ja immer das mit dem modernen Menschen, dessen Sprache man sprechen müsse. Und nun warte ich schon lange darauf, daß mir jemand einmal eine glaubwürdige Definition des mo|296dernen Menschen gibt, was das eigentlich für eine Kreatur ist. Denn das wird immer so vorausgesetzt, und dann unterschiebt man ihm - der
Ja, sind Sie befriedigt, so ungefähr? Also, ich möchte nicht so mit schwerer Hand an diese Sache herangehen, sondern ein bißchen mit leichter Hand …
Ich darf vielleicht noch eines dazu sagen, daß jetzt gerade in großer Auflage ein Offener Brief verteilt wird.112 Da steht drin, daß die Krise, in der wir uns befinden, viel schlimmer und gefährlicher ist als 1933 [beim Auftreten der] «
Ja, aber unter der Voraussetzung, gelt, daß Sie (ich will jetzt auch das Wort brauchen) diese ganze «Not» - ich glaube übrigens, [sie] war [19]33/34 doch noch ein bißchen anders - auf sich nehmen, m. a. W., daß Sie die Fragen, von denen die Leute jetzt da umgetrieben sind und auf die sie ihre etwas mutwilligen und kindischen Antworten geben, mindestens auch kennen. Sie können ihnen natürlich nicht einfach nur entgegentreten: Da bin ich! und sagen: «Es steht geschrieben!» Ja, ich mache es auch so. Aber immerhin, man muß es so tun, daß sie merken, sie sind verstanden in ihren Anliegen.
298 Sehen Sie, ich habe gerade in diesem gleichen Raum, wo wir sitzen, seit Jahren [meine Sozietäten]. Da kommen die Studenten - Basler Studenten, Zürcher Studenten, sie kommen manchmal sogar von
Ich weiß nicht[, aber ich frage mich] - ich habe es heute morgen ja schon angedeutet -, ob diese Woge, unter der wir jetzt stehen, nicht einmal verrauscht, ob da nicht zu viele Sackgassen sind, wo die Leute sich verlieren? Es sind schon andere merkwürdige Sachen in der evangelischen Kirche unterwegs gewesen. Soweit ich sehe, wenn man einmal so phänomenologisch reden will, war das Evangelium im 18. Jahrhundert viel bedrohter als in unserer Zeit - und zwar von beiden Seiten: von einem schwärmerischen Pietismus und von einer ratio|299nalistischen Aufklärung her. Es ist in der heutigen Zeit, auch in der heutigen Kirche, doch manches auch sehr hoffnungsvoll. Das muß man doch auch sehen. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe[, daß jene Woge vorübergeht]. Aber wenn ich jetzt die Theologiegeschichte der letzten zwanzig Jahre so ansehe, wie der
Benützen Sie die Zeit, die Sie noch haben, nicht zu Kämpfen und Bekämpfungen, sondern zur Aufstellung, Aufrichtung besserer, haltbarerer Positionen - in Solidarität mit der «glaubenden Gemeinde» (ich höre das Wort nicht so furchtbar gern!) und dann mit diesen Springinsfelden da! Ja, du liebe Zeit, wissen Sie, die haben auch noch ihre Jugendkomplexe. Die kommen erst aus der Pubertät heraus, und das geht dann da in die Theologie hinein. Das muß man doch alles auch ein bißchen menschlich verstehen und würdigen und dann ein bißchen lieb und - ich hätte bald gesagt - ein bißchen lustig mit ihnen sein. Und den Vergleich mit [19]33/34 würde ich ihnen nicht erlauben. Da würde ich sagen: Kindlein, ihr seid damals noch gar nicht auf der Welt gewesen oder kaum erst. Ich will euch was erzählen, das war ein wenig anders. Es gibt bis jetzt mindestens noch keine Bultmannsche
Ich möchte nur in aller Einfachheit vorschlagen, daß wir die für alle Seiten peinliche und beschämende Diskussion beenden. Wir sind sicherlich so höflich, Herr Professor, wir, die durch die
Beschämend? Warum soll jetzt das beschämend gewesen sein, lieber Herr Sowieso? Es ist [von einem unter Ihnen] etwas ausgesprochen worden, was ich dutzend Male schon gelesen habe. Das ist tatsächlich eine Ansicht, und die anderen haben eben auch ihre Ansicht. Ich sehe nicht ein, was da beschämend sein soll. Haben Sie [das], was ich gesagt habe, beschämend gefunden oder was der Herr … ?
Beschämend ist die Art und Weise, wie Sie diejenigen, die durch die Theologie Bultmanns gegangen sind, zurechtrücken und in eine ganz gewisse Position bringen, die von vorne bis hinten nicht stimmt.
Aha.
Wie kann man von einer Infektion reden [bei einer Sache], die mit den Begriffen, mit denen Sie sie fassen wollen, überhaupt gar nicht zu beschreiben ist? [Nehmen Sie zur Kenntnis,] daß wir uns in dem Gehäuse, das Sie der Kirche und der Theologie gebaut haben, das wirklich ein sehr weiträumiges Gehäuse war, einfach nicht mehr zu Hause fühlen können. Das ist die ganze Sache. Die Gesprächslage ist nicht die, daß wir uns innerhalb des von Ihnen gezogenen Gehäuses unterhalten könnten, sondern daß wir die Frage stellen müssen, ob es überhaupt noch möglich ist, in der Begrifflichkeit, mit der Sie den Durchbruch gewagt haben, heute noch zu reden. Sehen Sie, deswegen meine ich, daß wir vielleicht an dieser Stelle das Gespräch fallen lassen sollen, weil es uns nur zu einer spannungsgeladenen Atmosphäre führen wird, die der Sache, die wir hier heute jedenfalls zu vertreten haben, gar nicht angemessen ist.
So, das tut mir furchtbar leid! Dann wäre ich eigentlich schuld, daß jetzt eine spannungsreiche Situation entstanden [ist]. Ich wollte heute morgen schon und jetzt zur Entspannung beitragen. Ich meinte, nach beiden Seiten dazu zu helfen. Herr Fragesteller, Sie fanden es doch nicht so beschämend, was ich gesagt habe?
Ich bin dankbar, daß das jetzt ausgesprochen ist. Denn das ist die beste Illustration zu meiner Frage. Wir wollen doch nicht so tun, als könnten wir hier das Gespräch abbrechen. Wir sind ja gerade hierher gekommen, um diese Dinge eben hier vorzutragen. Ich meine, ich hätte auch diese Tagung so verstanden, daß wir gerade zu diesen Dingen in Ruhe anhören sollten, was Herr Professor
Ja, ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen. Es ist mir besonders aufgefallen, daß - wie ist der Name von dem
Heue
… Herr Heue, daß er da gesprochen hat von einem «Gehäuse», das ich aufgebaut habe: er hat, glaub, sogar gesagt: das Gehäuse der Kirche …
… der systematischen Darstellung des christlichen Glaubens!
Ja - ein Gehäuse! Und er will überhaupt aus diesem Gehäuse heraus, wenn ich ihn recht verstanden habe.
Er ist nicht drin.
Er ist nicht drin? Jetzt wäre zu klären: ist das[, was ich wollte,] überhaupt ein Gehäuse? Ich habe es nie als ein Gehäuse verstanden, sondern ich habe die ganze Kirchliche Dogmatik
Das wäre gut so. Weitermachen!
Ich glaube, daß wir ruhig noch Zeit darauf verwenden sollten! Ich darf vielleicht einmal von mir aus sagen: Was Bruder
Ich wollte nur zwei Sätze sagen. Zunächst bin ich wirklich dankbar, daß das einmal gesagt wurde. Mich hat es hierbei gefreut, daß Sie mir persönlich zu einer gewissen Entkrampfung verhelfen, gerade gegenüber den Hühnchen, jetzt nicht im negativen Sinn gemeint, sondern daß wir sagen: Laß sie doch, diese «Bösen» (wie sie da auch deklariert werden), laß sie doch uns mal erklären, was sie eigentlich wollen usw.! Ich stehe also völlig auf der Gegenseite und bin doch dankbar, daß Sie sagen: Wir wollen darüber sprechen können. Es ist für Sie, Herr Professor, sicher wichtig zu hören, wie weit das bei uns geht. Ich glaube, daß das, was bei uns an der Front unten geschieht, oft oben nicht ankommt. Dann könnte es auch nicht passieren, daß unsere Kirchenleitungen sich derartig wenig autorisiert fühlen, einigen Professoren etwa zu einem anderen Stuhl zu verhelfen. Warum sie das nicht tun, wird mir ewig unbegreiflich bleiben. Und das alles spielt ja mit hinein.
Das ist jetzt die Gegenseite, ebenso extrem …
[Stimmengewirr]
Das letzte Votum - in Klammern: ich wollte anders anfangen, aber es tut mir schrecklich leid -, das letzte Votum würde das genau bestätigen, was Bruder
Nur meine ich folgendes: Wir dürfen das, wenn wir darüber reden sollten, nicht in dieser Einflächigkeit tun. Zumal der moderne Mensch, wenn der hier hervorgeholt wird, ja wohl wir selber sind. Und das schon insofern, als wir diesen Jesus Christus, von dem Sie, Bruder
Ich wollte nur noch mal sagen, daß Bruder
Ja, die «Art», wie ich jetzt geredet habe, war zugespitzt auf diese [mir gestellte] Frage. Ihnen glaube ich so antworten zu müssen: Seid ein bißchen geduldig und ein bißchen heiter und, bitte, seid nicht so erschrocken vor dem Phänomen dieser theologischen Jugend, die da auftritt! Jetzt ist die theologische Jugend selber zu Wort gekommen, und die will nicht so geschützt sein, wie ich sie schützen wollte. Sondern die möchte jetzt ernst genommen sein.
Es klang etwas nach Narrenfreiheit.
Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich bin durchaus bereit[, diese Jugend «sachlich ernst zu nehmen»]. Aber: sachlich! Ja, aber was würde jetzt eigentlich Sachlichkeit heißen, sachliche Diskussion? Wir können sie nicht heute Nachmittag führen. Aber wenn wir jetzt auf die Sache kommen wollten - das mit dem Entwicklungspsychologischen habe ich so beiläufig gesagt, gelt, das hat keine konstitutive Bedeutung - aber [wenn wir jetzt auf] das Sachliche [zu reden kommen würden], ich fürchte, und das geht mir leicht so mit den Bultmannianern, daß dann eine Diskussion über die Methode anfängt, nicht wahr? Man öffnet nicht die Bibel und liest, sondern man redet endlos über die Bibel, über den Kanon, über die rechte Auslegung, Hermeneutik usf. - und die Bibel bleibt immer geschlossen und kommt nicht zu Wort. Nun würde für mich die Sachlichkeit eigentlich damit beginnen, daß man die Bibel auftut, irgendwo, und [daß man] anfängt, miteinander darin zu lesen. Und wenn die jüngeren Herren und Brüder hier noch meine Studenten wären, dann würde ich sie einladen, mit mir zusammen sei es ein bestimmtes Lehrstück aus der Dogmatik, sei es bestimmte Texte durchzugehen - ich habe mich zum Beispiel ja auch schon mit Exegese betätigt - und dann das zu vergleichen und zu sehen: Wo sind jetzt da die Grenzen, wo ist es so furchtbar, daß man aus diesem Gehäuse, wie Sie es nennen, oder [von] diesem Weg durchaus weg muß? Aber [das] jetzt nicht in Form von einer Methodendiskussion, sondern: zur Sache!
Ich will Ihnen zwischenhinaus etwas erzählen, was Ihnen vielleicht allen interessant sein kann: Mein Weg und der meines Freundes
Und das ist also für mich die Not mit den Bultmannianern, daß ich [sie] nicht hinwegkomme[n sehe] über diese Methodendiskussionen. Mit den Jungen aus dieser Schule, soweit ich sie hier noch habe, komme ich nach einiger Zeit ganz nett zurecht, sobald man nun |307 wirklich auf die Sache kommt, d. h. auf die Texte. Aber sehen Sie, es geht doch nicht so, wie es
[…] Das gibt es auch, was Sie eben gesagt haben, aber nicht nur.
Ja, aber denken Sie, ein Meister wie
Aber Ihre Vorworte werden ja nun nicht gerade unwesentlich sein.
Ach, wissen Sie, diese Vorworte! Die habe ich jeweilen geschrieben, wenn das Buch fertig war. Da habe ich mich noch hingesetzt mit einem gewissen Vergnügen und habe dann noch ein Vorwort dazu geschrieben. Aber das ist doch Marginalwerk. Es gibt ja Leute, die ganz besonders meine Vorworte gern lesen, auch die in der Kirchlichen Dogmatik.
Wenn ich mich an dieser Stelle noch mal einschalte, dann glaube ich, daß wir hier an einem ganz bestimmten Punkt sind, der von heute morgen bis in den Nachmittag hineinreicht, der durch diese Diskussion eigentlich jetzt ziemlich klar ans Licht gerückt ist. Wenn ich die Dinge recht sehe, dann habe ich den Eindruck, daß alles, was Sie, Herr Professor, uns heute und eben im besonderen gesagt haben, eigentlich nicht Streit herbeiführen sollte über verschiedene Methoden und verschiedenartige Wege, sondern daß alles - auch zum Teil in der Karikierung verschiedener Wege - dem einen Ziel dienen sollte, uns deutlich zu machen: Es kann in der Theologie nur weitergehen, wenn man an der ganz bestimmten Sache des Wortes arbeitet und an der Sache sich gegenseitig ständig überprüft und von daher ins Gespräch hineinkommt. Das würde praktisch zur Folge haben, daß wir uns fast noch einmal bei Ihnen einladen müßten, um zu sagen: Nun wollen wir einmal nicht Fragen stellen und Antwort auf diese Fragen hören, sondern nun möchten wir gerne an bestimmten Texten der Dogmatik oder des Neuen Testaments oder auch des Alten arbeiten, um uns an diesen Sachvorlagen ein Stückchen weiterhelfen zu lassen.
Ich möchte doch noch einmal zur Diskussion sagen: Ich bitte, keinen Augenblick zu vergessen, daß wir es hier mit Fragestellungen in einer ganz bestimmten Richtung zu tun haben und daß hier Antwor|309ten auf diese speziellen Fragen gegeben worden sind, Antworten, die dem Fragesteller selbst helfen sollten. Natürlich ergeben sich aus der Antwort an den Fragesteller wiederum neue Fragen für andere Fragesteller, die aber hier vorher nicht vorgemerkt waren und die ganz neue Konzeptionen vor uns hinbringen. Ich will nur an einem Beispiel klar machen, wie mich das beschäftigt. Hier steht in der Begründung der Frage 7 das Wort von der Vollmachtslosigkeit der Predigt.124 Das wäre für mich eine Sachfrage, um es nur an dieser einen Stelle einmal zu sagen. Mir ist bei der Beschäftigung mit dem Worte ἐξουσία [Macht, Vollmacht] im Neuen Testament aufgefallen, daß dieses Wort dort eigentlich nur zweifach gebraucht wird: einmal im Blick auf die Predigt Jesu selbst und zum anderen im Blick auf die ἐξουσία, Teufel auszutreiben und Kranke zu heilen. Das Wort wird meines Wissens nie von der Predigt der Jünger gebraucht, sondern nur vom Herrn und im Blick auf die Krankenheilung usf. Das ist jetzt eine Sachfrage, die am Neuen Testament geprüft werden müßte: Hat das eine besondere Bedeutung? Ist das etwas, was für unsere Verkündigung von Bedeutung ist? Ist das etwas, was ein solches Wort wie «Vollmachtslosigkeit unserer Predigt» an sich unmöglich macht - oder vielleicht sogar unmöglich macht, von der vollmächtigen Predigt zu reden? Ich will das jetzt nur an diesem einen Beispiel darstellen.
So, sind das keine Randfragen wie das, was Sie jetzt da reinbringen … ?
Moment, Moment! Ich will an diesem einen Beispiel klar machen: Nicht um Randfragen geht es, sondern um Antworten auf gestellte Fragen, und aus den Antworten auf gestellte Fragen ergeben sich neue Fragen. Diese neuen Fragen können wir unmöglich alle behandeln. Nur um das für unseren Diskussionsverlauf deutlich zu machen, daß wir jetzt nicht aus einer Antwort an einen Fragesteller herauslesen, als seien hier sofort alle Umfänge dieser Frage erfaßt.
[Ich weiß] zwar weder, ob Professor
Ich weiß nicht, ob das praktikabel ist. Das würde sehr weit führen. Der Herr Heue müßte sehr gut vorbereitet sein. Und ich müßte auch vorbereitet sein, um eine sinnvolle und lehrreiche Antwort geben zu können. Es ist ja nun eine merkwürdige Sache, eben, wenn man in diesem Sinn an die Sache herankommt. Mit meinen Studenten, die zum großen Teil auch zu dieser Jugend gehören, erlebe ich immer wieder folgendes: Sie haben einen Abschnitt aus der Kirchlichen Dogmatik
Wenn wir exegesieren würden, würden wir meines Erachtens zwangsläufig auf die Methodenfragen kommen, und das ist, glaube ich, einfach der Unterschied in der Bewertung der Methodenfrage.
Ja gut, aber es nimmt mich wunder, wenn ich jetzt mit Ihnen arbeiten könnte; wir können das jetzt nicht … Das läßt sich ja doch nicht so trennen - [Auslegung und Methode]. Natürlich, natürlich, in der Auslegung [kommt man auf die Methodenfrage]. Aber ich suche meine Auslegungsmethode aus dem Text selber zu gewinnen, verstehen Sie. Ich bringe sie nicht an den Text heran, sondern ich lasse mich durch den Text leiten, und dann gibt es eine μέθοδος, einen Weg, der sich eröffnet. Aber das kann sich ja nur in actu entscheiden, welches diesem Text gegenüber der rechte Weg ist. Aber das Apriori der Methodenfrage könnte ich allerdings nicht zugeben. Und ich glaube, das werden Sie auf die Länge auch nicht tun können. Ich glaube, Sie werden von diesem allzu hohen Piedestal der Methoden-Diskussionen, den mir mein Freund
Ich habe zwischendurch auf die Uhr geschaut und ich glaube, wir …
Kommen Sie! Um der Gerechtigkeit willen, müßte aber noch einiges gesagt werden. Also, so einfach geht das dann doch nicht. Entschuldigen Sie, Bruder Posth, aber so kann man nicht abschließen. Sonst können wir Bier trinken. Das können wir genau so zu Hause. Wenn man von uns erwartet, daß wir jetzt zur Sachlichkeit etwas sagen, und [wenn wir] zur Sachlichkeit gerufen werden, dann bedeutet das doch - was auch im alten Rechtsgrundsatz der Römer [steht]: audiatur et altera pars128 -, daß wir von Ihnen, Herr Professor, ja auch diese Sachlichkeit erwarten dürfen. Und ich darf so in meiner persönlichen Stimmung - die ganze Geschichte ist jetzt so ein klein bißchen vibrierend geworden - doch sagen: Was Sie uns jetzt gesagt haben, das waren historische Rückblicke. Wenn es um historische Rückblicke geht, dann ist es doch so: die sogenannte Vorwort-Theologie, die Sie apostrophiert haben, die habe ich selber persönlich eben nicht in den Vorworten kennengelernt, sondern das, was wir in der sogenannten hermeneutischen Schule getrieben haben, war die Exegese; und nur einzig und allein über die Exegese und nicht aus systematischen, vorwortähnlichen, hermeneutischen, methodischen und was weiß ich für propädeutischen Dingen [sind wir dazu] gekommen. Und es ist doch nicht so, würde ich sagen - man kann mich korrigieren -, als ob in dieser Theologie, die wir jetzt so sehr herbeiholen, keine Exegese geliefert würde. Mein Nachbar hat dieses heute morgen erwähnte Heft der ZThK
313 [Das geschieht] meinetwegen bei diesem großen Hermeneutischen Institut, obwohl ich da auch noch sagen würde: Das, was
Ja, ich möchte das wohl noch mal vielleicht so erklären. Ich bin ganz gewiß nicht hier hingekommen, um einen Streit vom Zaun zu brechen, sondern Sie müssen verstehen, Herr Professor, für uns sind Sie ein Stück Geschichte …, Theologiegeschichte. Es ist vielleicht [?] Ihre Schuld, daß Sie nicht begreifen, was «Geschichte» ist. Deswegen analysieren wir Ihre Vorworte: nicht, weil Sie ein bestimmtes Bewußtsein dabei gehabt haben, sondern weil Sie Geschichte gemacht haben.
Bravo!
Sehen sie, nun könnte es ja doch einfach sein, daß ein Gespräch zwischen uns gar nicht mehr möglich ist. Das kann doch einfach sein, und das kann man doch einfach auch stehen lassen. Muß doch nicht sein, daß es zwischen uns geschieht. Es könnte doch [eine Aufgabe für] eine neue Generation sein, die nach Ihnen aufkommt und nach uns kommt. Sehen Sie, deswegen ist es ganz einfach so, daß wir uns dagegen wehren, daß Sie [zu] uns offenbar inadäquat von unserer Sache reden, was uns immer aufgegangen ist, von der Schrift angefangen: «Ein Versuch, Bultmann zu verstehen
Und so, mit einer selben Geschichte, sehen wir auch das Neue Testament beladen. Und deswegen ist wiederum auch die Methodenfrage bei der Exegese gestellt. Natürlich hat
[Großes Stimmengewirr]
Das war nun ein interessantes Votum. Das hat mich interessiert. Also, so habe ich es noch nicht formuliert gehört. Ich glaube, ich muß mich damit auseinandersetzen: Aha, ich bin «Geschichte geworden»! So, so, so. Das ist sehr ehrenwert. Immerhin, ich bin noch da - in Lebensgröße. Und nun müssen Sie entschuldigen, Herr
Nun aber glaube ich doch, das ist nicht ein fruchtbares Verfahren, daß man mir jetzt einfach anzeigt: Wir sind eine andere Generation, und wir befinden [uns] ganz anderswo; wir machen zwar eine höfliche Verbeugung vor dem, wie ich auch schon genannt wurde: «der große alte Mann in
Jetzt ist also bereits auch die Schrift von
317 Ich kann aber nicht sagen, daß die Produktionen der
Bringen Sie das hervor! Ich wollte eigentlich zu diesem Zweck noch länger leben dürfen, Herr
Ich möchte fragen: Ist das notwendig? Ist das wirklich notwendig, daß auf der anderen Seite Ihnen dieser systematische Wurf gegenübergestellt wird, den Sie erwarten? Das wird ja keiner von uns oder auch, sagen wir, von denen, die Sie im Blick haben, behaupten, daß das bereits da wäre.
Nein!
Aber es kann doch gut sein, daß nun eben an den einzelnen Fragen, die wir schlecht überspringen können, weitergearbeitet wird und vielleicht in der Tat Ihr Gesamtentwurf erst mal für lange Zeit noch allein dastehen bleibt.
Ja, aber es muß dazu kommen. Ich wollte nur das sagen: Machen Sie sich an die Arbeit in der gleichen Weise, wie ich mich vor fünfzig Jahren an die Arbeit gemacht habe, und habe mich dann nicht immer nur abgegrenzt: Ja, so geht es nicht mehr, so können wir nicht mehr, da muß es anders werden! usf. - und [habe] mich so als Vertreter einer jungen Generation gefühlt, sondern ich habe gesagt: «Ich will jetzt vorlegen, was ich meine, anders sagen zu müssen, als dies
Aber ist denn z. B. - jetzt muß ich einfach ein Beispiel nennen: ist denn
Ja gut, jetzt würde ich aber sagen - also, wenn Sie
Aber das muß ich mir nun verbitten, daß man mir jetzt so feierlich und freundlich, wie Sie es ja wollen, sagt: «Sie sind für uns Geschichte, aber wir sind anderswo und gehen weiter.» Da [?] sage ich: Nein, liebe Brüder, wir sind beieinander, wir gehören auch zueinander, und wir müssen fortfahren, miteinander zu reden. Sonst fällt nämlich die Kirche auseinander. Das wollen wir doch nicht. Und das wäre kläglich, [wenn] in dem Augenblick, wo die römisch-katholische Kirche in vollem Zug ist144 - die lassen sich nämlich nicht los, die Radikalen dort und die Konservativen, sondern die ringen miteinander und wissen, es geht um die Kirche als Ganzes145 … -, ich sage, es wäre beschämend, wenn nun im gleichen Augenblick der Protestantismus in «Generationen» auseinanderfallen würde. Das wäre das Gericht. Und dann hätten wir es verdient, daß wir zusammenpacken könnten mit unserer |320 ganzen Reformation, und [müßten] sagen: wir haben uns offenbar auf einem ganz falschen Weg befunden. Und das soll uns doch nicht passieren. Communio sanctorum!
Wobei man, glaube ich, das Wort von den Generationen auch ein wenig entmythologisieren müßte. Ich glaube nicht, daß [unser Problem der] Generationenunterschied ist. Ich glaube, daß es [?] hier quer durch alle Lager hindurch geht. Und wenn ich mir das Bild dieser Diskussion ansehe, der Redenden und der Zuhörenden, der Nickenden, Klopfenden oder Kopfschüttelnden, dann ist das auch ein Bild, das das aufhebt, als sei es ein reiner Generationenunterschied. Ich würde mich, wenn wir von Generationen reden, zu der Mittelgeneration rechnen, muß aber sagen, ich habe auch etliche Semester in
Ich muß aber nun doch an dieser Stelle sehr energisch den Blick auf die Uhr richten und feststellen, wir haben uns an dieser Frage - und ich glaube, mit Recht! - etwas länger aufgehalten und [haben] fest|321gestellt, wir sind mit dieser Frage keineswegs fertig. Es ist mir die wichtige Frage, ob wir noch eine der anderen Fragen - wir können keineswegs alle mehr haben - herausgreifen.
Frage 10 möchte ich sehr gerne beantwortet haben, weil ich meine, daß diese Frage aktuell sei.146 Und Bruder
Darf ich diese Zusatzfrage vorlesen.
In seinem soeben erschienenen Aufsatz: «Überlegungen zum
Und daran würde sich die andere[, vorhin genannte Frage anschließen].
Wo müßte ein Grundlagengespräch mit der katholischen Kirche ansetzen, um dem Ziel der Einheit der Kirche näher zu kommen?
Ich möchte doch mit der Frage 10 von Herrn Pfarrer Graf anfangen und dann zu der Frage von Herrn Pfarrer
Und jetzt bin ich bei der Frage von Herrn Pfarrer Unfricht. Man muß ja da vorsichtig sein. Ich bin kein Prophet, auch nicht im Blick auf die katholische Kirche. Ich meine nur zu sehen, daß da drüben etwas von dieser Konzentration auf die Identität zwischen Gottes Reich und Herrschaft und Jesus Christus im Gang ist. Vorsichtig gesagt! Ich will nichts überwerten, ich will nichts überbetonen. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß unter den vielen Stimmen, die von drüben zu uns kommen - die letzte in dieser Hinsicht wichtige war die Eröffnungsrede von Papst
Ich bin jetzt öfters in der Lage, statt in die Kirche zu gehen, mich an den Radioapparat zu setzen und Predigten zu hören. Dann höre ich gerne nacheinander eine protestantische und eine katholische Predigt.151 Und da bin ich schon oft bemüht gewesen durch den Eindruck, daß die katholische Predigt, schlicht gesagt, besser war, einfach besser, weil sie zuversichtlicher und freudiger und konzentrierter, gesammelter war, daß da faktisch weniger moralisiert wurde. Ich habe dann auch schon katholische Moralisierungs-Predigten gehört. Ich will also nicht notwendig auf diesem Vergleich bestehen.
Ich konstatiere nur: ich meine zu sehen, daß dort ein Erwachen stattgefunden hat, wo dann, im Zusammenhang damit, die Kirche, wie es doch jetzt in diesem Schema «De ecclesia» explizit geschehen ist152, auch drüben wieder ganz neu verstanden wird als das Volk Gottes. Ja, das Volk Gottes natürlich nicht unter Streichung, aber unter Zurückstellung des Begriffs der Hierarchie! Das ganze Volk Gottes - in dem die Hierarchie dann eine wichtige Rolle spielt -, aber um das geht es! Und wie oft haben wir uns gerühmt, wir seien die Kirche des wandernden Volkes Gottes! Ja, sie scheinen das jetzt auch gemerkt zu haben.
Und dann weiter, ich sehe oder meine zu sehen: eine eigentümliche Konzentration auch auf das Wort. Wir haben uns so gewöhnt, die katholische Kirche als die Sakraments-Kirche zu definieren. Ja, die Predigt und, als Voraussetzung der Predigt, die Bibellektüre, das Bibelstudium spielt in der katholischen Kirche eine wachsende Rolle. Mein guter Freund
Und sind auch dabei - das wird ja jetzt erst herauskommen am
325 «Wie beurteilt er sie im einzelnen?» Ja, es wären allerhand Einzelheiten zu nennen. Also eben, mein guter
Und nun fragen Sie weiter: «Was müßte geistlich und theologisch wesentlich in unserer Kirche geschehen?» Ja, was müßte geschehen? Ganz grundsätzlich gesagt: Einfach, es müßte auf unserer Seite halt geglaubt werden, und jetzt nicht in irgendeinem blöden orthodoxen Sinn, aber einfach geglaubt werden: daß wir ganz schlicht auf dem Boden der Psalmen und des Römerbriefs und des Johannesevangeliums eben wieder glauben. Und der Dienst, den wir alle in der evangelischen Kirche zu verrichten haben, muß auf das zielen -, daß wir nicht etwa plötzlich überholt werden von den anderen und daß es dann heißt: «Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein» [vgl.
326 Und nun würde ich im einzelnen sagen: Was es brauchte in unsrer Kirche? Ich kann es auf ein paar Punkte bringen, immer von dem Zentralbegriff des Glaubens aus, wenn Sie wollen. Ich würde sagen, ein Mündigwerden, ein Mündigwerden der Kirche in ihrem Verhältnis zum Staat, zur Gesellschaft, zur Wissenschaft, zur Philosophie - daß die Christen und die Christenheit es wagt, sich im Glauben auf ihre eigenen Füße zu stellen! daß die protestantische Kirche (die ja schon vom 16. Jahrhundert an darunter gelitten hat, daß sie Staats-Kirche, Volks-Kirche, Landes-Kirche war - was hat das für Folgen gehabt!) …, daß sie aus dieser Abhängigkeit herauskäme! Daß die Kirche nicht die Kirche einer bestimmten Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht ist! Eine Entbürgerlichung der evangelischen Kirche! Und dann also ein Mündigwerden - ja, eben solchen mythischen Gestalten wie dem modernen Menschen, dem sogenannten, gegenüber! Daß man in aller Ruhe sagt: Wie die alte Kirche [gegenüber] den Menschen der alten Zeit, so haben wir als die neue oder moderne Kirche dem modernen Menschen gegenüber unsere eigene bestimmte Sache zu vertreten, und [zwar] mutig und kindlich und fröhlich zu vertreten! Das müßte anders werden bei uns.
Und dann im Zusammenhang damit - das ist nun nicht in Richtung der katholischen Bewegung, oder es ist eine eigentümliche Kompensation dazu -, was wir brauchen, ist eine energische (nicht Entmythologisierung, aber) Entsakramentalisierung der Kirche. Wir stecken doch immer noch bis über die Ohren - heute morgen sprachen wir davon - in diesem Amtsbegriff drin. Merkwürdigerweise nun gerade die protestantische Kirche figuriert in der Gesellschaft als die Kirche, welche Taufe und Konfirmation und Trauung und Beerdigung usf. veranstaltet.
Ja, und jetzt komme ich auf meinen Spezialpunkt: Wenn es bei uns nicht einen Ruck gibt, aber einen energischen, zu einer besseren Beantwortung der Tauffrage, wenn das weitergeht mit diesem Säuglingstaufen bei uns, dann ist mir auch angst, ob wir unsere Position werden halten können. Das müßte anders werden! Jetzt komme ich auf unsere Diskussion von vorher zurück. Ich habe noch nie gehört, daß [in] dem sogenannten
Ja, und nun würde ich schon sagen, wenn Sie das alles zusammennehmen: Das würde dann auf unserer Seite eine «Grundlagenkrisis» sein, mit der aber eigentlich ja niemand rechnet, daß das im Ernst kommen könnte, dieses Mündigwerden und diese Entsakramentalisierung und dieses Leben aus dem Glauben. Das ist für uns so ein Eschaton geworden, daß man sagt: Ja, das wäre ja wunderschön …, aber! Daß das erwachte als eine Bewegung in unserer Kirche drin, das würde eine Grundlagenkrisis geben. Stellen Sie sich einmal vor: eine protestantische Kirche ohne die Kindertaufe! Das würde «Grundlagenkrisis» in jedem Sinn geben. Und man weiß darum ganz gut, [warum] man von der äußersten Rechten in unserer Kirche bis zur äußersten Linken hin dort ganz fest ist. Ich glaube, da würde sogar der
Und das kommt von dieser Unmündigkeit der Kirche in der Gesellschaft drin, in die sie sich, ja, seit 313 - das ist eine von den Fragen, die wir jetzt übergehen164 - hineinbegeben hat. Das schlimme Resultat von 313 war die schleichende Säkularisierung der Kirche, die dort angefangen hat, indem die Kirche es sich gefallen ließ, nun in einem sozusagen christianisierten Staat existieren zu wollen. Also, das wäre meine Antwort wegen der Grundlagenkrisis.
Wobei ich beanstanden muß, Herr Pfarrer
… 167 Es hat sich so ergeben, daß nicht auf alle Fragen eine Antwort gegeben wurde. Das war bei der Fülle der Fragen wahrscheinlich auch von vornherein kaum so zu erwarten, wenn wir uns nicht mit irgendwelchen Patentantworten zufrieden geben, sondern den Dingen etwas nachgehen [?] wollten. Ich möchte aber am Ende dieses Zusammenseins mit Herrn Professor
Ich bin sehr dankbar für das, was wir heute gehört haben. Ich muß gestehen, daß ich auch dankbar bin für das Gespräch an dieser einen Frage, die uns ein wenig erregt hat: daß diese Dinge hier auf den Tisch des Hauses kamen - bis hin in Formulierungen, die scharf und fast trennend klangen. Ich glaube, daß wir nichts Wichtigeres zu tun haben, als daß wir solche Dinge vor uns aussprechen [?], [so] daß wir wissen, woran wir sind und woran wir zu arbeiten haben. Ich glaube, daß wir bei den nächsten Konferenzen sehr viel stärker, als wir das zuletzt getan haben, uns einmal um Exegese bemühen werden. Wahrscheinlich wird es dann geschehen [?], daß wir uns an manchem ein Stück auseinanderreden; aber sicher wird es auch geschehen, daß solche Texte etwas von ihrer eigenen Kraft erweisen, von der Kraft, die |330 dem Text innewohnt und die durch Gottes Geist unter uns lebendig werden darf.
Ich möchte Ihnen, Herr Professor, sehr herzlich danken, daß Sie diesen Tag über [bei uns waren]. Ich möchte Ihnen vor allem auch dafür danken - und davon hätte ich mir gern ein paar Scheiben abgeschnitten -, wie Sie unsere Fragen, unsere Angriffe aufgenommen und beantwortet haben. Ich möchte mir von Gott einen Schuß dieser Heiterkeit, dieser Würde (ich darf das mal so sagen) und auch dieser Gelassenheit erbitten. Ich glaube, daß wir sie alle miteinander gut vertragen könnten und daß sie uns im Gespräch eine Menge helfen können, wenn wir manche Dinge, die uns selbst todernst erscheinen und die uns - um das Wort zu gebrauchen - «Not» machen, so sehen, daß wir merken: Auf der anderen Seite gibt es Brüder, die das anders sehen, darüber getrost und fröhlich sind und auch in dieser gelassenen Art versuchen, darauf zu antworten. Es gehört vielleicht zu den besonderen Geschenken Gottes, die man sich erbitten, um die man auch ringen, an denen man arbeiten kann: daß man so hören, so miteinander reden und so auch den anderen in heiterer Weise (wobei ich das Wort Heiterkeit ganz ernst zu nehmen bitte) … 168 [annehmen kann].
Ist die Entscheidung von 313169 im Bezug auf das Verhältnis Kirche - Staat revidierbar? Ist eine Revision |331 überhaupt nötig? Ist nicht die Situation durch die Säkularisierung wie von selbst revidiert, so daß die Gemeinde dem Neuen Testament «näher» lebt als bisher?
1. Christianisierung des Staates schloß Säkularisation der Kirche schon in sich.
2. J[esus] C[hristus] ist Herr auch des Staates. Kirche J[esu] C[hristi] ist Kirche für die Welt.
3. 313: Experiment in dieser Richtung, aber in gefährlich[er] Antizipation des Eschaton.
4. Gefährlichkeit (für köst[liche] Perle [
5. Neuer Ansatz heute? Nicht 2 Reiche, aber beiderseitige und gegenseitige Anerkennung ihr[er] verschiedenen Funktion von K[irche] u[nd] St[aat] in dem einen [,] beiden überlege[nen] Reich J[esu] C[hristi].
6. Staat: Schutz von Fried[e] , Recht, Freiheit.
Kirche: Bezeugung d[er] Verheißung u[nd] d[es] Anspruchs J[esu] C[hristi] in ihrem eigenen und im Bereich d[es] Staates.
7. Im Eschaton Offenbarung der Identität beid[er] Aufgab[en].
Frage 9 (von Pfr.
Rückfrage berechtigt, kann zur Ablehnung des Krieges überhaupt (kein bellum iustum) führen. 3. Reich Ende der Superiorität des Christentum[s] (
Frage 11 (von Pfr.
Pfarrer ist in der Totalität s[einer] Existenz zum Zeugen berufen. Vgl. Frage 4!171
Welcher Zusammenhang besteht zwischen der «Freude am Herrn» [
Aber: Freude am Herrn
ist bestimmt als Freude des ganzen Menschen (nicht Flucht in die Leiblichkeit!),
ist charakterisiert als durchhaltend auch (und gerade) in Leid (nicht «Last»),
ist begrenzt durch Sympathie u[nd] Verantwortlichkeit gegenüb[er] dem Leid des Mitmenschen u[nd] d[er] Welt.
Wer so tanzt, der tanzt wohl!
In Ihrem Buch «Einführung in die Evangelische Theologie»[, Zürich 1962,] S. 136
Im 18. J[ahr]h[undert] blutiger Ernst. Heute (in Welt u[nd] Kirche) eher ein Kokettieren.
Ich las von einem Gespräch, das Sie mit dem Evangelisten
a) durch vertiefte bibl[ische] Erkenntnis.
b) durch Bewährung in konkret[em] Dienst in d[er] Sammlung, Auferbauung, Sendung d[er] Gemeinde.