Interview von Georges Casalis (III)
INTERVIEW VON GEORGES CASALIS (III)
Zwei Tage nach dem Gespräch mit den Rheinischen Jugendpfarrern (Nr. 21), am 6.11.1963, fuhr
Interview von Georges Casalis (III)
Es ist einige Monate her,
Ich bin glücklich, zum dritten Mal hier zu sein. Und [nun] geben Sie sich Rechenschaft über die sonderbare Frage, die Sie mir jetzt stellen? Die Fragen sind schwer genug. Ich will mein Bestes tun. Sie haben mich eben gebeten, etwas zu sagen über das Ziel bei diesem Marsch des Gottesvolkes durch die Zeit, durch die Geschichte, durch die Welt. Was ist das Ziel? Ich will geradeheraus sagen: Es handelt sich um ein Ziel, das nicht verwirklicht werden wird durch Ideen, noch durch die Bemühungen der Christenheit. Sondern die Christenheit hofft auf ein entscheidendes, definitives, abschließendes Geschehen von seiten Gottes selber her. Und das erwarten wir, wenn wir beten: «Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie in den Himmeln» [
Aber warum sind die heutigen Fragen denn schwierig? Und warum haben Sie in unserem ersten Gespräch gesagt, daß die Theologie ein gefährliches Abenteuer ist?4
Weil die Theologie, so notwendig sie auch ist, so wichtig ihre Aufgabe in der Kirche ist, ein menschliches Unternehmen ist. Und alle menschlichen Unternehmungen im Blick auf die Sache Gottes sind in Gefahr, das verwirklichen zu wollen, was nur von Gott verwirklicht werden kann: göttliche Gedanken oder angeblich göttliche Gebote. Sobald die Theologie diesem Irrtum verfällt, Gott durch ihre eigenen Gedanken zu ersetzen, tritt Gefahr ein - nicht nur für sie, sondern für die Kirche und in der Konsequenz auch für die Welt.
Ja, und genau bei diesem letzten Punkt wäre es der Mühe wert, jetzt einen Augenblick stehenzubleiben. Sie haben uns beim letzten Mal gesagt, woran ich vorhin erinnert habe, daß die Kirche durch die Wüste der Geschichte wandert. Diese Wüste ist ein Bild, denn die Wüste der Geschichte ist ja recht bevölkert, und wir sind schließlich als Christen mit allen Menschen zusammen. Was bedeutet das für die anderen, daß wir diese Hoffnung und Erwartung in uns haben?
Es geht um eine Erwartung und Hoffnung, die nicht bloß den Christen gegeben ist, sondern der ganzen Welt. Die Christen sind von anderen nur darin verschieden, daß sie etwas wissen, das die anderen noch nicht wissen oder noch nicht deutlich wissen. Die Christen wissen es, und die Aufgabe der Christen, der Kirche, wenn Sie so wollen, gegenüber Gott ist die, Zeugnis zu geben, was ihnen gesagt ist von Gott selbst, was sie wissen können und sollen, indem sie in dieser Beziehung Herolde sind, Herolde Gottes in der Welt.
Ja, Boten Gottes in der Welt.
Boten, wenn Sie so wollen …
Ja, genau. Und wenn wir an die Ereignisse der Weltgeschichte denken … Wir werden in einem Jahr - wir werden gleich davon reden - zugleich den 400. Jahrestag von
Zeugnis geben in dem Sinn, den ich zu zeigen versucht habe, wird immer ein Abenteuer sein. Calvins Leben und Werk, das 1564 mit seinem Tod endete5, waren gewiß ein Abenteuer. Es war eine andere Zeit. Er war den Problemen seiner Zeit begegnet, die gefährlich war, als die Welt sich wandelte vom Mittelalter zur Neuzeit. Nun, er tat sein Bestes, und das war ein Abenteuer, weil er selbst schließlich nur seine Bibel hatte und dann sein Verständnis der Bibel. Und er hat versucht, den rechten Weg diesem Genfer Volk und dann
Das Ihnen übrigens teuer zu stehen gekommen ist, weil Sie dafür mit einer Menge Ärger bezahlen mußten; und schließlich wurden Sie aufgrund dessen aus
Ja, das war nicht so schlimm, für meine Person. Ich war Schweizer und konnte Deutschland verlassen. Man hat mich gehen lassen. Ich war nicht in einem Konzentrationslager. Ich war nicht ernstlich ein Märtyrer. Ich denke nicht daran, wenn ich von Abenteuer rede. Ich denke an das geistliche Abenteuer, die Dinge zu sagen, die wir in diesen Thesen sagten: über das einzige Fundament der Kirche, das Jesus Christus selbst ist, wie er bezeugt ist durch die heilige Schrift.9 Nun, 400 Jahre nach der Reformation diese Wahrheit zu wie|338derholen, das war ein Abenteuer. Das Risiko eines möglichen Zusammenstoßes mit der
Schließlich handelt es sich, wie Sie uns sagten10, in allen Epochen der Kirchengeschichte und der Weltgeschichte, die ein und dieselbe Geschichte sind, darum, zu erfahren zu suchen, was Weihnachten für das Heute bedeutet: die Gegenwart Gottes, die Gegenwart Christi in der Geschichte der Menschen.
Im Grunde genommen ist das Evangelium eine ganz einfache Sache. Das Evangelium ist kein System dieser oder jener Wahrheit, keine Theorie über das Leben in Zeit und Ewigkeit, keine Metaphysik oder dergleichen, sondern schlicht die Anzeige, daß Gott die Welt gesegnet hat: diese arme Welt, in der wir leben, mit all ihren Schwierigkeiten, mit all ihrem Elend, mit diesem ganzen Ozean von Tod. Aber in dieser Welt wagen wir zu leben im Wissen, daß Gott uns liebt, aber nicht bloß uns Christen, die, welche glauben, daß Gott die ganze Welt liebt [vgl.
Als wir Ihre Studenten in
Oh, das [findet heute] nicht in der von Ihnen erwähnten Weise [statt]. Aber [der Sache nach] ist das einfach notwendig. Ein junger Mensch kann nicht einfach Theologie studieren und dabei in die Wolken blicken. Sondern man muß in das Leben blicken, wie es ist. Eben, z. B. in die Zeitung! Und also: hier die Bibel, hier die Zeitung - das geht notwendig miteinander her. Nicht die Zeitung ohne die Bibel lesen, aber auch nicht die Bibel ohne die Zeitung lesen. Das Kino [gehört] vielleicht auch [dazu], die ganze Wirklichkeit, wie sie ist!
Das ist sehr wichtig, weil ich meine, daß das für eine Menge von uns eine Präzisierung war, eine Beleuchtung, an der es uns fehlt. - Ich möchte Ihnen noch eine andere Frage stellen - wohl leider bald die letzte. Alles in allem war die Theologische
Ja, was uns Christen angeht, nicht wahr, sind wir nicht bloß Neinsager. Man könnte auch sagen: Was uns Christen angeht, da sind wir nur Jasager. Es gibt ein Ja Gottes, das ein Nein in sich schließt, und also muß dieses nicht ausdrücklich gesagt werden. Andererseits gibt es zweifellos ein Nein Gottes, was die Bibel das Gericht Gottes |340 nennt. Aber es ist das Gericht seiner Gnade, und also ist in diesem Nein ein Ja eingeschlossen. Und das große Problem für die Predigt, auch für die Unterweisung der Kirche ist, [daß es darum geht,] immer strikt so wie die Bibel zu sprechen: dieses Ja anzuzeigen, das das Nein einschließt, und dieses Nein, das das Ja einschließt.
Und jetzt der Vertrag von
Der Vertrag von Moskau? Hoffen wir! Ich glaube, daß die Leute in dieser ihrer Geste Vernunft bewiesen haben. Ich sage auch Ja zu dieser Geschichte. Offensichtlich geht es da um relative Jaworte und Neinworte. Man kann sie nicht im Namen Gottes sprechen, selbst in
Anders gesagt, hoffen und warten auf diesen Akt Gottes, der alles vollenden wird, wovon wir zu Beginn gesprochen haben, das heißt auch, in der Geschichte dieser Welt, außerhalb dessen, was wir Kirche nennen, die Zeichen der Hoffnung zu erkennen, die positiven Ereignisse, ohne zu zögern, daran teilzunehmen, sie zu unterstützen, sie vorzubereiten.
Sicher, was Sie sagen wollen, ist identisch mit jenem praktischen, realistischen Leben des Christen in der Welt. Er befindet sich gewiß in Gefahren und auch gewissen Hoffnungen gegenüber, und es ist an ihm, sich da zu Wort zu melden. Recht verstanden, bemüht er sich darum, nicht den Propheten zu spielen. Ich denke nicht, daß die Leute von Rochester als Propheten geredet haben. Aber richtig ist, daß es immer notwendig sein wird, derlei Dinge zu sagen.
Ich danke Ihnen vielmals, weil ich meine, daß Sie uns helfen, eben solche Art von Erklärung ganz ernst zu nehmen - nicht nur diese Art von Erklärung, sondern - in einer mehr allgemeinen Weise - das Ganze unserer christlichen Verantwortung angesichts der Welt, in der wir sind, mit all den Menschen, auf dem Weg zum kommenden Reich. Und ich möchte Ihnen vielmals danken für die Gespräche, die wir nun hatten. Ich denke, sehen Sie, daß das nicht ganz zufällig ist, wenn am vergangenen 7. November die Faculté des Lettres der