16. November 1963

Fragebeantwortung im «Sonnenhof»

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FRAGEBEANTWORTUNG IM «SONNENHOF»

Der Sonnenhof bei Gelterkinden im Baselland ist eine mit Taizé verbundene evangelische Ordensgemeinschaft von Frauen. Diese führte vom 16.-18.11.1963, in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Frauenhilfe in Deutschland, eine Konferenz über das Thema «Engagement der Frau in der Kirche» durch. Am ersten Tag der Konferenz war Barth zu einer Fragebeantwortung im Sonnenhof, über deren Thematik er sich in seinem Kalender notierte: «betr. communauté und Frau in der Kirche». Als Dokument davon ist nichts bekannt außer den handschriftlichen Notizen Barths für seine Antworten auf dem Rand der zwei Zettel, auf denen ihm zuvor schriftlich Fragen eingereicht worden waren. Dieses Dokument befindet sich im Karl Barth-Archiv, Basel. Die häufigen Einfügungen in eckigen Klammern gerade bei diesem Gespräch suchen Barths Notizen verständlicher zu machen.

Fragebeantwortung im Sonnenhof

Frage:

Wieweit kann der Mensch als ein Gott Antwort Gebender, als sein Partner und damit als «Subjekt» im Geschehen der Rechtfertigung, seine persönliche Antwort aus eigener Initiative, frei und phantasievoll geben? Liegt im Zusammenhang der Rechtfertigungslehre die evangelische theologische Begründung für jedes Engagement? Kann es in diesem Zusammenhang eine evangelische «Theologie des Opfers des Christen» geben, der die Aussagen über das Engagement zuzuordnen wären (vgl. etwa Römer 12,1)?

Barth:
  • Wort vom Bunde = Verheißung d[er] Vergebung
  • Freispruch z[um] Dienst
  • Aufruf z[um] Zeugnis (Verantwortung)
  • Alles [unter]scheiden1
  • [Unser Tun darf sein und kann nicht mehr sein als] Entsprechung zu [dem] Werk J[esu] C[hristi].
  • In welcher Besonderheit [gestaltet sich dann im einzelnen unser Tun in Entsprechung zum Werk Christi]?
343Bemerkung:

Wir verstehen unter Engagement die Gott gehorsame Bindung in eine Gemeinschaft hinein: Kommunität, Drittorden u.ä. Diese Bindung ist gekennzeichnet durch das gemeinsame Ausgerichtetsein zu Gott hin und die Beziehung untereinander. Ein solches Engagement kann nur vollzogen werden als Antwort auf einen Ruf Gottes.

Barth:

Engagement [heißt grundlegend einfach]: ein Christ werden! Taufe [ist für jeden Christ der Beginn solchen Engagements, wenn sie biblisch verstanden wird als Antwort auf Gottes Ruf]. [Engagement ist nicht nur Einbindung in eine besondere Gemeinschaft, sondern zunächst in die] Gemeinde - [in ihr gibt es dann freilich] bes[ondere] Gaben - [eine Kommunität z. B., aber] auch «weltl[iche]» Gemeinschaft [kann ein Raum sein, um solche Gaben zu entfalten].

Frage:

Liegt dann auch in der Rechtfertigungslehre der theologische Ansatzpunkt für eine Aussage über das Ablegen von Gelübden als einem Ausdruck des Engagements? Gelübde also verstanden als ein Zeichen der dem Menschen geschenkten Freiheit der Antwort?

Barth:

In diesem [eben genannten] Zusammenhang [des «Wortes vom Bunde» und des «Engagements» hat nun Ihr besonderes Anliegen seinen Sinn und sein Recht:] Kommunität, 3 Ord[ens-]Gelübde [Armut, Keuschheit, Gehorsam]. [Kann der Sinn solcher Kommunitäten ein anderer sein als der, daß sie das sind:] Exemplarische ecclesiola in ecclesia2? (im Unterschied zu spezieller Gabe und Berufung).

Frage:

Wenn ein evangelischer Orden sich zum Ablegen von Gelübden entschließt, so muß die Voraussetzung sein, daß das so gewählte Engagement ein Ausdruck evangelischer Freiheit ist. Woher kommt es, daß diese Gelübde im allgemeinen dieselben, nämlich die drei «klassischen» Inhalte haben: Armut, Keuschheit, Gehorsam? Ist gerade in diesen drei «Grundhaltungen» das Entscheidende des Engagements zusammengefaßt?

Barth:

Warum nicht positiv: besondere (gewisse [Grund]haltungen3 nach sich ziehende) Gestalten der Liebe?

344Frage:

Wo liegt der theologische Ansatzpunkt für evangelische Aussagen über die monastische Armut?

Barth:

Die Erde ist des Herrn … [Ps. 24,1]

Frage:

[a)] Wie muß sich die Kirche ihren Gliedern gegenüber verhalten, die in einem Engagement leben? Wie könnte konkret eine «Beteiligung» der Kirche aussehen? [b)] Wie müssen sich die Orden der Kirche gegenüber verhalten? Verhältnis zur Ortsgemeinde?

Barth:
  • a) dankbares Lernen [?]
  • b) exemplarisch sein!
Frage:

Was erachten Sie als verpflichtenden Auftrag von Mutterhausdiakonissen innerhalb der Kirche, so daß auch Diakonissen nicht nur im Kreis ihres Mutterhauses sich engagiert wissen dürfen?

Barth:

Öffnung des Kreises zur Welt hin.

Frage:

Es ergeben sich immer wieder Schwierigkeiten für die beruflich arbeitende Frau, auch in der Kirche, daß ihre andere Arbeitsweise vom Mann als eine gleichwertige anerkannt wird. Was ist von einer Kirchenordnung (im biblischen Sinn) zu sagen, daß die Kirche bereit wird, der Frau innerhalb ihres Arbeitsbereiches eine volle Verantwortung offiziell zuzuerkennen. Inoffiziell haben viele sie von Gott zuerkannt bekommen. Bei der Ausübung entsteht dann die Schwierigkeit, daß sie ihnen offiziell nicht zuerkannt wird.

Barth:

andere [Arbeitsweise]? «gleichwertig»? [Wie verhalten sich die beiden Worte zueinander? Und was heißt:] «Offiziell» [sei ihre Verantwortung anzuerkennen]? [Es kommt alles auf den] Beweis d[es] Geistes … [und der Kraft4 an, daß man solche volle Verantwortung wahrnimmt] - dann [wird sie sich geltend machen, ob] off[iziell] oder inoffiz[iell ausgeübt].

Frage:

Welche Möglichkeiten sieht die Kirche für ein Engagement der beruflich im säkularen Leben tätigen verheirateten und unverheirateten Frauen (Laien) ?

Barth:

[Die sogenannten] «Laien» [sind wie die Amtsträger Glieder des Gottesvolks].

Sachfußnoten

1
Wort teilweise durch Lochung unleserlich.↩
2
Vgl. Ph. J. Spener, Theologische Bedencken Und andere Brieffliche Antworten auf geistliche, sonderlich zur erbauung gerichtete materien, Teil 3, Halle 1715, S. 132 📖. Der Ausdruck bezeichnet die Kerngemeinde der Gläubigen innerhalb der Volkskirche.↩
3
Wort teilweise durch Lochung unleserlich.↩
4
Vgl. oben S. 294­, Anm. 107, und S. 239­, Anm. 6.↩